Tobi Prel

Monkey boy

“Du willst wissen von Monkey Boy?” Der tiefdunkel-häutige Stammeskrieger sah rüber zu seinem Freund, dann begann er herzhaft zu lachen. “Dann will ich dir erzählen die Legende vom Affen Jungen!” Der kräftige Mann griff nach seinem Speer und umklammerte ihn fest, dann stieg er von dem Felsen herunter und setzte sich neben die interessierte Person mit dem großen weißen Hut.“Der Affen Junge, Moakes Jundo, wie er in unserem Stamm genannt wurde, war ein großer Krieger. Jeder hier kennt seine Geschichte.” Ein Tuscheln raunte durch die Reihen der anderen Stammesmitglieder, die sich nun langsam, um das Geschehen versammelten. “Moakes war schon von Geburt an ein Sonderling. Als Sohn einer Sklavin, die zur Strafe dafür, dass sie vom König Urus Obst gestohlen und zerstört hatte, in einen Schimpansen Käfig gesperrt und sämtlicher Kleider beraubt wurde, begann sein Leben so mie, wie man es sich nur vorstellen kann.” Die Zuhörer lauschten gespannt. “Seine einzige Möglichkeit sich zu beweisen und Respekt zu erlangen, lag darin sich gegen die anderen Affen im Kampf zu behaupten. Das ist es was diese Ungetüme sich gegenseitig beibringen.” Skepsis machte sich in den Augenbrauen der lauschenden Person mit dem großen weißen Hut bemerkbar. “Seine Mutter brachte ihm die menschliche Sprache bei und ihren Glauben, sodass sie ihre Einsamkeit mit ihm teilen konnte. Doch dann starb seine Mutter an den Folgen der Gefangenschaft und Moakes nutze seine Fähigkeiten, um die Wachen des Königs auf sich aufmerksam zu machen. Er wollte Rache. Durch seinen Kampfeswillen, seine Fähigkeit zu sprechen und sein wildes Äußeres schaffte er es schließlich den Anführer der Krieger zu beeindrucken, sodass er in die Reihen seiner Truppe aufgenommen wurde. Er war nie wirklich einer von Ihnen, wie sollte er auch, halb Mensch, halb Affe, ganz Missgeburt. Nachts hörte er seine Gefährten über ihn sprechen, es waren nur Worte des Hasses, nie des Respekts und viele sehr dreckige, widerwärtige Dinge über seine Mutter und den König. Moakes wartete viele Nächte, doch irgendwann war es genug, er beschloss sie alle zu töten, aus Hass. Er besiegte jeden Einzelnen von Ihnen im Kampf und wurde somit der größte Krieger des Stammes. So traf er schließlich auch den König, Urus. Aus Rache biss er dem Despoten ein Ohr ab, dann die Nase und brach ihm beide Beine. Dann ging Moakes und ließ Urus zum Sterben in seinem Thronsaal zurück. Die Leibgarde des Königs war so entsetzt, über diese Brutalität, dass sie ihre Speere weg warfen und flohen. Moakes verschwand und war nie wieder gesehen. Niemand kann sagen wohin, doch manchmal dringen Gerüchte bis ins Dorf vor, dass er im Osten an der Küste gesehen wurde. Dort betet man Moakes an, lauscht jedem seiner Worte und malt sein Gesicht groß auf Wände und kleine bunte Schachteln, heißt es, damit jeder ein Stück von ihm bei sich tragen kann.” Die fremde Person mit dem großen weißen Hut bedankte sich und warf den Kriegern ein paar Münzen hin, dann verließ sie das Dorf in Richtung Osten.

“Monkey Boy? Hej Jimmy, kennst du noch Monkey Boy?” Der Barkeeper trocknete das letzte Glas ab und warf sich anschließend gekonnt mit einem schüttelnden Lachen das Handtuch über die Schulter. Dann stützte er sich am Tresen ab und begann zu erzählen. ”Monkey Boy war ein außergewöhnlicher und echt abgefahrener Typ, einer der ganz Großen. Wenn du weißt was ich meine?" Der Barkeeper ging zum Regal, nahm eine Flasche Whisky und zwei Gläser heraus, dann schenkte er sich und der neugierigen Person mit dem großen weißen Hut ein. Sie legte ihre Kopfbedeckung ab und trank mit einer dankenden Geste den Alkohol. “Wusstest du, dass er hier in meiner Bar angefangen hat? Ja genau, hier hatte er seine ersten Auftritte und hier wurde er auch entdeckt.” Der Barkeeper war sichtlich stolz. “Niemand weiß so richtig wo er herkam, er sprach ja nie viel, aber seine Performance auf der Bühne und sein Gesang. Man ... so etwas habe ich weder vorher noch nachher gesehen. Er konnte brüllen und tanzte als wäre er richtig süchtig danach." Der Barkeeper holte ein Plakat und eine Zigarettenschachtel aus dem Hinterzimmer, auf dem jeweils eine Zeichnung eines stark behaarten Mannes der in Elvis ähnlicher Pose mit gespreizten Beinen und dichten Koteletten im Gesicht an einem Mikrofonständer hing. Hinter ihm war eine Band abgebildet. "Hier die Schachtel können sie behalten, davon habe ich noch einige im Lager liegen. Die sind noch von seiner letzten Promo übrig."     Der Abend wurde spät und die Getränke leerten sich schnell. “An einen Auftritt erinnere ich mich noch ganz genau. An diesem Abend war ein Mädchen hier und Monkey Boy, wie er genannt wurde, sprach die halbe Nacht mit ihr, bis sie dann schließlich gemeinsam verschwanden. Ja, ich weiß es noch ganz genau, er schien sie zu mögen und es war das einzige Mal, dass ich ihn mit einer Frau weggehen sah. Wie war noch ihr Name? Sa … Sandr ... Sindr … Jimmy du weißt doch so etwas immer" "Sundra, hieß sie, die Näherin!" "Ja genau Sundra. Das war ihr Name, sie wohnt hier in der Gegend. Nettes Mädchen. Manchmal lasse ich einige meiner Hosen bei ihr im Laden nähen. Monkey Boy schien wirklich etwas für sie übrig zu haben. Doch an seinen letzten Abenden hier, kam er meist wieder alleine in die Bar und … wirkte sehr niedergeschlagen. Das war auch so um den Dreh als ihm der Durchbruch gelang. Bei einem seiner Auftritte war nämlich eine Plattenfirma hier, so ein schleimiger ekliger Typ, Poulio … hieß er glaube ich und bat ihm nach seinem Konzert einen Vertrag an. Das muss man sich einmal vorstellen, hier in meiner Bar! Er saß dort, wo du jetzt sitzt.” Die Nacht war schon fast vorüber, doch der Barkeeper sprach gerne und ausschweifend mit der neugierigen Person über diese Geschichte. “Monkey Boy kam letztlich nur noch selten in die Bar. Er wollte ganz groß durchstarten und dafür war unser Etablissement ihm irgendwann natürlich zu klein, ist ja klar ... Vielleicht war es auch nur der Schmerz, den er hier mit seiner Verflossenen verband, aber da spricht wohl auch nur der Whisky aus mir. Dafür war er umso mehr im Radio präsent und später auf den Plakaten als Maskottchen dieser Zigarettenfirma. Die sind hier überall in der Stadt angebracht gewesen. Doch dann, irgendwann war er plötzlich fort, wie verschwunden … Man, ich wüsste gern was aus ihm geworden ist. Er war ein guter Junge und ich mochte seinen Sound, der war affengeil, auch wenn er ein irgendwie sonderbarer Typ war, er schien etwas Schweres im Herzen zu tragen. Hm ... Jimmy, wie hieß noch die Richtung die er machte … Du weißt schon die Musikart oder wie man das nennt? An der West-Küste spielen sie das Zeug doch nur noch.” “Die heißt, ... irgendwas mit Rock glaub ich, kann ich jetzt Schluss machen? Ich will nach Hause.” “Ah ja danke Jimmy! Ist gut wir machen gleich dicht.” Der Barkeeper wandte sich wieder der Person mit dem großen weißen Hut zu. “Nun ja, aber das ist eine Ewigkeit her.”

“Monkey Boy?”, die blonde Frau nahm einen kräftigen Zug ihrer Zigarette, eine skeptische Falte durchzog ihre Stirn. Dann musterte sie die Person mit dem großen weißen Hut kritisch. “Ich hasse diesen Namen. Jeder nannte ihn so, weil jeder dachte, dass er ihn kannte.” Sie aschte in den Kaffeebecher, der vor ihr auf dem Tisch in der Ecke des kleinen rustikalen Nähladens stand und achtete so nachdenklich, wie penibel darauf, dass das verbrannte Papier ihrer Kippe auch wirklich darin landete. Dann widmete sie sich wieder der Person mit dem großen weißen Hut zu. “Sein Name war Moa”, ihren Blick durchfloß plötzlich ein Lächeln, “Moa war … Jemand besonderes.” Ihre Augen strahlten voller Freude. “Keine Ahnung was Sie schon über ihn gehört haben oder vielleicht noch hören werden, aber Moa, mein Moa ... war ein edler Mann und ein gottesfürchtiger. Er stammte von einer Adelsfamilie aus dem Inland ab. Einheimische die sich damals mit den Europäern geeinigt hatten. Seine Mutter hatte eine Ehe mit einem jungen Kolonialisten eingegangen, um den Besitz ihrer Familie auch in Zukunft sichern zu können.” “Moa war ein Prinz, fast wie aus einem Märchen und genauso charmant. Aus der Familie der Jundores. Doch seiner Familie ging es ... schlecht. Nachdem die Europäer das Land seiner Vorfahren und die Bodenschätze seiner Region ausgebeutet hatten, überließen sie die Jundores sich selbst und zogen so schnell, wie sie gekommen waren in das nächste Land, um es auszubeuten.” Die Näherin aschte wieder ab. “Daher musste Moa als Erbfolger aufbrechen und nach neuen Handelsverbündeten suchen. Ihm gefiel diese Aufgabe nicht, Gott er beklagte sich oft darüber, als er bei mir lag, doch er tat es aus Pflicht und Ehrgefühl gegenüber seiner Familie. Erst suchte er bei den einheimischen Stämmen nach potenziellen Partnern, doch als ihn dies nicht voran brachte, entschloss er sich in die großen, weit entfernten Städte im Osten aufzubrechen. Zum Glück, denn dort begegnete ich ihm. Er war die Liebe meines Lebens." Tränen liefen bildeten sich in ihren Augen und liefen schon bald über ihre Wangen. "Ich traf ihn in einer Bar, er hatte diese aggressive unverfrorene Ausstrahlung. Er sang in einer Band mit einer unglaublich animalischen Stimme und eines Abends sprach er mich an und wir kamen uns schließlich näher. Er war so charismatisch und wild, aber auch von tiefer Traurigkeit und Unzufriedenheit durchzogen.” Ihre Stimme wurde dünner. “Er hatte diese … Vorliebe für … gewisse Rauschmittel, die ihn oft fast verrückt werden ließ und die an ihm nagte. Er sagte immer, dass er das brauchte um seine Träume klarer zu sehen und die Ideen daraus dann in seine Texte fließen zu lassen. Was er von seinen 'Reisen' an diesen Ort berichtete war so romantisch und so inspirierend, jedenfalls eine Zeit lang, denn sein Körper litt jedes Mal sehr darunter, es war schwer mit an zu sehen. Meist hatte er es unter Kontrolle, bis … bis er irgendwann verschwand. Ich denke, das war der Grund." Sundra schluchzte. "Wir hatten uns nur einmal deswegen gestritten, dieses eine Mal bei einem seiner größeren Auftritte." Sie zog noch einmal kräftig an ihrer Zigarette. "Doch es passte zu ihm, das er genauso verschwand, wie … im Märchen. So war er eben, wild und unverfroren, auch wenn er mir nicht einmal mitteilte, wohin er ging oder warum er mich verließ, ich bin nicht zornig auf ihn. Er war eben ein Prinz und ich nur eine einfache Näherin. Es konnte nicht für immer sein.”  

"Ja die Plakate habe ich gemacht, die von … Monkey Boy. Einfallsreich ich weiß, es war ein Auftrag für die Zigarettenfirma, du weißt schon Monkey Zigaretten und sie wollten ein einprägsames Maskottchen, daher ist Monkey Boy als Name doch irgendwie naheliegend gewesen. Poulio gefiel er damals sehr. Und hey, Einfachheit verkauft sich eben meist am besten, weil es jeder versteht." Ein breites Grinsen durchzog das Gesicht des Plakatieres. Er setzte seine Rolle kurz ab, um sie erneut in den Klebeeimer zu tauchen. Dann strich er mehrfach über die Plakatwand. "Sein … Agent, Poulio, das war ein schmieriger Typ, dass sag ich dir. Der konnte dir alles einreden wenn er wollte. Als selbständiger Werbefachmann hatte ich schon öfter mit ihm zu tun. Aber Monkey Boy, der ist ihm ganz schön auf den Leim gegangen." Der Plakatierer setzte erneut die Rolle ab, damit diese abtropfen konnte. Dann wandte er sich vollständig der Person mit dem großen weißen Hut zu und setzte sich an den Rand seines Gerüsts. "Klar sicher dachte Monkey Boy er hätte anfangs einen richtig guten Deal gemacht. Ich meine er war hier in der Gegend ja auch in aller Munde und seine Songs liefen im Radio und so. Selbst auf den Zigarettenschachteln war er abgebildet. Doch Poulio hatte den Ruf mit zwielichtigen Gesellen zu verkehren." Die Person mit dem großen weißen Hut lauschte gespannt den Worten. "Es sind nur Gerüchte, aber wenn man eins und eins zusammen zählt, macht das schon irgendwie Sinn. Kennst du Sergis? Nein? Dann bist du vielleicht so ein seltener Sonderling, wie dieser Monkey Boy. Hier in der Gegend kennt ihn nämlich jeder. Sergis ist … war ein General und stammte aus einer der einflussreichsten konservativen Familien hier in der Stadt. Natürlich ein eingebildeter Sohn der europäischen Einwanderer und katholisch bis in die Haarspitzen. Er trug immer diese pompösen Uniformen, die wohl speziell für ihn genäht wurden. Bei fast jedem Anlass war er in einer neuen Garderobe zu sehen. Aber es gab immer wieder Geschichten über Sergis, die besagten, dass er genauso grausam, wie einflussreich war. Glaub mir mit diesem Typen wolltest du keinen falschen Blick wechseln.” Der Plakatierer sah angespannt auf den Boden. “Mir kam mal zu Ohren, dass Sergis Jemandem die Hand abgehackt hat, nur weil dieser ihm von der falschen Seite den Rum gereicht hatte. Kannst du dir das vorstellen?" Der Plakatierer schüttelte ungläubig seinen Kopf. "Wie es heißt, hat Poulio einen Teil seines Einflusses Sergis zu verdanken, da dieser hier in der Gegend ein paar Weichen für ihn gestellt hatte. Und so kam es auch, dass ein paar Monate nach Monkey Boys Bekanntheitsexplosion, Poulio ein Konzert zugunsten von Sergis Geburtstag arrangierte." Der Plakatierer deutete auf einen offenen Karton, der sich neben der Person mit dem großen weißen Hut befand und machte eine Geste, ob diese ihm eine der Plakathälften reichen könne. Diese bejahte und gab dem Plakatierer das zusammengefaltete Blatt hinauf, dann machte er sich ans Werk und drückte eine Ecke an die Werbewand. "Es war ein richtiges Spektakel, die ganze Garnision war da und der halbe Ort besuchte das Event. Es sollte sogar im Fernsehen ausgestrahlt werden. Selbst dieser scheue Priester den Sergis regelmäßig besuchte, um seine Seele frei zu sprechen. Gott weiß was Poulio für das Event tun musste." Nachdem die Papierhälfte an der Wand fest pappte, nahm sich der Plakatierer erneut die Rolle, tauchte sie in den Eimer mit Leim und strich noch einmal über die Werbung. Dann hielt er kurz inne. "Komisch, jetzt wo ich so darüber nachdenke, hat man kurz nach dem Konzert nicht mehr so viel von Monkey Boy gehört. Ich meine keine Ahnung, ich war selbst nicht auf dabei und kein großer Fan von ihm, aber als selbständiger Werbefachmann schnappt man ja so einiges auf und ich habe gehört, dass es episch gewesen sein soll, daher keine Ahnung was es mit Monkey Boy gemacht hat und danach passierte." Er zuckte mit den Axeln. "Einige Wochen später ist außerdem Poulio tot aufgefunden worden. Schien als ob ihn eine seiner schmierigen Abmachungen letztlich eingeholt hätte und das Konzert wurde auch nie im TV ausgestrahlt." Der Plakatierer setzte die Rolle ab und betrachtete seine Arbeit, er hatte den ersten Teil des Plakats erfolgreich angebracht.

"Ich weiß nicht, ob ich Ihnen weiterhelfen kann." Der Priester war scheinbar erzürnt über das Anliegen der Person mit dem großen weißen Hut. "Ich kann Ihnen nur wenig über diesen ... Monkey … Boy berichten, da ich ihn selbst nur einmal getroffen habe, auf einem Konzert meines Jüngers Sergis." Die Stimme des Klerikers wurde mit jedem Wort zorniger. Die Person mit dem großen weißen Hut warf dem Pfaffen die Zigarettenschachtel mit dem Konterfei von Monkey Boy hin. Mit ihrem Zeigefinger deutete sie auf die Kette, welche sich um den Hals der abgebildeten Person befand. An deren Ende war ein kleines christliches Kreuz angebracht, dass komplett in schwarzer Farbe gestrichen war und die Insignien LM enthielt. Dann deutete die Person mit dem großen weißen Hut auf das ebenfalls schwarze Kreuz mit den selben Insignien, dass der Priester um seinen Hals trug. "Die Legio Maria, in diesen Teil des Kontinents gibt es nicht viele Anhänger dieses Glaubens", konfrontierteeine weibliche Stimme den Kleriker. "Sie wissen es oder? Wer hat es Ihnen verraten?" Die Frau mit dem großen weißen Hut hielt den wütenden Blicken des Priesters mit einem selbstsicheren Blick stand. Dann gab er schließlich nach. "Monkey Boy, er sollte … wurde von Sergis … und Poulio, für deren Opiumschmuggelgeschäfte … benutzt." Die Frau mit dem großen weißen Hut war überrascht, doch ließ es sich nicht anmerken. "Es tut so gut es endlich Jemandem erzählen zu können und meine Seele zu erleichtern." Der Mann Gottes brach in Tränen zusammen." Dann fasste er sich an das Kreuz und beganndie gesamte Geschichte zu erzählen. "Poulio hatte den jungen in einer Bar gesehen, er war ein Sonderling, doch naiv genug, um sich auf den Deal des regionalen Medienmoguls einzulassen. Er hatte zwar ein paar Radiodeals hier in der Region, doch ohne eine Show im Fernsehen bist du schnell wieder vergessen. Aber Poulio bot ihm nicht nur Berühmtheit sondern machte ihn auch langsam vom Opium abhängig." Der Pfaffe wischte sich die Tränen aus den Augen. "Insgeheim hatten er und Sergis den Plan gefasst, diese widerliche Droge über die Landesgrenzen hinaus in andere Gebiete zu verbreiten. Dafür bot sich das Zigarettengeschäft als Tarnung und Schmuggel regelrecht an." Der Kleriker beruhigte sich langsam und schaffte es nun sich klarer auszudrücken. Dann faltete er beide Hände zum Gebet. "Verzeih mir Herr, ich weiß das mir dies ein Mann im Vertrauen zum Beichten erzählt hat, doch die Schrecklichkeit ist so groß, dass ich sie nicht mehr ertragen kann." Dann sammelte er sich wieder und fuhr fort. "Der Plan war es den Monkey Boy durch die Einwirkung der Drogen gefügig zu machen und dazu zu bringen, dass er das Zeug auf seinen Tourneen über den gesamten Kontinent zu verteilen. Wenn es aufflog sollte Monkey Boy der Sündenbock sein. Poulio half Sergis dabei und wollte sich zudem um die Vertriebswege kümmern. Er interessierte sich nur für den Profit. Er … kam dabei sogar einmal auf mich zu. Da ich in viele entfernte Dörfer Reise, um Missionsarbeit zu leisten, könne ich doch einige der besonderen Zigarettenschachteln, die als Schmuggelhülle benutzt wurden, an die Wilden verteilen, um sie für unsere Unternehmung gefügig zu machen. Ja, genauso hat er es ausgedrückt." Der Priester schüttelte ungläubig den Kopf. "Er dachte dabei daran die Nahrung mit dem Zeug zu versetzen." Die Stimme des Mann Gottes fing wieder an zu zittern, er griff wieder fester nach dem Kreuz. "Stellen Sie sich einmal diese skrupellose Grausamkeit vor!" Die Frau mit dem großen weißen Hut versuchte den Erzählenden zu beruhigen, damit er sich wieder konzentriere. "Jedenfalls, an dem Abend des großen Konzertes kam Monkey Boy irgendwie hinter das Vorhaben dieser Ganoven und wollte auszusteigen. Dann hat … Sergis … ihn einfach erschossen, vor den Augen Poulios." Der Priester brach in Tränen aus. "Als ich davon erfuhr einige Tage später in der Beichte von Sergis, war es auch für mich genug der Sünde, ich stieß Sergis während einer unserer vertrauten Sitzungen einen Dolch ins Herz und vergrub seine Leiche an einem Ort, wo ihn niemand jemals finden wird. Er war das Böse wissen Sie, nicht nur irgendein Dämon, sondern der Teufel höchst persönlich. Das wurde mir in diesem Moment klar. Er hat verdient was er bekam." Die Frau mit dem großen weißen Hut nickte dem Pfarrer überrascht, aber verständnisvoll zu. Sie sprach dem Pfaffen noch eine letzte Bitte aus. "Würden Sie mich bitte zu seinem Grab bringen, dem von Monkey Boy!"

Die Frau mit dem großen weißen Hut fand sich mitten in der Wüste wieder. Ein leichter schwüler Wind wehte über die friedliche Ebene. Sie kniete vor einem schwarzen Kreuz mit den Isignien L M und der Inschrift 'Hier liegt Moakes Jundo, genannt Monkey Boy. Möge seine Seele in Frieden ruhn.' Davor befand sich ein Hügel mit vor langer Zeit umgegrabener Erde und einer einzelnen roten Blume auf dessen Spitze. Die Frau mit dem großen weißen Hut wischte mit ihrer Hand einmal sanft über die Stätte. Dann erhob sie sich und wandte sich noch einmal dem Priester zu, der nervös den Horizont absuchte. "Ich danke Ihnen, für alles, das sie für Moakes getan haben." Sie legte ihre Hand beruhigend auf die Schulter des Klerikers, der zufrieden zurück lächelte. Dann setzte die Frau ihren großen weißen Hut wieder auf, den sie für einen Moment der Andacht abgelegt hatte und drehte sich in Richtung Westen.
"Wer sind sie eigentlich”, fragte schließlich der Priester bevor sie gehen konnte, “Warum interessieren Sie sich so sehr für die Geschichte dieses armen Sonderlings?"
Die Frau warf dem Priester einen strengen Blick zu. "Erstaunlich, während meiner gesamten Zeit hier sind sie der Erste der mich dies fragt. Es hat mich ständig gewundert, warum ich das nicht schon früher gefragt wurde? Vielleicht erzählen die Menschen hier aus der Gegend gerne Geschichten über ungewöhnliche Personen, damit ihr sonst tristes Leben etwas Spannung gewinnt oder vielleicht erachten diese Leute den Monkey Boy auch als so unbedeutend, dass es sie nicht im geringsten interessiert oder ihnen in den Sinn kommen würde, das sein Leben jemand anderen wirklich etwas bedeuten könnte. Hm, in beiden Fällen betrachten sie sich jedenfalls als etwas Besseres." Der Pfaffe verdutzte diese Antwort. Seine Stirn formte weiterhin ein großes Fragezeichen. "Mein Name ist Svetlana Grusni, ich war vor ungefähr 40 Jahren als Studentin der Russischen Akademie für Wissenschaften teil der Expedition von Ilja Iwanow auf diesem Kontinent und in dieser Region." Sie atmete tief durch und fuhr schließlich fort. "Wir haben Monkey Boy erschaffen. Er war ein Experiment für unsere großartige sowjetische Gemeinschaft." Der Priester lauschte verwundert ihren Worten. "Nachdem wir auch nach Monaten der Suche keine Freiwilligen finden konnten, um unsere geplanten biologischen Versuche durchzuführen, gaben wir einem Stammeshäuptling namens Urus eine große Summe Geld, damit er uns einige seiner Frauen zu Verfügung stelle. Es war ein abscheuliches Geschäft doch nur so konnten wir vorankommen. Iwanow war zu diesem Zeitpunkt schon nach Moskau abgereist, doch ich blieb, um nach diesem letzten Strohhalm zu greifen." Sie seufzte tief. "Die Parteiführung und der Politkomissar saßen uns im Nacken und wollten Erfolge sehen. Also zwangen wir zehn Frauen sich mit verschiedenen Affenarten zu paaren. Es war grausam und unethisch und führte letztendlich bei keinem Versuch zu einem lebensfähigen Ergebnis." Der Kleriker sah skeptisch aus, Furcht deutete sich in seinem Blick an. "Das war es jedenfalls, was ich Iwanow und der Partei erzählte. In Wirklichkeit hatten wir jedoch Erfolg, eine Frau wurde schwanger und gebar ein lebendes Kind, doch um das Baby vor weiteren Experimenten zu schützen, verschwieg ich es. Es war schließlich … ein Wunder." Die Frau mit dem großen weißen Hut brach in Tränen aus. "Ich … habe vor einiger Zeit erfahren … etwas sehr Schlimmes ... erlebt, eine sehr persönliche Angelegenheit, die mich aus der Bahn geworfen hat … ein Schicksalsschlag, wenn Sie so wollen … vielleicht ist das etwas schwer zu verstehen, aber ich fühle mich seitdem mit Moakes verbunden, als wäre ich so etwas wie… seine Mutter, nicht im biologischen Sinne natürlich. Doch ohne mich existierte er nicht, also bin ich verantwortlich für ihn." Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. "Kurz nach seiner Geburt musste ich den Kontinent verlassen, da aufgrund der Fehlschläge alle weiteren Mittel für unsere Expedition von der Partei gestrichen wurden. Iwanow geriet bald darauf in Konflikt mit Stalin und … verschwand. Ich sah Moakes nie wieder und konnte nicht zurückkehren." Der Pfaffe wurde neugierig. "Also wollten sie wissen was aus ihm geworden ist, aber wieso jetzt?" Die Frau sah ihn bestätigend an. "Ja, ich wollte zumindest wissen, wie es ihm geht, was sein Leben ihm brachte, ob er die Chance, das Wunder … genutzt hat. Denn ich werde bald selbst sterben." Der Priester nickte, die Sekpsis wich aus seinem Gesicht, doch es blieb eisern. "Und sind sie Stolz auf ihn?" Sie lachte verunsichert. "Ja das bin ich, so sehr wie ich es sein kann. Moakes hatte von Beginn an die schlechtesten Chancen, die man sich ausmalen kann und hat es doch weit gebracht, zu einer ... Legende!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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