Heinz Lechner

Die albernste aller Froschgeschichten

Ihr Name war zum Beispiel Claudia.
Leise quietschend blieb ein Kleinwagen nah an einer Laterne stehen. Der Fahrer
stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus.
Hier also war sie zuhause. Plötzlich war es so leise und als er das Seitenfenster des
Autos etwas herunterkurbelte, hörte man vom nahen Teich her die Frösche quaken.
Ein richtiges Froschkonzert!
Bleibst du noch ein wenig bei mir im Auto? fragte er mit leicht unsicherem Unterton
und sie blickte etwas verschämt zu Boden und flüsterte nach einer kleinen Pause:
naja, ein bisschen Zeit habe ich noch. Es ist ja noch nicht so spät. Diese Worte
verstand er als Zeichen von ihr und schon beugte er sich zu ihr hinüber, rückte ihr
Gesicht sanft in die richtige Position und küsste sie. Anfangs wehrte sie sich noch
ein wenig, obwohl sie doch nichts anderes von ihm erwartet hatte.
Aber bald schon erwiderte sie seine Küsse. Dann war da nur noch das Quaken der
Frösche zu hören und die leisen schmatzenden Geräusche, welches die jungen
Menschen verursachten.
Seine Hände, die zu Beginn nur ihr Gesicht und ihren Hals streichelten, bewegten
sich allmählich tieferen Gebieten zu. Er schien vier Hände zu haben. Stück für
Stück erforschten sie ihren Körper und bald schon hatten sie ihr Ziel erreicht.
Tun wir es? flüsterte er ihr ins Ohr, nachdem sich auch ihre Hand schon ganz gut
positioniert hatte. Er bereute aber sofort diese Frage, denn er war schwer verliebt
und wollte die Sache eigentlich nicht überstürzen. Sie kannten sich erst einige Tage
und insgeheim wollte er die Zeit vor dem ersten Sex mit ihr noch länger genießen.
Ich weiß nicht, sagte sie, hier im Auto?
Ich kann das Auto noch etwas in den dunklen Waldweg fahren, wenns dir hier zu
hell ist, schlug er vor. Auch das hatte er nicht sagen wollen und ärgerte sich
masslos darüber.
Da sie keine Antwort gab, sprach er weiter.
Ich kann auch noch warten, - heute genügt es mir schon, wenn ich nur mit dir
schmusen kann, antwortete er, während er ihr zärtlich in den Hals biss.
Das hatte sie von ihm jetzt nicht erwartet! Sie entzog sich ihm sanft, rutschte etwas
näher zur Beifahrertür, und richtete ihre Bluse.
Er bemerkte, dass sie plötzlich etwas abweisend war, verstand aber nicht weshalb.
Irgendetwas muss ich wohl falsch gemacht haben, dachte er. Sie sagte, meine
Eltern werden sich allmählich Sorgen machen, wenn ich nicht heim komme.
Aber es ist doch noch nicht so spät? antwortete er etwas ratlos.
Das Licht der Laterne, dass bis vor wenigen Augenblicken noch so romantisch in
das Wageninnere leuchtete, war jetzt nur noch ein greller kalter Schein, und das
Gequake der Frösche hörte sich mit einem Male wie hämisches Gelächter an. Als
ob sie ihn aus tausend Mäulern auslachen wollten.
Na ja, – wenn du heim musst… sagte er und seine Stimme war plötzlich so brüchig
und unsicher, dass er sich darüber ärgerte.
Sie brachte ihre Frisur in Ordnung und knöpfte umständlich ihre Hose zu.
Wann werden wir uns wieder sehen? fragte er dann zaudernd. Und als er keine
Antwort bekam,: wir könnten morgen ins Kino gehen, du wolltest doch auch diesen
Film sehen.
Dann sagte sie leise, ohne ihn anzusehen – und er bemerkte, dass sie ihm nicht
weh tun wollte, – ich hab doch so wenig Zeit, das weißt du doch. Ich muss für die
Prüfung lernen.
Es kam ihm vor, als ob sich die quakenden Zuhörer ringsum halb tot lachten und er
sagte voller Trotz: na, da kann man nichts machen.
Sie öffnete schon die Beifahrertür, das Licht im Wageninneren ging an und sie
sagte in tröstendem Tonfall: also melde dich wieder mal bei mir, aber zur Zeit geht’s
schlecht – das weißt du ja. Sie gab ihm noch einen kurzen Kuss auf die Wange,
stieg aus und lief davon. Er schaute ihr nach und dachte: wahrscheinlich weint die
jetzt und ich weiß nicht warum.
Dann beugte er sich rüber zur anderen Seite, knallte die Beifahrertür umständlich
zu und es wurde wieder angenehm dunkel im Auto. Er lehnte sich zurück, zündete
sich eine Zigarette an und fluchte leise auf die Frösche, die nun - so schien es -
noch viel gehässiger lachten als vorher.
Er kam sich so blöd vor, – so blöd.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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