Hans K. Reiter

Tragik einer Beziehung

Als der Magistrat in München 1891 den Verein für Feuerbestattung damit beauftragte, bei der Bayerischen Staatsregierung den nötigen Antrag zum Bau eines Krematoriums zu stellen, konnte niemand die weitreichenden Beziehungen bis in die jüngste Geschichte hinein vorhersehen.

 

Gleich hinter München bei Dorfen, dort wo demnächst die neue Verbindungsautobahn A 94 nach Mühldorf zur Weiterfahrt nach Passau das bis vor Kurzem noch kaum berührte Isental durchquert, war Jolandeus Waagrechter zuhause. In einem winzigen Weiler, dessen Name nichts zur Sache tut, erblickte er einst das Licht der Welt und wie es sein Schicksal wollte, trat er dort auch über die ewige Schwelle.

Jolandeus, schon als Kind, ob seines merkwürdigen Namens, hinlänglich gehänselt und gefoppt, verfolgten diese Unbillen sogar bis in den Tod.

Wer heißt schon Jolandeus und dazu noch Waagrechter, fragten die Leute, machten sich lustig und zogen über ihn her.

Mehr als eine einfache Volksschule besuchte Jolandeus nicht, obwohl er durchaus das Zeug zu mehr gehabt hätte, wie einige seiner damaligen Lehrer meinten.

Die Eltern, einfache Leut‘, die ihren Unterhalt mit Tagewerk verdienten und gelegentlich auch des Längeren auf einem der großen Höfe Arbeit fanden.

Bei Jolandeus traf zu, was jedes Klischee zeigt: Kommst von nirgendwo her und deine Eltern sind weit entfernt jeglicher akademischer Abkunft oder Bildung, dann wird auch aus dir nix rechtes werden.

Als Hungerleider haben die Leute ihn und die ganze Familie beschimpft. Selbst seine Hochwürden der Herr Pfarrer sah ihn lieber vor der Kirch‘ als darin. Soll der Hundsfott bleiben wo er will, aber mir die Bänke nicht schmutzig machen, soll seine Barmherzigkeit (weil doch katholisch!) geäussert haben. Soviel zur Herkunft und Stellung des Mannes, um den sich später noch so vieles drehen sollte.

Wer kommt für das Begräbnis auf?, war des Pfarrers einzige Sorge, der nichts umsonst machte, auch wenn er dem Verblichenen die Sterbesakramente zwar nicht direkt verweigert, aber diese doch geschickt verhindert hatte.

Wenn nix da ist, dann die Gemeinde, die Auskunft vom Landratsamt.

Also fuhr der schwarze Mercedes Spezialkombi mit dem erhöhtem Aufbau hinten des von der Gemeinde beauftragten Bestatters im Weiler vor. Zugegen war eine ältere Frau, die dem Jolandeus zu Lebzeiten den Haushalt besorgt und den Toden auch aufgefunden hatte.

Wo is a?, fragte einer der Bestatter, die zu zweien angefahren waren.

Was wollt’s ihr denn?, fragte die Frau zur Überraschung der beiden Männer in den schwarzen Anzügen.

Na, was wohl? Die Leich‘ abholen!

Nix da, ihr macht’s da gar nix. Des wird scho von andere besorgt!

Von anderen? Was für andere?, fragte einer der Schwarzen höhnisch.

Kaum war seine Frage verklungen, tauchte in der Ferne die Silhouette eines Fahrzeuges auf, das sich beim Näherkommen als ein beinahe identisches Gefährt wie jenes der beiden Schwarzen entpuppte, jedoch mit einem großen, nicht zu übersehenden Unterschied. Was jetzt und hier auf dem Weiler vorfuhr, war eine Luxuskarosse vom Feinsten. Irgend etwas Ausländisches, wie später einer der schwarzen Bestatter berichtet. Zwei große,  verschlungene R habe er ausmachen können.

Zwei stämmige Männer in dunkelgrauen Anzügen aus feinem Zwirn schoben die beiden Schwarzen zur Seite, gingen auf die Frau zu und fragten nach dem Weg.

Sorgfältig verschloss die Frau das kleine Häuschen, steckte den Schlüssel ein, stieg auf ihr Fahrrad und entfernte sich, ohne die beiden Schwarzen auch nur eines Blickes noch zu würdigen.

Das gab Gesprächsstoff. Wer war die Frau? Wer hat den Leichnam abgeholt? Und, was den Pfarrer interessierte, wer hat das bezahlt?

Licht kam nur spärlich ins Dunkl. Die Frau blieb wie vom Erdboden verschluckt, auch am Gemeindeamt sprach niemand vor.

Zefix, entfuhr es seiner Hochwürden so gar nicht katholisch gläubig, wo wird denn der Hundsf…, gerader noch konnte er seinen wütenden Ausspruch unterdrücken, zu viele hätten ihn gehört. Wo oder wie soll denn jetzt die Beerdigung stattfinden?

Habt’s es net g’lesen, rief einer aus der um den Pfarrer und den Bürgermeister versammelten Menge.

Hier, die Todesanzeige!

Eine Jolandeus Waagrechter Handelsgesellschaft bezeugte, wie tief betroffen sie alle vom plötzlichen Ableben des hochverehrten Inhabers und Chefs des Hauses seien.

Die haben mit Luxusautos und anderen Dingen von feinster Qualität und Ausstattung gehandelt, wußte jemand zu berichten, der sich im Internet kundig gemacht hatte.

Der Waagrechter…, murmelten sie verhalten und verstanden die Welt nicht mehr.

Wann und wo ist denn jetzt die Beerdigung? Die Bürger waren aufgebracht. Wenigsten die letzte Ehre…, das war man dem Verstorben schließlich schuldig, meinte der Herr Pfarrer. Wenigstens eine Abordnung…

Weiter kam er nicht, denn die verschwundene Frau entstieg einem Wagen, dessen Ankunft den Leuten aufgrund ihrer Aufgeregtheit entgangen war.

Hermine Bleibtreu, ich hab‘ mich ein wenig um Herrn Waagrechter gekümmert, war sozusagen seine Privatsekretärin. Hab‘ mich ums Saubermachen seines Häuschens im Weiler gekümmert und auch sonst halt alles erledigt, was so anfiel.

Der Bürgermeister bat die Frau schließlich, ihm doch auf’s Amt zu folgen.

Hier erfuhr er nun die ganze Wahrheit. Jolandeus Waagrechter war ein eifriger Mensch gewesen, hatte sein Abitur nachgeholt und studiert, irgendetwas mit Ökonomie, und war sehr schnell in der Firma eines Autoimporteurs aufgestiegen. Sein Geschick bescherte dem Autohaus enorme Umsatzzahlen und dem Jolandeus satte Provisionen. Über die Zeit verstarb die Frau des Autoimporteurs, er selbst setze sich in hohem Alter zur Ruhe und übergab das Geschäft an seinen besten Mann. Eigene Kinder hatte er nicht.

Und wissen Sie, sagte die Frau, Herr Waagrechter hat auch an Sie, das heißt an die Gemeinde und die Leute hier gedacht. Es gibt ein Testament. 

Die Augen des Bürgermeister wurden größer und begannen zu funkeln. Und was steht darin?, fragte er nicht frei von Gier in der Stimme.

Das weiß niemand, sagte die Frau. Es ist alles beim Notar hinterlegt, aber der Passus, der die Gemeinde betrifft, ist so gefasst, dass sein letzter Wille zu erfüllen ist, wie es in dem Schriftstück festgelegt ist, das er bei sich trägt.

Ja, und wo ist dieses Schriftstück?, fragte der Bürgermeister eine Spur zu laut.

Ich kann es Ihnen nicht sagen, meinte die Frau, vielleicht zusammengerollt in der Schmuckkapsel, die er ständig um den Hals trug. 

Und wo ist diese? Schweiß trat dem Bürgermeister auf die Stirn. Wo ist diese Kapsel?, fragte er noch einmal.

So viel ich weiß, hat man sie dem Toden belassen.

Er wird sie also mit ins Grab nehmen? Dann ist Eile geboten. Wann ist denn nun diese vermaledei…, gerade noch den Fluch unterdrückend, …diese Beerdigung?

Es gibt keine Beerdigung. Jolandeus Waagrechter wird Feuerbestattet.

Na, dann auf, und nichts wie hin!, brüllte der Bürgermeister wenig gut erzogen.

Zu spät, sagte die Frau.

Zu spät! Was heißt denn das? Wir, ich brauche dieses Schriftstück, verstanden!

Gestern, die Einäscherung war gestern!, sagte die Frau, stand auf und verließ das Amt, wobei die winzige Spur eines spöttischen Lächelns zu bemerken gewesen wäre, hätte der Bürgermeister darauf geachtet.

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