Petra Zeugner-Schünke

Lila Regen (Songfiction)

Lila Regen

Ben war 2 Stunden alt, als alles begann. Geboren von einer drogenabhängigen Mutter, machte er

schon einen Entzug durch. Nach 8 Wochen Dauerschreien vor Schmerz, war er soweit clean, dass er

einem Heim übergeben werden konnte, weil seine Mutter nicht in der Lage war sich um ihn zu

kümmern. Als Ben 3 Jahre alt wurde, fand er einen Platz in einer Pflegefamilie, wo er als eines von 5

Kindern liebevoll umsorgt wurde.

Zu seinem 4. Geburtstag bekam er ein Fahrrad, zwar abgelegt von einem älteren Pflegebruder, aber

sein ganzes Herz hing an diesem blau/silbernen Gefährt. Die erste Zeit übte er fleißig mit Stützrädern,

doch die konnten bald wieder abmontiert werden. Damit er es immer widererkennen würde, klebte er

einen kleinen blauen Glitzerstern unter den Sattel. Er fuhr oft stundenlang die Straße rauf und runter

und stellte sich vor sein Fahrrad wäre ein Feuerstuhl.

Als er in die Schule kam, lernte er Mark kennen und sie wurden die besten Freunde. Sie entdeckten,

dass sie mit ihrer Liebe zur Musik etwas gemeinsam hatten, sparten eisern ihr weniges Taschengeld

und kauften sich die neuesten CDs, die sie dann untereinander austauschten um sie zu hören. Ihre

Idole waren Whitney, Michael und Kurt.

Oft tanzte Ben nur für sich allein und träumte sich seine Zukunft in den schönsten Farben.

An einem verregneten Tag kam er etwas früher aus der Schule und es waren fremde Leute und die

nette Frau von der Fürsorge im Haus. Sie erklärten ihm, dass er ab jetzt bei seiner leiblichen Mutter

und ihrem Mann leben würde. Seine Sachen waren bereits gepackt und die Fremde, die seine Mutter

war, forderte ihn auf mitzukommen. Er konnte sich von seinen Pflegegeschwistern nicht

verabschieden, weil sie noch in der Schule waren und seine Pflegemutter saß weinend am

Esszimmertisch. Sein Pflegevater war noch auf der Arbeit. Ben sah sein Fahrrad an der Hauswand

lehnen, als sie zum Auto gingen, und wollte es holen, doch seine Mutter hielt ihn fest und meinte sie

holen es später, jetzt sei keine Zeit. Sie bugsierte ihn ins Auto und sein Stiefvater fuhr in hohem Tempo

davon. Seine Pflegemutter lief auf die Straße und sah ihnen noch lange nach.

 

Sein neues Zuhause lag am anderen Ende der Stadt und in dem Augenblick als er es betrat

wusste er, dass seine Vergangenheit schon ganz weit weg war. Innerhalb einer Minute hatte sich sein

ganzes Leben verändert. Nichts war mehr wie es war und würde auch nie wieder so sein.

 

Er bekam ein Zimmer für sich allein, vollgestopft mit allem möglichen Spielzeug und anderem

Kleinkinderkram mit dem er nichts anfangen konnte. Er stopfte alles in den Bettkasten, damit er Platz

für seine eigenen Habseligkeiten hatte. Ben war froh, dass er die Schule nicht wechseln musste, auch

wenn der Weg jetzt 3x so weit war, aber so sah er seinen besten Freund jeden Tag in der Schule und

nach Schulschluss verbrachten sie oft den Nachmittag zusammen und hörten mit ihrem Discman die

neuesten Songs ihrer Lieblingssänger. Sein Fahrrad hat er nie bekommen, dafür lernte er allein mit

Bus und Bahn zu fahren. Ben war ein stilles Kind und hing oft einfach nur seinen Gedanken nach. Seine

Eltern ließen ihn gewähren und stellten nach einiger Zeit keine Fragen mehr, denn sie bekamen nur

unzureichende Antworten.

So vergingen die Jahre und Ben hatte nichts außer seinem Freund und die Musik. Seine Mutter und

auch sein Stiefvater rutschten wieder in die Drogenszene ab und kümmerten sich nun gar nicht mehr

um Ben.

In der Schule wurde er immer schlechter und als er die letzte Klasse wiederholen sollte brach er die

Schule ab und jobbte, damit er Geld für Essen und CDs hatte. Doch es reichte nie und so traf er auf

die falschen Leute und lies sich in allerlei illegale Machenschaften ein. Er flüchtete sich in seine

Träume und probierte von den Drogen die er für seine falschen Freunde verkaufte. Seine Welt im

Rausch war freundlich, bunt und warm.

 

Mark blieb immer an seiner Seite und sein Konsum beschränkte sich auf sogenannte weiche Drogen.

Er behielt weitgehend einen gewissen Überblick und konnte seinen besten Freund immer vor dem

Schlimmsten bewahren. Er schaffte es sogar, dass die Dealer ihn gehen ließen. Ben und Mark redeten

oft miteinander und Ben erzählte von seiner Pflegefamilie und von seinem Fahrrad, mit dem er, wenn

er groß sei, einmal um die Welt fahren wollte, und mit seinen Idolen singen und tanzen. Er warf sich

ne Pille ein, stand auf, drehte sich im Kreis und sang:

 

Ben war mal wieder in seinen Rausch eingetaucht und Mark wusste, dass es zwecklos war zu bleiben.

Er hatte keinen Zugang zu Bens Welt und er ließ ihn allein.

Einige Wochen später, an einem eiskalten Wintermorgen fand Mark seinen Freund in dem alten

Abrisshaus, wo sie sich oft zum Musikhören getroffen haben. Ben war vollgepumpt mit Drogen und ist

im Schlaf erfroren. Ein seliges Lächeln lag noch immer auf seinem Gesicht.

Mark schlug hart auf dem Boden der Realität auf und hat sich noch nie in seinem Leben so elend und

einsam gefühlt. Nach der Beerdigung seines besten Freundes krempelte Mark sein Leben total um. Er

machte einen Entzug, ging in eine Selbsthilfegruppe und fand einen Job auf einem Schrottplatz. Die

Arbeit war hart, aber Mark glaubte sich selbst bestrafen zu müssen, weil er nicht genug auf Ben

aufgepasst hatte. An einem heißen Sommertag kam eine neue Ladung Altmetall rein und Mark sollte

allessortieren, als plötzlich etwas in der Sonne aufblitzte. Da lag unter all dem Schrott ein

verrostetes Kinderfahrrad . Die Farbe konnte man so gerade noch erkennen – blau/silber und unter

dem zerfransten Sattel klebte ein kleiner blauer Glitzerstern.

Einige Jahre später gründete Mark einen Fond für Kinder drogenabhängiger Eltern. Es ist

ein Andenken an seinen besten Freund Ben und damit Kinderträume nicht sterben..

 

© 2014

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Petra Zeugner-Schünke).
Der Beitrag wurde von Petra Zeugner-Schünke auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Würde von Maxi Hill



Ein Roman über beschämende Schicksale hautnah unter uns.

Der angolanische Vertragsarbeiter Amadou Nginga und die Greisin Irma Hein kennen sich nicht, doch beider Wohl hängt an Betty, der ebenso hübschen wie infamen Altenpflegerin.
Bis über die Ohren in Betty verliebt, erkennt Amadou die Zeichen der sich ändernden Zeit nicht. Während er freudig seinem Verderben entgegen rennt, resigniert Irma Hein still vor der Niedertracht ihrer Umwelt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Drama" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Petra Zeugner-Schünke

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Kleine große Welt, überarbeitet zur Entspannung von Petra Zeugner-Schünke (Besinnliches)
Abschiedsbrief einer fünfzehnjährigen von Rüdiger Nazar (Drama)
Lösegeld für meinen Hund. von Walburga Lindl (Autobiografisches)