Anneliese Leding

Der Muserich

Der Muserich

Verzweifelt saß ich am PC. Ein leeres weißes Blatt vor mir. So ging das schon seit Wochen. Mein Kopf war einfach hohl. Was war nur los mit mir. Hatte mich die Muse verlassen? Abends rief mich meine Literaturfreundin Helen an und ich erzählte ihr von der Schreibblockade. Aufmerksam hörte sie mir zu. Dann sagte sie: „Versuch es doch mit dem Muserich. Auf den ist Verlass.“ Nun wurde ich neugierig und lachend erwiderte ich: „Wer ist Muserich?“ Mit ernsthafter Stimme erklärte mir Helen: „Setzt dich an deinen Computer, mach die Augen zu und wünsche dir, dass der Muserich dich beim Schreiben unterstützt.“ Ungläubig hakte ich nach: „Das ist doch ein Witz?“ „Nein, Anna, das ist kein Witz. Du musst daran glauben, dann klappt´s.“

Der Gedanke ließ mich nicht los. Schon am nächsten Tag setzte ich mich an den Computer, schloss die Augen und hoffte auf die Eingebung von dem Muserich. Ich saß noch keine Minute, als es an der Haustür schellte. Ärgerlich stand ich auf. Schon im Flur konnte ich erkennen, dass ein Mann hinter der Glastür stand. Vorsichtig öffnete ich und wie aus der Pistole geschossen rief ich: „Ich kaufe nichts an der Tür!“ Lachend erwiderte eine sympathische Stimme: „Ich will Ihnen auch nichts verkaufen. Ich bin Ihr neuer Nachbar. Mein Name ist Martin Brand.“ Erstaunt sah ich ihn an. Irgendwie kam mir der Typ bekannt vor. Nur, wo hatte ich den Mann schon mal gesehen? Während ich noch überlegte, fuhr er fort: „Ich möchte Sie morgen Abend zu meiner Einweihungsparty einladen. Ab 18. Uhr wird gegrillt. Ich würde mich freuen, wenn Sie Zeit hätten.“ Spontan sagte ich zu.

Ich ging in die Küche und brühte mir erst einmal einen starken Kaffee auf. Jetzt erinnerte ich mich. In der Nachbarschaft erzählte man sich, dass das Haus neben mir ein Künstler gekauft hatte. Schlagartig schoss es mir durch den Kopf. Na klar, es ist der Krimi-Autor Jan Freitag.

Was soll man nun so einem Mann zur Einweihung schenken? Mir fiel auf die Schnelle nichts ein. Oder doch? Ich schenke ihm einfach mein Buch mit den schrägen Gedichten. Gesagt getan.

So ging ich am Samstagabend kurz nach 18. Uhr rüber in den Garten von Martin Brand alias Jan Freitag. Als er mich kommen sah, kam er lächelnd auf mich zu: „Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Sind wir nicht Kollegen?“ Etwas zurückhaltend erwiderte ich: „Naja, Schreiben ist mein Hobby. Sie machen es hauptberuflich und das mit großem Erfolg. Das ist schon ein Unterschied.“ Schmunzelnd sah er mich an und konterte: „Auch ich habe einmal klein angefangen.“ Er fasste meinen Arm und zog mich mit sich. „Kommen Sie, ich stelle Ihnen meine Freunde vor.“ Es war ein illustrer Kreis. Auch einige Nachbarn waren anwesend. Im Laufe des Abends kamen wir auf meine Schreibblockade zu sprechen. Martin Brand hatte mir aufmerksam zugehört. „Ja, das kenne ich auch. Die Muse ist oft eingebildet und selbstverliebt. Trennen Sie sich von ihr. Mir war sie zu anstrengend. Aus dem Grund habe ich mich dem Muserich zugewandt. Auf den ist immer Verlass.“ Skeptisch sah ich Martin an. Mir fiel das Gespräch mit Helen ein. „Aber wo finde ich ihn? Er legte seine Hand auf meine Schulter und fuhr fort: „Setzen Sie sich an den Computer, schließen die Augen. Bitten ihn, dass er sich Ihrer annimmt. Sie müssen ganz fest daran glauben.“ Langsam wurde es mir unheimlich. Kurz nach Mitternacht verabschiedete ich mich und ging durch den Garten rüber zu mir nach Hause.

Gleich am nächsten Tag setzte ich mich an meinen Laptop, schloss die Augen und bat inständigst um Hilfe. Und siehe da, es klappte. Die Finger flogen nur so über die Tastatur. Ich hatte das Gefühl, dass der Muserich mir auf der Schulter sitzt und ins Ohr flüstert.

So entstand diese Geschichte.

 

© Anneliese Leding

 

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