Brigitte Waldner

Was mein Opa vom Krieg erzählte


Als er Anfang November 1918 16 Jahre alt wurde,
wurde er an die Front einberufen. Zur Abreise kam es nicht mehr,
da, nach Eintreffen der Einberufung, der 1. Weltkrieg aus war.

Bei Beginn des 2. Weltkrieges war er 36 Jahre alt,
das ist das beste Alter im Leben eines Menschen,
er war Vater von vier Kindern,
und kam nicht direkt an die Front, aber nach Slawonien.
Das war im früheren Jugoslawien,
nicht zu verwechseln mit Slowenien,
was meine Oma immer meinte.
Er wurde dort eingesetzt, wo die Partisanen waren.
Er war nur 1,76 cm groß und hatte sehr viel Untergewicht.
Er war sehr sportlich, ging überall weite Strecken zu Fuß,
aber richtigen Sport betrieb er keinen.
Auf die Berge ging er auch gerne.

Mit Partisanen vereinbarten die Österreicher:
„Wir tun euch nichts und ihr tut uns nichts.“
"Ich tu euch nichts und ihr tut mir nichts."
Damit kam er gut durch den Krieg und überlebte ihn.
In Slawonien tat er Dienst an einer Brücke.
Er musste aufpassen, dass niemand Lebensmittel und anderes
über die Brücke in die andere Zone schmuggelte.
Mein Opa war ein gutmütiger Mensch.
Die Weiblein hat er alle laufen lassen,
wenn sie mit ihren Taschen voller Lebensmittel daherkamen,
die sie ihren Lieben auf der anderen Seite brachten.
Er täuschte vor, er würde kontrollieren, aber er tat so,
als ob er nichts sah. Das sprach sich unter den Weiblein herum.
Die Weiblein wussten schon, wenn er Dienst hatte,
dann konnten sie rüber, ohne dass was weggenommen wurde.
Deshalb gingen sie immer dann, wenn er Dienst hatte.
Sie fragten ihn, wann er wieder Dienst habe und er sagte es ihnen.

Einmal wurde der Dienst unvorhergesehen getauscht.
Die Weiblein erkannten ihn nicht, da in der Uniform alle gleich aussehen.
Der andere, der Dienst versah, nahm den Weiblein alles weg.
Das haben sie meinem Opa dann wieder erzählt. Sie haben geweint.
Sie taten ihm so leid, dass er beim Erzählen noch weinte,
obwohl es schon viele Jahre zurücklag.
Meinem Opa war es sehr peinlich, dass das passierte.
Wie er sich mit ihnen verständigte, war mit Händen und Füßen,
er konnte nicht Jugoslawisch und sie konnten nicht Deutsch.
In den 4 Jahren des Krieges hat er aber etwas Jugoslawisch gelernt.
Danke, gute Nacht und einfache Wörter konnte er dann sagen.

Er hatte auch einen Kriegsfreund, der war aus Belgrad.
Mein Opa erzählte mir, da waren auch andere,
die waren unbeliebt.
Zum Beispiel ein deutscher Arzt, über den sie Gräueltaten erzählten.
Als der Krieg aus war, halfen die Jugoslawen meinem Opa in die Flucht,
dass er nicht in die jugoslawische Gefangenschaft geriet,
aus Dank, dass mein Opa ein so guter Mensch war.
Gemeinsam mit ihm lief und flüchtete sein Belgrader Kriegsfreund,
viele, viele Kilometer von Slawonien über sämtliche Berge
nach Österreich. Auf der weiten Strecke übernachteten sie im Wald
auf den Bergen und mehrmals bei jugoslawischen Familien,
die sie nachts versteckten und ihnen etwas zu essen gaben.

Auf ihrer Flucht machten sie gleich zu Anfang eine grausige Entdeckung.
In einem Wald saß an einem Baum tot der gefährliche deutsche Arzt,
der Gräueltaten verbracht hatte.
In seinen Händen hielt er seinen eigenen Kopf, abgeschlachtet.
Meinen Opa hat der Anblick voll gegraust, dass er sich übergab.

Mein Opa sagte, er selbst hat im ganzen Krieg niemanden umgebracht,
deshalb hat er auch überlebt und entkam der Gefangenschaft.
Der Kriegsfreund blieb dann in Österreich, holte seine Familie nach,
lebte 50 km von meinem Opa entfernt,
und sie pflegten ihre Freundschaft bis an ihr Lebensende.
Da der Jugoslawe, der dann in der Folge eingebürgert worden war,
etwas älter war, war er schon lange tot,
als meine Großeltern und meine Mutter verstarben.
Die Tochter des Kriegsfreundes kam sogar noch zu den Beerdigungen
meiner Angehörigen und bestätigte mir noch einmal,
wie gerne sie sich an meine Großeltern erinnert.

© Brigitte Waldner

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