Hans Pürstner

Hoffentlich komme ich nie ins Heim

 

Hört man landauf, landein, sobald ich jemandem erzähle, dass ich mal jahrelang als Koch in einem Seniorenheim gearbeitet habe. Meistens wird der Seufzer auch noch ergänzt mit dem Zusatz: „vorher erschieß ich mich!“.
Fragt man dann nach, ob derjenige schon mal einen Angehörigen im Heim hatte, verneinen fast alle. Und die wenigen, die mitreden können haben meistens eine wesentlich positivere Meinung.
Woher kommt das eigentlich?
Meine Vermutung lautet, die Angesprochenen gehen erstmal von ihrem derzeitigen eigenen Zustand aus. Sie sind von ihrer gesundheitlichen Konstitution her in der Lage mit dem Auto jederzeit wohin auch immer zu fahren, selbst einkaufen, kochen und putzen zu können. Und vor allem, sie sind in der Lage, ihre Lieblingsgerichte riechen, schmecken, beißen und schlucken zu können.
Da sagt es sich ganz leicht: „ach Gott, wie das Essen wieder aussieht, die sind ja nur zu faul dort, anständig zu kochen. Vom hübsch anrichten ganz zu schweigen“.
Doch der überwiegende Teil der Bewohner hat chronische Zahnprobleme, kann schlecht sehen, kaum riechen und hat auf Grund der zahlreichen verordneten Medikamente auch noch wenig Appetit. Die Blutdrucksenker mit ihrer entwässernden Wirkung und deshalb häufiger nötigen lästigen Toilettengängen verleiden ihnen auch noch das Trinken, wenn sie nicht ohnehin Schluckprobleme haben.
Gerade darum machen die Köche/innen meist einen Fortbildungskurs für Altenheimküche. Nicht um kochen zu lernen, das können sie sowieso. Sondern um ihre fachliche Routine auf die speziellen Erfordernisse älterer Menschen möglichst perfekt anzupassen.
Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen gerade vom Zahnarzt nach einer Wurzelbehandlung nach Hause. Möchten (können) Sie jetzt ein knuspriges Schnitzel essen, ein Steak oder bissfest gekochtes Gemüse? Bestimmt nicht, aber die Mehrzahl der Bewohner hat ständig mit Zahnproblemen zu kämpfen. Genauso ist es mit der geringeren Größe der Portionen. Sie sind nicht so klein damit sich das Heim Geld erspart. Ein Teller, der zu voll gepackt ist, verdirbt so mach einem alleine dadurch schon den Appetit. Die Komponenten müssen außerdem leicht erkennbar sein für die meist schlecht sehenden Senioren, mit irgendwelchen Holzfällerportionen und XXL Schnitzeln tut man ihnen nichts Gutes.

Alleine an den vorgestellten Beispielen können Sie schon erkennen, dass halt nicht immer alles so ist, wie sich Lieschen Müller das vorstellt. Auch viele andere Kritikpunkte, die besonders gerne von wenig recherchefreudigen Fernsehredakteuren beflügelt werden, könnte man leicht entkräften. Man muss nur bereit sein, alles mit den Augen des Bewohners zu sehen. Wenn man lautstark die „armen Leute“ beklagt, die “den ganzen Tag im Eingangsbereich sitzen und verträumt in die Luft gucken“, sollte man mal in Erwägung ziehen, dass diese vielleicht ihr Leben lang genug um die Ohren hatten und nun froh sind, einfach mal ihre Ruhe zu haben. Während wir uns lieber über Ohrstöpsel mit dem iPod berieseln lassen.
Sicher, ich weiß auch nicht wirklich, ob sie so denken. Aber die Kritiker wissen es genauso wenig.
Wer gibt uns das Recht, die Wünsche von Hochbetagten beurteilen zu können?
Nicht zuletzt denken wir mal an die tausenden Beschäftigten im Seniorenbereich, die sich ständig unüberlegtes Gerede bis hin zu üblen verallgemeinernden Vorwürfen in reißerischen Fernsehmagazinen anhören müssen. 365 Tage rund um die Uhr im Schichtbetrieb machen sie ihren überwiegend guten Job. Was empfinden sie wohl dabei?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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