Angela Pokolm

Meine kleine Freundin Mimi

Ich war noch ein Kind, als mir zum ersten Mal bewusst wurde, was Leben, ein Lebewesen, ist. Es begegnete mir in meiner kleinen Freundin Mimi.

Mimi war eine weiße Maus. Sie kam in meinen Kinderalltag durch meinen älteren Bruder, der sie aus der Schule, aus dem Biologie-Anschauungsunterricht, mitbrachte.
Ich fühlte mich sofort zu dem kleinen weißen Geschöpf hingezogen, war fasziniert von ihrer Anmut, ihrer zarten Schönheit – und von ihrem Lebendig-Sein.


Für mich war es ein Wunder, mir vorzustellen, dass das winzige Tier ebenso Organe, wie Herz, Lunge, Gehirn und einen Kreislauf hatte, wie ich, die ich doch soo viel größer war.
Dass auch fragile, winzige Körperchen so funktionierten wie ich, sich bewegen, essen und trinken konnten, schliefen und aktiv waren, auch Vorlieben und Abneigungen und Empfindungen hatten, wie wir Menschen!


Und ganz besonders, dass ich mit dem Tierchen, so klein es war, bewusst in Kontakt treten, ja Vertrauen, sogar eine Freundschaft aufbauen konnte!

Ich erinnere mich noch gut, wie in meinem Kinderherzen mehr und mehr eine Ehrfurcht zu wachsen begann, vor diesem kleinen Geschöpf, vor allen Tieren, dann auch vor Pflanzen und überhaupt vor lebenden Wesen, auch wenn sie noch so unscheinbar und winzig wirken.
Eine Ehrfurcht und ein Staunen vor dem Leben, das mich bis heute begleitet.


Leider werden Mäuse wie viele kleine Tiere nicht so alt, sodass es nach etwa 2 Jahren hieß, Abschied für immer von Mimi zu nehmen.
Um den für mich sehr schmerzlichen Tod meiner weißen Freundin zu verarbeiten und die Erinnerung an sie lebendig zu halten, schrieb ich vor fast 50 Jahren den nachfolgenden Text.

 

Auf meiner Handfläche sitzt Mimi, meine weiße Maus. Sie hebt ihr spitzes, rosa Schnäuzchen und schnuppert.

Weiß ist ihr Fell, ganz weiß, wie frisch gefallener Schnee, und weich wie Samt.

Wenn Mimi sitzt, erscheint es, als ob ihre Pfoten viel zu zierlich wären gegenüber dem Leib, dem langen, geringelten Schwanz, der an Länge den Körper weit übertrifft. Und doch kann sie sehr schnell und gewandt laufen. In der Ruhe wird der Schwanz wie ein Ring um den Leib herumgelegt.

Mimis Ohren sind fast durchsichtig und mit feinen roten Adern durchzogen. Ständig sind die Ohren in Bewegung. Mimi hat ein außerordentlich feines Gehör.

An jeder Seite der Schnauze befinden sich lange weiße Schnurrhaare, Mimis Tastsinn. Sie sind weich wie Flaum.

Außer der Nase, den Pfoten, dem Schwanz, der Zunge und den Augen ist an Mimi alles weiß.

Das Schönste an ihr aber sind die rubinroten Augen. Weiße Wimpern umgeben sie. Wenn Licht in diese Augen fällt, schimmern sie wie Edelsteine, klar und fast durchsichtig.

Öffnet Mimi den Mund und trinkt, so kann man ihre winzige rosa Zunge sehen, mit welcher sie Tropfen für Tropfen Wasser aufnimmt.

Schokolade und Haferflocken sind ihre Lieblingsnahrung.

Ein Fremder möge sich hüten, Mimi aus dem Käfig zu nehmen. Sie beißt!
Und ihre nadelspitzen Zähne sind scharf.

Mir gehorcht Mimi aufs Wort. Ein Ruf und sie ist da.

 

Ich hatte viel Freude an Mimi, doch nun ist sie schon seit vielen Wochen tot.

 

Angela Pokolm
1972

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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