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DIE KINDERPSYCHE UND DER SANDKASTEN-BLUES

 

 TODDLER´S THOUGHTS




So, du glaubst also, wenn Klein-Jeremias sein Förmchen im Sandkasten fallen lässt und danach bitterlich zu weinen beginnt, das sei schon nicht so schlimm? Das sei ja kein Weltuntergang? Es wird schon nicht gar so dramatisch sein… Jeremias beruhigt sich in der Regel nach nur wenigen Minuten, mitunter dauert das Wehklagen nur Sekunden. Aber, weißt du denn auch wirklich, dass die Kleinkinderseele so wenig verletzlich, so oberflächlich gestaltet und so schnell beruhigt ist? Du weißt es eben nicht. Einblick mag dir diese seltene Momentaufnahme geben. Ein Blick in eine Welt, die du nicht kennst; die Kinderpsyche ist vielgestaltiger und greift tiefer, als du es jemals auch nur im Ansatz vermutet hättest. Hören/Lesen wir doch mal hinein...

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Hab Probleme mit der Koordination. Das kriege ich einfach noch nicht so richtig hin. Bei der Arbeit am perfekten Dino braucht es oft an die 4 Dutzend Hiebe mit dem Schäufelchen, bis dieser dreimal verflixte Sand fest im Förmchen sitzt. Das sieht für Außenstehende niedlich aus, wenn meine Sandschaufel sinnfrei ins Leere schlägt, für mich ist es unnötige Energieverschwendung und Raubbau an meinen Ressourcen, wenn ich so viel Kraft aufwenden muss, um die Basis zu schaffen – die Basis, den perfekten Dinokörper zu formen.


Andere haben es da viel leichter. Der mollige Bursche, hier links neben mir, wühlt und ackert angestrengt schnaufend, hat jedoch nur so eine olle, öde und völlig überholte Guglhupf-Form zu erschaffen. Das ist doch Pillepalle. Moppelkotze. Und so etwas von vorgestern. Da erprobt sich die fesche Rothaarige, auf 3 Uhr etwa, vielleicht flotte 17 Monate jung, schon an deutlich und wesentlich schwererem Gerät – sie möchte einen Seestern formen. Und wenn sie auf dieses schmucke grüne Förmchen einprügelt, dann sitzt beinahe jeder Hieb. Jener Bibendum (das ist der Name des berühmten Michelin-Männchens, komplett aus Autoreifen geformt) auf 10 Uhr ist sicherlich 3 Monate älter, wirkt aber wie ein Neugeborenes auf mich. Er ächzt und stöhnt, schwitzt und schnauft, kommt aber nicht entscheidend weiter. Wird später sicherlich ein brauchbarer "Bully".

Ich habe die schwerste Aufgabe im gesamten Sandkasten-Gewühle! Ich habe einen wahrlichen Hammer-Auftrag übernommen. Ich muss einen Dinosaurier formen. Und zwar eine Donnerechse. Ja wirklich – einen Brontosaurus. Das ist eine unglaubliche Herausforderung für einen 18 Monate alten Knaben wie mich. Dieser Hals… Dieser entsetzliche Hals. Aber was beschwere ich mich da? Ich habe es ja selbst so gewollt. Als Mutsch mir verschiedene Förmchen vorlegte, da habe ich sofort und ohne jedes Zögern den Bronto ausgewählt. Mutti wollte mir lieber den Guglhupf kaufen. Sicherlich traute sie mir den Brontosaurus noch nicht zu. Aber einen Guglhupf? Wo sind wir? Im Kimmeridgium? Aus dieser Zeit nämlich entstammt meine Donnerechse, eigentlich ist sein Name Apatosaurus (trügerische Echse). Und trügerisch ist auch die Annahme, ich könne diesen Hals wie aus dem Nichts, nach nur wenigen Versuchen, flott erschaffen.

Konzentriert schuftet der knuffige Rotschopf. Nie sieht er zu mir rüber. Sie ist nur auf ihr Werk fixiert. Die Erwachsenen würden sagen: Fokussiert auf das Wesentliche. Ich sehe viel zu oft zu ihr hinüber. Ich muss das lassen. Es wird noch auffallen. Außerdem habe ich jetzt keinerlei Zeit für Liebschaften, amouröses Getändel und Flirtattacken. Ich habe diesen vermaledeiten Bronto zu zähmen. In erster Linie den Hals. Den Rest kriege ich schon hin. Der massige Leib ist zwar in all den Versuchen stets ein wenig bröckelig geblieben, aber die kurzen Stummelbeinchen sind schon sehr passabel gelungen. Da werde ich immer besser. Wenn da doch nur nicht diese Millionen von Sommersprossen wären, auf 3 Uhr, die mich unentwegt ablenken. Und das süße Näschen. Mitunter wird es gerümpft. Das ist so niedlich, dass mein winziges Herz einen kleinen Hüpfer wagt. Die Sandkasten-Liebe... Sie wird häufig erwähnt, aber wirklich fundamental sind die unfassbar großen Gefühle einer solchen. Hier kann Leidenschaft fürs ganze Leben entstehen, zum Beispiel für rothaarige Geschöpfe.


Das Problem ist der Hals. Wie oft habe ich es schon versucht? Die Sonne steht jetzt tiefer. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass ich bereits, zusammen mit all den hard workers hier im Sand, gute 50  bis 60 Minuten stringent schufte. Das ist, in Erwachsenenzeit, fast ein ganzer Arbeitstag (netto natürlich, ergo etwa 5 Stunden!). Natürlich bin ich erschöpft, klar hätte ich jetzt gern ein wenig Bananenbrei oder Tee, aber ich hab ja einen Job zu erledigen! Da heißt es durchhalten, Disziplin ist jetzt das Alpha und das Omega! Ich schaffe das, merkele ich vor mich hin.


Blick zur Mutsch. Die unterhält sich mit den anderen Müttern, deren Kinder ernst und äußerst verbissen an ihren Förmchen arbeiten. Sie zeigt ab und an auf mich. Ob sie stolz auf mich ist? Trotz der mäßigen Arbeitsleistung? Dieser Hals… Verflixte Axt...

Der Sand muss sehr fest und auch ein wenig angefeuchtet in der Form sitzen, wenn der Hals des Brontosaurus gelingen soll. Und beim Umkippen der Form geschieht es meist. Er zerbröselt in regelmäßiger Abfolge. Ich könnte heulen. Straight ahead, auf exakt 12 Uhr, wütet ein „Big Bully“, sicherlich schon 2 Jahre alt. Mit dem würde ich mich nicht anlegen wollen. Seine Oberarme – wow – gemahnen an Arnies beste Zeiten (Pumping Iron). Ich bin tief beeindruckt. Und auch die Form hat es in sich. Eine sehr fein ziselierte Riesenmuschel. Sicherlich nicht ganz einfach. Aber, Kunststück, hier arbeitet ja auch der Klassenprimus, der Oberboss, unser Sandkasten-Capo! Ich nenne ihn, nur so für mich, den „Austrian-Stallion“, wobei ich A. Schwarzenegger und S. Stallone in einer einzigen, imposant wirkenden Person vor meinem geistigen Auge erscheinen lasse.


Die Hitze macht mir zu schaffen. Ich schenke meiner Mutti mein umwerfendstes Lächeln. Das wirkt immer. Sie eilt rasch herbei, mich zu herzen und zu knuddeln. Den Tee hat sie dabei. In großer Freude sauge ich die Flüssigkeit ein. Sie tupft mir die Schweißperlen von Stirn und der Nase weg, küsst mich selig, und entlässt mich wieder in den Sand, damit ich erneut meiner schweren, harten Arbeit nachgehen kann. Sie weiß anscheinend um meine Sorge, den Job heute nicht in der gewohnten Sorgfältigkeit ausführen zu können. Ich hinke dem Zeit-Plan hinterher. Wie oft habe ich schon geschaufelt, beklopft und gekippt? Es müssen jetzt schon neun Dutzend Versuche gewesen sein. Ärgerlich, denn bis auf EIN einziges Mal war das alles Ausschuss-Ware, Montag-Schrott, Murks, Abfall, Bruch, Ladenhüter-Mist, reines Pfuschwerk, Plunder, Ramsch, Schleuderware, Schund, Stümperei, Dreck, Tinnef, Shit, Katastrophe pur! Reine Makulatur. Und es steckt so viel Arbeit drin. Schweiß und Tränen. Aber das sieht ja niemand.


Wenn mein Vati, von mir liebevoll Pops genannt, mit mir hier her kommt, dann interessiert er sich fast nie für das Endprodukt. Das ist schade. Denn nach langer Tages Arbeit ist man ja doch froh, wenn ein Vertrauter sich des Outputs annimmt, es begutachtet und, vor allem, für ganz hervorragend befindet. Meine Mutter (Mutsch) dagegen ist immer für meine Arbeit zu begeistern, gleich, wie sie auch ausfallen mag. Sie lobt und vergöttert mich, über den grünen Klee hinaus weiß sie meine Arbeit zu lobpreisen. Das schmeichelt zwar, aber mitunter lässt sie ein wenig den Fachverstand und die Objektivität vermissen. Ich sehe es ihr nach. Auch, wenn ich ein Bild male, ist sie nahezu enthusiasmiert. Und ich bin weiß Gott nicht sonderlich talentiert.


Wir Kleinkinder wissen sehr wohl, dass, in den Augen eines Erwachsenen, das Kühlschrank-Gemälde unseres Hauses mit allen Bewohnern etwas gönnerhaft als sehr, sehr gelungen bezeichnet wird, ja, wir wissen auch, dass Erwachsene zu flunkern verstehen. In unserem Interesse. Dem, tja, Kindeswohl zuliebe. Wir wissen es und sagen nichts dazu. Weil viele von uns noch gar nicht reden können. Die meisten Toddler können kaum/wenig reden. Dass die Malkunst noch nicht ausgereift genug scheint, liegt im Auge des Betrachters. Uns sagen die Bilder sehr viel. In einem dicken Knubbel - in der Mitte - und mehreren Ellipsen drum herum können wir sofort eine Pferdedroschke mit Kutscher, sowie mehrere jubelnde, begeisterte Kinder entdecken. Unser Auge sieht anders, weiter, tiefer und durchdringender. Und was ich jetzt sehen muss, ist wirklich sehr traurig. Es geht um die rote Kati. Um die knuffigste Maus im kompletten Sandkasten-System, mit all seiner Hierarchie und all seinen Protagonisten.

Von meinem Pops weiß ich, dass alle rothaarigen Mädels Kati heißen. Immer. Grundsätzlich. Ja, mein Vater ist sehr klug. Also muss der Rotschopf auf 3 Uhr Kati heißen. Es geht ja gar nicht anders. Bisher hatte mein Vater immer Recht, mit allem, was er sagte. Big Boss Bully, unser Bautrupp-Vorarbeiter im Namen der Bizeps, hatte, möglicherweise unfreiwillig, Katis herrlich gelungenen Seestern völlig zerstört. Doch anstatt nun laut loszuheulen, ging Lady Kati gemessenen, wenngleich auch etwas wackligen Schrittes zu diesem Rabauken - und klapste ihm kurz, aber doch recht energisch, auf den gewickelten Po. Worauf dieser Bully (?) seinen massigen Kopf hochnahm und wie ein Hund mit einem langgezogenen Klageton eine Heul-Arie anstimmte, die nicht nur auf der Stelle seine schwergewichtigen Eltern auf den Plan rief, sondern alle die Winzlinge und anderen Kurzen im kompletten Sandkasten in helle Aufruhr versetzte. Mini-Monster-Massen-Panik, durchdrungen vom herannahenden Stampfen der Bully-Eltern, die zusammen möglicherweise gute 300 kg auf die Waage zu bringen vermochten.

Zwei weitere fingen sofort zu weinen an, wohl mehr aus Solidarität. Es waren Jungs. Es fängt schon früh an, dieses Alpha-Männchen-Gehabe: Von einem Mädchen geschlagen werden, nein, das kann kein Junge so einfach wegstecken. Das schmerzt sehr. Riesenaufregung. Die heranstürmenden Eltern, nun wild parlierend und gestikulierend, zerstörten manch anderen, mehr oder weniger gelungenen Grad der Konstruktionen unterschiedlichster Sand-Struktur-Arbeiten, Frucht vieler sehr harter Bemühungen. Sofort fing das kollektive Kreischen, Brüllen, Schreien, Quieken und Heulen an. Jetzt waren es schon 7 Kiddies, die mit schrillen Tönen ihr Leid verkündeten. Boss Bully wurde, allerdings unter Protest, aus dem Kasten entfernt. Katis Eltern und Bullys Leute lieferten sich ein herrliches Wortgefecht. Meine demütige Ehrfurcht vor dem Boss schwand, mein Respekt wich dem Gefühl, dass auch die Bully-Kapos durchaus zu knacken sind. Man muss nur bestimmt auftreten. Toll, Kati. Ich war voller Bewunderung für das rothaarige Power-Girl, das jetzt wieder sehr konzentriert dabei war, den SuperGAU-Schaden zu reparieren. Aber der Seestern war nicht mehr zu retten. Ich trauerte sacht mit ihr. Immer noch nicht bemerkt? Den knuddeligen süßen Boy dort drüben? Noch hatte sie mich keines Blickes gewürdigt. Vielleicht ist sie aber auch nur eine enorm fleißige, stark fokussierte und überaus konzentrierte Sandkastenform-Architektin. Will sich nicht ablenken lassen - brav! Imponiert mir!


Wenn man solch einen vierfach gewickelten Monsterhintern hat, dann kann doch wohl ein leichter Klaps unmöglich solch eine Wirkung erzeugen, oder?

Aber vielleicht war es nur der verletzte Stolz, der den Bully so übertrieben losquieken ließ. Angekratztes Ego, ein verletztes Selbstwertgefühl – das wird es sein. Nun ja, ein wenig malhonett war Katis Übergriff schon, aber durchaus angebracht. Ihr Seestern – zertrampelt, in jedem Fall konnte ich ihre große Verärgerung verstehen... Allerdings sollte man sich vor ihrem Zorn in Acht nehmen. Sie zögert nicht, hart durchzugreifen, wenn ihre Rechte verletzt werden. Und das gefällt mir sehr. Mädels mit Durchsetzungsvermögen und starkem Willen, ja, solche Powermädels gefallen mir, lassen mein noch kleines Herz höher schlagen. Eines Tages werde ich eine rothaarige Frau heiraten. Und sie wird Sommersprossen haben. Gut 3 Millionen davon... Und wir werden gut und gerne 36 Kinder haben. Und jedem dieser kleinen Sonnenscheine werden Brontosaurus-Hälse im Sandkasten mühelos gelingen.


Ich widme mich wieder meinem Dino. In gut 30 Minuten wird meine Mutsch zum Aufbruch drängen, da hilft kein Betteln und Flehen. Sie hat leider so gar kein Verständnis dafür, erst nach getaner Arbeit meine Baustelle mit mir zu verlassen. Sie zerrt mich auch mitten in der Schicht von der Form weg. Wenn sie auf die Uhr schaut und feststellt, dass es Zeit wird, das Abendessen vorzubereiten, dann kann ich den Bronto vergessen. Schicht im Schacht. Also halte ich mich besser ran.

„Konzentriere dich, Jeremias Jonas“, spreche ich mir leise Mut zu. Ich nenne mich immer Jeremias, hasse diesen Abkürzungswahn. Mein Vater macht aus der Mutsch stets eine „Mia“, obschon sie auf den wunderschönen Vornamen Anna-Maria hört. Aber Ich will nicht statt des verwegen klingenden Jeremias einen „Jerry“ oder einen „Remi“ hören. Und schon gar nicht „J J“, weil mein Nachname auch mit „J“ beginnt. Ich ein "Dschej Dschej"? No way! „Nun muss der Dino mir gelingen, sonst wird mich das Mäuslein beißen, muss nun Sand und Form bezwingen, gleich soll er in der Sonne gleißen!“


Guter Dinge begann ich mit der Filigranarbeit. Es ging gut voran. Endlich mal: Der Sand war ausgezeichnet, schön feucht, gut ausgewählt. Die Schläge mit der Schaufel saßen. Ich blickte nicht zu Kati hinüber. Immens konzentriert klopfte ich das Material in der Form fest. Und nun nahm ich die fertige Form hoch. Langsam, ganz langsam jetzt… Nur keine Panik. Nun gilt es. Gerade, da ich in die Pudding-Knie gehen wollte, in dem Moment, da ich in einem Schwung, von oben kommend, die Form mit Wucht in den Sand werfen wollte, als ich gerade mitten in der Bewegung war, jömmich, da entglitt mir dieses vermaledeite (periculum in mora!) Förmchen aus den unbeholfenen Mini-Wurst-Händchen….

What the fuck...


Katastrophe, Desaster, Armageddon!! Ich konnte gar nicht anders. Entsetzt schrie ich auf. Gequält, im höchsten Falsett, quietschte ich gekonnt meine entsetzlichste Seelenpein in den Nachmittagshimmel. Solch eine Tragödie kann keine Kleinkinderseele einfach so wegstecken. Mir schossen die Tränen nur so aus den Augen. Ich weinte so bitterlich, als hätte ich meine Lieblingspuppe im Säurebad untergehen gesehen. Kein Erwachsener kann ermessen, was ich da gerade litt. Ein perfekter Sand! Perfekt festgeklopft! Sauber verarbeitet, spitzenmäßige Oberfläche, feucht und schwer liegt die Form in der noch unsicheren Hand. Doch dann – die Apokalypse! Da fällt mir das Kunstwerk, so knapp vor der Vollendung, aus den Händen. Ich fasse es einfach nicht. Mutsch stürzt in heilloser Verwirrungsverzweiflung auf mich zu, alle im Kasten schauen mich bestürzt an, auch Kati nimmt Notiz. In ihrem Blick, den ich durch einen Tränen-Schleier leider nur undeutlich wahrnehmen konnte, bemerke ich die so kühle Distanz. Zum zweiten Male bereits wurde sie heute von starken Burschen enttäuscht, die sich letztlich als hypersensible Muttersöhnchen entpuppten, wenn es um Stresssituationen ging. Peinlich. Ich heulte nur umso mehr. Es tat ja sooo weh! Direkt hinterm Sternum stach der Schmerz so höllisch, es bohrte und brannte, er legte sich schwer und nachhaltig massiv auf die schwache Hühnerbrust, ich schrie förmlich. Da riss mich die Mutter auch schon hoch. Stark beunruhigt, leicht panisch.


Über ihre Schulter gelegt sehe ich die Überreste meines Dinos, meines einstmals so stolzen Brontos, dort im Sand liegen, zerbröckelt, kaum noch als Donnerechse erkennbar. Genauso gut könnte dies ein öder Guglhupf sein. Brüllend vor Weltenschmerz und ärgster Seelenpein, wippend im Takt der flotten Schritte, bin ich hilflos, so hilflos, muss alles ertragen, muss es leiden… Ich erkenne: Das Herz kann tatsächlich weh  tun, kann schmerzen. Und dort, wo ich meine noch winzig kleine Kinderseele vermute, dort drückt und presst es mächtig. Kati, mein Bronto, all die vergebliche Mühe, der Super-GAU, vor allem die Peinlichkeit, mich so zeigen zu müssen… Alles ist so schrecklich, so furchtbar, so entsetzlich. Ist das also das Leben???

Astrid Lindgren sagte: „Es ist schwer, ein Mensch zu sein, und das muss es vielleicht sein…“ Ich gebe noch, in tiefstem Leid, einen drauf: „Es ist noch viel schwerer, ein hilfloses kleines Bündel Mensch zu sein, sehr schwer, denn die Erwachsenen verstehen dich nicht und die anderen Kinder können grausam wie die Erwachsenen sein, und ich finde, es sollte auf gar keinen Fall so schwer sein. Es sollte, finde ich, Toddler Jeremias Jonas, deutlich leichter sein!“
Der liebe Gott schuldet mir eine Erklärung dafür, warum dieser letzte und nahezu perfekte Versuch in Sachen Brontosaurus-Plastik-Vollendung so enden musste. Ich bin untröstlich. Noch lange weine ich – meine Mutsch hat keine Ahnung, warum ich psychisch gesehen so derangiert über ihrer Schulter liege, schreie und kreische. Sie kann mich nicht beruhigen, weder durch einen Schnuller, den ich wütend ausspucke, noch mit Bananenbrei, weder mit süßem Tee oder mit einem Stück weißer Schokolade. Sie kann nicht wissen, was mich plagt. Und ich kann es ihr (noch) nicht sagen. Und so gestaltet sich unser Zusammenleben wie das eines Mannes, der mit Mitte 40 von zuhause auszog und sich nun über eine Agentur mittels Katalog eine Braut aus der Ukraine bestellte, die kein einziges Wort Deutsch spricht, und eben jener Frau, in großer Erwartung nach Deutschland gereist, die nun, so desillusioniert, leider feststellen muss, dass dieser alte Mann nicht einmal Englisch spricht, einem C-Horrorfilm entsprungen zu sein scheint und zudem von Hartz IV lebt…
Man sitzt schweigend in der Küche, rührt im Kaffee, blickt sich ab und an fragend an, nickt betroffen. "Zigarette?" "Danke!" So also ist das Leben???

Ja, so ist das Leben. Exakt so. Wie ein Marmeladenbrot, das auf die bestrichene Seite vom Küchentisch auf den verschmutzten Küchenboden gefallen ist – und das man dennoch zu essen gezwungen wird!! Von irgendwelchen Spaßverderbern. Von einem Bully, von einem übellaunigen Vater, von sadistischen Geschwistern, von bösen Onkeln oder auch von dem Schwarzen Mann, den es laut Pops und Mutsch nicht gibt, dem ich aber bereits persönlich begegnet bin. Es ist wirklich brutal hart, ein Toddler zu sein! Und DU beklagst DICH, weil DU bei der Beförderung übergangen wurdest? Weil die Kerrygold-Butter im Discounter ausverkauft war? Weil ein Strafzettel für falsches Parken DEINEN Tag zu einem Scheiß-Tag machte? Würdest DU einmal versuchen, einen Brontosaurus in einem Sandkasten mit miserablem Problem-Sand zu fabrizieren? Der sogar dem scharfen, analystischen Kennerblick einer kessen Kati standzuhalten in der Lage wäre? Der einen Bully-Capo überzeugen würde? Und dessen dreimal verflixter ellenlanger Hals beim Stürzen und vorsichtigem Hochnehmen der Form auch HÄLT??? Mach´ das mal.


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Und? Hast du deine  Meinung geändert? Hast du einen kleinen Einblick in die Kinderpsyche erhalten, die dir Aufschluss darüber gibt, wie groß der Seelenschmerz auch in einer Kinderseele sein kann? Ist deine Sicht der Dinge verändert worden durch eben jene Sandkasten-Tragödie, die du eben gelesen hast? Ich würde mich freuen, wenn du nun auch die kleinsten aller Menschen etwas ernster nehmen könntest. Das würde mich wirklich sehr freuen. Sie haben es genau so schwer wie DU selbst. Wenn nicht sogar schwerer.

Und, bitte: Höre genauer hin, nimm die Details noch besser wahr. Achte auf Mimik, Gestik, auch auf die Körpersprache ganz allgemein. Und du wirst sie sehr viel besser verstehen, deine kleinen Kinder!



DANKE ALLEIN FÜR DEN VERSUCH!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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