Jürgen Skupniewski-Fernandez

Der Weg zum Berg

Am Frühstückstisch:

„Du bist so still, schaust nachdenklich. Hast du wieder etwas Intensives geträumt?“, fragte sie ihn mit warmer sanfter Stimme und goss ihm eine Tasse Kaffee ein. Er schaute sie an, als würde er durch sie hindurchsehen. Er nahm seine Tasse in die Hand und führte sie wie ein „rohes Ei“ an den Rand seiner Lippen. Er spürte das heiße Porzellan und der frisch aufgebrühte Duft gemahlener Kaffeebohnen umschmeichelte seine Nase; schaute sie dabei an und nickte zustimmend mit dem Kopf, um auf ihre Frage zu antworten. Dann folgte ein aus der Tiefe Gequältes, lang gezogenes und Nachhallendes: „Jaaaaa“. Sie saß ihm stumm gegenüber und hörte ihm schweigend zu.

Da war diese große Gruppe, wohl Teilnehmer eines angedachten Meetings. Sie standen alle um einen ausladenden Konferenztisch. Es mögen gut dreißig Personen gewesen sein. Sie unterhielten sich lebhaft. Er selber aber stand abseits und beobachtete die Szenerie.Dann plötzlich trennten sich die Teilnehmer wie auf Kommando und liefen zerstreut in alle Richtungen. Der Raum war leer. Er drehte sich daraufhin um und sah sich in einem ausgedehnten, flachen, übergroßen Gebäude mit unzähligen Räumen, die alle irgendwie mit diversen Durchgängen verbunden waren. Wände und Decken der Räumlichkeiten veränderten sich und nahmen mehr und mehr das Aussehen des Verfalls an. Überall löste sich der Putz und bröckelte zu Boden. Da wo sich der Putz gelöst hatte, quoll plötzlich Wasser heraus und tropfte immer stärker von der Decke wie feine Bindfäden. In kleinen Rinnsalen floss es die Wände hinunter. Es hatte außerdem den Anschein, dass sich an den Decken dicke Blasen bildeten, die jeden Moment zerbersten. Dann schien es, dass es überall nur noch durchsickerte wie ein plötzlicher Schauer. Wahrscheinlich hatte es draußen ein extremes Unwetter gegeben. Anders konnte man dieses Ausmaß nicht bewerten.

Er erblickte den gemauerten Durchgang einer Tür. Da stand zwischen den heftig tropfenden Wassertriaden seelenruhig, ohne Anflug emotionaler Regungen, eine gepflegte Frau um die Fünfzig. Ihr glattes, faltenloses Gesicht war von makelloser Natur und strahlte förmlich, als er sie anschaute. Ihre hellblonde Frisur rahmte ihr Gesicht. Er spürte, dass da noch zwei weitere Personen anwesend waren, konnte sie aber nicht sehen, sondern nur ihre Anwesenheit fühlen. Zwei ihm sehr vertraute Menschen; ein alter Freund und die Aura seiner Mutter aus jungen Tagen. Die blonde Unbekannte kam ihm irgendwie gar nicht so unbekannt vor, konnte sie aber absolut nicht einordnen. Sie stand im Türrahmen und redete unaufhörlich. Er verstand nur Wortfetzen. Es ging wohl um das Ausmaß von Naturgewalten und fortdauernde Regenfälle. Dann forderte sie alle auf ihr zu folgen. Sie wollte alle zu einer neugebauten Einrichtung führen, die vor solchen Wetterphänomen ausreichend Schutz bot. Sie durchquerten eine ausgedehnte Halle. Da, mit einem Male, wölbte sich die Decke und schwoll zu einer großen Blase an. Das Gestein dehnte sich und er erwartete nun, dass sich ein Gemisch aus Wasser und Geröll über sie ergoss. Doch dem war nicht so. Es platzte lediglich ein Stück Putz ab und ein kleines Rinnsal trat aus.

Sie verließen das Gebäude und betraten eine breite Straße. Auf der gegenüberliegenden Seite führten zwei Eingänge in die Tiefe. Die Straße war voller Menschen, teils durchnässt, teils noch unversehrt vom Unwetter. Alle drängten zu den unterirdischen Zugängen. Die Blonde bedeutete, dass sie (er und die unsichtbaren Vertrauten) ihr zum rechten Eingang folgen sollten. Man erkannte sofort, dass diese Einrichtung ein Neubau war. Die Materialien schienen alle von besonderer Qualität zu sein. Das verchromte Geländer glänzte, als hätte man es gerade vorher poliert. Sie stiegen alle gemeinsam die Treppen hinab und folgten der blonden Frau. Das Ganze war etagenweise angelegt. Man musste also von Etage zu Etage hinabsteigen. Die Treppen allerdings führten immer nur nach rechts. Das war schon auffällig. Auf jeder Etage gab es eine Art Einsteckvorrichtung für angelegte Karteikarten. Auf allen Etagen waren die Einsteckvorrichtungen mit Karten belegt, sodass davon auszugehen war, dass diese Etagen bereits mit Schutzsuchenden voll besetzt waren. Also mussten sie tiefer hinab steigen. Dann hatte er das Gefühl, als würden sie die Treppen immer schneller hinuntergleiten und die Distanz zwischen der blonden Frau und den unsichtbaren Vertrauten vergrößerte sich rapide, bis sie ganz entschwanden. Er konnte ihre Nähe nicht mehr spüren. So befand er sich nun ganz alleine in einer unbekannten Tiefe auf irgendeiner Etage. Es kam ihm vor, als stünde er in einem Dead End; irgendwie kam er nicht weiter. Doch da erschien eine weitere Treppe, die aber nicht in die Tiefe führte, sondern nach oben. Seltsam war es schon. Er stieg daraufhin die Treppe hinauf, die in einem kleinen geschlossenen Flur endete.

Er erblickte eine große, hölzerne Tür. Sie stand eine Handbreit auf. Aus dem Spalt drang ein leuchtendes, strahlendes Licht; ein sonnendurchfluteter Raum. Neugierig und behutsam drückte er die Tür ein Stück weiter auf. Sehr schlicht und einfach, in der Mitte lediglich mit einem rechteckigen Holztisch und vier Stühle bestückt, sonst sah er nichts weiter. Nur dieses Licht war ungewöhnlich kraftvoll. Und dann erschien links vom Mobiliar eine kleine Gruppe lachende und lebhafte Kinder. Sie waren so unbeschwert und wirkten sehr zufrieden. Doch da trat, wie aus heiterem Himmel, hinter der Tür ein junger Mann hervor. „Schon besetzt!“, sagte er und verschloss daraufhin die Tür.

„Und nun“, dachte er bei sich: „Wie komme ich jetzt weiter? “. Kaum ausgesprochen, drehte er sich um, und vor ihm lag ein schräg aufsteigender Ausgang. Der Ausgang endete im Tageslicht. Verwundert und froh ging er zum Ausgang hinauf. Doch hier wartete bereits die nächste Überraschung auf ihn. Vor dem Ausgang rauschte ein wilder grauer Fluss vorbei. Er machte nicht gerade einen vertrauensvollen Eindruck. Wütend, wirsch strömte er an ihm vorbei.

„Ob ich in ihm ertrinken werde?“, fragte er sich und zögerte ins Wasser zu gehen. Da hörte er in nicht allzu weiter Ferne Kinderstimmen. Er drehte sich nach rechts und sah Kinder schreiend und rufend durchs Wasser laufen. Da erkannte er, dass das reißende Wasser zwar gefährlich aussah, aber nichts Anhaben konnte. So stieg er in die bewegte Flut und stellte somit fest, dass das Wasser lediglich knöcheltief war, er aber nicht nass wurde. Daraufhin bemerkte er, dass er eine Tüte mit gefülltem Gebäck bei sich trug. Eigentlich isst er wenig Süßes. Er öffnete die Tüte und steckte ein Teilchen in den Mund. Es zerging im auf der Zunge und die Füllung war von einer ganz besonderen Süße.

Er stand mitten in der grauen Strömung und sah auf die spielenden Kinder aus der Ferne. Dabei dachte er: „Werden die Kinder zu mir kommen, um auch was vom Gebäck verlangen? Wird es überhaupt genug zu essen geben? Oder ist diese Tüte noch das einzige Nahrungsmittel, was noch bleibt?“ Alle diese Fragen stellte er sich und bemerkte wie er die Tüte mit dem Gebäck mehr und mehr umklammerte und fest an seinen Körper drückte. Die Kinder aber kamen nicht. Er schaute die Strömung aufwärts. Entweder entsprang der Fluss direkt dem Erdreich oder er kam aus einer Biegung hervor. Überall da wo er entlang strömte, war nicht nur sein Wasser, sondern auch jegliche Landschaft schmutzig grau. Doch hinter der Biegung des Flusses in der Ferne führte eine kleine befestigte Straße zu einer leuchtend grünen Landschaft und über allem ragte ein majestätischer Berg mit seinem hellgrauen Gestein in den blauen Himmel. Die hohen Lagen waren partiell noch mit Schnee bedeckt. Und alles so farbintensiv, dass er gar nicht mehr seine Augen davon lassen konnte.

„Wenn es denn hier keinen Ausweg mehr gibt, dann brauche ich auch keine Angst mehr zu haben, dann gehe ich hin, den Pfad entlang und schaue mir noch einmal diese wunderschöne Landschaft und den Berg an“. Und als er so sann, verschwand das gräulich wilde Gewässer und mit ihm die spielenden Kinder. Vor ihm lag die kleine befestigte Straße. Dem Hügel hinauf stand ein kleines Bauernhaus. Dahinter öffnete sich alles Grün und in der Mitte thronte der Berg mit seinem Gipfel und der Schnee schmückte ihn wie Zobel eine Majestät. Und als er auf die rechte Straßenseite schaute, reihten sich alte historische Häuser auf, aufgefrischt vom Laub begrünter Bäume. Er war ganz begeistert und ging voller Freude die kleine Straße entlang, immer den Berg im Blick.

„Ja, so war es“, endete er. Sie hatte aufmerksam zugehört und schaute dabei nachdenklich auf ihn. Er aber nahm daraufhin einen großen Schluck Kaffee aus seiner Tasse und lächelte innerlich, während sein Blick auf das Fenster gerichtet war.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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