Marlon Fischer

Unter der Brücke


Viele Dinge auf dieser Welt geschehen aus einem Grund. Wir alle hier, die das zufällige Glückslos gezogen haben in der ersten Welt zu leben, tun alles- und ich meine wirklich alles, nur weil es einen Grund hat. Nur ganz selten haben unsere Taten keinen tieferen Sinn oder nebenstehenden Zweck, wobei wir uns über dessen Bedeutung oft selbst nicht im Klaren sind.
 

Wir stehen jeden Morgen auf. Das hat zum einen biologische Gründe, zum anderen geschieht es aus gesellschaftlichen Zwang. Der Chef ruft; oder die Kinder müssen zur Schule. Stehen wir einmal nicht auf, haben wir ebenfalls Gründe - weil wir frei haben oder krank sind. 

 

Wenig später folgt die Entscheidung zwischen Kaffee oder Tee. Seien Sie doch mal ehrlich und geben zu, dass Kaffee einfach das bessere Dopingmittel für frühe Morgenstunden ist. Aber Sie können inzwischen kaum mehr ohne das schwarze Gold. Sie wollten nicht mehr soviel davon trinken, erinnern Sie sich? Ob Sie nun den Filter aus der Packung nehmen oder doch Wasserkocher einschalten ist eine Entscheidung, für die Sie Gründe haben. 

 

Menschen brauchen Gründe. Sie benötigen sie, damit sie ihrem Tun eine sinnvolle Verkleidung geben können. Sie brauchen sie, damit ihr Alltag Struktur bekommt und das Leben, mit seinen unerwarteten Drehungen und Wendungen, trotzdem seinen roten Faden behält, an dem sich ein Jeder entlanghangeln muss. Ausnahmen sind unerwünscht. Doch nur weil dieses Bedürfnis nach Ordnung und Struktur da ist, bedeutet das in keinster Weise, dass dieser Wunsch von unserer Umwelt oder gar dem Universum erhört wird. Das wiederum ist völliger Schwachsinn.

 

Wir sprechen von einem Konstrukt, einem Konzept. Eine Annahme, dass ein tieferer Sinn mit all unseren Taten einhergeht. Dabei liegt es in unserer menschlichen Natur Dinge zu tun, die uns Schaden - manchmal sogar umbringen. Heute brechen wir uns ein Bein beim Aussteigen aus dem Auto, morgen entwickelt sich ein bösartiger Zellklumpen in unseren Organen und frisst uns von Innen auf. Wo liegt da der tiefere Sinn?

 

Solche unerwarteten Ereignisse können uns dazu zwingen aus unserer Struktur auszubrechen. Wir werden dazu genötigt Dinge zu tun, die möglicherweise keinen tieferen Zweck haben oder einfach nur gegen unsere Natur sprechen. Manchmal können diese irrationalen, grundlosen Taten genau richtig sein, um das Schlimmste zu verhindern; auf der anderen Seite können sie genauso mit dem Tod enden...

 

Der Vormittag war super gewesen, sie hatten erst Prügelspiele gespielt und später die dazugehörigen “Moves” auf dem Trampolin im Garten nachgemacht. Mit seiner dickeren Statur, so wie Mama es ausdrückt, hatte Tom zwar wesentlich mehr geschwitzt als sein Kumpel Oscar, aber das ihm war egal. Trotzdem hatte es Spaß gemacht und niemand hatte irgendwelche Sprüche über Dicke gerissen. So einer war Oscar nicht.

 

Aber jetzt sind sie zu dritt. Und der Sprücher-Zähler ist zählt bereits die Vier. Sie hängen alle zusammen im Garten ab - Er, Oscar und dieser Eric. Sie spielen das Quartett, das Eric von zuhause mitgebracht hat. Es geht um Insekten. Tom findet das eklig, aber Eric steht auf Insekten. Wenn er keine Sprüche über Toms Übergewicht macht, dann spricht er den kleinen Krabblern. 

 

“Ey, die Viecher können eine Atombombe überleben!”, oder “Junge, die ham’ nur eine Königin, die tausend Eier legt! Wie krass is n’ das?!”, hört er ihn labern.

 

Oscar ist inzwischen auch etwas ruhiger geworden. Tom überlegt, ob er die Verabredung mit Eric vergessen haben könnte. In der Schule hatte er zumindest nichts von dieser Dreier-Konstellation erwähnt. Außerdem scheint er ebenfalls keine Lust auf das Insekten-Quartett zu haben. 

 

Oscars Mutter kommt heraus und bringt ihnen Getränke. Tom weiß, dass in der Küche auch eine zuckerfreie Limonade steht. Er möchte Sie am liebsten haben, traut sich aber nicht zu fragen. Er erinnert sich daran, dass Oscar in der Schule etwas von einer zuckerkranken Schwester erwähnt hat. Er weiß nicht wie krank sie wirklich ist und traut sich schließlich gar nicht. Stattdessen nimmt er sich eine Cola. 

 

Neben leckeren Getränken, Prügelspielen ab 16-Jahren und einem Trampolin im Garten gab es bei Oscar wirklich nichts woran es ihm fehlte. Er war wirklich froh, dass er in der neuen Klasse so schnell jemanden kennengelernt hatte. “Ein Junge mit seiner Statur hat es nicht leicht; Kinder, gerade in seinem Alter, können so grausam sein.”- all jene Sprüche, die er in den hitzigen Gesprächen zwischen Mama und Papa aufgeschnappt hatte, hatten sich nicht bewahrheitet. Oscar war einfach zu einem guten Freund geworden, dem Gewicht egal war.

 

Sag endlich, wie viele Beine haste’?”, fragt Eric wohl nicht zum ersten Mal, als er Tom ins Jetzt zurückholt. Dabei deutet er mit seinem Finger auf Toms letzte Karte.

 

Ähh.. keine”, antwortet Tom und blick dabei auf seinen Blutegel. Hätte der Idiot mal nach der Altersspanne gefragt, die liegt nämlich bei 5-20 Jahren.

 

Dann rüber damit!

 

Er gibt seine letzte Karte gerne ab, so muss er nicht mehr mitspielen. Dabei wirft Oscar ihm einen “du Glücklicher”-Blick rüber und Tom kann sein Grinsen nicht verstecken. 

 

Was ist los?”, fragt Eric sofort. “Gibts n’ Problem, oder so? Habt ihr gemogelt!?

 

Niemand mogelt hier.”, antwortet Oscar gelassen. “Aber bei dem Wetter Kartenspielen ist irgendwie langweilig, oder Tom?

 

Ja, schon ein bisschen”, Tom ist es unangenehm, dass vor Eric zuzugeben.  Obwohl er den Kerl nicht mag, möchte er ihn trotzdem nicht verärgern. Andererseits ist er froh, dass Oscar etwas gesagt hat und fügt schnell noch ein unterstützendes “Wir könnten ja zum Kiosk bei der Schule gehen?” hinzu.

 

Find ich gut, was meinst du?”, dabei richtet sich Oscars Frage an Eric.

 

Der schaut bedröppelt auf seine vielen Karten, welche er den beiden während des Spiels abgerungen hat. Er sieht dabei ein bisschen wie ein schmollendes Kleinkind aus, doch schließlich packt er sein Quartett zurück in die kleine Plastikbox und lehnt sich in den Gartenstuhl zurück.

 

Wie ihr wollt.”, kommt es dabei trocken zurück. “Aber ich hab keine Kohle mit.

 

Das macht nichts, wir schmeißen zusammen!”, und damit gibt Oscar das Startsignal zum Aufbruch.

 

Die drei Jungs packen ihre Sachen, darunter ein bisschen Geld, ein paar kleine Flaschen Limonade und Oscar nimmt sogar ein Pfadfinderbuch samt Ausrüstung mit - für den Fall, dass sie später noch auf Erkundungstour gehen sollten. Tom fällt auf, dass er seinen ferngesteuerten Monstertruck, der mit den Flammenzungen drauf, noch im Rucksack hat. Wenn sie später an der Skaterbahn vorbeikommen, könnte er damit nochmal einen richtigen Knaller bei den Jungs landen. Eric hingegen unternimmt keinerlei Anstalten, er trauert immer noch seinen Insekten hinterher. 

 

Nachdem die Vorräte und das wichtigste Equipment für ein neues Abenteuer gepackt sind, machen die Jungs sich auf den Weg. Auf Höhe des Gartentors wird die Expedition noch einmal angehalten.

 

Oscar Kolesnikow, hast du nicht etwas vergessen?

 

Sie blicken zurück und sehen Oscars Mutter auf der Terasse stehen. Neben ihr steht ein kleines Mädchen, welches sie an der Hand hält. Sofort beginnt Oscar die Augen zu rollen und sich nach hinten zu lehnen.

 

Oh, komm schon, Mama! Nicht heute!

 

“Wie nicht heute?” empört sich seine Mutter. “Gestern auch schon nicht und die ganze letzte Woche hast du-...”

 

Jaja, ist ja schon gut!”, unterbricht Oscar sie. Er ist jetzt fast so rot, wie Tom im Gesicht. Er dreht wieder um und nimmt seine Schwester an die Hand. Dabei lässt er seine Mutter noch einmal einen bösen Blick spüren und kommt dann zurück.

 

Du brauchst gar nicht so zu schauen, junger Mann!”, kommt es noch hinter ihnen her, als sie durchs Gartentor gehen. Hätte Frau K. gewusst, dass dies ihre letzten Worte waren, die sie an ihren Sohn richtete, hätte sie sicherlich andere gewählt. 

 

Eine kurze Zeit später befinden sich die Jungs und das kleine Mädchen namens Anna auf dem Bürgersteig in Richtung Kiosk. Dort wollen sie sich mit weiteren Vorräten eindecken. Toms vorherige Vorfreude ist nun ziemlich abgeflacht, er geht still hinter Oscar und seiner Schwester her. Unweit hinter ihm schlendert Eric. Als die Gruppe den Kiosk, direkt neben der geschlossenen Schule, erreicht, kaufen sie noch ein paar Snacks und gehen dann rüber zu den Sitzbänken neben der Sporthalle, wo sie sogleich die erste Tüte, der gekauften Chips öffnen. 

 

Also, was machen wa? Es ist ultra langweilig hier!”, kommt es aus Eric heraus, der auf dem ganzen Hinweg kein Wort von sich gegeben hatte. 

 

“Wir können nicht viel machen, ich hab jetzt diese Fußfessel am Arsch”, Oscar deutet mit seinen Augen auf seine Schwester links neben ihm.

 

Arsch ist ein böses Wort!”, stellt diese fest. “Mama sagt, Arsch darf man nicht sagen!

 

Mama sagt vieles.”, seufzt Oscar und legt die Hände ins Gesicht.

 

Wenns so weitergeht, geh’ ich nach Haus”, fängt Eric nun an zu drohen. “N’ bisschen Action wär cool. Ich hab auch ‘n hammer Vorschlag!” Tom hofft insgeheim, dass er seine Drohung einfach wahr macht, anstatt jetzt wieder zu reden.

 

“Da is’ dieses fette Abflussrohr, unter der Brücke bei dem Bach. Letztens haben se’ das Absperrgitter entfernt und du kannst jetzt reinkriechen.”

 

Tom weiß, welches Abflussrohr er meint; es liegt auf seinem Schulweg. Man kann dort ganz einfach an der Seite der alten Holzbrücke hinunter in die Böschung klettern und dann war man schon unten drunter.  Es war wirklich ein gutes Versteck und eine perfekte Basis für weitere Erkundungen. Allerdings war ihm neu, dass man das Gitter am Rohr entfernt hatte. Er konnte sich nur an das völlig überwucherte, abgesperrte Rohr erinnern. Und generell war ihm die Idee dort hinein zu kriechen nicht Geheuer -er mit seinem Übergewicht und seiner Angst vor Ratten. Was ist wenn er stecken bliebe oder gebissen würde?

 

Kannste vergessen, Mama bringt mich um wenn wir mit Anna dahin gehen.”, winkt jetzt Oscar ab.

 

Ich sag Mama nichts, wenn ich auch Arsch sagen darf!”, schlägt Anna vor, während sie aufgeregt am Ärmel ihres Bruder zupft. “Bitte, Oscar! Ich versprechs! Indidanderehrenwort

 

Das heißt Indianer-”, sagt Oscar, während er die Blicke seiner Jungs prüft.

 

Dabei schauen sie sich an und wägen still ab. Eigentlich nur er und Oscar - für Eric ist es bereits beschlossene Sache. Tom weiß nicht so recht, was er von der Idee halten soll. Es klingt wirklich nach einem Abenteuer, dazu möchte er nicht wie ein Feigling wirken und nickt schließlich. “Ja, meinetwegen. Klingt ganz cool.

 

Schwörst du wirklich?”, Oscar fragt noch einmal bei seiner Schwester nach. “Ich möchte keine gekreuzten Finger sehen!

 

Indianerehrenwort!

 

Gut, worauf warten wir?”, fragt ein nun viel besser gelaunter Eric, der anscheinend  die Führung übernommen hat. Wer hatte ihn eigentlich zum Bestimmer gemacht?

 

Jeder von ihnen nimmt sich noch  eine krümelige Hand Chips, danach schmeißt Eric die Tüte auf den Boden. Tom hebt sie auf und bringt sie in den Mülleimer, danach holt er wieder zu ihnen auf und sie gehen gemeinsam weiter. Auf dem Weg malen sie sich aus, wie sie dort eine Leiche entdecken, den Fall lösen und zu Helden der Stadt erklärt werden.

 

Schon von weitem ist die alte Holzbrücke erkennbar. Sie steht zwischen einem kleinen Sportplatz und einem Weg, der direkt am Feld entlang führt. Tom mag diesen Weg nicht, er muss ihn jeden Morgen zur Schule gehen. Allerdings kommen sie gerade daher, als hätte er Schulaus; das macht es besser. 

 

Als sie an der Brücke ankommen, schnallen sie ihre Rucksäcke los und klettern über den kleinen, modrigen Holzzaun daneben. Oscar muss seiner Schwester beim Übersteigen helfen, doch danach haben sie es fast geschafft. Durch die dicht bewachsene Böschung geht es jetzt seitlich an der Brücke hinunter zum Bachbett. Unter der Brücke liegt jede Menge Müll und Schrott herum. Das besagte Abflussrohr, neben der Böschung hat tatsächlich kein Gitter mehr. Direkt unter der Brücke sind feste Eisenstangen zur Stabilisierung angebracht. Tom erinnert sich, wie er früher unter den Stangen entlang gehangelt ist - als er noch dünner war. Irgendwas reizt ihn nun es nochmal zu probieren. Doch als er hochspringt um sich am ersten Balken festzuhalten, glitscht er sofort ab und landet hart auf dem Hintern. 

 

Schallendes Gelächter bricht aus Eric heraus, er klopft sich auf das Knie und zeigt daraufhin auf Tom, der immer noch im Dreck sitzt. “Haha! N’ paar Kilo zu fett, wa?

 

In diesem Moment wäre Tom am liebsten direkt nach Hause gegangen. Er konnte Eric nicht leiden - vielleicht hasste er ihn sogar. 

 

Du bist einfach ein Arschloch, Eric”, hört er sich aus Wut und Schmerz sagen. Eric hat nicht mit so einer Antwort gerechnet und schaut ihn aus großen Augen an. Jetzt muss er schnell nachlegen, sonst würde er gleich wieder eingeschüchtert werden. “Wenn du meinst du kannst es besser, dann probiers doch! Die ganze Zeit große Sprüche, aber nichts dahinter.

 

Soso”, sagt Eric und krempelt sich die Arme hoch. “Der Fette möchte ‘ne Mutprobe, die kann er haben.

 

Eric stellt sich vor Tom hin und betrachtet die Balken unter der Brücke. Oscar und Anna stehen immer noch etwas weiter abseits und betrachten den Wettkampf missmutig. Schon jetzt hat Tom keine Lust mehr auf Streit, doch es ist bereits zu spät für einen Rückzieher. Warum hatte er es überhaupt versucht? Eric startet, nimmt sogar Anlauf, springt haarscharf an Tom vorbei. Er bekommt eine Stange zu fassen, baumelt einige Male heftig hin und her, doch irgendwann schaukelt er nur noch leicht - und bleibt hängen. Dann saugt er laut die Luft ein und wagt sich zur nächsten Stange, dann zur nächsten Stange, dann zur Nächsten. Mittlerweile ist er über dem Bachbett und ein Sturz würde nasse Kleidung bedeuten. Tom erwischt sich dabei, wie er beide Daumen für dieses Szenario drückt. Dann müsste dieser Schwachkopf nach Hause gehen und sie wären ihn los.

Zu seinem Bedauern legt Eric eine wahre Meisterleistung hin und schafft es letztlich trocken die andere Seite zu erreichen. Als er loslässt, landet er auf seinen Füßen und klatscht sich ein paar Mal in die Hände. 

 

“Siehste, Fettsack? Kein Problem für mich.”

 

Dann ist das ja geklärt”, wirft Oscar ein, der sich nun zum immer noch im Dreck sitzenden Tom begibt. 

 

Er reicht ihm eine Hand und Tom versucht ohne erneutes Stürzen wieder aufzustehen. Dabei fragt er sich, warum Oscar nur so einen Idioten als Freund haben kann, wo er selbst doch so ein total netter Kerl ist. 

 

Nix geklärt! Der hat mich Arschloch genannt und herausgefordert!”, protestiert Eric auf der anderen Seite. “Jetzt ist er selber dran!

 

Du hast doch schon gesehen, dass ich das nicht kann”, sagt Tom, der wirklich keine Lust mehr auf Ärger hat.

 

Dann kletter halt in den Abfluss, oder so. Da gehörste eh’ hin.

 

Tom hatte befürchtet, dass er das jetzt sagen würde. Er betrachtet das Rohr, dass wenige Meter neben der dem Bach aus dem Boden ragt. Keine zehn Hunde würden ihn da rein kriegen, soll Eric doch rummotzen wie er will. Dann fällt ihm etwas auf.

 

Wo ist Anna?”, fragt er mehr zu sich selbst, als zu den anderen. Er schaut Oscar an, der sich ebenfalls umdreht und die leere Böschung betrachtet.

 

Eben war sie noch da.”, sagt Eric genervt von der anderen Seite.

 

Aber jetzt nicht mehr, du Tarzan-Schwachkopf!”, platzt es aus Oscar heraus, aus würde er etwas sagen wollen, dass er schon lange für sich behalten musste. 

 

Oscar, geht schnell zurück zur Böschung und klettert wieder hinauf. “Anna?! Anna?!”, hören ihn die beiden still geworden Jungs unter der Brücke rufen. Sie schauen sich kurz in die Augen und beschließen dabei ihren Wettkampf beizulegen.


Einige Zeit später kommt er wieder herunter geschliddert. Panik steht in seinem Gesicht geschrieben. Weint er ein bisschen? 

 

Wo ist sie?!”, fordert er von ihnen. “Tom, du musst doch was gesehen haben!

Dieser kann sich nur zu gut denken, wo Anna hin ist. Und er glaubt, dass Oscar es auch weiß, nur noch nicht wahrhaben möchte.

 

Sie..- Sie stand direkt neben dem Rohr.”, sagt er dann heiser. Dabei verliert Oscar nun jegliche Farbe aus dem Gesicht und Tom kommt sich schrecklich vor.

 

Anna?!”, schreit er noch einmal, wobei seine Stimme unter der Brücke wie in einem großen Raum klingt. Doch Anna antwortet nicht. Nur der Fluss und der Wind in den Sträuchern ist zu hören ist. Ein Fahrradfahrer fährt über der Brücke entlang und lässt sie kurz von unten Wackeln, dann ist er wieder fort. 

 

Oh Scheisse, oh verdammte Kacke!”, weint Oscar los.

 

Tom möchte einen Schritt auf seinen Freund zugehen, doch dieser dreht sich sofort um und geht zum Rohr. 

 

Anna! Anna! Hallo?!”, schreit er ins Rohr hinein, Tom stellt sich hinter ihm.

 

Eric ist inzwischen dabei auf der anderen Seite wieder hochzuklettern, um dazuzustoßen. Offensichtlich ist auch ihm die Lust auf akrobatische Mutproben vergangen.  Als er dann selbst einen Blick in das Rohr wagt, packt ihn auch die Angst. Es ist wie ein schwarzes Loch, das jegliches Licht nach wenigen Metern verschlingt oder ein Tunnel ins reine Nichts.

 

Wa-was machen wir jetzt?”, fragt er.

 

Ich geh da jetzt rein. Anna braucht ihr Insulin. Irgendwer sollte nach Hause gehen und Mama rufen.”, antwortet Oscar nun in einem seltsam ruhigen Tonfall. Er scheint sich bereits einen Plan gemacht zu haben, doch Tom ist sich nicht sicher. 


Vielleicht sollten wir direkt zu deiner Mama gehen?

 

Keine Zeit.”, kommt als Antwort zurück, dann beginnt Oscar in das Rohr zu kriechen. 

 

Ey, warte kurz!”, Tom möchte ihn irgendwie aufhalten, doch er weiß nicht wie.

 

“Keine Zeit.”, kommt es noch einmal hallend aus dem Rohr zurück, indem er Oscar nun immer tiefer hineinkriechen sieht. Es dauert nicht lang, dann ist der Bruder von Anna in der Dunkelheit verschwunden.

 

Da hockt er nun und schaut das in unfassbare Dunkel, aus dem er immer wieder das Stöhnen und Kriechen seines Freundes entnehmen kann. Er kommt sich so hilflos und nutzlos vor - obendrein schuldig an dieser ganzen Geschichte. Ohne seine blöden Streit, wäre Anna niemals unbemerkt abgehauen. Warum tut sie sowas überhaupt? Jetzt wäre ihm ein Insektenquartett tausend Mal lieber gewesen. Meinetwegen auch den ganzen Nachmittag - das ganze Wochenende, hauptsache nicht Das hier.

 

Was mach ich hier?”, denkt er zu und realisiert, dass er womöglich wertvolle Zeit vergeudet. “Und wo steckt eigentlich Eric? Er sollte schon längst wieder bei uns sein.

 

Er wendet sich vom Rohr ab und schaut sich um. Nachdem Eric die Böschung auf der anderen Seite hochgeklettert war ist er nicht zurückgekommen. Ist er noch unterwegs? Holt er bereits Hilfe? Eine dunkle, aber völlig wahrscheinliche Vorahnung beschleicht ihn. 

 

Ich bin gleich wieder da!”, ruft er in das hallende Rohr hinein und klettert daraufhin wieder zum Holzzaun hoch, an dem sie ihre Rucksäcke geparkt haben. Er sieht seinen und er sieht Oscars Rucksack, außerdem eine kleine lila Handtasche für Mädchen - aber keinen vierten Rucksack.

 

Du dummes Arschloch! Du dummes, scheiß-blödes Arschloch!”, ruft er, in der Hoffnung, dass Eric in hören kann. 

 

Tom schnappt sich die übrigen Rucksäcke, sowie die Handtasche und schliddert wieder nach unten. Er hat das Gefühl, dass die Situation zusehends aus seinen, mittlerweile kalten, schweißigen Händen gerät. Als nächstes beugt er sich wieder ans Rohr und ruft hinein:

Alles in Ordnung? Hast du sie gefunden?

 

Stille. Nichts. Er bekommt keine Antwort. 

 

Oscar?!”, wiederholt er zittrig. 

 

Tom horcht ist Rohr hinein. Da war kein Kriechen oder Stöhnen mehr. Da war nur noch Dunkelheit und Stille. Ungefähr einen Meter klettert er nun selbst hinein und ruft nochmal. “Oscar! Anna!”, aber er bekommt keine Antwort.

 

Dann klettert er wieder heraus. Irgendetwas ist ihnen im Rohr zugestoßen und sie brauchen Hilfe, doch er ist allein. Was war zu tun? Wieviel Zeit blieb ihm noch bis etwas wirklich Schlimmes passiert? Ist es bereits passiert? Sollte er Hilfe suchen gehen oder bei ihnen bleiben? Für jede Entscheidung fallen ihm tausend gute Gründe ein, doch er muss sich für einen Weg entscheiden. In diesem Moment wünscht sich Tom seine eigene Mama oder seinen Papa - hauptsache irgendwer, der weiß was zu tun ist. Dann, endlich, beginnt sein Gehirn zu rattern und nach Wegen zu suchen. 

 

Er legt seinen Rucksack ab und holt den ferngesteuerten Monstertruck heraus. Für einen kurzen Moment betet er, dass die Batterien in der Fernbedienung noch funktionsfähig sind, doch der Truck reagiert problemlos auf seine Eingaben. Er stellt das Vehikel vor dem Rohr ab, dann kommt ihm ein zweiter Gedanke. 

 

Er durchsucht den Rucksack seines Freundes und findet dabei allerlei spannende Dinge, die einen wunderbaren Nachmittag zu Zweit hätten ausfüllen können. Selbst für den dummen Eric wäre etwas dabei gewesen. Allerdings keine Taschenlampe. Schließlich muss er sich mit ein paar gefundenen Knicklichtern aus der Seitentasche zufriedengeben, die er sofort beginnt zu knicken. Dann versucht er sie irgendwie am Truck zu befestigen, welches sich jedoch als wackeliger herausstellt, als gedacht. Doch hat er wirklich noch eine Wahl? “Das muss jetzt einfach klappen.”

 

Er nimmt die Fernbedienung und sein Erkundungsfahrzeug in die Hand und setzt sich vor das Rohr. Dann betätigt er den Joystick und sein leuchtender Monstertruck beginnt damit vorzustoßen. Anfangs glaubt Tom, dass die Knicklichter keine Hilfe sind, doch sobald der Truck etwas tiefer drin ist kann er schon ein bisschen was erkennen. Es ist nicht viel, doch das kleine leuchtende Fahrzeug bleibt in der Dunkelheit in Sicht. Für einen kurzen Moment stellt sich Tom vor, dass Oscar neben ihm sitzen würde und sie gemeinsam den Tunnel mit ihrem Spezialfahrzeug erkunden, doch er verwirft den Gedanken schnell. Oscar war da drinnen und er war hier draußen. 

 

Ungefähr gute zwanzig Meter dringt der Truck in das glitschige Rohr vor, dann verliert sich eins der Knicklichter auf dem Weg, plötzlich löst sich die ganze gesteckte Konstruktion und die Lichter bleiben auf dem Boden liegen, während das Fahrzeug weiter ins Dunkel fährt. “Nei-in!”, hallt es in das Rohr hinein. Trotzdem entscheidet er sich dafür, die Mission fortzusetzen.

 

Irgendwann hört Tom ein Geräusch: Durchdrehende Spielzeug-Reifen. Er kennt das Geräusch gut, denn es passiert ihm ständig, dass der Monstertruck irgendwo hängen bleibt. Er versucht seinen Truck etwas um die Stelle herum navigieren, was sich als äußerst schwierig herausstellt, wenn man das Fahrzeug nicht sieht. Vielleicht handelt es sich auch um etwas Großes, das sich nicht umfahren lässt. Plötzlich läuft es ihm kalt den Rücken runter. Vielleicht handelt es sich um die Oscar oder Anna.

 

Aber das müsste bedeuten, dass sie seine Rufe die ganze Zeit gehört haben müssten. Und wenn es  das wirklich so war, dann…


...dann starre ich sie schon die ganze Zeit ihre Leichen an, ohne sie sehen zu können. Vielleicht schauen sie ja auch die ganze Zeit zurück, ohne das ich es gemerkt habe.

 

In diesem Moment drehen bei ihm die Sicherungen endgültig durch. Tom steht auf und blickt sich letztes Mal um - niemand in Sicht. Er ist allein. Hier wird so schnell niemand zur Hilfe kommen. Daraufhin begibt er sich auf alle Viere und krabbelt in das Rohr, das zuvor auch seinen neuen, besten Freund und dessen Schwester verschlungen hat. Alsbald wird auch er in von der Dunkelheit gefressen. Von draußen ist noch einige Zeit ein leises Krabbeln und Schluchzen vernehmen. Dann herrscht auch unter der Brücke wieder Stille. 

 

(ENDE) 






















 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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