Lorena Misir

Anders sein

„Kennst du das, wenn draußen der Sternenhimmel so klar ist, so frei und dann, wenn man rein geht, wird er dunkel, gefangen in einer kleinen Zelle."

„Wer ist gefangen? Du oder der Himmel?"

Man vernahm ein leises, dumpfes rascheln, als sie ihren Arm hinter ihren Kopf legte.

„Das ist eine interessante Frage. Ich schätze mal beide. Ich, gefangen in meiner Gestalt als Mensch. Der Himmel für ewig gefangen als Etwas. Etwas, dass schöne Tage bringt, schlimme Stürme, in der Nacht den Menschen ein schönes Sternenbild gibt. 

Als das beschreiben sie ihn doch alle. Die Menschen haben längst ihr Urteil über dem Himmel getroffen, findest du nicht auch?"

Er nickte, obwohl es zu dunkel war, als das sie es hätte sehen können. 

„Als was würdest du den Himmel beschreiben?", fragte er und wartete lange auf Ihre Antwort.

„Ich bin auch nur ein Mensch. Aber wenn ich mir eine Meinung nur für mich bilden könnte, dann wäre meine Antwort, dass der Himmel alles und nichts ist."

Ihre Sichtweise auf die Welt, auf das Leben, war das, was sie erst so besonders machte. 

Sie schwamm nicht mit dem Schwarm mit. 

„Der Grund, warum man sich keine Meinung bilden kann, ist der, dass alles vorgeschrieben ist. 

Es ist nicht gut anders zu sein. Manchmal sollte man sich vielleicht anpassen. Mal wie alle sein. Normal. Das wünschen sich doch alle einmal, oder etwa nicht?"

Er taste im Gras nach ihrer Hand. Sie hielt sie fest. Ganz vorsichtig und sachte zwar, aber so fest, als ob ihre Leben davon abhingen. 

Dann war es wieder still. Sie überlegte, wie sie ihre nächsten Worte formurlieren sollte. 

„Da hast du den Grund. Keiner möchte anders sein. Sie mögen vielleicht alle den Wunsch hegen, etwas besonderes zu sein, aber mir die allerwenigsten Menschen sind auch so. Alle anderen lassen sich manipulieren", nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „oder eher zurechtbiegen." 

Sie drückte seine Hände nun fester. Trotzdem war es nur ein leichter Impuls, der bei ihm ankam. 

„Ich möchte nicht sagen, dass ich nicht wie alle anderen bin. Aber manchmal wünsche ich mir, unabhängig von andern sein zu können. Ich tue nichts dagegen. Nur diesen leeren Worte. 

Und schon dieser Punkt macht mich wie alle anderen."

Er hörte sie tief ausatmen. 

Ihre Worte echoten in seinem Kopf nach. 

Er dachte über das gesagte nach. Woran sie beide unterschiedlich waren. 

„Manchmal"' fing er schließlich an, „möchte ich wie alle sein. Weil ich auch nur ein Mensch bin. So wie in solchen Momenten. 

Einfach hier zu liegen, du neben mir, wie wir die Zeit genießen könnten, wenn wir aufhören würden uns um Dinge Gedanken zu machen, die wir nicht ändern können." 

Nach Minuten des Schweigens, löste sie die Stille. 

„Ja du hast Recht. Ich muss vermutlich einfach anfangen auf dich zu hören."

Sie rückten näher aneinander. Ihre Schultern berührten sich, ihre Hände ineinander verschlungen, hatten halt gefunden.

„Um deine Frage zu beantworten. Ja, ich kenne das. Zum Glück bist du fast immer bei mir." 

Mit einem Lächeln stimmte sie ihm zu: „ Ich liebe doch auch."

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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