Steffen Herrmann

Rotkäppchen, die Psychoanalyse

Das Märchen vom Rotkäppchen ist allen bekannt und – auch als ‘Petite Chaperon rouge’ oder ‘Piroschka’ – als roher Archetyp in das kollektive Gedächtnis verschiedener Nationen eingegangen. Als wackerer Denker vor dem Herrn will ich nun dessen Fundamente freilegen und die wahre Bedeutung enthüllen. Lassen wir sie also beginnen, die Psychoanalyse des Rotkäppchens!

Das Personal besteht aus fünf Personen, drei weiblichen – der Grossmutter, der Mutter und dem Rotkäppchen selbst – und zwei männlichen – dem Wolf und dem Jäger. Darüber hinaus spielen noch einige Dinge eine Rolle: ein Kopftuch, ein Korb, ein Wald, Blumen und eine Hütte. Wir haben es also mit einer überschaubaren Zahl von Elementen zu tun, deren Beziehung zueinander nun analysiert werden soll.

Beginnen wir mit den weiblichen. Sie stehen eindeutig im Zentrum der Geschichte, die Protagonistin als Gravitationszentrum, flankiert von ihren Vorfahren.  Der Wolf taucht als dunkles Motiv am Horizont dieser Lebenswelt auf, bricht in diese herein. Der Jäger, als dessen Antipode kommt erst zu Schluss, beinahe zufällig ins Spiel, vor allem, um alles zu einem guten Ende zu bringen.

Wir können die männlichen Personen zunächst also vernachlässigen: ‘Rotkäppchen’ ist eine Erzählung ganz aus weiblicher Perspektive. Was hier sogleich auffällt, ist, dass es sich um eine Familie handelt. Kind, Mutter, Grossmutter. Nur, wo sind die Männer? Der Grossvater? Vermutlich tot. Kein Bruder? Es gibt keinen oder er zählt nicht. Der Vater? Ja, warum spielt der Vater keine Rolle? Die Männer glänzen durch Abwesenheit, sie sind aus der Geschichte verbannt und lassen das Feld ganz der Frau, der heiligen Dreieinigkeit von Tochter, Mutter und Grossmutter.

Der weibliche Personen, drei namenlose weibliche Personen. Zwei davon: die Mutter und die Grossmutter werden nach ihrer Stellung in der Familie bezeichnet, relational zur Protagonistin und diese wiederum – nach einer Sache. Wir haben es also mit einem anonymen, archetypischen, weiblichen relationalen Gefüge zu tun, das förmlich nach Aufklärung schreit. Das Mädchen ist nach einem Tuch benannt, einem Kopftuch: Symbol der Verhüllung und der Scham. Doch nicht schlicht nach einem Kopftuch, sondern nach einem ROTEN Kopftuch. Und rot ist, wie jeder weiss, eine grelle Farbe. Es ist die Farbe der Lockung, der Aufreizung, die Farbe der geschminkten Lippen, die Farbe des Feuers. Und es ist die Farbe der Leidenschaft, des Blutes, die Farbe der Menstruation, der Lust und der Fruchtbarkeit. Dieses ‘kleine’ Mädchen, so markiert durch ihre Geschlechtsgenossinnen, ich eigenes Blut, soll nun ins Halbdunkel des Waldes geschickt werden.

Was wartet dort auf sie: Die Männer. Es ist der böse und der gute Mann, der Wolf und der Jäger, beide Herren des Waldes. Das ‘kleine’ Mädchen begibt sich also in das Reich des Männlichen, in ein geheimnisvolles und dunkles Universum.

Schauen wir an den Beginn der Geschichte. Es gibt zwei Heime der Geborgenheit: das Haus von Rotkäppchen und ihrer Mutter und die Hütte der Grossmutter und dazwischen einen dunklen Wald, in dem der Wolf stromert. Nun ja, die Grossmutter lebt bloss in einer Hütte, am Rande des Waldes, also nahe an dessen Gefahren, vielleicht innerlich mit ihnen verbunden. Sie ist krank und alt und in dieser Morbidität nahe der Natur, bereit, ein teil von ihr zu werden. Sie ist auch nahe des Waldes und des Wolfes.

Wie dem auch sei: der Wald, mit dunkler Männlichkeit bevölkert, ist eine Zone der Gefahr. Und nun schickt die Mutter das ‘kleine Mädchen’ genau dadurch. Warum, zum Teufel, tut sie das?  Warum tut sie das nicht selbst? Ist es nicht der tiefste Kern einer Mutter, das Kind vor Gefahren schützen zu wollen? Sollte sie nicht selbst die Sachen zur Grossmutter bringen? Was ist das für eine Mutter. Gewiss, sie hat ausreden, viel zu tun, etc., aber diese zählen nicht.

Und nun Rotkäppchen. Es schlägt alle Warnungen in den Wind und geht vom Wege ab, um in immer dunklere Bereiche des Waldes zu kommen. Sie tut alles dafür, verführt zu werden, ja sie verführt sich schon selbst, der wolf wird förmlich herbeigerufen. Was sie tut, ist das Pflücken von Blumen, sie bemächtigt sich fremder Schönheit. Damit knüpft sie ein Band zur Grossmutter denn ihr sind sie gewidmet und sie zerschneidet die Verbindung zur Mutter, denn sie brach ihr Versprechen brechen, nicht vom Weg abzugehen.

Welche Rolle hat nun Rotkäppchen? Sie sorgt dafür, dass der Wolf zur Grossmutter findet oder die Grossmutter zum Wolf, sie ermöglicht die Vereinigung der beiden – im Bauch des Wolfes, einer geschlossen, geschützten Sphäre im Zentrum des Wilden. Und sie tritt später in diese Einheit ein: einverleibt und verschlungen, im Gravitationszentrum der Gier und der Lust, verloren und geborgen, in Ruhe und Dunkelheit liegend, getrennt von der Mutter, vereint mit Grossmutter und Wolf.

Und was für eine Perversion, für eine Vertauschung der Geschlechterrollen! Im Bauch hockend, zur Verdauung bestimmt, die Inversion einer Schwangerschaft.  Und schwanger ist der Mann, durch die Stillung seiner Gier. Man sieht, wie die Ekstase der Lust alles durcheinanderwirbelt, keinen Stein auf dem anderen lässt.

Nur was ist mit der Mutter? Warum muss sie draussen bleiben? Was wird ihr zur Last gelegt? Bleibt ihr tragischerweise der Zugang zur Lust verwehrt? Es sieht leider so aus. Schauen wir uns die Art der sexuellen Blockaden der Frauen kurz an. Rotkäppchen ist durch Jugend, Erziehung und Keuschheit geschützt. Doch das Mädchen wächst heran und wirft diesen Ballast einfach weg und das, indem sie sich zur Komplizin der Grossmutter macht. Denn diese hat es schwerer: alt und nicht mehr schön, einsam am Waldrand hausend, hat sie den Zugang seit langem verloren und dämmert sehnsuchtsvoll der Vergangenheit nach. Die Jugend der Enkelin bringt die Erlösung, indem sie ihre Verbindung zur wilden Männlichkeit wiederherstellt.

Die Mutter aber scheut die Welt der Lust. Sie will nicht in den dunklen Wald, sie will dem Wolf nicht begegnen. Sie fürchtet sie Sünde mehr als den Tod, verklemmt oder sogar frigide verlebt sie ihre Tage. Sie begnügt sich mit kleinen ‘Sünden’. Gewiss, sie schickt der Grossmutter Kuchen und Wein, nicht Brot und Milch. Mag sie beschwipst werden und ein bisschen mollig, das ist IHRE Auffassung der Lust.

Die Mutter. Sie geht als Siegerin vom Feld. Denn sie einen Komplizen, den Jäger. Der gute Mann, der Retter, der Schwiegersohn. Gewiss, auch er hat ein Schiessgewehr, ein langes, spitzes, immer einen Schuss frei.  Doch er räumt den bösen Mann vom Feld. Der böse Wolf, warum verschlang er die beiden nur, anstatt sie zu töten. Warum hielt er sie in seiner Höhle lebendig? Getötet, vom Jäger, dem Guten. Ist er nicht der, der unschuldige Rehe und süsse Hasen erschiesst. Was verbirgt sich hinter seinem einnehmenden Äusseren?

Das Märchen vom Rotkäppchen …. Wie man es auch dreht, es hat kein gutes Ende genommen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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