Hans Fritz

Halborientalisch


Die Trollnahms sind gerne Gastgeber und die Gäste stets vollauf zufrieden. Sie selbst folgen nicht gerne Einladungen, doch manchmal bleibt nichts anderes übrig, schon allein aus realpolitischen Gründen. Von den Quendelbachs erhalten sie via Mail die Einladung zu einem ‘halborientalischen Abendessen’, und zwar nächsten Freitag 19.30. Bitte um Nachricht. Beide Familien kennen sich aus dem Jagdklub, wo zwar nicht gejagt, aber heftig über Gott und die dahinsterbende Welt debattiert wird.

Die Begeisterung der Trollnahms, Max und Saskia, hält sich zunächst einmal in Grenzen. «Doch wir können da nicht absagen», meint Max. «Schliesslich ist der Arnulf Quendelbach ein erfolgreicher Anwalt und wer weiss, wie wir seine Hilfe noch einmal brauchen können. Ich darf doch zusagen?» «Ja, notgedrungen», seufzt Saskia. «Halborientalisch – was das auch immer bedeuten mag. Jedenfalls werde ich das rote Kopftuch, das ich vor ein paar Wochen beim Kelleraufräumen trug, in die Tasche stecken, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein».

Es ist Freitag, nicht gerade der dreizehnte, aber immerhin Freitag, als die Trollnahms ihren protzigen SUV vor der Quendelbach’schen Garagenzufahrt abstellen.

Die Begrüssung verläuft sachlich, kühl. «Wir sind mit dem Wagen da, denn es gibt ja sicherlich keinen Alkohol», meint Max, sonst einem zünftigen Tropfen nicht abgeneigt. «Nein, Alkohol gibt es nicht», sagt Frau Lotti Quendelbach. «Wir bieten euch einen guten Gemüsesaft an». Artig überreicht Max der Gastgeberin einen gemischten Strauss. «Blumen aus dem eigenen Garten», erklärt er. «Oh, eine gute Auswahl», findet Arnulf.

Max Trollnahm, von Berufs wegen Filialleiter in einem Supermarkt, ist schliesslich stolzer Besitzer eines ewig blühenden Gartens mit vielbestaunter Blumenuhr.

Nach allerlei Geplauder begeben sich die vier geradewegs in die Essecke, die durch rotblaugelbe Butzenscheiben geläutertes Sonnenlicht ein märchenhaftes Flair erfährt. Was die Trollnahms in Staunen versetzt ist, dass der barocke runde Tisch und auch die Stühle sehr kurzbeinig sind. «Aha, das nenne ich halborientalisch», meint Max, «durchaus gelungen!» «Habt ihr das Mobiliar für unseren speziellen Abend irgendwo ausgeliehen?« möchte Saskia wissen. «Nein», erklärt der Anwalt. Nach der Rückkehr aus unserem Urlaub fanden wir die früher einmal normalbeinigen Stühle mit gekürztem Vorderbein vor. Wie es dazu kam, möchten wir euch nach unserem bescheidenen Mahl erzählen. Die Sache hat nämlich einen etwas unappetitlichen Hintergrund». Ein Wort wie «Seise» tönt aus dem Nachbarzimmer. «Das war Ferdi, Frau Merxmüllers, einer Bekannten, ältester Papagei, den wir seit ein paar Tage in Pflege haben», erklärt Lotti.

Unter Anwendung einiger turnerischer Übungen nehmen die Herrschaften Platz, wobei sich bei den Quendelbachs offensichtlich schon eine gewisse Routine eingeschlichen hat.

Max lobt Arnulfs schon fast antiquarisches Buch über ‘Ungerechtigkeiten in der Justiz’, das früher auf der halben Welt gebührende Beachtung fand, heute nur noch die Halbwelt fasziniert.

Lotti verabschiedet sich für einen Moment, um Minuten später mit einem vollbeladenen Servierwagen zurückzukommen. Nebenbei gesagt - Es ist das Privileg der Gastgeberin und Hausfrau in Personalunion sich beim Anbahnen lästiger Fragen vonseiten der Gäste, zwecks Zubereiten des Mahls in die Küche zurückziehen zu können.

Das Entree ist eine Maissuppe ‘Zia Alzeana’, gewürzt mit viel Ingwer. Dann werden ‘Lammspiesse Alibaba’ mit Auberginenpüree und Süsskartoffeln nach Abenteurerart aufgetischt. Als Hauptgetränk dient ein butzenlichtbestrahlter bunt schimmernder Gemüsesaft. In einer Karaffe steht Mineralwasser bereit: Bad Flunkersbacher Urquell, halbstill. Jetzt ertönt aus der lauschigen Ecke zwischen dem wuchtigen Bauernschrank aus massivem Holz und dem antiken Vertiko eine halblaute Melodie mit Panflöte und Orgel. «Das ist aber meines Wissens nicht orientalisch, auch nicht halb», meint Max enttäuscht. «Ach, du verstehst eben nichts von Musik», meint Saskia. «Ich, die vormalige Musiklehrerin, finde die Musik trotzdem sehr schön». «Richtig», pflichtet Arnulf bei. «Nicht alle auf den Orient bezogene Musik klingt orientalisch».

Schokocreme mit Zitroneneiswürfelchen oder, alternativ, Ziegenkäse mit Fetzen aus Fladenbrot runden das Mahl ab. Auch die Begleitmusik wird jetzt fetzig. Wer möchte, kann sich noch an Grüntee oder fast echt orientalischem Mokka gütlich tun.

Nochmals nebenbei bemerkt - Hin und wieder verschwand der Arnulf durch eine Seitentür. Einmal liess er sie mehr als einen Spaltbreit offen. Saskia sah auf einem Beistelltischchen eine Flasche Whisky stehen und machte sich darüber die seltsamsten Gedanken.

«Doch nun müsst ihr, bevor wir uns verabschieden dürfen, das Geheimnis der gerade so eindringlich erlebten Kurzbeinigkeit der Möbel verraten», bittet Max.

Arnulf berichtet: «Wie es der Zufall wollte – wir genossen unseren Urlaub am Nordseestrand, währenddessen sich die Minckers, unsere Nachbarn, auf Zypern sonnten. Die Minckers hatten einen Bekannten namens Nöbbi Nachtschwand gebeten auch hier Vorgarten und Zimmerpflanzen während unserer Abwesenheit zu versorgen. Der Mann verhalte sich manchmal etwas absonderlich, sei aber trotz allem sehr gewissenhaft. Er habe einmal einen Lebensmittelhersteller verklagt, weil in der Buchstaben-Fertigsuppe angeblich ein V fehlte.

Nöbbi hatte gerade unsere Wohnung betreten, als von der Strasse her per Megaphon die Aufforderung kam, wegen einer nicht kontrollierbaren Seuche Stuhlproben bei der städtischen Gesundheitsbehörde abzuliefern, und zwar eine Probe pro Einwohner und Dauergast. Anhand des Inventars konnte Nöbbi die Anzahl Bewohner unseres Domizils errechnen. Es betraf namentlich uns Hübsche und die beiden schon erwachsenen Kinder, die uns ein paar Tage zuvor besucht hatten. Doch nahm sich Nöbbi alle auffindbaren Stühle vor und sägte das untere Ende des jeweils linken Vorderbeins auf einer Länge von gut zwanzig Zentimetern ab. Dann schleppte er die hölzernen Proben in einem gut verschnürten Jutesack zur Behörde.

Das Mincker’sche Mobiliar blieb verschont. Als nämlich Nöbbi da am nächsten Morgen Hand anlegen wollte, kam ihm die Zugehfrau, Evelyn Sidolsky, in die Quere, die sein frevelhaftes obgleich vielleicht sogar gut gemeintes Tun gerade noch verhindern konnte. Nun, die Stuhlfragmente aus unserem Besitz fanden angeblich beim städtischen Grillfest als begehrtes Trockenholz passende Verwendung. Die Minckers haben uns in einem Brief auf Nöbbis Sägerei aufmerksam gemacht. Entschuldigt für dessen seltsames Tun haben sie sich nie. Bald nach unserer Rückkehr und Überwindung des Schreckens beschloss ich sämtliche lädierten Stühle und auch den unversehrten Esstisch durch Absägen der verschonten Extremitäten auf die gleiche, möchte mal sagen Gebrauchshöhe zu bringen. Die Rekonstruktion der Sägeopfer durch Handwerker wäre wesentlich teurer gekommen als der Kauf neuer Möbel. Die sind mittlerweile schon bestellt, per Internet bei einer Firma Langbein & Klapperschot».

«Mein Gott, das ist ja ein Ding, kaum zu glauben -», ereifert sich Saskia. «Was ergab die Untersuchung der echten Proben, soweit die überhaupt abgeliefert wurden?» möchte Max wissen. «Nichts, rein gar nichts», erwidert Lotti.

Beim Abschied im Flur ertönt noch einmal Papagei Ferdis Kurzkommentar.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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