Karl-Konrad Knooshood

Leben im Gefäß

Ich scheine in einem Gefäß zu sein. Es ist bauchig, leicht gerundet, etwas verschwommen oder unwirklich sieht man die Umgebung schemenhaft, alles starr, stumm, still – auf unheimliche Weise. Ich fühle mich komisch, ganz eigenartig, schummrig, dösig ist mir, wie in watteweicher, wässriger Trance.

Eine leicht trübe Flüssigkeit umgibt mich, doch ich kann mich kaum bewegen, bin unförmig, völlig amorph und unpässlich, hässlich zudem. Ich schaue an mir herunter, ich bin die Ausgeburt, das Rolemodel abstoßender Anti-Ästhetik, giftgrün und pickelig, leicht krumm. Dennoch fühle ich mich weich und schleimig in mir, irgendwie unbeschreiblich toxisch. Ich merke allmählich, dass ich, dichtgedrängt mit meinen Artgenossen, Meinesgleichen, alles so deftig ekelerregende "Viecher", sehen alle gleich aus, wie ich, in der Flüssigkeit schwimmend, ausharrend, muss ich sein, kann mich nicht befreien.  Möchte schreien, Giftgalle speien, alles rauslassen, raus hier, Hauptsache raus und weit weg, weit, weit hinfort!

Bloß weg aus dieser Hölle, aus diesem degenerativen Zustand, dem passiven, lethargischen Ausgeliefertsein in einer semitrüben, sauren Flüssigkeit, wohl Wasser, aber "mit was drin", eine Art Wasser-plus, nur nicht mit künstlichen Fruchtaromen, sondern mit irgendwie gezuckerter, übersalzener Lösung, mit irgendwelchem modrigen, grünen Schmutz in annähernd meiner nein unserer Farbe: giftig, nicht essbar aussehend, wie ein Pflanzengift aus giftigen Pflanzen oder aber als Pflanzenschutzmittel gegen aggressive Fressfeinde, in der Regel: Insekten. Oder wie diese ekelerregenden Schoten aus "Die Dämonischen"…

Keiner spricht, dicht an dicht liegen, hocken, schwimmen oder schweben (irgendetwas dazwischen) wir apathisch in der Lösung, die so sauer sein muss, dass es sich wohl um Essig handeln muss. Ich kombiniere: Essig, um uns "schmackhaft" (leidlich) und vor allem lange haltbar zu machen. Ich schaue genauer hin, ich will es wissen. Was bin ich, wo bin ich, warum bin ich (hier) – und was kann ich tun, um meiner trostlosen Lage zu entkommen oder sie zumindest zu verbessern?

 

Ist das eine Strafe hier? Wer zum Höllenjadefuchs hat das angeordnet? Ich erkenne beim eingehenden Betrachten, dass es sich beim vermeintlichen "Schmutz" in Wahrheit um…echt jetzt?...Kräuter handelt. Ich versuche zu schnuppern, sehe allerdings nur: Ich hab keine Nase. Aber es ist…Dill, Thymian (?), Petersilie…und mikroskopische Paprikaflöckchen, dazu diese charakterlosen, wenig pittoresken gelben Minikügelchen, eine Art Körner…Ich hab's: Senfsaat, das sind Senfkörner! Mir ist schlecht, mich schüttelt 's und vomieren will ich. Vor mir, vor meinen mit ihren rauen Häuten sich an meiner rauen Haut aufgrund der Enge versehentlich, unvermeidlich reibenden Leidensgenossen, weiß nicht mehr, wie viele Stunden ich hier schon verweile(n muss), aber es muss lang sein.

Das gläserne Gefäß, das ich um mich herum sehe, spüre, vermuten muss, ist allzu fest versiegelt, ein dunkler Deckel, völlig lichtundurchlässig. Seltsam – doch bedrohlich auch. Ich will hier raus! Habe Platzangst! Klaustrophobie! Spüre echt üblen Superekel, mir ist gnadenlos trüb zumute, werde depressiv und mutlos!

Gebt mir mein Leben zurück! Ich bin eine Gurke! Irgendeine, inkarniert in eine, Spreewaldgurke oder aus China, vielleicht Malaysia, mir voll scheißegal! Ich hab ein Leben! Womit hab ich das verdient, hab ich was falschgemacht? Wieso bin ich in diesem Glas? Soweit es meine schwachen Gurkenaugen zulassen, soweit ich mich inmitten meiner dichtgedrängten Leidensgenossen bewegen kann, erkenne ich jetzt die Exo-Umgebung, die das Glas umgibt, es ist ein altes Regal…ja…, ein hölzernes, etwas morsch, fast jedenfalls, aus gelblichem, schartig farbstumpfem Altholz. Da stehen noch lauter andere Gläser! In einer fast undurchsichtigen, dunklen Flüssigkeit eines anderen Glases sehe ich dicke, in der Farbe der um sie bestehenden Flüssigkeit ebenfalls sehr enganliegende, dichtgedrängte Kugeln, größer als Kirschen, ganz eindeutig. Grünlich. Blitzschnell – jäh kommt mir die Erkenntnis: Sie haben Stacheln, Stachelbeeren! Und die großen roten Kugeln, in rötlicher Flüssigkeit, das sind Rote-Bete-Kugeln! In einem weiteren Glas: akkurat geschnittene Möhrchenstücke, dann eine Dose, Konserve, undurchsichtig, mit verschmiertem Etikett, wohl mehrfach von außen abgestaubt. Im Vergleich zur Dose, überlege ich, haben wir gläsern eingeschlossenen Kandidaten es noch recht gut. Ich mal mir aus, doch es tröstet mich viel zu wenig, wie sehr erst die Dosenwesen leiden müssen, die zahlreichen grünen Erbsen, die Möhrchen bei ihnen, die man "mal lieber tun" soll, laut HELGE SCHNEIDER. Allerdings empfiehlt er die aus dem Glas, nicht der Dose.

Gnadenlos, geschmacklos dieser schamlose Gedanke von mir, ich wische ihn verschämt von mir. Welch Horror und Panik, welche "Todesangst" und Gram muss erst die besagten Dosengerichte etc. befallen, bewegen? Wie stark müssen sie leiden? Ich schaue mich weiter um, versuche, mich meiner Situation so ruhig, besonnen und notgedrungen nüchtern wie möglich zu nähern, verinnerliche dieses unbestimmt lange, qualvolle Leben für mich, versuche entspannt und doch angespannt, während ich mich intensiv umschaue, mehr von der Umwelt mitzubekommen, sehe noch ein anderes rotgefülltes Glas, kleinere Kugeln, meine alten Freunde – die Kirschen!

Früher, als ich noch menschlich war, meine adonische Gestalt, anmutig, filigran, grazil, speise ich sie gerne, diese sauren Gesellen, nun Leidensgesellen, wie auch die Erbsen und Möhrchen, wie ich verurteilt ohne Prozess, zu einem untätigen Passivdasein, in Gläsern und Dosen – und auch die gemüsigen Genossen habe ich früher so häufig genossen, wohingegen mich meine direkten Leidensgefährten in fiesgrün kräuternen, gurkigen Gurkengläsern fast abgestoßen haben. Das scheint sich nun zu rächen, jetzt bin ich selbst auf der Verliererseite. Auf der anderen Seite der Spargel im Glas, der irgendwann mal von Menschen gekauft worden war, seitdem (wie wir, wie ich) hier, im schäbigen, abgeschabten Regal, versauert, Äonen, so wirkt 's, überdauert, sich in seiner Pein stetig deprimiert bewusst, insbesondere zur Spargelsaison mit dem frischen Spargel konkurrierend – und erwartungsgemäß verlierend. Er wird wohl Ewigkeiten hier ausharren müssen, seine säuerliche Dauerverzweiflung schaut lieblos starr zu uns herüber. Neben ihm, fast hinten, im schon weniger lichtvollen Halbdunkel der Regalhinterreihe stehen, im Dutzend (billiger) der Hunderte-billiger, die blassgrünen halbdurchsichtigen Kügelchen, kleine Kapern. Das Liquide um sie herum ist relativ sauber-wässrig, was mich regelrecht neidisch macht. Keine Kräuterzusätze, gar nichts. Die sind mir unheimlich. Hoffentlich müssen sie hier ewig ausharren! – Bremse mich nun, solche hasserfüllten Gurkengedanken nützen nichts, böses Blut könnte meine Lage nur verschlimmern, negative Schwingungen…Obwohl: Was für 'n Quatsch! Niemand hat die Absicht, arrogante Kapern zum Feind zu erklären! Das sage ich im Frustton der Überzeugung. Mir wird auch klar: Es ist nur mein eigenes Traurigsein, meine eigene Hilflosigkeit, die mich zum Zorn treibt.

Auf einmal wird das Glas angehoben, ich werde gewaltsam gegen meine Artgenossen geschleudert, es bricht kurz nackte Panik aus…Oh Hölle, nein! Ich will hier nicht sein! Lasst mich hier raus! Lasst mich hinaus! Es ist ein Mensch! Ein riesiges, ein gigantisch breites Griesgramgesicht, eine Feuerlöschervisage, hässlich, grässlich, groß! Leise Hoffnung keimt auf. Mach meiner widerlichen, liederlichen, lauen Tristesse-Delikatess-Existenz ein jähes Ende, du Bastard! Dass ich schon so verzweifelt bin, dass ich in Gedanken das Grübelgrubengesicht schon so massiv ehrverletze! Doch ich bin verzweifelt und verzweifelter denn je, mit jeder Stunde, Minute, Sekunde, Millisekunde mehr! Fühl mich leer und tot und bin schleimig giftgrün, nicht verführerisch süßlich-rot! Das Grobiangesicht mustert mich und meine mulmigen Genossen im Leid argwöhnisch, kritisch, angeekelt irgendwie, verzieht das Gesicht, eine grüggelige Grimasse, teuflische Scharfrichterfratze, ah!

Nun nimm uns schon, mach uns ein Ende, delende Gurkenglas gewissermaßen, sodass sich meine ex-menschliche Seele endlich aus dieser würdelosen Gallerthülle lösen und sich in etwas Anderes neu manifestieren, in es inkarnieren kann!

Das ist der Lauf der Dinge! Der berühmte Kreislauf des Lebens, "Samsara" nennen es, glaub ich, die Buddhisten. Doch ich fürchte, es wird vorerst bei der ersten buddhistischen "Wahrheit" bleiben, der "Wahrheit" des Leidens. Mit einem konsternierten Blick auf das irgendwo auf dem Etikett auf der Glasrückseite vermerkte Mindesthaltbarkeitsdatum stellt der Sadist uns in unserem Glas wieder auf das Regal, fast an dieselbe Stelle, wohl nur wenige Zentimeter daneben. Ich hasse, hasse, hasse, hasse, hasse und hasse mein Leben! Ich will sterben! Nimm mich, nimm uns, gewähre uns den finalen Untergang, den Übergang, den tödlichen Rettungs-, den Gnadenbiss! Lass uns hier nicht noch mehr versauern, du Mensch, du! Sei kein Quälgeist! Ich bin in einem Gefäß. Ich bin in einem Glas. Ich bin eine Gewürzgurke, keine Ahnung, ob Spreewald- oder sonst eine ostdeutsche Gurke, egal, ob nun Cornichon oder einfach Cucumber! Ich habe Gurkenrechte! Gibt es so was überhaupt? Ich muss warten, werde warten, werde wahnsinnig – nicht! Mein Todestag wird kommen.  

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