Claudia Savelsberg

Die erste Liebe

Marianne war vollkommen verwirrt, sie saß auf dem Bett und fuhr sich mit einer nervösen Geste durch die Haare. Dann ging sie auf den Balkon und schaute auf den See, dessen ruhige Oberfläche im Licht der Sonne schimmerte. Dann ging sie ins Bad und schaute ihr Spiegelbild prüfend an. Ja, das war sie. Sie blickte sich selbst in die Augen. Klar und hell mit kleinen Lachfältchen. Ja, das war sie. Sie war es immer noch, und ihre Augen verrieten nichts über das Gefühlschaos, das in ihrem Inneren tobte. Marianne hatte sich verliebt, sie hatte sich in eine Frau verliebt. Sie wusste nicht warum, sie wusste nichts mehr. Das Gefühl der Verliebtheit war schön, aber es galt einer Frau. Wenn sie diese Frau sah, bekam sie Herzklopfen, sehnte sich nach einem Blick und einem Lächeln von ihr. Vielleicht war dieses komisch-irritierende Gefühl auch nur Einbildung. Irgendwann würde es aufhören, es musste aufhören. Dieses Gefühl konnte sie niemandem erklären, vor allem ihrem Mann nicht.

Marianne setzte sich auf den Balkon, schaute auf den See und erinnerte sich, wie alles angefangen hatte. Sie war nicht zuhause, sondern seit einigen Wochen hier in der Reha-Klinik wegen ihrer Rückenprobleme. Der behandelnde Art verschrieb Massage, Fangopackungen und Schwimmen. Die Physiotherapeutin Ulrike Sanders war die Frau, in die Marianne sich verliebt hatte. Die Mitpatienten tuschelten, dass Frau Sanders lesbisch wäre, was Marianne nicht interessierte. Erst später bekam es für sie eine Bedeutung. Beim ersten Behandlungstermin empfing Frau Sanders Marianne mit den Worten: „Ich bin Ihre Physiotherapeutin. Ich werde mich um Ihr Wohlergehen kümmern.“ Dabei lächelte sie, und ihre Stimme klang so sanft. Ulrike Sanders war ein jugendlicher Typ, fast schon burschikos, sie war sicher nicht älter als Vierzig. Ihre Figur war durchtrainiert, sie ging mit federnden elastischen Schritten. Sie hatte ein zartes feines Gesicht mit strahlenden blauen Augen. Ihre blonden Haare trug sie mit einem kessen Kurzhaarschnitt, was ihren Typ unterstrich. Auf ihrer Oberlippe schimmerte zarter heller Flaum. Das alles nahm Marianne im Bruchteil einer Sekunde wahr. „Sie ist zauberhaft. Wenn ich auf Frauen stehen würde, wäre sie mein Typ“, dachte sie. Die Behandlung war sehr angenehm.Marianne legte sich mit den Rücken auf die Fangopackung, Frau Sanders deckte sie sorgsam zu. Marianne fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr, sie schloss die Augen und genoss den Augenblick. Nach der anschließenden Massage fühlte sich Marianne entspannt und erholt. Marianne freute sich auf jede Behandlung bei Frau Sanders, sie freute sich darauf, umsorgt und verwöhnt zu werden. Sie freute sich auf diese Art der Zuwendung. Sie unterhielten sich, aber es wurde nie zu privat. Die Distanz zwischen Therapeutin und Patientin blieb gewahrt.

Manchmal fragte sich Marianne, worüber sie wohl mit Frau Sanders reden würde, wenn sie sich zufällig irgendwo kennengelernt hätten. Sie dachte immer öfter an Frau Sanders, freute sich, wenn sie in ihrer Nähe war. Sie mochte ihre Stimme und ihr Lächeln. Dann bekam sie bei dem Gedanken an Frau Sanders plötzlich Herzklopfen, was sie sehr irritierte. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen ihnen eine zarte Vertrautheit, eine innige Sympathie, tatsächlich Zuneigung. Sie gingen sehr behutsam damit um, aber die Blicke wurden intensiver. Manchmal flirteten sie sogar. Schließlich traute sich Marianne und sagte: „Ich mag Sie sehr gerne.“ Dabei berührte sie flüchtig den Oberarm von Frau Sanders. Sie lächelten sich verlegen an. Marianne dachte, dass sie sich alles nur einbildete, aber Gefühl und Instinkt sagten ihr, dass es zwischen ihr und Frau Sanders erotische Schwingungen gab. Frau Sanders war lesbisch und nahm Marianne als Frau wahr, nicht nur als Patientin. Marianne merkte schnell, dass Frau Sanders sie bevorzugt behandelte. Wenn ein Patient seinen Massage-Termin nicht wahrnehmen konnte, dann bot sie ihn sofort Marianne an. Sie tauschte mit einer Kollegin und übernahm die Krankengymnastik bei Marianne. Im Sportprogramm gab es bestimmte Übungen, die nur paarweise gemacht werden konnten, Frau Sanders wusste es so einzurichten, dass sie mit Marianne ein Paar bildete. Wenn eine Gruppe von Patienten zum Schwimmen fuhr, dann setzte sich Marianne immer neben Frau Sanders auf den Beifahrersitz. Sie unterhielten sich, lächelten sich an.

Frau Sanders saß am Schwimmbecken und beobachtete die Patienten. Marianne spürte den intensiven Blick, den sie erwiderte. Mit langsamen grazilen Bewegungen stieg sie aus dem Wasser. Dann ging sie unter die Dusche, warf die Haare in den Nacken und strich langsam über ihren Oberkörper. Sie konnte den Blick von Frau Sanders fühlen. Auf dem Rückweg zur Reha-Klinik schwiegen sie. Die Blicke hatten alles gesagt. Abends schaute Marianne im Bad intensiv auf ihr Spiegelbild. War sie noch die Marianne, die vor Wochen hier in die Klinik gekommen war? Sie verstand sich selbst nicht mehr. Sie hatte noch nie eine Frau so wahrgenommen wie Frau Sanders. Sie hatte sich unter der Dusche gerekelt als wollte sie einen Mann verführen. In Mariannes Kopf herrschte absolutes Chaos. War das alles Einbildung? Die Blicke zwischen ihnen waren keine Einbildung. Es bestand eine gegenseitige erotische Anziehung. Marianne musste sich eingestehen, dass sie sich in Frau Sanders verliebt hatte. Sie hatte sich in eine Frau verliebt. Tagsüber konnte sie sich gegen dieses Gefühl wehren, dann dachte sie an ihren Mann, an ihr Zuhause und ihren Beruf. Aber nachts konnte sie sich nicht wehren. Marianne träumte von Frau Sanders. Sie saßen am Ufer des Sees, hatten eine Decke ausgebreitet und machten ein Picknick. Frau Sanders streichelte Marianne liebevoll über den Rücken, und Marianne küsste sie zart auf die Wange. Oder sie lebten zusammen in einer kleinen Bauernkate. Marianne machte das Frühstück für Frau Sanders, und nach dem dem Abendessen saßen sie bei einem Glas Wein und Kerzenlicht auf der Terrasse. Wenn Marianne am nächsten Tag aufwachte, war sie glücklich und verwirrt zugleich. Sie dachte über diese Träume nach. Außer der liebevollen Berührung am Rücken und dem zarten Kuß auf die Wange war nichts Intimes passiert. Selbst im Traum hatte Marianne die Grenze zwischen Erotik und Sex nicht überschritten, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, mit einer Frau zu schlafen. Selbst in ihren kühnsten erotischen Phantasien nicht. Der Aufenthalt in der Reha-Klinik näherte sich dem Ende, es blieben nur noch zwei Wochen. Sie genoss jede Minute, die sie mit Frau Sanders verbrachte, jedes Lächeln und jeden Blick. Der Gedanke an den Abschied stimmte sie melancholisch, sie würde Frau Sanders vermissen. Marianne war traurig, und auch im Blick von Frau Sanders erkannte sie Wehmut. Dann kam der letzte Tag. Marianne packte ihre Koffer, ihr Mann wollte sie morgen gleich nach dem Frühstück abholen. Frau Sanders bat Marianne in ihr Büro, um sich von ihr zu verabschieden. Sie blickte Marianne mit ihrem zauberhaften sanften Lächeln an: „Ich bin froh, dass ich Sie kennenlernen durfte.“ Sie gaben sich die Hand, verabschiedeten sich fast förmlich. Was hätten sie auch sagen sollen? Marianne wandte sich zum Gehen, in der Tür drehte sie sich noch einmal um. Sie sahen sich an, und Marianne wusste, dass ihre Gefühle sie nicht getrogen hatten. Zwischen ihr und Frau Sanders hatte es eine besondere Beziehung gegeben. Innige Sympathie, zarte Vertrautheit, sogar Verliebtheit. Das alles sah sie in ihrem Blick. Diesen Blick würde Marianne nie vergessen. Niemals.

Nach dem Abendessen setzte sie sich auf den Balkon und schaute auf den See, dessen ruhige Oberfläche im Licht der untergehenden Sonne schimmerte. Marianne ließ dieses Bild einige Minuten auf sich wirken. Sie war 51 Jahre, seit 25 Jahren verheiratet, hatte einen 24jährigen Sohn, und in vier Monaten würde sie zum ersten Mal Großmutter. Jetzt hatte sie sich verliebt. Sie hatte sich in eine Frau verliebt. Es fühlte sich an wie die „erste Liebe“, die man ein Leben lang nicht vergisst. Marianne empfand Dankbarkeit und Glück, dass sie dieser Frau begegnet war. Es war ein spätes Geschenk.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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