Gherkin

DU ERHÄLTST






Groteske nach einer wahren Begebenheit



In Schöllkrippen, ganz in der Nähe des Höllenbaches, Lindenstraße 13, öffnet sich im 4. Stock ein Fenster. Ein Frauenkopf erscheint.

Aus dem Fenster kommen Schallplatten geflogen. Es ist exakt 2:24 Uhr, an einem leicht verregneten Mittwoch, 18.09.2019. Unten steht ein Mann, der völlig sinnfrei versucht, die eine oder andere Schallplatte aufzufangen. Er weint, wenn die Vinyl- Schätze aus seiner Jugend auf der Straße zerschellen.

Laut heult er auf, als seine Cravinkel-Platte „Garden of Loneliness“ krachend auf dem Pflaster aufschlägt. Nach und nach segeln alle Scheiben herunter, die er je besaß... So auch Yello, alle Roxy Music Platten, und leider auch diese sehr seltene Popol Vuh Rarität „Affenstunde“ aus 1970. Schluchzend sammelt der Mann die Einzelteile auf - verzweifelt sieht er auf die Frau dort oben im Fenster. Sie ist jetzt so mächtig, so stark... Dort oben. Und...

sie schreit nun: „Lass dich hier nie wieder blicken, Peter! Ich will dich hier nie wieder sehen, haben wir uns verstanden?“ Eine letzte Scheibe fliegt aus dem 4. Stock. The Quarrymen, „That´ll be the day“ (1958). Peter brüllt vor Schmerzen. Das kann keiner nachempfinden, der sich aus Schallplatten nichts macht. Gute 255.000 Euro ist diese Schallplatte wert. Nun liegt sie in Einzelteilen auf der Straße.

Drohend schüttelt er die Faust, ruft: „Du erhältst, Weib! Ja, du erhältst! Du wirst ganz sicher erhalten! Du bekommst! O ja, du erhältst! Und wie du erhältst. Du wirst in recht großem Umfange erhalten... Verlass dich nur darauf! Erhalten sollst Du! Vielgestaltig, schwerwiegend und heftig!“

Nachdem er das so ungefähr 5 Minuten am Stück gebrüllt hatte, es ging auf 2:30 Uhr zu, öffnete sich eine Etage tiefer ein Fenster. Ein älterer Herr beugt sich heraus, ruft, entrüstet: „Mitten in der Nacht solch ein Getöse... Was ist denn hier los? Spektakel, Spektakel, Bohei, Bohei, O wei, o wei... Wenn das nicht sofort aufhört, dann werde ich, jawoll ja, die Polizei rufen. Ich will meine Ruhe haben hier! Sofort aufhören! Jetzt ist aber mal Ruhe! Die bitt´ ich mir nämlich aus... JETZT!“

Er schließt lauthals sein Fenster. Auch der Frauenkopf im 4. Stock ist ganz plötzlich verschwunden. Das Fenster aber bleibt geöffnet.

Peter hat einige wenige seiner Schätze sichern können, trägt sie jetzt im Arm. Der Rest ist verloren. Die linke Faust, geballt geschüttelt, drohend zum Fenster im 4. Stock gerichtet, hebt er erneut an: „Du wirst erhalten! Und wie du erhältst. O ja, du erhältst! Ganz sicher erhältst du...“

Ein weiteres Fenster öffnet sich. Eine dicke Frau erscheint, tönt: „Wer auch immer was auch immer erhalten soll, der soll es jetzt und sofort bekommen, damit endlich Ruhe herrscht. Regeln Sie das endlich und kommen Sie dann zur Ruhe, zefix noch einmal!“ Und dann, im Kahlgründer Dialekt: „Dos bold a Ruah is in Schöllkröbbe...“

Peter entfernt sich langsam, immer weiter die Faust zum Fenster hoch schüttelnd, seine etwa 12 - 15 geretteten Schallplatten fest umklammernd. Im Weggehen, in Richtung Höllenbach, stets das verhasste Fenster fixierend, brüllt er immer weiter sein bereits bekanntes Statement in die Nacht: „Du erhältst! Warte nur! Du wirst erhalten! Jawohl! Du erhältst... Sehr bald schon. Dass du es nur weißt! Erhalten, aaaah!“

Und fällt prompt hinein, rutschend, wild mit den Armen rudernd, alle Schallplatten dabei verlierend, hinein in den empfindlich kühlen Höllenbach. Jetzt sind auch die letzten, verbliebenen, noch einigermaßen abspielbaren Schallplatten verloren. Der gedemütigte Peter ist triefnass, er macht sich nicht einmal mehr die Mühe, seine Langspielplatten aus dem Höllenbach zu bergen. Verloren ist alles. Verloren die Jugendliebe, verloren die feste Bleibe, verloren sind alle Schallplatten. Sehr gut möglich, dass jetzt sogar eine Erkältung droht. Er sieht noch, unter Wasser, das Cover von „The song remains the same“ von Led Zeppelin. Das treibt ihm erneut dicke Tränen über die Wangen. Der abnehmende Mond hat noch so viel Kraft - Peters Wunsch wäre in diesem Moment wohl eine rabenschwarze, finstere und tiefdunkle Nacht gewesen - dass er die berühmte Hülle noch unter Wasser recht deutlich erkennen kann. Er stapft sehr langsam auf die Straße zurück, klatschnass.



Absolut am Tiefpunkt angelangt, setzt er sich auf einen Hektometerstein, völlig durchnässt, und weint bitterlich vor sich hin. Er klappert vor Kälte vor sich hin.

Erst nach gut 15 Minuten macht er sich auf den Weg zum Landhotel „Ölmühle“. Vielleicht würde er dort ein Zimmer für den Rest dieser Nacht erhalten. Als Peter gerade das Wort „erhalten“ im Kopf hat, treibt es ihm erneut die Tränen in seine Augen. Schluchzend geht er, kurz vor 3 Uhr, schleppenden Schrittes zum Hotel, murmelnd: „Sie erhält... Und wie sie erhalten wird! O ja, sie wird ja so was von... schnief... erhalten... Verdammte Axt. Und wie sie erhalten wird... röchel schnief... Erhalten wird sie!“

Was Peter nicht wissen konnte (und vielleicht ist das auch ganz gut so): Seine einstige Lebensabschnittsgefährtin W. hatte wirklich jede Schallplatte mit einem Schraubenzieher völlig zerkratzt. Keine einzige wäre abspielbar gewesen. Somit muss hier auch einmal dem Schicksal gedankt werden, das den Mantel des hehren Vergessens über eine tumbe Tatsache breitete, die noch so viel mehr Schmach, Schande und tiefstes Leid über den sowieso schon geschundenen, tief gedemütigten Peter ausgegossen hätte. Das Wissen darum hätte ihm sicher den Rest gegeben.

Aus dem Fenster im 4. Stock kam dann noch eine Single geflogen. Aber da war der Peter bereits kurz vor der Ölmühle. Es war „Muss I denn zum Städtele hinaus“, von Elvis Presley, aus dem Jahr 1960. Irgendwie symptomatisch, oder? Das Schicksal treibt oft solche Possen mit uns. Nur bemerken wir sie zuweilen gar nicht oder nur am Rande. Signifikant auch, dass ausgerechnet diese Scheibe das Lieblings-Lied jener Ex-Freundin des armen, verschnupften Peter war. Frauen sind in Trennungs-Angelegenheiten radikal. Wenn, dann richtig! Und zwar auch durchaus mit einem Eigenanteil an Leid und Tragik. Das rechnen die voll mit ein, diese Luder. Das ist dann ihr ganz persönlicher Kollateralschaden. Und nach einer halben Flasche Gin (ohne Tonic) musste denn auch Wooden Heart von Elvis Presley dran glauben...

So ging der 18.09.2019 in die Schöllkrippener Geschichtsbücher ein, in die Annalen der Stadt. Der Leser wird sich fragen: Passiert denn dort sonst rein gar nichts? Tja, ist so: Sonst passiert dort absolut nichts. Nie fällt einer in den Höllenbach, nie fallen Schallplatten aus dem 4. Stock, niemals Rosenkrieg und Gezeter tief in der Nacht. Was erwarten Sie bei 3855 Einwohnern? Remmidemmi jede Nacht? Schöllkrippen hat nur einen Eklat zu bieten: Peters Abgang am frühen Morgen des 18.09.2019!!

Grund für eine Extra-Ausgabe der Gemeinde-Zeitung. Grund genug auch, diesen Höllenbach mit einem Geländer vor hineinfallende Bürger zu schützen; zudem hat der Gemeinderat beschlossen, dem an einer Lungenentzündung verstorbenen P. mittels einer Gedenktafel aus Messing an der Stelle zu gedenken, an welcher er in den Bach gefallen war. Und noch heute kann man die Led-Zeppelin-Hülle dort unter Wasser besichtigen. Möglicherweise steckt sogar noch eine zerkratzte Schallplatte drin. Wert: 67 Cent. Wenn Sie sonst kein Ziel haben: Hof Schabernack, Wirtshaus mit Panorama-Biergarten in Schöllkrippen! Der Biergarten ist ganzjährig geöffnet!

Am Höllenbach finden Sie, nähe Lindenstraße, das Messing-Täfelchen. Es ist, ein wenig zynisch, überschrieben mit: „Muss I denn zum Städtele hinaus...“ Und, bitte, belassen Sie die Led Zeppelin LP unter Wasser. Niemand darf sie jemals erhalten!


Sie ist Teil der Tragödie, Teil der Historie des schmucken Städtchens, Teil auch des Höllenbaches, der im Jahr 2019 sein erstes Todesopfer forderte, dieser teuflische, schreckliche Bach dort am westlichen Rand des Spessarts, im oberen Kahlgrund.

An jedem 18.09. spielt die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr zu Schöllkrippen zu Ehren des berühmtesten Sohnes der Stadt den Song „Whole lotta love“ aus jenem berühmten Led Zeppelin Album „The song remains the same“. Interesse geweckt?

Kehren Sie hier ein, unbedingt. Sie erhalten zur Begrüßung ein Glas Prosecco bei:
Annette und Norbert Gerber, Hof Schabernack
Adresse: Hof Schabernack 5, 63825 Schöllkrippen
Telefon: 0170 3558220
Speisekarte und weiterführende Informationen: www.hof-schabernack.com

Reiner Pistner ist der Bürgermeister des Marktfleckchens und wird Sie, falls Sie dort Ihren Urlaub zu verbringen wünschen, persönlich vor Ort begrüßen, mit einem Glas Prosecco und einer Nachbildung der Lukaskapelle. Auch erhalten Sie das Buch "Die Langspielplatte im Höllenbach" von Dr. Meynfred K. von Schlemper. Hier können Sie die komplette Tragödie rund um den armen Peter nachlesen, auf 299 Seiten, mit insgesamt 82 Fotos. Also, seien Sie herzlich willkommen in Schöllkrippen! Ein Ort, reich an Tradition und Historie, hier ist immer etwas los, hier steppt der Bär und tanzt das Rosettenschwein. Mitunter singt sogar Mickie Krause im nahen Gelnhausen. Also, nur zu, buchen Sie! Trauen Sie sich! Worauf warten Sie?



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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