Wilhelm Wilts

Roter Teufel

ROTER TEUFEL

Inhalt:

Kurzbeschreibung (worum geht's?)


ROTER TEUFEL
Prolog
Rota Gevill
Baumhöhle
Schule und Jaden
Mallen
Nachsitzen
Verborgene Kräfte
Zuhause
Treffen
Es vergeht ein Jahr...
Alles ändert sich...
Kerker
1. Besuch Johnas Goldan
2. Besuch Onkel Jaron
3. Besuch Jaden Grat
4. Besuch Jake Flanders
Das Tribunal
Verbannung
Weg zur Höhle
Jake, Bogen, Tunnel,..
Wildnis
Erster Kontakt
Dai
2. Besuch
Winter
Abschied und Auferstehung
Begegnung
Unheil in Kaven
Wieder zurück!
Träume und Wirklichkeit
Wiedersehen
Befreiung
Leben und Tod
Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!



Kurzbeschreibung (worum geht's?)

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchen in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...


Die Geschichte wird nur aus dem Blickwinkel von Rota Gevill erzählt.


ROTER TEUFEL


Prolog

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf holte man mich morgens und wie es die Tradition dieser Bestrafung verlangte, splitternackt aus dem Kerker. Es war ein diesiger und nasskalter Tag. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, zitterte am ganzen Leib und mein Herz raste gnadenlos.

 

Eingepfercht in einem kleinen geschlossenen Käfig auf einem Pferdewagen wurde ich vor den Toren der Zitadelle zum Kavener Rathausplatz gefahren. Als wir uns dann langsam dem Rathausplatz näherten, hörte ich sie schon rufen. Sie, die Bürger von Kaven, wie sie meinen zweiten und mir schon lange zu Eigen gewordenen und verhassten Namen -Teufel- brüllten und mich beschimpften. Mich schüttelte es vor Angst und meine Beine wurden weich und begannen stark zu zitterten. Ich hatte solche Angst, dass ich fürchtete mich überhaupt nicht von der Stelle bewegen zu können. Schließlich öffneten sie den Käfig und zwei Wachmänner holten mich erbarmungslos aus meiner trostlosen Bleibe. Als man mich schließlich sah, wurde es mit einem Male sehr laut und es kam zu tumultartigen Zuständen. So viele waren hier.. Mein Gott! Fast ganz Kaven hatte sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen. Ein großer Teil des Mob's rief rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen..., den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelte es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Treiber, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchtelten. Viele beschimpften mich. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH DAHIN WO DU HINGEHÖRST.." Sie bewarfen mich mit Dreck und faulem Obst. Ich erkannte sogar einige von der Schule wieder, die in der Hand Weidenruten hielten und damit wohl als die sogenannten Treiber sogar daran teilnahmen.

 

Die von der Wache abgesperrte Bühne, zu der ich nun geführt wurde, war gut ein Schritt hoch und hatte eine zweite Treppe, die zu einer Art Gasse führte. Die linke und rechte Seite der Gasse war mit Hilfe von zwei jeweils rund einem Schritt hohen und mehreren hundert Schritt langen Zäunen abgegrenzt worden. Rechts und links hinter den Zäunen verteilten sich die Treiber mit ihren Weidenruten und dahinter wiederum die Zuschauer. Die Gasse selbst, die ich dann wohl in einer Art Spießrutenlauf zu durchlaufen habe, war etwa gut zwei Schritt breit. Auch hatte man bereits auf diese Gasse schon viele spitze Steine und Dornenzweige geschmissen, um es mir mit meinen nackten Füssen auch ja nicht zu einfach zu machen.

Ganz vorne an der linken Seite der Gasse entdeckte ich nun meine Nachbarn, Marla und Debbie Gruden. Beide standen sie da und starrten mich mit ihrem von Hass verzerrten Gesichtern an. Warum? Was habe ich ihnen jemals getan? Glauben sie wirklich ich hätte Zisko, ihren Hund, jemals etwas zu Leide tun können? Auch Justin, der Sohn meines Onkels und Ziehvaters Jaron, entdeckte ich wild fuchtelnd mit einer Weidenrute in der Hand in der Menge dieses Mobs. Und weiter hinten waren auch mein Onkel Jaron selbst, mit seiner Frau Petra und seiner Tochter Sophie. Auch sie waren gekommen um sich dieses Spektakel, meine Verbannung aus Kaven, anzusehen. Sie, die mich vor Jahren noch pflichtbewusst in ihre Familie aufgenommen hatten. Ihr Irren... dachte ich nur und Wut ergriff mich…

 

 

Rota Gevill

 

Mehr als ein Jahr früher....

 

Meine Eltern starben vor acht Jahren an einem Virus namens Krass. Wir lebten damals in Tenna als wir uns mit diesem Virus infizierten. Ich war damals erst sechs Jahre alt und kann mich daher nur noch schwach an meine Eltern erinnern. Die wenigen Erinnerungen die ich noch an sie habe, sind aber gute Erinnerungen und vermitteln mir ein Bild von fürsorglichen und liebevollen Eltern.

 

Der Krass-Virus ist vielleicht auch die größte Bedrohung auf unserer Welt, denn wer an diesen Virus erkrankt, der hat nur sehr geringe Chancen diese Krankheit zu überleben. Man sagt, dass nur ein oder maximal zwei von hundert Menschen diese Erkrankung, diesen Virus, überhaupt überleben. Der Virus verbreitete sich aus unerfindlichen Gründen bisher immer im Frühjahr und ebbte meistens in den heißen Sommertagen langsam wieder ab. Und sobald dieser Virus dann aktiv war, verbreitete er sich auch rasend schnell und es kam schon häufig vor, dass innerhalb kürzester Zeit sogar ganze Dörfer und Städte ausgerottet wurden. So etwa alle neun oder zehn Jahre soll es immer wieder vorkommen, dass der Virus wieder aktiv wird und Angst, Schrecken und letzten Endes den Tod verbreitet. Es gab bisher nur wenige Menschen die dagegen immun waren und diesen Virus, dieses Krass, überlebten.

 

Nach dem anfänglichen Fieber, der mich genauso wie die anderen überkam, überlebte ich aber im Gegensatz zu den meisten diesen Virus unbeschadet. Jaron, der Bruder meines Vaters, erbarmte sich damals meiner und seit dem lebe ich bei meinem Onkel und seiner Familie in einer Stadt namens Kaven. Kaven ist eine am Fuße einer Gebirgslandschaft gelegene Stadt, die bekannt ist für seine imposante und massive Stadtmauer, die den ganzen Ort umschließt und seine Einwohner sicher vor ungebetenen Eindringlingen schützt. Kaven gehört genauso wie Tenna und andere großen Städte und Regionen dem sogenannten Bund an, die sich gegen das wilde Volk Krasiens und gegen  Rebellen und andere Gesetzlose zusammengeschlossen haben. In Kaven gibt es rund dreitausend Einwohner und man lebt hier überwiegend von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Daneben gibt es hier auch noch eine erfolgreich produzierende Porzellanmanufaktur, in der auch mein Onkel arbeitet.

 

Mein Onkel Jaron gilt als aufrichtig, freundlich und zuvorkommend und wird deshalb von den meisten auch sehr geschätzt. Auch gehört er aufgrund dieser Charakterzüge nicht ohne Grund dem Rat Kavens an. Zu meinem Leidwesen ist er jedoch nur zu denen nett und freundlich, die zu seinem privilegierten Kreis gehören. Und dazu gehören auch nur die, die ihm besonders nahe stehen oder von denen er sich vielleicht einen gewissen Nutzen verspricht. Seine Frau Petra und seine eigenen Kinder Justin und Sophia gehören natürlich zu diesem privilegierten Kreis. Sein Vorgesetzter Robert, der Bürgermeister Johnas Goldan, sein Nachbar Jim und all die anderen, die entweder reich oder begabt sind oder etwas Gewinnbringendes an sich haben, gehören ebenfalls zu den Privilegierten. Für diese Menschen ist mein Onkel stets da und immer hilfsbereit und dafür wird er auch geliebt und geschätzt. Verlierer, wie ich, sind für ihn eher ein Ärgernis und stehen ihm im Weg.

 

Mein Onkel ist mein Pate und er fühlte sich wohl deshalb auch gezwungen mich in seine Familie aufzunehmen. Diesen sozialen Akt der Nächstenliebe, den er mir gegenüber erbrachte, erwähnt er auch immer wieder gerne.  Wie dankbar ich doch sein müsste.. Was wohl aus mir geworden wäre, wenn er mich nicht aufgenommen hätte.. Wie viel besser es ihnen doch gehen würde, wenn sie mich nicht aufgenommen hätten... und so weiter.. und so weiter. Ich hasse dieses Gerede und diese ständigen Vorwürfe, aber ich habe mich im Laufe der Zeit auch daran gewöhnt und ignoriere diese mittlerweile einfach.

 

Sein Sohn Justin ist sechzehn Jahre alt und abgesehen von seinen Haaren ist er eindeutig die jüngere Ausgabe seines Vaters. Die gleichen tiefliegenden Augen, die gleiche schmal und spitz zulaufende Nase, die gleiche markige Mund- und Kinnpartie. Seine dunklen und, zugegeben, wirklich schönen Haare, auf die Justin auch sehr viel Zeit und Energie verschwendet, hat er wohl eher von seiner Mutter geerbt. Er trägt sie lang, mit viel Stolz und er pflegt und hegt sie mit so viel Aufmerksamkeit, das sie ihn meiner Meinung nach als den entlarven der er nun einmal ist, ein eingebildeter, eitler und selbstgefälliger Fatzke. Was sein Charakter anbetrifft ähnelt auch dieser dem seines Vaters, nur das die Charakterzüge von Justin deutlicher hervorstechen und nicht so verschwommen sind wie die seines Vaters. Justin ist ebenfalls bei sehr vielen beliebt und er gesellt sich ebenfalls nur zu denen, die aus seiner Sicht gesellschaftlich angesehen sind oder von denen er sich mehr Einfluss und Vorteile verspricht. Alle anderen sind für ihn Luft oder schlimmer noch, ekeln ihn sogar an.

 

Justin hasst mich. Schon am Tag meiner Ankunft, als mein Onkel mich von Tenna nach Kaven ins Haus der Gevill's geholt hat, wurde mir klar, dass wir nie so etwas wie Freunde oder geschweige denn ein brüderliches Verhältnis haben werden. Da ich anfangs noch kein eigenes Bett und kein Zimmer hatte, sollte ich nur übergangsweise bei Justin im Bett schlafen. Justin rastete damals jedoch dermaßen aus und veranstaltete so ein Aufsehen, dass er von keinem in der Familie mehr beruhigt werden konnte. Er schrie, dass er niemals mit einem wie mir in einem Zimmer und schon gar nicht in einem Bett schlafen könnte. Heulte, dass er Angst vor mir hat und Alpträume haben würde wenn ich auch nur in seiner Nähe käme. Schimpfte, dass man so etwas seinem eigenen Kind niemals antun dürfte. Und tobte unentwegt und mit einer solchen Energie, dass ich schließlich solange auf den Boden in der Küche schlafen musste bis mein Zimmer im Keller hergerichtet war.

 

Inzwischen hasst er mich auch deshalb, weil er mich für alles Schlechte und Schiefgegangene in seinem Leben verantwortlich macht. Ich war schuld, wenn er nicht das bekam was er sich wünschte; ich war schuld, wenn es Streit in der Familie gab oder ich war schuld daran, dass er einen dicken fetten Pickel auf seiner schönen Nase bekam. Warum ich aber immer schuld haben sollte, habe ich nie verstanden und es interessiert mich auch schon lange nicht mehr.

 

Sophia, die Tochter, ist die Prinzessin in der Familie und ist vom Leben verwöhnt. Ihre Wünsche werden ihr praktisch von den Lippen abgelesen. Sie ist vierzehn, ist allseits beliebt und wirklich hübsch anzuschauen. In ihrem Leben spiele ich jedoch nicht die geringste Rolle. Gegenüber ihren Freundinnen gab sie vor, sie hätte immer versucht mich in die Familie zu integrieren. Jedoch enttäuschte ich sie wohl immer wieder durch meine Art und durch mein Verhalten, bis sie wohl irgendeines Tages beschloss dieses unmögliche Vorhaben aufzugeben. Seit dem gehöre ich nicht mehr in ihrer rosigen Welt und existiere auch nicht mehr für sie.

 

Die Ehefrau von meinem Onkel heißt Petra. Petra soll früher eine bemerkenswert schöne Frau gewesen sein, zu mindestens wird das immer wieder behauptet. Obwohl man ihr das Alter mittlerweile ansieht, gehört sie für mich auch jetzt noch zu schönsten Frauen von ganz Kaven, insbesondere dann, wenn sie mich auf ihre ganz besondere Art anlächelt. Leider zeigt sie dieses Lächeln mir gegenüber nur selten. Trotzdem ist Petra in dieser Familie mir von allen die Liebste. Petra besitzt ein ruhiges und besonnenes Wesen, die für die Probleme anderer immer ein offenes Ohr hat und stets um Harmonie bemüht ist.  Andererseits gibt auch sie mir nie richtig das Gefühl, wirklich zu dieser Familie zu gehören und ich vermute ihr wäre es auch wohl lieber gewesen, wenn ich niemals zu ihnen gekommen wäre.

 

Warum mich die meisten meiner Mitmenschen ablehnen liegt in erster Linie wohl an meinem Äußeren. Ich bin nicht dick oder extrem dünn oder habe absonderliche Gesichtszüge. Eigentlich kann ich sogar zufrieden mit meinem Äußeren sein, wäre da nicht...  meine Hautfarbe. Von Geburt an ist mein Gesicht komplett blutrot. Ein riesiges Feuermal bedeckt mein gesamtes Gesicht und endet in zackigen Spitzen vorne bis zur Höhe meiner Brust und hinten bis zu meinen Schulterblättern. Diese rote Hautfarbe in Kombination mit meinem schwarzen Haar verleiht meinem Aussehen wohl etwas Teuflisches. Für viele wirke ich daher wohl unheimlich und bösartig. Es gibt sogar einige, die mich für die Ausgeburt der Hölle halten und mich meiden wie dieses Krass. Und dann gibt es auch so manche, die mich aufgrund dieser Andersartigkeit auch gerne ärgern und quälen und vielleicht sogar meinen, damit etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun.

 

Vor Jahren hatte ich mich noch nicht damit abgefunden ein Außenseiter zu sein und ich hatte noch alles getan um.. dazuzugehören. Ich war verzweifelt und hatte damals auch grässliche und erbärmliche Dinge getan, für die ich mich heute noch schäme. Wenn man mir beispielsweise versprach mich als Mitglied in eine Gruppe oder Bande aufzunehmen, sobald ich eine bestimmte Person verprügelte, quälte oder jemandem etwas Bestimmtes wegnahm, dann hatte ich das damals auch getan. Immer wieder hatte man mich dazu benutzt niederträchtige und schlimme Dinge zu tun und ich habe in meiner Dummheit und Verzweiflung diese Dinge auch immer wieder gemacht. Sie hatten über mich gelacht und ihren Spaß gehabt. Mich akzeptiert.., hat man aber letztlich nie.

 

Roter Teufel werde ich aufgrund meines Aussehens und meiner Taten daher auch häufig gerne genannt, besonders von einem, sein Name ist Jaden und ein Mitschüler von mir. Jaden ist ein machtbesessenes Großmaul und ein Sadist. Er genießt es andere zu quälen und er hat aufgrund seiner dreisten und respektlosen Art großen Einfluss auf die anderen Schüler von Kaven. Aber, und das muss man ihm lassen, er ist immer loyal zu seinen Leuten. Wenn seine Freunde Probleme haben, dann löst er diese für sie und dafür schätzen und mögen sie ihn. Und gerade diese Loyalität zu seinen Freunden ist vermutlich auch das, was ihn so gefährlich für alle seine Opfer und besonders für mich macht. Was Jaden auch macht, er ist nie allein.

 

Und Jaden liebt es besonders gerne mich zu demütigen und zu quälen. Es vergeht kein Tag, wo er sich nicht über meine Teufelsfratze lustig macht oder versucht mich auf jede erdenkliche Art und Weise zu erniedrigen. Er hat beispielsweise immer einen Heidenspaß daran meine Sachen zu verstecken oder mir irgendwas Ekliges oder Sachen von anderen Schülern in meine Schultasche zu stecken. Auch macht er gerne Fratzen hinter meinem Rücken... oder, wenn ihm sonst nichts einfällt, spuckt oder schlägt er mich einfach.

 

Ich habe mich mittlerweile an das Alleinsein gewöhnt und es gibt immer etwas worauf ich mich trotzdem jeden Tag freue. Zum einen wären da unsere Nachbarn, Marla und Debbie Gruden. Marla ist eine sehr alte Frau, die sich nur noch mit ihrem Krückstock fortbewegen kann und gerne Geschichten von früher erzählt. Debbie, ihr einziger Sohn, hat den Körper eines bereits im vorgerückten Alters befindlichen Erwachsenen, aber den Geist eines Kindes. Er ist debil und auch aufgrund seiner unterschiedlich langen Beine körperlich etwas behindert. Debbie mag mich nicht und hat auch Angst vor mir. Er wird jedenfalls immer ganz hibbelig und verschwindet in kürzester Zeit, wenn ich zugegen bin oder in seiner Nähe komme. Trotzdem bin ich des Öfteren bei ihnen und helfe ihnen immer gerne, soweit es mir möglich ist. Doch auch die alte Marla vertraut mir nicht und bin ihr nicht ganz geheuer. Sie ist zwar immer froh, wenn ich ihr im Haushalt oder bei anderen Arbeiten die so anfallen helfe, aber ich spüre auch, wie erleichtert sie wieder ist, wenn ich gehe.

 

Marla und Debbie haben auch einen Wachhund mit dem Namen Zisko. Zisko ist ein Mischling, mit kurzem hellbraunem Fell, der einem Hamilton Spürhund ähnlich sieht. Da Marla und Debbie sich kaum um den Hund kümmern können, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich um diesen Hund zu kümmern. Und das ist ebenfalls etwas, was ich immer gerne mache und worauf ich mich auch immer freue. Dieser Hund, Zisko, stört sich nicht an meiner Erscheinung. Sobald er mich sieht, bellt er immer aufgeregt und wackelt freudig mit seinem Schwanz. Mit Zisko gehe ich auch häufig zu meiner selbst gebauten Baumhöhle in den Wald.

 

Und diese Baumhöhle gehört insbesondere zu der Kategorie.. -was mein Leben hier erträglich macht-. Die Baumhöhle ist mein ganzer Stolz. Ich arbeite so gut wie täglich daran, um diese zu verbessern und zu verschönern. Die Baumhöhle ist auch kaum zu entdecken. Sie liegt gut versteckt und sehr weit oben in einem sehr großen Malvenbaum. Ich glaube, dass ich mit gutem Gewissen sagen kann, dass meine Hütte bisher auch noch von keinem Menschen entdeckt worden ist. Meine Baumhöhle ist, obwohl man das von außen gesehen nicht vermutet, sogar ziemlich geräumig. Sie hat zwei Räume. Einen Hauptraum, wo sich ein Liegeplatz, ein Tisch, ein kleiner Schrank und ein Stuhl befinden und einen kleinen Nebenraum, so eine Art Lagerraum für Werkzeug und Baumaterial.

 

Bevor ich mit dem Bau dieser Hütte vor gut vier Jahren begonnen hatte, hatte ich noch viel Blödsinn und schlimme Sachen getan und wusste mit meiner freien Zeit auch kaum etwas Nützliches anzufangen. Als ich jedoch anfing, anfangs noch aus reiner Langeweile, diese Hütte zu bauen, erkannte ich, dass in mir sehr viel mehr steckte als ich für möglich gehalten hätte. Mein Selbstvertrauen steigerte sich mit jedem Tag, wenn ich an der Hütte arbeitete und ich fühlte mich mit jedem Tag auch weniger nutzlos.

 

Es ist schon spät und ich liege hier unten in meiner Bettkammer und oben sitzt meine "geliebte" Adoptionsfamilie. Sie lachen, albern herum und genießen, vielleicht bewusst oder unbewusst, die Zeit ohne meine Gegenwart, den Schandfleck der Familie...! Ich bin unruhig und ich habe Angst. Vielleicht Angst vor dem, was mich morgen wieder in der Schule erwarten könnte. Aber was sollte mich dort schon Unheilvolles erwarten? Ich wüsste nicht was da kommen könnte. An Jaden und die anderen Quälgeister habe ich mich bereits schon längst gewöhnt und das ich keine Freunde habe und mich die meisten immer mit seltsamen Blicken ansehen, wäre ebenfalls nichts Neues für mich und ist etwas, was ich bereits akzeptiert habe. Es gibt, naja bis auf vielleicht eine Ausnahme, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern, keinen der mich leiden kann oder mir das Gefühl gibt anerkannt zu sein. Es gibt zwar einige, die versuchen immerhin respektvoll mit mir umzugehen, aber wirklich leiden können sie mich auch nicht.

 

Wieso aber jetzt diese Unruhe und diese Angst? Ich versuche schließlich zu schlafen. Erst sehr spät, nach Mitternacht, gelang es mir dann endlich in den Schlaf zu finden.

 

Baumhöhle

 

Nächster Tag. Obwohl ich kaum geschlafen habe wachte ich sehr früh mit einem unruhigen und mulmigen Gefühl auf. Ich döste und drehte mich noch eine Weile im Bett hin und her und beschloss dann endlich aufzustehen. Jaron, Petra, Justin und Sophie frühstücken immer gemeinsam nach dem zweiten Glockenschlag in der Frühe. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich anfangs noch mit ihnen gefrühstückt. Aber wir alle erkannten ziemlich schnell, dass es getrennt besser ging. Zum einen, fühlte ich mich immer als jemand, der in dieser Runde nicht dazugehörte und zum anderen gab es meistens auch nur Streit und Ärger zwischen uns, besonders zwischen Justin und mir. Irgendwann fing ich an früher aufzustehen und vor den anderen zu frühstücken und wir kamen stillschweigend zu der Erkenntnis, dass dies wohl keine so schlechte Idee war und wir dies bis heute, ohne ein Wort darüber gesprochen zu haben, auch so beibehielten.

 

Die Schule liegt etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Haus meines Onkels entfernt. Ich gehe diesen Weg immer ganz gerne. Zum einen, weil kaum jemand anderes um diese Zeit diesen Weg benutzt und zum anderen, weil sich auf dieser Strecke meine Baumhöhle befindet. Ich nehme mir dann fast immer eine halbe Stunde Zeit um dort noch ein paar Verbesserungen vorzunehmen oder, aufgrund der wunderbaren Aussicht die ich dort oben habe, das Treiben im Walde zu beobachten. Auch heute gehe ich wieder zu meiner Hütte.

 

Versteckt in einem Baumloch gibt es eine Zugleine für das Herablassen der Strickleiter. Die Strickleiter führt dann etwa fünf Schritt lang nach oben zu meiner recht komfortablen Baumhöhle. Die Strickleiter nehme ich jedoch nur selten. Meistens nehme ich die andere Seite vom Baum, wo es möglich ist, die Baumhöhle auch ohne Strickleiter kletternd zu erreichen. Das tolle an meiner Baumhöhle ist, dass diese Höhle, trotz der enormen Größe von stolzen drei Schritt Breite, zweieinhalb Schritt Tiefe und zwei Schritt Höhe, sowohl aus der Entfernung, als auch aus der Nähe, kaum zu entdecken ist. Gebaut habe ich die Baumhöhle mit alten Brettern aus einer alten verfallenen Hütte, die in der Nähe dieses Waldes lag. Darüber habe ich es mit Pech abgedichtet und mit Ästen und Mooslappen bedeckt und gleichzeitig damit auch getarnt. Die Außenwände habe ich entsprechend gearbeitet. Mein Baumhaus hat eine kleine Tür und eine Art Fenster, nur ohne Glas. Jedoch hat dieses Fenster oder besser gesagt der Ausguck, eine Fensterklappe, für kalte und windige Tage.

 

Heute Morgen ist es nebelig und man kann kaum etwas sehen. Ich entschied mich dazu trotzdem noch ein paar Reparaturen am Dach meiner Baumhöhle vorzunehmen. Das Werkzeug, wie Hammer, Säge und so weiter hatte ich mir bereits vor ein paar Tagen aus einer in der Nähe liegenden alten Scheune genommen. Nach gut einer halben Stunde hörte ich jedoch mit meinen Verbesserungsarbeiten auf und setzte meinen Weg zur Schule fort.

 

Schule und Jaden

 

Ungefähr zweihundert Schüler gehen täglich auf die Schule von Kaven. Die Schulzeit in Kaven, wie auch in den meisten anderen angeschlossenen Städten des Bundes, beträgt üblicherweise sechs Jahre. Ich bin in der dritten Klasse und werde demnach womöglich noch drei weitere Jahre auf dieser Schule gehen müssen. Nach dieser sechsjährigen Schulzeit müssen sich die Schulabgänger für einen Beruf entscheiden, für den man dann in der Regel für drei weitere Jahre ausgebildet wird. Wie meistens üblich, geht der überwiegende Teil der Schüler dann in den elterlichen Betrieb in die Lehre. Nur die besonders talentierten Schüler, und das sind nur seltene Ausnahmefälle, dürfen auf die Eliteschule nach Tenna gehen und werden dort individuell und mit großem Aufwand speziell ausgebildet.

 

Auf meinem Weg zur Schule sehe ich nun David. David ist ein stiller blasser und schlaksiger Mitschüler von mir. Er ist ebenfalls ein Außenseiter. Ich hatte mal versucht mich mit ihm zu unterhalten, aber er wendete sich damals, wie von einer Tarantel gestochen, von mir ab und lief schreiend und so schnell er konnte von mir weg. Als er dann weit genug weg war, rief er mir noch zu, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte und brüllte anschließend lauthals immer wieder "Teufel! Teufel...!" Seitdem habe ich nie wieder versucht mich mit ihm zu unterhalten und er geht, wie jetzt auch, immer etwas schneller, um bloß nicht in meine Nähe zu kommen. Was für ein Vollidiot! Man hätte sich vielleicht ja, als sogenannte Loser und Außenseiter, zusammentun können.

 

Ich erreiche den Schulhof. Und da erwartet mich auch schon wieder mein spezieller Freund Jaden mit seinem Gefolge, dem dicken Gero, den immer sportlich und toll aussehenden Pelle und dem starken Alvin. Es gehört schon zur allgemeinen Schulroutine, dass diese vier und viele andere gaffende Schüler mich morgens auf dem Schulhof erwarten und ihren Spaß mit mir haben wollen. Treibende Kraft dieser morgendlichen Belustigung war natürlich, wie auch jetzt wieder, immer Jaden gewesen.

 

"Hallohoo.. Teufelchen! Naha.., hast du dich bei deinem morgendlichen Tête-à-Tête mit dir selbst wieder so geärgert, dass du immer noch rot vor Wut und kurz vorm Platzen bist? Warte mal... Vielleicht kann ich dir ja ein wenig von deinem Druck nehmen.." Jaden hielt nun die Luft an, presste sich dabei das Blut in den Kopf und lief mir wie ein wildgewordener Affe mit puterrotem Kopf hinterher. Pelle, Alwin und Gero und die meisten der umstehenden Schüler brachen in schallendes und grölendes Gelächter aus.

 

Mir selbst machte dieses Piesacken mittlerweile immer weniger etwas aus. Manchmal war ich sogar enttäuscht, wenn mir keiner nachstellte oder versuchte mich zu ärgern. Trotzdem tat ich aber immer so, als ob es mir etwas ausmachte und ich mich über diese Quälereien ärgerte. Ich setzte ein gequältes Gesicht auf und schrie Jaden an.. "Ich habe dir nichts getan! Was soll das? Hör auf!" Und brüllte dann noch lauter "HÖÖR ENDLICH AUF!" Dabei ballte ich meine Fäuste und täuschte eine Angriffshaltung vor. Dann drehte ich mich wieder wütend um und ging mit einem beleidigten Gesichtsausdruck weiter. Jaden und seine Leute waren dann meistens, wie jetzt auch, so bedient von mir, dass sie vor Lachen nicht weiter wussten und mich dann auch erstmal wieder in Ruhe ließen. Warum ich so reagiere, weiß ich selber nicht. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht jemand, der schon zur Selbstzerstörung neigt.

 

Nach diesem Vorfall ging ich geradewegs in den Klassenraum. In unserer Klasse sind wir fünfundzwanzig Schüler. Elf Mädchen, der Rest Jungs. Die Schüler sitzen paarweise in vier Riegen und vier Reihen vor der Tafel und dem Lehrerpult. Zwei Jungs, natürlich ich und David und ein Mädchen namens Rana, haben jeweils einen Tisch für sich allein.

 

Wie immer geht es ziemlich laut und wild zu bevor die Stunde dann anfängt. Sobald die Stunde dann jedoch anfängt und der Lehrer kommt, nimmt jeder brav seinen Platz ein und versucht den Unterricht so gut es geht mitzumachen. Störenfriede erhalten hier nämlich schnell einen Verweis und verlieren das Privileg für eine bestimmte Zeit am Unterricht  teilzunehmen. Dies wiederum verschlechtert die Chancen einen guten Abschluss zu erhalten. Und wer keinen oder einen schlechten Schulabschluss erhält, hat meistens auch nur noch sehr geringe Chancen in Kaven oder auch anderswo ein einigermaßen lebenswertes Leben zu führen. Es soll sogar Fälle gegeben haben, wo Schulabgänger, aufgrund ihrer schlechten Leistungen, aus der Gemeinschaft verbannt und vertrieben worden sind.

 

Ich selbst bin ein mittelmäßiger Schüler. Ich beteilige mich nur selten am Unterricht, jedoch waren meine Klassenarbeiten überwiegend gut, so dass ich bisher einigermaßen gut über die Runden kam. Die Schulglocke läutet. Die Schüler, unter anderem auch Jaden, kommen jetzt in die Klasse. Da ich gleich vorne rechts sitze und ziemlich nah an der Klassentür, versucht Jaden mir meistens noch auf die Schnelle eins auszuwischen. Ich weiß natürlich, dass er das jedes Mal versucht und manches Mal ließ ich ihn auch gewähren. Ich tat dann immer so, als ob ich ihn dann nicht sah und er mich dann ungehindert von hinten wegschubsen konnte. Diesmal habe ich jedoch keine Lust dazu und drehe mich, kurz bevor er etwas machen kann, ihm entgegen. Als Reaktion täuscht er einen Schubs an. Ich setze ein besonders wütendes Gesicht auf und schreie ihn nun wieder laut an.. "Hööör... auf!!" Jaden ist zufrieden, grinst und setzt sich nun in aller Ruhe hin.

 

Dummerweise war genau in dem Augenblick, als ich Jaden anbrüllte, unser Lehrer Herr Klimp hereingekommen. Er blieb abrupt stehen und schaute mich mit einem gleichgültigen Blick an.

"Schüler Rota, sie scheinen Energie im Überfluss zu haben, ich denke eine Stunde Nachsitzen im Anschluss ihrer heutigen Schulzeit könnte Ihnen helfen ihre überschüssige Energie abzubauen. Haben sie irgendwelche Einwendungen?"

Da mir das Nachsitzen eigentlich nichts ausmacht und ich dann auf dem Nachhauseweg ja auch nicht mit vielen anderen Schülern laufen muss, habe ich tatsächlich sogar nichts dagegen. Ich akzeptiere daher und nicke Herrn Klimp schließlich zu. "Melden sie sich bitte am Ende dieser Stunde bei mir". Ich nicke wieder und drehe mich dann zu Jaden um. Er grinst mich natürlich höhnisch an. Soll er doch. Und wenn man's genau nimmt hat er mir vielleicht damit sogar ein Gefallen getan.

 

Mallen

 

Herr Klimp ging schließlich zum Lehrerpult und begann seinen Unterricht. Wir haben Geschichte und Entwicklung. Neben diesem Fachgebiet gibt es noch fünf weitere Fachgebiete die in der Schule von Kaven unterrichtet werden. Da wäre das Fach Lesen, Schreiben und Aussprache, das Fach Heimat- und Auslandskunde, das Fach Rechnen und Geometrie, das Fach Natur und Entwicklung sowie das Fach Politik, Organisation und Aktuelles. Ich selbst interessiere mich für das Fach Natur und Entwicklung am meisten, insbesondere deshalb weil man hier viel Praktisches über das Überleben in der Wildnis erfährt.

 

Nach gut zehn Minuten Unterricht klopfte es an der Klassentür und Schülerin Mallen Goldan kam herein. Verschwitzt und noch etwas außer Atem ging sie nun direkt auf unseren Lehrer Herrn Klimp zu. "Guten Morgen! Herr Klimp. Bitte entschuldigen Sie mein Zuspätkommen.  Dummerweise hatte ich auf meinem Weg zur Schule mein Halstuch verloren und musste den größten Teil meines Weges wieder zurücklaufen bis ich ihn schließlich wieder gefunden habe."

 

In unserer Schule gibt es fürs Zuspätkommen zwei Möglichkeiten der Bestrafung. Da wäre das Nachsitzen, was die milde Bestrafung ist, und zum anderen, und das ist die harte Bestrafung, der Schüler wird für eine bestimmte Zeit von der Schule ausgeschlossen. Der jeweils unterrichtende Lehrer hat hier völlige Entscheidungsfreiheit. Da Mallen bei ausschließlich allen Lehren beliebt ist, nickt Herr Klimp ihr zu und gibt ihr mit einer schnellen Geste zu verstehen das sie sich auf ihren Platz setzen soll. "Fräulein Goldan, sie kennen ja die Regeln dieser Schule. Melden Sie sich daher bitte im Anschluss dieser Stunde bezüglich der zusätzlichen Schulstunde bei mir". Mallen nickte Herrn Klimp zu, bedankte sich bei ihm und bewegte sich dann ohne besonderen Grund mit einer, ja..., ziemlich übertriebenen Anmut, als tanze sie beinah, zu ihrem Platz neben ihrer albernen Sitznachbarin Greta. Warum machte sie immer solche Sachen? Es sah auf jeden Fall so komisch aus, dass ich mich etwas zusammenreißen musste um nicht zu lachen.

 

Es mag sonderbar klingen, aber Mallen nimmt in meinem tristen Leben hier so eine Art Sonderstellung ein, denn Mallen ist anders als die anderen. Von den anderen war ich es gewohnt abschätzig angesehen und behandelt zu werden. Sie jedoch ist eine der wenigen, vielleicht auch die einzige, die mich stets mit Respekt begegnet ist. Zudem war sie zu mir, in den wenigen Momenten die es zwischen uns gab, auch immer aufrichtig und freundlich gewesen. Aber darauf brauche ich mir jedoch nichts einzubilden, denn es gehört auch einfach zu ihrem Wesen stets alle irgendwie respektvoll und nett zu behandeln. Dazu gehört, dass ich sie auch noch nie über jemanden anderen lästern oder schlecht reden hören habe. Und fluchend und zickend und richtig wütend habe ich sie ebenfalls noch nie erlebt.

 

Mallen ist schon ungewöhnlich und für mich, wie vermutlich auch für viele andere, ein Rätsel. Hinzu kommt, dass Mallen auffallend hübsch ist. Sie hat hellblonde, lange und leicht gewellte Haare, die sie oft einfach und praktisch zu einem Zopf gebunden hat. Ihre Gesichtszüge sind klar und ebenmäßig. Sie hat wache, klare, blassblaue Augen. Und ihr Mund..., sie hat einen wunderschön geschwungenen Mund, mit stets leicht angehoben Mundwinkeln, die ihrer Ausstrahlung stets etwas Unbekümmertheit und Heiteres verleihen.

 

Als einziges Kind wächst Mallen bei ihrem Vater Johnas Goldan auf, denn ihre Mutter verstarb schon sehr früh bei ihrer Geburt. Johnas Goldan ist unser Bürgermeister und ein angesehener und beliebter Mann in Kaven. Mallen wäre allein deshalb schon bei vielen schon beliebt gewesen, aber aufgrund ihrer Eigenarten wird sie von vielen vielleicht sogar geliebt. Es gibt jedoch auch einige, insbesondere ein paar Mitschülerinnen von ihr, die ihr die Beliebtheit neiden und ihr wohl am liebsten die Augen auskratzen würden, wenn sie könnten..

 

Auch kümmert es Mallen scheinbar auch nicht, was andere über sie denken. Sie hat nie Anstalten gemacht zu den beliebtesten und gefragtesten Schülern der Klasse oder der Schule zu gehören oder mit ihnen befreundet zu sein. Sie gilt bei dem einen oder andern sogar als arrogant und überheblich, da sie trotz ihrer Beliebtheit bei den meisten Schülern, ihren Freundeskreis nur auf ganz wenige und eher unauffällige Mitschüler  beschränkt. Ich glaube jedoch, dass sie in der Auswahl ihrer Freunde nur sehr spezielle Ansprüche hat und sie daher, vielleicht auch nur zum Anschein, eher stille und zurückhaltende Schüler auswählt, mit denen sie befreundet ist und etwas unternimmt. Zu allen anderen, ob beliebt, angesehen, angesagt oder was auch immer, ist sie zwar nett und freundlich, aber gleichzeitig auch zurückhaltend und unnahbar.

 

Zwischen mir und Mallen gab es in der ganzen Schulzeit die wir gemeinsam hatten, eigentlich keine einzige Begegnung die über eine banale Begrüßung hinausging. Es gab jedoch zwei Begegnungen, die waren für mich so außergewöhnlich, dass Mallen seit dem für mich etwas Besonderes ist.

 

Eine von diesen beiden Begegnungen war gleich am ersten Schultag gewesen. Wie ich es bereits auch schon häufig erlebt hatte und gewohnt war, fühlte ich mich auch an meinem ersten Schultag wie ein bunter Hund. So gut wie jeder starrte mich an. Kinder wie auch zum Teil die Eltern, glotzten mich mit offenen Mund an wenn sie mich erblickten. Sie hatten nicht mal den Anstand wegzusehen, wenn sie sahen, dass ich ihr Anstarren bemerkt hatte. Dieses Anstarren war ich zwar gewohnt, aber weh tat es mir damals trotzdem immer wieder. Und dann erschien auch irgendwann Mallen mit ihrem Vater. Ich muss zugeben, auch ich war nicht anders als die anderen, denn ich starrte damals sie an. Sie hatte mich schon beim ersten Mal total verblüfft. Mallen war schon damals auffallend hübsch gewesen, aber das war nicht das was mich wirklich zu diesem Anstarren veranlasst hatte. Nein, es war mehr die Art, wie sie sich gab, wie sie sich bewegte, wie sie sich die Dinge ansah und.. besonders wie sie sich mir gegenüber verhielt. Als sie schließlich bemerkte, dass ich sie anstarrte, starrte sie mich nicht, wie ich es gewohnt war, wie die anderen an. Nein, sie... zwinkerte mir verrückterweise zu und schaute mich dabei leicht amüsiert an. Der Blick war auch nicht herablassend gewesen. Ich war total verdattert und schaute dann auch schnell woanders hin. Aber ihr Zuzwinkern und ihre leichte und unbekümmerte Art und das in diesem Alter, dass war für mich schon ziemlich außergewöhnlich gewesen und sie war für mich von da an schon etwas ganz Besonderes.

 

Die zweite und weitere Begegnung die ich mit ihr hatte, war letztes Jahr im Wald, in der Nähe bei meiner Hütte. Es war Spätsommer und sehr heiß an diesem Tag. Ich hatte gerade das Dach von der Hütte mit Pech abgedichtet und wollte den Eimer mit Pech gerade wieder zurück zum Schuppen meines Onkels Jaron bringen, als ich sie dann plötzlich sah. Sie war allein und ging still den Waldweg entlang. Ich blieb abrupt und wie erstarrt stehen. Hatte sie mich gesehen oder gehört? Es schien jedenfalls nicht so. Ich ging vorsichtig in Deckung, denn ich wollte nicht, dass jemand mich hier und schlimmer noch, mein Baumhaus entdeckte. Warum ist sie allein? Sie hat doch sonst immer jemanden bei sich oder ist in Begleitung... Ich hatte sie jedenfalls noch nie alleine gesehen. Ich wurde neugierig. Wo geht sie hin? Was will sie hier? Ich entschied mich ihr in sicherem Abstand zu folgen. Zumindest soweit ich sie sicher verfolgen konnte.

 

Nach gut sechshundert Schritt und zwei Abzweigungen hatte ich dann auch schon eine Vermutung wohin sie gehen könnte. Es gab im Waldinneren eine kleine Lichtung mit einem kleinen Waldsee. Der Weg zu diesem Waldsee war schon ziemlich verwachsen. Jedoch kam man immer noch gut dadurch. Aber warum nahm sie diesen Weg und nicht den Weg von der anderen Seite des Waldes, der erstens für sie kürzer und zweitens besser passierbar für sie gewesen wäre? Und tatsächlich nach gut weiteren dreihundert Schritten erreichte sie den Waldsee. Obwohl dieser Ort wirklich schön war, kommt hier kaum noch jemand hier her. Das lag zum einen daran, dass es noch einen viel größeren See in Kaven gab und dieser mit seinem klaren Wasser und der guten Lage deshalb wohl bevorzugt wurde. Diesen Waldsee kannten nur die Wenigsten. Wozu dann auch wohl Mallen gehörte. Ich war zu neugierig und naja, ich wollte einfach noch nicht wieder zurück.

 

Mallen schlüpfte aus ihren Schuhen, ließ die Träger ihres Kleides von den Schultern und somit ihr Kleid von ihrem schmalen Körper gleiten. Mir stockte der Atem. Ihr Körper hatte zwar noch nicht die Reife einer erwachsenen Frau, aber ich fand sie war auch so schon wunderschön. Nachdem sie sich dann auch noch ihr letztes Kleidungsstück entledigt hatte, sprang sie mit einem gekonnten Hechtsprung ins Wasser. Trotz meiner Benommenheit sagte mir mein Verstand, dass ich weggehen sollte. Aber ich blieb und schaute ihr noch weiter beim Baden zu. Als ich mich dann doch etwas widerwillig aufmachte um zurück zur Hütte zu gehen, drehte ich mich nochmal zu ihr um. Was ich dann sah, hatte mich in eine Art Schockstarre versetzt. Mallen sah mich direkt an. Wir waren zwar immer noch rund zweihundert Schritte voneinander entfernt, aber ich meinte, dass sie zweifellos und völlig reglos zu mir herüber schaute. Ich rührte mich kein bisschen. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit neigte sie, als sei nichts gewesen, ihren Oberkörper langsam zum Rückenschwimmen nach hinten. Ich atmete erleichtert aus und machte mich dann so schnell und leise wie möglich davon. Hat sie mich nun gesehen? Hat sie mich erkannt? Sie muss mich doch gesehen und erkannt haben! Aber warum hat sie dann so getan als ob nichts gewesen wäre? Warum hat sie nicht geschrien? Meinen Namen geschrien oder sonst was gemacht? Sie jedenfalls hat sich mir gegenüber danach nie etwas anmerken lassen. Aber warum? Vielleicht aber hat sie mich auch nicht gesehen und sie hatte nur zufällig in meine Richtung geschaut. Ich möchte das glauben. Aber, ich glaubte nicht wirklich daran.

 

Das waren die zwei einzigen aber ziemlich sonderbaren Begegnungen die ich bisher mit Mallen hatte. Das nun aber Mallen mit mir eine Stunde nachsitzen musste, ließ meinen Mund ganz trocken und meine Hände schwitzig werden. Mallen und ich... mein Gott... die Schöne und das Biest. War das der Grund für meine ungewöhnliche Angst in letzter Zeit gewesen...?

 

Nachsitzen

 

Nach der letzten regulären Stunde war es dann soweit, dass Mallen und ich in unserem Klassenraum unsere zusätzliche Stunde ableisten durften. Herr Klimp kam herein und gab uns unsere Aufgaben, die wir in dieser Stunde zu erledigen hatten. Mallen sitzt zwei Reihen weiter hinter mir. Die Aufgaben sind aus meiner Sicht nicht schwierig und gut zu schaffen. Nach gut einer dreiviertel Stunde völliger Stille zwischen mir und Mallen wurde ich schließlich mit meinen Aufgaben fertig. Da mir die Stille langsam unheimlich wurde und ich auch neugierig war wie weit Mallen ist und was sie so hinter mir machte, drehte ich mich um und sah, dass sie scheinbar ebenfalls fertig mit ihren Aufgaben war und sie mich nachdenklich und zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, anstarrte.

"Was ist?" fragte ich ruppiger als mir lieb gewesen war.

"Naja, ich frage mich nur, warum du hier bist." antwortete sie gelassen.

"Wieso? Hat dir noch keiner erzählt, dass ich Jaden zu Beginn der ersten Stunde angeschrien habe?" antwortete ich mit einer Gegenfrage.

"Doch, weiß ich, aber ich wundere mich trotzdem warum du hier in der Schule immer so reagierst. Ich meine irgendwie passt das nicht zu dir und schon gar nicht wie ich dich so eingeschätzt hätte."

Worauf will sie hinaus? Was meint sie  mit  -wie ich dich so eingeschätzt hätte-?

"Wie würdest du mich denn einschätzen?" fragte ich schließlich neugierig.

Mallen stand nun auf und kommt auf mich zu. Ich schaue ihr ins Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck ist entspannt und irgendwie... ja, leicht amüsiert. Ich bin wieder völlig verblüfft über ihr Aussehen. Ihre aufgeweckten und strahlenden Augen, ihr Mund, ihre Figur und wie sie sich bewegt. Mein Gott und sie ist doch erst dreizehn. So benimmt sich keine Dreizehnjährige! Mallen setzt sich nun mir gegenüber an den Tisch und schaut mich noch etwas nachdenklich an, ehe sie antwortet.

"Also, wir gehen doch schon seit mehr als drei Jahren gemeinsam auf dieselbe Schule und sogar in derselben Klasse, ja?"

"Richtig, und?" entgegnete ich.

"Ich bin neugierig und ich beobachte halt gern, insbesondere die, die sich ganz anders verhalten als die anderen oder... wie ich sie eingeschätzt hätte. Naja, du jedenfalls bist entschieden anders als die anderen."

Ich bin etwas fassungslos und glaube gerade nicht was ich da gehört habe. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Sie, Mallen, konnte das sein, dass sie mich beobachtet und sich für mich interessiert?

"Inzwischen glaube ich sogar, dass du nicht wirklich der bist den du vorgibst zu sein." behauptete sie nun.

"Wie? Und wer sollte ich nach deiner Meinung dann sein?" fragte ich nun ziemlich verwirrt.

"Weiß ich nicht.. Ich glaube jedenfalls, dass du stärker bist als du uns glauben machen willst. Ich weiß, dass du kaum oder vielleicht sogar gar keine Freunde hast. Also..., ich kenne jedenfalls keinen der dich wirklich mag-"

Ich stöhnte innerlich. "Schön zu hören.. Danke!" gab ich meinen ironischen Kommentar dazu ab.

Mallen zuckte die Schultern und redete einfach weiter "-du scheinst jedenfalls nur Ablehnung zu bekommen. Aber ich wundere mich, wie jemand ohne die geringste Anerkennung immer wieder die Kraft findet.., weiter zu machen.., zur Schule zu gehen, seine alltäglichen Pflichten nachzugehen oder... sogar in einem Wald eine riesige Baumhöhle baut, die man nur entdeckt, wenn man direkt mit der Nase darauf stößt."

Jetzt bin sprachlos und ein wenig geschockt. Sie hat also tatsächlich meine Baumhöhle entdeckt.

Mallen rückte nun etwas näher zu mir.

"Besonders interessant finde ich, dass du trotz deiner inneren Stärke, die du aus meiner Sicht hast, dich immer wieder von diesen Idioten schikanieren lässt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass du die Schikane irgendwie mit Absicht sogar provozierst und du dich gerne quälen lässt. Du bist nicht blöd oder sowas und ich kann mir gut vorstellen, dass du genau weißt wie du dich wehren könntest damit dich diese Idioten zukünftig nicht mehr ärgern. Die Frage ist nur... Warum?  Warum lässt du das immer wieder mit dir machen?" dabei sah sie mich nun mit großen Augen und einem nachdenklichen Lächeln an.

 

Ich frage mich was sie sonst noch alles weiß? Scheinbar sieht sie Dinge, die die meisten nicht sehen und, wie in meinem Fall, auch niemand sehen sollte. Ich wollte erst sagen, dass ihr das erstens wohl nichts angeht und zweitens ich ihr das dann auch niemals sagen würde. Aber hier stellte Mallen die Fragen und nicht irgendjemand anderes. Auch musste ich überrascht feststellen, dass ich mich tatsächlich gerne mit ihr unterhielt und ich mich auch weiter mit ihr unterhalten wollte.

Ich seufzte schließlich "Du stellst Fragen...! Aber.. okay. Meine ehrliche Antwort..., ich weiß es selber nicht genau. Zum einen will ich sicherlich einfach nur in Ruhe gelassen werden und gebe ihnen dann einfach nur das, was sie von mir wollen; also.., das ich mich aufrege, herumschreie und so weiter. Meistens lassen sie mich dann auch schnell wieder in Ruhe. Aber manchmal glaube ich auch, dass ich einfach nur dazu neige mich selbst, für das was und wie ich bin, zu bestrafen. Naja..., es könnte aber genauso gut sein, dass ich vielleicht doch nur Angst habe und ich wirklich so bin wie ich mich verhalte.." beantwortete ihre Frage so ruhig und unbekümmert ich noch konnte. Irgendwie eine blöde Antwort.., aber ich wusste es nicht besser und es war nun mal so, wie ich es gesagt hatte.

 

Mallen sah mich etwas ungläubig an, schien jedoch darüber noch etwas nachzudenken bis sie schließlich ihren Kopf kurz schüttelte. "Ich weiß nicht... irgendwie... ach egal, vielleicht ist das auch einer der Gründe warum ich dich so... interessant finde."

Ich stutzte. Sie hat es schon wieder gesagt. Ist sie vielleicht doch verrückt? 

"Und?... Willst du das nun herausfinden.. oder was?" fragte ich schließlich nur, anstatt zu fragen ob sie irgendwie ihren Verstand verloren hat.

"Ja, könnte schon sein..." entgegnete Mallen wieder mit einem Grinsen im Gesicht.

"Und was ist, wenn es da nichts Besonderes gibt...? Wenn ich einfach nur jemand bin, der, aus welchen Gründen auch immer, ein rotes Gesicht hat und blöderweise damit wie ein Teufel aussieht... und ich letztendlich doch nur ein Feigling bin, der sich mit seiner Situation abgefunden hat und nur den Weg des geringsten Widerstandes nimmt? Was dann?" 

"Was soll schon sein..? Dann habe ich mich halt geirrt. Aber, ich habe zu mindestens jemanden kennen gelernt.., der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Ist doch auch was, oder?" sagte sie und lächelte mir zu.

Ich hatte Mallen schon oft lachen oder lächeln gesehen. Es entspricht ihrem Wesen und ihrer Frohnatur.. Aber es ist schon etwas ganz anderes, wenn man von ihr ein Lächeln bekommt. Dieses Lächeln war echt und es ließ mein Herz Purzelbäume schlagen. Verflucht! Wenn ich nicht schon rot wäre, dann wäre ich nun auf jeden Fall rot geworden. Mir ist spätestens jetzt klar geworden, dass ich mich wohl in sie verliebt habe. Aber das konnte und durfte nicht sein. Ich wäre ein Idiot, wenn ich glauben würde, das Mallen sich jemals in einem wie mich verlieben könnte. Sie sagte sie findet mich interessant. Na und? Man kann auch Scheiße interessant finden. Also.., sei kein Narr und bleib ruhig.

 

"Ich will mal so sagen..." fing ich nun an "..es fällt mir schwer, zu glauben, dass du dich wirklich für mich interessierst.., das wäre... etwas völlig.. ja.. Neues für mich. Ein Gedanke an den ich mich erst einmal gewöhnen müsste.." und an den ich mich natürlich auch gerne gewöhnen würde.., dachte ich noch bei mir.

 

Dann hörten wir Schritte. Die Tür öffnete sich und der Lehrer Herr Klimp betrat den Klassenraum. "Die Stunde ist um. Ich hoffe sie haben Ihre Lektionen gelernt. Geben sie mir nun bitte Ihre Ausarbeitungen." Wir gaben ihm schließlich unsere Ausarbeitungen. "Sobald ich mir ihre Arbeiten angesehen habe und sie nichts mehr von mir hören sollten, ist die Sache für sie beide erledigt. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag." Wir wünschten unserem Lehrer ebenfalls einen guten Tag. Dann verließ Herr Klimp wieder den Klassenraum und Mallen und ich waren wieder allein.

 

Mallen drehte sich wieder zu mir um. "Ich muss nach Hause! Wenn Du möchtest können wir uns ja mal treffen und unser Gespräch dann fortsetzen. Ich würde mir auch gern mal deine Baumhöhle von innen ansehen." Sie lächelte mir wieder zu.

"Ohh..., ja.. ja natürlich, können wir das machen." antwortete ich wieder völlig verdattert und konnte das alles immer noch gar nicht fassen.

"Wann...?" fragte Mallen nun aufgeregt und überlegte dann laut weiter nach.. "..also heute kann ich nicht. Ich bin schon mit Korda verabredet.., aber wie wäre es morgen, nach der Schule?"

Mallen will sich tatsächlich mit mir treffen. Ich kann das alles immer noch nicht wirklich glauben...! Panik ergriff mich. -Reiß dich zusammen! Bleib ruhig!- wies ich mich schließlich selbst zurecht.

"Gut, morgen ist für mich in Ordnung. Wenn du willst können wir uns bei meiner Baumhöhle treffen. Die kennst du nun, leider.., mittlerweile ja." antwortete ich schließlich cooler als ich es von mir selbst in meiner Lage erwartet hätte. Mallen lachte, womöglich wegen meiner Bemerkung -leider-.

"Ja, dann bis morgen, Rota! Bei deiner Baumhöhle...!"

"Bis dann, Mallen!" verabschiedete ich mich ebenfalls und machte mich auch auf dem Weg nach Hause.

 

Verborgene Kräfte

 

Auf dem Rückweg nach Hause dachte ich die ganze Zeit über das Gespräch mit Mallen nach. Ich war darüber immer noch ziemlich verwirrt. Was will Mallen von mir? Nie gab es jemanden der sich wirklich für mich interessierte oder der mit mir befreundet sein wollte und nun ausgerechnet... Mallen! Das vielleicht beliebteste Mädchen von ganz Kaven, was zu mindestens für den männlichen Teil von Kaven zutraf. Sie findet es interessant, dass ich mich aufgrund meiner Situation nicht unterkriegen lasse. Mir bleibt aber doch gar nichts anderes übrig als das Beste daraus zu machen. Würden denn andere sich anders verhalten? Jeder versucht doch irgendwie das Beste aus seiner Situation zu machen. Auch habe ich nie daran gedacht, dass ich etwas Besonderes bin. Und wenn es etwas Besonderes an mir gibt, dann ist es nur dieses Feuermal, was mir ein monströses Aussehen verleiht.

Aber vielleicht ist da wirklich doch mehr.. und Mallen hat vielleicht nicht ganz Unrecht damit, als sie andeutete, dass ich vielleicht nicht nur innerlich stark sein könnte, sondern ich mich möglicherweise auch körperlich meiner Haut wehren könnte. Tatsächlich war ich, wenn ich genauer darüber nachdachte, auch noch nie richtig an meine Leistungsgrenze gekommen. Alles was ich heben und bewegen wollte, habe ich meistens auch ohne weiteres Nachdenken machen können. Warum aber habe ich eigentlich nie richtig ausprobiert wie stark ich wirklich bin und wo meine Grenzen sind. Jedes normale Kind versucht doch, ob spielerisch oder auf andere Weise, seine Grenzen auszuloten. Ich habe es nie versucht. Warum eigentlich nicht? Gut, ich hab aufgrund meines Aussehens keine Freunde oder Spielkameraden mit denen ich mich hätte messen können. Trotzdem..?

Aber was soll‘s, was man noch nicht gemacht hat, kann man immer noch nachholen.. Ich werde gleich bei meiner Baumhöhle sein und dort könnte ich ja mal ausprobieren wo meine Grenzen sind. Klimmzüge wäre vielleicht eine gute Möglichkeit..

 

Kurze Zeit später erreichte ich dann meine Baumhöhle. Ich kletterte meine Baumhöhle hinauf und fand auch schnell einen geeigneten Ast um daran Klimmzüge zu machen.

 

Beim ersten Klimmzug merkte ich gleich, dass es für mich sehr anstrengend war und ich durchaus viel Mühe hatte mich nur mit meiner Armkraft nach oben zu ziehen. Aber es gelang mir. Der zweite Klimmzug gelang mir ebenfalls, jedoch auch nur mit größter Mühe.. Ächzend schaffte ich auch noch den Dritten. Der vierte Klimmzug wurde zu einer echten Herausforderung und ich schaffte es nur mit äußerster Willenskraft. Trotzdem versuchte ich noch den fünften Klimmzug. Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Auf halbem Weg, und an einem Punkt wo ich gerade aufgeben wollte, spürte ich auf einmal in meinen Armmuskeln eine kleine Entspannung meiner Schmerzen, die mich dann wieder etwas höher beförderte und ich mit einem lauten Stöhnen auch den fünften Klimmzug schaffte. Obwohl ich total erschöpft war und meine Arme schmerzten, motivierte mich dies nun wieder auch den nächsten Klimmzug zu versuchen. Auch hier spürte ich, trotz heftiger Schmerzen im Oberarm, dass ich die Schmerzen aushalten konnte und diese sich nicht verschlimmerten. Ich schaffte auch diesen sechsten Klimmzug. Ich versuchte es nun immer weiter und weiter.. Die Schmerzen ließen zwar nicht nach, jedoch schaffte ich alle Klimmzüge. Ich war nun beim dreiunddreißigsten Klimmzug und merkte, dass ich immer noch weiter machen konnte. Erst beim hundertsten Klimmzug hörte ich schließlich auf. Meine Arme schmerzten und brannten höllisch, aber mir war klar, ich hätte noch weiter und weiter machen können.

 

Scheinbar habe ich tatsächlich Kräfte in mir die ungewöhnlich sind. Ich war begeistert und finde es natürlich fantastisch diese verborgenen Kräfte zu haben, die mir vielleicht noch ganz nützlich sein konnten. Aber wieso und woher habe ich diese Kräfte? Und was kann ich sonst noch alles? Ich kletterte wieder von meiner Baumhöhle nach unten und ging zum nächstbesten Baum. Der Baum hat einen Umfang von rund eineinhalb Schritt. Habe ich die Kraft den Baum zu schütteln oder sogar umzukippen? Ich konnte es mir zwar nicht vorstellen und kam mir ein wenig lächerlich vor, aber ich wollte es jetzt einfach wissen. Ich stämmte mich nun mit aller Kraft die ich aufbringen konnte, mit meinen Händen und meinem Körper gegen den Baum. Es tat sich nichts. Ich versuchte mich mit noch mehr Kraft gegen den Baum zu drücken. Nichts! Das einzige was passierte war, dass ich mich selbst vom Baum wegdrückte. Dann wurde mir klar, dass das so ja auch nichts werden konnte. Physikalische Gesetze!

 

Ich schaute mich um. Weiter hinten lag ein umgefallener Malvenbaum. Ein Baum, den allerhöchstens ein erwachsener und wirklich starker Mann heben könnte, aber sicherlich nicht ein Junge wie ich in diesem Alter. Zwischen Wurzel und Baumkrone stellte ich mich unter dem Stamm. In gebückter Haltung fasste ich den Stamm mit meinen Händen und versuchte den Baumstamm nun zu heben. Ich drückte mit aller Kraft und dachte noch.. was für ein Blödsinn machst du da eigentlich.. Ich bemerkte wie ich mich selbst tiefer in den Waldboden drückte, aber nur bis zu dem Punkt wo der Boden eine Festigkeit hatte den Druck meiner Füße zu halten. Doch dann, als ich schon fast aufgeben wollte und mit noch mehr Kraft gegen den Baum drückte, bemerkte ich tatsächlich dass sich der Baum etwas bewegte. Dies ermunterte mich dazu noch stärker zu drücken. Dann endlich schaffte ich es diesen Koloss von Baum, zu heben und neben mir wieder fallen zu lassen. Unglaublich! Mein Gott..! Wahnsinn..! Habe ich das wirklich gerade geschafft? Meine Muskeln, Arme, Beine, Rücken brannten und schmerzten.. Aber das war mir in diesem Moment egal. Schmerzen kommen und gehen für gewöhnlich ja auch wieder...

 

Was mache ich nun mit dem Wissen, dass ich ungewöhnliche Kräfte habe? Setze ich diese ein um mich gegen Jaden und die anderen, die mich täglich schikanieren und ärgern, zu wehren? Was würde passieren? Sie würden vielleicht damit aufhören..., aber ob sie mich dann respektieren würden..? Das wage ich sehr zu bezweifeln. Ich denke sie würden eher vorsichtiger sein und wenn sich irgendwann dann eine günstige Gelegenheit bietet, dann würden sie diese Gelegenheit vielleicht auch nutzen um mich so richtig fertig zu machen. Nein.., von daher wäre es besser wenn ich es für mich behalte und es geheim halte. Besser und vor allem spannender ist es doch diese außergewöhnlichen Kräfte nur dann, wenn es wirklich notwendig ist einzusetzen. Die Überraschung wäre dann jedenfalls auf meiner Seite. Eigentlich bin ich jemand der kaum oder fast nie lächelt, aber in diesem Moment musste ich dann doch ein wenig lächeln.

 

Zuhause

 

Als ich schließlich Zuhause ankam war es schon ziemlich spät. Petra, Justin und Sophia hatten bestimmt schon zu Mittag gegessen. Ich hoffte, dass sie nicht auf mich gewartet haben, denn wenn sie gewartet haben, werden sie mir dies bestimmt wieder gerne vorhalten und mich übelst beschimpfen. Wie lange sie doch auf mich gewartet hätten.., was sie nicht alles in dieser Zeit hätten machen können und, und, und. Aber.. egal, sollen sie doch! Diesen Tag können auch sie mir nicht mehr vermiesen.

 

Wie befürchtet kam mir Justin auch gleich am Hauseingang entgegen.

"Ohh.. da ist ja unser Rota! Kommt so mir nichts dir nichts, wie es ihm halt gerade so gefällt nach Hause und möchte selbstverständlich nun sein Mittagessen vorgesetzt bekommen! Hmmm?"

Dabei kam er übertrieben nah an mich heran und schaute mir mit einem irren Blick in meine Augen.

"Du egoistischer Taugenichts.., weißt du eigentlich wie lange wir wiedermal auf dich Nichtsnutz gewartet haben...?"

Als ich mich gerade versuchte zu erklären, wurde ich auch schon kopfschüttelnd von Justin weggeschupst. Ich prallte gegen die Wand und verlor das Gleichgewicht und fiel schließlich zu Boden. Justin beugte sich nun über mich.., wobei seine wunderschönen, langen, blöden Haare mir ins Gesicht fielen und mir die Sicht nahmen.

"Du bist so ein..., aaach.. das hat sowieso keinen Sinn mit dir!" zischte er, stieß mir noch seine Faust gegen meinen Kopf und ging dann wütend an mir vorbei in sein Zimmer. Wobei er daraufhin noch kräftig die Tür hinter sich zuschlug.

 

Nun kam Petra aus der Küche und sieht mich auf dem Boden liegen. "Rota! Wo warst du?" schimpfte sie, "Wir haben so lange auf dich gewartet. Kannst du dir nicht vorstellen, dass wir uns vielleicht auch Sorgen machen, wenn du nicht kommst?" und schaute wütend zu mir herunter. Sie, die sonst immer die Ruhe in Person ist und sich so gut wie nie über etwas ärgert oder aufregt.

Ich schaute schließlich zu ihr hoch.

"Ich musste in der Schule eine Stunde länger bleiben.., das ist alles.. und mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen." und fügte wütend, wie ich war, noch hinzu  "Rechnet doch einfach in Zukunft immer damit, dass ich eine Stunde oder sogar noch später komme, dann braucht ihr euch auch keine Sorgen um mich zu machen."

"Werde nicht auch noch frech! Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen und du dankst es uns immer wieder mit deinen ständigen Frechheiten.."

Wir schauten uns nun beide wütend an. Ich entschloss darauf nichts weiter mehr zu sagen. Sie atmete schließlich tief durch und seufzte..

"Komm erst mal hoch und setz dich in die Küche. Du solltest jetzt denke ich erst mal etwas essen." Ich ging schließlich in die Küche. Wie ich überrascht feststellen musste, saß Sophia noch am Küchentisch. Dabei kam mir nun der Gedanke, dass ich sie auch schon seit Tagen nicht mehr gesehen hatte. "Hallo Sophia..!" sagte ich leiser und demütiger zu ihr als ich wollte. Sophia stand schnell auf und nahm flugs ihre Sachen in die Hand. "Hallo Rota" presste sie gerade noch heraus und ging direkt zu ihrer Mutter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Mum ich muss weg. Hab dich lieb". Dann war sie auch schon wieder verschwunden. Petra gab mir noch den Rest vom verbliebenen Gemüseeintopf, den ich dann auch komplett aufgegessen habe. Petra blieb jedoch auch nicht mehr bei mir. Sie entschuldigte sich, da sie noch mit ihrer Freundin verabredet war.

 

Mir war's egal. Ich war sogar froh, dass ich endlich wieder allein war und meine Ruhe hatte.

 

Treffen

 

Am nächsten Tag nach der Schule war es dann soweit, dass ich zum ersten Mal mit Mallen verabredet war. Zuhause hatte ich Petra gesagt, dass ich heute nicht zum Mittagessen komme und erst gegen Abend da sein werde. In der Schule war heute, bis auf die Tatsache das Jaden mich wie gewohnt beleidigte und demütigte, ansonsten nichts weiter Nennenswertes passiert. Als ich dann in meiner Baumhöhle angekam, dauerte es auch nicht mehr lange und Mallen erreichte meine Baumhöhle und ich hörte sie nach mir rufen.

"Hallo Mallen, warte.. ich lass gleich die Strickleiter runter."

Ich selbst nahm bevorzugt immer gerne den Kletterweg, aber ich hatte auch eine Strickleiter gebaut um das man damit bequemer die Baumhöhle erreichen konnte. Ich selbst aber hatte nur einmal diese Strickleiter benutzt und das, war auch nur deshalb um zu testen ob die Strickleiter überhaupt funktionierte. Als ich die Strickleiter jedoch gerade herunter lassen wollte, kam mir Mallen aber schon gleich auf dem Kletterweg entgegen. Mallen trug praktischerweise sogar eine Hose. Es war nicht ungewöhnlich in Kaven, das Frauen und Mädchen auch Hosen trugen, aber es kam nicht häufig vor. Ich selbst fand das Mädchen und Frauen allgemein in Hosen eher unvorteilhaft aussehen. Bei Mallen hingegen musste ich zugeben, das ihr die Hose sehr wohl stand und ihre schöne und athletische Figur dadurch viel deutlicher zur Geltung kam. Als sie dann schließlich kletternd meine Baumhöhle erreichte, sah sie mich kurz und dann die Hütte genauer an.

"Hallo Rota.., tolle Hütte hast du hier! Wahnsinn..!" und sah mich dann mit einem Lächeln erwartungsvoll an. "Und...? Darf ich rein?" fragte sie nun.

Ich ging beiseite und öffnete die Klapptür zu meiner Baumhöhle. Mallen ging rein und schaute sich schließlich in meiner Baumhöhle um. Sie ging wortlos von einem Ausguck zum anderen, sah sich meine bescheidenen Möbel und meinen Liegeplatz genauer an, bis sie sich schließlich auf dem Hocker hinsetzte und mich wieder ansah. Ich selbst war wieder so von ihr fasziniert, dass ich ihren Blick nicht lange standhalten konnte und ich mich schließlich wegdrehte.

"Wahnsinn! Und das hast du alles allein gebaut? Schon allein die Größe..., irre! Von außen gesehen wirkt alles viel kleiner und dann hier... doch so ... ja riesig.. Ich wusste, dass in dir sehr viel mehr steckt als du nach außen hin immer zeigst. Aber das hier.. Ich wette das Ding..., dein Baumhaus hier..., ist sogar absolut sturmfest. Nass wird man hier bestimmt auch nicht, oder?"

"Stimmt, nass... wird man hier nicht." sagte ich nun nicht ganz ohne Stolz.

Sie schaute mich zunächst schweigend an, bis sie dann doch wieder eine Frage stellte. "Wieso hast du diese Hütte eigentlich gebaut? Ich meine.., war es einfach nur.. weil du Lust hattest etwas zu bauen oder gab es hierfür einen besonderen Grund?"

Ja, warum habe ich diese Hütte eigentlich gebaut...? Ich überlegte, bis ich schließlich sagte: "Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht etwas nur für mich zu bauen., naja und ich denke..., weil ich mir hier ein Platz schaffen wollte, wo ich mich einfach wohl und irgendwie sicher fühlen kann."

Sie nickte und schaute dabei wieder aus dem Ausguck. "Kann ich mir gut vorstellen. So einen Ort wünschen sich, glaube ich, viele." sagte sie schließlich und wendete sich mir wieder zu. "Und..? Was hast du anzubieten?"

"Wie? Was meinst du? Was habe ich anzubieten?" fragte ich nun verdutzt.

"Ich meine.., ich bin doch dein Gast, oder? Und einem Gast bietet man doch für gewöhnlich etwas an.." Antwortete sie und schaute mich dabei ein wenig neckisch an.

Ich musste grinsen. "Ich habe gesehen, dass du klettern kannst und ich glaube, dass du das vielleicht sogar gerne machst.. Was hältst du davon, wenn ich dir ein paar wirklich tolle Plätze zum Klettern zeige?"

Sie schaute mich dankbar und lächelnd an. "Da bin ich dabei! Ich liebe Klettern!" 

"Gut!." sagte ich "..dann können wir gleich bei diesem Baum anfangen. Wenn wir oben sind, ich sage dir..., die Aussicht ist wirklich beeindruckend.. Aber was sage ich..! Du wirst es ja selbst sehen. ".

 

Wir kletterten dann diesen Baum bis fast zur Spitze hoch. Der Baum gehört zu den höchsten Bäumen in diesem Wald und ist vielleicht fast fünfzig Schritt hoch. Mallen, erwies sich hierbei auch als wirklich geschickte Kletterin, obwohl ich von ihr auch nichts anderes erwartet habe. Sie ist stets in allem sehr gut.. und da gab es, soweit ich wusste, bisher auch nie eine Ausnahme. Als wir schließlich oben angekommen waren, genoss sie diesen Augenblick und diese Aussicht. Dieses Glücksgefühl was sie offensichtlich verspürte, war echt und ich empfand zum ersten Mal ebenfalls einen Moment des Glücks, da ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem eine Freude machen konnte. Als wir nach einiger Zeit dann wieder nach unten geklettert waren und wir uns wieder in meiner Hütte befanden, war es auch schon später geworden, als wir angenommen hatten.

"Ich würde immer wieder gern nach oben zur Spitze des Baums klettern.. Es war.. aufregend und die Aussicht ist dort wirklich atemberaubend schön." schwärmte Mallen immer wieder.

"Ich werde dich daran jedenfalls nicht hindern.. Aber, es gibt zum Klettern auch noch andere schöne Bäume in diesem Wald, die auch so ihren Reiz haben und wenn du Lust hast, könnte ich dir die vielleicht auch noch mal gerne zeigen."

"Möchte ich!" sagte sie sofort und grinste mich dabei verrückt an.

"Mallen.., " ich machte eine Pause.. und wurde nun ernster "..sag mal, warum gibst du dich eigentlich mit mir ab? Irgendwie verstehe ich das nicht. Jeder würde dich liebend gern zur Freundin haben und mit dir die Zeit verbringen.. und du, du verbringst nun deine Zeit mit mir. Mit mir, dem wohl unbeliebtesten und ungeheuerlichsten Typen in ganz Kaven?"

Mallen lächelte mir nun zu und sagte: "Ich finde nicht, dass du ungeheuerlich bist. Ungewöhnlich bist du.. das könnte sein, ja.. aber wie ich dir schon gesagt habe.. du bist anders und es ist mit dir nicht langweilig. Ich finde es... irgendwie... spannend wie du bist und was du machst. Und die anderen.., Korda, Maja, Greta oder wen ich von meinen sogenannten Freundinnen auch nenne.. Entweder es dreht sich bei ihnen nur um ihr blödes Aussehen oder es geht um Themen wer von den Jungs am Peinlichsten, am Blödesten, am Tollsten oder was auch immer ist.. Und die anderen Jungs.. naja, die kennst du selbst besser als ich."

"Du langweilst dich?" fragte ich überrascht.

Sie seufzte "Ja, ich fürchte das tue ich... Immer die gleiche Leier, die gleichen Sprüche, das gleiche Getue und Gehabe.  Und wenn man sich verändern oder mal was anderes machen möchte, wird man von allen nur blöd angeguckt... - ohh das macht man aber doch nicht- -reiß dich zusammen, was sollen die anderen denken- -du machst dich ja lächerlich..- Bah! Ich kann es nicht mehr hören. Dabei möchte ich was erleben oder einfach nur mal was anderes machen."

Mallen langweilt sich und nun hat sie mich, ausgerechnet mich, als Zeitvertreib ausgewählt. Das überraschte mich nun doch ein wenig. Ich überlegte und schließlich fiel mir Jake ein. "Was ist mit den anderen, die zum Beispiel nicht in unserer Klasse sind? Wie beispielsweise Jake Flanders?"

 

Jake geht in die Sechste und ist damit zwei Klassen über uns. Er ist für viele so eine Art Held. In vieler Hinsicht ist er jedenfalls ein Vorbild. Er gilt als aufrichtig, ehrlich und er besitzt Anstand. Hinzu kommt, dass er auch noch gut aussieht. Er ist zwar kein Schönling, aber er hat eine gewisse Ausstrahlung. Vor ein paar Jahren hatte er sich für einen Jungen eingesetzt, der verbannt werden sollte, weil er seine Mutter getötet haben soll. Der Junge war nicht gerade beliebt und galt auch als sehr schwierig. In dieser Sache hatte Jake jedenfalls viele gegen sich aufgebracht und musste dabei sogar so einiges erleiden. Jake hatte aber letztendlich beweisen können, dass der Junge wohl doch nicht der Mörder sein konnte. Warum Jake sich für ihn so einsetzte, war für viele immer noch ein Rätsel. Soweit ich wusste hatte der Junge sich wohl nie bei Jake bedankt, sondern hatte ihn im Gegenteil sogar später noch übel beleidigt. Aber wie er sich für ihn eingesetzt hatte, hatte Jake viel Respekt und Bewunderung eingebracht.

 

Mallen überlegte kurz, bis sie schließlich seufzte. "Okay, Jake ist eine Ausnahme. Aber er ist in der sechsten Klasse und hat bestimmt kein Interesse daran mit mir -kleines Kind- die Zeit zu verbringen!"

Das sah ich zwar anders, denn ich hatte des Öfteren beobachtet wie Jake manchmal unauffällig und heimlich Mallen ansah. Und bei Mallen, wenn ich mich nicht getäuscht hatte, hatte ich ähnliches beobachtet, wie sie nämlich manchmal heimlich Jake beäugte. "Magst du Jake?" fragte ich nun Mallen direkt.

"Ich kenne ihn leider zu wenig, aber so was man von ihm hört scheint er ganz in Ordnung zu sein. Was hältst du denn von ihm?"

Mir selbst hatte Jake auch schon einmal wegen seiner blöden Mitschüler geholfen, die mich eines Tages aufgelauert und mich an einem Baum gefesselt hatten. Sie wollten mal sehen ob die Haut eines Teufels, die ich dann ja offensichtlich habe, überhaupt brennen kann. Ob zufällig oder nicht, Jake kam. Er war allein und sie waren zu dritt. Jake blieb cool und fragte nur was ich denn getan hätte, dass man mir das hier antun wollte. Wahrheitsgemäß sagte ich natürlich, dass ich gar nichts getan habe. Jake wird von seinen Mitschülern respektiert und es bedurfte auch nicht vieler Worte von Jake und sie ließen mich schließlich in Ruhe. Als die Mitschüler von Jake dann weggegangen waren, bedankte ich mich bei ihm noch. "Idioten gibt's immer! Da kann man wohl nichts machen..., von daher... mach’s gut und pass auf dich auf!" Dann ging er weiter.

 

"Er hat mir vor einiger Zeit mal aus der Patsche geholfen. Er und du seid jedenfalls bisher die Einzigen die mich nicht wie eine Missgeburt oder ein Ungeheuer behandelt haben. Von daher gehört Jake für mich zu einen der wenigen, zu dem ich nichts Schlechtes sagen kann." beantwortete ich schließlich Mallens Frage.

"Ich finde du siehst für eine Missgeburt aber recht passabel aus."

"Mallen..! Ich sehe wie eine Ausgeburt der Hölle aus..!"

"Ach hör auf, Rota! Du magst wegen deiner Gesichtsfarbe vielleicht eine teuflische Erscheinung haben und für viele vielleicht auch unheimlich wirken. Aber..., meiner Meinung nach.. kann auch ein Teufel durchaus gut aussehen und ich finde du siehst für mich zumindestens... interessant aus." sagte sie augenzwinkernd mit einem Lächeln im Gesicht.

Ich seufzte und erwiderte schließlich: "Wenn du's sagst.., dann sollte ich mich demnach wohl sogar glücklich schätzen.. oder was?"

Sie nickte "Vielleicht kannst du das sogar und wer weiß was der liebe Gott mit dir sonst noch alles vorhat?"

"Oder.. der Beelzebub!" ergänzte ich leise. 

Mallen lachte, "Gut.. was soll‘s.. oder vielleicht auch der.".

"Es ist spät geworden.., Mallen, ich muss mich langsam auf den Weg nach Hause machen."

Mallen nickte. "Ja, ich weiß, ich werde wahrscheinlich schon selber von meinem Vater zu Hause vermisst."

Mir schwirrten nun viele Gedanken durch den Kopf. Alles hatte sich irgendwie verändert und war nicht mehr so wie sonst. Es war ein wunderschöner Tag für mich gewesen und ich hatte diesen Tag mit Mallen verbracht und ihr hat der Tag scheinbar ebenso gut gefallen wie mir. Hinzu kommt, das Mallen mich nicht abstoßend findet und mich vielleicht tatsächlich sogar mag. Etwas völlig Neues für mich. Aber wie soll das hier weitergehen? Wie wird sie sich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Wird sie mit mir reden, wie wir es hier getan haben? Für mich und vielleicht auch für viele anderen Schüler unserer Klasse, insbesondere Jaden und seine Leute, ein unvorstellbarer Gedanke.

"Warte, bevor du gehst, Mallen, wie wirst du dich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Ich meine...."

Mallen schaute mich verdutzt an. "Wieso? Ich werde mich natürlich in der Klasse neben dich setzen. Ich meine warum sollte ich mich noch neben der albernen Greta setzen.., wo du mir doch nun viel lieber bist." Dann grinste sie jedoch wieder.. "Nein, keine Angst, wenn du willst, dann ist dies hier unser Geheimnis.... Vorausgesetzt ich darf wiederkommen." sagte Mallen.

"Ich würde mich jedenfalls freuen wenn du wiederkommen würdest.." sagte ich.

"Und wann wollen wir uns hier wieder treffen?" fragte sie nun.

"Wann du möchtest".

"Dann nächste Woche? Gleiche Zeit?"

Ich nickte und sagte nur: "Ja, klar!".

 

Es vergeht ein Jahr...

 

Und so kam es, dass wir uns öfters und fast regelmäßig in meiner Baumhöhle trafen. Wir erkundeten neue Kletterbäume und nahmen weitere Verbesserungen an der Baumhöhle vor. Wir erweiterten die Hütte sogar um eine weitere Etage, die zwar wesentlich kleiner als die eigentliche Baumhöhle war, aber sich als recht nützlich erwies. Auch nahmen wir häufig Zisko mit, mit dem wir dann häufig den Wald durchstreiften und immer viel Spaß hatten. In der Schule gaben wir unsere Freundschaft nicht zu erkennen. Wir sprachen dort nicht miteinander und halfen uns gegenseitig auch nicht. Ich war wie immer der Außenseiter in der Schule und ließ mich wie sonst auch von vielen, insbesondere natürlich von Jaden, schikanieren und ärgern. Es machte mir jedoch immer weniger etwas aus. Mallen hingegen pflegte weiter ihren Umgang mit ihren Freundinnen und gab sich so, als würde ich in ihrer Welt nicht existieren.

 

An den Tagen wo ich mich nicht mit Mallen traf, hatte ich meine verborgenen Kräfte weiter erforscht und ausprobiert. Bei den Übungen, die ich dann gemacht habe, kam ich jedoch immer mehr zu der Überzeugung, dass ich nicht außergewöhnlich stark bin, sondern vielmehr nur ungewöhnlich viel an Schmerzen aushalten kann. Ab einer gewissen Schmerzgrenze hört der Schmerz bei mir einfach auf zuzunehmen und das wiederum verhilft mir dazu außergewöhnliches zu leisten und auch stärker zu werden. Auch gewöhnte ich mich bei diesen Übungen immer mehr an die Schmerzen. Die Schmerzen waren zwar genauso intensiv wie immer, aber das Wissen, dass der Schmerz mir bekannt war und dieser auch immer schneller nachließ, ließ mich nun wesentlich mehr an Schmerzen aushalten, als es vorher der Fall war. Bisher hatte ich meine Kräfte noch keinem gezeigt, aber nach gut mehr als einem Jahr, nachdem Mallen und ich Freunde wurden, sollte es schließlich das erste Mal dazu kommen.

Alles ändert sich...

 

Es war ein Spätsommertag und ich war gerade bei meinen Nachbarn Marla und Debbie Gruden gewesen und hatte Zisko mitgenommen um dann wieder zu meiner Baumhöhle zu gehen. Heute wollte ich endlich die Eckbank fertigbauen, die ich vor gut einer Woche begonnen hatte. Die Baumhöhle war mittlerweile wirklich wohnlich geworden und ich konnte mir sogar vorstellen in der Not mal hier zu übernachten oder sogar darin zu leben. Als ich dann jedoch die Baumhöhle erreichte, sah ich das etwas absolut nicht stimmte. Überall lagen um meinen Baum Bretter herum. Wieso lag so viel Holz um meinen Baum? Mein Herz fing an schneller zu schlagen. Entsetzen packte mich und ich musste erkennen, dass es das Holz von meiner Baumhöhle war, das überall zerstreut um den Malvenbaum herumlag. Meine Baumhöhle, woran ich über mehr als vier Jahre lang gearbeitet hatte, mein ganzer Stolz, war völlig zerstört. Ich schrie "Neiiiin, nein, nein, nein ..neiiiiiin!" Immer wieder. Ich rannte um den Baum herum, ich schaute zum Baum hoch, dann wieder um mich herum.., dann wieder zum Baum hoch. Ich wollte es einfach nicht wahr haben. Schließlich ging ich zu Boden und schloss meine Augen. Schmerz. Nein, das durfte nicht sein... Ich fing an zu weinen. Dabei wollte ich nicht weinen. Weinen hilft einem nicht weiter.. Dann plötzlich hörte ich Schritte und eine ironische Stimme, die mir sehr bekannt vorkam.

 

"Buhuu, buhuu, heul, heul.. unser roter Teufel hat keiiine Hütte mehr... ohhh ohhh daaas tut mir aber Leid.." Das war eindeutig die Stimme von Jaden. Mein Entsetzen und meine innerliche Leere schlugen sofort in wilde Wut um. Jaden! Dieses Mal bist du zu weit gegangen! Ich drehte mich zu der Stimme um. Und dann sah ich sie. Jaden, Pelle, Gero und Alvin kamen langsam und betont lässig näher. Jeder von Ihnen hatte entweder einen schweren Schlagstock oder einen schweren Hammer in der Hand, mit denen sie mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vorher meine Baumhöhle zerstört hatten.

 

"Also ich muss schon sagen.. Rota.. als ich dich gestern mit Mallen hier gesehen habe.., ich wäre fast vom Glauben abgefallen. Die Schöne und das Biest! Ich dachte das gibt’s nur im Märchen. Jeder von uns träumt von so einer Schlampe wie Mallen. Und du? Ausgerechnet du, hast es mit ihr hier jeden Tag offenbar pausenlos getrieben. Das lieber Rota, konnten wir natürlich nicht weiter zulassen. Das ist dir doch klar..? Oder nicht..? Rota? Das verstehst du doch? Oder verstehst du das nicht?“ dabei starrte er mich die ganze Zeit mit einem fürsorglich aber auch irgendwie entgeisterten und irren Blick an, als würde er mit einem Schwachsinnigen reden. "Und du brauchst mich jetzt auch gar nicht so böse anschauen.." fügte Jaden in seinem ironisch selbstgefälligen Ton noch hinzu.

 

Ich war nun außer mir vor Wut. "Du bist zu weit gegangen.." knurrte ich nur und stand nun langsam auf und ging auf Jaden zu.

Jaden blieb unbeeindruckt. "Nein Rota, nein, nein.., ICH bin nicht zu weit gegangen, du verstehst ja immer noch nicht.. DUUhuu dummer Freak bist viel zu weit gegangen. Und WIR wollen das einfach nicht mehr durchgehen lassen. Oder Leute?"

Alvin, Pelle und Gero simmten Jaden zu, in dem sie ihm grinsend zunickten.

"Nein, das können wir nicht!" echote Alvin noch.

Jaden grinste ebenfalls und schlug dabei kühl und gelassen immer wieder seinen Hammer in seine linke Hand. Zisko, der die Gefahr instinktiv wohl spürte, die von den vier Eindringlingen ausging, knurrte unentwegt, bis er schließlich auf den größten und stärksten, auf Alvin, zurannte und ihn bedrohlich anknurrte und anbellte. Alvin zuckte erst zusammen, bis er plötzlich seine rechte Hand hob. Ich erkannte erst jetzt entsetzt, dass Alvin einen Hammer in der rechten Hand hielt.

"Neiiiin!" Schrie ich.

Alvin schlug ohne zu zögern brutal und erbarmungslos zu. Er traf Zisko direkt mit dem Hammer auf den Kopf. Zisko gab noch ein kurzes und entsetzliches Jaulen von sich, zuckte dann noch kurz und lag schließlich nur noch reglos auf dem Waldweg..

"Uiiii, habt ihr das gesehen..." gab Alvin dann noch überrascht lachend von sich. Nun widmete ich meine Aufmerksamkeit nicht mehr Jaden zu, sondern konzentrierte mich nun ganz auf Alvin. Ich blickte in Alvins Augen. Augen die scheinbar meine Wut nun wahrnahmen und nun doch etwas Angst erkennen ließen. Ohne nachzudenken schlug ich zu und ich schlug mit aller Wut und Kraft die ich in diesem Moment aufbringen konnte zu. Ich traf Alvin direkt mit meiner Faust in sein Gesicht. Es knackte und ich spürte, dass so mancher Knochen in seinem Gesicht brach. Alvin's Kopf, nein, sein ganzer Körper flog nach hinten, fiel und blieb dann reglos liegen. Meine Hand schmerzte entsetzlich, was ich jedoch in diesem Moment völlig ignorierte. Dann wendete ich mich wieder Jaden zu und wollte mich nun auf ihm stürzen.. Jaden schaute mich verwirrt an.., so als wollte er das absolut nicht glauben, was er soeben tatsächlich mit ansehen musste. Dann jedoch spürte ich, das hinter mir jemand herankam. Ich wollte mich gerade wieder umdrehen.., als ich dann nur noch einen blitzartigen, dumpfen und entsetzlichen Schmerz an meinem Hinterkopf spürte. Dann war nur noch Dunkelheit... und ich war... weg.

 

Kerker

 

Es war stockduster als ich langsam wieder zu mir kam. Mir war kalt und mein Kopf fühlte sich an, als wäre er kurz vorm Platzen.. Diese Schmerzen! Was war passiert? Und dann dämmerte es mir plötzlich wieder.. Zisko! Meine Baumhöhle! NEIN! Ich erinnerte mich nun wieder an alles. Ich biss die Zähne zusammen, so als ob ich diese Schmerzen damit verdrängen könnte. Ich hatte Alvin in meiner Wut erschlagen. Es war nicht so, dass ich diese Tat wirklich bereute, denn Alvin war für mich ein Sadist und er hatte es letztendlich einfach aus meiner Sicht nur verdient. Aber möglicherweise hatte ich nun auch etwas von meinen Fähigkeiten verraten, so das Jaden und die anderen nun gewarnt sein könnten.

Egal.., das sollte erstmal zu meinen geringsten Problemen gehören. Wo bin ich überhaupt? Zuhause bin ich jedenfalls nicht. Es war so dunkel hier, dass ich kaum etwas sehen konnte. Das einzige Fenster das es in dieser Zelle gab, war so hoch angebracht, dass meine Größe bei weitem nicht dazu ausreichte um daraus schauen zu können. Hinzu kam, dass das Fenster sehr klein ist und nur sehr wenig Licht in die Zelle herein ließ. Auch musste ich nun feststellen, dass ich auf etwas sehr Hartem lag. Eine Liege, ohne Matratze und Decke. Es roch hier auch sehr unangenehm nach Pisse und anderen Fäkalien. Dann erkannte ich trotz der Dunkelheit Gitterstäbe. Schließlich wurde mir langsam klar wo ich war. Ich war im Kerker der Zitadelle von Kaven.

 

Ich schloss die Augen und fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann später wurde ich wieder wach und hörte Schritte. Ich hörte das Geräusch einer Klappe, durch die etwas geschoben wurde. Ich vermutete, dass dies wohl meine Kerkers Mahlzeit war. Ich hatte Hunger und versuchte schließlich aufzustehen. Mein Kopf dröhnte und mir ging es nur schlecht. Ich fasste mich an meinem Kopf. Er fühlte sich feucht an. Ich vermutete, dass es mein Blut war, was sich so nass anfühlte. Meine Befürchtung bestätigte sich, als ich meine nassen Finger zum Mund führte und Blut schmeckte. Man hatte sich noch nicht mal die Mühe gemacht meinen Kopf zu verbinden. Es gelang mir trotzdem aufzustehen und mich zur Kerkertür zu schleppen. Als ich schließlich dort ankam, stand dort tatsächlich eine Schale auf dem Boden. Ich nahm die Schale in meine Hände. Was auch immer in der Schale war, es roch nach nichts und die Suppe oder was auch immer das sein sollte war kalt. Mich ekelte davor. Trotzdem versuchte ich den Inhalt der Schale so schnell wie möglich runter zu schlucken. Entgegen meinen Befürchtungen war der Inhalt aber tatsächlich essbar gewesen. Jedoch war die Suppe ohne erkennbaren Geschmach, sämig, fleischlos und ohne irgendwelches Gemüse.

 

Warum esse ich überhaupt noch, fragte ich mich nun selbst. Alles woran ich Freude hatte, hatte ich nun verloren. Meine Baumhöhle, ich hatte tagtäglich mit Freude und mit Stolz daran gearbeitet. Zisko, mein treuer und vielleicht einziger Freund den ich hatte und natürlich Mallen. Sie, die mir eine richtige Freundin wurde, eine Freundschaft wie ich sie nie zu hoffen gewagt hätte. Mallen, die mich mit ihrem Lächeln, ihrer Erscheinung und ihrer Art, wie sie sich gab immer wieder aufs Neue bezauberte. Vermutlich wird ganz Kaven nun sogar von unserer Freundschaft wissen und mehr darin sehen wollen als es letztendlich der Fall war. Auch wird Mallen wohl niemals wieder mit mir, einem Mörder, zusammen sein dürfen.

 

Irgendwann machte ich mir dann auch Gedanken darüber was man mit mir nun machen wird. Ich wusste, dass man in der Regel mit einem Mörder kurzen Prozess macht. Man hängt ihn für gewöhnlich. Aber ich bin erst kürzlich fünfzehn geworden und somit kann und darf ich nach dem Gesetz noch nicht gehängt werden. Mit Sicherheit dürfte ich aber mit einer Verbannung rechnen. Was letztlich für gewöhnlich auch einem Todesurteil gleichkommt. Ohne den Schutz des Bundes der freien Länder, wozu Kaven gehört, ist das Überleben schwierig und sehr gefährlich. In der Wildnis, wohin man verbannt wird, soll es nur Gesetzlose geben und Anarchie, das Gesetz des Stärkeren, herrschen. Gefährliche Tiere, wie giftige Schlangen, Wölfe, Bären, erschweren das Leben in der Wildnis obendrein. Und dann gibt es auch noch die Krasianer. Krasien soll ein barbarisches Volk mit grausamen Gesetzen und einer abergläubischen Kultur sein. Beispielsweise erzählt man sich, dass die Krasianer nur starke und gesunde Kinder akzeptieren. Kinder die missgebildet oder häufig krank sind, werden angeblich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und sich selbst überlassen. Es sollen auch regelmäßig dort Opferrituale abgehalten werden, um in Notzeiten die Götter milde zu stimmen. Einer wie ich, wäre für die Krasianer auch wohl das geborene Opfer und somit wäre Krasien auch keine Zuflucht und dami auch keine Lösung für mich.

 

Die Verbannung wäre somit eine ziemlich schwere Strafe. Schlimmstenfalls müsste ich sogar damit rechnen, dass man mich zum Teufel jagt. Das Urteil "Zum Teufel jagen" wurde bisher nur bei Erwachsenen verhängt und auch nur bei denen, die eine besonders schwere und üble Tat verübt hatten. Bei dieser Art der Verbannung dürfen sich die Bürger, die dem Verurteilten gegenüber einen Groll hegen, rächen und ihn wortwörtlich zum Teufel jagen. Die Bürger die sich hieran beteiligen, werden auch Treiber genannt. Die Treiber erhalten einen von der Stadt bereitgestellten Stock. In der Regel handelt es sich um einen Weidenstock von gut einem Schritt Länge und der Dicke eines erwachsenen Daumens. Andere Mittel und Waffen sind für diese Strafmaßnahme nicht zugelassen, da wohl die Gefahr zu hoch ist den Verurteilten zu schnell zu töten und es sich dann wohl nicht mehr um eine Vertreibung handeln würde. Hinzu kommt, dass der Verurteilte diese Art der Vertreibung auch noch splitternackt über sich ergehen lassen muss. Die Chancen, dass der Verurteilte dieses Urteil überlebt, sind bestenfalls unwahrscheinlich zu nennen. Die meisten die diese Art der Bestrafung über sich ergehen lassen mussten, schafften es nicht mal bis zur Grenze von Kaven und die, die schnell und stark genug waren und es in die Wildnis geschafft hatten, fand man meistens kurze Zeit später tot und erbärmlich ausgemergelt irgendwo an der Grenze Kavens wieder.

 

Dass man mich zum Teufel jagen könnte, konnte ich mir aufgrund meiner Beliebtheit in Kaven ebenso gut vorstellen. Warum also kämpfe ich weiter um mein Leben? Ist es Rache? Könnte sein, denn ich möchte wissen, wer und wie weit der oder die gehen werden, um mich zu malträtieren. Und sollte ich das tatsächlich überleben, würde ich mich auch an diesen Leuten rächen wollen. Vielleicht war das sogar meine Bestimmung und der Grund warum ich so bin wie ich bin. Aber würde ich überhaupt so weit kommen? Die Chancen die Verbannung oder erst recht das "zum Teufel jagen" zu überleben sind sehr gering und eher ausgeschlossen. Letztendlich ist es wohl eher die Angst und Angst habe ich. Aber ich habe und das ist meine Hoffnung, auch meine.... erst kürzlich entdeckten außergewöhnlichen Kräfte.

 

1. Besuch Johnas Goldan

 

Johnas Goldan war der erste der mich in meinem Kerker einen Besuch abstattete. Ich wusste nicht genau wieviel Zeit vergangen war, aber den Mahlzeiten nach zu urteilen musste es mindestens der zweite Tag in meiner Haft gewesen sein. Er blieb vor der Kerkertür stehen und rief meinen Namen. Ich ging zur Kerkertür und erkannte durch das kleine Guckloch in der Kerkertür, dass es unser Bürgermeister Johnas Goldan und somit auch Mallens Vater war.

 

"Rota Gevill, ich bin der Bürgermeister von Kaven, Johnas Goldan, und ich habe die Aufgabe dir zu erklären warum du hier bist und was dich in nächster Zeit erwarten wird. Du wirst beschuldigt Alvin von Hagenen vorsätzlich getötet zu haben. Weiter wirst du beschuldigt Mallen Goldan, meine Tochter, heimtückisch in deine Hütte gelockt zu haben und du sie dort versucht hast für deine Gelüste zu missbrauchen. Das sind.."

Mir klappte die Kinnlade runter. "Ich soll was?" fing ich an zu protestieren.

Doch Jonas Goldan ging erst gar nicht darauf ein und redete einfach weiter "..schwere Anschuldigungen und dafür wirst du dich vorm Kavener Tribunal verantworten müssen. Überleg dir also gut, was du zu deiner Verteidigung sagen wirst." Johnas Goldal sagte dies kühl, distanziert und ohne jegliche Emotionen. Allein schon, dass er mich wie einen Erwachsenen siezte ließ mich erschauern. Aber das ich auch noch beschuldigt werde Mallen irgendwie misshandelt zu haben, schockierte mich bis ins Mark. Mallen müsste ihren Vater doch mittlerweile aufgeklärt haben.

"Ich habe Mallen gar nichts getan! Das müssten sie doch nun am besten wissen." protestierte ich nochmal wütend auf.

"Was du wirklich getan hast steht hier gar nicht zur Debatte... Verstanden? Ich habe gesagt du wirst beschuldigt das getan zu haben. Aber wenn du mich persönlich fragst, bei deiner Vergangenheit und deinem Ruf wundert mich eigentlich gar nichts." sagte er mit eine Deutlichkeit und einer Schärfe in der Stimme, die keine Wiederworte duldeten.  "Kennst du das Prozedere eines Tribunals?" fragte er nun wieder in einem sachlicheren Ton.

 

Ich wusste wie so ein Prozess abläuft. Wir hatten so einen Prozess auch schon in einer unserer Schulstunde durchgenommen und sogar nachgespielt. Nach Feststellung ob die förmlichen Voraussetzungen für die Abhaltung eines Tribunals erfüllt waren, werden dem Richter die Anklagepunkte gegen den Angeklagten vom Bürgermeister genannt. Nach Anhörung der Zeugen, die diese Anklagepunkte stützen, kann der Angeklagte sich hierzu noch äußern und gegebenenfalls Gegenzeugen nennen, die er bereits vor der Verhandlung dem Bürgermeister oder seinen Gehilfen mitgeteilt hat. Soweit es dann Gegenzeugen  gibt, werden diese vom Bürgermeister aufgerufen und anschließend vernommen. Nach Anhörung der Gegenzeugen berät sich der Rat, der mindestens zu achtzig Prozent anwesend sein muss, zu einem Urteilsvorschlag. Sobald der Rat sich dann geeinigt hat, teilt der Ratsvorsitzende dem Richter dann deren Entscheidung mit. In der Regel akzeptiert der Richter diesen Urteilsvorschlag. Tut er es nicht, muss er sein eigenes Urteil darlegen und begründen. Das Urteil des Richters, dass im Gegensatz zum Rat steht, wird rechtsgültig, wenn entweder der Bürgermeister diesem Urteil zustimmt oder mindestens ein Viertel des Rates.

 

"Ich kenne den Ablauf" sagte ich schließlich.

"Dann weißt du, dass du nun die Chance hast mir deine Ansicht zu diesen Anschuldigungen zu erzählen und mir eventuell Zeugen zu nennen, die deine Geschichte dann auch bestätigen können."

"Ich denke.., sie wissen ganz genau, wen ich nur als Zeugin nennen kann!" schnauzte ich ihn nun wütend an.

"Nein, nicht das ich wüsste.." erwiderte er kurz und knapp.

"Das Opfer selbst.. Ihre Tochter Mallen! Das wissen sie genau.."

Johnas Goldan schloss kurz die Augen und schaute mich nun mit einem eindringlichem Blick seltsam an. "Hör mir mal gut zu..." Der Bürgermeister sagte dies leise, kam dabei ganz dicht an die Kerkertür und schüttelte den Kopf. "..Nichts wird Mallen sagen. Sie hat mir bereits alles ganz genau erzählt, wie es dazu kam, wie du sie reingelegt hast und wie du versucht hast sie für deine perversen Gelüste zu missbrauchen. Und noch eins. Sie wird als Zeugin im Gericht niemals aufgerufen werden, dafür werde ich sorgen. Sie hat schon genug gelitten. Verstehst du..? Ich werde höchstpersönlich selbst an ihrer statt als Zeuge aussagen und dem Tribunal mitteilen, wie du versucht hast meine Tochter in deine Höhle der Sünden zu locken, um sie dann dort zu schänden... Das versprech ich dir! Hast du mich verstanden? Du.., du Ausgeburt der Hölle!"

Er spuckte noch durch das Guckloch ohne mich jedoch zu treffen. Dann ging er.

 

Erschreckt und schockiert von dem was Mallens Vater gesagt und wie er sich mir gegenüber verhalten hat, konnte ich nichts mehr dazu sagen. Ich glaubte ihm jedoch kein einziges Wort.

 

2. Besuch Onkel Jaron

 

Es verging wieder einige von diesen eintönigen und geschmacklosen Mahlzeiten, bevor mein nächster Besuch kam. Mir ging es mittlerweile etwas besser. Meine Kopfschmerzen waren fast weg und die Schmerzen an meinen Rippen, Rücken und Schulter waren auch erheblich besser geworden. Blieben aber immer noch die Kälte, die grausame Langeweile und der Gestank in dieser Zelle, die mich hier noch ziemlich plagten. Für meine Notdurft steht mir hier ein Holzeimer zur Verfügung, der wohl nur dann entsorgt wurde, sobald dieser randvoll war und manchmal sogar begann überzulaufen. Die Kälte und Langeweile versuchte ich durch Leibesübungen wie Liegestütz, Kniebeugen, Handstand, auf der Stelle laufen und andere Übungen zu bekämpfen. Meinen Tagesablauf mit geplanten Bewegungseinheiten zu füllen, gehörte bisher nie zu mir oder zu meinem gewohnten Alltag. Aber hier in diesem Kerker verlangte mein Körper einfach nach Bewegung und sie wurde damit auch zu einer meiner wichtigsten und notwendigsten Beschäftigungen hier. Inzwischen beherrschte ich den Handstand auch schon so gut, dass ich mittlerweile dazu übergegangen bin auf meinen Händen zu laufen.

 

Als ich gerade damit beschäftigt war zum vielleicht hundersten Mal die Mauersteine in meiner Zelle zu zählen, hörte ich Stimmen und Schritte, bevor ich dann die Stimme meines Onkels Jaron erkannte. Was will er denn hier? Frage ich mich. Schließlich hörte ich ein eher zögerliches Klopfen an der Kerkertür.

"Rota, hörst du mich? Ich bin‘s..., Jaron, dein Onkel." sagte er so leise, dass sonst kein anderer, außer mir, ihn hören konnte.

Ich ging zur Tür und schaute durch das Guckloch. Ich erkannte ihn jedoch erst auf dem zweiten Blick. Jaron sah ungewöhnlich abgekämpft aus, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Tiefliegende und sorgenvoll dreinschauende Augen. Konnte es tatsächlich sein, dass er sich Sorgen um mich machte?  "Ich höre dich... was.., was willst du?" fragte ich schließlich.

Er seufzte "Eigentlich weiß ich selbst nicht genau was ich hier will..., vielleicht möchte ich das alles auch nur verstehen." er machte eine Pause, senkte seinen Kopf bis er ihn dann wieder erhob und mir direkt in die Augen sah. "Ich will verstehen warum du das getan hast, warum du so bist wie du bist, was wir dir angetan haben, dass du immer wieder solche Sachen machst. Ich meine wir haben alles für dich getan. Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen, dir einen Platz in unserer Familie in unserem Leben gegeben. Wir haben dich ernährt..,  unsere Zeit für dich geopfert, dir eine Ausbildung ermöglicht.. und, und, und... Und was machst du? Du trittst alles mit Füssen, ziehst uns in den Dreck und bereitest uns nur Sorgen.. und jetzt das! Mein Freund Johnas Goldan..! Wie soll ich ihm jetzt noch unter die Augen treten können? Oder Robert..., der Vater von Jaden. Du hast Jaden's besten Freund ermordet! Den besten Freund von Robert Grat's Sohn! Verstehst du überhaupt, was das nun für ein schlechtes Bild auf mich wirft und was das noch für Folgen für mich haben wird. Hast du darüber überhaupt mal nachgedacht? Oder ist dir das alles egal?!" schrie er mich in einer noch gerade gezügelten Lautstärke an.

Ich ging von der Tür weg und legte mich wieder langsam auf meine harte Kerkerliege. Onkel Jaron beruhigte sich wieder ein wenig und sprach nun beherrschter weiter:  "...aber vielleicht musste es auch einfach so kommen und es ist einfach nur dein Schicksal so zu enden... Aber warum? Ich verstehe das nicht. Rota! Warum machst du immer so etwas? Warum? Sag es mir..., bitte!"

Als ob ich -so etwas- immer und alltäglich tue. Mir wurde schlecht und ich wollte diesen selbstgefälligen Holzkopf nur noch loswerden.. Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und beantwortete einfach seine blöde Frage.

"Weil du Holzkopf es einfach nicht besser verdient hast! Deswegen habe ich das alles gemacht!." und fügte dann noch lauter werdend hinzu.. "..und, weißt du was? Der Leibhaftige selbst hat mich geschickt um dich IDIOT dafür zu STRAFEN!!!!!"

Ich hatte den Nerv meines Onkel's scheinbar getroffen. Entsetzt brüllte er nun ebenfalls... "Das! Das wirst du bereuen... hörst du mich? Das wirst du bereuen...! Du Teufel! Ich wollte es nie wahrhaben... aber es ist genauso wie die meisten schon sagen. Du bist ein Teufel..! Eine Ausgeburt der Hölle! Ja, genau das bist du! Eine Ausgeburt der Hölle!" Dann nach einem kurzen Moment der Stille, er hatte sich nun wieder etwas beruhigt, jammerte er, nun jedoch erheblich leiser geworden, wieder weiter. "Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit. Ich habe dich in der Not in meine Familie aufgenommen.... Ich hätte es besser wissen müssen.." Schließlich ging auch er wieder weg. Ich legte mich wieder auf die Kerkerliege und fühlte mich nun wieder etwas besser.

 

3. Besuch Jaden Grat

 

Schätzungsweise war ich etwa eine Woche hier in diesem Kerker eingesperrt. Mir kam es aber so vor, als wäre ich mindestens schon einen Monat hier. Abgesehen von den bisherigen Besuchen, passierte hier so gut wie gar nichts. Die einzigen Abwechslungen waren die unregelmäßigen Mahlzeiten, das Entleeren des Holzeimers und der Wechsel von Tag und Nacht, der sich hier nur als dunkel und stockdunkel zeigte. Die Wärter schoben oder holten zwar durch die untere Türklappe immer etwas, zeigten sich mir jedoch nie und sprachen auch nicht mit mir. Einzig das Geheule und Gejammere der Mitgefangenen erinnerte mich daran, dass ich nicht der Einzige in diesem Gebäude war. Tatsache ist, die Zeit vergeht hier quälend langsam. Paradoxerweise lässt sich die Zeit dabei hier aber nur an sehr wenigen Momenten festhalten. Ich war bisher immer davon ausgegangen, nur dann, wenn sich etwas ereignete würde die Zeit langsamer vergehen, da man sich im Nachhinein besser daran erinnern konnte. Aber das gilt vielleicht auch nur in der Nachbetrachtung. Wenn kaum etwas passiert, vergeht die Zeit in dem Moment langsam, aber im Nachhinein vergisst man wohl auch eher diese Zeit, so als wäre sie nie geschehen. Aber eins weiß ich mit Sicherheit, sollte ich das alles hier irgendwie überleben, ich werde nie vergessen wie quälend langsam die Zeit hier im Kerker verging. Dann aber, nach vier oder fünf weiteren Mahlzeiten nach dem Besuch meines Onkels, wurde mein Dasein hier durch einen weiteren Besuch versüßt.

 

Ich versuchte gerade zum vielleicht hundersten Male, so hoch zu springen, dass ich mit meinen Händen die untere Kante des Fensters erreichen konnte, um mich dann daran festzuhalten, mich hochziehen und um dann endlich mal wieder etwas anderes sehen zu können als diese andauernde Dunkelheit hier. Leider verfehlte ich dieses Ziel jedesmal um mehr als eine Handlänge. Als ich gerade neu zum Sprung ansetzen wollte, hörte ich Schritte und dann wie jemand mit dem Fuß mehrmals kräftig gegen die Kerkertür trat. "Hallöchen Rota..! Na wie geht's? Wirst du hier gut versorgt?"

Das war Jaden's Stimme. Erst Jonas Goldan, der alles daran setzt das man mich für schuldig verurteilt, dann mein Onkel, der es sich wohl nie verzeihen wird mich jemals in seiner Familie aufgenommen zu haben und nun Jaden, der zum großen Teil  für all dies verantwortlich war. Wer kommt als nächstes zu Besuch? Der Leibhaftige persönlich?

Jaden!? Was will er hier? Ich ging nun so leise wie möglich zur Kerkertür und entschloss mich erstmal gar nicht auf seine blöden Fragen einzugehen.

"Rota? Willst du mich denn gar nicht begrüßen? Ich hoffe du bekommst alles was du brauchst. Du musst nämlich wissen, dass ich mir schreckliche Sorgen um dich mache. Was ist, wenn du nun verbannt wirst? Nein, nein, nein, ich mag mir das gar nicht ohne dich hier vorstellen. Du hast mich immer so gut unterhalten.. und wenn du dann für immer in dieser Wildnis... oh neiin.! Das darf einfach nicht passieren! Aber weißt du was ich nun häufig hier in Kaven höre...? Nein, weißt du's nicht? Dann werde ich es dir sagen. Viele wünschen sich, das man dich zum Teufel jagt..  Oh ohh.. Weißt du was das bedeutet, dieses zum Teufel jagen?"

Ich gab keine Antwort. 

"Nein..? Weißt du's nicht? Also ich will dir das mal so erklären:  Sie werden dich gaaanz nackig machen und dann werden alle Bürger, mit so'nem Stock, dir mal kräftig die Leviten lesen und dir ganz genau zeigen wo du hingehörst. Verstehst du?.. Zeigen wo du hingehörst.. Haha.. wo du hingehörst. Der Prozess soll dir glaube ich auch wohl schon morgen gemacht werden. Kann ich dir noch irgendwie etwas Gutes tun? Rota! Ich find das jetzt nicht gerade besonders nett von dir, dass du nun gar nicht mit mir reden willst. Dabei will ich doch nur helfen.." Dann klopfte er wieder gegen die Kerkertür. "Rota..? Hallo?.... Ach! Ich Blödi! Da fällt mir doch noch was ein. Ähm Mallen, deine kleine Schlampe.. hat mir noch eine Nachricht für dich mitgegeben.. Möchtest du diese Nachricht haben und wissen was sie dir noch zu sagen hat? Willst du sie haben, die Nachricht..? Du musst dann aber schon etwas näher zu mir kommen, damit ich sie dir geben kann."

Jaden wird garantiert keine Nachricht von Mallen für mich haben, aber ich ging trotzdem näher zu ihm. So nah, dass ich  direkt durch das Guckloch der Kerkertür sehen konnte. Jedoch konnte ich nur seine Handinnenfläche sehen, die er vor dem Guckloch hielt. Dann plötzlich zog er seine Hand weg und rotzte mich schließlich direkt und voll ins Gesicht.

"Rota! Wir werden dich sowas zum Teufel jagen.. Hörst du? Wir werden dir deine verdammte Teufelshaut über die Ohren ziehen, du Missgeburt aus der Hölle. Hörst du mich?"

Ich wischte mir seinen Rotz vom Gesicht, blieb reglos und schwieg weiterhin. Das wirst du noch bereuen, Jaden, irgendwann wirst du für all das, was du mir angetan hast, dafür noch büßen.

Jaden verließ daraufhin lachend und johlend den Kerker. Ich jedoch sagte kein einziges Wort zu ihm. Ich hoffte nur, dass ich das hier irgendwie überleben würde. Und dann werden wir ja sehen ob du dann immer noch so lachen kannst. Dann musste ich jedoch wieder darüber nachdenken, was mir vielleicht noch alles bevorstand und ein beklemmendes Gefühl packte mich wieder. Scheiß Angst!

 

4. Besuch Jake Flanders

 

Ich schlief noch, als jemand wieder an meiner Kerkertür klopfte und mich schließlich wach rief. Obwohl ich ihn selbst kaum kannte, kam mir die Stimme bekannt vor. Jake? Das kann doch nicht sein.., was will er denn hier? Ich ging zur Tür und erkannte durch das Guckloch, das es tatsächlich Jake war, der mich hier im Kerker besuchte.

"Jake!? Bist du das? Was... was zum Teufel.. willst du denn hier?" fragte ich völlig verdattert.

Jake nahm seinen Zeigefinger zum Mund und spitzte die Lippen dabei. Dann nickte er in der Richtung, wo sich vermutlich die Kerkerwachstube befand. "Lass uns lieber leise sprechen, wer weiß was die alles hören können." sagte er leise.

"Und, wie geht’s dir?"

"Naja, ich denke besser als ich vermutlich aussehe.. Aber warum bist du hier?" wollte ich nun wissen.

"Das verdankst du Mallen..." sagte er leise und setzte fort.. "Mallen hat mir ihre Sichtweise erzählt und mir gesagt was sich zwischen euch beiden wohl wirklich abgespielt hat. Ich glaube ihr. Und das Jaden und seine Leute.. ein Haufen von Sadisten sind, weiß ich auch so. Mallen wäre gern selbst gekommen. Sie wird jedoch von ihrem Vater streng kontrolliert. Offiziell ist sie krank und darf das Haus auch erstmal nicht mehr verlassen. Ich habe sie noch nie so erlebt. Sie ist ziemlich am Boden zerstört und jeder der die Wahrheit nicht kennt, denkt, dass du daran schuld bist, dass es ihr so schlecht geht."

Jake und Mallen? Wie kam denn nun auf einmal dieser Kontakt zustande? Ich dachte bisher immer, dass die beiden kaum oder sogar gar keinen Kontakt zueinander hätten.

"Warte mal, wie konntest du überhaupt mit ihr reden, wenn sie nicht mehr zur Schule geht und auch sonst nicht das Haus verlassen darf?" fragte ich daher.

Jake war diese Frage unangenehm, das konnte ich an seinem Gesichtsausdruck erkennen. "Ich weiß das klingt bescheuert.. aber als ich davon hörte was du Mallen angetan haben sollst, konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen und wenn ich etwas nicht glaube, dann möchte ich meistens jedenfalls auch gerne wissen, was wirklich passiert ist."

"Ja und was hast du dann gemacht.. du bist doch nicht nachts in ihr Zimmer eingebrochen und hast Mallen zur Rede gestellt.. oder was?" fragte ich ungläubig.

"Naja, so oder ähnlich.. Ist doch auch völlig egal jetzt.. Tatsache ist, du wirst des Totschlags und der versuchten Vergewaltigung an der Tochter des Bürgermeisters angeklagt und keiner, bis auf Mallen und ich, sind auf deiner Seite. Mallen wird nicht als Zeugin aufgerufen werden, weil sie offiziell als nicht vernehmungsfähig erklärt werden soll und was mich betrifft..., als Unbeteiligter werde ich kein Zeuge sein können und somit auch nicht vernommen oder angehört werden." er machte eine kurze Pause. Dann schaute er mich mit ernster Miene an. "Viele wollen übrigens deinen Tod oder.. naja.. dich sogar zum Teufel jagen. Man hört in Kaven so einiges, aber vor vorgehaltener Hand hat kaum jemand eine gute Meinung von dir und viele sind fest davon überzeugt, dass du das alles getan hast. Was ich damit sagen will ist, dass du mit dem Schlimmsten rechnen musst und man dich vielleicht sogar zu diesem "zum Teufel jagen" verurteilen wird. Mallen hat mir übrigens auch noch gesagt, dass ihr das alles schrecklich Leid tut und das sie alles tun wird um dir zu helfen. Sie sagt, dass du das aber überstehen kannst und du die Kraft dazu hast sogar dieses "zum Teufel jagen" zu überleben.. Wenn es einer schaffen kann, dann bist du das. Das jedenfalls sollte ich dir von Mallen ausrichten. Ihr war es sehr wichtig, dass ich dir das sage."

Ich nickte und war dann doch erleichtert, dass Mallen kein falsches Spiel mit mir gespielt hatte, obwohl ich daran auch nie richtig gezweifelt habe.

"Und nun hör mir ganz genau zu. Ich kann es mir zwar immer nicht richtig vorstellen, aber wenn es wirklich dazu kommt, dass man dich zum Teufel jagt, dann rennst du auch wie der Teufel! Ich habe diese Verurteilung schon zweimal gesehen und glaube mir.., wer stehen bleibt, hinfällt und nicht wieder aufsteht, hat keine Chance das zu überleben. Such dir einen Weg worauf du barfuß schnell laufen kannst, aber zögere nicht.., renne wie der Teufel und solltest du fallen, und du wirst mit Sicherheit fallen.., stehe sofort wieder auf!.. Auch wenn es dir in so einem Moment für unmöglich erscheint.. Steh wieder auf, schlage um dich und renne weiter. Und wenn du es dann tatsächlich schaffen solltest bis zur Außengrenze zu kommen, dann renne zum Backenfluss. Rennen....! Nicht gehen! Denn du musst auch hier damit rechnen aufgelauert zu werden. Es ist zwar nicht erlaubt, aber es gibt immer wieder einige, die das mit den Regeln nicht so ganz ernst nehmen. Kennst du die drei Bäume die kreisförmig um einen großen Felsen stehen?"

Ich schüttelte den Kopf, "Nein, kenne ich nicht.“ denn ich war bisher auch nur sehr selten außerhalb der Grenzen von Kaven gewesen."

"Aber du kennst den Fluss?"

Ich nickte.

"Du gehst den Fluss rauf und wirst diesen Platz nach gut einer Stunde erreichen. Dort habe ich dir Kleider, eine dicke Decke, etwas zu Essen und eine Karte bereitgelegt.-"

Dann hörten wir wie sich eine Tür öffnete und jemand brüllte. "Jake Flanders! Ihre Zeit ist abgelaufen!" Jake ließ sich davon nicht allzu sehr beeindrucken und redete nur etwas schneller weiter. "-Diese Sachen jedenfalls wirst du etwas versteckt in einem Busch nahe am Fluss finden. Wenn du dich etwas erholt hast, gehst du zu dieser Höhle, die ich dir auf der Karte aufgezeichnet habe. Ich werde dir dort noch weitere Sachen bereitlegen, die du zum Überleben in dieser Wildnis benötigen wirst."

 

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich nickte und sagte nur "Danke! Jake..."

Jake schaute mir nochmal eindringlich in die Augen und sagte nochmal: "Renn..., renn wie der Teufel! Hörst du? Ich wünsch dir viel Glück!"

Dann ging er und ich war wieder in meiner quälenden und trostlosen Langeweile hier gefangen.

 

Das Tribunal

 

Am nächsten Tag wurde ich dann von einem ziemlich dicken Gefängniswärter und zwei Gesetzeshütern aus meinem Kerker geholt und zum großen Tribunal-Saal geführt. Als ich dann den großen Saal betrat herrschte für einen kurzen Moment absolute Stille, worauf danach sofort ein lautes Raunen folgte und eine Welle von Beschimpfungen über mich hereinbrach. Man forderte Gerechtigkeit, man beschimpfte mich als Satan, Teufel, Ausgeburt der Hölle, Schänder und Perversling. Viele forderten lautstark, dass man mich zum Teufel jagen, oder mich sogar gleich hängen sollte. Ich sah meinen Onkel bei den Ratsmitgliedern. Er stimmte jedoch nicht, wie es einige Ratsmitglieder taten, in diesem Tumult mit ein. Petra, Justin und Sophia entdeckte ich ebenfalls im Saal, wobei hier nur Justin mitbrüllte. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt und es herrschte ein wildes Getöse und Gebrüll. Ich wurde schließlich zur Anklagebank geführt, die sich in der Mitte des Saales befand in der Sitzrichtung zum Richtertisch.

Am Richtertisch saß bereits auch schon der Bürgermeister, Johnas Goldan. Ich versuchte ihn in die Augen zu sehen um zu sehen wie er reagiert. Er würdigte mich jedoch keines Blickes und blieb auch sonst völlig ungerührt, so als ob er nur seine tägliche Arbeit nachginge und in keinsterweise persönlich mit diesem Fall zu tun hätte.

 

Für gewöhnlich sitzt an diesem Richtertisch daneben natürlich auch der Richter selbst, der jedoch noch nicht anwesend war. Das Tribunal ist ein kreisrunder Saal mit mehr als zweihundert Plätzen. Der Rat mit seinen elf Mitgliedern sitzt in einer Reihe hinter dem Tisch des Richters. Die übrigen Zuschauerplätze sind in sechs Sitzgruppen am Rand des kreisrunden Tribunal-Saals verteilt. Die vorderste Sitzgruppe, die sich direkt links neben dem Richtertisch befindet, ist den Beteiligten, also den Zeugen, Geschädigten und Angehörigen zugeordnet. Die übrigen Sitzgruppen dürfen von Tribunalbeobachtern besetzt werden, zu den für gewöhnlich einflussreiche Leute gehören.

 

Nach gut einer Minute anhaltenden Lärms und Unruhe, betrat dann auch endlich der Richter den Saal. Es wurde sofort merklich stiller im Saal. Der Richter, war ein großer, korpulenter, alter Mann mit schlohweißen Haaren und einem langen Kinnbart, der vom benachbarten Ort namens Falden kam. Insbesondere durch seine eisblauen Augen wirkte er sehr respekt- und würdevoll. Er ging zu seinem Platz, schaute mich kurz aber eindringlich an, nickte den Ratsmitgliedern zu und begrüßte schließlich den Bürgermeister. Dann setzte er sich hin und schaute in die Menge. Schließlich rief der  Tribunalbeauftragte durch den Saal: "Erheben Sie sich!"

Alle folgten dem Aufruf. Der Richter nahm jetzt den Holzhammer in die Hand und klopfte damit dreimal auf dem Richtertisch.

"Ich stelle fest, das alle Mitglieder des Rates, der Bürgermeister von Kaven und der Angeklagte Rota Gevill hier im Saal, des nun stattfindenden Tribunals anwesend sind. Kraft meines mir verliehenen Amtes eröffne ich hiermit das Tribunal gegen den Angeklagten Rota Gevill." Dann schlug er wieder mit dem Hammer auf den Richtertisch und setzte sich.

"Bürgermeister, wenn ich Sie bitten dürfte, nennen Sie die Anklagepunkte gegen den Angeklagten Rota Gevill!"

 

Johnas Goldan stand nun auf. "Sehr verehrter Richter.." und stellte sich neben mir vor den Richtertisch. ".. der Angeklagte, Rota Gevill, wird beschuldigt seinen fünfzehnjährigen Mitschüler, Alvin von Hagenen, vor achtzehn Tagen vorsätzlich und aufgrund niedriger Beweggründe getötet zu haben. Alvin von Hagenen, wurde nach Angaben vieler Zeugen als einen ruhigen und ausgeglichenen Bürger Kavens beschrieben, der sich auch wohl nie etwas zu Schulden kommen lassen hat. Nach Aussage diverser Zeugen, die wir im Laufe dieses Verfahrens noch anhören werden, soll sich Folgendes ereignet haben: Der Zeuge, Jaden Grat, ebenfalls ein Mitschüler des Angeklagten, hatte einen Tag vor dieser Tat zufällig entdeckt, dass der Angeklagte Rota Gevill und seine Mitschülerin, Mallen Goldan, die bekanntlich meine Tochter ist, sich beide zusammen auf dem Weg in den Wald befanden. Da der Angeklagte allgemein als Einzelgänger und Außenseiter gilt, fand unser Zeuge dies sehr merkwürdig und irgendwie sehr seltsam. Er entschied sich daher der Sache näher auf den Grund zu gehen und den beiden unbemerkt zu folgen. Der Zeuge folgte ihnen bis zu einer im Wald versteckten Baumhütte. Der Zeuge teilte mir auch mit, dass er auf dem Weg zu dieser Hütte teilweise dem Gespräch der beiden lauschen konnte und er vernommen hat, dass der Angeklagte meiner Tochter Mallen in dieser Hütte etwas ganz Besonderes zeigen wollte."

 

Lüge! Entsetzt stand ich auf und brüllte in den Saal: "Lüge!... Das ist nicht wahr!!"

Der Richter stand nun ebenfalls auf und hämmerte mit seinem Hammer mehrmals auf den Tisch. "ANGEKLAGTER!! Sollten sie sich nicht sofort wieder hinsetzen, werde ich sie wegen Missachtung dieses Tribunals ohne weitere Anhörung verurteilen und sie zum Teufel jagen! Haben Sie verstanden!? Sie werden noch zu gegebener Zeit zu Wort kommen um sich zu erklären!" Er machte eine Pause, schaute mich eindringlich an und setzte weiter fort:  "Das ist die erste und letzte Warnung die ich Ihnen gebe.

Haben   Sie    mich    verstanden    Angeklagter?". Wobei er den letzten Satz jedes Wort einzelnd überdeutlich betonte.

Ich nickte schließlich kleinlaut und setzte mich wieder auf meinen Platz. Ach was soll‘s, denke ich resigniert, es kommt wie es kommt und was man nicht ändern kann, muss man wohl oder übel akzeptieren.

 

"Fahren Sie bitte fort, Bürgermeister!" sagte der Richter schließlich und setzte sich ebenfalls wieder.

Der Bürgermeister wendete sich nun wieder den Zuschauern des Tribunals zu. "Ich wiederhole nochmal. Unser Zeuge, Jaden Grat, hat vernommen, dass der Angeklagte meiner Tochter etwas ganz Besonderes zeigen wollte. Als dann der Angeklagte und meine Tochter Mallen auf diese Baumhütte geklettert sind und dort verschwanden, war zunächst erst mal nichts weiter zu hören, bis der Zeuge dann plötzlich wieder die Stimme meiner Tochter hörte. Sie soll nach Angaben des Zeugen folgendes gesagt haben:"

Johnas Goldan holte nun ein Zettel aus seiner Robe hervor und las dann daraus vor.

"- Rota..! Ich dachte du wolltest mir etwas Besonderes zeigen..-

- Heh was soll das! Lass mich los.. du tust mir weh!-

- Rota, nein! Bitte lass das..!- "

Es herrschte nun absolute Stille im Saal. Johnas Goldan steckte den Zettel wieder in die Tasche seiner Robe und fuhr dann wieder weiter mit der Anklage fort.

"Der Zeuge sagte aus, dass er dann Geräusche gehört hatte, die sich wie ein Kampf zwischen dem Angeklagten und meiner Tochter angehört hatten. Der Zeuge, Jaden Grat, wollte in diesem Moment meiner Tochter zur Hilfe eilen, als dann aber auch schon meine Tochter flüchtend aus dieser Baumhöhle geklettert kam und geradewegs und so schnell sie konnte dann wohl vermutlich nach Hause gelaufen ist.

 

Jaden Grat hat am nächsten Tag mit seinen Freunden beschlossen, den Angeklagten aufzuhalten und diesen Ort der Schändung, diese Baumhütte, zu zerstören. Es haben sich letztlich Jaden Grat, Gero Hasbers, Pelle Kladier und Alvin van Hagenen auf dem Weg gemacht um diese Hütte zu zerstören.., damit der Angeklagte mit seinen Abscheulichkeiten aufgehalten wird und es nie wieder zu solchen Schandtaten kommen sollte.

Als der Zeuge und seine Freunde dann die Hütte vollständig niedergerissen hatten, soll plötzlich der Angeklagte erschienen sein. Er soll wutschnaubend auf den ersten der ihm in die Quere kam, auf Alvin van Hagenen, zugerannt sein und ihn ohne irgendeine Vorwarnung mit der Faust direkt und mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben. Nach Aussage des Gerichtsmediziners wurde die Nase des Todesopfers dermaßen durch diesen Schlag zertrümmert, dass Knochensplitter in das Gehirn eindrangen und dabei das Gehirn von Alvin van Hagenen so sehr verletzten, dass dieser auf der Stelle verstarb.

Daraufhin soll der Hund, von Marla und Debbie Gruden, sein Name war Zisko, bellend auf den Angeklagten Rota Gevill losgegangen sein. Zisko, war wohlgemerkt auch der Hund, der dem Angelklagten immer vertrauensvoll von den Gruden's in Obhut gegeben worden war. Der Zeuge sagte schließlich weiter aus, dass der Angeklagte dann den Hammer von Alvin van Hagenen in die Hand genommen haben soll und Zisko, erbarmungslos und jähzornig wie er war, zu Tode geprügelt haben. Erst dann soll Pelle Kladier mit einem Schlag von hinten den tosenden Angeklagten, Rota Gevill, unschädlich gemacht haben."

 

Johnas Goldan machte eine Pause. Es herrschte wieder eine absolute Stille im Saal. Er schaute mich kurz, aber mit hasserfülltem Gesicht an. "Meine Tochter Mallen geht es seit dem sehr schlecht. Sie ist seit dem nicht mehr sie selbst und geistig noch völlig verstört. Meine Tochter ist daher leider auch nicht vernehmungsfähig. Ich bin darüber sehr traurig, weil dadurch der Gerechtigkeit wieder mal etwas zuwider läuft. Deshalb möchte ich an meiner Tochter statt als Zeuge hier vor dieses Tribunal treten und bestätigen, dass die Zeugenaussage von Jaden Grat, was den Teil meiner Tochter betrifft, der Wahrheit entspricht. Rota Gevill hat meine Tochter in diese Baumhütte gelockt um dann seine Gelüste an ihr zu befriedigen."

Der Richter schaute irritiert und fragte etwas aufgebracht: "Herr Bürgermeister, darf ich sie so verstehen, dass sie nun direkt zur Zeugenvernehmung gewechselt sind und sie selbst sich als Vertreter ihrer Tochter Mallen als Zeuge ausgesagt haben?"

"Das ist richtig, Euer Ehren! Und ich würde gerne mit dem nächsten Zeugen fortfahren."

Der Richter nickte schließlich. "Herr Bürgermeister, fahren sie fort."

 

Als nächste Zeugen wurden dann Gero Hasbers und dann Pelle Kladier vom Bürgermeister vernommen. Sinngemäß bestätigten sie die vorhergehenden Ausführungen des Bürgermeisters. Als letzter Zeuge wurde Jaden Grat vernommen. Auch Jaden bestätigte, dass sich alles so zugetragen hat, wie es der Bürgermeister bereits in seiner Anklage vorgetragen hatte, jedoch mit noch mehr Einzelheiten, was sich in meiner Hütte zwischen mir und Mallen so alles zugetragen haben soll. Ich soll unter anderem gefordert haben, dass Mallen sich ausziehen soll, dass sie sich nicht so zieren soll.. und, und, und..

Ich war starr vor Entsetzen und Rachegelüste bestimmten nur noch meine Gedanken. Egal wie das Urteil letzten Endes auch ausgehen mag..., dafür sollst du noch büßen, Jaden! Sollte ich das überleben, wird der Tag kommen an dem du noch bereuen wirst, was du getan und hier gesagt hast. Wart's nur ab..

 

Nach einer kurzen Pause wurde ich dann vom Richter aufgefordert meine Sichtweise darzulegen und meine Zeugen zu benennen. Ich erzählte dem Richter schließlich alles so, wie es sich aus meiner Sicht wirklich zu getragen hatte. Ich schilderte ihm, dass Mallen meine Hütte schon vor mehr als einem Jahr entdeckte und ich ihr etwas später dann meine Hütte auch von innen gezeigt hatte. Auch erzählte ich, dass wir uns im Laufe der Zeit angefreundet hatten und sie mir dann später sogar geholfen hat die Hütte weiter zu verbessern und auszubauen. Als ich dies jedoch erzählte wurde ich beschimpft und ausgelacht. Viele riefen „Lügner..“ oder „Mallen würde sich niemals mit einem Teufel wie dir abgeben..“ und andere schauten sich auch nur an und lachten einfach über diese Absurdität... Mir wurde klar, dass meine Erklärungen hoffnungslos und unglaubwürdig waren. Vor allem, weil ich keinen einzigen Zeugen benennen konnte die unsere Freundschaft bezeugen konnten. Trotzdem erzählte ich diesem Tribunal alles so, wie es sich aus meiner Ansicht zugetragen hatte. Letzten Endes fragte der Richter mich noch ob ich zu meiner Aussage irgendwelche Zeugen nennen könnte. Ich antwortete schließlich: "Die einzige Zeugin die ich nennen kann, ist die Tochter vom Bürgermeister, Mallen Goldan, die jedoch nicht bei diesem Tribunal anwesend ist oder besser gesagt wohl nicht anwesend sein soll!"

 

Der Richter schüttelte schließlich den Kopf und sagte: "Ich denke damit dürfte alles gesagt sein. Bürgermeister, haben sie noch Fragen oder möchten Sie abschließend noch etwas zu diesem Fall sagen?"

Der Bürgermeister drehte sich zu den Zuschauern, setzte sich wieder und antwortete: "Nein, ich denke wir haben alles gehört und der Rat kann sich zur Urteilsfindung zurückziehen!"

Der Richter fuhr fort: "Sehr verehrte Ratsmitglieder, Sie haben den Bürgermeister gehört. Sie sind dazu angehalten gegen den Angeklagten ein gerechtes Urteil zu finden und mir, als Richter dieses Tribunals ihren Vorschlag für das endgültige Urteil vorzulegen."

Alle Ratsmitglieder verließen anschließend den Tribunalsaal und versammelten sich geschlossen in einem Nebenraum.

 

Nach gut einer halben Stunde unerträglichen Wartens war es dann soweit und der Rat kam aus seiner Beratung wieder in den Tribunalsaal. Mein Onkel verzog keine Miene und ließ auch nicht erkennen, was für ein Urteil aus dieser Besprechung ich nun zu erwarten hätte. Der Richter stand nun auf und fragte: "Verehrter Rat, sind sie zu einer Entscheidung gekommen?"

Der Sprecher des Rates trat nun hervor und antwortete "Verehrter Richter! Wir haben eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung wurde einvernehmlich gefällt. Unser Urteilsvorschlag lautet wie folgt:" Es folgte eine kurze Pause der Spannung. Alle im Saal hörten gebannt zu.

"Der Angeklagte Rota Gevill wird in beiden Anklagepunkten, des versuchten sexuellen Missbrauchs an Mallen Goldan und des Totschlags an Alvin von Hagenen für schuldig befunden."

 

Als diese Worte ausgesprochen wurden, fingen die Zuschauer augenblicklich an zu jubeln und zu grölen. Der Richter stand auf und hämmert wieder wie wild mit seinem Hammer auf den Richtertisch.

"RUHE! RUHE!"

Die Zuschauer beruhigten sich und es wurde wieder still. Der Richter blieb noch etwas stehen und schaute sich ermahnend nochmal um, bis er sich wieder setzte und dem Ratssprecher zunickte.

Der Sprecher des Rates fuhr fort: "Aufgrund der schwere dieser Taten, die sich der Angeklagte schuldig gemacht hat, hat der Rat entschieden, Ihnen Herr Richter, folgenden Urteilsvorschlag zu unterbreiten: Der Angeklagte soll Morgen um zehn Uhr aus Kaven verbannt und... zum Teufel gejagt werden!"

Es folgten wieder Schreie des Jubels und der Zustimmung...

Der Richter stand nun wieder auf und schaute auf mich herab. "Angeklagter! Erheben Sie sich!" sprach er laut und betont deutlich. Ich stand nun auf.

"Kraft meines Amtes stimme ich dem Urteilsvorschlag des Rates in Gänze zu und verurteile sie, Rota Gevill, der Verbannung. Die Verbannung wird morgen um zehn Uhr mit der Verschärfung vollzogen, dass man sie, Rota Gevill, dann zum Teufel jagen wird."

Dann schlug er mit seinem Hammer ein letztes Mal auf seinen Tisch und sagte abschließend: "Hiermit schließe ich das Tribunal gegen Rota Gevill".

 

Alles erschien mir plötzlich so unwirklich. Ich sah dass sich viele der Zuschauer freuten, die anderen mich lauthals beschimpften. Ich sah Debbie und Marla wie sie auf mich zeigten und irgendwelche Beschimpfungen von sich gaben. Dann sah ich Petra und unsere Blicke trafen sich. Sie zuckte mit den Schultern und machte ein Gesicht, dass wohl ausdrücken sollte, dass man da wohl nichts mehr machen könne. Nach der Devise: Was soll‘s.., haste halt Pech gehabt. Mach's halt nächstes Mal besser. Sophies Gesichtsausruck war nur genervt und ihr schien das alles nur peinlich zu sein. Justin hingegen grinste wie ein Honigkuchenpferd.

 

Kurz darauf kamen schließlich wieder dieser dicke Gefängniswärter und zwei Gesetzeshüter und führten mich wieder zu meinem Kerker, jedoch nicht so sanft, wie sie mich hergebracht hatten. Sie beschimpften und schubsten mich ständig. Auf halbem Weg schafften sie es schließlich auch und brachten mich zu Fall, worauf sie mich dann schnell mit Tritten wieder auf die Füße jagten. Als wir dann den Kerker erreichten, wurde ich vom Kerkermeister aufgefordert mich jetzt schon auszuziehen, um morgen nicht unnötig Zeit zu verlieren. Das fand er dann so lustig, dass er anfing meine Kleider und auch mich beim Ausziehen auch noch anzupinkeln. Nachdem sie meine Kleider mitgenommen, die Kerkertür geschlossen und schließlich weggegangen waren, schleppte ich mich zu meiner Liege.

Mir war kalt und ich hatte große Angst vor dem morgigen Tag. Ich konnte letzten Endes nicht anders und fing an zu weinen. Nachdem ich mich dann irgendwann ausgeheult hatte, beschloss ich mit dem Geheule und dem Gejammere aufzuhören und fing an zu überlegen wie ich den morgigen Tag wohl überstehen könnte..

 

Verbannung

 

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf holte man mich morgens und wie es die Tradition dieser Bestrafung verlangte, splitternackt aus dem Kerker. Es war ein diesiger und nasskalter Tag. Ich konnte keine klaren Gedanken mehr fassen, zitterte am ganzen Leib und mein Herz raste gnadenlos.

 

Eingepfercht in einem kleinen geschlossenen Käfig auf einem Pferdewagen wurde ich vor den Toren der Zitadelle zum Kavener Rathausplatz gefahren. Als wir uns dann langsam dem Rathausplatz näherten, hörte ich sie schon rufen. Sie, die Bürger von Kaven, wie sie meinen zweiten und mir schon lange zu Eigen gewordenen und verhassten Namen -Teufel- brüllten und mich beschimpften. Mich schüttelte es vor Angst und meine Beine wurden weich und begannen stark zu zitterten. Ich hatte solche Angst, dass ich fürchtete mich überhaupt nicht von der Stelle bewegen zu können. Schließlich öffneten sie den Käfig und zwei Wachmänner holten mich erbarmungslos aus meiner trostlosen Bleibe. Als man mich schließlich sah, wurde es mit einem Male sehr laut und es kam zu tumultartigen Zuständen. So viele waren hier.. Mein Gott! Fast ganz Kaven hatte sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen. Ein großer Teil des Mob's rief rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen..., den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelte es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Treiber, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchtelten. Viele beschimpften mich. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH DAHIN WO DU HINGEHÖRST.." Sie bewarfen mich mit Dreck und faulem Obst. Ich erkannte sogar einige von der Schule wieder, die in der Hand Weidenruten hielten und damit wohl als die sogenannten Treiber sogar daran teilnahmen.

 

Die von der Wache abgesperrte Bühne, zu der ich nun geführt wurde, war gut ein Schritt hoch und hatte eine zweite Treppe, die zu einer Art Gasse führte. Die linke und rechte Seite der Gasse war mit Hilfe von zwei jeweils rund einem Schritt hohen und mehreren hundert Schritt langen Zäunen abgegrenzt worden. Rechts und links hinter den Zäunen verteilten sich die Treiber mit ihren Weidenruten und dahinter wiederum die Zuschauer. Die Gasse selbst, die ich dann wohl in einer Art Spießrutenlauf zu durchlaufen habe, war etwa gut zwei Schritt breit. Auch hatte man bereits auf diese Gasse schon viele spitze Steine und Dornenzweige geschmissen, um es mir mit meinen nackten Füssen auch ja nicht zu einfach zu machen.

Ganz vorne an der linken Seite der Gasse entdeckte ich nun meine Nachbarn, Marla und Debbie Gruden. Beide standen sie da und starrten mich mit ihrem von Hass verzerrten Gesichtern an. Warum? Was habe ich ihnen jemals getan? Glauben sie wirklich ich hätte Zisko jemals etwas zu Leide tun können? Auch Justin entdeckte ich wild fuchtelnd mit einer Weidenrute in der Hand in der Menge dieses Mobs. Und weiter hinten waren auch mein Onkel Jaron, Petra und Sophie. Auch sie waren gekommen um sich dieses Spektakel, meine Verbannung aus Kaven, anzusehen. Sie, die mich vor Jahren noch pflichtbewusst in ihre Familie aufgenommen hatten.

 

Ihr Irren! Wut ergriff mich und das war in diesem Moment auch gut so. Ich vergaß meine Angst und sah nun wieder etwas klarer. Auch machte ich mir nun wieder Gedanken, wie ich diesem Wahnsinn hier vielleicht entkommen konnte. Ich werde euch den Spaß verderben! Irgendwann, werdet ihr das, was ihr mir hier antun wollt, nochmal bereuen. Büßen werdet ihr dafür..., das will ich euch und auch mir selbst versprechen!

 

Der Bürgermeister kam nun auf die Bühne. "Liebe Bürger von Kaven!" Es wurde nun ganz still auf dem Rathausplatz und alle hörten dem Bürgermeister gebannt zu. "Das gestrige Tribunal hat Rota Gevill aufgrund seiner Gräueltaten dazu verurteilt, dass man ihn heute um zehn Uhr an diesem Morgen zum Teufel jagen wird. Wir sind daher gewillt und daran gehalten, das Urteil auch so zu vollziehen. Ich bitte daher alle Treiber sich nun in Stellung zu bringen..."

Der Bürgermeister schaute nun auf die Turmuhr. Es war nun genau eine Minute vor zehn Uhr. "Ich sehe, wir sind pünktlich..." Dann sah er mich und dann die Wächter an. "Ich bitte sie den Verurteilten in Position zu bringen!"

Man beförderte mich nun zum Rand der Bühne, wo sich die Treppe befand, die zur Gasse des Spießrutenlaufs führte. Ich blickte entlang der Gasse und schaute dabei vereinzelt in die Gesichter der Leute, die mit ihren Weidenruten daran teilnahmen um mich damit aus Kaven zu vertreiben oder so Gott will mich damit zum Teufel zu jagen. Neugierde, Vorfreude, Ekel, Wut, Agression, Hass und sogar Stolz konnte ich in diesen Gesichtern erkennen. Ich musste schlucken. Hätte ich doch wenigstens meine Kleider, dachte ich andauernd und eine schreckliche Angst packte mich wieder. Ich durfte jetzt aber keine Angst haben, denn Angst behindert mich beim Denken. Ich versuchte mich wieder zu beruhigen und nachzudenken.

Wenn ich diesen Weg durch die Gasse nehme, werden das meine Füße aufgrund der herumliegenden spitzen Steine, Scherben und dem Dornengestrüpp nicht lange mitmachen. Ich werde zu langsam sein und das könnte meinen Tod bedeuten. Was also konnte ich machen? Rechts und links standen die Treiber in Position und es waren einfach zu viele, als das ich links oder rechts ausbrechen könnte. Bleibt nur der Weg durch diese verhasste Gasse. Oder? Ich schloss die Augen. Es kommt wie es kommt und bei meiner Seele ich werde mein Bestes geben.

 

Dann ertönte die Glocke der großen Turmuhr. "JAGD IHN ZUM TEUFEL!!" brüllte der Bürgermeister. Ich wurde nach vorne gestoßen und mit weiteren rüden Tritten die Treppe hinunter getreten. Und dann passierte das, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich stolperte schon gleich beim Start die Treppe hinunter und fiel zu Boden. Es wurde mit einem Male unsäglich laut. Dann spürte ich im nächsten Moment brennende und beißende Schmerzen. Schläge auf meinen Rücken, meine Beine, meinen Kopf und meinem Gesicht. Ich versuchte mich zu schützen, in dem ich mich schnell hinhockte und versuche meine Arme schützend über meinen Kopf zu legen. Wenn ich hier aber nicht sterben wollte, musste ich jetzt aufstehen und weiter gehen.

Der Mob schrie immerzu "VERSCHWINDE!!!.. SAAATAAAAN!!... HAUST DU WOHL AB!!!.. GEH ZUM TEUFEL!!..... HIER HAST DU WAS DU VERDIENST..." Ohhhhhh... ich muss aufstehen.. ich muss hier weg..  aufstehen.. ich muss aufstehen!! Dann endlich schaffte ich es hoch zu kommen. Wieder erwischten mich Stockschläge in meinem Gesicht. Ich fing an mich in geduckter Haltung nach vorne entlang der Gasse zu bewegen. Meine Hände und Arme hielt ich dabei immer noch schützend über meinen Kopf. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich bei jedem Schlag vor Schmerzen aufschrie. Ich versuchte schneller zu laufen. Dann jedoch erfasste mich ein tiefer und schneidender Schmerz an meinem rechten Fuß. Ein dicker spitzer Stein verletzte meinen Fuß so sehr, dass ich das Gleichgewicht verlor und wieder hinfiel. Wieder erfasste mich eine Welle von Stockschlägen auf meinen ganzen Körper. Dann ein bohrender und stechender Schmerz an meinem Hintern. Ich drehte mich um und sah ein kleines Kind, das mit seiner Weidenrute versuchte mir in meinem Hintern zu bohren. Man lachte und feuerte das Kind an weiter zu machen. Irgendwie schaffte ich es dann doch wieder aufzustehen und ich wollte nur noch weg hier. Dann jedoch traf mich aber ein Stockhieb derart auf die Nase, dass ich vor Schmerz erstarrte und ich letztlich wieder schützend zu Boden ging. Schmerzen konnte ich aushalten, das wusste ich. Schmerzen kommen und gehen wieder. Ignoriere deine Schmerzen! Das war meine einzige Chance die ich hatte. Ich biss die Zähne zusammen. Mein ganzer Körper war nun fest angespannt. Ich habe keine Schmerzen.., ich habe keine Schmerzen.., sagte ich nun immer wieder zu mir selbst und dann.. fing ich an zu schreien. Ich schrie so laut, dass ich nur noch meine Schreie und meine Wut wahrnahm. Der Mob um mich herum war zum Teil wie erstarrt und viele sahen mich nun erschrocken und fast.., ja, ängstlich an.

 

Ich stand auf, riss den Treibern die Weidenrute aus den Händen, die gerade damit in meiner Nähe damit auf mich zuschlugen  oder zuschlagen wollten, und sprang nun schreiend dort, wo die wenigsten Treiber standen, über den rechten Zaun. Die Treiber, die dort standen, waren so überrascht, dass sie erst gar nicht darauf reagierten und nur wie paralysiert da standen und mich nur blöd anguckten. Bis die ersten sich jedoch aus ihrer Erstarrung lösen konnten, war ich aber schon an ihnen vorbei gelaufen.

"Jagd ihn! Hinterher!!" riefen sie wieder. Zwei erwachsene Männer kreuzten nun meinen Weg und wollten meine Flucht, die so keiner eingeplant hatte, verhindern. Ich lief schreiend und direkt auf den rechten Mann zu. Ich ballte meine Faust und schlug ihn mit ganzer Wut und Kraft ins Gesicht. Ich verspürte dabei starke Schmerzen.., aber ich nahm diese Schmerzen auf und leitete diese in noch mehr Wut und Energie um. Der Mann fiel schließlich einfach um, was ich jedoch selbst nicht mehr realisierte. Ich schrie und rannte weiter, wie der Teufel. Viele wichen mir aus oder standen nur da und waren noch völlig aus der Fassung, was da gerade passierte. Dann merkte ich, dass plötzlich jemand von links heran gerannt kam und sich mir im vollen Lauf in den Weg warf. Ich hatte keine Chance und wurde schließlich von meinen Beinen gerissen. Ich rollte mich jedoch schnell ab und war schnell wieder auf meinen Beinen. Plötzlich jedoch kam dann überraschend Robert Grat, der Vater von Jaden, ein stämmiger und hochgewachsener Mann, von der linken Seite und schlug mir mit voller Wucht seine Faust unerwartet ins Gesicht und traf dabei besonders meine ohnehin schon angeschlagene Nase. Ich taumelte nach hinten, hielt mich aber noch auf meinen Beinen. Ich drehte mich nun zu ihm um, fletschte die Zähne, setzte mein Wutgeschrei weiter fort und griff ohne weiter zu zögern an. Ich täuschte einen linken Faustschlag an, schlug ihn jedoch mit der rechten Faust und mit ganzer Kraft auf sein linkes Ohr. Er wankte und fiel schließlich vornüber auf den Boden. Ich ließ ihn liegen und konzentrierte mich wieder auf meine Flucht.

 

Der Weg war nun frei. Ich rannte und rannte. Nach gut fünfhundert Schritt schaute ich mich das erste Mal wieder um und stellte fest, dass nur noch einige meiner Verfolger mich mit ihren Weidenruten verfolgten und auch schon mehr als hundert Schritte entfernt waren. Hoffnung keimte in mir auf. Nur noch ungefähr fünfhundert Schritte trennten mich bis zur Außengrenze. Die Außengrenze von Kaven wurde durch eine gut eineinhalb Schritt hohe und fünfzehntausend Schritt lange Steinmauer vor dem Außengebiet der Wildnis geschützt. An der Mauer waren im Abstand von gut dreihundert Schritt regelmäßig Wachtürme aufgestellt. Das Tor würde für mich vermutlich heute geöffnet sein, da man mich schließlich aus Kaven ja heraus jagen wollte. Aber was wird mich am Tor erwarten? Mein Geschrei, welches mir einen guten Dienst erwiesen hatte, hatte ich inzwischen eingestellt. Meine Schmerzen, besonders die Schmerzen an meinem rechten verletzten Fuß meldeten sich langsam aber umso heftiger zurück. Ich versuchte die Schmerzen weiter zu ignorieren und lief wieder etwas schneller. Ich befand mich auf der Straße, die zum Außentor von Kaven führte. Aber die Chance, dass ich dort vielleicht am Tor von anderen Treibern bereits erwartet wurde oder man dort auf mich lauerte, war zu groß. Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen und änderte nun meinen Plan. Ich verließ daher den üblichen Weg zum Tor und rannte nun rechts die Straße runter und quer über ein Ackerfeld. Nach einer Weile erreichte ich schließlich die Außenmauer.

 

Ich kletterte die Außenmauer hoch. Hinter der Mauer gab es jedoch einen Wassergraben, der gut zwei Schritt breit war. Ich hangelte mich an der Außenmauer runter und ließ mich in den Wassergraben fallen. Der Graben war nicht tief und ich konnte mich einigermaßen schnell auf die andere Seite rüber schleppen. Dann hörte ich jedoch Stimmen.

"Hier ist er!"

"Wir haben ihn..!"

Von links, wie auch von rechts rannten Jaden, Pelle, Gero und noch vier andere auf mich zu.

 

Um wirklich sicher zu gehen, dass ich nicht ungeschoren davon komme, haben sie mich doch tatsächlich hinter der Außenmauer aufgelauert und wollen mir nun wohl den Rest geben.

Jaden erreichte mich als erster. "Na, wen haben wir denn da schon wieder? Der Rota, unser kleiner Teufel..! Ich muss schon sagen.., ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so weit kommst. Wie hast du das nur geschafft...? Naja, egal... dafür sind wir jetzt ja hier. Oder Leute?" Jaden, wie auch die anderen waren mit Knüppel und Schlagstöcken bewaffnet. Ich stand immer noch am Rande des Wassergrabens. Jaden kam nun etwas näher zu mir.

"Ohh je, Ohh je, Ohh jeee.. Rota.. Ich möchte wirklich nicht in deine Haut stecken. Du tust mir schon fast Leid..". Dann plötzlich holte er mit seinem Knüppel aus und versuchte mit voller Wucht auf mein Gesicht einzuschlagen. Ich konnte den Schlag jedoch gerade noch rechtzeitig mit meinem Arm abwehren. Verlor dabei aber das Gleichgewicht und fiel rückwärts wieder in den Wassergraben.

 

Alle mussten nun lachen und standen nun im Halbkreis versammelt vor mir. Ich war müde und mein Körper fing an zu rebellieren aber es blieb mir nichts anderes übrig, wenn ich das hier überleben wollte, ich musste weiter kämpfen. Ich hatte es so satt immer wieder gequält.., geschlagen.., getreten oder ausgelacht zu werden. Ich fing wieder, so laut es nur ging, zu schreien an und griff schließlich an. Auf allen Vieren krabbelte ich aus dem Wasser und hielt direkt auf Jaden zu. Jaden war aufgrund meines Schreiens für einen kurzen Moment aus der Fassung, fing sich jedoch schnell wieder und schlug erneut mit seinem Knüppel auf mich ein. Die anderen folgten jetzt ebenfalls Jaden's Beispiel und schlugen nun ihrerseits auch mit ihren Knüppeln auf mich ein. Eine ganze Ladung von Schlägen prasselte nun auf mich nieder. Ich spürte jedoch aufgrund meiner rasenden Wut kaum noch etwas. Ich konzentrierte mich nur noch auf Jaden und versuchte sein Bein irgendwie zu fassen zu bekommen. Jaden lachte noch. „Ohh.., nur schaut ihn euch an, wie er da rum krabbelt.., wie niedlich!“ Dann endlich gelang es mir sein Bein mit meinen Händen zu erwischen und festzuhalten. Ich hielt nun mit aller Kraft, die ich aufbieten konnte, Jadens Bein fest. Schob seine Hose hoch und biss dann mit aller Wut und Kraft in seine Wade. Jaden fing sofort wie wild vor Schmerzen an zu schreien. Alle anderen hielten für einen kurzen Moment inne und schlugen schließlich kurz darauf noch heftiger mit ihren Knüppel auf mich ein. Ich wiederum biss nun ebenfalls noch kräftiger zu. Jaden gierte nur noch. Er beugte sich nun über mich und trommelte wie wild mit seinen Fäusten auf meinem Kopf herum. Dann schließlich biss ich ein Stück von seiner Wade ab. Ein gluturales Geheul und Geschrei ertönte nun von Jaden.

Jetzt war die Gelegenheit da, endlich aufzustehen. Ich stand auf, spuckte Jaden sein eigenes Stück Fleisch und Haut von seiner Wade in sein Gesicht und griff dann Pelle an. Pelle sah mich erschrocken und ängstlich an. Ich schrie weiter, packte mit meinen Händen seinen Kopf und drückte mit meinen Daumen seine beiden Augäpfel ein. Nun war es Pelle, der wie ein Wilder vor Schmerzen herumschrie. Die Schläge ließen nun nach. Die anderen schauten schockiert und konnten wohl nicht fassen was hier soeben passierte. Ich drehte mich um und wollte mir nun den dicken Gero vornehmen. Als er meine Absicht erkannte, ließ er seinen Knüppel fallen und lief daraufhin einfach weg. Ich drehte mich nun zu den anderen und sah, dass auch sie wegrannten. Ich wendete mich nun wieder Jaden zu. Er heulte und schrie immer noch vor Schmerzen. Ich beugte mich zu ihm herüber und packte ihn an der Gurgel. Er würgte. Ich kam ganz nah an ihm heran und sagte: "Das..  Jaden.., das war noch längst nicht alles.., das versprech ich dir!" Ich schlug ihn schließlich mit seinem eigenen Knüppel nieder und zog ihn dann noch schnell seine Schuhe, Hose und seine Jacke aus und setzte meine Flucht weiter fort.

 

Weg zur Höhle

 

Auf dem Weg zum Fluss, rannte ich noch gut zehn Minuten pausenlos weiter, bis ich entschied endlich eine kurze Pause zu machen, um mir Jadens Sachen anzuziehen. Ich zitterte stark und alles tat mir weh. An meinem Körper gab es kaum noch eine Stelle, die unversehrt war. An vielen Stellen war meine Haut aufgeplatzt. Das Atmen fiel mir schwer und ich konnte auch nur noch durch den Mund atmen. Ich befürchtete, dass meine Nase, ich wagte sie noch nicht mal anzufassen, vermutlich gebrochen war. Mein größtes Problem war jedoch mein rechter Fuß, wo eine gut daumeslang, hässlich gezackte, offene Wunde klaffte, die immer noch sehr stark blutete. Der pochende und irgendwie bohrende Schmerz nahm stetig zu. Schließlich riss ich ein Stück von der Hose ab und wickelte mir diesen Fetzen um die Wunde. Als ich jedoch die Schuhe von Jaden anziehen wollte, merkte ich, dass ich dummerweise nicht mehr in Jaden‘s rechten Schuh passte. Ich fluchte und entschied mich den Fetzen wieder abzunehmen um diesen dann so zu kürzen, dass ich vielleicht in den Schuh passte. Als ich dann endlich fertig wurde, war ich aber mit dem Ergebnis zufrieden. Mein Fuß lag nun, dank des Verbandes, so fest im Schuh, dass die offene Wunde aufgrund der Kompression vorerst verschlossen war. Ich war nun wieder bereit weiter zu gehen und setzte meinen Weg nun aber humpelnd weiter fort.

 

Irgendwann erreichte ich schließlich den Backenfluss und ging, wie Jake es mir beschrieben hatte, den Fluss aufwärts entlang. Der Weg entlang der Uferkannte, war allein schon beschwerlich genug, da immer wieder große Steine, Schlamm, Büsche und andere Pflanzen diesen Weg teilweise unpassierbar machten und ich immer wieder Umwege gehen musste um wieder weiter zu kommen. Ich stolperte häufig und das Fortbewegen fiel mir immer schwerer. Mir wurde immer kälter, ich zitterte am ganzen Leib und jede Bewegung verursachte mir mehr Schmerzen. Aber nach gut einer weiteren Stunde erreichte ich endlich den von Jake beschriebenen Felsen, mit den riesigen, rings umstehenden Laubbäumen. Hier sollte nun unter irgendeinem Busch, in der Nähe dieses Flusses, ein Paket mit Kleidung, Decke und Essen liegen. Ich humpelte nun näher zum Fluss um danach zu suchen. Es dauerte etwas, aber dann fand ich schließlich unter einem großen Busch, ein in brauner Decke zusammengerolltes Paket. Jake, Jake, Jake.., mein Lieber.., dafür werde ich dir wohl ewig dankbar sein.

 

Stöhnend und keuchend setze ich mich schließlich auf den Boden, löste das Seil von dem Paket und entrollte schließlich die Decke. Jake hatte tatsächlich an alles gedacht. Darin waren ein gutes Paar Lederstiefel, Socken, Unterbekleidung, Hemd, Hose, Mantel, einen großen Stück getrockneten Schinken, ein Wasserschlauch sowie ein gutes Messer. Sogar Verbandsmaterial, Wundsalbe und die besagte Karte waren darin. Alles was ich benötige war dabei. Danke Jake..! Danke!! Aber was mache ich jetzt? Ich war zu schwach um weiter zu gehen. Einfach hier zu bleiben und mich auszuruhen schien mir zu gefährlich zu sein. Aber was war hier nicht gefährlich? Zitternd zog ich mich nun aus. Trug auf den schlimmsten Stellen die Wundsalbe auf und verband diese Verletzungen so gut es ging. Danach zog ich die frische Kleidung von Jake an. Und um mich vor der Kälte so gut es ging zu schützen, zog ich Jaden‘s Jacke und darüber auch noch den Mantel von Jake an. Schließlich nahm ich die restlichen Sachen, kroch damit unter einem dichten Busch und wickelte mich dazu noch mit der dicken Decke ein. Obwohl ich keinen Hunger hatte, schnitt ich mir trotzdem noch einen guten Bissen vom Schinken ab und steckte es mir in den Mund. „Ich lebe noch!“ sagte ich nun zu mir. „Verdammt wer hätte das gedacht! Ich lebe noch!“

Dann wollte ich nur noch schlafen und obwohl ich fror und mir alles wehtat, schlief ich irgendwann doch tatsächlich ein.

 

Es war stockduster, als ich das erste Mal wieder erwachte. Meine frische Kleidung von Jake war durchgeschwitzt und blutig von meinen ganzen Wunden. Ich fieberte und gleichzeitig war mir schrecklich kalt. Mein Körper war starr vor Schmerzen. Ich konnte mich kaum bewegen. Weil ich aber so einen Durst hatte, raffte ich mich troztdem dazu auf den Wasserschlauch zu nehmen und daraus drei, vier kräftige Schluck Wasser zu trinken. Dann wickelte ich mich wieder in die Decke und schlief nach einer Weile wieder ein.

 

Als ich das nächstemal wieder wach wurde, war es schon wieder heller Tag. Es nieselte leicht. Ich hörte das Rauschen des Wassers und der Bäume. Ich richtete mich schließlich mit größter Mühe auf und schaute mich um. Es kam mir alles so unwirklich vor. Wo und was machte ich hier? Waren meine ersten Gedanken. War das alles wirklich passiert? Musste es wohl.., denn ich war hier. Also musste das auch tatsächlich alles passiert sein. Ich wollte aufstehen, was jedoch aufgrund der Schmerzen misslang. Schließlich nahm ich noch ein paar Schluck Wasser aus dem mir naheliegenden Wasserschlauch und aß noch etwas von dem Schinken. Danach beschloss ich für mich noch einmal einzuschlafen um mich dann aber, wenn ich wieder aufwachte, meinen Weg zu dieser Höhle, von der Jake sprach, fortzusetzen.

Nichtsdestotrotz konnte ich lange Zeit aufgrund der Schmerzen die ich hatte nicht einschlafen. Daher döste und bibberte ich lange nur vor mich hin und hoffte, dass es langsam besser wurde. Letztendlich schlief ich aber irgendwann doch wieder ein und wachte immer wiedermal kurz auf um dann wieder etwas zu trinken, zu essen oder meine Notdurft zu verrichten.

 

Früh am nächsten Morgen, beschloss ich jedoch endlich aufzustehen und meinen Weg zur besagten Höhle weiter fortzusetzen.

Nach Jakes Beschreibungen auf der Karte, musste ich nun erstmal den Backenfluss solange flussaufwärts gehen, bis ich einen Wald erreiche, in dem es ein Weg geben soll, der mich dann zu einem steilen Weg hinauf zum Gebirge führt. Am Ende dieses Weges soll es dann eine Abzweigung geben, wo ich dort den linken steinigen Weg bergauf nehmen muss, um dann nach gut vierzig bis fünfzig Minuten eine grasbewachsene grüne Ebene zu erreichen, mit ein paar umstehenden Bäumen darauf. Und auf dieser Ebene soll es auf der rechten Seite des Gebirges, versteckt hinter einem Busch, einen Felsspalt von gut zwei Schritt Höhe und einem halben Schritt Breite geben, der letztendlich zu dieser Höhle führt. „Na denn..“ stöhnte ich.

 

Es kostete mich einiges an Überwindung mich endlich aufzurichten. Mein rechter Fuß schmerzte so sehr, dass ich am liebsten vor Schmerzen laut aufgeheult hätte, als ich diesen belastete. Ich hatte Schwierigkeiten mich aufrecht zu halten und drohte mehrmals zu fallen. Aber letztlich konnte ich mich doch halten und konnte schließlich meinen Weg zu dieser Höhle fortsetzen. Auf meinem Weg versuchte ich mich von meinen Schmerzen abzulenken und fing an, mich über das eine und andere Gedanken zu machen.

 

Ich fragte mich, was wohl nun in Kaven los sein wird. Wird man mich nun auch hier in der Wildnis verfolgen und sich an mir rächen wollen? Ich hatte auf der Flucht letzten Endes vier Menschen schwer verletzt, wenn nicht den einen oder anderen sogar getötet. Den ersten Mann, den ich in meiner Raserei niedergeschlagen hatte, könnte ich vielleicht wirklich sogar getötet haben. Als ich ihn mit meiner Faust ins Gesicht traf, konnte ich richtig spüren wie seine Knochen in seinem Gesicht brachen und zwar genauso wie sie bei Alvin brachen. Jaden‘s Vater könnte ich, auch wenn ich ihn nicht so stark getroffen hatte, ebenfalls so schwer verletzt haben, dass auch er vielleicht nicht mehr leben könnte. Er fiel schließlich ebenfalls mit nur diesem einen Schlag einfach zu Boden.

 

Und Jaden wird bestimmt für eine lange Zeit oder sogar für immer humpeln. Naja, und Pelle, wird nun zu mindestens auf einen Auge blind sein, wenn nicht sogar auf beiden Augen und damit dann sogar nie wieder etwas sehen können. Als ich meine Daumen in seine Augen drückte, konnte ich richtig spüren, wie ich sein linkes Auge zerquetscht habe. Mir tut es jedoch nicht Leid, was ich getan hatte und ich empfinde auch kein bisschen Reue. Aber ist das normal? Bin ich noch normal? Oder bin ich wirklich das besagte Monster was viele in mir sehen wollen oder auch sehen? Nein, das glaube ich nicht und das bin ich auch nicht! Sie haben mich schließlich aufgrund ihrer Lügen zu Unrecht verurteilt. Sie wollten mich töten und ich habe mich letztlich nur gewehrt und um mein Leben gekämpft. Was sollte daran falsch sein? Nichts. Gar nichts. Und wenn Gott oder wer auch immer, es doch anders sehen sollte, dann ist mir das auch scheißegal.

 

Und Mallen? Wird sie wieder ganz normal heute in die Schule gehen, so als ob nichts gewesen wäre? Vermutlich nicht. Wenn sie heute tatsächlich wieder in die Schule gegangen ist, wird sie vermutlich die Attraktion überhaupt sein und womöglich sogar von vielen angegafft werden. Aber Mallen ist auch jemand, dem das wahrscheinlich nicht viel ausmacht. Vielleicht sind das sogar Momente für sie, die sie als herausfordernd empfindet. Andererseits hatte Jake im Kerker aber auch erzählt, das Mallen das Ganze ziemlich mitgenommen hat und es ihr wohl wirklich nicht gut geht damit. Mallen.. verzweifelt? Sie, die Schwierigkeiten für gewöhnlich liebt und sich diesen immer herausfordernd gestellt hat. Kann es sein, dass sie wirklich so um mich besorgt ist..., dass sie nun tatsächlich sogar verzweifelt ist?

 

Auch frage ich mich, warum Jake mir überhaupt hilft? Er sagte, dass er mit Mallen gesprochen hat und er somit weiß was wirklich passiert. Er glaubt mir.  Gut.., das kann ich noch verstehen, aber dass er sich so einen Plan ausgedacht und in die Tat umgesetzt hat, ist schon ziemlich erstaunlich. Vor allem, weil wir uns kaum kennen. Es wird ihm viel Zeit und Mühe gekostet haben, mir diese Sachen wie Decke, Kleidung u.s.w. zu diesem Ort am Fluss zu bringen. Allein schon der Weg zu dieser besagten Höhle, hin und wieder zurück, nimmt gut einen Tag, von mindestens zehn Stunden, in Anspruch. Woher nimmt Jake nur diese Zeit? Jeder in Kaven hat für gewöhnlich viele Pflichten zu erfüllen, da ist es oft schwierig für sich Zeit zu haben und erst recht, wenn es um so eine Zeitspanne geht. Jake's Eltern müssen viel Vertrauen in Jake haben, dass sie ihn so gewähren lassen, wie es ihm scheinbar beliebt. Und überhaupt.., woher wusste er von dieser Höhle und warum kennt Jake sich so gut hier in der Wildnis aus?

 

Nach mehreren Stunden führte mich endlich ein kleiner Trampelpfad direkt in diesen dichten, von riesigen Tannenbäumen, bewachsenen Wald. Wer diesen Pfad wohl benutzt? Dem Bund sind sechzehn Städte angeschlossen. Die Städte sind mit einem gut durchdachten und abgesicherten Wegenetz miteinander verbunden. Die nicht sicheren Wege werden nur von erfahrenen Abgesandten oder Kurieren benutzt. Vielleicht war dieser Weg so einer mal gewesen. Dieser Weg könnte aber auch von den in der Wildnis lebenden Ausgestoßenen oder den Krasianern entstanden sein und vielleicht auch noch benutzt werden. Ich habe selbst noch nie Menschen gesehen, die in der Wildnis lebten. Man sagt in Kaven, dass diese Ausgestoßenen überwiegend Mörder, Räuber und niederträchtige Menschen sein sollen und der Bund alles daran setzt diese Aussätzigen zu verfolgen und zu dezimieren. Ich frage mich Fra, wie sich die Vertriebenen untereinander verhalten. Gibt es auch Ausgestoßene die solidarisch zusammenhalten und vereint um ihr Dasein kämpfen? Wenn ja, würden sie mich als Ihresgleichen anerkennen und mich in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollen? Ich jedenfalls, würde es von mir aus auf einen Versuch gerne ankommen lassen.

 

Der Trampelpfad im Wald war schwer zu durchlaufen. Immer wieder versperrten umgekippte, riesige Nadelbäume diesen Weg. Ich hatte große Mühe mit meinen Verletzungen diese Hindernisse zu überwinden und ich stand häufig kurz davor aufzugeben. Jedoch plagten mich auch immer wieder die vielen Mücken hier und die sorgten auch immer wieder dafür, dass ich letztlich doch immer weiter ging.

 

Letzten Endes erreichte ich dann doch eine der Abzweigungen, die auch auf Jakes Karte verzeichnet waren. Und wie Jake es auch auf der Karte eingezeichnet hatte, schlug ich den nach rechts führenden Weg ein, der mich dann zu einem steilen Weg bergauf führte. Da mir nichts anderes übrig blieb, biss die Zähne zusammen und ging keuchend und humpelnd weiter. Irgendwann am Ende dieses Pfades erreichte ich die letzte Abzweigung, wo ich dann den linken noch steileren Weg zu nehmen hatte, der mich am Ende zur besagten oberen Gebirgsebene führen sollte.

 

Als es anfing dunkel zu werden, erreichte ich endlich mein Ziel. Ich konnte kaum noch Luft bekommen und ich war so erschöpft, dass ich mich nur noch hinlegen und schlafen wollte. Der Spalt in diesem Berg war schwer zu finden. Es gab auf dieser Ebene viele Büsche, wo sich möglicherweise dahinter eine Höhle hätte befinden können. Aber glücklicherweise fand ich diesen Spalt zu der besagten Höhle.

 

In der Höhle war es kalt und stockduster. Ich kroch auf dem Boden und fand eine einigermaßen bequeme Stelle. Ich entrollte meine Decke, trank noch ein wenig und aß noch ein gutes Stück vom Schinken. Dann legte ich mich endlich hin und schlief auch sofort ein.

 

Jake, Bogen, Tunnel,..

 

Irgendwann in der Nacht hörte ich immer wieder jemanden meinen Namen rufen. Die Stimme kam mir bekannt vor. Dann fasste mich plötzlich jemand an meine Schulter und rüttelte mich schließlich wach. Stand da tatsächlich Jake vor mir? Er hielt eine Lampe, mit einer brennenden Kerze darin, in seiner Hand. Ich schüttelte mich etwas, um etwas klarer zu werden.. "Jake..? Träume ich oder bist du das wirklich?"

"Du träumst nicht! Rota! Ich bin's wirklich. Manchmal glaube ich selber nicht was ich so mache." Nachdem er das gesagt hatte, betrachtete er mich nun genauer.

"Mannomann, die haben dich ja ganz schön zugerichtet. Man erkennt dich ja kaum wieder..." Jake verzog dabei das Gesicht.

"Uhh.. und deine Nase..., die ist ja völlig schief.., scheint irgendwie.... gebrochen zu sein.... " Jake beugte sich nun über mich und sah sich das nun genauer an.

"Rota, deine Nase.. ich glaube die muss gerichtet werden!" Jake wollte nun mit seiner Hand nach meiner Nase greifen. Ich hielt sofort abwehrend meine Hände hoch.

"Hey... beruhig dich. Deine Nase ist total schief! Besser jetzt als nie..“

Jake schüttelte leicht amüsiert den Kopf. „Du hast so viel durchgemacht und jetzt stellst du dich so an..?"

Jake hat natürlich recht, besser jetzt nochmal Schmerzen, als immer durch eine krumme Nase zu röcheln. Ich ließ meine Hände wieder absinken und schloss meine Augen. "Okay... tu was du nicht lassen kannst!"

Er nahm meine Nase zwischen Daumen und Zeigefinger und zählte dann langsam runter.. "sechs, fünf, vier, drei..." Bei drei drückte er mit einem kräftigen Ruck meine Nase vermutlich wieder in die richtige Position. Ich nahm ein unangenehmes Knirschen in meiner Nase wahr. Tränen schossen mir vor Schmerzen in die Augen und Blut floss aus meinen beiden Nasenlöchern. Ich brüllte vor Schmerzen auf.

"Okay... das war‘s.. auch schon!“ Er schaute sich meine Nase nochmal genau an. „Ich glaube, deine Nase scheint nun wieder einigermaßen gerade zu sein.." Jake gab mir noch ein Stück Stoff für meine blutende Nase und setzte sich nun neben mich.

"Unglaublich, dass du diese Vertreibung überlebt hast. Als ich gesehen habe, wie viele in Kaven sich an dieser Jagd beteiligt haben, hatte ich schon nicht mehr an dich geglaubt, und erst recht nicht, als die Jagd begonnen hat, wo du die Treppe runter gestoßen wurdest und du dann gleich schon am Anfang runtergefallen bist und dann erst gar nicht mehr auf die Beine gekommen bist. Alle schlugen wie wild mit ihren Weidenstöcken auf dich ein.“ Er schwieg für einen Moment. „Ich hatte dich da bereits schon abgeschrieben. Aber dann..., wie du auf einmal lauthals angefangen hast zu schreien, dass einem das Blut in den Adern gefror und viele nur noch wie erstarrt dastanden. Unglaublich! Und du dann einfach rechts durch den ganzen Mob durchgerannt bist. Mannomann.., das war einfach.. Wahnsinn..! Einfach unglaublich! Für mich warst du da ein..,  ja.., ein richtiger Held. Später hörte ich auch noch, das Jaden dich an der Grenzmauer aufgelauert und dich dort wohl noch ziemlich verprügelt haben soll. Wie sich aber auch herausstellte, dass du aber ebenfalls gut ausgeteilt hast und letztendlich vor ihnen auch noch flüchten konntest.“ Geflüchtet waren zwar auch die anderen, dachte ich flüchtig noch bei mir, behielt es aber für mich.

"Jaden sagte, dass er unglücklich gefallen sei und du ihm dann ein Stück von der Wade herausgebissen hast?! Und Pelle, der gerade zur Hilfe eilen wollte, ihn sollst du dann mit brutaler Gewalt seine beiden Augen so eingedrückt haben, dass er vermutlich nie wieder etwas sehen kann. Hat sich das wirklich alles so zugetragen?"

"Nein.., nicht ganz so..." antwortete ich noch ziemlich müde und erschöpft.. "Es stimmt, Jaden hat mich an der Grenzmauer erwischt und mich dort auch ziemlich zugerichtet. Aber er war nicht alleine. Soweit ich mich erinnern kann, waren Jaden, Gero, Pelle und noch vier andere dabei gewesen. Die wollten mich nicht nur verjagen, die wollten mich eher zu Tode prügeln..! Ich habe mich schließlich nur gewehrt."

Jake nickte mir zu. "So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht."

Ich richtete mich nun auf und lehnte mich gegen die Felswand.

Jake schaute mich nun eindringlich an. "Rota.., du bist erst fünfzehn und erschlägst zwei erwachsene Männer mit nur jeweils einem Faustschlag...? Sind diese... naja ungewöhnlichen Kräfte aus der Situation geboren.. oder steckt da mehr hinter? Allein schon diese ganzen Prügel und deine ganzen Verletzungen.., dass du das so wegsteckst und es sogar geschafft hast in diesem Zustand die Höhle zu erreichen. Ich finde das schon allein ziemlich außergewöhnlich."

Ich überlegte ob ich Jake nun von meinen Kräften erzählen sollte. Ich war mir unsicher und entschied mich letztlich dagegen. Ich kann es ihm vielleicht später ja immer noch mal erzählen. Ich entgegnete nun seinem Blick und zuckte mit den Schultern

"Ich weiß es nicht. Ich bin selbst überrascht, was in letzter Zeit alles so passiert ist. Vielleicht ist es auch so, dass man in extremen Situation auch einfach nur extrem reagiert und man über sich hinauswächst.." Ich machte eine kurze Pause und erkannte ein wenig Skepsis in Jakes Gesicht.

Ich wollte nicht mehr darüber reden und wich schließlich aus.

"Weißt du eigentlich Genaueres über den Zustand von Jadens Vater und diesen anderen Mann, den ich auf der Flucht niedergeschlagen habe?"

Jake lehnte sich zurück und antwortete schließlich: "Jadens Vater lebt noch, aber er ist soweit ich weiß, noch immer ohne Bewusstsein. Steve Fanning, den anderen den du als erstes niedergeschlagen hast, war wohl sofort tot. Viele glauben zwar, dass du die Wildnis wohl nicht lange überleben wirst. Trotzdem überlegt der Rat, ob er einen Suchtrupp nach dir losschickt, um dich für diese Taten büßen zu lassen.."

"Wie wahrscheinlich ist es denn, dass man mich hier findet?" Wollte ich nun wissen.

"Meine Einschätzung... eher unwahrscheinlich. Aber ich denke du solltest trotzdem damit rechnen, dass dieser Fall irgendwann mal eintreten könnte und du solltest für so einen Fall immer vorbereitet sein."

Ich nickte und wollte nun etwas anderes wissen.

"Was machst du überhaupt um diese Zeit hier? Ich weiß nicht genau wie spät es ist.. aber ich vermute es ist so um Mitternacht.."

Jake nahm nun die Lampe und stellte sie zwischen uns. "Ich hatte dir ja gesagt, dass ich dir noch ein paar Sachen hierher bringen wollte. Und da ich tagsüber kaum Zeit habe, habe ich mich heute Nacht halt aufgemacht um dir diese Sachen zu bringen. Ich denke, diese Sachen wirst du auch wohl gut gebrauchen können." Jake stand nun auf, ging aus der Höhle und kam kurz darauf mit einem Jagdbogen, einem Köcher mit Pfeilen und einem gefüllten großen Sack wieder.

"Kannst du damit umgehen?" Dabei zeigte er mir den großen Bogen und den Köcher mit Pfeilen.

"Ich weiß nur wie man das Ding benutzt.., aber selber geschossen habe ich noch nie damit" erwiderte ich völlig erstaunt.

"Hier aber wirst du es wohl lernen müssen, wenn du hier überleben willst. Zeit zum Üben hast du jedenfalls ja zu genüge...“ Jake beugte sich nun über den Sack und griff mit seiner Hand hinein.

"So, was habe ich dir sonst noch so Schönes mitgebracht?" er zog einen Bündel Decken aus dem Sack. "Damit du hier nicht erfrierst, einmal noch drei weitere Decken. Ich würde dir empfehlen, dass du aus trockenem Gestrüpp, Gras und Blättern dir ein weiches Unterbett machst und darüber eine von diesen Decken legst. Mit dem leeren Sack kannst du dir vielleicht ja ein Kopfkissen machen. So was noch? Weiter habe ich dir noch zusätzliche Kleidung zum Wechseln mitgebracht. Einen Kochtopf, ein weiteres scharfes Messer, eine Nadel und Garn dazu. Und hier.." Jake zeigte mir nun einen kleinen gefüllten Sack. "Salz zum Pökeln! Hast du schon mal ein Tier geschlachtet und das Fleisch durch Pökeln oder Räuchern haltbar gemacht?"

Ich hatte schon öfters dabei zugesehen und konnte mir durchaus vorstellen das hinzubekommen, von daher nickte ich Jake zu.

"Gut, dann habe ich dir noch für die Übergangszeit noch ein Stück geräucherten Schinken, ein Sack Getreide, ein großes Glas Marmelade und eine Dose Kräutertee mitgebracht. Ach ja.. und Kerzen und ein Feuerstein habe ich dir auch mitgebracht. Na, was sagst du jetzt?" fragte er ganz selbstzufrieden und stolz.

 

Ich wusste erst nicht was ich sagen sollte, schließlich sagte ich nur: "Jake! Ich verdanke dir damit mein Leben und ich kann dir gar nicht genug danken für das, was du sonst alles für mich getan hast." Ich wollte nun aufstehen und ihn dankend umarmen.

Er hielt mich aber zurück. "Eh, bleib sitzen Rota! Schone lieber deine Kräfte. Es kommen vielleicht auch nochmal andere Tage, wo ich vielleicht mal deine Hilfe benötige und du es mir dann immer noch vergelten kannst." er zuckte mit den Schultern. "Man weiß ja schließlich nie was noch kommt.."

"Jake.., sag mal, von wem hast du die Sachen denn überhaupt und wie um Himmels Willen willst du wieder zurück nach Kaven kommen? Die lassen dich doch nicht einfach so mir nichts dir nichts, wenn du wieder zurückkehrst, wieder durchs Tor gehen?"

Jake setzte sich wieder im Schneidersitz zu mir hin und räusperte sich, bevor er schließlich antwortete.

"Die Sachen kommen teils von mir und teils von Mallen. Meine Eltern werden nichts sagen und sie vertrauen mir. Sie akzeptieren meine Entscheidungen, obwohl sie Angst haben, dass ich mich damit in Schwierigkeiten bringen könnte. Sie versuchen auch immer wieder mich zu überreden keine Risiken einzugehen und meine Entscheidungen zu überdenken. Aber letztendlich akzeptieren sie das was ich tue. Mallen geht es übrigens wieder etwas besser, seit sie gehört hat, dass du flüchten konntest und womöglich noch lebst. Sie wollte mir noch viel mehr für dich mitgeben, aber meine Tragemöglichkeiten sind begrenzt und ich konnte daher nur das mitnehmen, was ich hierher mitgenommen habe.."

Und allein dies hier schon, muss schon eine ziemliche Plackerei gewesen sein. Erst recht, als ich darüber nachdachte wie weit und unwegsam der Weg zu dieser Höhle war.

"..Mallen wäre selber gerne mitgekommen, aber das wäre viel zu gefährlich für sie und dann auch für mich und letztlich auf für dich gewesen. Außerdem wird sie immer noch ständig von ihrem Vater und seinen Bediensteten überwacht. Aber ich habe inzwischen auch gehört, dass sie schon bald wieder zur Schule gehen soll."

"Hat Mallen schon gesagt wie sie mit den Lügen ihres Vaters umgeht?" Wollte ich nun wissen.

"Mallen hasst ihren Vater für die Lügen und für das was er dir damit angetan hat. Aber auf der anderen Seite reicht ihr Hass auch wohl nicht dazu aus, dem zu widersprechen was ihr Vater an ihrer statt ausgesagt hat. Sie würde ihn damit gefährlich hintergehen und riskieren, dass ihr eigener Vater des Meineides angeklagt und womöglich zu Tode verurteilt werden könnte."

Zu gönnen wäre es ihm ja, dachte ich nur. aber ich konnte Mallens Haltung aber noch gerade respektieren. Wie ich wusste, hatte sie ihren Vater bisher immer geliebt und sie hatte sonst ja auch niemanden außer ihm.

 

"Und wie kommst du wieder zurück nach Kaven?"

"Naja, eigentlich so, wie ich gekommen bin."

Dann schien er kurz über etwas nachzudenken.

"Es gibt einen geheimen Tunnel." sagte er schließlich, "Kennst du den Brunnen, bei der alten Kirche, der kein Wasser mehr enthält und vertrocknet ist..?".

Ich nickte, denn es gab mal eine Zeit, da war ich in dieser teils zusammengefallenen alten Kirche häufig auch herum geklettert.

"In dem Brunnen gibt es eine Leiter. Und wenn man diese Leiter dann hinabsteigt, gibt es an der Seite, wo es auch etwas tiefer hineingeht, eine alte Kiste. Hinter der Kiste befindet sich ein kleines Loch, der schließlich zu dem Tunnel führt, wo man dann zum Teil auch nur kriechend hindurch kommt. Dieser Tunnel jedenfalls, führt zur Außengrenze und rund fünfzig Schritt weiter sogar außerhalb der Außenmauern von Kaven in die Wildnis."

"Woher weißt du denn von diesem Tunnel?" fragte ich jetzt.

"Den Tunnel hat mir mein Vater gezeigt. Mein Vater hatte diesen Tunnel früher einmal durch Zufall entdeckt. Damals führte der Tunnel jedoch nur bis kurz vor der Außenmauer. Er hat ihn dann weiter unter der Mauer bis zum Ausgang in die Wildnis ausgebaut. Damals hatte er einen guten Freund, der ebenfalls aus Kaven verbannt, aber nicht zum Teufel gejagt wurde, damit geholfen in der Wildnis zu überleben. Genauso wie ich dir jetzt helfe..".

"Und wo endet dieser Tunnel?" fragte ich nun interessiert.

"Wenn du von der alten Kirche südöstlich geradeaus über die Mauer fünfzig Schritt in die Wildnis gehst, dann ist dort ein Abhang von gut zwei Schritt Höhe und in diesem Abhang befindet sich der Eingang. Der Eingang ist übrigens durch mehrere große Steine versperrt, die man vorher beiseite räumen muss. Sobald man diese Steine beiseite geräumt und sich auf die andere Seite begeben hat, sollte man den Eingang auch wieder mit diesen Steinen versperren und somit den Eingang auch gleichzeitig wieder tarnen."

"Wer weiß noch von diesem Tunnel?"

"Soweit ich weiß, meine Eltern, Mallen, ich und nun auch du. Der Freund meines Vaters wusste natürlich auch noch davon. Er lebt aber nicht mehr."

"Mallen, weiß es auch?" fragte ich nun.

"Ja, ... sie hat mir die gleiche Frage gestellt wie du..."

Jake stand nun auf.

"Rota, ich muss langsam wieder zurück. Ich werde versuchen in vielleicht zwei oder drei Wochen wieder zu kommen, um vielleicht auch zu sehen, wie du so zurechtkommst.."

Ich nickte und stand mit viel Mühe und Schmerzen ebenfalls auf. Aber es ging und meine Nase hatte auch aufgehört zu bluten. "Danke nochmal für alles was du für mich getan hast..! Aber.., Jake.., ich muss dir noch eine Frage stellen.."

"Okay, was willst du wissen?" fragte Jake interessiert.

"Warum? Warum tust du das alles für mich? Ich meine, wir kennen uns kaum."

Jake hielt einwenig die Luft an, ehe er schließlich dann sagte: "Ich glaube dir und Mallen! Du bist zu Unrecht verurteilt worden.. und wenn ich die Möglichkeit habe zu helfen, dann helfe ich eben. Aber, das ist nicht der wahre Grund und ich will ehrlich sein." Er zögerte etwas und seufzte dann.

"Ach was soll’s.., ich tue das hauptsächlich wegen Mallen. Mallen ist irgendwie anders.., etwas ganz Besonderes für mich und ich.., ähh.., ich mag sie halt und wenn ich ihr damit irgendwie helfen kann, dann tue ich das auch.."

Also doch.., etwas anderes hätte mich letztendlich auch sehr gewundert.

"..Aber ich glaube, da bin ich nicht der Einzige der so über Mallen denkt.., oder?" fragte er und schaute mich dabei wieder an.

Mir war diese Frage unangenehm. Mallen und ich? Für mich immer noch ein irgendwie unvorstellbarer Gedanke. Trotzdem nickte ich Jake zu.

"Kann schon sein.." sagte ich dann auch nur kurz und knapp und hoffte das Thema damit auch zu beenden.

Jake kam nun auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter.

"Rota, ich weiß, dass Mallen dich mag und du ihr wohl auch sehr am Herzen liegst. Ich werde trotzdem um sie kämpfen. Aber eins kann ich dir versprechen, sollte sie sich letztlich für dich entscheiden, werde ich ihre Entscheidung akzeptieren."

Ich war beeindruckt und mir war mittlerweile von seiner ganzen Aufrichtigkeit und seine Hilfsbereitschaft auch schon ganz schwindelig.

"Jake, und ich werde Mallens Entscheidungen immer respektieren, dass verspreche ich dir." antwortete ich nun darauf und war gleichzeitig von mir selbst beeindruckt, dass ich so etwas gesagt hatte.

Wir gaben uns schließlich die Hand, wobei er meine nochmal nachdrücklich fest drückte. "Halte durch... ja...? Es wird nicht einfach hier für dich werden. Aber, wenn einer das schaffen kann, dann denke ich, dann bist du das."

Ich nickte ihm zu und bedankte mich nochmal. Er stand schließlich auf und ging wieder zurück nach Kaven.

 

Wildnis

 

Am nächsten Tag wachte ich früh auf. Es war kalt und feucht in der Höhle. Dank der nun vier Decken, die mir nun zur Verfügung standen, konnte ich die Nacht jedoch einigermaßen warm und gut schlafen. Aber mein ganzer Körper schmerzte und war aufgrund der gestrigen Wanderung und des harten unebenen Bodens in der Höhle total verspannt. Mir graute davor aufstehen und ich wäre am liebsten liegen geblieben. Da ich jedoch fürchtete, dann später gar nicht mehr aufstehen zu können, überwand ich meinen inneren Schweinehund und stand letztlich doch auf. Meine Verletzungen schmerzten immer noch höllisch und jede Bewegung die ich machte tat mir weh.

 

Da nun sowohl durch den Eingang, als auch durch einen Spalt in der Decke der Höhle Licht herein fiel, sah ich mir nun die Höhle erstmal genauer an. Die Höhle, so stellte ich fest, war eigentlich ideal für mich. Räumlich hat die Höhle die Form eines umgekehrten Trichters. Sie ist von allen Seiten windgeschützt. An der Höhlendecke gibt es auf der rechten Seite einen Spalt, der sich bis zum Eingang der Höhle erstreckt. Durch diesen Spalt kommt durch verschiedene Wege und Kanäle Regenwasser herein, sammelt sich in einer Wasserlache und läuft dann weiter zur rechten Seite der Höhle ab, wo es schließlich in einer felsigen Undurchdringlichkeit abfließt. Dadurch, dass die Höhle nach oben offen ist, dürfte es wohl auch möglich sein, in der Höhle Feuer zu machen, da der Rauch nach oben abziehen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich nicht weit laufen muss, um mir Trinkwasser zu holen. Die Höhle ist klein, aber groß genug, um als einzelne Person hier einigermaßen komfortabel leben zu können. Die Höhle wird mich vor Regen, Wind, gefährlichen Tieren und vielleicht auch vor anderen ungebetenen Gästen schützen. Eine echte Bereicherung, die mich wieder etwas hoffnungsvoller stimmte.

Ich raffte mich schließlich auf und aß noch etwas vom Schinken und kostete auch noch ein wenig von der Marmelade, die Jake gestern mitgebracht hat. Die Marmelade hätte ich am liebsten ganz aufgegessen.., konnte mich aber gerade noch beherrschen. Nach dieser kleinen Mahlzeit beschloss ich mich etwas zu bewegen. Ich nahm mir vor erstmal Feuerholz zu sammeln, um es dann zum Trocknen in die Höhle zu legen. Ich hoffte, dass es mir vielleicht sogar am Abend gelingt ein kleines Feuer zu machen, um mir dann auch einen warmen Kräutertee machen zu können. Weiter beschloss ich mir auch noch einen bequemen Schlafplatz für die nächsten Nächte herzurichten.

 

Nach gut zwei Stunden hatte ich genügend Feuerholz gesammelt und in meine Höhle abgelegt. Meinen Schlafplatz verlegte ich weiter in die Höhle hinein, dort wo es eine relativ ebene Fläche gibt. Aus mehreren dicken Ästen konstruierte ich den Rahmen für die Liegefläche und füllte die erste Schicht mit vielen dünnen Zweigen, die ich engmaschig kreuz und quer auf diese Fläche verteilte. Darüber legte ich dann Heu und Gras, welches hier auf dieser Gebirgsebene in Hülle und Fülle gab. Anschließend legte ich darüber eine der Decken. Das Ergebnis war für mich so einladend und so bequem gewesen, dass ich mich gleich für mehr als eine Stunde in meinem neuen „Bett“ zur Probe hinlegte und ich freute mich schon auf die erste Nacht in meinem neuen bequemen Bett.

 

Trotz dieser Freude fiel ich jedoch schnell wieder in eine gedrückte Stimmung. Ich war es zwar gewohnt immer viel allein zu sein, aber so alleine wie ich mich hier jetzt fühlte, war es dann doch noch um einiges deprimierender. Unweigerlich musste ich an die Zeit denken, wo Mallen und ich immer wieder Verbesserungen am Baumhaus vorgenommen hatten und wir häufig mit Zisko den Wald durchstreiften. Ich vermisste Mallens Lachen und ihre verrückte Ideen, die sie immer hatte. Ich vermisste selbst die Schule und mein Zuhause bei meinem Onkel. Mir fehlte nun tatsächlich mein altes, vermeintlich verhasstes Leben. Sogar Jadens ständige Schikane fehlte mir. Ich fühlte mich irgendwie.. verloren und ohne jeglichen Halt.

 

Onkel Jaron pflegte immer zu sagen: Ordnung ist das erste Gesetz des Himmels und wer Ordnung hält, verliert sich auch nicht. Onkel Jaron war für mich nie ein Vorbild gewesen, aber er hatte sein Leben im Griff. Familie, Beruf, Hobby, Ratsmitgliedschaft alles erforderte seine Zeit und seine Aufmerksamkeit. Onkel Jaron managte dies immer nahezu perfekt. Zielsetzung, Struktur, klare Regeln und Prinzipien waren ihm dabei nützliche Helfer. Vielleicht brauche ich hier auch nur Struktur und Ordnung, um wieder Halt zu finden. Noch besser ist es vielleicht, meinem Leben hier auch einen Sinn zu geben. Eine wichtige Frage, die ich für mich hier beantworten sollte, wäre was ich hier überhaupt erreichen will und kann?  Wichtig für das Leben in der Wildnis ist auch die Fähigkeit sich selbst versorgen zu können. Jake hatte mir gestern einen Langbogen mit Köcher und Pfeile mitgebracht. Mit dieser Waffe besaß ich nun die Möglichkeit hier in der Wildnis zu überleben. Die Möglichkeit, ja, aber nicht die Fähigkeit. Diese Fähigkeit musste ich mir erst antrainieren. Ich nahm mir daher vor, jeden Tag mindestens drei Stunden mit diesem Langbogen lernen umzugehen und Schießübungen zu machen. Weitere alltägliche Aufgaben waren Holz zu sammeln, die Gegend zu erkunden und mich um Nahrung zu kümmern. Ich stand schließlich auf und nahm den Bogen und die Pfeile und suchte mir einen guten Platz für die Schießübungen.

 

Das Bogenschießen machte mir Spaß und ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz immer besser zu werden. Ich musste aber schnell feststellen, dass es schwieriger war, als ich dachte. Ich versuchte anfangs ein Bündel Sträucher mit einem Abstand von etwa dreißig Schritten Entfernung zu treffen. Verkürzte den Abstand jedoch schnell auf nur fünf Schritten. Erst als ich mit einer gewissen Sicherheit das Ziel immer wieder traf, erhöhte ich den Abstand um einen weiteren Schritt. Am Ende meiner ersten Trainingseinheit traf ich zuverlässig mein Ziel auf gut acht Schritt Entfernung. Mein Arm schmerzte, aber ich fühlte mich ermutigt und freute mich schon auf den nächsten Tag meiner Schießübungen.

 

Wie ich es geplant hatte, machte ich danach noch eine Wanderung, um die Gegend hier näher zu erkunden. Zur Sicherheit nahm ich mein Messer und meine neue Waffe, den Bogen und den Köcher mit Pfeilen mit. Dazu schnürte ich mir auch noch den Sack auf den Rücken um gegebenenfalls etwas Brauchbares, wie trockenes Feuerholz oder Gestrüpp, was ich unterwegs finden könnte mitzunehmen.

 

Das Wetter war angenehm. Es war zwar bewölkt, aber trocken und auch nicht sonderlich kalt. Meine Schmerzen am Fuß behinderten mich beim Gehen zwar immer noch, aber ich hatte das Gefühl, dass es langsam besser wurde. Auf meiner Wanderung fiel mir auf, dass die Gegend hier sehr abwechslungsreich ist. Wälder, Wiesen aber auch karge Gebirgslandschaften wechseln sich ständig ab. Es gab viele Tiere zu sehen und zu hören. Zu hören waren vor allem Sing- und Raubvögel. Ich entdeckte Bergziegen, Rehe, Hasen und schließlich eine für mich unbekannte relativ große Schlange. Und weil diese Schlange so greifbar nahe war, entschied ich mich diese zu töten und mit in die Höhle zu nehmen, um sie dann heute abend noch am Feuer zu essen. Ich hatte zwar noch nie Schlange gegessen und wusste auch nicht, wie man eine Schlange überhaupt zubereitet, aber das waren Dinge die ich hier lernen und tun musste um zu überleben. Mich widerstrebte es diese Schlange zu töten und sie danach auch noch zu schlachten. Ich hatte soetwas auch noch nie getan und nie machen müssen. Aber wenn man etwas tun muss, was man nicht gerne macht und tut, dann sollte man es am besten gleich tun.

Ich suchte mir daher schnell einen Stock der sich am Ende gabelte. Es dauerte auch nicht lange, dann hatte ich einen gefunden und ich schnitt ihn mit meinem Messer zurecht. Mit der gegabelten Seite des Stocks näherte ich mich dann wieder der Schlange, die sich erfreulicherweise noch immer dort befand. Als ich mich nah genug der Schlange genähert hatte, streckte ich meinen Stock mit der gegabelten Seite der Schlange entgegen. Die Schlange fauchte und schlängelte sich meinem Stock bedrohlich entgegen. Als ihr Kopf dann die Gabel meines Stocks zu nahe gekommen war, sah ich die Chance und stieß zu. Die Schlange wich jedoch mit ihrem Kopf sehr schnell zurück. Ich stieß jedoch ebenfalls schnell nach und drückte schließlich doch noch den Kopf der Schlange zu Boden. Ich zog schnell mein Messer und schnitt der Schlange damit sofort den Kopf ab. Damit hatte ich nun mein erstes Tier in der Wildnis getötet! Danach schlitzte ich noch der Schlange den Leib auf, um die Innereien aus der Schlange zu entfernen. Nachdem ich das getan hatte, beschloss ich wieder zur Höhle zurückzukehren. Für heute hatte ich auch schon viel erreicht und mit diesem erfolgreichen Jagdergebnis mehr als zufrieden.

 

Als ich dann später wieder in der Höhle war, enthäutete ich die Schlange und schnitt das Fleisch in mehrere kleine Stücke. Nun war die Zeit gekommen um mein erstes Feuer hier zu entfachen. Ich hatte schon befürchtet, dass es nicht einfach sein würde ohne Feuerwolle ein Feuer zu machen, aber dass ich so lange brauchen würde, hatte ich mir auch nicht vorstellen können. Erst sehr spät in der Nacht gelang es mir mit dem Feuerstein in dem trockenen Heu, so einen Feuerfunken zu schlagen, dass das Heu endlich Feuer fing und ich dann durch Zugabe von dünnem Trockenholz ein richtiges Feuer zu entfachen. Als das Feuer sicher brannte, widmete ich mich wieder dem Fleisch der Schlange zu. Ich hatte einen riesigen Hunger und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich streute noch ein wenig Salz auf das Fleisch und hielt es dann mit einem Stock ans Feuer. Das Fleisch der Schlange schmeckte mir zwar nicht sonderlich, aber es war besser als ich erwartet hatte. Auch war ich natürlich stolz, dass ich es selbst war der dieses Tier getötet und so zubereit hat, dass es meinen Hunger stillte. Bevor ich zu Bett ging,  machte ich mir in dem Topf noch einen Kräutertee. Während ich den Kräutertee trank, dachte ich über meinen ersten Tag hier in meinem neuen Zuhause nach.

 

Ich habe hier eine echte Überlebenschance und ich konnte mir nun gut vorstellen über einen längeren Zeitraum hier zu leben. Aber für immer hier, alleine, leben? Nein.., das wollte ich dann doch nicht. Was also möchte ich hier für mich erst mal erreichen? Zum einen, möchte ich erstmal, dass meine Verletzungen wieder verheilen und dass ich wieder gesund werde. Ob ich will oder nicht, ich muss auch lernen hier in der Wildnis zu überleben. Jedenfalls habe ich hier alles um für eine gewisse Zeit überleben zu können. Weiter kann ich auch die Zeit dazu nutzen um festzustellen wo und wie die Ausgestoßenen hier leben und ob ich mich ihnen vielleicht anschließen kann oder ich mich vor ihnen in Acht nehmen muss. Und insbesondere will ich meine Versprechen einhalten. Ich habe mir und besonders Jaden versprochen ihn für seine Taten noch büßen zu lassen. Dieses Versprechen wollte ich unbedingt einhalten. Und als ich darüber nachdachte, fiel mir der geheime Tunnel, von dem Jake erzählte, ein. Dieser Tunnel könnte mir bei der Einlösung dieses Versprechens jedenfalls noch ganz nützlich sein.

 

In den nächsten Tagen passierte nicht viel. Ich gewöhnte mich langsam an meinem neuen Zuhause. Ich machte jeden Tag, wie ich es mir vorgenommen hatte, meine Schießübungen mit dem Bogen. Hierbei machte ich auch gute Fortschritte. Ich traf mittlerweile nun sogar auf fünfzehn Schritt Entfernung ziemlich sicher das Ziel. Ich kümmerte mich um Brennholz, machte jeden Tag einen Ausflug um die Gegend weiter zu erkunden und um etwas Essbares wie Beeren, essbare Wildpflanzen und Kräuter zu finden, und natürlich um zu jagen. Meine Erfolgsquote war jedoch noch ziemlich bescheiden. Einen nicht mehr ganz so gesunden alten Hasen konnte ich bisher nur erledigen. Ich war aber zuversichtlich, dass ich mich hier noch steigern konnte. Tiere, die für mich gefährlich werden konnten, hatten sich mir bisher nicht gezeigt. Ich hatte wohl Bären und Wölfe gesehen, aber die schienen jedenfalls kein Interesse an mir zu haben und ließen mich bisher auch immer in Ruhe. Meine Verletzungen, insbesondere mein Fuß, hatten sich nicht entzündet und heilten sehr gut und schnell. Mittlerweile war ich auch schon fast schmerzfrei und konnte mich wieder normal bewegen. Meine Höhle verbesserte ich unentwegt. Das Feuermachen gelang mir mit jedem Tag besser und ich bekam den Dreh hierfür langsam raus. Jedoch fühlte ich mich einsam und ich sehnte mich nach etwas Geselligkeit. Jake sagte er würde so in zwei oder drei Wochen wieder kommen wollen. Mir fiel es mittlerweile schwer die Tage hier festzuhalten und so entschied ich mich für jeden vergangenen Tag einen Strich mit einem Stein an die Höhlenwand zu kratzen. Demnach dürfte es vielleicht nur noch eine Woche dauern, bis Jake wieder kommt. Da es mir nun auch wieder etwas besser ging, könnte ich vielleicht auch mal wieder nach Kaven gehen und mich mit Mallen treffen. Natürlich dann nur nachts, wenn die meisten in Kaven noch schliefen.

Warum eigentlich nicht? Man kann es ja zu mindestens auf einen Versuch ankommen lassen. Aber vorher sollte ich besser nochmal mit Jake darüber sprechen. Er könnte dies dann ja mit Mallen vorher besprechen, wo und wann man sich dann treffen könnte.

 

Zuvor hatte ich aber jedoch noch meine erste Begegnung mit den Ausgestoßenen hier in der Wildnis.

 

Erster Kontakt

 

Es war später Nachmittag und ich war gerade wieder auf dem Weg zur Höhle. An diesem Nachmittag hatte ich lediglich ein paar Beeren gefunden, da ich aber noch etwas von Jakes Schinken übrig hatte, musste ich zu mindestens heute noch nicht hungern. Als ich gerade darüber nachdachte, dass ich morgen unbedingt wieder Beute machen muss, hörte ich in der Ferne plötzlich Stimmen. Ich warf mich sofort zu Boden. Mein Herz fing wie wild an zu schlagen. Das waren Menschenstimmen. Ich kroch schnell hinter einem größeren Felsen und versuchte die Stimmen ausfindig zu machen. Dann sah ich sie schließlich. Soweit ich erkennen konnte handelte es sich um drei Personen. Nach genauerem Hinsehen war es ein dürrer älterer Mann mit langen, weißen Haaren und einem zotteligen langen Bart. Dieser alte Mann führte ein kleines Kind an der Leine und sie stiegen gerade behäbig einen Hügel hoch. Die Leine war, so konnte ich nun erkennen, um den Hals des Kindes geschnürt. Und hinter dem kleinen Kind lief ein großer schlaksiger Mann mit schütteren langen Haaren hinterher. Dieser Mann schien auf jeden Fall jünger zu sein als der andere. Bewaffnet mit einem Knüppel in der Hand, schien er darauf aufzupassen, dass das Kind wohl nicht flüchten konnte. Alle drei machten jedenfalls einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Die beiden Männer waren in ziemlich zerschlissenen Lumpen gekleidet. Das Kind trug lediglich ein Fell von irgendeinem Tier, das ihr wie ein Poncho und mit einem Lederband um den Leib geschnürt war.

 

Ich frage mich, was diese beiden Männer vor haben, wohin sie hingehen wollen und warum sie ein kleines Kind wie eine Gefangene an der Leine herum führen? Ich war neugierig und wollte diese Fragen nachgehen und ich entschied mich daher ihnen mit einem gewissen Abstand zu folgen.

 

Als ich mich ihnen dann ab und an  genähert hatte, erkannte ich, dass es sich bei dem Kind wohl um ein etwa sechsjähriges oder etwas älteres Mädchen handelte. Das Mädchen sah irgendwie fremdartig aus. Ihre Haut war dunkel und ihr kohlenrabenschwarzes glattes Haar war zu einem ungewöhnlichen Zopf geflochten. Das Mädchen sah zäh und irgendwie abgehärtet aus. Auch wirkte sie, wenn man ihre scheinbar missliche Lage bedachte, ungewöhnlich ruhig. Sie wurde des Öfteren immer wieder von dem Jüngeren geschupst, beschimpft und dazu angehalten schneller zu gehen. Und der Ältere ließ auch keine Zweifel daran, dass dieses kleine Mädchen ihre Gefangene war. Er zerrte ständig und unbarmherzig an der Leine, wenn sie kurz mal nicht Schritt halten konnte. Warum halten diese beiden Männer ein kleines Mädchen als Gefangene? Was haben sie mit ihr vor? Mir tat die Kleine jedenfalls immer mehr Leid und auf der anderen Seite bewunderte ich sie gleichzeitig für ihre Tapferkeit, diese Tortur ohne Jammern und Gezeter über sich ergehen zu lassen. Ich haderte mit mir ob ich eingreifen und dieses Mädchen helfen sollte oder es vielleicht auch besser wäre abzuwarten und sie weiter zu verfolgen um dann mehr zu erfahren. Beispielsweise, wohin sie gehen und was sie letztendlich mit dem Mädchen und überhaupt vorhatten.

 

Ich entschied mich für Letzteres und wollte sie weiter beobachten und mehr erfahren. Helfen konnte ich vielleicht dann ja immer noch. Ich hielt mich dann immer gut auf zweihundert Schritt entfernt um meine Anwesenheit so gut es geht vor diesen Ausgestoßenen zu verbergen.  Irgendwann erreichten die drei eine Waldgrenze und da es langsam dunkel wurde fürchtete ich nun, dass ich sie aus den Augen verlieren könnte. Als ich mich gerade aufmachen wollte um näher an sie heran zu kommen, sah ich gerade noch rechtzeitig, dass sie Halt gemacht hatten und der Jüngere von den beiden anfing Feuerholz zu sammeln. Ich tauchte sofort wieder hinter mein Versteck. Es schien so, dass sie sich entschieden hatten Rast zu machen oder vielleicht sogar an diesen Platz übernachten zu wollen.

 

Ich suchte mir einen besseren Platz um diese drei aus sicherer Entfernung weiter beobachten zu können und nebenbei auch entspannter liegen zu können. Mir wurde langsam kalt. Ich hatte zwar eine Decke dabei, die ich mir morgens noch zu einer Wurst zusammengerollt und um meinen Körper gelegt hatte. Da ich aber fürchtete von dem Jüngeren beispielsweise beim Holzsammeln entdeckt zu werden, entschied ich mich aber noch dagegen meine Decke zu nehmen. Dann plötzlich fing das Mädchen lauthals zu flehen und zu weinen an. Dann sah ich, dass der jüngere der beiden Männer auf einmal mit dem Knüppel auf das Mädchen zu ging. In der anderen Hand hielt er ein großes Messer. Was hatte er vor? Er will doch nicht.. Dann schlug er mit dem Knüppel auf das Mädchen ein. Ich konnte nun nicht mehr an mir halten, sprang auf und schrie: "Halt! Sofort aufhören!!" Ich riss mir meinen Bogen vom Rücken und legte ein Pfeil an die Sehne und rannte dann auf sie zu. Die beiden Männer wirkten erschrocken und glotzten mich nun mit offenem Mund an. Der Jüngere löste sich jedoch schnell aus seiner Starre und griff nun seinerseits an und lief jetzt direkt auf mich zu. Ich fing, wie ich es sonst auch schon erfolgreich getan hatte, wieder an zu schreien und spannte dabei meinen Bogen. Nun sah der Jüngere mit seinem Knüppel meinen Bogen und dann starrte er mich an. Er hielt an und schien nun irgendwie verwirrt. Wir waren nur noch zwanzig Schritte voneinander entfernt. Ich wusste nicht ob er nur in diesem Moment schwachsinnig wirkte oder er es vielleicht auch war. Er bewegte sich immer noch nicht und war inzwischen ein leichtes Ziel für mich. Ich spannte den Bogen, zielte und ließ die Sehne los. Der Pfeil schoss direkt auf diesen Idioten zu und traf ihn mitten in die Brust. Ich zog nun mein Messer aus der Scheide und rannte weiter auf ihn zu. Der Mann guckte immer noch völlig verwirrt, so als ob er es immer noch nicht glauben konnte, was sich hier gerade abspielte. Ich stach ihm schließlich, ohne viel Gegenwehr, mit dem Messer direkt in sein Herz und rannte dann, ohne weiter auf ihn zu achten, geradewegs auf den anderen, den alten Mann zu.

 

Der alte Mann war jedoch bereits bei dem Mädchen und hielt ein abgewetztes Messer an ihrem Hals und schaute mich mit einem schmierigen und fast zahnlosem Grinsen an.

"Da hol mich doch der Teufel! Gott hämmere mich.. Oder bist du sogar der Teufel persönlich?" Er tippte nun auf dem Kopf des Mädchens. "Willst dieses Ding, dieses krasianische Balg wohl für dich selbst haben, was..? Ist es das was du willst? Ja? Willst es anscheinend lebendig haben.., hm? Oder was soll das hier werden?"

Das Mädchen war also eine Krasianerin. Das erklärte Einiges. Mein Blick fiel das auf das Mädchen. Sie schaute mich mit schmerzverzerrtem und ängstlichem Gesicht an. Krasianer hatte ich mir immer als bedrohliche, gefährliche und grobschlächtige Menschen vorgestellt. Sie entsprach dieser Vorstellung jedoch in keinster Weise. Der alte Mann zeigte mir nun ein noch breiteres Grinsen und winkte mir mit seinem Finger, dass ich ruhig noch näher kommen soll.. "Komm nur.., Satan.., noch ein Schritt näher und ich werde dir zeigen, was ich aus diesem Stück Fleisch so alles an Blut herausholen kann. Hm? Hast du mich verstanden?" krächzte er.

 

"Was hattet ihr mit ihr vor?" fragte ich mehr aus Hilflosigkeit, als das ich es wirklich wissen wollte.

"Was kümmert dich, was wir mit diesem Balg vorhatten? Wir sind Menschen und wir haben Hunger! Die töten und essen und wir müssen ebenfalls töten um zu überleben.. Was ist daran falsch?"

Das Mädchen war noch bei Bewusstsein, aber es blutete stark. Dann plötzlich drehte sie sich jedoch blitzartig unter dem Messer und rollte sich zur Seite weg. Der alte Mann wollte sie noch festhalten, aber das war nun zu spät für ihn. Ich stürmte auf ihn los und rammte ihm, bevor er mich mit seinem Messer gefährlich werden konnte, mein Messer direkt in seinem Hals. Er würgte und schaute mich dabei noch entsetzt an. Ich zog das Messer heraus und stieß es ihm nun in seine rechte Schläfe. Sein ganzer Körper zuckte dabei nochmal wild auf, aber dann war's vorbei. Er kippte zur Seite weg und bewegte sich auch nicht mehr.

 

Dai

 

Ich entfernte mich nun auf ein paar Schritte und musste erst mal verdauen was hier soeben alles passiert ist. Das Mädchen schaute mich zwar völlig verblüfft aber immer noch ängstlich an. Zittrig wie ich war hob ich beide Hände um ihr zu signalisieren, dass sie keine Angst vor mir zu haben brauchte.

"Keine Angst! Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Ich tu dir nichts. Keiner wird dir hier mehr was tun.. Okay? Alles.., in Ordnung..!" versuchte ich sie zu beruhigen und setzte mich erschöpft auf dem Boden. Ich schaute sie an und erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir anscheinend glaubte. Was nun? War ich nun für sie verantwortlich? Werde ich sie mitnehmen müssen?

"Verstehst du mich? Verstehst du meine Sprache?" fragte ich nun. Das Mädchen schüttelte den Kopf und ihr liefen nun still ein paar Tränen übers Gesicht. Obwohl Weinen für mich immer als ein Zeichen von Schwäche ist, wirkte sie in diesem Moment nicht schwach, vielmehr strahlte sie durch diese Tränen auch irgendwie eine innere Stärke und Tapferkeit aus.

 

Ich stand nun wieder auf und ging langsam auf das Mädchen zu und hockte mich schließlich kurz vor ihr hin. Ich zeigte auf ihren verletzten Kopf und gab ihr zu verstehen, dass ich mir das gerne näher anschauen würde. Sie schreckte jedoch zurück und ich hatte schon Angst, dass sie schon weglaufen wollte. Sie blieb aber und schien nun meine Absicht zu verstehen. Sie nickte mir nun zu, schloss ihre Augen und hielt mir ihren verletzten Kopf hin. Ihre Kopfverletzung sah übel aus und blutete immer noch, aber, soweit ich erkennen konnte, schien es letztlich nur eine Platzwunde zu sein und kein Bruch an der Schädeldecke.

"Es sieht schlimmer aus, als es ist.." sagte ich nur. Sie mag vielleicht meine Sprache nicht verstehen, jedoch erkannte sie wohl an meinem Gesichtsausdruck und an meinem Tonfall, dass die Verletzung nicht so schlimm war. Sie hörte nun auf zu weinen und schaute mir jetzt direkt in die Augen. Da es für mich eher ungewöhnlich war und auch etwas unangenehm, dass man mir so in die Augen schaute, hielt ich ihren Blickkontakt nicht lange stand und wendete mein Blick von ihr ab. Als ich sie kurze Zeit später dann doch wieder anschaute, lächelte das Mädchen. Diesem Lächeln konnte ich nicht widerstehen und musste nun ebenfalls etwas lächeln. Dann plötzlich stand sie auf und umarmte mich und sagte immer wieder.. "biädo, biädo..."

Was auch immer "biädo" heißen mochte, meine Augen füllten sich entgegen meinem Willen nun auch noch mit Tränen. Für mich war diese Umarmung ja etwas völlig Neues und Fremdes, womit ich Probleme hatte erstmal umzugehen. Trotzdem ließ ich sie gewähren, da es mir andererseits auch irgendwie gefiel und mein Herz rührte. Dann aber löste ich mich nach kurzer Zeit aber von ihr.

"Wir werden hier nicht bleiben!" Schon allein das Wort "wir" kam mir irgendwie unwirklich vor. Daran werde ich mich vielleicht wohl erst noch gewöhnen müssen. Ich stand auf und zeigte auf die beiden Toten und schüttelte mit dem Kopf, als ich eine Geste des Schlafens machte. Dann zeigte ich in die Richtung wo sich meine Höhle befand.

"Wir suchen uns ein anderen Schlafplatz.., ja?"

Sie nickte, stand nun ebenfalls auf und ging zu dem toten alten Mann. Was will sie? Fragte ich mich.

"Is hura ahau ki a koe!" schimpfte sie, spuckte auf den Toten und nahm sich, wie selbstverständlich, seiner Habseligkeiten an. Was einem angeboten wird, soll man auch annehmen, wird im gesagt, besonders dann, wenn man es für sein Leben benötigt. Ich ging nun ebenfalls zu den anderen Toten und holte mir meinen Pfeil wieder. Dabei nahm ich ihm auch noch sein Messer, ein Seil, seine Hose und seinen kaputten Mantel ab. Außerdem nahmen wir ihre Schlaffelle, ihre Feuersteine, Wasserschläuche und ihre Trinkgefäße mit. Etwas Essbares hatten sie leider nicht dabei gehabt. Obwohl..? Nein!

 

Es war mittlerweile auch schon langsam dunkel geworden. Ich nickte ihr zu und wir machten uns schließlich auf, um einen anderen Schlaflatz zu finden. Nachdem wir dann ein paar Schritte gelaufen waren, fiel mir ein, dass ich noch gar nicht wusste wie mein Schützling nun eigentlich hieß.

"Wie heißt du?" fragte ich schließlich.

Das Mädchen schaute mich fragend an. Ich tippte mit meinem Zeigefinger auf mich und sagte: "Rota! Mein Name ist Rota!" Dann zeigte ich auf sie. "Dein Name?"

Sie schaute noch kurz etwas verwirrt. Aber dann konnte ich Verständnis in ihrem Gesicht erkennen. Sie zeigte nun ihrerseits mit ihrem Finger auf sich und sagte: "mat tomine... Dai! ..Dai!"

Ich runzelte die Stirn. "Dein Name ist Dai..? Dai?"

Sie lächelte, nickte und zeigte mit ihrem Finger auf mich und dann auf sich und sagte: "to tomine Rota ... mat tomine .. Dai!"

Wie niedlich das klang, wenn sie sprach.. dachte ich nur. Es wird mir vermutlich nicht schwer fallen dieses Mädchen zu mögen. "Ich glaube wir werden uns gut verstehen, Dai! Was meinst du?"

Sie lächelte und schaute mir dabei wieder so eindringlich in die Augen. Ich erwiderte ihr Lächeln und verspürte zum ersten Mal in dieser Wildnis so etwas wie Glück.

 

Nach gut einer Stunde fanden wir schließlich einen geeigneten Platz zum Schlafen. Wir aßen noch die Beeren auf, die ich am Nachmittag noch gefunden hatte und machten dann unsere Schlafplätze für die bevorstehende Nacht fertig. Es gab noch so vieles zwischen uns zu bereden und was wir voneinander wissen wollten. Ich spürte, dass sie gerne gewusst hätte wohin wir gehen. Was sie dann dort zu erwarten hatte? Wer ich war..? Und umgekehrt hätte ich gerne gewusst, ob sie noch Familie hatte und wie es dazu kam, dass sie von diesen beiden Ausgestoßenen gefangen genommen wurde. Aber wir waren beide zu müde und erschöpft um noch krampfhaft uns zu unterhalten. Kein Feuer, kaum Worte, nur Gesten und Dunkelheit. Dai hatte ihr Schlafplatz wie selbstverständlich ganz neben meinem gemacht. Ich hatte nichts dagegen und eigentlich war es mir sogar ganz recht, denn die Nacht war kalt, aber trocken. Als wir dann beide unter den Schlaffellen lagen, wünschte ich ihr noch eine gute Nacht. Sie sagte dann leise sowas wie "hon zoone".

Ich wiederholte dann was sie sagte, in der Hoffnung das "hon zoone" sowas wie gute Nacht heißen würde. Sie kicherte und sagte nochmal "hon zoone".

"Genau... hon zoone.. schlaf gut!"

Dann schliefen wir ein.

 

Am nächsten Morgen wachte ich bei Tagesanbruch auf. Dai lag ganz dicht an mich geschmiegt bei mir und schlief noch. Ich mochte kaum aufstehen, da ich sie ungern wecken wollte und es mir einfach auch gefiel, wie sie so eng an mich gekuschelt friedlich schlief. Ich stand aber trotzdem auf und schaute mich etwas um. Wir waren nahe am Fluss und meiner Einschätzung nach, nur noch rund drei Stunden von der Höhle entfernt. Dai wachte nun ebenfalls auf. Sie gähnte und streckte sich. Dann stand sie auf und kam auf mich zugetrottet.

"Guten Morgen, Dai... Gut geschlafen?" Mir war klar, dass sie mich natürlich nicht verstand. Aber das waren die ersten Sätze, an die sie sich schon mal gewöhnen konnte.

Sie guckte mich nun fragend an. "Guden Mogen?" wiederholte sie fragend.

"Gu_t_en Mo_rr_gen... das ist einfach nur so ein... morgendlicher Gruß" sagte ich. Das wird noch ziemlich anstrengend werden, dachte ich, aber.., was soll‘s.., wir haben viel Zeit und eins nach dem anderen und Schritt für Schritt. Ich hatte nun eine Idee und schnappte mir nun einen kleinen Stock.

"Pass auf..." Ich kratzte nun mit dem Stock vier Bilder auf den trocknen Lehmboden. Ein nächtliches Bild mit Mond und Sterne, ein morgendliches Bild, wo die Sonne aufgeht, ein Bild des Tages und ein abendliches Bild, wo die Sonne wieder untergeht. Ich zeigte mit dem Stock auf die einzelnen Objekte der Bilder und benannte sie im Einzelnen.

"Das ist die Sonne... " und wiederholte nochmal deutlicher.. "S_o_n_n_e !" Dabei zeigte ich sowohl auf die gerade erst aufgegangene Sonne, als auch auf meine gemalte Sonne. Dann zeigte ich auf dem Himmel. "Das ist der Himmel.. H_i_m_m_e_l ." Sie verstand es und wiederholte die Wörter auch immer. Anschließend versuchte ich ihr dann auch die einzelnen Bilder und deren Bedeutung zu erklären.

"Das, Dai, ist das morgendliche Bild. Der Morgen!" Ich tat gerade so als würde ich aufstehen, gähnen und mich strecken und sagte dann: "Das ist der gute Morgen!" und zeigte dabei auf das gesamte morgendliche Bild.

Sie schien zu begreifen und wiederholte nachdenklich: "de gute Morgen.."

Als ich ihr schließlich die restlichen Bilder auch noch erklärt hatte, kam mir ein weiterer Gedanke. Ich nahm wieder den Stock und kratzte auf einer noch freien Stelle des Bodens, das Bild meiner Höhle. "Das ist meine Höhle." sagte ich und versuchte ihr mit Gesten zu erklären, dass ich dort wohnte. Weiter zeichnete ich auch noch eine lange geschlängelte Linie zu dieser Höhle, die den Weg darstellen sollte, den wir noch zu gehen hatten und sie und mich als zwei Strichmännchen dargestellt, die sich auf diesem Weg befanden. Auch dies schien sie offensichtlich zu verstehen, da sie mir immer wieder, fast schon etwas übertrieben, zunickte und durch Gesten verständlich machte, dass wir das beide sind und wir diesen Weg zur Höhle gehen werden. Sie betonte dies, indem sie übertriebene Schritte auf der Linie hin zu meiner gezeichneten Höhle machte.

Als sie nun auf der gemahlten Höhle stand, blieb sie stehen und schien etwas zu fragen: "tili okah?" Dann zeigte sie auf mich und auf sich und dann zeigte sie wahllos in andere Richtungen. Da ich nicht antwortete und sie nur fragend anschaute, nahm sie mir den Stock aus der Hand und malte jetzt mehrere Strichmännchen bei der Höhle. "tili okah? pali zinanso?"

Jetzt verstand ich. Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, nein, wir sind alleine dort.." Jetzt nahm ich wieder den Stock und strich bis auf zwei Strichmännchen weg. "..und diese zwei,…" erklärte ich ihr mit Gesten und Worten gleichzeitig, "...sind du und ich. Verstanden?" und zeigte dabei auf sie und dann auf mich.

Sie schien nun beruhigt und nickte mir zu.  "Festandn!" sagte sie und brachte mich mit dem Gesagten zum Erstaunen. Mir wurde klar, dieses Mädchen ist alles andere als dumm. Sie ist wissbegierig, hört mir zu und wendet das Gelernte gleich an. Mein Bild über die Krasianer fing immer mehr an zu bröckeln.

 

Ich wollte nun mehr von ihr erfahren und nahm den Stock wiede in die Hand und kratzte nun ein Bild von einer Familie auf den Boden. Mutter, Vater und Kind. Dann zeigte ich auf das Kind und sagte: "Das bist du ..Dai." Dann zeigte ich auf die Eltern und fragte: "Wo ist deine Mutter? Wo ist dein Vater?"

Dai schaute mich nun traurig an und schüttelte den Kopf.

"ndi moyound!" und wischte mit ihren Händen zwei Strichmännchen, die Eltern wieder weg.

Ich nickte. "Gibt es denn sonst keinen?" Ich kratzte mehrere andere Personen und dann ein Pfeil von dem kleinen Mädchen, also Dai, zu diesen Personen hin.

Sie schüttelte wieder mit dem Kopf "horen... nahin." sagte sie sehr entschieden und wischte den auch wieder Pfeil weg.

Ich stand schließlich auf. "Dann, Dai, sind wir wohl beide allein. Komm! Lass uns gehen."

Wir packten die Sachen und machten uns nun auf den Weg zurück zur Höhle.

 

Als wir den Fluss erreichten, füllten wir die Wasserschläuche auf. Da Dai ziemlich schmutzig war, habe ich sie noch dazu gedrängt sich zu waschen. Dai wollte nicht und zeigte mit ihrem Finger auf mich und rümpfte die Nase und zeigte dann zum Fluss. Damit schien sie wohl anzudeuten, dass ich selbst ein Bad nötig hatte. Damit könnte sie natürlich recht haben, denn ich hatte mich schon lange nicht mehr richtig gewaschen. Ich nickte ihr schließlich zu.

"Okay, dann müssen wir uns beide eben waschen." Ich zog mich aus und nahm auch noch die schmutzigen Sachen mit ins Wasser, die wir den Ausgestoßenen abgenommen hatten. Dai tat es mir gleich. Es war schon so kalt gewesen, aber das Wasser fühlte sich eisig an. Dai zitterte wie Espenlaub und mir ging es nicht anders. Dai fing an zu lachen und ich fand die Situation auch irgendwie zu komisch und musste nun ebenfalls ein wenig lachen. Ich schaffte es aber letztendlich mich und sogar die mitgenommenen Kleider zu waschen. Das Wasser war zwar eisig kalt gewesen, aber wir fühlten uns danach wesentlich frischer und motivierter wieder weiter zu gehen.

 

Nach ein paar weiteren Stunden erreichten wir schließlich meine Höhle. Dai schien von der Höhle begeistert zu sein. "Te ana pai" rief sie fröhlich und freute sich auch wohl auf die erste Nacht hier zu schlafen, denn sie legte sich sofort auf mein Schlafplatz und tat so als ob sie friedlich eingeschlafen war. Als sie sich dann ein wenig beruhigt hatte und wir wieder merkten wie hungrig wir waren, aßen wir noch den restlichen Schinken auf. Das letzte Stück vom Schinken schmeckte ranzig und setzte auch schon an paar Stellen Schimmel an. Dai aß ihn trotzdem ohne zu zögern auf. Ich selbst war in dieser Hinsicht doch etwas verwöhnt und hielt mich zurück, mit dem Ergebnis, dass sie auch meinen Teil des Schinkens mitverzehrte. Danach aßen wir noch etwas von der Marmelade. Dai hätte am liebsten das ganze Marmeladenglas leer gemacht, aber das konnte ich gerade noch verhindern.

 

Da wir nun kaum noch etwas zu essen hatten, beschloss ich noch heute mit Dai auf die Jagd zu gehen. Obwohl sie mich natürlich noch nicht versteht sagte ich es ihr trotzdem.

"Dai wir werden gleich noch auf die Jagd gehen müssen." Ich zeigte dabei auf Pfeil und Bogen und machte dann eine Geste als ob ich etwas essen würde. "Auf die J_a_g_d." sagte ich nochmal deutlich. Sie verstand mich und schien sich darauf zu freuen. Dann fiel mir auf, dass sie ja immer noch nur mit dem einen Fell bekleidet war und somit eigentlich ziemlich frieren müsste. Ich ging zu meinem Schlafplatz und nahm mir eins meiner Hemden, das mir selbst schon etwas zu klein geworden ist. Ich zeigte auf das Hemd und dann auf Dai.

"Magst du das anziehen?"

Dai zog sich das Fell sofort aus und zog sich das Hemd an. Es war, wie zu erwarten, viel zu groß. Das Hemd reichte ihr bis kurz über die Knie, aber das war vielleicht auch ganz gut so, denn man konnte daraus mit einem Stück Seil um die Taille so eine Art längeres Unterkleid machen. Das Fell legte ich ihr noch über das Hemd und band ihr dann auch gleich mit dem Stück Seil, von den Ausgestoßenen, das Hemd und das Fell eng um die Taille. Die Ärmel krempelte ich ihr danach auch noch auf Höhe ihrer Handgelenke.

"Gar nicht so schlecht.." murmelte ich vor mich hin.

Dai schien es ebenfalls sehr zu gefallen und bewegte sich nun leicht tänzerisch hin und her durch die Höhle. Was aber konnte ich für ihre bloßen Füße und Beine tun? Dann fiel mir ein, dass ich ja noch die Stiefel von Jaden habe. Mir war klar, das die natürlich zu groß waren, aber vielleicht ließ sich noch etwas daraus machen. Ich holte die Stiefel und zeigte sie dann Dai.

Dai bekam große Augen und fragte: "kukume?"

"Kuukumme.. was?" wiederholte ich fragend und sagte dann.. "Anziehen!"

"Ansien?"

Ich nickte ihr zu. "Ja, anziehen. Probier sie an!"

Sie nahm sie, zog sie an und ich schnürte ihr noch die Stiefel. Dann lief sie damit ein paar Schritte. Es sah komisch aus und die Stiefel waren wie schon vermutet einfach viel zu groß und klobig. Ich könnte die Stiefel, die wir von dem alten Mann genommen hatten, mit dem Messer versuchen kleiner zu schneiden, aber dann würden sie mit Sicherheit nicht mehr warm halten. Jake aber würde nun ja hoffentlich auch bald kommen und er würde bestimmt eine Möglichkeit finden Kleider für Dai zu besorgen. Von daher mussten diese Stiefel erst mal ausreichen. Letztendlich löste sich das Problem, als Dai sich auch noch die Hose von Jaden anzog und ich die Überlänge der Hose so um die Füße wickelte, dass sie damit die Stiefel gut ausfüllte und die Füße bequem in den Stiefel lagen. Mit Bändern schnürte ich ihr die Hose noch etwas enger um ihre Beine, damit ihr die weite Hose nicht beim Gehen behinderte. Dai dankte es mir, in dem sie mich fest umarmte und dann immer wieder "biädo" sagte und vor mir her stolzierte.

 

Die Jagd verlief erfolgreich. Ich erlegte gleich bei der ersten Gelegenheit mit einem Pfeilschuss einen größeren Falken. Dai verhielt sich bei der Jagd vorbildlich. Sie war absolut ruhig und hielt immer einen gewissen Abstand zu mir. Ich vermutete, dass es nicht ihre erste Jagd gewesen war, wo sie dabei war. Als ich den Falken getroffen hatte, rannte sie dann geradewegs auf das sterbende Tier zu und drehte dem Falken mit einem gekonnten Griff den Kopf um und brachte mir dann die Beute.

"Nun müssen wir nur noch hoffen, dass wir das Feuer auch anbekommen, was meinst du Dai?" Ich lächelte ihr zu. Dai runzelte die Stirn, nach der Devise.., ich versteh dich zwar jetzt nicht, aber ich freue mich auch aufs Essen.

 

Die Tage vergingen und mit jedem Tag gewöhnten wir uns mehr aneinander. Eine Unterhaltung zwischen uns beiden war nach wie vor nicht möglich. Nur durch Gesten und ein paar einfachen Wörtern konnten wir uns einigermaßen verständigen. Jedoch lernten wir immer besser die Sprache des anderen kennen. Dai war hier jedoch eindeutig wissbegieriger und lernte deutlich schneller als ich, so dass es wohl darauf hinaus läuft, dass wir uns in naher Zukunft vermutlich nur in meiner Sprache unterhalten werden. Wir übten jeden Tag das Bogenschießen. Dai war hier zwar noch ziemlich ungeübt, aber sie machte mit jedem Tag auch hier große Fortschritte. Wir suchten täglich Feuerholz und machten auch immer einen Jagdausflug. Wenn wir mal nichts zu tun hatten, machte jeder das, wozu er dann Lust hatte. Dai versuchte sich beispielsweise an das Schnitzen von Figuren, wobei es ihr nach einer kurzen Zeit gelang sogar eine Menschenfigur zu schnitzen. Mit dieser Figur, die sie fortan Fedann nannte, spielte sie dann auch immer. Ich selber versuchte für Dai einen Bogen zu machen. Musste aber frustriert feststellen, dass der Bogen niemals so gut sein wird, wie meiner. Mir fehlten einfach die Materialien und das Wissen einen wirklich guten Bogen zu bauen.

 

2. Besuch

 

Es vergingen insgesamt sechs Tage, nachdem ich Dai befreit hatte, bis Jake wieder spät nachts in der Höhle erschien und mich dann aufweckte.

"Wer ist die.. denn?" flüsterte er und zeigte dabei auf Dai, die sich wieder bei mir eng eingekuschelt hatte. Jake war völlig überrascht.

"Hallo Jake" nuschelte ich noch schlaftrunken. "Ja.... ähm Jake, das ist Dai." Da nun Dai ebenfalls wach wurde, ergänzte ich noch "Dai..., das ist Jake".

"Ko wai Jääk?" fragte Dai und rieb sich die Augen.

"Jake ist ein Freund. F_r_e_u_n_d.  ähhm.. " dann fiel mir doch tatsächlich das krasianische Wort dazu ein.. "hoa! "

"Ah!" sagte sie und zeigte mir durch ein Nicken, dass sie mich verstanden hatte.

Nachdem ich dann Jake die ganze Geschichte mit Dai erzählt hatte, schüttelte Jake nur den Kopf.

"Unglaublich! Rota! Du verblüffst mich immer wieder aufs Neue.." sagte er verblüfft und schaute dann auf Dai herunter und musterte sie eindringlich. "Ja.., ähm fein.. Hallo Dai! Freut mich dich kennen zu lernen."

Dai, das spürte man, mochte Jake auf Anhieb.

"Freu... mich." sagte sie nun auch und lächelte ihn dabei an.

Jake lächelte nun ebenfalls. "Du gefällst mir!" Er streckte ihr nun seine Hand entgegen. Dai verstand wohl instinktiv was mit dieser Geste gemeint war, beantwortete das Angebot jedoch mit einer herzlichen Umarmung. Jake hingegen schien solch eine Reaktion jedoch nicht unbedingt erwartet zu haben und wirkte doch ein wenig überrascht und verlegen. Aber es war unverkennbar, dass auch er Dai sofort ins Herz geschlossen hatte. Nachdem Dai und Jake sich aus ihrer kurzen aber herzlichen Umarmung gelöst hatten, begrüßte ich Jake dann auch nochmal kurz.

 

Jake setzte sich nun im Schneidersitz zu uns hin.

"Wie ich sehe, scheint ihr Beiden sonst hier gut zurecht zu kommen.., oder?"

Ich nickte . "Ja und das haben wir letztendlich nur dir zu verdanken, Jake."

Jake räusperte sich und wurde nun ernster. "Rota, so wie es aussieht, ist Mallen nicht mehr in Kaven.."

Mir stockte der Atem. "Wie meinst du das, sie ist nicht mehr in Kaven?"

"Als ich mich vor drei Tagen mit ihr treffen wollte, um mit ihr über den zweiten Besuch zu dir, zu sprechen, war sie einfach nicht erschienen. Tja, und gestern ist in der Schule tatsächlich bekannt geworden, das Mallen nicht mehr in der Schule von Kaven unterrichtet wird. Mallen wurde nach Tenna gebracht. Sie wird fortan nun in dieser Eliteschule unterrichtet werden und dort dann wohl eine spezielle Förderung erhalten."

 

Ich war sprachlos. Mallen.., nicht mehr da? Für wie lange? War es ihre Entscheidung gewesen? Das waren Fragen die mir gleich durch den Kopf gingen.

Jake schaute mich nun an und sagte: "Ich war genauso entsetzt wie du jetzt, Rota. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es Mallen's Entscheidung, denn das.., sieht ihr nicht im Geringsten ähnlich. Sie hätte mir mit Sicherheit gesagt, dass sie sowas vorgehabt hätte. Eigentlich kommt nur einer in Frage, der das veranlasst haben könnte und das ist ihr eigener Vater."

"Weißt du wie lange sie weg sein wird?" Fragte ich nun.

"Nein, ich weiß nur, dass so eine Ausbildung mindestens fünf Jahre oder auch länger dauern kann. Ob sie dann mal zwischendurch oder überhaupt mal wiederkommt, kann ich nicht sagen."

Ich wollte es nicht wahrhaben. "Aber ihr Zuhause ist doch Kaven.., ich meine selbst ihr Vater, der sie doch trotzdem liebt, wird sie doch wiedersehen wollen." Sagte ich mehr zu mir selbst als zu Jake.

"Mag sein, aber er hat die Möglichkeit als Bürgermeister auch oft nach Tenna zu fahren, um sie dann dort zu besuchen. Ich denke, er hofft wohl, dass Mallen das Ganze über die Zeit vergessen wird und das alles wieder so wird, wie es mal zwischen ihm und ihr gewesen war."

 

Dai sagte die ganze Zeit nichts und hörte uns nur gebannt zu. Jake seufzte und sagte: "So wie es aussieht, denke ich, werden wir sie vorerst wohl so schnell auch nicht wiedersehen. Tenna ist mehr als zwei Tagesmärsche entfernt, und diese Reise nimmt man nicht nur einfach ebenso auf sich, um mal eben jemanden zu besuchen."

Vielleicht wird Mallen das nicht können, aber ich könnte es.., dachte ich bei mir. Ich fühlte mich niedergeschlagen und mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass ich Mallen nun so schnell nicht oder vielleicht sogar nie wiedersehen könnte. Aber Jake hatte damit wohl Recht und ich stimmte ihm schließlich zu.

 

Um nicht noch mehr in Trübsal zu verfallen, wechselte ich das Thema. "Was gibt's sonst für Neuigkeiten?" Fragte ich schließlich.

Jake räuspere sich ein wenig. "Ja.. was gibt's Neues..? Jaden's Vater ist aus seiner Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht und setzt nun alles daran, dass man nach dir sucht und falls du leben solltest, du für deine Taten bestraft wirst. Aber es gibt auch Widerstände. Das Gesetz selbst, denn es gibt wohl keine rechtliche Handhabe nach dem Vollzug des Urteils einer Vertreibung, den Verurteilten wieder zu verfolgen. Man darf zwar einen Verbannten straffrei töten, wenn man zufällig einen begegnen sollte, jedoch aufsuchen und verfolgen darf man den Vertriebenen wohl nicht. Trotzdem solltest du vorsichtig sein, denn wie du selbst weißt, wenn Robert Grat sich was im Kopf gesetzt hat, wird es in der Regel auch so gemacht. Übrigens hat Jadens Vater deinen Onkel Jaron wohl nach alledem gefeuert."

Ich zuckte die Schultern. Schämte mich gleichzeitig aber dafür. Denn, obwohl mein Onkel mir immer nur gezeigt hatte, dass ich nur eine Belastung für ihn war, hatte er sich letztlich immer pflichtbewusst um mich gekümmert und meiner angenommen. Es tat mir nun doch etwas Leid um ihn und hoffte, dass er bald wieder eine andere Arbeit finden wird.

"Jaden ist übrigens nun auch wieder in der Schule. Er humpelt stark und man munkelt, dass er wohl auch für den Rest seines Lebens humpeln wird. Er ist unberechenbar geworden und wird von immer mehr Schülern gefürchtet. Auch tönt er ständig herum, dass er noch nach dir suchen will und dich letztlich auch finden wird. Und er hofft, dass du dann noch lebst, damit er sich dann genüsslich für das, was du ihm angetan hast, rächen kann."

Mich ließ das kalt. "Soll er doch kommen. Ich habe selbst noch eine Rechnung mit ihm offen.. und dann werden wir ja sehen.."

Jake nahm nun einen kräftigen Schluck aus dem Wasserschlauch und erzählte weiter. "Pelle übrigens, wird wohl doch noch auf einem Auge sehen können. Zwar nur einwenig aber er soll damit wohl einigermaßen zurechtkommen. Er hat sich wie Jaden ebenfalls verändert und spricht, so erzählt man sich, auch nur noch von Rache. Demnach solltest du in Zukunft wohl immer auf der Hut sein, wenn du oder ihr beide eure Ausflüge macht."

Ich nickte und schaute dabei auf Dai. "Wir werden beide aufpassen müssen".

 

Jake hatte mir auch diesmal wieder so Einiges mitgebracht. Dazu gehörten Lebensmittel wie Salz, Zucker, Mehl, Schmalz, Marmelade und sogar ein paar Eier. Weiter hatte er mir auch noch ein paar Ersatzpfeile und eine alte Axt mitgebracht. Ich bedankte mich und obwohl ich schon ein schlechtes Gewissen hatte, fragte ich ihm trotzdem noch, ob er noch Kleidung und einen Bogen für Dai besorgen könnte.

"Jake, du brauchst die Sachen, falls du sie besorgen kannst, dann ja auch nicht ganz hierher bringen. Wir können uns ja auch kurz vor diesem Geheimtunnel vor Kaven treffen und wir nehmen diese Sachen dann von dort mit."

Jake nickte. "Ich besuche dich eigentlich immer gerne mal und nun.." er schaute zu Dai und blinzelte ihr zu. "..wo du hier auch noch eine so tolle Mitbewohnerin hast, würde ich es wirklich vermissen euch noch weniger zu besuchen. Aber du hast recht.., für mich und auch für euch ist es bestimmt sicherer, wenn ich meine Ausflüge auf ein absolutes Minimum beschränke. Von daher würde ich vorschlagen, wir treffen uns in dem Geheimtunnel nächste Woche eine Stunde nach Mitternacht. Sollte ich nicht um diese Zeit da sein, werde ich wohl verhindert sein. Die Sachen die ihr benötigt, werden aber dann trotzdem dort liegen und du oder ihr beide könnt sie dann mitnehmen. Machen wir das so?"

Ich stimmte zu und bedankte mich nochmal für alles. Dann stand Jake auf und verabschiedete sich. Dai umarmte Jake nochmal herzlich. Erstaunlicherweise wollte Dai, Jake, gar nicht mehr loslassen und fing sogar an zu weinen. Jake versuchte sie noch zu trösten. Aber ohne Erfolg.

"Es tut mir Leid.., aber ich muss nun wieder zurück. Wir sehen uns wieder!" Dann ging Jake. Dai rannte Jake noch hinterher und versuchte ihn nochmal festzuhalten. Jake umarmte Dai nochmal und gab ihr noch einen Abschiedskuss auf die Stirn und sagte ihr noch, dass er sich freut, wenn sie sich wieder sehen. Schließlich ließ Dai, Jake, dann gehen und kam traurig wieder zu mir zurück.

 

Winter

 

Wir trafen uns schließlich nächste Woche am besagten Treffpunkt und zur abgemachten Zeit. Dai bekam die passende Kleidung und einen eigenen Bogen. Dieses Treffen und auch die anderen Treffen mit Jake verliefen die nächsten Tage und Wochen reibungslos. Dai und ich harmonierten gut zusammen. Dai war wissbegierig und lernte schnell, insbesondere meine Sprache. Und als wir beim letzten Treffen von Jake sogar ein paar alte Bücher bekommen hatten, versuchte ich seitdem Dai sogar das Lesen und Schreiben beizubringen. Dai liebte es Geschichten vorgelesen zu bekommen und bettelte jeden Abend vorm Einschlafen, dass ich ihr weiter aus diesen Büchern vorlas.

 

Unsere täglichen Aufgaben, wie das tägliche Üben mit Pfeil und Bogen, das Sammeln von Feuerholz und an unseren Jagdausflügen bereiteten uns immer Freude. Von Dai lernte ich viel übers Spurenlesen und wie man sich seiner Beute unbemerkt nähert. Jedoch erzählte sie nur wenig über ihr Leben bei den Krasianern. Das Wenige, was ich von ihr erfuhr, war das sie ihre Eltern früh verloren hatte. Sie wurde dann von der Schwester ihrer Mutter aufgenommen. Aber auch die Schwester und ihr Mann verstarben unglücklicherweise an einer sonderbaren Krankheit. Danach wollte niemand mehr Dai bei sich aufnehmen, da viele nun fürchteten, dass auf Dai ein böser Fluch lastete. Sie war seit dem nur noch auf sich alleine gestellt und wurde immer wieder aus der Gemeinschaft vertrieben, sobald sie sich dieser wieder genähert hatte. Bis sie schließlich eines Tages von diesen beiden Männern abseits von ihrem Volk aufgegriffen und mitgenommen wurde.

 

Obwohl wir bisher kaum Kontakt mit anderen Menschen, bis auf Dai's „Kannibalen“ hatten, tarnten wir trotzdem unsere Höhle und sicherten unsere Habseligkeiten so gut es ging vor eventuell ungebetenen Gästen. Unsere Habseligkeiten versteckten wir immer, sobald wir die Höhle verließen, in einer Grube, die ich mit Hilfe der Axt und meinen Händen ausgehoben hatte. Die Grube verdeckten wir anschließend jedes Mal mit einem durch Äste und Sträucher getarnte und gebundene Konstruktion.

 

Die Wochen vergingen und es wurde allmählich kälter und es dauerte auch nicht mehr lange bis es schließlich anfing zu schneien. Ich liebte bisher immer den Schnee und die klare und kühle Luft, die der Winter mit sich brachte. Aber hier in der Wildnis, wo wir auf uns allein gestellt waren, fing ich an den Wintereinbruch zu fürchten. Werden wir auf unseren täglichen Jagdausflügen noch genug Beute machen? Werden wir in dieser Zeit genug trockenes Feuerholz finden? Werden unsere Fußabdrücke im Schnee uns und unsere Höhle verraten? Das waren Fragen die mir nun Sorgen machten. Hinzu kommt, dass Jake uns in dieser Zeit nicht mehr besuchen kann, da der Schnee seine Spuren sichtbar macht und damit ihn und auch uns verraten könnten.

 

Dai hingegen hatte ihren Spaß mit dem ersten Schnee. Sie rannte umher, bewarf mich mit Schneebällen, versuchte einen Schneemann zu bauen und malte mit ihren Fußabdrücken Figuren und Bilder auf die erste Schneedecke. Nachdem aber der Schnee vermehrt immer mehr zunahm, verlor auch Dai irgendwann den Spaß am Schnee.

 

Wir trockneten bisher immer unser Anzündholz unter unseren Schlafstätten. Da dies aufgrund der Feuchtigkeit und Kälte nun wesentlich länger dauerte als sonst, konnten wir deshalb auch immer seltener Feuer machen. Unweigerlich dauerte es auch nicht mehr lange und Dai bekam schließlich eine Erkältung. Die Erkältung begann bei ihr mit Halsschmerzen über die sie sich eine Weile lang beklagte. Daraufhin bekam sie einen Schnupfen, der dann später zu einem hartnäckigen und schlimmen Husten überging. Unsere Essensvorräte gingen ebenfalls langsam zuneige und es wurde langsam wieder Zeit auf die Jagd zu gehen.

 

Es war an einem Morgen, als ich beschloss wieder auf die Jagd zu gehen. Dai hustete jedoch so sehr, dass ich es nicht wagen wollte mit ihr auf die Jagd zu gehen. Dai lag immer noch in Decken eingewickelt auf meinem Schlafplatz. Ich hockte mich zu ihr hin. "Hör zu! Dai. Wir brauchen wieder etwas zu essen, daher muss ich auf die Jagd. Allein! Du bist zu krank um mit mir zu kommen. Deshalb ist es besser wenn du heute hier in der Höhle bleibst. Hörst du.., Dai?!".

Dai hustete und schaute mich mit ihren großen Augen nun ängstlich an. "Nein! Ich kommen auf Jagd ..mit dir. Ich schnell aufstehen.. jetzt!" Dai machte nun Anstalten aufzustehen.

"Dai.., du bist krank und musst dich erholen. Du musst hierbleiben! Ich mach dir ein Feuer.., ja..? Und du trinkst Kräutertee und wirst wieder gesund." Ich hielt sie fest und hinderte sie dabei aufzustehen. Dai fing nun an zu weinen.

"Ich will nicht alleine hier.. ich haben Angst hier. Rota.. lass mich nicht hier... nicht alleine. Nein!" Nun klammerte sie sich an mich.

"Dai! Du bist krank und musst dich erholen. Es geht nicht anders.., ich komme so schnell es geht wieder.., ja?"

Dai weinte nun noch heftiger und hustete dabei so stark, dass ich kurz davor war in Panik zu geraten. Ich wusste nicht ob sie meine aufkommende innere Panik spürte, aber sie hörte mit einem Mal auf zu weinen und unterdrückte auch ihr Husten. Sie umklammerte mich nochmal ganz fest und ließ mich dann los.

"Ich bin stark.. ich bleiben hier.. Rota! Du kommst wieder.. ja?"

Ich nickte. "Ja... Ich komme wieder.. und mit etwas Glück gibt’s heute Abend wieder etwas zu essen und wir werden es uns dann so richtig gemütlich machen. Wir legen uns wieder schön ans Feuer und ich werde dir dann weiter aus dem Buch vorlesen... okay?"

Sie drückte mich nochmal und ich gab ihr noch einen Kuss auf ihre Wange. Dann machte ich mich auf die Jagd.

 

Die letzten Tage auf unseren Jagdausflügen, waren immer weniger vom Erfolg gekrönt und wir waren schließlich gezwungen immer weiter hinaus zu gehen um Beute zu machen. Auch diesmal musste ich wieder sehr weit hinausgehen um etwas Jagdbares zu finden, aber ich hatte Glück und wurde fündig. Eine Rotte von vier Wildschweinen durchkreuzte tatsächlich meinen Jagdausflug. Dank meines täglichen Trainings war ich mittlerweile auch zu einem sicheren Schützen geworden und ich traf das größte der Tiere, einen Eber, beim ersten Schuss. Und dann tat ich etwas, was ich vielleicht für den Rest meines Lebens noch bedauern werde. Ich stieß einen Jubelschrei aus. Als die übrigen Wildschweine flüchteten, näherte ich mich meiner Beute. Das Wildschwein atmete noch schwach und ich zog mein Messer um das Tier nicht länger leiden zu lassen. Doch dann als ich mich kurz umschaute sah ich sie.

 

Eine Gruppe von vielleicht fünf Männern kam direkt auf mich zugelaufen. Waren dies Abgesandte von Kaven? Sie waren noch gut dreihundert Schritt entfernt. Aber es war eindeutig, dass sie mich entdeckt hatten. Aufmerksam geworden, durch mein blöden Jubelschrei. Ich war so entsetzt, dass ich mich anfangs nicht rühren konnte. Nein! Nein! Nein! Das durfte nicht sein. Und dann musste ich plötzlich an die Schneespuren denken. Sie führten ja direkt zur Höhle! Sie führten zu Dai! Ich musste Dai in Sicherheit bringen. Dann erst lief ich los. Ich rannte wie der Teufel und so schnell ich konnte Richtung Höhle. Auf der Flucht zur Höhle schossen mir diverse Gedanken und Befürchtungen durch den Kopf. Die Spuren werden den Ort unserer Höhle verraten. Wohin werden wir dann überhaupt noch gehen können? Was gab es für andere Möglichkeiten? Aber je mehr ich darüber nachdachte, gab es keinen Ort wohin wir sonst gehen könnten. Letztlich gab es nur eine Alternative. Ich musste mich ihnen entgegenstellen. Keiner durfte die Höhle erreichen. Die Höhle war schließlich alles was wir hatten und was wir nicht einfach so aufgeben können. Schließlich blieb ich stehen. Ich hatte mittlerweile auch einen guten Vorsprung herausgelaufen. Gut.., sollen sie kommen. Ich werde auf meine Kräfte vertrauen müssen und versuchen sie irgendwie aufzuhalten.

 

Ich versteckte mich schließlich hinter einer riesigen Wurzel eines umgestürzten Baumes. Spannte einen Pfeil in meinen Bogen und wartete. Mein Herz pochte. Dann hörte ich sie. Sie schnauften und atmeten schwer

"Wo ist er hin?" Sie wurden nun langsamer. Nun gut.. jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Ich verließ meine Deckung und sah sie vor mir. Es waren vier und sie schienen tatsächlich aus Kaven zu kommen. Ich konnte sie nicht alle genau erkennen, aber sie kamen mir alle bekannt vor. Sie waren noch gut dreißig Schritt entfernt. Dann entdeckte mich der erste.

"Da! Da ist er!"

Ich zielte auf diesen Mann und schoss meinen Pfeil ab. Mein Pfeil fand sein Ziel und traf diesen Mann direkt in den Hals. Alle schauten nun entsetzt auf ihren getroffenen Kameraden. "Taggert! Er hat Taggert getroffen! Dieser Teufel!".

Ich legte schnell noch einen zweiten Pfeil nach. Aber sie reagierten schnell und gingen in Deckung.

"Dafür wirst du büßen.., Rota Gevill! Junge.., nun bist bist sowas von erledigt!"

Ich sagte nichts und rannte einfach weiter. Jedoch nicht mehr Richtung Höhle sondern jetzt in eine andere Richtung. Ich wusste dass es hier in der Nähe ein anderes Versteck gab. Das Versteckt nutzte ich des Öfteren auf der Jagd. Sie mochten noch zu Dritt oder vielleicht auch zu viert sein, aber dafür war ich schneller und ich kannte mich hier aus. Das hier war mein Gebiet. Plötzlich kam mir aber eine andere und vielleicht sogar eine bessere Idee. Sie verfolgten mit Sicherheit die ganze Zeit meine Spur! Vielleicht war das meine Chance! Werden sie auch merken, dass die Spur langsam einen kreisförmigen Verlauf nehmen wird? Ich rannte nun noch schneller. Meine Lunge schmerzte und meine Muskeln brannten. Aber ich wusste auch, dass ich diese Schmerzen sehr lange aushalten konnte. Nach gut einer Stunde war es dann soweit und ich näherte mich ihnen, jetzt aber von hinten. Sie waren nur noch zu dritt. Ich meinte, ich hätte insgesamt fünf gesehen. War der Fünfte bereits als Informant auf dem Weg nach Kaven zurück?

 

Sie verhielten sich vorsichtig. Zwei von ihnen liefen mit aufgelegtem Pfeil im Bogen rechts und links flankierend neben meiner Spur. Der Dritte, ich glaubte es war der Vater von Pelle, lief kampfbereit mit einer geladenen Armbrust in den Händen meiner Spur folgend voraus. Sie hatten jedoch nur ihre Blicke nach vorne gerichtet. Auch liefen sie in größeren Abständen voneinander entfernt. Ein fataler Fehler und ein Glücksfall für mich. Ich legte nun wieder ein Pfeil in meinen Bogen und schlich mich auf gut zehn Schritt auf den letzten der dreien heran. Dann zielte ich, ließ die Sehne los, der Pfeil flog und blieb im Rücken des Verfolgers stecken. Der Verfolger schrie auf und drehte sich dabei um. Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und fiel dann auf die Knie. Ich machte schnell wieder kehrt und rannte so schnell es ging wieder weg. Sie fluchten mir noch hinterher und auch zwei Pfeile flogen noch an mir vorbei, aber ich konnte auch hier wieder entkommen. Irgendwann hörten sie auf mich zu verfolgen und kehrten vermutlich zu ihrem verwundeten dritten Mann zurück. Mir kam nun ein neuer Gedanke.. Ich musste immer das tun, womit sie am wenigsten rechnen. Ich rannte ihnen daher mit angelegtem Pfeil im Bogen wieder hinterher. Dann sah ich sie. Ich rannte nun schreiend auf die beiden zu. Sie waren überrascht und versuchten in Panik ihre Pfeile aufzulegen. Ich zielte auf die Brust von Pelles Vater und schoss meinen Pfeil ab. Mein Pfeil traf. Pelles Vater brüllte auf vor Schmerzen. Ich zog mein Messer und rannte nun auf den letzten der Verfolger zu. Er sah mein Messer und warf sich mir schließlich entgegen. Er hielt mit seinen beiden Händen meine Messerhand fest. Er war stark und schaffte es mein Arm umzudrehen. Ich konzentrierte nun meine ganze Kraft in meinem rechten Arm, schaffte es mein Arm wieder umzudrehen und drückte mit aller Kraft das Messer nun in seine Richtung. Er wirkte nun noch überraschter und seine Augen verrieten seine Angst.

"Du Teufel!" Ich drückte nochmal mit aller Kraft zu und das Messer bohrte sich schließlich langsam in seine Brust. Er schrie vor Schmerzen. Dann ließ er jedoch meine Hand los und ließ sich gleichzeitig nach hinten fallen. Ich stürzte hinterher und stach dann mehrmals mit meinem Messer zu.

"Tut mir Leid.. aber ihr hättet nicht wieder kommen sollen." Sagte ich noch zu ihm und beendete mit einem letzten und tödlichen Stich sein Leben. Anschließend stand ich auf und ging nun zu Pelles Vater.

 

Pelles Vater atmete noch schwach, als ich mich ihm näherte. Ich hockte mich zu ihm. Er wollte scheinbar noch was sagen, sackte dann aber zusammen und auch der Vierte von den Verfolgern war nun tot. Ich selbst ließ mich nun ebenfalls vor Erschöpfung in den Schnee fallen.

 

Sie werden wiederkommen, egal ob der Fünfte von ihnen nach Kaven zurückkehrt oder nicht. Sie werden wiederkommen und nach mir suchen. Ich werde daher die Leichen verstecken müssen, aber das muss erst mal warten. Eins nach dem anderen. Ich musste mich noch um unser Essen kümmern, denn das schien mir aus meiner Sicht erst mal notwendiger als alles andere zu sein. Es wird spät werden, wenn ich wieder zurück in der Höhle bin. Dai wird Angst bekommen, daher werde ich mich beeilen müssen.

 

Bevor ich aber ging, versteckte ich noch ein paar brauchbare Sachen von den Verfolgern. Dazu gehörten die Armbrust mit den Bolzen, die Pfeile und Bögen, Messer und ein paar gute Kleidungsstücke. Ich beschloss mir diese Sachen vielleicht im Frühjahr zu holen, wenn der Schnee geschmolzen ist und keine verräterischen Spuren mehr hinterlässt.

 

Anschließend ging ich wieder zurück zu dem Ort, wo ich das Wildschwein getötet hatte. Als ich schließlich dort ankam und das Wildschwein immer noch dort lag, schaute ich noch nach ob es Spuren vom fünften Verfolger gab. Ich fand diese Spuren. Nach den Spuren zu urteilen ist der Fünfte tatsächlich zurück geblieben und hatte vermutlich auf die anderen dort gewartet. Irgendwann später hatte er sich dann wohl aufgemacht und ist dann wieder zurück Richtung Kaven gegangen. Ich überlegte noch kurz ob ich ihn folgen und versuchen sollte einzuholen, um ihn dann unschädlich zu machen. Ich war aber zu erschöpft und Dai hatte ich versprochen heute Abend wieder zu kommen. Hinzu kommt, dass es wieder anfing zu schneien und vermutlich auch noch die ganze Nacht weiter schneien wird. Gut möglich, dass die Spuren dann durch den ganzen Schneefall, später nicht mehr sichtbar sein werden. Trotzdem werden wir nun erst recht jetzt auf der Hut sein müssen. Feuer werden wir wegen dem verräterischen Rauch nicht mehr am helligten Tag machen dürfen und wenn wir auf die Jagd gehen, sollten wir auch darauf achten, nur so wenig wie möglich an Spuren zu hinterlassen.

 

Ich konstruierte mir schließlich noch aus zwei dicken Ästen eine Schlepptrage um das getötete Wildschwein mitnehmen zu können. Als ich damit fertig wurde machte mich dann endlich mit dem Wildschwein auf den Weg wieder zurück zur Höhle.

 

Es war schon ziemlich dunkel geworden, als ich die Höhle erreichte und Dai kam mir gleich entgegen gerannt. Sie weinte, hustete und freute sich gleichzeitig.

"Rota! Oh Rota! Ich... lange gewartet.. ich dachte..  oh Rota..".

Ich nahm sie in die Arme. "Dai.., es tut mir so Leid.., ich wurde aufgehalten. Aber es ist alles gut.."

Dann sah sie meine Beute und guckte mich nun erleichtert und freudig an. Ich nickte ihr nicht ohne Stolz zu.

"Komm Dai..! Wir haben heute Abend noch so Einiges zu tun."

Ich erzählte Dai noch an diesem Abend was alles an diesem Tag passierte und das wir nun ganz besonders aufpassen müssen. Dai sagte, dass sie keine Angst hätte, da sie ja mich, den wohl stärksten "Tokatee" der Welt hatte, wie sie in ihrer Sprache ausdrückte. Ich fühlte mich geehrt, obwohl ich die Bedeutung des Worts "Tokatee" nicht kannte.

 

Die Nacht und auch am nächsten Tag hatte es die ganze Zeit geschneit. Meine Spuren waren mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Trotzdem war ich beunruhigt. Ein erfahrener Spurenleser ist vielleicht doch noch in der Lage die verbliebenen Spuren zu lesen und unser Versteck, unsere Höhle, zu finden. Wir konnten jedoch nicht viel machen, außer warten und hoffen das keiner kam. Ich schaute alle paar Minuten aus der Höhle heraus. Ich packte das Notwendigste zusammen, um bei einer möglichen Flucht das Nötigste dabei zu haben. Alles was wir sonst nicht gerade in der Höhle benötigten, versteckte ich in unsere getarnte Grube. Mittlerweile hatte es auch schon so viel geschneit, dass der Höhleneingang drohte zuzuschneien. Auch die Höhlendecke, die auf der rechten Seite durch einen Spalt offen war, drohte ebenfalls durch den ganzen Schneefall nun zu verstopfen. Da es uns jedoch nicht möglich war die Höhlendecke von hier aus vom Schnee zu befreien, hielt ich den Höhleneingang zu mindestens bis zur Höhe meines Kopfes vom Schnee frei. Damit hatte ich immer noch die Möglichkeit zu sehen was draußen vor sich ging und andererseits drohten wir hier in der Höhle auch nicht zu ersticken. Dai hustete nicht mehr so stark und ihr schien es mittlerweile auch wieder etwas besser zu gehen. Da ich nun inzwischen nur noch vor dem Höhleneingang stand und Wache hielt, spürte Dai wohl meine Unruhe. Sie stellte sich zu mir, nahm meine Hand und drückte sie. Ich zwinkerte ihr zu. Sie lächelte.

"Ich will nur sicher sein, dass auch niemand kommt. Dai! Das ist alles. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch keiner kommen wird. Wer sollte sich auch schon bei diesem Unwetter aufmachen..?"

Dai schaute mir nun in die Augen und tickte mich mit ihrem Finger an. "Rota..? Ich.. Hunger. Soll ich schneiden uns beiden Stück vom.. ähm Wildschwan.."

Und dann sah ich plötzlich etwas. Etwas kleines und schwarzes kam plötzlich von rechts auf unsere Höhle zugerannt. Dann fing dieses kleine Wesen an zu bellen. Ein Hund!? Dann kam auch noch ein zweiter weißer Hund bellend hinterher. Oh nein...! Ich hörte Stimmen. Panik ergriff mich jetzt. Ich sah Dai an. Dai sah meine Panik und bekam nun ebenfalls Angst. "Sind das die..?"

Ich stürzte mich nun auf meine Sachen, die ich für eine eventuelle Flucht vorbereitet hatte.

"Dai! Nimm deine Sachen.. und dann raus hier! Beeil dich!"

Dai zögerte nicht lange und nahm ihrerseits nun ihre Sachen auf, die ich für sie bereitgestellt hatte. Dann blieb ich kurz stehen und drehte mich zu Dai um.

"Dai! Wir schaffen das.. ja?"

Dai nickte.."Ja! Wir schaffen das.. nun.. raus hier!" Sagte sie und schob mich dann weiter.

Unglaublich dieses Mädchen, dachte ich in diesem Moment nur noch und robbte mich aus dem zugeschneiten Höhleneingang.

 

Die Hunde rannten bellend und geradewegs auf uns zu. Ich nahm schnell meinen Bogen vom Rücken und wollte einen Pfeil an die Sehne des Bogens anlegen, musste jedoch feststellen, dass es dafür schon zu spät war. Der schwarze Hund war schon zu nah. Er sprang auf mich zu und biss sich an meinem linken Arm fest, dass ich ihm abwehrend entgegenstreckt hatte. Da ich jedoch ein Hemd, ein Pullover und sogar zwei Mäntel anhatte, war der Schmerz auszuhalten. Ich griff nun nach meinem Messer und stach mit einem kräftigen Hieb, dem Hund das Messer in die Seite. Der Hund heulte auf und ließ mich endlich los. Jetzt kam auch noch der zweite weiße Hund auf mich zugerannt und biss sich nun an meinem rechten Unterarm fest. Ich stürzte mich nun instinktiv auf dem Boden und rollte mich im Schnee. Der Hund ließ schließlich los. Dann hörte ich wieder einen Hund aufheulen. Ich drehte mich um und sah Dai mit ihrem Messer in der Hand. Der weiße Hund lag regungslos im Schnee. Sie hatte es irgendwie geschafft den Hund zu töten. Der andere schwarze Hund der mich als erstes angegriffen hatte knurrte uns noch an, lief dann aber weg und brach kurze Zeit später zusammen. Ich schaute nun wieder in der Richtung, woher die Hunde kamen und dann sah ich unsere Verfolger. Vier, fünf.., nein sechs Männer liefen in Schneeschuhen auf uns zu. Allesamt bewaffnet mit Armbrüsten. Es folgte ein Gebrüll von Stimmen.

"Da ist er!"

"Wir haben den Teufel!"

"Er ist nicht allein!"

"Er hat Gini und Tara getötet!".

Sie waren nur noch gut fünfzig Schritt von uns entfernt und damit schon viel zu nah. Es blieb uns nichts anderes übrig, als in unsere Höhle zurückzukehren um uns dort zu verschanzen.

"Dai! Zurück in die Höhle!"

Dai, reagierte sofort, sie drehte sich um und rannte wieder zurück in unsere Höhle. Als wir beide wieder in der Höhle waren, nahmen wir unsere Bögen, luden diese jeweils mit einem Pfeil und spannten die Bögen.

 

Die Verfolger liefen direkt auf unseren Eingang zu.

"Warte.., lass sie kommen Dai.." Es dauerte nicht lange und sie waren schließlich nah genug an uns herangekommen.

"Dai.., du nimmst den Linken."

Wir zielten und ließen gleichzeitig die Sehnen unserer Bögen los. Beide Pfeile trafen ihre Ziele. Mein Pfeil traf den rechten Verfolger in den Bauch. Er schrie auf und sackte dann zusammen. Dai traf den anderen Verfolger direkt in den Hals. Er würgte kurz und fiel ebenfalls zu Boden. Wir legten schnell neue Pfeile auf. Die Übrigen waren nun gewarnt und verteilten sich nun auf die linke und auf rechte Seite des Höhleneingangs.

"Das werdet ihr büßen!" brüllte einer. Mir kamen diese Stimmen zum Teil bekannt vor. Kannte jedoch keinen dieser Verfolger persönlich.

"Warum jagd ihr mich immer noch? Ihr habt mich verurteilt und mich zum Teufel gejagt. Warum reicht Euch das nicht?!" Rief ich nun wütend hinterher.. "Ihr wollt mein Leben? Mich töten...! Dann kommt her, wundert euch aber nicht, wenn ich was dagegen habe!"

 

Dann wurde es still. Vermutlich hatten sie sich schon ganz dicht am Höhleneingang herangeschlichen und warteten nur noch auf einen günstigen Moment um anzugreifen. Wir müssen ihnen zuvor kommen.., aber wie? Dann kam mir eine Idee. Ich zog meinen Mantel aus, stopfte ihn mit dem Heu aus unseren Schlafplätzen aus und legte in der Mitte noch einen Stein hinein. Dai schaute mich fragend an.

"Dai, ich werfe das Bündel gleich aus der Höhle und wenn ich das gemacht habe, hoffe ich, dass sie ihre Pfeile verschießen. Und wenn sie das getan haben, dann.., erst dann sind wir dran und gehen raus..! Okay?"

Dai nickte mir zu und gab mir zu verstehen, dass ich jetzt loslegen sollte. Tapferes Mädchen!

 

Dann warf ich das Bündel aus der Höhle und um die Täuschung noch zu verstärken schrie ich dabei so laut ich konnte noch hinterher. Es flogen tatsächlich mehrere Pfeile. Ich rannte nun mit angespanntem Bogen hinaus ins Freie. Dai tat das Gleiche auf ihrer linken Seite. Ich sah unsere Verfolger. Ich erfasste den Erstbesten und das war der, der am nahesten vor mir stand. Er starrte mich mit offenem Mund an und versuchte noch einen seiner Bolzen einzuspannen. Er erkannte nun aber, dass dies dafür wohl zu spät war und wollte sich nun auf dem Boden werfen. Mein Pfeil traf ihn tief in den Rücken. Er schrie auf. Dann hörte ich einen weiteren Schrei. Dai hatte ebenfalls einen Verfolger tödlich in die Brust getroffen. Dabei sah ich mit Schrecken, dass der Mann der hinter dem Mann stand, den Dai soeben getroffen hatte, seinen Bolzen noch nicht verschossen hatte und nun mit seiner Armbrust auf Dai zielte.

"ZURÜCK!" Schrie ich Dai noch zu. Dann löste sich der Bolzen von der Armbrust. Zong Der Bolzen traf Dai mitten in die Brust..

"NEIIIIN!!"

Dai sah mich nun mit ängstlich, schmerzverzerrten Augen an und stolperte dann nach hinten wieder zurück in den Höhleneingang.

 

Ich wollte zu ihr. Rief mir aber ins Gedächtnis, das ich dafür noch keine Zeit hatte und ich vorher noch die zwei übrig gebliebenen Verfolger unschädlich machen musste. Wutentbrannt rannte ich nun auf den Schützen zu, der mit seiner Armbrust Dai vielleicht sogar tödlich getroffen hatte. Mit Angst in den Augen sah er mich nun auf sich zukommen. Er warf seine Armbrust weg und versuchte nun verzweifelt sein Messer aus seiner Tasche zu ziehen. Mit Gebrüll warf ich mich aber nun auf ihm und stach ihn mehrmals mit meinem Messer in seinem Leib. Er wehrte sich mit Fäusten, bis ich mit einem letzten Stich in seine Gurgel, sein Leben letztendlich beendete.

 

Ich drehte mich nun dem letzten Verfolger zu. Er stand mit geladener Armbrust nur wenige Schritt vor mir und befreite seinen gespannten Bolzen mit einem Klicken von der Armbrust. Zong Ich warf mich im letzten Moment noch zur Seite. Spürte dann aber einen brennenden Schmerz in meiner Seite. Der Bolzen ragte seitlich aus meinem Bauch heraus. Ich ignorierte diesen Schmerz und konzentrierte mich nun auf diesen letzten verbliebenen Verfolger. Er sah mich und warf nun seine Armbrust mir entgegen. Dann griff er nach seinem Messer und kam langsam auf mich zu.

"Jetzt ... geht's dir an den Kragen! Ausgeburt der Hölle!"

Ich war zu wütend um darauf etwas zu erwidern. Ich stürzte mich mit all meiner Kraft sofort auf ihm. Bei meinem Angriff holte er mit seinem Messer aus. Bevor er zustechen konnte, konnte ich jedoch seine Messerhand ergreifen und hielt sie mit meiner linken Hand fest und schlug mit aller Kraft und Wucht mit meiner rechten Faust ihm dabei auf die linke Seite seines Schädels. Er wankte, fiel aber nicht. Dann durchdrang mich ein stechender und reißender Schmerz wieder auf meiner rechten Seite. Der Verfolger hatte mir, mit seinem Knie, den Bolzen weiter in die Seite gerammt. Ich stöhnte auf und wich seine weiteren Knieschläge aus. Anschließend drehte ich mit all meiner Kraft seine Messerhand um und schlug ihm mehrmals mit der rechten Faust immer wieder auf seinen Schädel ein. Ich brüllte ihm ins Gesicht. "STIIIRRB !!!!"

Sein Gesichtsausdruck ließen nun Überraschung und Entsetzen erkennen. Dann irgendwann verlor sein Körper immer mehr an Halt und er fiel schließlich in den Schnee. Ich nahm nun mein Messer und beendete endgültig das Leben des letzten Verfolgers.

 

Tränen trübten meine Sicht und ich hatte große Angst vor dem, was ich nun fürchtete gleich zu sehen und vielleicht wohl auch niemals akzeptieren würde. Ich stapfte zurück in die Höhle. Dai hatte sich inzwischen zu ihrem Schlafplatz geschleppt und sie hielt ihre selbstgeschnitzte Figur Fedann in ihren Händen. Sie betrachtete ihre Puppe.., so als wollte sie Abschied von ihr nehmen. Sie atmete schwer und der Bolzen ragte immer noch unumstößlich aus ihrer Brust. Ich beugte mich jetzt zu ihr herüber. Blut lief aus ihrem rechten Mundwinkel. Sie sah mich jetzt und riss ihre Augen auf.

"Ich.. ich will bleiben ...hier ... bei dir Rota.." Dai spuckte dabei Blut. Sie keuchte und atmete schwer.

Ich hatte erst Angst in so einem Moment keine Gefühle zeigen zu können und wusste auch nicht was ich in so einem Moment machen sollte. Dann aber liefen mir doch Tränen die Wangen herunter und es dauerte nicht lange und ich konnte nicht mehr an mich halten. Aus den anfänglichen Tränen entlud sich bei mir ein ungehemmtes Weinen. Ich versuchte mich wieder zu fassen..

"Schschscht... Dai... Ich bleibe bei dir.. Dai... ich bleibe immer bei dir. Hörst du Dai. Ich bleibe immer bei dir.."

Dai weinte nun ebenfalls. Sie hob den Kopf, so als ob sie nun aufstehen wollte.

"Tut.. tut so ..weh.." Dann jedoch sackte sie in sich zusammen.

"Nein... nein.. nicht Dai.. Bleib bei mir.... Bleib bei mir... DAI!..."

Dai rührte sich aber nicht mehr.

 

Abschied und Auferstehung

 

Ich blieb dann noch lange bei ihr und während ich bei ihr blieb, schwörte ich ihr wie auch mir selbst, dass ich es all denen heimzahlen werde, die dafür verantwortlich waren. Wieso können sie mich nicht in Ruhe lassen? Was hatte ich getan, dass immer wieder alles zerstört wurde, was ich zu lieben und schätzen gelernt hatte? Bevor ich aber meinen Schwur überhaupt in die Tat umsetzen konnte, musste ich erst mal dieses hier überleben.

 

Der Pfeil steckte immer noch in meiner Bauchseite und es blieb mir nichts anderes übrig, als nun selbst den Pfeil aus mir herauszuziehen. Ich schaute mir nun die Verletzung genauer an. Der Pfeil steckte zwar tief, aber nur an der äußersten Seite meiner linken Bauchseite. Die Organe könnten vielleicht unverletzt geblieben sein und womöglich war es auch nur eine Fleischwunde. Die Verletzung brannte und jede Bewegung die ich machte verursachte schreckliche Schmerzen, die mich jedes Mal erstarren ließen. Mittlerweile fing ich auch leicht an zu zittern und zu schwitzen. Aber, ich hatte gelernt Schmerzen auszuhalten und ich werde auch diese Schmerzen aushalten. Ich musste den Pfeil herausziehen. Je früher umso besser. Da dieser Pfeil wahrscheinlich Wiederhaken hat, wird es schwer werden den Pfeil von vorne herauszuziehen. Kann sein, dass es besser ist den Pfeil durchzustoßen, den Schaft vom Pfeil zu trennen und dann die verbliebene Pfeilspitze nach hinten herauszuziehen. Sobald ich jedoch den Pfeil anfasste, verlor ich wegen der Schmerzen schnell den Mut mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber wenn ich überleben wollte, dann blieb mir keine andere Wahl und ich musste es tun..

 

Ich schnappte mir einen handgroßen Stein und atmete noch einmal tief durch. Beim Ausatmen schlug ich dann mit voller Kraft auf den Schaft des Pfeils. Ich brüllte und krümmte mich auf den Boden vor Schmerzen. Die Pfeilspitze durchdrang den restlichen Weg durch mein Fleisch und meine Hautschicht. Die Pfeilspitze ragte nun nach hinten aus meiner linken Taille. Das Schlimmste hatte ich wohl nun hinter mir. Ich nahm nun mein Messer und schnitt den Schaft des Pfeiles ab. Als ich dann soweit war, biss ich die Zähne zusammen, umfasste mit einem festen Griff die Pfeilspitze und zog mit einem schnellen Ruck den Pfeil heraus. Sowohl aus der Eintritts- als auch aus der Austrittswunde blutete es nun stark. Ich schleppte mich zu meinen Habseligkeiten und holte mir Verbandsmaterial und die Wundsalbe. So gut es ging legte ich mir einen Druckverband auf die offenen Wunden an. Danach war ich so erschöpft und zitterte so stark, dass ich mir nur noch meine Decken holte und mich damit schließlich in meinem Schlafplatz hinlegte.

 

In meinem Schlafplatz liegend, kamen mir dann auch schon wieder schmerzliche Gedanken. Nie wieder wird Dai hier bei mir sein.., nie wieder werde ich ihr was vorlesen können.., nie wieder wird sie mit ihrem Lächeln und ihrer liebenswerten Art mein Leben erfreuen. Sie fehlte mir und ich werde sie wohl für immer vermissen. Ich konnte nun nicht anders und fing wieder an zu weinen, bis ich irgendwann in einem unruhigen und fiebrigen Schlaf fiel.

 

Es dauerte vier Tage bis das Fieber langsam nachließ und ich aus meinem fiebrigen Dämmerzustand wieder zu Bewusstsein kam. Es war sehr kalt. Der Höhleneingang war fast zugeschneit. Dai lag noch immer reglos in ihrem Schlafplatz. Ich kroch zu ihr und sagte leise: "Dai?" Ich erwartete nicht wirklich eine Antwort, denn ich wusste sie war tot.. aber irgendwie konnte und wollte ich es wohl noch immer nicht wahr haben. Ich fühlte mich schwach und hatte starken Durst. Der Wasserschlauch lag neben meinem Schlafplatz. Ich hatte ihn wohl irgendwann in meinem Fieberwahn geholt und daraus getrunken, denn er war mehr als halb leer getrunken. Ich nahm nun mehrere kleine Schlucke daraus. Obwohl ich mich schwach fühlte, entschied ich mich trotzdem aufzustehen und mir etwas zu essen zu holen. Ich hatte stark an Gewicht verloren und brauchte nun viel Kraft und Energie um das, was ich noch vorhatte, noch in die Tat umzusetzen. Mit wackeligen Beinen und völlig entkräftet schleppte ich mich zum Höhlenausgang und bahnte mir durch den ganzen Schnee, der inzwischen wieder gefallen war, einen Weg nach draußen. Es hatte seit dem Kampf mit den Verfolgern wieder sehr viel geschneit. Tote und alle Kampfspuren waren vom vielen Schnee der gefallen war, nichts mehr zu sehen. Ich stapfte nun zu der Stelle wo ich eine Grube ausgehoben und unsere Habseligkeiten sowie Lebensmittelvorräte versteckt hatte. Ich entfernte den Schnee darauf und zog dann das Tarnverdeck beiseite. Ich holte mir ein gefrorenes Stück vom verbliebenen Wildschwein und dazu noch etwas Salz und Marmelade. In der Höhle gelang es mir mit viel Mühe ein Feuer zu entfachen und schnitt anschließend das Fleisch klein und briet es in der Pfanne. Schließlich würzte ich es mit dem Salz und aß es mit der Marmelade auf. Danach legte ich mich wieder hin und versuchte wieder einzuschlafen.

 

Nach drei weiteren Tagen fühlte ich mich wieder soweit, dass ich entschied das Grab für Dai auszuheben. Der Boden war gefroren und es dauerte mehr als vier Stunden bis ich mit dem Grab für Dai fertig war. Ich legte Dai so behutsam ich konnte in dieses Grab. Ich weinte und konnte nicht aufhören zu weinen. Ich blieb noch eine Weile bei ihr und konnte mich nicht von ihr lösen. Irgendwann stand ich aber auf und küsste sie zum Abschied auf ihre Stirn. Dann legte ich noch ihre selbstgeschnitzte Puppe Fedann zu ihr und ihre Lieblingsdecke über sie. Sie sah so friedlich aus. Schließlich fing ich an das Grab wieder mit Erde zu füllen. Ich wagte jedoch nicht ihren Kopf mit Sand zu bedecken. Ich hörte schließlich auf und stieg dann doch nochmal ein letztes Mal zu ihr herunter. Ich entblößte das letzte Mal ihr stilles und lebloses Gesicht.

"Dai... ich werde immer bei dir sein.. hörst du.. immer."

Dann küsste ich sie zum letzten Mal, stieg aus dem Grab und beerdigte sie.

 

Wie es auch bisher immer so war, verheilten meine Wunden sehr schnell und ich fühlte mich mit jedem Tag besser und kräftiger. Irgendwann unternahm ich wieder kurze Ausflüge zum Jagen und Holz sammeln. Die Jagdausflüge waren meistens auch immer erfolgreich, jedoch hatte ich jegliche Freude daran verloren. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wann, wie und an wen ich mich, für das was man mir angetan hatte, rächen will. Da jedoch immer noch viel Schnee lag und es auch immer wieder schneite, war ich gezwungen mein Rachefeldzug auf den Tag zu verschieben, wo mich meine Spuren nicht mehr durch den Schnee verrieten. Alles erschien mir nun trostlos und irgendwie sinnlos. Ich verspürte keine Freude mehr an irgendetwas. Ich hatte auch keine Freude mehr ans Bogenschießen, keine Freude mehr daran meine Höhle besser auszustatten. Meine einzigen Gedanken kursierten nur noch um Rache. Jaden.., Johnas Goldan und auch Pelle und Gero sollten noch dafür büßen, was sie mir angetan hatten. Es dauerte noch drei weitere quälende Wochen bis es langsam endlich wärmer wurde und es anfing zu tauen und weitere drei Tage bis der Schnee komplett geschmolzen war. Schließlich machte ich mich dann, als ich soweit war, am frühen Abend auf den Weg nach Kaven.

 

Begegnung

 

Nach gut zwei Stunden erreichte ich den Backenfluss. Unter anderen Umständen hätte ich die herrliche Abendluft und die Abendwanderung genossen. Meine Gedanken aber kreisten jedoch die ganze Zeit nur darum, wie ich mich in dieser Nacht für das Geschehene rächen konnte. Erst als ich plötzlich vor mir Stimmen hörte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Erschreckt schaute ich nun nach vorne, in der Richtung, in der ich die Stimmen vermutete. Und tatsächlich, da stand eine Gruppe von Menschen vor mir, deren Konturen ich im nächtlichen Mondschein erkennen konnte. Instinktiv wollte ich gerade weglaufen, bis schließlich jemand rief: "Warte! Wir wollen dir nichts tun. Wir wollen nur mit dir reden.."

Die Stimme klang ruhig und vertrauensvoll und schien nach dem Klang zu urteilen einem älteren Mann zu gehören und da sie noch zu weit von mir entfernt waren, als das sie mir gefährlich werden konnten, lief ich nicht davon und blieb stehen. Wer könnte das sein? Bürger Kavens bestimmt nicht. Somit konnten es sich hier eigentlich nur um Vertriebene handeln.

"Was wollt ihr von mir?" Rief ich zurück.

Ein Mann trat nun aus der Gruppe hervor und kam etwas näher. "Wir wollen dir nichts Böses. Wir wollen nur mit dir reden."

Reden wollen sie, aha.., vielleicht.., vielleicht aber haben sie auch nur ein wenig Hunger und suchen etwas Essbares, wie mich beispielsweise.

"Ich habe bereits Erfahrungen mit Euresgleichen gemacht und die waren gelinde gesagt.. nicht gerade vertrauenserweckend!" Und rief noch hinterher: "Was wollt ihr denn mit mir bereden?"

Es folgte eine kurze Pause, bis er dann sagte: "Auch unter uns Vertriebenen gibt es solche und solche. Wir haben ebenfalls unsere schlechten Erfahrungen mit so manchen Ausgestoßenen gemacht. Wir sind aber nicht so!" Er kam nun wieder ein paar Schritte näher. "Hör zu, wir haben dich schon seit längerem beobachtet und wissen mittlerweile so einiges über dich." 

"Und was wisst ihr über mich?" Wollte ich nun wissen.

"Wir haben dich häufig auf deinen Jagdausflügen gesehen und wir haben mitbekommen, dass du eine Krasianerin bei dir aufgenommen hast und du sie auch gut behandelt hast. Wir wissen auch, dass es wohl einen Kampf zwischen dir und einigen Männern, womöglich mit Bürgern aus Kaven, gegeben hat und du oder ihr beide es sogar geschafft habt eure Gegner zu besiegen. Schließlich wissen wir natürlich auch von deinem großen Verlust den du offensichtlich erlitten hast. Sie schien ein wirklich tapferes Mädchen gewesen sein..  und wir hätten sie auch gerne in unsere Gruppe aufgenommen. Verstehst du nun worauf wir hinaus wollen?"

 

Ich war fassungslos. Die haben mich die ganze Zeit beobachtet! Ich hatte nie etwas bemerkt, gesehen oder geahnt. Und jetzt.., jetzt bietet dieser Mann mir an, dass ich mich ihnen womöglich anschließen kann? Warum? Ich habe jetzt ganz andere Pläne.

"Warum? Und warum jetzt?" Fragte ich nun.

Der Mann kam nun wieder etwas näher. "Wie wäre es, wenn wir diese und andere Fragen gemeinsam in einer gemütlichen Runde am Feuer besprechen?"

Obwohl ich wenig Lust dazu verspürte und ich unbedingt meinen Plan auch in die Tat umsetzen wollte, war ich neugierig geworden. Was soll‘s.. und Zeit hatte ich ebenso noch genug. Ich nickte schließlich und sagte: "Gut.. einverstanden.., ich denke dafür habe ich noch etwas Zeit."

Der Mann schien nun erleichtert. "Gut, sehr vernünftig!" Er kam nun auf mich zu. Er war, so konnte ich nun erkennen, von kräftiger Statur und er trug, einen selbstgemachten Mantel aus diversen zusammengenähten Fellen. Als er schließlich vor mir stand, streckte er mir seine Hand entgegen.

"Ich bin Eldar Wordan. Freut mich dich endlich kennenzulernen!"

Ich nahm seine Einladung an und ergriff seine entgegengestreckte Hand.

"Ich bin Rota." Erwiderte ich nur.

 

Er führte mich dann zu seinen Leuten. Sie waren insgesamt zu viert. Eine erwachsene Frau und drei erwachsene Männer.

"Das ist Jolanda.." stellte Eldar nun die Frau vor. Die Frau die nun ein Schritt vortrat, war groß, stämmig und schaute mich grimmig und widerwillig an. Sie sagte kein einziges Wort und nickte mir nur kurz zu.

Ich nickte ihr ebenfalls nur kurz zu. Jolanda gehörte anscheinend nicht zu denjenigen die mich gerne in ihre Gruppe aufnimmt.

"Die anderen beiden hier, sind Kaspar..." Eldar zeigte auf einen kleinen, stämmigen kahlköpfigen Mann mit einem schwarzen Bart. "...und Tokar".

Kaspar kam jetzt auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff seine Hand. Sein Griff war sehr fest, aber ich konnte genug Kraft aufbringen um diesen festen Handgriff entsprechend zu begegnen. Er schaute mir nun eindringlich in die Augen.

"Teufel! Ich hoffe nicht, dass du der bist nach dem du aussiehst! Auf der anderen Seite.., wäre es natürlich gut für uns, dich dann auf unserer Seite zu haben." Er lachte dabei und die anderen, bis auf die Frau, fielen in sein Lachen ein.

 

Dann kam Tokar auf mich zu. Tokar sah aus wie ein Krasianer und vermutlich war er es auch. Er hatte diese typisch langen schwarzen Haare, die nach krasianischer Art auf den Kopf zu einem Knäuel gebunden waren. Seine Kleidung bestand ausschließlich aus Leder, die perfekt und mit hoher Kunst seinen Körper kleideten. Er sah wie der geborene Krieger aus und er trug ebenfalls, wie ich, einen Bogen auf den Rücken. Tokar legte seine Faust an die Stirn und nickte mir respektvoll zu.

"Tokar ist Krasianer.." sagte Eldar nun. "..Wir haben ihn vor gut zwei Jahren bei uns aufgenommen, nachdem wir ihn aus.., sagen wir mal, einer heiklen Lage befreit haben. Wir haben diese Entscheidung nie bereut. Ganz im Gegenteil!" Eldar klopfte dabei Tokar kurz auf die Schulter und schaute mich dabei an. "Und bei dir habe ich ein ähnlich gutes Gefühl."

 

Sie wollten mich tatsächlich in ihre Gruppe aufnehmen. Auf der einen Seite freute ich mich natürlich über dieses Angebot. Es war schon immer mein Wunsch gewesen irgendwo und zu irgendwem dazuzugehören und in einer Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Aber warum musste dies gerade jetzt sein? Jetzt, wo sich meine Wut sich so tief in mir eingefressen hat und ich diesen unstillbaren Drang nach Rache und Genugtuung habe es denjenigen heimzuzahlen die mein Leben so verabscheuten und mir all das genommen hatten, was ich lieb gewonnen hatte. Aber könnte diese Gruppe mir vielleicht helfen? Wollte ich das überhaupt? Was war, wenn jemand oder sogar mehrere wegen meiner Angelegenheit dabei getötet wurden? Wollte ich das? Nein, je mehr ich darüber nachdachte wollte ich nicht.

 

"Du hast sicherlich eine Menge Fragen und wir ebenso an dich. Wie wäre es, wenn wir uns einfach hinsetzen und alles in Ruhe besprechen?" Fragte nun Eldar.

Ich wollte eigentlich wieder weiter und nicht hier sitzen und reden. Trotzdem nickte ich und setzte mich wie die anderen. Tokar und Kaspar entfachten ein Feuer. Die Geschwindigkeit in der sie das aber taten war einfach atemberaubend. Sie mochten vielleicht Ausgestoßene sein, aber diese Menschen hier hatten gelernt zu überleben und sich ihre Daseinsberechtigung zurück erkämpft. Das sah man jeden einzelnen von ihnen an.

 

Eldar schaute mich nun wieder an und sprach schließlich weiter: "Wir sind mittlerweile vierzehn. Neun Männer und fünf Frauen. Und wir wollen uns vergrößern und stärker werden. Es gibt viele Gefahren für uns hier in der Wildnis. Wir müssen uns um Nahrung kümmern, wir müssen dem Wetter trotzen, wir müssen uns den Krasianern und den Milizen des Bundes erwehren. Häufig kommt es auch vor, dass wir uns auch vor anderen Ausgestoßenen, die sich zu räuberischen Banden zusammengeschlossen haben, zur Wehr setzen müssen. Krankheiten und Unfälle machen uns darüber hinaus zu schaffen. Damit wir uns diesen Gefahren erwehren können, brauchen wir eine starke Gemeinschaft. Wir nehmen daher besonders auch nur die auf, die der Gemeinschaft von Nutzen sind und die Fähigkeit besitzen sich einer Gemeinschaft zu fügen und unterzuordnen. Dafür erhält derjenige die Sicherheit und den Schutz in der Gemeinschaft. Wir haben dich beobachtet und es gab zugegeben viele Vorbehalte die gegen dich sprachen. Vielen von uns war besonders deine Erscheinung.., naja, sagen wir.. unheimlich. Aber letztendlich hast du die meisten von uns mit deinem Verhalten davon überzeugt, dass wir dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen wollen." Eldar schaute mich nun an. "Also.. wie denkst du darüber?"

 

Ich wäre sicherlich gern in diese Gemeinschaft eingetreten. Aber ich hatte mir und Dai Rache geschworen und diesen Schwur wollte ich nicht einfach so aufgeben. "Ich danke Euch für Euer Angebot, aber ich habe vorher noch etwas zu erledigen. Ich habe es mir geschworen.."

Eldar runzelte die Stirn und fragte in ruhigen Ton: "Was willst du denn machen? Willst du dich für das rächen, was man dir angetan hat? Ist es das was du willst? Jemand hat dir Unrecht getan und nun willst du Genugtuung oder sowas ähnliches? Du magst vielleicht bisher so manchen Kampf überlebt haben, aber in meinen Augen bist du immer noch ein Kind und weißt gar nicht auf was du dich da wirklich einlässt und weisst du, ich werde dir sagen was du damit erreichst.. Nichts! Gar nichts! Du magst bestenfalls deine Rache bekommen und, was ich sehr bezweifle, vielleicht sogar dein Leben behalten. Aber wirst du dich danach wirklich besser fühlen? Ich glaube nicht! Vielleicht wirst du für einen kurzen Moment eine Befriedigung empfinden, aber mehr nicht. Dann aber wird man sich wiederum für das rächen wollen, was du angerichtet hast. Du wirst dich dann immer verstecken müssen..., immer auf der Hut sein müssen und nie wirklich Ruhe finden. Was ist, wenn du bei deiner Rache Unschuldige mit hineinziehst und sie dabei getötet werden oder du vermeintlich Schuldige tötest und diese in Wahrheit aber unschuldig sind? Könntest du dir das dann verzeihen?" Er machte eine Pause.

Ich wollte gerade etwas erwidern, als er die Hand hob. "Warte..., lass mich dies bitte noch sagen. Wir haben alle unsere eigene Geschichte und glaube mir, jeder von uns hatte seine Gründe, dass er oder sie aus der Gemeinschaft des Bundes oder im Falle Tokars aus der Gemeinschaft der Krasianer verstoßen wurde. Jolanda, beispielsweise, wurde deshalb ausgestoßen weil sie ihren Mann getötet hat. Dass sie das in Notwehr tat, weil er sie wieder mal wegen einer Kleinigkeit fast zu Tode geprügelt hatte, wurde in ihrem Fall nicht berücksichtigt, weil die einzige Zeugin, die Schwester des Gatten, diese Tatsache geleugnet hat. Jolanda hätte genauso wie du einen Grund dazu gehabt sich zu rächen. Sie hat es aber nicht getan. Denn man sollte sich vielleicht auch immer die Frage stellen, bevor man sich an den Personen rächt, warum diese Personen so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. In Jolanda's Fall hat die Schwester deshalb geschwiegen, weil sie sicherlich zum einen die Schwester ihres Mannes war und ihren Bruder liebte. Zum anderen hasste sie aber auch Jolanda. Jolanda hatte ihre Schwester oftmals ungerecht behandelt und dies wurde ihr erst später klar, als sie sich diese Frage ehrlich stellte. Es war demnach verständlich gewesen, dass die Schwester sie verleugnet hat und Jolanda, da gelandet ist, wo sie nun ist. Nämlich hier.., hier bei uns. Vielleicht hat man dir wirklich übel mitgespielt. Aber manchmal, wenn man wirklich ehrlich zu sich selbst ist, gibt es vielleicht auch Gründe für die man selbst verantwortlich ist, warum man da ist wo man nun mal ist. Und du bist in diesem Moment nun mal auch hier, hier bei uns und stehst vermutlich wiedermal vor einer wichtigen Entscheidung die dein zukünftiges Leben vielleicht wesentlich beeinflussen könnte. Es liegt nun an dir, was du letztlich daraus machst."

 

Ich dachte über die Worte von Eldar nach. Jedoch konnte ich keine Schuld in meinem Tun und in meinen Taten erkennen. Ich hatte mich letztendlich immer nur gewehrt und versucht zu überleben. Auch hatte ich aus meiner Sicht nicht angefangen etwas Unrechtes zu tun oder hatte jemanden etwas angetan, bevor er mir etwas angetan hat. Jaden hingegen aber liebt es mich zu ärgern und mich zu quälen. Er fühlte sich vermutlich überlegener und stärker, nur weil ich anders bin als die anderen. Und dieses Gefühl der Überlegenheit verflog und schlug in Hass um, als er mich mit Mallen sah. Mallen, das mit Abstand wohl hübscheste und beliebteste Mädchen von Kaven. Und wie Jaden erging es vielen anderen womöglich ähnlich. Konnte ich aber aufgrund meiner Andersartigkeit dafür verantwortlich sein, dass Jaden deshalb meine Baumhöhle zerstörte und vor Gericht gelogen und so die Spirale der Gewalt in Gang gesetzt hatte? Ich hatte mir meine Andersartigkeit nicht aussuchen können und konnte somit auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Jetzt habe ich jedoch die Wahl mich dieser Gruppe anzuschließen oder mich zu rächen. Ich hatte aber mir, Dai und meinen Feinden diese Rache geschworen und ich wollte immer noch dass keiner ungestraft davon kam. Vielleicht mochte ich mich mit meiner Entscheidung nun schuldig machen, aber dies einfach versuchen zu vergessen...? Nein.., das kann ich nicht und will ich auch nicht.

 

"Ich habe es geschworen! Von daher.., ich kann mich euch jetzt nicht anschließen. Ich wünschte ich könnte es, aber da ist für mich einfach zu viel passiert, was ich nicht vergessen kann und auch nicht will." Sagte ich schließlich. Sie schauten mich nun alle an und bis auf Jolanda stand ihnen die Enttäuschung in den Gesichtern geschrieben.

"Dir ist klar, dass dieses Angebot nur jetzt gilt!" Sagte Eldar. "Denn wenn du diese Entscheidung wählst, dann wirst du auch nie in unsere Gemeinschaft passen. Bedenke das bitte."

Ich stand auf, schloss die Augen kurz. Es kommt, wie's kommt. Und genau wie's kommt, ist es richtig, wird gesagt. So soll es dann auch kommen, wie es kommt. Schließlich sagte ich: "Ich wünschte wirklich es wäre anders.., aber ich kann nicht anders. Ich danke euch trotzdem für euer Angebot und wünsche euch alles Gute für eure Zukunft." Dann ging ich wieder weiter.

 

Unheil in Kaven

 

Ich drehte mich nicht mehr zu ihnen um und sie machten auch keine Anstalten mehr mich umzustimmen oder mich aufzuhalten. Mir fiel diese Entscheidung schwer. Ich wollte immer dazugehören.. und hier ergab sich für mich zum ersten Mal in meinem Leben eine wirkliche Chance in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden und  dazuzugehören. Und jetzt? Jetzt machte ich mich auf, um mich zu rächen und Menschen Gewalt anzutun, die mir aus meiner Sicht Unrecht getan haben.

 

Auf meinem Weg nach Kaven ließen mich aber die Worte von Eldar an mein Vorhaben immer mehr zweifeln. Wen traf für das Geschehene wirklich Schuld und was ist wirklich gerecht?

Gero ist dumm und lediglich ein Mitläufer. Er wird von Jaden benutzt und beeinflusst. Kann ich Gero dafür verantwortlich machen, weil er schwach ist und letztendlich nur das macht, was man von ihm verlangt?

Pelle hingegen hat die Stärke eigene Entscheidungen zu treffen. Er hatte jedoch, denke ich, für seine Taten auch schon ziemlich büßen müssen. Sein Vater war wegen mir nicht mehr am Leben und ich hatte ihm sein rechtes Augenlicht genommen. Auch kann er wohl, nach Jakes Angaben, auf dem verbliebenen Auge nur noch wenig sehen. Er wird für immer auf Hilfe angewiesen sein.

Und Johnas Goldan.., der Bürgermeister, ein sehr beliebter Mann in Kaven, er wollte Mallen schließlich auch nur vor mich beschützen. Ich, der für die meisten in Kaven wohl sowas wie ein Ungeheuer bin. Er misstraute mir und hatte letztlich vielleicht auch nur Angst um Mallen gehabt. Um um zu verhindern, dass ihr vermutlich etwas zustieß, war ihm jedes Mittel recht und dazu gehörte eben mich zu verleugnen und damit das Problem von Kaven endgültig zu beseitigen. Und hat auch er womöglich nicht auch schon für seine Lügen büßen müssen? Denn Mallen, seine einzige Tochter, sein ganzer Stolz, hat sich wahrscheinlich von ihm abgewandt und hasst ihn nun für das was er getan hat.

Blieb nur noch Jaden. Bei Jaden hatte ich immer noch das hartnäckige Gefühl, mich für das, was er getan hatte, zu rächen. Er hasst mich und ich will, dass er für seine Taten zumindestens noch Reue zeigen sollte. Eldar's Worte hatten mich daher nun tatsächlich beeinflusst. Ich will mich nur noch auf Jaden konzentrieren. Er soll jedenfalls bereuen, was er mir angetan hat.

 

Es dauerte noch mehr als zwei weitere Stunden, bis ich endlich in Kaven angekam. Es war noch stockdunkel und es würde noch drei weitere Stunden dauern, bis der Tag anbrach und die Sonne wieder aufgehen würde.

Ich ging zu dem Abhang, wo sich der Eingang zum Tunnel befand. Der Tunneleingang war jedoch nicht mehr wie sonst mit Steinen getarnt. Irgendwas stimmte hier nicht. War der Tunnel entdeckt worden oder schlimmer noch, war Jake aufgeflogen? Jake war seit dem ersten Schneefall auch nie mehr zur Höhle gekommen. Das musste zwar nichts bedeuten, denn Jake hatte selbst gesagt, dass er erst wieder kommen wollte, wenn kein Schnee mehr liegen würde.

 

Ich nahm mein Bogen und legte einen Pfeil auf und ging dennoch in den Tunnel. Ich ging vorsichtig und blieb immer wieder kurz stehen und horchte nach etwas Verdächtigem. Aber nichts regte sich und ich kam schließlich ungehindert durch den Tunnel zum Brunnen. Es stellte sich nun die Frage, ob der Brunnen oben bewacht wurde. Sollte ich nun die Leiter vom Brunnen benutzen, wäre ich wohl auf dieser völlig ungeschützt. Man müsste nur oben auf mich warten oder man könnte sogar gleich mich von oben mit ein paar Pfeilen von der Leiter schießen. Ich horchte, aber es war nichts Verräterisches zu hören. Mir blieb letztlich nichts anderes übrig, als es zu wagen und mittels Leiter hinauf durch den Brunnenschaft nach oben zu steigen. Als ich jedoch oben angekommen war, blieb entgegen meinen Befürchtungen auch hier alles ruhig. Seltsam. Ich atmete nun erleichtert aus und machte mich nun in aller Stille auf den Weg nach Jaden's Zuhause.

 

Jaden hatte keine Geschwister und er wohnte, soweit ich wusste, mit seinen Eltern in einem großen Haus, etwas abseits im wohlhabenden Viertel von Kaven. Obwohl ich so gut wie nie dort gewesen bin, wusste ich von den Beschreibungen meines Onkels welches Haus es nur sein konnte. Mein Onkel beschrieb das Haus der Grat's als das prächtigste und größte Gebäude von Kaven. Mein Onkel schwärmte von diesem Haus und das er irgendwann einmal ein ähnliches Haus haben würde. Doch nun scheint er, mehr denn je, von diesem Traum entfernt zu sein.

 

Nun stand ich aber hier vor dem noch scheinbar friedlichen Haus der Grat's. Alles war, bis auf die Geräusche des Windes, still und friedlich ruhig. Mein Herz klopfte heftig und mir kam diese Situation ziemlich skurril vor. Gleich werde ich diese friedliche Stille stören und womöglich Terror in die Familie Grat bringen. Ich ging zur großen Eingangstür und versuchte die Tür zu öffnen, die jedoch erwartungsgemäß verschlossen war. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ich schaute mir die Fenster an. Alle Fenster bis auf das rechte vordere Fenster waren mit Fensterklappen verschlossen. Ich ging zu dem offenen Fenster. Das Fenster war jedoch für meine Größe zu hoch, um das ich etwas dadurch hätte etwas sehen können, geschweige denn durch dieses Fenster im Haus der Grat's zu gelangen. Glücklicherweise entdeckte ich nicht weit davon ab, am Nebengebäude eine kleine Leiter. Ich schnappte mir die Leiter, stellte diese unterm Fenster und kletterte diese schließlich hinauf. Hinter das Fenster befand sich das Schlafzimmer von Jadens Eltern und beide schienen auch in ihrem Bett zu liegen und tief und fest zu schlafen. Was jetzt? Mein Herz raste und meine Nerven waren zum zerreißen gespannt. Ich stieg erst mal ein paar Stufen die Leiter wieder runter. Atmete nochmal tief durch. Was will ich eigentlich? Ich hatte mich doch entschieden, dass ich Jaden für seine Taten zur Rechenschaft ziehen will. Nun war ich hier. Also. Was willst du jetzt? Schließlich ging ich die Leiter wieder nach oben. Mit zitternden Händen nahm ich meinen Bogen und meinen Köcher mit Pfeilen ab und legte diese so vorsichtig und so leise ich es konnte durch das offene Fenster auf den Boden im Zimmer der Grat's. Dann kroch ich selbst durch das Fenster. Die Eltern von Jaden schliefen scheinbar immer noch fest und hatten von meiner Ankunft noch nichts bemerkt. Ich legte mir den Köcher wieder über den Rücken. Den Bogen nahm ich in die Hand und spannte vorsichtig einen Pfeil an die Sehne des Bogens. Dank des offenen Fensters konnte ich zu mindestens noch die Zimmertür und die Möbel die im Zimmer standen erkennen.  Jadens Vater lag laut schnarchend auf dem Rücken und die Mutter schlief eng an ihm geschmiegt auf der Seite im Bett. Beide friedlich in trauter Zweisamkeit. Kaum vorstellbar, dass diese Beiden einen Sadisten als Sohn hatten. Vorsichtig ging ich nun Richtung Zimmertür. Ich wusste nicht was es letztlich gewesen war, was mich verraten hatte, denn plötzlich wurde es ganz still im Schlafzimmer der Grat's. Geräusche, ein kurzes Murmeln.., dann die Stimme von Jadens Vater, Robert Grat.

"Jaden? Was.., was willst du...?  Jaden...?".

Mist! Fluchte ich innerlich.

"Ich bin nicht Jaden.." sagte ich so ruhig und selbstsicher ich noch konnte. Dann wachte auch die Mutter auf.

"Robert! Wer ist das? Was geht hier vor?" Schrie sie entsetzt auf.

"Wer bist du und was willst du von uns?" Fragte nun Robert, Jadens Vater. Dabei sprang er schnell aus dem Bett.

"Stehen bleiben!" Schrie ich und spannte den Pfeil im Bogen und zielte nun auf Robert. Robert blieb stehen. "Eine klitzekleine Bewegung noch und ich schieß dir ein Pfeil in deinen fetten Bauch! Hast du mich verstanden?" Drohte ich nun. Panik ergriff mich. Das war so nicht geplant. Was sollte ich nun mit diesen beiden machen?

"Bist du.., bist du nicht der, der meinen Sohn ins Bein gebissen hat..? Du bist Rota Gevill! Verdammt! Was willst du hier?! Hast du nicht schon genug angerichtet?"

Jadens Mutter unterdrückte einen Schrei und fing nun hysterisch an zu weinen. "...der rote Teufel...? der... Sohn Satan's..! Nein...! Oh Gott nein...!"

Ich ging zwei Schritte zurück um ein wenig Abstand von den Beiden zu bekommen. "Von euch will ich nichts! Ich will nur mit eurem "lieben" Sohn sprechen.." Da mich die Dunkelheit nun doch sehr störte, fragte ich nun: "..Sagt mal, habt ihr hier keine Petroleumlampe oder sowas..? Man kann ja kaum was sehen."

"Wir haben hier eine auf unseren Tisch stehen.., warte.." antwortete Jadens Vater und drehte sich langsam zur rechten Wand, wo scheinbar ein kleiner Tisch stand. Dann plötzlich drehte er sich blitzschnell wieder um und warf den Tisch mit voller Wucht in meine Richtung. Ich erkannte dies zu spät und der Tisch traf mich voll auf meinem Oberkörper. Ich verlor dabei meinen Bogen aus der Hand. Der Pfeil löste sich und schoss ins Leere. Jadens Vater stürzte sich auf mich. Er war stark und ich konnte ihm erst mal nichts entgegensetzen. Er warf mich mit ganzer Wucht zu Boden und schlug mit der Faust auf meinen Kopf. Er traf mein Ohr, das sich sofort taub anfühlte.

"...DU SATAN! ICH WERD DICH LEHREN ... UNS ZU BEDROHEN!!".

Ich hob nun meine Hände um meinen Kopf zu schützen. Er jedoch schlug mich dann mit seinen Fäusten in den Magen. Ich konnte nun keine Luft mehr bekommen und ich krümmte mich vor Schmerzen. Dann griff er nach meinen Hals und drückte mit aller Gewalt zu. Ich war geschockt und wusste nicht wie mir geschah. War das jetzt mein Ende? Schmerzen! Ich kann Schmerzen ertragen! Schmerzen kommen und gehen wieder! Konzentriere dich! Ich packte nun die Handgelenke von Jadens Vater und drückte mit aller Gewalt die würgenden Hände von meinem Hals weg. 

"Grrrrrnngggg... du Teufel! das.., das.. gibt‘s doch niiicht..." Jadens Vater versuchte vergeblich nochmal kräftiger zuzudrücken. Dann drehte ich mich aber schnell zur Seite weg und zog mit der rechten Hand mein Messer. Robert warf sich wieder auf mich. Dann stach ich zu. Zwei, drei, vier Mal und immer wieder.. Jadens Vater brüllte vor Schmerzen.

"Robert! Nein! Nicht..! Bitte niiiicht! Nein! NIIIICHT!!!" Schrie Jadens Mutter, bis ich ihn schließlich mit einem letzten tödlichen Stich in sein Herz sein Leben beendete. Jadens Vater brach schließlich zusammen und lag nun tot über mich. Ich schob ihn nun keuchend und atemlos beiseite.

"Du Mörder!!!! Was hast du getan?... Du... du Satan! Du Ausgeburt der Hölle!" Schrie sie mich immer wieder an und eilte zu ihrem toten Mann.

"Was habe ich getan?" Stellte ich murmelnd und entsetzt mir selbst diese Frage. Bin ich ein Mörder? Mein Gott! Was habe ich getan..?

Die Mutter von Jaden weinte und schrie wieder: "Ich werde dir sagen was du getan hast! Du Monster hast einen geliebten Menschen, meinen geliebten Mann getötet. Das hast du getan! Du Teufel.. du verdammte Ausgeburt der Hölle...! Ich hasse dich...! Ich verfluche dich..!" Dann weinte sie wieder bitterlich.

 

Ich hatte genug und mit einem Mal schämte ich mich für das was ich getan habe. Meine Rachegelüste waren nun wie weggeblasen. Ich stand auf und wollte gerade durch die Zimmertür gehen um mich auf den Rückweg machen. Dann jedoch erschien Licht und.. Jaden kam herein.

"Mama, was ist los... was ist..." Jaden blieb nun wie erstarrt stehen und schien nicht zu glauben was er hier gerade sah. Mit offenem Mund, einer Lampe in der rechten Hand haltend und im Nachtanzug bot er einen nahezu lächerlichen Anblick.  "Du...?" Und dann starrte er auf den Boden  "VATER!!! NEIN! " Schrie er und rannte humpelnd zu seiner Mutter und zu seinem nun toten Vater.. "Was.., was ist los? Vater! Was hat er dir angetan?"

Er bot einen so mitleiderregenden Anblick.. Ich musste schlucken.

"WAS HAST DU GETAN? DU VERDAMMTE MISSGEBURT!" Dann stand er auf... "Dafür wirst du büßen.." und stürzte sich auf mich. Ich hatte keine Lust mehr mich zu wehren und weiteres Unheil anzurichten und ließ zu, dass er mit seinen Fäusten auf mich eindrosch. Schmerzen! Schmerzen kommen und gehen wieder..! Er traf mich überall. Ich ging zu Boden und er trat mich mit seinen Füßen. Er warf den Tisch auf mich, der daraufhin  zerbrach. Jaden nahm dann den abgebrochenen Tischbein in die Hand und prügelte mit Geschrei und üblen Beschimpfungen weiter auf mich ein. Irgendwann hörte er auf, bückte sich über mich und nahm mich im Würgegriff.

"Nun, mein Lieber, wirst du für deine Taten büßen...!!!" Dann drückte er fest zu.  Ich fing an zu würgen. "Wusstest du eigentlich Rota, dass Jake..., dein schwuler Freund, aufgeflogen ist.. Hmm.. wusstest du das? Man hat ihn gehängt... oh ja.. und nun ist er mausetot. Du hättest ihn sehen sollen. Er hat geflennt.., geflennt wie ein Baby..!" 

Jake tot? Nein! Er war also wirklich aufgeflogen. Ich war schockiert und fühlte eine totale Leere in mir. Jake verdanke ich mein Leben und jetzt ist auch er nicht mehr am Leben. Trauer und Wut packten mich jetzt. Oh Jaden..! Ich glaube das war ein Fehler und du hättest das besser für dich behalten sollen..

Jadens Mutter stand nun plötzlich mit meinem Bogen und einem aufgelegten Pfeil vor mir und spannte langsam den Bogen.

"Jaden..., halt ihn jetzt gut fest..!" Sagte sie mit einer bedrohlich ruhigen Stimme.

Gerade in dem Moment, wo Jadens Mutter die Sehne vom Bogen losließ, packte ich Jaden an den Kopf und zog ihn mit aller Kraft die ich noch aufbringen konnte vor mir und seiner Mutter. Der Pfeil traf nun nicht, wie gezielt, in meine Brust. Jadens Mutter riss die Augen entsetzt auf und schrie: "NEIIIIN..!!"

Der Pfeil traf Jaden direkt in den Hinterkopf. Jaden kreischte und sein ganzer Körper zuckte dabei wild hin und her. Dann irgendwann hörte er auf zu schreien. Sein Körper hörte auf zu zucken und rührte sich schließlich nicht mehr.

 

Jadens Mutter hat ihren eigenen Sohn getötet. Ich stieß Jaden beiseite, stand schwankend auf und ging langsam zu Jadens Mutter. Als ich schließlich vor ihr stand, nahm ich ihr meinen Bogen aus der Hand. Sie starrte mit Entsetzen und einem völlig irren Blick ins Leere. Vermutlich befand sie sich gerade in einem Zustand des Schocks. Ich beachtete sie nicht weiter, hob noch meinen Köcher mit den verbliebenen Pfeilen auf, legte diesen um meinen Rücken und machte mich dann wieder auf, um aus dem Haus der Grat's zu kommen.

 

Als ich dann wieder draußen war und das Haus der Grat's verließ, sah ich, dass in der Nachbarschaft die Schreie und der Lärm im Haus der Grat's nicht unbemerkt geblieben waren. In fast jedem der umstehenden Häuser schien Licht aus den geöffneten Fenstern. Leute standen vor ihren Eingangstüren, Stimmen waren zu hören.

"Was ist da los?... Stadtwache!... Überfall bei den Grat's.... ...Hat jemand was gesehen..?" und schließlich ... "Da...! da ist dieser Rote Teufel! Der Rote Teufel..! Rota der Teufel war im Haus der Grat's!!"

Mir war das Getöse nun ziemlich gleichgültig. Alles was mir bisher wichtig war, was ich schätzten und lieben gelernt hatte, hat man mir genommen. Vielleicht zu Recht, vielleicht auch nicht. Egal! Ich wollte das alles jetzt nicht mehr. Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden. Wer mich aufhalten will, der soll nur kommen. Ich nahm einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn bereit zum Schuss an die Sehne meines Bogens. Dann machte ich mich auf dem Rückweg zur Höhle.

 

Auf halbem Weg zum Tunneleingang stieß ich aber noch auf drei alarmierte Soldaten von der Stadtwache Kavens. Alle drei waren mit Armbrüsten bewaffnet. Als sie mich dann erkannten, blieben sie abrupt stehen. In ihren Gesichtern konnte ich Angst erkennen. Der Größte von ihnen, vermutlich auch der Befehlshabende, schrie: "Worauf wartet ihr Holzköpfe denn! Schiiießt! Verdammt SCHIIIIEßT!!"

Ungelenk nahmen sie ihre Armbrüste in Schießstellung. Ich wunderte mich. Sie waren mehr als fünfzig Schritt noch von mir entfernt. Es dürfte sehr schwierig werden, mich aus dieser Entfernung zu treffen. Ich ging langsam weiter auf die drei Soldaten zu. Dann... Zong, Zong... Zong. Die Pfeile flogen.. und flogen alle an mir vorbei. Aber ein Pfeil flog sogar gegen meiner Erwartung tatsächlich nur knapp über meinen Kopf vorbei. Nun rannte ich auf dieses Trio zu, spannte dabei den Bogen, zielte.. und als ich dann nah genug heran gekommen war, ließ ich die Sehne los. Mein Pfeil flog und traf den Soldaten, der soeben den Befehl gab auf mich zu schießen, in die Brust. Er fing vor Schmerzen an zu schreien. "AHHH.. verdammt! Dieser Teufel!.. schiiiiießt... schiieß.." Ich sah jetzt, dass die anderen beiden Soldaten noch sehr jung waren, vielleicht nur drei oder vier Jahre älter als ich. Sie boten einen erbärmlichen Anblick. Beide fummelten wild an ihren Armbrüsten herum und versuchten diese mit jeweils einem Bolzen zu nachzuladen.

 

In aller Ruhe legte ich einen neuen Pfeil auf und schoss den links stehenden Soldaten absichtlich nur in die Schulter. Er schrie vor Schmerzen.

"AHHH! Er hat mich getroffen...! Ohhhh mein Gott.., dieser Teufel.., er hat mich getroffen....!" Er stolperte ein paar Schritte zurück, fing sich aber gerade noch, drehte sich und rannte schließlich weg.

Der verbliebene Soldat hatte es jedoch endlich geschafft seinen neuen Bolzen in seine Armbrust zu laden. Er zielte nun auf mich. Aber ich hatte inzwischen auch wieder einen Pfeil im Bogen gespannt und zielte ebenfalls nun auf ihn.

"Los schieß schon.." sagte ich im ruhigen Ton. "Worauf wartest du..? Ich habe nichts mehr zu verlieren. Also..?"

Der junge Soldat schwitzte und zitterte. "Wenn.. wenn ich schieße wirst du mich ebenfalls töten.." Protestierte er ängstlich.

"Könnte sein.., muss aber nicht sein. Kommt sicherlich auch darauf an, ob du mich überhaupt triffst. Aber..., ich will dir ein Vorschlag nachen. Du legst einfach deine Waffe auf den Boden und gehst mir aus dem Weg und ich gehe dann meiner Wege. Was hältst..."

Dann machte es..Zong! Er hatte sein Bolzen abgeschossen, während ich noch sprach. Ich konnte aber noch schnell einen Schritt zur Seite machen. Der Bolzen traf mich nur leicht an meinem Oberarm. Es schmerzte, aber es war wohl nur ein Kratzer. Ich schoss ebenfalls nun meinen Pfeil ab und dieser traf tödlich. Danach zog ich noch kaltschnäuzig meine Pfeile aus den Leibern der beiden Soldaten und ging dann wieder weiter, wieder zurück zu meiner Höhle.

 

Wieder zurück!

 

Der Rückweg zu meiner Höhle verlief ohne besondere Vorkommnisse. Keiner hielt mich auf oder verfolgte mich. Das einzig Bemerkenswerte war, dass es auf dem Rückweg an diesem frühen Morgen immer kälter wurde und es wieder begonnen hatte zu schneien. Ich störte mich nicht daran und war tief in meinen Gedanken versunken. Ich wollte Rache und ich bekam meine Rache. Jedoch fühlte ich keine Genugtuung, keine Befriedigung oder etwas Ähnliches. Es fühlte sich nicht so an, wie ich es mir vielleicht auch erhofft hatte. Viele mussten wegen mir sterben. Konnte ich aber so viele Tote tatsächlich auch rechtfertigen, nur weil es mich gab? Jake, mein einziger, aber dafür der beste Freund den man überhaupt haben konnte, musste sterben weil er mir helfen wollte. Jake, der mir aufopfernd und nur weil er es für richtig hielt, immer wieder geholfen und so mein Leben gerettet hat. Jake hatte sich nie von anderen beeinflussen lassen, sondern stets die Dinge aus mehreren Blickwinkeln betrachtet und daraus dann seine eigene Meinung gebildet. Das er dann auch den Mut und die Kraft hatte, sich gegen alle Widerstände aufzulehnen, weil er aus seiner Sicht das Richtige tun wollte, dass machte ihn für mich noch bemerkenswerter. Er war ein richtiger Held. Ich konnte nicht weinen, ich fühlte nur unendliche Trauer und eine Niedergeschlagenheit die mich erdrückte. Als ich schließlich meine Höhle erreichte, schnappte ich mir sämtliche Decken die ich noch finden konnte, deckte mich in meinem Schlafplatz damit ein, legte mich schlafen und wollte nie wieder aufwachen.

 

Träume und Wirklichkeit

 

Entgegen meinem Willen wachte ich aber natürlich immer wieder auf. Aber letztlich aufgestanden war ich nur dann, wenn ich meine Notdurft verrichten musste oder ich so einen Durst bekam, dass ich einfach Schnee in meinem Mund genommen habe und diesen einfach schmelzen ließ und schließlich runterschluckte. Ich verspürte keine Lust mehr irgendetwas zu machen, wie Feuerholz zu sammeln, auf die Jagd zu gehen oder den Höhleneingang vom Schnee zu befreien. Alles war für mich irgendwie sinnlos geworden und ich wollte nur noch schlafen. Es wurde hell, es wurde wieder dunkel, es wurde wieder hell, es wurde wieder dunkel und so weiter. Inzwischen hatte es nun so viel geschneit, dass wieder so viel Schnee lag wie schon ein paar Wochen zuvor. Ich fror immer mehr und ich wurde schwächer. Ich stand immer seltener auf und die Zeiten wo ich schlief oder döste wurden länger. Meine Träume waren meistens wirr, doch es gab auch schöne Träume. Träume wo ich mit Dai auf der Jagd ging oder sie sich über meine Kochkünste beschwerte oder wo wir gemeinsam abends zusammen in meinem Schlafplatz lagen und Geschichten aus einem der wenigen Bücher, die wir von Jake erhielten, lasen. Ich hatte auch Träume wo ich Mallen wiedersah. Wir streiften gemeinsam mit Zisko durch die Wälder und kletterten die höchsten Bäume mit den schönsten Aussichten hinauf. Wir hatten viel Spaß und ich hatte in diesen Träumen sogar gelacht. Mit der Zeit schienen die Träume auch immer intensiver zu werden und mir fiel es immer schwerer die Träume von der Realität zu unterscheiden.

 

Es war so kalt und ich hörte Mallen irgendwann immer wieder mit Angst und Besorgnis nach mir rufen. Warum hat sie denn Angst um mich? Hell, es wurde mit einem Mal heller. Dann hörte ich sie wieder laut nach mir rufen. Mallen schien, nach der Lautstärke zu urteilen, nun auch ganz nah zu sein. Ich konnte mich in dem Traum in dem ich mich befand nicht rühren. Ich wollte ihr zurufen, dass ich hier bin und das sie keine Angst haben musste, dass alles gut war. Aber nichts war gut. Ich konnte nichts sagen, ich konnte mich nicht bewegen, ich war völlig erstarrt. Wahrscheinlich lag es an der Kälte. Ich musste irgendwie zu einem Eisblock oder sowas gefroren sein. Seltsamer Traum. Plötzlich hörte ich jedoch Mallen erleichtert meinen Namen rufen "Rota! Endlich..!" Nach dieser anfänglichen Erleichterung klang sie aber wieder besorgt und sie rief "Mein Gott.. Rota! Was.., was ist mit dir passiert...?" Dann endlich schaffte ich es meine Augen zu öffnen und ich sah Mallen vor mir. Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck voller Angst und Besorgnis. In dem Moment wo ich sie jedoch ansah, verschwand der angstvolle Ausdruck schnell wieder aus ihrem Gesicht und ein vertrautes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie schien irgendwie verändert.., sie wirkte.. älter.., ja, älter.. und.. schöner als jemals zu vor. Dann schloss ich die Augen jedoch wieder und ich verlor diesen Traum und fiel wieder in einem dieser anderen wirren Träume, dorthin wo es vielleicht auch nicht so kalt war. Ich kehrte jedoch auch immer wieder zu diesem seltsamen Traum zurück. Einmal sah ich Mallen mit Holzgestrüpp in den Armen kommen. Ich wollte ihr sagen, dass ich hier bin und das mir so kalt ist. Konnte jedoch immer noch kein Wort herausbringen. Ein anderes Mal war sie ganz dicht bei mir und es fühlte sich so an, als ob sie meine Füße und Waden massierte. Sie tat mir weh, aber es fühlte sich danach dort etwas besser und wärmer an. Ein anderes Mal hörte ich sie auf einmal laut jubeln. "..JA... ja.... JAAH... ENDLICH! ES BRENNT! Verflucht nochmal! Es brennt! Endlich!" Ich dachte ebenfalls.., Feuer, ja.., das ist gut.., Feuer ist schön warm. Wieder später spürte ich ihre Hände an meinem Kopf. Sie fühlte sich so warm an. Sie hob meinen Kopf zu sich auf ihren Schoß und gab mir etwas an den Mund.

"Rota, du musst etwas essen. Mach dein Mund auf.., bitte.., mach doch bitte.. eben dein Mund auf..!" Ich machte natürlich was sie sagte und schluckte, was auch immer es war, herunter. Ist das alles ein Traum oder passierte das gerade wirklich. Es fühlte sich so echt an. Dann.., war ich wieder woanders. Mallen sang und redete ständig vor sich hin. Und dann hörte ich sie sagen: "Himmel! Wie du riechst...! Das müssen wir ändern.. und du hilfst mir dabei.., ja? Rota..? Wach auf..! Bitte..! Wach auf..!"

Irgendwann sah ich Mallen wieder. Zog sie mich gerade aus? Dann wieder etwas später lag ich völlig nackt vor ihr und sie schien mich mit einem heißen Lappen.. zu waschen und mich dann überall durchzukneten und zu massieren. Dann.., war ich wieder woanders.... und wieder später........... …wieder.. in der Höhle! Ich sah Mallen! Sie saß gerade hockend vor dem Feuer und legte Holz nach. Als sie genug nachgelegt hatte, stand sie auf und schaute zu mir herüber..

"Rota.., bist du.." Ich wollte was sagen, aber ich war noch zu schwach. Ich schloss daher nur kurz die Augen und öffnete sie wieder. Sie atmete nun erleichtert aus, schloss für einen Moment ihre Augen und dann kam sie mit einem strahlenden Lächeln zu mir gelaufen und umarmte mich.

"Rota! Endlich! Du bist wieder wach! Ich hatte solche Angst! Was.., was ist passiert? Oh Rota.., bin ich froh das du wieder da bist!"

Ich versuchte etwas sagen. War aber dafür noch zu schwach. Das einzige was ich herausbrachte war ein unverständliches Gestöhne. Mallen umarmte mich wieder und schüttelte dann mit dem Kopf.

"Ist schon gut.., du musst jetzt nichts sagen!  Du erholst dich erstmal und wir reden dann morgen.., ja? Ich.., ich bin selber viel zu erschöpft um noch irgendetwas zu machen oder zu sagen.."

Sie stand nun wieder auf und dann tat sie etwas, wovon ich in meinen kühnsten Träumen nicht gewagt hätte zu träumen. Sie zog sich ihre Kleidung aus und legte sich schließlich zu mir unter die Decke. Mir stockte der Atem und mir schien mit einem Mal wieder alles unwirklich zu werden.

"Du musst wissen..., " sagte sie flüsternd "..das Beste was man bei einer Unterkühlung machen kann, ist der Austausch von Körperwärme. Das habe ich von meinem Studium in Heilkunde gelernt. Also.."

Sie schmiegte sich wie selbstverständlich ganz nah hinter mir an meinem Rücken und legte ihren linken Arm um meine Hüfte. Ich spürte nun ihre Haare und ihre warme und weiche Haut an meinem Körper. Ich nahm ihren anziehenden und bezaubernden Duft wahr. Mein ganzer Körper begann nun wieder lebendig zu werden. War ich im Himmel oder passierte das gerade wirklich. Es war jedenfalls die mit Abstand aufregendste und schönste Nacht die ich in meinem Leben bisher je erleben durfte.

 

Wiedersehen

 

Obwohl ich eine lange Zeit nicht schlafen konnte, weil ich diese vielleicht nur kurze Zeit mit Mallen einfach nur bis zur letzten Minute genießen wollte, schlief ich doch irgendwann ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und fragte mich wieder, ob ich das alles nicht doch nur geträumt hatte. Aber dann spürte ich Mallens warmen weichen schönen Körper an meiner Haut. Sie lag immer noch, genauso wie gestern, eng angeschmiegt hinter mir an meiner Seite. Das fühlte sich zu real an, als das es nur ein Traum sein konnte. Mallen schlief noch immer tief und fest. Mir gingen nun viele Fragen durch den Kopf. Wie lange lag ich hier schon? Ich fühlte mich so schwach und ausgemergelt. Es musste daher schon eine sehr lange Zeit gewesen sein. Warum habe ich es nur soweit kommen lassen? Und jetzt ist Mallen hier.., hier bei mir..!  Das ändert vieles. Aber warum ist sie überhaupt hier und warum gerade jetzt? Ich drehte mich nun langsam mit Schmerzen zu ihr um. Sie wurde nun ebenfalls wach. Mein Herz klopfte heftig. Dann wurde mir plötzlich bewusst, dass auch ich ja völlig nackt war. Sie hatte mich wohl, als ich mich teilweise im bewusstlosen Zustand befand, gewaschen und meine Muskeln massiert. Obwohl ich mich körperlich schwach und leer fühlte, konnte ich mich nicht dagegen wehren und ich wurde erregt. Ich glaube nicht, dass sie meine Erregung spürte und wenn, dann ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Sie schaute mich nun an und lächelte.

"Hallo Rota.." sagte sie nur.

"Hallo Mallen!"

Wir hatten uns so lange nicht mehr gesehen, hatten vielleicht beide auch die Hoffnung schon aufgegeben uns je wieder zu sehen und nun lagen wir plötzlich beide zusammen nackt unter einer Decke.

"Wie geht's dir jetzt?" fragte sie nun.

"Dank deiner Behandlung.., bin ich wieder hier.. und der Rest von mir.., wird denke ich auch noch kommen." antwortete ich schwach.

"Was ist mit dir passiert?" Fragte sie nun.

"Das.., ist eine lange Geschichte und auf vieles bin ich nicht gerade stolz. Aber sag du mir erstmal, wie kommt es das du hier bist und wie du überhaupt hier hergefunden hast?"

Mallen lehnte sich zurück und fing an zu erzählen.

"Vor drei Tagen hatte ich in Tenna erstmals davon erfahren was sich in Kaven unglaublicher Weise ereignet haben soll. Es war in Tenna das Gesprächsthema überhaupt! Man erzählte sich, dass ein mordlustiger, teuflischer Junge, den man zum Teufel gejagt hatte, entgegen aller Erwartung in der Wildnis überlebt haben soll. Ein Trupp von fünf Soldaten soll diesen Jungen zufällig in der Wildnis entdeckt haben. Von den fünf Soldaten kehrte jedoch nur ein einziger wieder zurück. Man nimmt an, dass die anderen Soldaten wohl auf mysteriöser Weise von diesen Jungen getötet wurden. In Kaven beschloss man kurz darauf, einen Trupp von sechs oder sieben erfahrenen Soldaten mit Spürhunden nach diesem Jungen suchen zu lassen um ihn dann festzunehmen und zurück nach Kaven zu bringen und ihn dann für diese Taten erneut zu verurteilen. Dieser Trupp kehrte aber auch nie wieder nach Kaven zurück. Unglaublicherweise soll dieser Junge, den man nur noch den roten Teufel nennt, etwa eine Woche später nachts nach Kaven gekommen sein und soll dort ein regelrechtes Blutbad angerichtet haben. Er terrorisierte angeblich dort eine Familie namens Grat und tötete den Vater und den Sohn. Die Mutter ist völlig verstört und befindet sich in einem Schockzustand. Zwei weitere Wachsoldaten sollen ebenfalls auch noch von diesen Jungen getötet worden sein.

 

Ich war natürlich froh, dass du noch lebst. Aber.., hat sich das alles wirklich so zugetragen? Ich kann das irgendwie nicht glauben, dass du das alles getan hast und überhaupt.., warum?"

 

Ich wollte eigentlich ungern darüber sprechen und fühlte mich noch zu schwach dafür, aber ich wollte auch das Mallen mich versteht.

"Es ist wahr und hat sich so ereignet, wie du es mir gerade erzählt hast." Antwortete ich schließlich.

"Aber wieso bist du nach Kaven gegangen und hast diese ganzen Menschen getötet? Aus Rache?"

Ich schaute sie nun in die Augen und nickte. "Ja, letztlich war es wohl nur Rache gewesen." Schließlich erzählte ich ihr, mit schwacher Stimme, meine ganze Geschichte. Ich erzählte ihr von den Lügen im Tribunal, wie Jake mir geholfen hatte. Ich erzählte ihr wie ich auf Dai gestoßen bin, wie ich sie befreite und wie gut wir uns verstanden hatten. Und schließlich erzählte ich ihr auch wie Dai getötet wurde und ich schließlich das tat, was ich getan habe. Mallen legte nun sanft ihre Hand auf meine Wange und schaute mich nachdenklich und traurig an. Mein Herz schlug wieder schneller und ich musste schlucken.   

 

"Es tut mir sehr Leid, was sie dir und deiner kleinen Freundin Dai angetan haben. Du hast damit sicherlich genug Gründe gehabt, dass du das getan hast, was du aus deiner Sicht tun musstest. Ich wünschte ich wäre damals bei Euch gewesen und hätte Euch irgendwie helfen können."

Es herrschte nun eine für mich etwas beklemmende Stille zwischen uns und wir waren uns so nah.. Ich hätte sie in diesem Moment am liebsten geküsst, aber dann redete Mallen doch wieder weiter.

"Ich wollte eigentlich schon viel früher zu dir kommen, aber mir fehlte letztendlich immer der Mut dazu. Aber der Grund warum ich jetzt tatsächlich hier bin, ist Jake. Denn ich hörte in Tenna auch, dass Jake Tage zuvor wohl nachts in der Wildnis gefasst und festgenommen wurde. Er wird verdächtigt dir geholfen zu haben und sitzt nun, wie du damals auch, im Kerker von Kaven und wartet auf seine Verurteilung. Da Jake mir damals noch genau beschrieben hatte, als du vertrieben wurdest, wo diese Höhle liegt und ich dich finden kann, habe ich mich noch am selben Tag nachts allein auf den Weg zu dir aufgemacht. "

 

Wußte Mallen noch gar nicht das Jake nicht mehr lebte?

"Jake ist tot!" Sagte ich nur.

"Jake ist tot? Wieso soll er tot sein? Wann...? Und woher weißt du das?"

Ich erzählte ihr schließlich wie und von wem ich diese Information erhalten habe.

 

"Glaubst du das wirklich? Glaubst du tatsächlich das, was Jaden dir kurz vor deinem.. drohenden Ende sagte? Jaden war ein niederträchtiges Großmaul! Ich glaube das nicht. Ich glaube eher, dass er einfach nur gelogen hat um dir nur noch eine für dich schockierend schlechte Nachricht mit auf den Tod zu geben. Jake ist nicht tot! Das glaube ich nicht!"

Mallen war sichtlich erschrocken und entsetzt über meine Behauptung. Da war mehr als nur Freundschaft zwischen Mallen und Jake, das war mir spätestens jetzt klar geworden. Aber an dem, was Mallen sagte, könnte wirklich was dran sein. Jaden war gemein und niederträchtig genug um solche Lüge zu äußern. Hoffnung keimte in mir auf.

"Vielleicht hast du Recht, Mallen. Dann, verdammt, lass uns keine Zeit verlieren!".

Sie lächelte und dann nahm sie mein Gesicht in ihre beiden Hände und küsste mich direkt auf den Mund. Ich erstarrte und fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Sie grinste.

"Dafür liebe ich dich!" Sagte sie, stand auf und zog sich ohne irgendwelche Scham ihre Kleider an.

"Ich werde uns Beiden erst mal etwas zu Essen zubereiten und vielleicht versuchst du schon mal wieder aufzustehen und dich zu bewegen. Oder? Was meinst du?"

Ich nickte nur und versuchte erst mal wieder klare Gedanken zu bekommen.

 

Mallen hatte noch Brot und genügend Dörrfleisch in ihrer Tasche und ich hatte noch reichlich Zucker und Mehl in meinem Lager gehabt. Ich schaffte es aufzustehen, mich sogar selbständig anzuziehen und ein paar Schritte zu machen. Ich fühlte mich zwar schwach, aber wenn ich mich zu etwas zwang, tat mein Körper das, was ich wollte. Wir aßen schließlich. Mallen hatte es sogar geschafft wieder ein Feuer zu machen. Mallen redete dabei unablässig. Sie erzählte was sie alles in Tenna erlebt hatte, dass sie sich speziell für das Studium der Heilkunde interessierte und ihre Chancen sogar ziemlich gut waren diese Ausbildung auch zu bekommen und.. vieles mehr.

 

Irgendwann fragte ich sie, wie nun ihre Beziehung zu ihrem Vater sei.

"Mein Vater hat mich damals mit Gewalt von Kaven nach Tenna verschleppt. Er sagte er wollte mich nur vor dir beschützen und ich ihm eigentlich dankbar sein müsste, wenn ich nur wüsste, was er wüsste. Er hat mir aber nie gesagt was das wäre. Aber ich.., ich glaube ihm das nicht, denn ich kenne dich und du.. bist nicht so.., du magst vielleicht anders sein wie die anderen, aber ich denke du bist im Kern ein guter Mensch. Ich habe seit dem auch nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen.."

Ich musste schon etwas schlucken als Mallen das sagte. Ich.., ein guter Mensch?

"Wenn ich es aber nun aus der Sicht deines Vaters betrachte, dann hatte er in gewisser Weise vielleicht auch Recht. Tatsache ist, ich habe viele Menschen getötet und habe vielen anderen damit auch Kummer bereitet. Und so wie es aussieht, bringe ich nun offensichtlich auch dich in Gefahr. Von daher.., hatte dein Vater wohl nicht ganz unrecht und ich bin tatsächlich nicht gut und sogar gefährlich für dich."

 

Mallen stand nun auf und hockte sich ganz dicht vor mir hin. Sie nahm meine rechte Hand in ihre Hände und schaute mir nun in die Augen. Mein Gott.., wie schön sie ist.. Ich schluckte. Ihr Anblick verunsicherte mich wieder und ich fragte mich abermals, was so ein Mädchen wie Mallen nur von mir wollte. 

"Hör mir zu Rota! Ja.., du magst Menschen getötet haben. Aber.., du hast es letztlich doch nur getan, weil du um ein lebenswertes Leben, also um dein Leben, gekämpft hast! Oder nicht? Du hast doch nur das getan, was du in den jeweiligen Momenten für richtig gehalten hast. Du hast um deinen Platz auf dieser Welt gekämpft und das ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung so und verdient aus meiner Sicht sogar Respekt. Außerdem glaube ich, dass ich an deiner Stelle vermutlich das Gleiche getan hätte, wenn ich es gekonnt hätte. Davon mal abgesehen will ich ab jetzt auch nur noch das tun, was ich für richtig halte!" Dann stand sie wieder auf und setzte sich wieder zu ihrem Platz.

"Und jetzt hältst du es für richtig Jake aus dem Kerker zu befreien. Egal was kommt?" Fragte ich nun.

"Genau!" Antwortet sie kurz und knapp und mit einem leichten Grinsen im Gesicht.

"Und, wie ist dein Plan?" Fragte ich. 

"Du.., bist mein Plan!" Antwortete sie nur.

"Also.. Ich habe mir eigentlich nie richtig einen Plan gemacht." Erwiderte ich nun ebenfalls mit einem leichten Grinsen.

Fing jedoch nun aber darüber nachzudenken.

 

"Die Zitadelle nachts zu überfallen, um in den Kerker zu gelangen, wird schwierig werden, da die schweren Tore der Zitadelle am Abend geschlossen und erst morgens wieder geöffnet werden. Von daher werden wir nur tagsüber in die Zitadelle gelangen können und ich denke die beste Zeit dafür wird morgens sein, kurz nach der Öffnung der Tore. Ich denke, dass die Wachstube am Tor auch immer nur mit einem oder zwei Leuten von der Stadtwache bewacht wird. Wir werden diese Wachsoldaten dazu bewegen müssen uns zur Zitadelle zu folgen oder wir werden sie oder, falls es nur einer ist, dann gleich unschädlich machen müssen. Das bedeutet wir müssen am besten auch beide bewaffnet sein. Kannst du mit Pfeil und Bogen umgehen?"

Mallen schüttelte den Kopf. "Nein, nicht wirlich."

"Dann bekommst du eine Armbrust. Davon habe ich noch mehr als genug hier rumliegen. Unser Vorteil ist, wenn es schneit, werden wir mit den Waffen auch nicht so schnell erkannt werden und wie es momentan aussieht, könnte es auch morgen noch schneien. Tja, und wenn wir dann durch das Tor sind, werden wir in die Wachstube der Zitadelle gelangen. Was uns da aber letztlich erwarten wird, weiß ich nicht und können wir somit nur erahnen.. Kann sein, dass die Wachstube nur schwach besetzt ist, was sehr gut möglich ist, wenn man die Verluste der Stadtwache der letzten Wochen bedenkt.. Aber wir dürfen uns darauf nicht verlassen. Das einzige worauf wir uns verlassen können ist, dass es auf jeden Fall gefährlich werden wird und wir mit allem rechnen müssen. Wenn wir das aber tatsächlich geschafft haben und wir den Kerkermeister dazu gebracht haben Jakes Zelle zu öffnen, werden wir, denke ich, am besten hierher wieder zurückkehren.."

Mallen sah mich gebannt an und sagte schließlich: "Du musst mir nur noch zeigen wie man mit dieser.., dieser Armbrust überhaupt umgeht. Ansonsten.., wann brechen wir auf?"

 

Befreiung

 

Wir machten uns dann sehr spät in der Nacht auf, um Kaven früh morgens zu erreichen. Ich hatte Mallen noch gezeigt wie man mit der Armbrust umgeht und sie erwies sich als ziemlich talentiert. Sogar das Einspannen eines Bolzens ging ihr ziemlich flink von der Hand. Um in Kaven nicht gefährlich aufzufallen bedeckten wir mit Decken noch unsere Waffen. Es schneite, was vielleicht für die Tarnung sogar ganz gut war. Denn weil es schneite konnten wir unsere Kapuzen unserer Mäntel über unsere Köpfe ziehen und waren damit nicht so leicht zu erkennen. Ich fühlte mich immer noch ziemlich schwach, aber ich vertraute auf meine außergewöhnlichen Kräfte. Wir erreichten bei Tagesanbruch schließlich Kaven. Der Schnee war feucht und es war nebelig. Mallen und ich waren ziemlich durchnässt und froren. Wir gingen, trotz der Gefahr, dass dieser nicht mehr sicher war, wieder durch den Tunnel. Aber, wie auch bei meinem letzten Besuch in Kaven, wurden wir nicht aufgehalten. Scheinbar war der Tunnel doch nicht entdeckt worden und war demnach wohl doch noch sicher. Mallen war den ganzen Weg nach Kaven ungewöhnlich ruhig gewesen und jammerte auch kein einziges Mal über die Strapazen. Sie war konzentriert und zielstrebig.. stellte ich bewundernswert fest.

 

Als wir schließlich den Brunnen erreichten und die Leiter nach oben gestiegen waren, merkten wir sofort, dass irgendetwas hier in Kaven nicht stimmte. Es war ungewöhnlich still. Es war zwar noch sehr früh, aber für gewöhnlich waren um diese Zeit schon viele Bürger von Kaven wach und gingen ihrer morgendlichen Arbeit nach. Schließlich sahen wir den Grund. An einigen Häusern flatterten schwarze Tücher und Fahnen an den Häusern. Schwarze Tücher.., mussten und das wurde überall in den Schulen des Bundes gelehrt, dann an einem Haus angebracht werden, wenn der Virus Krass in diesem Haus ausgebrochen war und dort wütete. Mallen schaute mich nun entsetzt an. "Die schwarzen Tücher! Rota!"

Ich nickte nur. Es mochte zynisch sein.. ja, aber ich dachte in diesem Moment auch, dass dies für unser Vorhaben vielleicht auch ganz nützlich sein konnte. "Lass uns weiter gehen.. Mallen, und das tun weswegen wir hierhergekommen sind."

Sie nickte und wir machten uns weiter auf den Weg zur etwa noch vierhundert Schritt weit entfernt liegenden Zitadelle von Kaven.

 

Als wir schließlich ankamen, war alles so wie wir es eingeplant hatten. Die Tore wurden gerade geöffnet und das Wachhaus am Tor wurde glücklicherweise auch nur mit einem Wachsoldaten bewacht. Wir atmeten nun beide tief durch und schauten uns an.

"So hier sind wir jetzt...! Bist du bereit?"

Mallen atmete nochmal tief durch und nickte schließlich. "Ja.., wenn du bereit bist.." Ich nahm nun die Decke von meinem Bogen und spannte einen Pfeil in meinen Bogen und machte mich nun auf dem Weg zum Wachhaus am Tor der Zitadelle. Mein Herz klopfte wieder wie wild. Das wird schon.., versuchte ich mich zu beruhigen. Es kommt.., wie es kommt!

 

Der wachhabende Soldat, ein kleiner aber kräftiger Mann im mittleren Alter und mit einem langen Bart nahm uns, wie vermutet, aufgrund des Nebels und des Schneefalls tatsächlich auch erst sehr spät wahr. Ich stellte mich schließlich mit gespanntem Bogen bedrohlich vor ihm.

"Eine einzige Bewegung und du bist tot!" Sagte ich so ruhig und unbekümmert ich es in meiner Verfassung noch konnte. Mallen blieb hinter mir und bedrohte ebenfalls mit ihrer geladenen Armbrust diesen Wachsoldaten. Er erkannte mich sofort und dies schien auch seine Wirkung zu haben. Er erschrak.. und rief noch.. "Teufel!" Dann hob er aber sofort seine Hände hoch und ergab sich.

"Bleib schön von der Bimmel weg.., dann passiert dir auch nichts. Okay? Und nun verrate uns erst mal wie viele von euch sich in der Zitadelle befinden?"

Der Soldat überlegte.. und überlegte.. Ich wurde ungeduldig. "Sind es drei..! Sind es vier..! Verdammt.. WIE VIELE!!" Brüllte ich ihn nun an und drohte ihm nun ganz dicht mit meinem Pfeil vor seinem rechten Auge.

"Es.., es sind nur.. nur zwei!" Sagte er schließlich.

"Solltest du gelogen haben, dann bist du erledigt.. klar?! So, du kommst jetzt mit uns.. und.., hör gut zu.., du lässt dir auf dem Weg nichts anmerken. Hast du mich verstanden? Du läufst langsam voraus, läßt dir nichts anmerken und dir wird nichts passieren. Und jetzt los!"

Er blieb immer noch stehen und schien mich wohl nicht richtig verstanden zu haben. "Ich sagte.. LOS jetzt!" Dann endlich bewegte er sich, zwar unsicher, aber er lief langsam Richtung Eingangstür der Zitadelle. In sicherem Abstand und ohne die Waffen auf ihm zu richten folgten wir ihm verdeckt. Als wir dann die Tür zur Zitadelle erreichten, blieb er stehen.

"Tür aufmachen und langsam reingehen.." sagte ich nun leise. Dann öffnete er die Tür und ging rein.

 

"Ja.., sagen sie.., sind sie denn wahnsinnig! Sie haben Wache! Soldat!" Hörten wir daraufhin jemanden im Korridor vor der Wachstube der Zitadelle brüllen. Als wir dann schließlich eintraten bekam der andere wachhabende Soldat, der soeben den eintretenden Wachsoldaten angeschrien hatte, große Augen. Er war eine wirklich imposante Erscheinung, ein Riese mit einem mächtigen Schmerbauch. Diesen Mann kannte ich. Ich durfte ihn bei meinem damaligen Aufenthalt hier im Kerker bereits kennenlernen.

"Was ist hier los? Wer seid ihr?" Als ich meine Kapuze abnahm, wurde er kreidebleich. "Der.., der  rote Teufel..!"

Mallen wechselte nun ihre Position und richtete nun ihre Armbrust auf diesen wachhabenden Soldaten.

"Na du Pisser! Erinnerst du dich an mich..?" Ohne darauf eine Antwort zu erwarten fragte ich weiter: "Wo ist der Kerkermeister?"

Keine Antwort. Dann plötzlich machte es ...Zong. Ein Bolzen schoss direkt aus der Wachstube und flog direkt auf mich zu. Ich hatte keine Chance mehr auszuweichen.

"ROTA!! Nein..! NEIIIN..!! " hörte ich Mallen schreien.

Ein Bolzen steckte nun mitten in meine Brust. Genau an der Stelle wo auch Dai tödlich getroffen wurde. Erst spürte ich nicht viel. Danach folgte jedoch ein beklemmendes Druckgefühl in meinem ganzen Körper und das Atmen fiel mir plötzlich sehr schwer. Ich sah Mallen an und Mallen starrte mich ensetzt an. Dann plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck zu einem Ausdruck zügelloser Wut. Sie wirbelte nun mit einer gekonnten Drehung sich wieder dem wachhabenden Soldaten zu und schoss ihm ihren Armbrustbolzen in die Brust. Anschließend ließ sie ihre Armbrust fallen, zog ihr Messer und rannte damit in die Wachstube. Ich wollte es verhindern und Mallen hinterherschreien, dass sie das nicht machen sollte, aber mir fehlte die nötige Luft dazu. Dann plötzlich versuchte der erste Wachsoldat mit dem langen Bart auch noch zu flüchten. Mir blieb keine andere Wahl. Reflexartig spannte ich mit schrecklichen Schmerzen in der Brust meinen Bogen, zielte und schoss meinen Pfeil in den Rücken des flüchtenden Wachsoldaten. Er schrie und kreischte vor Schmerzen laut auf. Ich legte so schnell es ging einen neuen Pfeil auf und bewegte mich schwer atmend zur Wachstube hin. Mallen kämpfte tatsächlich mit dem Kerkermeister, einem alten aber noch ziemlich rüstigen Mann. Er war jedoch stärker und warf sie gerade zu Boden. Mallen verlor das Messer aus der Hand.

"Aufhören!" Schrie ich mit aller Kraft die ich noch aufbringen konnte und zielte mit meinem gespannten Pfeil im Bogen direkt auf des Kerkermeisters Kopf. Er sah mich jetzt und schien noch zu überlegen. Dann aber hob er schließlich die Hände. Mallen stand auf, Tränen liefen ihr die Wangen runter. Sie schaute mich mit Entsetzen an. Dann drehte sie sich wieder zum Kerkermeister und trat mit voller Wucht ihren Fuß in das Gesicht des Kerkermeisters. Er flog mit seinem Kopf gegen eine im Raum stehende schwere Truhe und war dann erst mal außer Gefecht.

 

Mallen wendete sich wieder mir zu, schaute auf meine Brust und dann wieder mich an. Ich legte mich nun auf den Boden. Dann kam sie weinend zu mir gelaufen.

"Rota..! Du bist stark.. und du wirst das überleben, wir werden das irgendwie wieder hinbekommen..  Wenn einer das schafft, dann bist du das.." Das Atmen war das Schlimmste für mich. Die Schmerzen nahmen stetig zu und wurden immer unerträglicher. Schmerzen kommen und gehen auch wieder, dachte ich wieder.

"Mallen. Nimm.., nimm deine Armbrust und.. und bring ihn dazu.." ich zeigte nun auf den Kerkermeister  ".. Jake zu befreien. Ich.., ich warte hier.."

Mallen nickte mir zu und küsste mich auf die Wange. "Ja, du hast Recht. Ich hole Jake.., du wartest hier und ich komme mit Jake gleich wieder zurück.."

Dann wendete sie sich wieder dem Kerkermeister zu. "Aufstehen! Steh auf!!" Fauchte sie ihn an. Er rührte sich nicht oder wollte sich von ihr nichts sagen lassen. Dann tat sie aber etwas, was mich dann doch wieder überraschte. Sie schoss mit ihrer Armbrust einen Bolzen in das Bein des Kerkermeisters. Zong Er schrie auf und fluchte wie wild. "HAST DU MICH JETZT VERSTANDEN!!!" Brüllte sie ihn nun an und lud einen weiteren Bolzen in die Armbrust.

"Wo sind die Schlüssel?"

Das schien der Kerkermeister nun zu verstehen. Er stand nun mit Mühe und Schmerzensschreie auf und zeigte schließlich Mallen wo die Schlüssel waren. Sie lagen in einem Schlüsselschrank an der Wand.

"So du Holzkopf! Jetzt nimmst du die Schlüssel, die du brauchst um die Zelle von Jake Flanders zu öffnen. Kapiert?!"

Der Kerkermeister holte nun ein paar Schlüssel aus dem Schrank und fragte: "Und jetzt?"

Mallen verpasste dem Kerkermeister nun einen Tritt in das Bein, wo der Bolzen steckte. Der Kerkermeister heulte nun vor Schmerzen auf.

"Was meinst du wohl.., du Schwachkopf..? Los vorwärts!" Dann verschwanden sie durch die Tür, die zum Kerker der Zitadelle führte. Ich wäre gern mitgegangen, aber ich musste meine Kraft nun gut einteilen. Ich wollte noch nicht sterben. Ich wollte überhaupt nicht mehr sterben. Nicht jetzt..! Ich hatte doch gerade erst mein Leben wieder zu lieben gelernt. Warum gerade jetzt? Aber vielleicht kann Mallen mir helfen, sie kennt sich ja in der Heilkunde gut aus. Außerdem kann ich ja Schmerzen sehr gut aushalten und habe doch diese ungewöhnlichen Kräfte.. Das muss doch irgendeinen Sinn haben! Das kann doch nicht einfach so zu Ende gehen! Ich wünschte ich könnte diesen Bolzen einfach herausziehen und alles wäre wieder gut. Aber dieser steckte fest in meiner Brust und ich wagte diesen Bolzen noch nicht einmal anzufassen.

 

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich Mallen nach meinen Namen rufen. "Rota... halte durch! Ich habe Jake! Wir kommen!" Und dann sah ich sie. Mallen mit einem vom vielen Weinen verquollenes Gesicht und... Jake! Mallen hielt Jake stützend unter seinem rechten Arm. Jake sah ziemlich mitgenommen aus. Nein, schlimmer.., er sah tot krank aus! Sein Gesicht war voller roter Flecken. Seine Augen waren blutunterlaufen und seine Nase war tief rot und völlig verschleimt. Dann sah Jake auch mich und er winkte mir unglaublicher Weise zu.

"Hallo Rota..! Du auch... im Club... der.., der Totgeweihten? Tut mir Leid.., ich wollte nicht.. mit.. aber.. aber dieses.. dieses wundersame Wesen hier.. hatte mich einfach.. mir nichts dir nichts… einfach mitgeschleppt. Ich hatte keine Chance.."

Oh, nein! Nicht auch noch Jake und dann wurde mir noch etwas bewusst..

"Mallen..... oh nein...!" Das waren die einzigen Worte die mir noch über die Lippen gingen.

 

Leben und Tod

 

Jake hatte das Krass und Mallen wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit nun ebenfalls mit dem Virus angesteckt haben. Ich musste jetzt aufstehen. Mallen hatte genug mit Jake zu tun. Aber Mallen kam mir dann doch zur Hilfe und half mir wieder hoch zu kommen. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte meine Schmerzen so gut es ging zu ignorieren.

"Wir gehen erst mal zu mir nach Hause!" Sagte Mallen nun entschieden.

Zu ihr nach Hause? Dort wo ihr Vater wohnt? Das kann ja interessant werden.., dachte ich nur. Ich war aber zu schwach um noch irgendetwas darauf zu sagen. Ich versuchte mich auf meine Schritte zu konzentrieren und mich so zu bewegen, dass die Schmerzen in meiner Brust mir nicht auch noch mein Bewusstsein nahmen.

 

Auf dem Weg musste ich immer wieder stehen bleiben und schwer nach Luft schnappen. Da Jake das Gehen aber noch schwerer fiel, half Mallen Jake beim Gehen, in dem sie ihn unter seinen Arm stütze. Sie liefen vor mir und wir verließen die Zitadelle und gelangten wieder nach draußen. Es schneite wieder kräftig, was gut war, denn das Bild was wir zu dritt auf dem Weg zu Mallens Zuhause boten, war schon ziemlich aufsehenerregend.  Jake stöhnte und keuchte. Ich musste immer wieder anhalten und versuchte verzweifelt Luft zu bekommen. Schmerzen kommen und gehen wieder.., sagte ich mir ständig. Irgendwann erreichten wir dann aber endlich Mallens Zuhause.

 

"Nein..! Bitte nicht!" Hörte ich irgendwann Mallen dann entsetzt laut aufstöhnen. Dann sah auch ich es. Auch am Haus der Goldan's hing ein großes schwarzes Tuch vor der Tür. Mallen ging mit Jake im Arm halten trotzdem zur Eingangstür. Sie klopfte.., aber niemand kam. Dann drückte Mallen die Klinke nach unten und die Tür.. ging.. auf! Die Tür war nicht geschlossen. Erleichterung! Ich hätte wohl sonst keinen Fuß mehr vor dem anderen setzen können. Wir gingen schließlich rein. Die Räume des Hauses waren groß und sehr komfortabel eingerichtet. Mallens Vater scheint auch ein wirklich vermögender Mann zu sein. Wir gingen schließlich in die große Wohnstube. Hier gab es einen riesigen Kamin, in dem sogar noch Feuer brannte. Jedoch schien keiner hier zu sein. Mallen legte Jake auf die große gepolsterte Sitzbank ab und legte ihm eine Decke über. Er fror und zitterte am ganzen Körper. Dann kam sie zu mir.

"Rota, leg du dich hier hin.." Mallen hatte nun eine große Decke und Kissen auf dem Boden gelegt. Ich legte mich schließlich hin. Ich hatte mittlerweile viel Blut verloren und mir war mindestens so kalt wie Jake sich anhörte. Mallen zitterte ebenfalls und Panik lag in ihrem Gesicht. Sie legte noch eine Decke über mich und rannte anschließend in den Korridor.

"Vater! Vater bist du hier!" Rief Mallen. Ich meinte eine Stimme gehört zu haben. Daraufhin hörte ich Mallen die Treppe hochrennen und kurze Zeit später wie sie heulend immer wieder "Vater.." rief. Nach all dem was passiert war, liebte sie anscheinend immer noch ihren Vater. Irgendwann kam Mallen dann wieder nach unten und legte sich zu mir hin. Ihre Augen waren nun vom vielen Weinen ganz verquollen und rot. Sie schien irgendwie am Ende und völlig fertig zu sein.

"Was soll ich machen Rota? Ich kann dir nicht helfen. Der Bolzen.., er sitzt zu tief und zu fest. Dazu reicht das, was ich in Tenna gelernt habe, bei weitem nicht aus. Ich kann auch Jake nicht helfen. Ich würde euch so gerne helfen.., aber ich weiß nicht wie und was ich überhaupt machen kann?"

Ich hätte Mallen nur zu gern geholfen. Ich hätte alles getan, wenn ich nur gekonnt hätte. Das Einzige was ich jetzt nur noch konnte war hier zu liegen, versuchen so gut es ging noch Luft zu bekommen und nicht zu sterben.

 

Die Wohnzimmertür öffnete sich nun und Mallens Vater, Johnas Goldan, schlurfte keuchend und völlig entkräftet durch die Tür zu uns herein. Johnas Goldan, der mich verleugnet und mich letztlich zum Teufel gejagt hatte. Man sah ihm sofort an, dass er sehr krank war. Er hatte ähnlich rote Flecken, wie Jake. Sein Blick war traurig und niedergeschlagen.

"Ihr.. ihr.. braucht keine Angst zu haben. Ich werde euch nicht rausschmeißen oder euch verraten.. oder sonst was. Ich will nur das tun, was ich hätte schon längst hätte tun sollen.. Ich will mich.. für das entschuldigen was ich euch angetan habe." Johnas Goldan kam nun auf mich zu. "..Insbesondere dir.., Rota. Ich weiß, es ist vermutlich überhaupt nicht mehr zu entschuldigen.., aber ich will es trotzdem tun." Er kniete sich nun zu mir herunter. "Rota..! Es tut mir Leid.., was ich dir angetan habe. Ich habe gelogen.., weil ich einfach nur Angst hatte. Angst um Mallen.. Es tut mir Leid.., es tut mir wirklich Leid.. Ich wünschte ich könnte es wieder.. gut machen... aber.. " Dann brach er weinend zusammen und setzte sich schließlich auf einen der herumstehenden Sessel. Ich wollte das nicht hören und hatte nun auch keine Kraft mehr um irgendetwas darauf zu antworten. Aber vielleicht war das auch ganz gut so und sollte so sein.

 

"Was können wir aber jetzt machen? Sollen wir nur noch warten, bis wir alle tot sind...?" Stellte Mallen verzweifelt nun die Frage mehr an sich selbst gerichtet als an uns.

"Gibt es denn gar nichts...?" Sie stand wieder auf und lief unruhig hin und her. Dann blieb sie auf einmal stehen.

"Obwohl.., wartet mal..., im Unterricht in der Heilkunde wurde einmal erwähnt, dass es sehr wohl eine Behandlung gibt das Krass zu besiegen. Bei dieser Behandlung überträgt man das Blut einfach von einem Menschen der das Krass überlebt hat auf einem der daran erkrankt ist. Die Aussichten diese Behandlung zu überleben sollen zwar sehr gering sein.., aber es hat demnach auch Fälle gegeben, wo die Behandlung wohl auch angeschlagen hat und Erkrankte den Virus damit überlebt haben. Es ist zumindestens eine Chance.. und allemal besser als gar nichts zu machen.. und hier nur auf den Tod zu warten." Mallen ging nun zu ihrem Vater.

"Vater, kennst du jemanden, der das Virus früher einmal überlebt hat?"

Mallens Vater schüttelte begleitend mit einem rasselnden Hustenanfall gleich den Kopf. "Nein, ich kenne niemanden. Die, die den Virus damals überlebt hatten, hatten sich soweit ich weiß, erst gar nicht angesteckt..."

Ich aber.., ich hatte damals den Virus überlebt! Ich versuchte mich nun aufzurichten, um das zu sagen. Ich war aber zu schwach. Ich konzentrierte mich und versuchte meine Schmerzen zu ignorieren.. Dann endlich schaffte ich es mich doch aufzurichten und sagte das, was ich schließlich sagen wollte:

"Ich.. ich habe Krass überlebt…! Nehmt.., mein Blut.. ihr müsst mein Blut nehmen.. Mallen..., nehmt bitte mein Blut...!" Dann sackte ich schließlich wieder zusammen.

 

Was im Einzelnen danach genau passierte, wusste ich nicht. Mallen musste es irgendwie geschafft haben sich eine Injektionsspritze aus dem Kavener Hospital zu besorgen. Irgendwann spürte ich wie Mallen mir Blut abnahm. Mallen blieb die ganze Zeit immer ganz dicht bei mir. Sie redete unentwegt und streichelte und küsste mich immer wieder.

Am frühen Morgen des nächsten Tages fiel mir das Atmen immer schwerer und zunehmend verlor ich meine letzte Hoffnung auf eine wundersame Heilung. Ich wollte noch nicht sterben und ich fragte mich was mein Leben letztlich für ein Sinn gehabt haben soll. Ich habe mir die Frage nach dem Sinn des Lebens nie gestellt. Da ich mich aber jetzt wohl in einer ziemlich kritischen Situation befinde, scheint dies wohl eine der Fragen zu sein, die man sich dann scheinbar wohl stellt. Wenn ich den Sinn des Lebens aus der Sicht eines Einzelnen betrachte, ist es sicherlich sinnvoll ein glückliches Leben geführt zu haben. Habe ich ein glückliches Leben geführt? Gab es glückliche Momente in meinem Leben? Ja…., die gab es! Ich musste insbesondere an die schönen Zeiten denken, die ich mit Mallen, Dai und auch Jake hatte. Es waren zwar nur sehr wenige glückliche Momente im Vergleich zu meinem nicht glücklichen Leben gewesen, aber sie waren für mich lebenswert gewesen. Lebenswert genug, um mir selbst sagen zu können, dass ich mein Leben immer und immer wieder leben möchte nur um diese Momente wieder zu erleben.

 

Andererseits dürfte es für das Leben im Allgemeinen ohne Bedeutung sein ob man sein Leben nun glücklich oder unglücklich gelebt hat. Der Sinn des Lebens könnte demnach dann wohl eher die Entwicklung des Lebens selbst sein, also..., wie und wohin sich das Leben zukünftig entwickeln wird. Bedeutsam wäre demnach dann wohl, was wir im Leben hinterlassen und wie wir unser Leben gelebt haben. Habe ich das Leben, oder besser gesagt die Entwicklung des Lebens, etwas hinterlassen? Habe ich das Leben nach meinem Sinn oder im Gegenteil sogar gegen meinem Sinn beeinflusst? Ich habe vielen Menschen Angst und Kummer bereitet, was sicherlich nicht unbedingt in meinem Sinn war. Auch gab es sonst sicherlich noch vieles mehr, was ich eigentlich so nicht gewollt habe. Aber war es wirklich so falsch was ich getan habe und was ich vielleicht auch nicht getan habe? Was ist wirklich gut und was ist wirklich böse? Ich denke, daß das letztlich nur eine Ansichtssachte ist. Was für den einen gut ist, muss für den anderen noch lange nicht gut sein. Es macht aus meiner Sicht daher wenig Sinn sich darüber Gedanken zu machen. Entscheidender ist für mich eher, ob ich überhaupt versucht habe, das aus meiner Sicht Richtige zu tun.. und das..., denke ich, habe ich stets versucht. So gesehen könnte ich vielleicht sogar mit meinem Leben zufrieden sein und mein drohendes Ende hier auf dieser Welt etwas gelassener begegnen. Naja, und vielleicht lag der Sinn in meinem Leben ja auch einfach nur darin, Mallen und Jake durch mein Blut zu retten. Wer weiß, was das Leben mit den beiden noch vor hat..

 

Mir fehlte jetzt aber die Kraft noch weiter über den Sinn des Lebens und solche Dinge nachzudenken und ich habe große Mühe meine Augenlider noch offen zu halten. Ich schaute mich daher ein letztes Mal um. Ich sehe Jake und Jake sieht mich ebenfalls an. Er lebt und er sieht sogar etwas besser aus als gestern. Er hebt nun schwach seine Hand und winkt mir.., zum Abschied.. zu.

 

Schließlich sehe ich Mallen.

Sie schaut mich lächelnd und mit Tränen in den Augen an.

Ich staune wieder, wie schön sie ist.

Sie beugt sich jetzt langsam über mich.

Ihr Kuss ist warm.., weich.. und tröstlich.

Es war das Letzte, was ich im Leben noch spürte.

Ich schloss meine Augenlider.

Dann war nichts mehr.

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!

 

Die Gründe eine Geschichte zu schreiben sind sicherlich verschieden. Die einen möchten dem Leser etwas mitteilen, die anderen den Leser damit unterhalten, andere wiederum suchen vielleicht Bestätigung in ihren Werken, etc. Neben diesen Gründen eine Geschichte zu schreiben, war mein Grund sicherlich auch eine Art Selbsthilfe.

 

Ich hatte nie Selbstvertrauen in mein Schreiben gehabt. Meine Aufsätze in der Schule waren kläglich, immer mehr schlecht als recht. Sätze zu bilden fiel mir immer schwer und ich haderte oftmals lange über dem was und wie ich etwas schrieb. Mit einem Satz: Punkt, Komma, Strich das liegt mir einfach nicht. Von daher mied ich das Schreiben gerne. Obwohl das Wort "gerne" nicht richtig ist. Denn ich wollte ja gerne schreiben, konnte oder besser, meinte es nicht zu können.

 

Das fehlende Selbstvertrauen hatte ich nicht nur im Schreiben, sondern auch im Sprechen. Und wenn man ungern spricht und schreibt, dann fühlt man sich irgendwann wie ein vollgestopfter Schwachkopf, der mit dem ständigen Input, Input, Input... den er bekommt, irgendwann nichts mehr anfangen kann. Ich hatte das Gefühl innerlich irgendwie zu verstopfen oder anders gesagt zu verkümmern und das deprimierte mich.

 

Ich habe mir mein Problem dann irgendwann bewusst gemacht. Was mir fehlte war klar. Mir fehlte Selbstvertrauen mich zu äußern. Wie kann man also, in dem, was man vermeintlich nicht glaubt zu können, an Selbstvertrauen gewinnen? In dem man sich seinen Ängsten logischerweise stellt und einfach macht, was man meint nicht zu können. Ich entschied mich daher einfach erstmal eine Geschichte zu schreiben. Da mein Handy immer schnell zur Hand ist, entschied ich mich eine Geschichte auf meinem Handy zu schreiben. Der Anfang war, wie ich auch erwartet hatte, frustrierend und ziemlich behäbig.

 

Das Tippen mit dem Handy war an sich schon eine Herausforderung und dann auch noch eine Geschichte damit zu schreiben, wo ich mir fast bei jedem Satz gesagt habe, dass wird doch nichts. Aber ich blieb hartnäckig und wollte endlich einmal eine Geschichte bis zum Ende schreiben. Auch wenn ich noch gar keine Ahnung hatte wie die Geschichte überhaupt enden sollte. Entscheidend, denke ich, war für mein Durchhalten, dass es mir irgendwann egal war wie ich die Geschichte schrieb, ob schrottig oder nicht. Die Hauptsache war für mich, dass ich überhaupt was schrieb und dass ich mit der Geschichte vorankam.

 

Im Laufe der Zeit merkte ich, dass ich langsam Gefallen daran fand an dieser Geschichte zu schreiben. Obwohl mir natürlich bewusst ist, dass ich niemals ein guter Schreiber sein werde. Dafür habe ich einfach gesagt auch zu wenig Talent und mir fehlt einfach auch die langjährige Erfahrung mit Worten gut umzugehen. Aber mir machte es langsam immer mehr Spaß die Geschichte weiter zu schreiben. Frustmomente und Schreibblockaden gab es dennoch immer wieder. Es gab immer wieder Momente, wo ich meinte an meine Grenzen zu kommen. Der Grund war aber immer der Gleiche und zwar die Angst, die Geschichte die ich für mich dann doch langsam liebgewonnen hatte, zu vermasseln. Ich musste mir jedes Mal sagen, dass ich die Geschichte nur dann vermasseln konnte, wenn ich sie nicht zu Ende schrieb und das es nicht mein Ziel war etwas Tolles zu schreiben, sondern nur eine eigene Geschichte zu schreiben und das ohne meinen eigenen Anspruch zu erfüllen. Mein größtes Hindernis, so musste ich immer feststellen, war letztlich immer mein eigener Anspruch gewesen.

 

Erst als ich mir wieder bewusst gemacht hatte, dass ich nur für mich schreiben wollte, ohne jeden Anspruch, war es mir möglich weiter zu schreiben und letztendlich diese Geschichte überhaupt zu Ende zu bringen. Als ich letzten Endes meine Geschichte tatsächlich fertig geschrieben hatte, mit all diesen Rechtschreibfehlen, schiefen Sätzen und logischen Ungereimtheiten, stellte ich fest, dass mir die Geschichte trotzdem gefiel. Ich entwickelte nun den Ehrgeiz meine Geschichte noch zu verbessern, in dem ich die Fehler - so gut es ging - berichtigte und logische Ungereimtheiten so gut es ging umgeschrieben habe. Mit dem Ergebnis, dass ich nun sogar stolz auf meine selbstgeschriebene Geschichte bin.

 

Ich hoffe, dass Euch meine Geschichte zu mindestens etwas unterhalten hat und vielleicht Euch sogar inspiriert mal selbst eine Geschichte zu schreiben.

 

Mein Ratschlag, wenn ihr schreibt, dann lasst Euch nicht, wie bei mir es oft der Fall war, das Schreiben durch einen überhöhten Anspruch, den man an sich hat, zu vermiesen. Verbessern kann man danach immer noch..

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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