Gherkin

😡Zukazuka😡



>Nach einer wahren Begebenheit<




Ich bin am Bodensee aufgewachsen. Noch vor dem Laufen konnte ich bereits schwimmen. Normal war es, auf hohe Berge zu kraxeln (mit Seilschaften), Skifahren zu gehen und im Bodensee zu schwimmen, zu tauchen, zu segeln oder zu schnorcheln. Es war 1963, damals war ich gerade 9 Jahre alt, als die Sensation eintrat: Der Bodensee, 536 qkm Fläche, fror zu. Das erstaunt deshalb so sehr, weil der See sehr tief ist.

Ein Jahrhundert-Ereignis: Der komplette See fror zu, nur ein einziges Mal im 20. Jahrhundert übrigens. Es war kaum zu fassen. Dieser riesige See - komplett zugefroren. Am 6. Februar des Jahres startete die erste Gruppe, um von der deutschen Seite aus zu den Schweizern am  anderen Ufer zu kommen. Und es gelang. Man bereitete ihnen auf der Schweizer Seite einen triumphalen Empfang. Sie waren die „Erstquerer von Hagnau, Gruppe Güttingen“. Ein 13jähriger Junge war sogar dabei.

Danach gab es kein Halten mehr. Mit Skiern, auf dem Fahrrad, auf Schlitten oder auch mit dem Auto (später sogar Kleinflugzeuge), zu Fuß oder zu Pferd, jeder musste wenigstens 1 x auf dem Bodensee unterwegs gewesen sein, um mitreden zu können.

Schlittschuhlaufen auf dem Bodensee, das war zu jener Zeit, im Februar ‘63, meine liebste Freizeitbeschäftigung. Mit meinem Onkel und etlichen Nachbarn lief ich dann von Kressbronn nach Romanshorn hinüber. Mit Nuss-Schokolade aus der Schweiz kam ich, stolz wie Oskar, zurück. Und vielen großartigen Erinnerungsfotos.

Die Eisprozession vom 12. Februar 1963 ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Diese Johannes-Prozession über den Bodensee war einzigartig. Nach 113 Jahren kehrte die Statue zurück in die Schweiz. Gegen 9 Uhr zogen rund 3600 Menschen von Münsterlingen aus los, darunter 800 Schulkinder, um die Johannes-Statue in Hagnau abzuholen. Sie wurden nicht nur mit frenetischem Jubel, sondern auch mit Kanonendonner auf der deutschen Seite begrüßt (mehrere tausend Menschen befanden sich an diesem Tag auf dem Eis; es wurde sogar gemutmaßt: Nur wenige hundert Personen mehr - es hätte eine Katastrophe geben können! Die Zeitschrift „BLICK“ meldete sogar 20.000 Menschen auf dem Eis, am 12.2.1963).

Ein wunderschöner Tag war es auch, als wir schulfrei erhielten, weil uns die gesamte Schule von Rorschacherberg in Kressbronn besuchen kam. Eine aufregende Zeit. Und es war kalt, so kalt wie nie zuvor damals. Die ungewöhnlich lange Frostdauer ließ uns Kinder bibbern und zittern (es war unmöglich, ohne Handschuhe, dickem Pullover, Schal, Mütze und Jacke ins Freie zu gehen), die Temperaturen lagen nachts meist bei minus 21 ° C, tagsüber bis zu minus 3 ° C. Ich lebte bei der Großmutter und dem Onkel damals. Und wir waren sehr, sehr arm.

Da gab es keinen Fernseher, nur ein uraltes Loewe Opta Radiogerät, Typ 741 W. Plumpsklo im Garten, keinerlei Luxus, wie man ihn heute kennt. Ein oller Bollerofen stand uns nur zur Verfügung, um dieser irren Kälte zu trotzen. Er war auch nachts in Betrieb. Wir froren aber dennoch, kein Wunder bei 21 - 22 ° minus. Mit Doppel-Socken und Jacke haben wir diese Nächte irgendwie überstanden, ich hatte, eigentlich ständig, eine Pudelmütze auf.

Kommen wir nun zu dem mehr als merkwürdigen Titel dieser Geschichte. Mein Onkel hatte so seine Gewohnheiten. Pünktlich um 7:10 Uhr war das Plumpsklo draußen im Garten quasi für ihn reserviert. Denn dann „musste er“, meist sehr dringend. Gleich nach dem 1. Schluck Muckefuck, kurz nach sieben Uhr, da musste er dann. Und hatte es stets sehr, sehr eilig. "Dringende Geschäfte!"

Meist rief er, noch während des stets sehr kargen Frühstücks (Weggla & Muckefuck): „Es pressiert, es pressiert!“ Und war auch schon flugs verschwunden. Unten sehen Sie ein Foto unseres Plumpsklos. Hier lagen einige Zeitschriften aus, der Onkel blieb meist gute 15 Min. verschwunden. Wir alle kannten seine Marotte, respektierten sie. Wir wussten aber auch, dass nach dem Onkel gute 30 - 45 Minuten lang keiner das Klo betreten konnte. Stinkalarm. Der Mann schien bei lebendigem Leibe innerlich zu verfaulen.

Wir mussten uns alle damit abfinden, ob die Großmutter oder ich: Vor 8 Uhr früh konnten wir beide nicht auf das Klo. Keine Chance. Ich lernte daher schon sehr früh, das große Geschäft auch mal einzuhalten. Solch ein Stuhlverhalten üben, für einen kleinen Knaben kein leichtes Unterfangen. Wenn´s raus muss, sollte es eben auch raus dürfen.

Aber der Onkel war eben der Boss unserer kleinen Gemeinschaft. Er hatte das Erstrecht am Morgen. Wir beiden anderen nippten daher nur an unserem Muckefuck. Wir waren immer sehr vorsichtig. Denn erst würde die Oma gehen, und dann erst durfte ich, das schwächste Glied in dieser Kette, Erlösung suchend in den Garten gehen.

Nun endlich komme ich zu Zukazuka. Ein geflügeltes Wort, das mich noch heute erheitert. Meine Großmutter und ich riefen es uns manchmal, über die Jahre, zu. Und dann mussten wir stets sehr heftig lachen. Der Onkel lachte nie mit. Warum? Das erfahren Sie jetzt.

An einem bitterkalten, frühen Morgen im Januar 1963, der Weihnachtsbaum mit ein wenig Lametta und nur 3 Kerzen stand noch immer in der bescheidenen Hütte, nicht größer als gut 40 qm, mit nur 2 Räumen, es ging langsam auf 7:10 Uhr zu. Mein Onkel begann, nervös auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Er wurde mit der Zeit immer unruhiger. Sein Blick schien zu flattern, er hüstelte heiser, stand auf, setzte sich wieder, stand auf, lief im Wohnraum hin und her, setzte sich wieder... Oma und ich sahen uns nur an, sagten aber nichts. Als es dann auf 7:25 Uhr zuging, meinte Oma: „Nun los, Karl, geh schon. Du bist weiter über die Zeit hinaus. Warum gehst du denn nicht in den Garten?“ So nannten wir es nämlich, wenn einer „mal musste“ - in den Garten gehen. Es war eine prüde und reichlich verklemmte Zeit damals (Kann mich erinnern, dass allein schon der Begriff „Achsel“ Onkel Karl jeglichen Appetit zu nehmen imstande war, nur die Erwähnung einer Achsel! Als ich beim Bund den ersten Heimaturlaub hatte, sagte ich zu Karl: Schau mal hier, meine Achselklappen! Ich wollte ihm zeigen, dass ich jetzt Obergefreiter war. Da hätte er sich fast übergeben!), „aufs Klo gehen“ kam uns nicht über die Lippen.

Der Onkel, knapp, kantig und knurrig, mit bedenklich hochrotem Gesicht: „Zu kalt zum Kacken!“

Diese Episode wurde von nun an, an so ziemlich jedem Weihnachtsfeiertag der kommenden Jahre, immer und immer wieder, sehr genüsslich und oftmals noch deutlich ausgeschmückt, erzählt und verbreitet. Bald wusste ganz Kressbronn davon. Irgendeiner kam dann auf die glorreiche Idee, die vier Wörter zusammenziehend abzukürzen. So wurde ZUKAZUKA daraus. Für alle Einheimischen war schon die Erwähnung ein Schmunzler wert, für den Onkel Karl aber war das ein Grund, später sogar aus Kressbronn wegzuziehen und sich im nahen Friedrichshafen anzusiedeln. Dort konnte keiner mit Zukazuka etwas anfangen. Ende der 60er Jahre haben wir das Plumpsklo dann abgeschafft, aber das Foto habe ich heute noch. Wann immer ich es ansehe, muss ich auch stets an ZUKAZUKA denken.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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