Chiara Fabiano

Sünde

Die erbarmungslose Kälte des verregneten Tages grub sich nasskalt durch seine Kleidung und sickerte feucht und unangenehm in seine Haut. Fröstelnd zog er den Mantel enger um seinen Oberkörper und schlang sich den Schal um den Hals, bis er dessen Flausen an den Lippen klebend spüren konnte. Ströme von hektischen Lichtern, Autos, Straßenbahnen, LKWS flossen surreal an ihm vorbei, ohne dass er sie wirklich wahrnahm. Sein Blick glitt Hilfe suchend über die Straße, wenn auch er sich sicher war von niemandem in dieser Angelegenheit Hilfe erwarten zu können. Beinahe blind stürmte er wahllos über die Straße, wusste nicht, wohin er ging, wusste nicht, wohin er wollte. Was er wusste, war, dass er gehen musste. Raus aus seiner natürlichen Umgebung, hinfort von den Menschen, die er kannte und schätzte. Seine Beine trugen ihn in eine ihm unbekannte Gegend. Reihen von dunkel wirkenden Bäume zierten die Straßenränder. Wenn auch bewohnt, standen die Gassen und viktorianischen Häuser einsam und verlassen da. Alleine war er nun und Einsamkeit hatte er gewählt. Nicht, um vor seinen Gedanken zu flüchten, nein, um sie zulassen zu dürfen. Und als er verloren und verzweifelt die verlassene Gasse entlangging, rannen die Tränen über seine Wangen, so unglaublich leicht und doch so unfassbar schwer. Ein leises Schluchzen entkam aus seinem Mund, als er sich mit dem Handrücken über die eingenässten Wangen rieb. Der Schmerz überwältigte ihn mit jeder einzelnen Träne, die lautlos auf den Boden tropfte. Hier würde ihn keiner finden, hier in der Niemandsgasse. Er ließ sich auf eine heruntergekommene Bank sinken, deren weiße Lasur samt der ersten Schicht Holz bereits abgenutzt war und merkte, wie sich einzelne Holzsplitter durch seinen Mantel in die Haut rammten. Nicht einmal halb so schmerzhaft, dachte er und drückte sich mit voller Kraft an die Rückenlehne. Doch egal wie viele Splitter den Mantel durchbohrten, sie konnten den Schmerz, den er in sich trug nicht verdrängen. Er presste die Augen aufeinander und sog die kalte Winterluft ein. War er noch lebendig? Innerlich fühlte er sich wie tot, eine ausgelaugte Schale menschlichen Daseins, existent zum Spott und ausgetrocknet in ihrem Inneren. Da, er öffnete die Augen. Auf einmal hörte er eine ihm bekannte Melodie. Sie zog ihn auf die Beine und führte ihn durch die Straße. Er hatte stets gedacht die Stadt, in der er lebte, zu kennen, doch das Gebäude, vor dem er stand bewies ihm das Gegenteil. Eine Kirche, mit feingearbeiteter gotischer Fassade. Das letzte was er jetzt hätte gebrauchen können. Und doch weckte diese Melodie, diese ihm bekannte Abfolge von Tönen, seine Neugierde und lockte ihn in das Innere. Zögernd nahm er seine Hand aus der Manteltasche und legte sie auf den Türknopf. Langsam drehte er ihn herum und öffnete die Tür. Ein Schwall Weihrauch kam ihm entgegen, als er in das Innere trat. Die Kirche war verlassen und überschaubar. Auf der Empore war niemand zu sehen. Doch jemand musste dieses Stück doch gespielt haben, dachte er. Er hatte es noch gehört, der stand er schon vor der Kirche, so lebendig, so warm und voller Liebe. Bei diesem Wort krampfte sich sein Magen zusammen. Wie konnte er es wagen, gerade er, in dieses Haus einzutreten, wo er doch voller Sünde war. Wie konnte er es wagen auf Geborgenheit zu hoffen, auf ein paar Arme, die ihn sicher umschlossen und ihm Wärme spendeten. Und als er mit feuchten Augen aufblickte, auf den vergoldeten Altar brachen die Dämme und er sank auf eine Kirchenbank, laut schluchzend, die Hände vor die Augen gepresst. Hin und her wippend schrie er die Verzweiflung aus sich heraus, ließ die Tränen laufen und hauchte es immer und immer wieder. „Vergib mir“. Wie in Trance kniete er da, eingetaucht in Dunkelheit, den Kopf auf die Banklehne gelegt. Auf einmal berührte eine warme Hand seinen Kopf, legte sich auf ihn, ganz sanft und vorsichtig. Ungläubig schlug er die Augen auf, langsam. „Mein Sohn“. Die Stimme war dunkel und doch so hell. Sein langes Haar hatte die gleiche Farbe, wie der Bart, beides lang und verwildert, doch seine Augen drückten eine Sensibilität aus, eine Herzlichkeit, wie er es zuvor noch bei keinem gesehen hatte. „Wie groß muss dein Schmerz sein, dass du ihm derart Ausdruck verleihst?“, fragte er ihn. Da schüttelte er den Kopf und spürte eine weitere Träne über die Wange laufen.
„So groß, dass ich ihm keinen Ausdruck verleihen kann“, erwiderte er, woraufhin der Priester mit einer Hand auf den Beichtstuhl verwies und ihm einladend die zweite entgegenstreckte. Er wusste nicht weshalb, denn er hatte nichts von einem katholischen Priester zu erwarten, doch er ergriff sie, voller Hoffnung und Sehnsucht nach Erlösung. Gemeinsam gingen sie zum Beichtstuhl, in welchem er sich hinkniete und das Gitter zur Seite schob. „Nun denn, mein Junge, was führt dich heute zu mir?“, fragte ihn der Priester sanft und einfühlsam. Er schluckte heftig gegen den Kloß in seinem Hals an und knetete sich die Hände, bevor er sie faltete.
„Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt“, presste er hervor.
„So erzähle mir von deinen Sünden“, lud der Priester ihn ein. Er nahm einen tiefen Atemzug und erwiderte mit erstickter Stimme und pochendem Herzen.
„Ich liebe. Aber ich empfinde Liebe für den falschen.“
„So? Woher weißt du, dass du deine Liebe in den falschen investierst, mein Sohn?“. Die Tränen liefen erneut, unkontrollierbar und voller Angst.
„Weil es nicht standesgemäß ist so zu lieben. Weil ich unnormal bin so zu lieben. Weil ich verstoßen werde dafür so zu lieben.“ Der Priester verstand augenblicklich.
„Die Liebe, mein Sohn ist nicht standesgemäß, die Liebe ist nicht unnormal, sie darf nicht verstoßen werden. Die Liebe ist das größte Gut, das wir Menschen zu geben haben. Sie kann nicht minder oder wertvoller eingestuft werden, je nachdem für wen wir sie empfinden. Die Liebe hat keine Ziele, keine Absichten. Sie ist ein Gefühl, sie ist da, präsent und für jeden von uns gleich. Die Liebe kennt keinen Standard, die Liebe kennt nur den Menschen. Und Menschen sind wir alle.“ Doch er schüttelte den Kopf.
„Doch wie soll ich vor den Menschen, die ich liebe gleich sein, wenn sie mich doch als unnormal betrachten?“. Der Priester richtete seine Stimme gegen das Gitter. „Vor Gott sind wir alle gleich mein Sohn, und Gott ist es der uns liebt, jeden so, wie er ist, in unserer puren und natürlichsten Form. Gott geht es nicht um die Person oder das Geschlecht, Gott geht es um das Gefühl. Ich liebe meinen Vater, ich liebe meine Brüder und ich liebe meine Freunde. Und Gott ist es egal, dass alle dieser Personen dem gleichen Geschlecht entspringen. Denn die Liebe macht uns zu besseren Menschen und dies sollte unser einziges Ziel sein. Wir alle wurden gelehrt Jesus zu lieben, unseren Gott zu lieben, egal, ob Mann oder Frau. Gott selbst kennt kein Geschlecht, er verbindet die wichtigsten Attribute der Mutter, wie das zusammenhalten der Herde, das Geben von Geborgenheit und Liebe mit denen des Vaters, des väterlichen Mutes und der Stärke. Gott ist alles und wir sind alles. Wir sind genug, genau in der Art, wie wir sind.“ Seine Tränen waren getrocknet, sein Herz fing an zu heilen und von Sekunde zu Sekunde wurde sein Herz von dem Schmerz befreit.
„Sag, ist mir vergeben, Vater?“, fragte er leise. Der Priester sog langsam die Luft ein.
„Der Herr befreie dich von all deinen Sünden, denn er liebt. So, wie du.“
„Wie soll ich Reue üben?“, fragte er demütig.
„Gehe hinaus, und Liebe“, war die Antwort. Er stellte sich auf und faltete erneut die Hände.
„Amen“, hauchte er. Als er im nächsten Moment den Beichtstuhl verließ, wurde er beinahe von jemandem umgelaufen, der ihn mit geschockten Augen ansah.
„Entschuldigen Sie, aber die Kirche ist geschlossen“, stieß er halb verwundert halb wütend hervor.
„Der Priester hat mich zu einer Beichte eingeladen“, entschuldigte er sich, doch der Mann riss bloß die Augenbrauen empor.
„Priester? Hier ist kein Priester anwesend. Diese Kirche ist geschlossen!“. Er drehte sich um und wollte auf den Beichtstuhl verweisen, da bemerkte er, dass er verlassen war. Stutzig blinzelte er und verabschiedete sich dann. Er hatte es sich doch nicht eingebildet? Dann verließ er die Kirche und blinzelte in das helle Tageslicht herein. Als er die Stufen hinabstieg, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Person. Weit von ihm entfernt stand er, doch das Priestergewand hatte er gegen eine braune Kutte ausgetauscht. Auf einmal verstand er und schenkte ihm ein warmes Lächeln. Der Mann hob seine Hand und nickte ihm wohlwollend zu. Da machte er kehrt und ging in die Welt herein. Liebend.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Chiara Fabiano).
Der Beitrag wurde von Chiara Fabiano auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Felix Esch: Ein gesellschaftskritischer Roman von Madelaine Kaufmann



Felix Esch ist ein Schriftsteller mit einer besonderen analytischen Gabe, die Menschen und die Welt um sich herum zu betrachten. Gesellschaftskritisch, philosophisch und entlarvend schauen die Figuren des Romans in ihr Inneres, thematisieren die Liebe, den Hass, den Tod, manchmal dem Guten, manchmal dem Schlechten zugewandt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Besinnliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Chiara Fabiano

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Letters from Hampshire (Part 1) von Chiara Fabiano (Lebensgeschichten & Schicksale)
Der alte Mann und der Hund von Engelbert Blabsreiter (Besinnliches)
"Strg+Alt+Entf" von Johannes Schlögl (Science-Fiction)