Marcel Hartlage

Unerwarteter Besuch

»Fick dich, Kyle!«

»Jetzt hör mir doch mal zu, Linda –«

»Mit wessen Handy rufst du mich an? Ist das etwa die Nummer dieser kleinen Schlampe?«

»Hättest du meine gesehen, wärst du nicht rangegangen –«

»Verdammt richtig!«, schnauzte sie ins Telefon. Mit der freien Hand hatte sie eine Faust geballt, so fest, dass sich ihre manikürten schwarzen Nägel in die Haut bohrten. Linda atmete tief durch und schickte sich an, nicht völlig die Fassung zu verlieren. »Bleib mir vom Leib«, sagte sie dann ruhig. »Halt dich fern. Den Wohnungsschlüssel kannst du bei mir in den Briefkasten tun, wenn du in der Nähe bist. Du brauchst dich nicht bemerkbar zu machen. Ich schätze, ich muss jetzt sehr viel nachdenken. Und dafür brauche ich Zeit.«

»Bitte … Linda, Schatz –«

»Spar dir dein beschissenes ›Schatz‹ und lass mich in Ruhe!« Speichel flog aus ihrem Mund, und sie beendete den Anruf und zuckte bereits mit den Fingern, um das Handy an die Wand zu schleudern … doch im letzten Moment besann sie sich eines Besseren. Sie atmete ein zweites Mal tief durch, legte das Handy beiseite und versuchte ihre Contenance zu wahren. Rational zu bleiben. Ihre Hände zitterten, ihre Knie waren weich und ihr Blickfeld verschwamm. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass sie weinte.

»Fuck«, schluchzte sie. »Fuck, Fuck, Fuck …«

Linda ließ sich auf ihre Couch fallen und zog die Beine an. Diese Reaktion hatte sie nicht erwartet. Bei allem, womit sie in den letzten sechzig Minuten konfrontiert worden war, womit sie erstmalig in den zweiundzwanzig Jahren ihres Lebens konfrontiert worden war, hatte sie am wenigsten damit gerechnet, in Tränen auszubrechen – zu heiß brodelte die Wut in ihrem Magen, zu aufbrausend wirbelten die Gedanken durch ihren Kopf. Doch nun, während sich das Szenario erstmals vor ihrem geistigen Auge klärte, während sie erstmals in vollstem Ausmaß realisierte, was überhaupt geschehen war und die Echtheit der Situation langsam in ihren Kopf sickerte, konnte sie nicht anders, als zu weinen, und sie hasste sich dafür, dass sie es tat. Das hatte dieser Mistkerl nicht verdient. Womöglich heulte er sich jetzt bei seiner kleinen Schlampe aus, die bei ihm war, und womöglich würde dieses Miststück ihn an sich drücken und es ihm bei der Gelegenheit gleich noch einmal besorgen. Die bloße Vorstellung brachte Linda dazu, einen winselnden, unartikulierten Laut auszustoßen, und sie rollte sich noch enger auf der Couch zusammen.

»Mistkerl«, nuschelte sie mit tränenerstickter Stimme. »Blöder, beschissener, dreckiger Mistkerl.«

Sie hatte diesen Abend früher von der Arbeit gehen können – sie jobbte in einem Wellnesscenter im Zentrum von Indianapolis, keine fünf Meilen von ihrem Wohnort entfernt, und trotz eines Freitagabends war nicht viel los gewesen, sodass Nancy, ihre Kollegin, ihre Schicht mitübernommen hatte –, und sie hatte Kyle mit einem Spontanbesuch in seiner Wohnung überraschen wollen. Das Stöhnen dieses Luders hatte sie bereits vage im Treppenhaus vernommen, doch hatte sie sich eingeredet, dass es womöglich aus der Nachbarswohnung kam. (Hatte sie nicht sogar gegrinst, als sie es zum ersten Mal gehört hatte? Hatte sie die ihr bis dahin anonymen Teilnehmer dieses Aktes nicht sogar spaßeshalber angefeuert?) Dann hatte sie Kyles Wohnung aufgeschlossen, denn sie besaß ihrerseits einen Schlüssel für seine Bleibe, und jenes Stöhnen hatte sich wie heißes Wachs in ihren Ohren festgebrannt und sie gelähmt. Rückblickend erschien ihr alles, was danach geschehen war, wie ein Traum. Das Geschrei. Die knallenden Türen. Das Echo ihrer Stimmen im Treppenhaus und Kyle, der ihr halbnackt bis nach draußen auf den Bürgersteig gefolgt war und sich um Kopf und Kragen geredet hatte.

»Bitte, Linda, lass es mich doch erklären –«

»Was gibt es da zu erklären?« Sie hatte ihren Wagen aufgeschlossen und sich mit einer Ruhe, die ihr nun sehr seltsam und verwunderlich vorkam, zu ihm umgedreht. »Was, Kyle, was?«

Und er hatte dagestanden und sie angestarrt, und sein Schweigen hatte alles ausgedrückt, was es auszudrücken gab. Sie hatte sich in ihren Wagen geschwungen und die Tür zugeknallt und war davongefahren, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen.

Mein Gott, dass ich es überhaupt bis nach Hause geschafft habe. Schniefend wischte sie sich unterm Auge entlang und blickte sich in ihrer kleinen Einzimmerwohnung um. Sie lebte seit zwei Jahren hier; es war keine große Wohnung, doch sie war trotzdem stolz darauf. Warme Beigetöne an den Wänden, ein schiefergraues Schlafsofa, ein schöner, heller Laminatboden und ein großer Balkon. Modern und schlicht. Ihre Eltern hatten sich damals dagegen ausgesprochen, dass sie von zuhause wegzog; laut ihrem Vater verdiene sie mit ihrem Job zwar akzeptables Geld, aber eben nicht viel Geld, und außerdem hätte sie ja noch nicht mal ihren Studienabschluss in der Tasche, wie wolle sie all das denn bitte finanzieren? Doch sie hatte nicht hören wollen, sondern war stur und hartnäckig geblieben, und Kyle, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit über einem Jahr zusammen gewesen war, hatte sie in ihrem Entschluss bekräftigt und sie unterstützt. Nur dank seines Zuspruchs stand sie heute auf eigenen Beinen. Und obwohl es manchmal schwer war, war es auch befreiend, denn diese Last, so wusste sie sich zu trösten, hatte sie sich selbst ausgesucht, sich selbst auferlegt. Zusammen mit ein paar Freunden hatte Kyle ihr damals geholfen, die Möbel heraufzutragen und den Kleiderschrank aufzubauen und den Herd anzuklemmen, und er hatte bei ihr übernachtet, weil es ihr fremd und ein bisschen unangenehm gewesen war, die erste Nacht allein in ihrer eigenen neuen Wohnung zu verbringen. Sie hatten die Matratze auf den Boden gelegt, weil das neue Bettgestell noch nicht geliefert worden war, und sie hatten drei Mal in dieser Nacht miteinander geschlafen und sich immer wieder die gegenseitige Liebe beschworen, wie ein frischverliebtes Teenagerpaar. Und warum auch nicht? Es war eine heiße Nacht gewesen, erinnerte sie sich, und sie hatten bei offener Balkontür geschlafen, ohne Decken und ohne Kleidung, und während Kyle neben ihr vor sich hingedöst hatte, hatte sie mit einem verschlafenen, erschöpften und einem leicht dümmlichen Lächeln an die fremde Zimmerdecke ihrer neuen Wohnung gestarrt und sich rebellisch und gut gefühlt, zufrieden, während die warme Abendluft hereingeweht war und den süßen, von ihrem Liebesakt kündenden Schweiß auf ihrer Haut getrocknet hatte. Ihre Gedanken hatten sich nur um jenen Mann neben ihr gedreht – dass sie es ihm verdankte, endlich ihre eigene Herrin zu sein, ohne Kompromisse und Einschränkungen –, und sie wusste noch, dass sie sich in jenen melancholischen, irgendwie magischen Stunden eingeredet hatte, dass dieser Mann vielleicht sogar der Mann ihres Lebens werden könnte.

Wie dumm und naiv du doch gewesen bist, kleine Linda. Dumm und naiv.

Um einem neuerlichen Heulanfall vorzubeugen, stand sie auf und ging ins Bad, wo sie lange und heiß duschte. Sie versuchte nicht länger an Kyle und an das stöhnende kleine Luder in seinem Bett oder an das Gebrüll im Treppenhaus zu denken, versuchte zu verdrängen, was in der letzten Stunde geschehen war und welche Auswirkungen diese eine Stunde auf ihr komplettes zukünftiges Leben haben könnte. Wer war dieses Mädchen? Wo hatte Kyle sie kennengelernt? Weshalb hatte er eine andere bevorzugt und was fehlte ihr, Linda, dass es dazu gekommen war? Fand er sie nicht mehr attraktiv, obwohl sie doch eigentlich recht hübsch aussah? Mit diesen Fragen wollte sie sich heute Nacht nicht mehr beschäftigen. Heute Nacht wollte sie sich vor der restlichen Welt verschließen und das Geschehene verdrängen, zumindest für ein paar Stunden. Als sie fertig mit Duschen war, schlüpfte sie in Boxershorts und T-Shirt und kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo sie den Fernseher für ein wenig Hintergrundakustik einschaltete. Dann zog sie die Balkontür auf und trat nach draußen.

Es war ein heißer Sommer dieses Jahr, und die Luft war mild – nicht so heiß und stickig wie damals bei ihrem Einzug, aber angenehm –, und Linda genoss das Gefühl der warmen Steine unter ihren Füßen, während der Wind ihr feuchtes langes Haar umspielte und wie liebkosende Finger unter ihre Kleidung kroch. Sie lehnte sich ans Geländer und schloss für einen Moment die Augen. Atmete tief durch und lauschte den entfernten Lauten des Verkehrs. Unten im Hinterhof, wo sich ein paar überquellende Mülltonnen vor einem von Efeu überwucherten Unterstand tummelten, wuselte etwas übers Wellblechdach.

»… gelten immer noch als vermisst«, säuselte die Stimme eines Nachrichtensprechers aus dem Wohnzimmer. »Wie aus Freundeskreisen berichtet wurde, wurden Lilly Cambridge und Taylor White zuletzt bei einem nächtlichen Veranstaltungspicknick im Northwestway Park gesehen, das Besuchern die Möglichkeit geben sollte, die derzeitigen Kometenschauer zu beobachten, von denen in den letzten zwei Wochen bereits über sieben Stück über dem Himmel von Indianapolis verzeichnet wurden …«

Als Linda die Augen wieder öffnete, hatte sie den Kopf in den Nacken gelegt und blickte in die Sterne. Der Himmel war klar, und nicht eine Wolke trübte ihren Blick. In den vergangenen Nächten hatte sie bereits selbst ein paar jener Kometen beobachten können; winzige, kaum merkliche helle Schweife, die in dem einen Moment auftauchten und im nächsten wieder verschwanden, so als wären sie bloß optische Täuschungen. Die Wissenschaftler im Fernsehen sprachen von einem einmaligen Ereignis, einer Anomalie, deren Ursprung sie sich nicht gänzlich erklären konnten. Und auf einmal musste Linda lächeln. Die Vorstellung, dass sie sich an einer solchen Lappalie wie einem fremdgegangenen Freund aufhielt, derweil sie, verglichen mit dem gesamten Universum, eigentlich völlig klein und unbedeutend war, besaß in diesem Moment etwas seltsam Tröstendes. Für das Universum spielte ihr Glück keine Rolle. Für das Universum war sie, waren die gesamte Erde und womöglich die gesamte Galaxis, so unerheblich wie ein einzelnes Sandkorn in der Sahara. Ihre Existenz machte keinen Unterschied. Vielleicht waren Liebe und Zufriedenheit nur Konzepte, die auf der Erde funktionierten. Vielleicht waren Kälte und Hoffnungslosigkeit die natürlichsten Konstanten, die es gab.

»Was für einen Unfug du dir hier zusammenspinnst, Linda«, flüsterte sie sich zu, und tatsächlich entglitt ein scheues Kichern ihren Lippen.

»… reiht sich in eine Serie bereits vorangegangener Vermisstenfälle von jungen Paaren und zum Teil alleinlebenden Frauen, die sich seit Kurzem vor allem in den Ballungsräumen Indianas immer wieder häufen …«

Linda trat ins Wohnzimmer, um den Fernseher abzuschalten; so einen Mist wollte sie heute Abend gewiss nicht mehr hören. Mit Zigarette und Feuerzeug kehrte sie wieder auf den Balkon zurück, wo sie sich die Kippe ansteckte und genüsslich bis tief in die Lunge inhalierte. Sie musste husten, rauchte aber trotzdem weiter. Zigaretten genehmigte sie sich nur in Ausnahmesituationen, und dieser Abend zählte gewiss dazu. Vielleicht würde sie noch eine zweite nehmen. Vielleicht auch die gesamte Packung. Heute Nacht sollte es ihr egal sein, das und alles andere. Sie wollte an sich denken und ihrem Egoismus verfallen, o ja. Vielleicht würde sie es sich vorm Schlafengehen sogar selbst machen. Und dabei bewusst an einen anderen Mann als Kyle denken. Der Gedanke entlockte ihr ein zweites, ausgehustetes Lachen.

Sie blies Rauch aus, starrte in den Nachthimmel. Ein wenig Abstand würde ihr womöglich guttun. Hätte sie die Mittel, würde sie wegfahren, doch abgesehen von ihrem Elternhaus gab es keinen anderen Ort, an dem sie sich für mehr als zwei oder drei Tage über Wasser halten konnte. Und ihre Eltern! Würde sie jetzt zu ihnen fahren und erklären, weshalb sie da war, würden die beiden sie eher maßregeln und einen Wir-haben-es-dir-doch-gesagt-Blick aufsetzen, statt sie in die Arme zu schließen und zu trösten. Sie hatte Freundinnen und Bekannte, doch alle wohnten sie in der Stadt und kannten zum Teil auch Kyle, weshalb es sinnlos wäre, bei ihnen anzufragen. Sie wollte sich nicht so recht eingestehen, dass sie sich plötzlich sehr einsam fühlte.

Während dein Freund sich womöglich die Seele aus dem Leib vögelt …

Der neue Schwall Tränen kam jäh und unvermittelt, ohne dass sie es verhindern konnte. Wieder verwässerte sich ihr Blick, und als sie erneut mit den Fingern durch die Augen wischte und schniefend wieder aufsah, schien es fast, als wären die Sterne nähergekommen. Sie drückte die Zigarette auf dem Geländer aus, schnippte den Stummel in den Hinterhof und rieb auch die letzten Tränen aus ihren Augen, bevor sie tief durchatmend wieder aufsah.

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie mehr als verwirrt.

Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als würde ein Stern tatsächlich auf sie zukommen.

Ehe Linda wusste, was geschah, krachte etwas in den Hinterhof. Eine der Mülltonnen wurde hochgewirbelt und flog durch die Luft; Abfallreste, gebrauchte Kaffeefilter und verschimmelte Obstschalen klatschten auf den gepflasterten Boden, die Tonne prallte gegen die Wand des Unterstands und rollte hin und her. Das Wellblechdach vibrierte, und Linda sprang erschrocken zurück, als ein Stromschlag durchs Geländer zu zucken schien. Sie vernahm einen seltsamen Kupfergeschmack auf der Zunge, gleichzeitig richteten sich die Härchen auf ihren Armen und in ihrem Nacken auf. Plötzlich war die Luft so drückend wie vor einem Gewitter, Schweiß sammelte sich in ihren Kniekehlen und auf ihrer Stirn. Sie wartete noch ein paar Sekunden, doch als nichts mehr geschah und alles wieder still war, kroch sie langsam wieder ans Geländer heran und spähte vorsichtig in den Hof hinab.

Die hochgeschleuderte Mülltonne qualmte.

Mit großen Augen registrierte Linda die ausgefransten Löcher in dem Metall, so als hätte jemand die Tonne mit einer Schrotpatrone durchschossen. Es stank nach Müll und verbranntem Gummi. Und noch immer war die Luft so seltsam elektrisiert …

Unten erklang das Schlagen einer Tür, gefolgt von Schritten. »Diese verdammten Kids!«, brüllte eine männliche, kratzige alte Stimme. »Taugenichtse! Werfen mit dieser Billigware aus China um sich wie mit Granaten! Wo seid ihr? Kommt her! Zeigt euch, oder ich ruf’ die Bullen! Das Zeug kann euch die Hand abreißen, wenn ihr nicht aufpasst!«

Wieder das Krachen einer Tür, dann Stille. Linda stellte sich auf Zehenspitzen und ließ ihren Blick durch den Hof und dann über die Mauer an der Längsseite wandern. Weder hatte sie eine Bande Jugendlicher gesehen noch gehört. Niemanden, der durch den Nachbarshof geschlichen war oder sich hinterm Unterstand verbarg. Sie runzelte die Stirn und lehnte sich wieder zurück.

Im selben Moment erklang ein Geräusch, das sich wie ein Zischen anhörte. Und plötzlich sprang etwas am Geländer empor.

Linda keuchte auf und sprang zurück. Etwas landete auf dem Balkon, just an der Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatte. Auf dem ersten Blick sah es aus wie eine zermatschte, schwarze Frucht. Wie eine plattgetretene Spinne. Linda wollte sich gerade mit dem Gedanken trösten, dass es wohl aus der Mülltonne stammte und der erboste Mieter es zu ihr heraufgeworfen hatte, weil er sie für den lauten Knall verantwortlich machte, als es sich plötzlich bewegte und auf sie zukam. Ihr Herz blieb stehen. Linda machte einen Satz zurück, dass sie fast gestolpert wäre, stieß mit dem Rücken gegen die Fensterscheibe und tastete sich hastig weiter zur offenen Tür. Das Ding platschte voran wie eine abwärtsrollende Schlammkugel. Ohne es aus den Augen zu lassen, trat Linda über die Schwelle in ihr Wohnzimmer und machte gerade Anstalten, die Tür zur schließen, als das Ding erneut mit einem Zischen emporschoss und spuckte.

Sie war nicht schnell genug. Etwas Nasses, Glibberiges traf sie am rechten Oberarm, just bevor sie die Tür zuknallte und das Ding wie ein Farbklecks an die Fensterscheibe klatschte. Sie stolperte in ihre Wohnung, an der Couch vorbei bis mittig in den Raum, wo sie keuchend stehenblieb und das gerade geschehene noch weniger einzuordnen wusste als die gesamte vorherige Stunde. Der Klecks blieb an der Fensterscheibe haften, erinnerte in seiner Form vage an einen Seestern – einen zerlaufenden, geschmolzenen Seestern – und schien sie zu beobachten.

»Was … zum …« Sie fand weder Worte noch Gedanken, um zu verstehen, was hier passierte. War das ein Streich? Spielte jemand mit ihr? Sie musterte das schwarze Zeug auf ihrem Arm und verzog vor Ekel das Gesicht; es fühlte sich kalt und feucht an, wie eine Nacktschnecke, und erinnerte in seiner Konsistenz an zähen, dickflüssigen Teig. Ein eigentümlicher Geruch ging davon aus; ein bisschen stank es nach Kohle, doch darüber hinaus wusste Linda den Duft nicht einzuordnen. Sie wusste nur, dass sie es dringend abwaschen musste. Sie wandte sich bereits zur Badezimmertür um, als ihr plötzlich auffiel, dass das Zeug, je nach Lichteinfall ihrer Deckenlampe, in den verschiedensten Farben schimmerte: Karmesinrot, Smaragdgrün, türkisfarben und eisblau – so als wäre es mit einer feinen, zuckrigen Glasur überzogen.

Wow. Wie schön.

Einen Moment stand sie da und betrachtete das Zeug wie hypnotisiert. Dann hob sie zaghaft ihre Hand und berührte es mit der Spitze ihres Zeigefingers; sie wusste, dass es nicht unbedingt eine kluge Entscheidung war, doch ihre Neugierde war größer als ihre Vernunft. Ihre Fingerkuppe berührte die schillernde Oberfläche, zerdrückte sie wie einen Chitinpanzer und fand sich in der breiigen Pampe darunter wieder. Das Zeug war warm. Und fühlte sich überraschend gut an. Wie eine Creme, die die Haut beruhigte. Linda nahm noch einen zweiten Finger dazu, und die Vorstellung, das Zeug auf ihrem kompletten Oberarm zu verschmieren, übermannte sie so jäh und heftig, dass ihr kurz die Luft wegblieb.

Bist du eigentlich bescheuert? Was, wenn es giftig ist?

Erschrocken zog sie ihre Finger wieder zurück. Richtig. Bloß weg damit. Sie riss die Badezimmertür auf und war schon halb über die Schwelle getreten, als sie noch einmal innehielt und über die Schulter sah.

Der Klecks war noch da. Und irgendwie schien er größer zu sein als eben.

Fester.

Linda wusste nicht, warum sie dastand und zögerte. Der Klecks besaß keinerlei Augen oder andere erkennbare Organe – zumindest vermochte Linda nichts dergleichen in der zähen, viskosen Masse zu erkennen, aus die er bestand – doch irgendetwas sagte ihr, dass dieses Ding … dass es sah, was sie tat. Dass es sie beobachtete. Und wusste, was sie vorhatte. Sie hatte keine Ahnung, ob diese Vorstellung sie entsetzte oder die Tatsache, dass sie diesen Gedanken tatsächlich hegte. Was zum Kuckuck sollte sie jetzt tun?

Das ist ganz einfach. Spül das Zeug weg, und dann ruf die Polizei. Und am besten auch gleich den Kammerjäger. Oder den Kampfmittelräumdienst. Oder alles zusammen.

Zaghaft wandte sie den Blick ab und trat ins Bad. Sie schloss die Tür hinter sich, doch als sie zum Waschbecken marschierte, stellte sie fest, dass ihre Beine zitterten. Sie sah ihr Gesicht im Spiegel und das Zeug auf ihrem Arm – so schillernd, so farbenfroh. Sie drehte das Wasser auf und hielt ihre Hände um den Waschbeckenrand gekrallt.

Komm schon. Weg damit.

Doch sie rührte sich nicht. Starr blickte sie in ihre dunkelgrünen Augen und spürte ihr Herz hämmern, dass ihr Sehfeld zu vibrieren schien. Dann, ohne noch länger darüber nachzudenken, gab sie ihrem Impuls nach. Dem falschen Impuls.

Sie patschte in das Zeug und verschmierte es hektisch auf ihrem gesamten Arm. Über ihren Ellenbogen bis zu ihrem Handgelenk, dann wieder hinauf bis unter den Ärmel ihres T-Shirts. Ein wohliges, warmes Kribbeln überkroch ihre Haut, drang von ihrer Schulter bis in ihren Brustbereich und schien sogar das Innere ihrer Lunge auszufüllen. Ihr Atem ging flach und beschlug den Spiegel. Ihr Puls raste. Sie verteilte den klebrigen, zähen Rest der Masse mit der flachen Hand über den Saum ihres Shirts und bis auf ihren Oberschenkel. Mit der anderen Hand stützte sie sich an der Fliesenwand neben dem Spiegel ab. Gleichzeitig biss sie sich auf die Unterlippe und drückte die Knie aneinander. Erst, als sie sich dabei erwischte, dass sie bereits mit dem Kinn über ihren Arm fuhr und beinahe mit ihren Lippen nachgesetzt hätte, blinzelte sie und schreckte wie aus einem Traum auf.

Was zum Teufel tat sie hier eigentlich?

Linda räusperte sich und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie sah aus, als hätte sie ihre komplette rechte Körperhälfte mit Erde eingerieben. Dort, wo die Schicht dünn genug war, schien es, als würde ihre Haut in einem wilden Farbspektrum schillern. Arm und Schenkel fühlten sich verklebt an, jedoch nicht auf unangenehme Weise. Am liebsten wollte sie sich noch mehr einreiben. Am liebsten wollte sie das Zeug auf ihren Lippen schmecken und –

»Verdammt nochmal, Mädchen, komm zur Besinnung.« Sie pfefferte zwei kurze, schnelle Ohrfeigen auf ihre Wangen und schüttelte den Kopf. Doch der Gedanke war da, hatte sich in ihren Verstand genistet und forderte ihre Vernunft, ihre Zurückhaltung heraus. Sie wusste, es wäre nur gesund, dieses Spiel nicht weiterzutreiben.

Dann mach das Zeug endlich weg, verdammt.

Doch das tat sie nicht. Stattdessen wandte sie sich zur Tür um, öffnete sie einen Spalt und linste hinaus.

Der Klecks war gewachsen – und erinnerte nicht mehr an einen Klecks. Aus der zähen, klumpigen Masse hatten sich mehrere Gliedmaßen herausgebildet, die noch immer ein wenig schwammig, ein wenig instabil aussahen, aber die Andeutungen von – Linda musste die Augen zusammenkneifen, um es wirklich zu realisieren – Fühlern besaßen. Fangarmen. Sie schimmerten fleischfarben und waren von einem grünen, perlmuttartigen Glanz überzogen. Jeder von ihnen war mindestens vierzig Zentimeter lang, und jeder von ihnen wischte kaum merklich übers Glas, wie eine Seeanemone, die den Strömungen des Ozeans ausgesetzt war.

»Was bist du?«, murmelte sie. Die Art, wie sich die Gliedmaßen bewegten, beförderte ein seltsames Unwohlsein in ihr herauf, ein Gefühl von Ekel und Abscheulichkeit. Doch trotzdem – oder gerade deshalb – konnte sie nicht wegschauen.

Linda verließ das Bad und machte zaghaft ein paar Schritte Richtung Balkontür. Sämtliche Gliedmaßen schienen einem fleischigen Mittelteil zu entspringen, so wie sie es von Oktopoden kannte, aber irgendetwas an diesem mittleren Korpus war anders: seine Oberfläche schien von Schuppen übersät, glänzte in wilden, fluoreszierenden Regenbogenfarben und wirkte gleichzeitig milchig und transparent; darunter meinte Linda zu erkennen, wie jene schlammige schwarze Masse durch venenartige Gefäße in die Glieder gepumpt wurde. Doch auf den Weg dorthin schien jene Masse nicht etwa weniger zu werden, sondern mehr – so als würde sie durch bloße Reibung produziert werden. Linda trat noch näher, registrierte kaum, dass sie jetzt nur noch zwei Meter von der Scheibe entfernt stand. Sie beugte sich vor und inspizierte das Geschehen genauer, mit einer Mischung aus Ekel und Faszination.

An den Tentakelenden wurde die glibberige Masse aus porenartigen Gefäßen gedrückt. Doch statt der Schwerkraft zu erliegen und hinabzusickern, blieb die Masse am Glas kleben und setzte ihren Weg stattdessen in der Form von dutzenden, kleinen Verästelungen fort. Es sah aus, als wären die Tentakel Bäume, denen endlose verkohlte, knorrige Wurzeln entsprossen.

Es wuchs.

Linda strich über die verklebte Schicht auf ihrem Arm. Wenn das hier dasselbe Zeug war wie jenes, das dort durch jenes fremdartige Ding schwappte …

O Gott, sind das Sporen? Oder … nein …

Sie würgte. Wollte das Wort nicht verwenden. Wollte nicht glauben, dass es so etwas wie Sperma war, doch gleichzeitig überschattete diese Vorstellung ihren Verstand mit einer so tiefgreifenden, einer so sinnlichen und zugleich abscheulichen Erregung, dass sich etwas in ihrem Unterleib zusammenzog und ihr Mund trocken wurde. Gedanken, die unaussprechlich waren, drangen in ihren Kopf und lähmten ihn.

Nein. Um Himmels willen, nein. Reiß dich zusammen.

Sie war vor die Scheibe getreten, ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie kniete sich auf den Boden und hielt ihre gespreizte Hand an die Scheibe, direkt auf Höhe des fleischigen, zentralen Körperteils. Leben pulsierte unter jener schillernden, schuppenartigen Haut. Fremdes, faszinierendes Leben.

Warum nicht?, fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

Der Anblick der Farben brachte sie um den Verstand. Hypnotisierte sie. Ein derartiges buntes Spiel hatte sie noch nie gesehen; müsste sie es sich für den Rest ihres Lebens ansehen, so würde sie dieser Vorstellung mit Freude, fast schon Sehnsucht, entgegenblicken. Sie wollte das Ding berühren. Sie wollte es betasten und erkunden, und noch mehr als alles andere wollte sie mit ihrer Zunge über die schuppige, schillernde Haut lecken und es schmecken. Sie wusste nicht, woher dieser Gedanke kam, ob er überhaupt noch ihr eigener Gedanke war, doch es spielte auch keine Rolle.

Vielleicht will es dich bloß trösten. Warum sollte es sonst erschienen sein? Ausgerechnet heute Nacht? Ausgerechnet zu dieser Stunde?

Milde Abendluft und ein Geruch von Kupfer schlugen ihr entgegen, als sie die Tür öffnete und ehrfürchtig zurückwich. Das Tentakelding schwenkte in die Wohnung, und sofort setzten sich die ersten wurzelartigen Ausläufer am Laminatboden fest. Linda vernahm ein knirschendes, quetschendes Geräusch, als die Masse noch vehementer durch die Tentakel floss und an ihren Enden herausgequetscht wurde wie Eiter aus einer Wunde. Innerhalb von Sekunden hatten sich die schwarzen Wurzeln zu einem verlängerten Ausläufer des Fangarms entwickelt. Doch statt am Boden zu haften, kroch er darüber und in Lindas Richtung.

Sie schnappte nach Luft, stieß im Rückwärtsschritt gegen ihre Couch. Mit angehaltenem Atem stand sie da und beobachtete, wie der Tentakel sich vorantastete. Er war auf zwei Meter herangewachsen, besaß den Durchmesser eines Auspuffrohes und verlängerte sich, noch während er sich bewegte. Im direkten Lichteinfall der Deckenlampe schimmerte er sogar noch kräftiger und heller als draußen unterm Sternenhimmel.

»Ich …«, setzte Linda an, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen wollte, als das Zeug auf ihrem Arm und ihrem Oberschenkel plötzlich erneut zu kribbeln begann, so intensiv, als wären ihre Glieder eingeschlafen. Sie hielt sich den Arm und sank leise stöhnend zusammen. Es war, als würde das Kribbeln bis tief in ihr Fleisch dringen, sogar bis an ihre Knochen. Sie musste die Zähne zusammenbeißen, um es zu ertragen. Ihre Atmung wurde schwer.

Es ist ein Teil davon. Es war eine Gewissheit, keine Vermutung. Und es ruft.

Als sie wieder aufsah, hatte sich der Fangarm aufgerichtet und klatschte das Zeug direkt auf ihre Beine. Linda keuchte auf, wankte und vernahm ein kühles Prickeln von ihren Schenkeln bis in ihren Unterleib. Um nicht einzuknicken, krallte sie ihre Finger in die Couchlehne. Eine zweite Ladung gluckerte durch den Tentakel und spritzte ihr direkt aufs T-Shirt. Linda lachte, verteilte es mit der freien Hand über den Baumwollstoff und ungelenk auch darunter. Ihre Bauchmuskeln zuckten, als sie mit der fremdartigen Konsistenz in Berührung kamen. Eine zweite Salve kam und eine dritte, und Linda gab es auf, sich festzuhalten; sie sank neben der Couch auf ihre Knie und verschmierte es. Verschmierte es überall auf ihrer Haut.

Mit einem schmatzenden Laut löste sich das Geschöpf von der Tür und drang weiter in den Raum vor. Überall entsprossen seinem Mittelteil Tentakel, manche dünn und faserig, andere groß und massig, mit den Ausmaßen eines Leitungsrohres. Der klumpige Mittelteil war gewachsen und schien nun aus zwei faserigen Segmenten zu bestehen; sie wurden von hunderten schleimigen Fäden zusammengehalten, wie ein auseinandergezogener Kaugummi, und alles leuchtete in einem wilden Spektrum von Rubinrot bis Azurblau, von Schneeweiß bis Ultraviolett. Blubbernde Laute entsprangen der Kluft zwischen den beiden Körpern, während immer mehr schwarze Masse aus ihrem Inneren herausquoll und in die Tentakel floss.

Linda hatte sich von Kopf bis Fuß mit der schwarzen Masse eingerieben. In einem Anflug von Selbstvergessenheit zwängte sie sich ihr T-Shirt über den Kopf und verteilte die Masse auch auf ihren Brüsten und ihrem Rücken. Ihre gesamte Haut schien vor heißer Wonne zu prickeln und gleichzeitig schrecklich kühl zu sein. Ungelenk wälzte sie sich über den Boden, um auch ihre Boxershorts von den Beinen zu strampeln, und gerade, als sie es geschafft hatte, ließ ein erneutes Knirschen sie aufblicken – bevor die nächste Ladung in ihr Gesicht klatschte.

Sie schmeckte das Zeug auf ihrer Zunge, und es erschreckte sie, wie viskos und zäh es war. Gleichzeitig leckte sie mit der Zungenspitze über ihre Lippen und verteilte es mit ihren verklebten Händen überall in ihrem Gesicht und ihrem Haar. Dass einer der Tentakel sich um ihren Knöchel schlängelte, bemerkte sie zunächst gar nicht; erst, als der Griff fester wurde und sie einer Art Pulsieren unter seiner faserigen, glitschigen Oberfläche wahrnahm, hielt sie inne und sah an sich hinab.

Dutzende Tentakel stocherten blindlings in ihre Richtung, wie ein lebendiges Gestrüpp aus Dornen. Die Körper des Dings waren auf die Größe von Sesseln herangeschwollen, und das Pumpen in ihrem Innern verriet, dass sie noch immer wuchsen.

Entsetzt kroch Linda zurück. Doch sie rutschte mehr, als dass sie kroch, und der Tentakel zerrte sie problemlos wieder in seine Richtung. Gleichzeitig schlängelte er sich weiter an ihrem Schienenbein empor.

»N-Nicht«, stotterte sie. »O Gott …«

Ein zweiter Tentakel schloss sich um ihr anderes Bein. Mit einem Winseln drehte sich Linda auf den Bauch und kroch hinter der Couch hervor in die Mitte des Raumes. Doch inzwischen waren die Fangarme kräftiger geworden, und sie zerrten sie zurück. Sie ächzte und wollte sich an der Couch festhalten, doch ihre Hände waren zu glitschig und das Polster völlig haltlos. Mit geweiteten Augen sah sie über ihre Schulter und hielt den Atem an, als sie sah, wie sich immer mehr Tentakel vor ihr aufbauten und nach ihrem Körper lechzten.

»Nicht … nein, nein, bitte …«

Der erste Fangarm umschlang ihren Oberschenkel und benetzte die Innenseite mit einem feuchten Film aus schwarzer, klebriger Masse, worauf Linda winselnd zusammenzuckte; das Zeug schien die Nerven in ihrem Unterleib und ihren Schenkeln vollständig zu sensibilisieren. Noch mehr Tentakel krochen an ihren Beinen empor, und die ersten machten sich bereits an ihren Armen und ihren Brüsten zu schaffen. Sie kitzelten sie, liebkosten sie, sonderten immer mehr schwarze Masse auf sie ab. Und plötzlich ließ Lindas Anspannung ein wenig nach. Einer der Tentakel umschlang ihre Schulter und kroch über ihre Brüste. Als ihre Nippel mit dem fremden, kühlen Fleisch in Berührung kamen, stöhnte sie unverhofft auf und wand sich.

Was tust du da? Doch es war nur eine leise Stimme, die aus ihrem Hinterkopf zu ihr sprach.

Nach und nach wurde Linda ihres vollständigen Bewegungsspielraums beraubt. Nur mühselig gelang es ihr, den linken Arm zu heben, der rechte wurde von zwei Fangarmen festgehalten und ihre Beine von mindestens drei oder vieren. Um ihren Brustkorb hatten sich zwei geschlungen, und ein dritter fand gerade den Weg zu ihrem Hals. Einem Impuls folgend, legte Linda den Kopf in den Nacken, um ihm Platz zu gewähren. Sie ließ sich gehen. Sie ergab sich dem Geschehen. Mit flatterndem Blick bemerkte sie, dass sich der fleischige Körper inzwischen bis an die Zimmerdecke ausgebreitet hatte, dass die gesamte Balkonseite des Raumes von Tentakeln eingenommen wurde. Es war ein Anblick, der sie beinahe um den Verstand brachte, vor Ehrfurcht und Angst zugleich.

»Tu es.« Ihre Stimme klang so belegt, dass Linda sie kaum wiedererkannte.

Ein tiefes, gurrendes Geräusch ging von den Fremdkörpern aus. Linda meinte zu erkennen, wie sich nicht nur mehr Schleimfäden zwischen ihnen befanden, sondern auch Haare und etwas, das wie Zähne aussah. Hauer. Wieder hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Diesmal jedoch nicht aus Misstrauen, sondern aus Begehren.

Tentakel krochen an den Innenseiten ihrer Schenkel empor. Linda wand sich erneut und stöhnte. Ein roter Nebel breitete sich in ihrem Kopf aus und vertilgte jeden Gedanken, jede Vernunft, jede Zurückhaltung. Verzweifelt drängte sie dem Fangarm ihr Becken entgegen.

»Tu es!«

Als sich der erste Tentakel in sie grub, brutal und ohne Rücksicht, schrie sie vor Schmerzen auf. Zwischen ihren Beinen breitete sich ein Feuer aus, sie zuckte unkontrolliert und Tränen quollen aus ihren Augen. Gleichzeitig erwiderte sie den Stoß, und nach kurzer Zeit verlor sie sich in einem abgehackten, verzweifelten Rhythmus. Der Tentakel bohrte sich durch ihr klatschnasses Geschlecht, rein und raus, sandte heiße, stechende, qualvolle Schauer durch ihren Unterleib und bis in ihre Wirbelsäule. Ihr Rückenmark schien zu prickeln, und Wellen von pulsierender Energie jagten in ihr Gehirn herauf und entluden sich zu tausenden knisternden Explosionen zwischen ihren Synapsen, zu einem Gewitter in ihrem Kopf. Unkenntliche, primitive Laute entstiegen ihrer Kehle wie einem Tier. Der Tentakel um ihren Hals drückte ihr die Luftröhre zu und erschwerte ihr das Atmen, was sie noch zusätzlich erregte, und mit ihren Füßen strampelte sie halt- und ziellos über den Boden, wie unter Strom gesetzt. Der fleischige Wulst des anwachsenden Tentakels füllte sie vollständig aus, strapazierte ihr Innerstes bis zur absoluten Grenze, und noch ein zweiter kam dazu. Sie sabberte, als er in sie drang und ihren Kitzler malträtierte. Sie verdrehte die Augen und schien plötzlich ihr eigenes, ganz persönliches Lichtermeer an der Zimmerdecke zu erblicken. Ein Tentakel kroch über ihr Gesicht und legte sich auf ihren Mund, und sie leckte an ihm, küsste ihn, biss grinsend in ihn hinein.

»Hör nicht auf«, keuchte sie. »Mach weiter, immer weiter … ja …«

Die Tentakel zogen an ihren Gliedern, als läge sie auf einer Streckbank, und im nächsten Moment hatte ihr gesamter Körper Kontakt zum Wohnzimmerboden verloren; sie schien zu schweben, und die Haltlosigkeit machte es ihr noch schwerer, die Stöße zu erwidern. Zugleich krochen mehrere Tentakel über ihren Rücken und ihre Hinterbacken. Bevor sie reagieren konnte, drangen sie grobschlächtig in ihr Hinterteil und ihren Darm, doch wurde ihr jäher Schmerzensschrei erstickt, als der Fangarm auf ihrem Mund zugleich zwischen ihre Lippen glitt und sich bis tief in ihren Rachen bohrte. Ungehindert begannen die Tentakel ihren Körper zu durchwühlen … und ihn mit schwarzer Masse vollzupumpen. Linda spürte, wie das Zeug in ihren Magen gesondert wurde, in ihren Hals und ihren Darm, und wie ihre Eingeweide plötzlich zu kribbeln und zu brennen schienen, genauso wie ihre gesamte Haut. Sie zuckte konvulsivisch und stieß würgende Laute aus, gleichzeitig versuchte sie ihre Beine nur noch mehr zu spreizen. Schmerz und Verlangen peinigten und beflügelten sie, beförderten sie hinauf in einen Zustand herrlichster, außerweltlichster, sündhaftester Erfüllung … die durch die Vorstellung, auf verwegenste und dunkelste Art Rache zu nehmen, vollkommen wurde.

Friss das Kyle. Friss das.

Es war Lindas letzter klarer Gedanke, bevor ein heißer, brutaler Schmerz ihre Gedankenwelt zerschnitt. Jene fleischigen, zentralen Brocken hatten sich genährt und begonnen, ihren Körper zwischen sich zu schieben, in jene von Haaren und Zähen und Schleimfäden durchzogene Kluft. Und überall dort, wo sie sich zuvor mit jener schwarzen Masse eingerieben hatte, sickerte das Zeug nun aus ihren Poren wieder heraus. Dabei lösten sich ihre Haut und ihre Muskeln auf, als würde sie lebendig zersetzt werden. Linda schrie gegen den Tentakel in ihren Rachen an, dass ihre Stimmbänder zu reißen schienen. Todesangst mischte sich zu dem Schmerz und den heißen Wellen in ihrem Unterleib und trieb sie in ein Meer unerträglichster Empfindungen. Sehnen schossen wie Seile aus jenen pulsierenden Klumpen heraus, gruben sich durch ihr zersetzendes Fleisch und klammerten sich an ihren Knochen fest, umkränzten sie mit schwarzem, frischem neuem Fleisch. Ihre Körperöffnungen wurden unterdessen vollständig zerfleddert und zerrissen. Sie bewegte sich immer noch, würgend und verzweifelt und besinnungslos, und während sich ihr Unterleib unaufhörlich nach Erlösung sehnte, verklebte sich ihre rechte Hüfte mit dem fleischigen Korpus ihres Gespielen, gefolgt von ihrer rechten Schulter und ihrer rechten Brust. Als die schwarze Masse aus Lindas zerlaufender Wange sickerte und sich ihre rechte Augenhöhle aufzulösen begann, drangen jene roten, fremden Sehnen wie Nadeln durch ihre Pupille und in ihren Kopf. Ein zweites Bild schob sich in ihr Sichtfeld und verdrängte mehr und mehr die Zimmerdecke, die Realität. Sie sah dutzende schreiende Gesichter, in einem Zustand absoluter Qual und Lust; sie sah wandelnde, menschliche Silhouetten in leergefegten, alten, von Leichen gesäumten Straßen; sie sah Pyramiden bei stechendem Sonnenlicht und haarige Gestalten in dunklen, von Feuerschein erhellten Höhlen; sie sah prähistorische Echsen und tausende, von schwarzer Substanz überzogene Skelette; sie sah eine fremde Welt voller Gestein und gigantischer Vulkane, voller Monolithen und dunkler Berge; sie sah ein großes, leeres, gottloses schwarzes Nichts, eine Unendlichkeit, die zu kolossal war, als dass ihr Verstand sie begreifen könnte, und sie blickte in eine Welt jenseits aller Sterne, jenseits aller ihr bekannten Gesetze von Zeit und Raum, jenseits von allem, was der Spezies Mensch bekannt war; sie blickte vorbei an Mars und Jupiter, vorbei an den Sternen der Milchstraße und des Andromedanebels, vorbei an allem, wohin Licht jemals gedrungen war, und sie sah das Universum, das allumfassende und absolute Universum, und sie sah dahinter und entdeckte etwas pulsierendes, einen so urgewaltigen, einen so unvorstellbaren kosmischen Organismus, dass das Universum neben ihn wirkte wie ein Atom auf dem Planeten Erde, und selbst dieser Organismus war nur eine Bakterie von etwas noch viel größerem, etwas vollständig und absolut chaotischem.

Lindas Hirn war noch nicht tot, um zu verstehen, dass dieses letzte Bild keine Erinnerung war. Oder Vision. Es war ein Blick in die Weite dort draußen, in die jetzige Weite, ermöglicht von jenem Ding, in das sie überging, und sie wusste, dass sie dieses Bild, diese Wahrheit, nicht ertrug. Es lebt, hallte es durch die Wüste in ihrem Verstand, es lebt es lebt es lebt es lebt

»Linda!« Irgendwo, in der Ferne ihrer Wohnung, wurde eine Tür aufgestoßen. Eine fremde und zugleich vertraute Stimme, menschlich und klein und unbedeutend. »Linda, um Gottes willen –!«

Und das Ding, zu dem Linda sich nun zählte, richtete sich empor, ließ seine wuselnden Tentakel durch den Raum schnellen und gewährte dem Eindringling Blick auf jenen entstellten, faserigen, nur noch aus Sehnen und Knochen und Tentakeln bestehenden zerlaufenden Körper, der einst seine Freundin gewesen war.

»Linda …«

Wozu dieses Ding noch fähig war, war ein Grinsen. Ein Grinsen wie von einer Marionette, bevor sie puppengleich ihre verklumpten Arme ausbreitete und ihre sehnigen Beine spreizte und ihre zerfallene, zerbröselnde Fratze in seine Richtung lenkte.

»Fick mich, Kyle.«

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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