Jakob Kappert

Die Mücke


 Die Flügel sorgsam hochgestreckt nippt die Mücke an einem verschütteten Tropfen Jack Daniels. Jeder Tauchgang ihres Saugrüssels in die bissige Spirituose senkt ihre Unsicherheit, ihr Gewissen, den ganzen moralischen Krempel, dem heute Nacht kein Raum einzugestehen ist, in ferne und fernere Humanität, bis sie sich endgültig von dem Insekt spalten.

 Hungrig reckt die Mücke ihre Antennen. Von der gegenüberliegenden Tanzfläche zieht eine verheißungsvolle Schweißduftspur herbei. Ihr vorfreudiges Summen, als sie in das chaotische Stampfen und Zucken nackter Gliedmaßen eintaucht, unterliegt der Basslinie, die diese dirigiert. Keiner bemerkt das Insekt. In einer taktisch kleiner werdende Spirale umkreist es eine leicht bekleidete Blondine.

 Gierig verschlingen die Facettenaugen jede Muskelregung des lasziven Blondinenkörpers, jeden Schweißtropfen, der dessen Nacken hinab, durch die Mulde zwischen dessen Schulterblättern, bis unters Top läuft. Eine Variation eines Lächelns aufgesetzt landet die Mücke auf Blondis wohlgerundeter rechter Arschbacke. Blondi jedoch hält inne, schüttelt mit hochgezogener Oberlippe den Aufdringling wieder ab und

 KLATSCH

 Von einer Abrissbirne erfasst trudelt die Mücke durch die rauchverdickte Luft.

 „FUCK OFF!!!“ keift Blondi und stolziert zum Himmel erhobenen Hauptes davon. 

 Also wieder von Null.

 

 Gegen Mitternacht erreichen Darlyn und ich das OpenEnd. Die ehemalige Teppichfabrik steckt mitten im Auftakt des alljährlichen Wochenend-Raves - eine dreitägige, vom Internet als unvergesslich angepriesene Technomonotonie, zu dessen Partizipation mich meine ach so beste Freundin gedrängt hat. Echt keinen Bock. Aber so funktioniert Freundschaft eben. 

 An der Garderobe offenbart Darlyn der Öffentlichkeit ihr brandneues Schultertattoo. Irgendein indisches Symbol für Friede, Einigkeit, Buddha und so, für das sie extra ihr blondes Haar zu einem strubbeligen Dutt hochgesteckt hat. Dazu trägt sie ein bauchfreies schwarzes Shirt und eine an den Hosenbeinen zerrissene Schlagjeans, die ihren standardphänomenalen Look um eine draufgängerische Komponente bereichert.

 Die Garderobe mündet in eine mittelgroße längliche Halle. In der Hallenmitte, unter einem Wirrwarr aus Traversen, Scheinwerfern und fluoreszierenden Schwarzlichtbändernetzen, erstreckt sich auf einer einstufigen Erhebung der Main Floor. Darauf eine schrille Kollektion Feierwütiger jedweder entarteter Art und Prägung. 

 „Bereit zum abhotten?“ fordert mich Darlyn auf. Sobald die Gute einmal auf der Tanzfläche ist, vermag bestenfalls ein Eingriff Gottes sie dort hinunterzubekommen.

 „Ich gehe erst was trinken“ antworte ich in der Absicht, diesen fatalistischen Augenblick so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit einem Hundeblick im Ansatz trottet Darlyn hinterher.

 Wir bestellen zwei Rotlicht und prosten auf den noch jungen Abend. Der erste Schluck schmeckt geheuchelt. Der Nachbar vom Barhocker neben Darlyn prostet ebenfalls. Seine Freunde kämen erst später und alleine trinken sei was für Alkoholiker. Er ist ein unauffälliger Mittzwanziger mit nichtssagender Kleidung, hellbraunem Haar und einem attraktiven, bebrillten Gesicht. Seine grünen, durch das Glas leicht vergrößerten Augen scannen die schwarzen Bögen auf Darlyns Schulter.

 „Interessierst du dich für Hinduismus?“ fragt Nonalkoholiker nach eingehender Betrachtung.

 „Teils-teils“ versucht Darlyn den rein dekorativen Zweck ihres Tattoos zu kaschieren. 

 „Nach dem Abi hab ich ein Au-pair in Indien gemacht. Das Kastensystem ist wahrlich fürn Enddarm..."
 Wahrlich, aha. 
 "...aber meine Gastfamilie war großartig! Ich bin übrigens Jason“ 

 „Darlyn“

 „Fenja“

 „Also Darlyn, Om“ - er deutet aufs Tattoo - „ist die bei weitem heiligste Silbe des Hinduismus. Sie ist die Welt, Brahman, der Urklang, der das Universum schuf.“

 Brabbel, Brahman, Brabbel?

 Brabbel! Brabbel! Brabbel!

 Exakt so dehnt sich der Indiendialog über sechs weitere Rotlicht. Jason bezahlt, während er der aufmerksam nickenden Darlyn verbal detailreich die indische Kultur skizziert. Darlyn kontert mit schäkernden Berührungen an Schulter und Hand. Ich, Fenja, sitze daneben und pulle Papierfetzen vom Etikett meiner Flasche, die ich zu kleinen Kügelchen zusammenrolle und den Tresen entlang schnippe. 

 Eins zu null für dich, Darwin.

 „Ich muss mal“ lüge ich und steuere die Tür mit Venussymbol an. Die Toilette dahinter entpuppt sich als unerwartet Steril. Boden und Wände sind gerade mal halb so klebrig wie Darlyns und Jasons Koketterie. Ich schaue in den Spiegel: üppiger Körper, breites Gesicht, kleine verächtliche Augen. Anschließend forme ich mein dunkles Haar kurz zu einem Dutt, verwerfe den Gedanken jedoch postwendend. Unbefriedigt kehre ich zum Schmalzkuchentresen zurück.

 „Wann kommt eigentlich Micha?“ unterbreche ich Darlyn, die sich derweil zu Jasons Oberschenkel vorgearbeitet hat. 

 „Halbe Stunde.. acht Minuten..“ 

 „Wer ist Micha?“ 

 „Mein Freund.“ Darlyn antwortet mit einer Beiläufigkeit, als habe Jason sie nach der Uhrzeit gefragt.  

 Plötzlich scheint ihn ihre Hand auf seinem Oberschenkel nicht mehr anzumachen. Er schiebt sie beiseite und Darlyn schiebt mir den bösen Blick zu. Ich verstecke mein konspiratives Schmunzeln hinter einem Siegesschluck.

 Den Rest unserer Flaschen später drückt Darlyn ihrem breitschultrigem Freund einen Begrüßungskuss auf den Mund. Jason ist sichtbar konsterniert. Mit angezogenen Gliedmaßen sitzt er da und studiert auffällig minutiös die Getränkekarte, lockert sich jedoch, als er feststellt, dass der Schrank ihm keine Beachtung schenkt. 

 „Wir gehen kurz nach draußen“ sagt Micha, den rechten Arm um Darlyn gelegt, mit der Linken einladend an die Nase tippend.

 Ich schüttle den Kopf.

 Die beiden verduften.

 „Nicht persönlich nehmen. Das ist so deren Ding: 'Harmloser Flirt, dann dem Partner die positive Energie zukommen lassen'“ zitiere ich Darlyns und Michas beziehungspolitische Enzyklopädie.

 Jason zuckt mit den Schultern, als wolle er absegnen. „Willst du nicht mit raus?“

 „Steh nicht so auf Chemie“ 

 „Naturtyp, gefällt mir!“ Er fummelt einen kleinen Cellophanbeutel aus seiner Socke. Der aufsteigende Geruch erinnert an einen Kräuterbasar.

 Mama hat mir zwar - wie alle Mütter - eingebläut, keine Süßigkeiten von Fremden anzunehmen … allerdings könnte ich gerade echt gut auf einen Joint! Kürzester Weg Zeit totzuschlagen! Auch möchte ich auf drogenliberalen Veranstaltungen wie diesen nicht unnötig auffallen. Jason gibt mir sein Drehzeug und schlägt vor, ich solle im Chillout einen bauen, während er sich um eine konstante Bierversorgung bemüht.

 Der Chillout ist das ehemalige Chefbüro der Teppichfabrik, ein Rückzugsort für ermattete Feiernde und Promiskuitive, von der Haupthalle nur durch eine schmale Gittertreppe und eine verhörraummässige Glasfront getrennt. Stark gedämmtes Licht und kaleidoskopische, dunkelblaue Muster an der Rückwand des Raumes erwecken den Eindruck, als befände man sich am Grund des Marianengrabens und nicht mitten auf einem Rave.

 Durch die Glasfront mache ich Darlyn und Micha am Rand des Tanzpöbels aus, wie sie sich festivalgewandt zu dessen Zentrum vorarbeiten. Wohlwissend, wo ich sie den Rest der Nacht antreffen werde, beziehe ich das letzte von fünf zerfledderten, algengrünen Stoffsofas. Rechts von mir zerbröseln ein paar Sechzehnjährige Ecstasy-Tabletten auf der Oberfläche eines Smartphones. Einer von denen blinzelt mir tatsächlich zu.

 Jason kommt nach und hält mir ein eisgekühltes Rotlicht hin. Feine Kondenstropfen bilden sich an der Außenseite der Flasche und laufen über meine Wurstfinger, als ich es ihm abnehme. Ich trinke und präsentiere ihm stolz das Ergebnis meiner fortgeschrittenen Drehkünste.  

 „Welly welly well!“ bemerkt er mit gespieltem britischem Akzent. 

 Das Gras ist gut: ich muss husten und mir wird schwummerig. Mit dem Bier spüle ich nach.

 Ich kann mir nicht erklären, wie, weshalb, warum, aber aus irgendeinem Grund sitze ich auf Jasons Schoss und wir machen rum. Erschöpft lehne ich mich an seine Brust. Der Raum und die Raver gleiten davon. Die von unten heraufwummerne Party dämpft sich, als träufle Wasser auf meine Netzhäute und Trommelfelle. Ich spüre, wie ich mit dem Hintern langsam zwischen Jasons Schenkel rutsche. Ich versinke im Marianengraben. 

 „Brauchst du frische Luft?“  Er spricht langsam. Seine Worte dehnen sich, als wenn seine Stimmbänder einen Bogen bespannen. Auch sein Gesicht wird unklarer, verpixelt rapide, wie auf einem Röhrenfernseher mit schlechter werdendem Empfang.

 Wie war seine Frage?

 Meine Konzentration faltet sich zusammen und treibt davon auf der letzten Welle meines in den Marianengraben abebbenden Gedankenstroms. 

 „Ich gla-ha-haube wi-hirkli-hich du-uhu bra-hau-hauchst frisch-sch-sche Luft“

 

 Die Nacht verläuft zufriedenstellend. Fenja hängt an seiner Schulter wie ein großer Sack an einem Kleiderbügel. Sie ist nicht wirklich das, was er gesucht hat, aber zumindest ist sie irgendwas und am Ende (oder Anfang) des Tages hat Erfolg halt doch Präferenz vor Priorität. Er hilft der Benommenen ins Auto zu steigen und schnallt sie an. Ihr Kopf sackt nach vorne, sodass ihr Gesicht in ihre bemerkenswerten Oberweite versinkt. Er lacht kurz, dann startet er den Motor.

 Später, in einem Apartment, auf dessen Klingelschild die Innitialien T. R. stehen, sitzt T. R. bereits der Haare, Kontaktlinsen, Brille und Kleidung entledigt, das Mückenkostüm sicher im Schrank verstaut, auf seiner Couch; die bewusstlose Fenja an seinen nackten, allzu menschlichen Körper gepresst. Seine düren Finger wandern ihren Nacken hinab.

 Nach gebührender Zeitspanne trägt er sein Spielzeug ins Schlafzimmer. Nun hängt er auch das Menschenkostüm zurück in den Schrank. 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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