Linus Döllinger

Ach wenn ich doch nur Mut hätte

Die Türen öffnen sich. Ich werde als erster draußen sein, weil ich extra früher von meinem Platz aufgestanden bin, um dem größten Gedränge zu entgehen. Trotzdem spüre ich wie sich die Menge von hinten an mich drängt, darauf konzentriert, so schnell wie möglich aus dem Wagon zu steigen, den Anschluss zu erwischen, den Termin nicht zu verpassen, dem nichtigen Alltag routinemäßig nachzukommen - ohne Unterbrechung, ohne ungeplante Zwischenfälle.

Als ich mich von den Zug-Türen entferne und auf die Treppen zugehe, die in Richtung Linie 3 führen, höre ich hinter mir das rhythmische Piepen der sich in jedem Moment schließenden Türen. „Piep. Piep. Piep. Steigen Sie nicht mehr ein.“. Natürlich steigt noch jemand ein.

Ich versuche so schnell es geht die Treppen hinunterzukommen. Bahne mir einen Weg durch die Masse, kümmere mich genau so wenig um ihre achtlosen Glieder, wie ihre achtlosen Glieder sich um mich. Nach einer halben Ewigkeit komme ich an der letzten Stufe an und biege scharf nach links ein, konzentriert darauf, noch rechtzeitig in die Vorlesung zu kommen, den Blick auf mein Smartphone gerichtet. Mitteilung von Snapchat: Nachricht von Sophie. Interessiert mich nicht.

Mit Gedanken und Augen ganz woanders, gehe ich achtlos weiter meine übliche Route. Gerade noch rechtzeitig blicke ich auf und sehe dich, wie du auf mich zukommst. Mein Blick scannt dich von unten nach oben: ausgetragene Sneaker, verwaschene Jeans, übergroßes T-Shirt. Und dein Gesicht, oh Gott dein Gesicht. Markante Züge, perfekte Nase und mattrote Lippen, die danach flehen geküsst zu werden – und das bestimmt auch schon oft wurden.

Und dann deine Augen. Sind das Augen? Nein, unmöglich, das sind Sonnen. Mit deinen Sonnen strahlst du auf mich ein, wobei du doch nicht einmal von deinem Smartphone aufgeblickt hast. Geblendet von deinen Sonnen-Augen, von deinen Lippen, von dir, von der Welt, vergesse ich momentan alles. Nichts ist wichtig, nichts außer dir. Ich muss in diese Augen schauen, muss diese Wangen zärtlich streicheln, muss diese Lippen küssen und von ihnen geküsst werden.

Ach wenn ich doch nur Mut hätte.

 

Dann würde ich auf dich zugehen. Würde dir etwas erzählen, vermutlich etwas Lustiges, vielleicht auch etwas Scharmantes. Ich würde dich nach deiner Handynummer fragen und du würdest sie mir geben. Ich würde bis Nachmittag warten um dich anzurufen, denn viel länger könnte ich es nicht aushalten, nicht mit dir zu reden. „Hey, hast du Lust morgen was trinken zu gehen?“ würde ich dich fragen. Natürlich hättest du Lust. 

Wir würden einen schönen Abend haben, würden uns gut verstehen und wenn wir dann beide bei der Bahnstation warten würden, irgendwann früh morgens, würde ich all meinen Mut zusammenkratzen und würde dich küssen. Dich auf deine abgöttisch schönen Lippen küssen. Und du würdest den Kuss erwidern. Zuerst würde ich den Kirschenschnaps schmecken, den wir gerade zusammen getrunken haben. Doch dann, später, würde ich dich schmecken – süß, bitter, herb. Du.

Wir würden uns verabschieden und ich würde nach Hause gehen, mich in mein Bett fallen lassen und in mein Kissen lachen, deinen Geschmack noch immer auf den Lippen, auf der Zunge, in Gedanken.

Wir würden uns bald wieder treffen. Und wieder. Und wieder. Wir würden schöne Nächte haben, würden uns näher kennenlernen, würden Sex haben, würden ein Paar werden. Ich wäre glücklich, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit. Ich würde dich lieben – so sehr, dass ich es nicht einmal in Worte fassen kann. Würde für dich töten, für dich sterben, für dich auf alles verzichten, für dich alles auf mich nehmen.

 

Du blickst von deinem Smartphone auf und reißt mich aus meiner Traumwelt. Verzweifelt bete ich an alle Götter, an die ich nie geglaubt habe, dass du mir in die Augen siehst, mich bemerkst, dich so in mich verliebst wich ich mich gerade in dich verliebt habe. 

Doch du würdigst mich keines Blickes, gehst an mir vorbei und bahnst dir deinen Weg die Treppen hinauf, von wo ich gerade gekommen bin. 

 

Ach wenn ich doch nur Mut hätte, denke ich mir und beginne dich zu vergssen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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