Torsten Haeffner

Honigmilch

«Honigmilch»

Es war an einem Samstag, als ich mich am Abend gegen neun Uhr in einer Bar einfand. Ich bestellte einen Krug heisse Honigmilch, denn ich hatte einen verdammt harten Tag hinter mir, eine Lesung, in der ich für eine auserlesene Gruppe aus «Das Einsiedler Zittern» vorlas. Das ganze Buch. 296 Seiten. Ein Wahnsinnserfolg! Standing Ovations. Am Schluss weinten die Leute und baten mich, die Geschichte fortzusetzen und meinem Helden Traugott Traudir ein zweites Leben zu schenken … Unter uns: Ich denke darüber nach.

Also weiter im Geschehen: Die Barhocker um mich herum waren verwaist. Die Gäste des Hauses spürten wohl, dass ich nach dieser Marathonlesung etwas Ruhe brauchte. Doch irgendwann, ich hatte gerade bei Chantal einen zweiten Krug meines süssen Lieblingsgetränks geordert und mir eine Zigarette angezündet, setzte sich ein Mann neben mich: Kahlschlag auf der Kopfhaut, schwarze Lederjacke, tiefe Narben im Gesicht, Tätowierungen ohne Ende, starrer Blick auf meine Honigmilch und ein höhnisches Lächeln auf den mehrfach genähten Lippen. Unheil zog herauf.

Er: «Was trinkst du?»

Ich: «Honigmilch.»

Er: «Schmeckt’s?»

Ich: «Wie nie erlebte Kindheit.»

Er: «Was schaffst?»

Ich: «Schriftsteller. Schreib Bücher.»

Er: «Schriftsteller? Ein richtiger Schreiberling? Ein Schöngeist also. Bravo, Bravo!» Er klopfte mir falsch auf die Schulter.

Und ich, unheilschwanger: «Gell, schön.»

Während unseres kurzen Gesprächs hatte ich bemerkt, dass die Kumpane jenes Glatzköpfigen immer näher an uns herangerückt waren. Ein richtiges Halbrund bildeten sie hinter uns, damit ihnen nur ja kein Wort unserer Konversation entging. Mir war klar, es stand Ärger an. Oder Schlimmeres.

Im gleichen Augenblick, als mich der Glatzkopf fragt, ob ich ein «Milchbubi» sei und ob ich eine «kräftige Abreibung» wünsche «zum Zwecke der literarischen Inspiration», nimmt Shepherd links von mir Platz.

Shepherd, dies ist zu wissen, ist kein Mann, sondern die bildhübsche Präsidentin jener Lesergruppe, der ich an diesem Tag aus dem Einsiedler Zittern vorgelesen hatte. Sie trägt ihr blondes Haar kurz. Stahlblauer Blick, messerscharfe Intelligenz und ihre körperlichen Reize, ach lassen wir das …

Sie sitzt neben mir, schaut mich liebevoll an und sagt: «Gibt’s Ärger, Darling?»

Ich wiege unentschieden den Kopf. «Könnte sein.»

«Wie hat der Arsch dich eben genannt?»

«Milchbubi.»

«Milchbubi?», fragt sie ungläubig.

Ich, abwiegelnd und leise: «Ist okay. Lass mal. Der ist halt besoffen. Vergiss ihn.»

Shepherd taxiert blitzschnell die Gruppe des Glatzköpfigen, dann ihre Lesergruppe, die durchwegs aus gut gebauten Männern besteht. Schliesslich schreit sie mit markerschütternder Stimme: «Jungs, Angriff!»

Augenblicklich werden Bierkrüge sittlich abgestellt, Wirtshausstühle ihrer Beine entledigt und eine herrliche Schlägerei kommt in Gang. Shepherd und ich verlassen flugs das Lokal und verfolgen das Geschehen mit Applaus und anfeuernden Zurufen vom gegenüberliegenden Trottoir aus. Dank der im Nu geborstenen Fensterscheiben sitzen wir sozusagen in der ersten Reihe.

Die Gruppe des Glatzköpfigen hat schon nach zehn Minuten keine Chance mehr. Denn dies ist zu sagen: Mein kleiner Leserkreis ist keineswegs nur literarisch interessiert, sondern eine seit fast dreissig Jahren bestehende Rockergruppe. Sie nennen sich «The Virgin’s Eyes». Die Jungs – und Shepherd – haben richtig was drauf. Und so zersplittern nicht nur Scheiben, sondern auch Gläser, Nasenbeine und Zähne.

Gut dreissig Minuten mochten seit Beginn der nun langsam erlahmenden Rauferei vergangen sein, als von weit her die ersten Polizeisirenen erklangen.

Die geneigte Leserin, der geneigte Leser mag sich fragen: «Ja, wie geht denn das? Erst nach dreissig Minuten rückt die Polizei an? Und das in der Schweiz?» Dazu ist zu sagen: Hier auf dem Land geht alles etwas langsamer: Erhält die Polizei wegen einer Schlägerei einen Anruf, wird erst einmal auf Zeit gespielt. Man stellt diverse Eieruhren und wartet ab. Wenn dann die letzte Eieruhr klingelt, wird ausgerückt.

Wie gesagt: Erste Sirenen waren zu hören. Die Präsidentin von «The Virgin’s Eyes» stiess drei scharfe Pfiffe aus, meine Lesergruppe befriedete augenblicklich die Lage, klaute seelenruhig den auf dem Boden liegenden Schlägertypen ihr Bargeld und überreichte selbiges lächelnd dem Wirt.

«Das war’s wieder mal», sagte Shepherd freudig lachend. Sie klatschte in die Hände, erhob sich und ging in die Bar. Dort überreichte sie dem Wirt noch einige Scheine mit den Worten «nichts für ungut». Dann startete sie ihre Maschine. Der hämmernde Sound ihrer monströsen Guzzi liess die Strassenschlucht erzittern. Kurz darauf verschwanden «The Virgin’s Eyes» in der finsteren Nacht.

Die Polizei traf ein. Krankenwagen folgten. Ich nippte, noch immer auf dem Trottoir sitzend, an meiner Honigmilch und beobachtete das Geschehen.

«Hast du etwas mitbekommen?», fragte mich eine junge Polizistin, die mich früher schon einige Male vernommen hatte. Sie setzte sich neben mich und wirkte müde.

«Keine Ahnung, was da ablief. Soweit ich es mitbekommen hab, ging es um Literatur.»

«Um Literatur?»

Ich nickte. «Ja, um Literatur. Genauer: Um die Frage, ob man Karl Poppers ‹Das Ich und sein Gehirn› als Belletristik bezeichnen dürfe. Da gab’s offenbar zweierlei Ansichten.»

«Popper und Belletristik? Wer kommt denn auf so eine Schnapsidee? Aber sag mal, was trinkst du da?»

«Mittlerweile lauwarme Honigmilch. Willst du probieren?»

«Gerne.» Sie leerte das Glas in einem Zug, leckte sich geniesserisch die Lippen, blickte mich von der Seite her an. «Du schaust hundemüde aus.»

Ich nickte abermals. «Bin ich auch. Du bist aber auch nicht mehr ganz taufrisch.»

«Kein Wunder. Hab seit einer Woche Nachtschicht, die Gott sei Dank in zwei Minuten endet.»

Ich erhob mich und reichte ihr die Hand. «Dann lass uns gehen.»

Sie liess sich aufhelfen, lächelte müde. «Zu dir oder zu mir?»

«Zu mir. Ist näher.»

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mit dem Schreiben und Dichten, ist das so eine Sache.So war ich oft der Meinung, nur lyrisch Schreiben zu können, falls ich mich in einem annähernd, seelischen Gleichgewicht befände, erkannte aber bald die Unrichtigkeit dieser Hypothese.Wichtig allein, war der Mut des Eintauchens.Das Eins werden mit dem kollektiven Fluss des Ganzen. Meine Gedanken, zärtlich zu Papier gebrachten Gefühle,schöpfte ich stets aus diesem Fluss.

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