Hans Fritz

Friedensglockenläuten


«Davon abgesehen, dass das Stück dem Inhalt nach abgedroschen und über mehrere Passagen aussageschwach ist, kriegen wir nie ihre dreihundert Leute auf die Bühne, nicht als die vorgesehenen Komparsen, nicht einmal als von der Strasse hergeholte Statisten. Tut mir leid, Herr Schreiber. Vielleicht können Sie das Stück als eine Art von Lesetheater einem Verlag anbieten, oder im Eigenverlag publizieren».

Das ist die bittere Erfahrung, die Herr Schreiber macht, als er guten Mutes sein vor wenigen Tagen vollendetes Theaterstück ‘Friedensglockenläuten’ dem künstlerischen Leiter einer Kleinbühne anbietet. Mit den grossen Bühnen wagt er erst gar nicht Kontakt aufzunehmen. Auch als Film hätte seine Story wohl keine Chance, wie er vielleicht sogar richtig vermutet.

Um was geht es da eigentlich? In Kurzform um dies: Interkontinentale, mit Waffen ausgetragene Konflikte, so genannte Handelskriege und andere weltweite wie lokal begrenzte Auseinandersetzungen sollen per verbindlichem ‘Globalen Antikriegsgesetz’ verboten werden. Wer hat ein solches Gesetz ins Leben gerufen, das ja etliche nicht überall bekannte, geschweige denn anerkannte, meist länderspezifisch geprägte Vorläufer hat? Eine Weltregierung in der Form eines streng bewachten Superhirns, irgendwo am Rande der Arktis. Wer soll dem Gesetz Nachdruck verleihen und es weltweit durchsetzen? Über diese Frage entstehen unfeine Kompetenzgerangel. Doch zum guten Ende einigen sich alle Kontrahenten. Herstellung und Vertrieb von Kriegsmaterial werden nicht mehr finanziert, das Geld aus den entsprechenden Budgets für soziale Zwecke eingesetzt, welcher Art auch immer die sein mögen. Schliesslich kann der ersehnte Frieden unter theaterwirksamem Glockengeläute, übermalt von heftigem Trommelwirbel, beginnen.

Die Masse der Komparsen sollte im ‘Vorspiel’ vor der Silhouette einer irgendwo in der so genannten ‘Freien Welt’ ansässigen ‘Akademie für Kriegstechnik’ aufmarschieren und gegen Herstellung und Vertrieb von neu entwickelten Waffensystemen lautstark protestieren.

Nun möchte Schreiber erst einmal Abstand von der Enttäuschung gewinnen. Am Rand des Stadtparks besetzt er eine hölzerne Bank, deren Lehne die Inschrift ‘Gestiftet vom Verein alter Veteranen’ trägt. Drüben auf der Wiese, vor dem Jagdschlösschen, tummeln sich ein paar offenbar junge Leute. Irgendwas deklamierend springen sie um das Relikt eines Brunnens herum. Neugierig geworden nähert sich Herr Schreiber dem kleinen Trupp. «Ihr übt wohl ein Theaterstück ein?» spricht er eine junge Frau an. «Ja, so könnte man es nennen», sagt sie. Darauf, das fortgeschrittene Alter Schreibers abschätzend, meint sie: «Es ist aber keine Klassik, eher etwas Modernes». «Führt ihr auch Stücke auf, die euch angeboten werden, einfach so -?» «Ja, wenn es sich lohnt». «Ich hätte da etwas –« «Carlo, komm’ mal bitte», ruft sie einem bärtigen Hünen zu, der gerade eine Mappe auf einem Baumstumpf abgelegt hat. Carlo schlürft heran und spricht Schreiber jenseits des Gebrauchs einer landesüblichen Begrüssungsfloskel an: «Wie kann ich helfen?» «Ich habe da ein kleines Theaterstück, dessen Aufführung eine Kleinbühne abgelehnt hat». «Ah, kann mir schon denken. Zeig mal her». Schreiber reicht ihm seinen schmalen Ordner und schildert Absicht und Inhalt seines Werks. Jetzt kommen auch die anderen hinzu. «Beim ersten Eindruck – und der ist ja fast immer der beste – ist das eine klasse Story. Lass mal hier. Bis morgen um diese Zeit habe ich das durch –« «Ja, da komme ich morgen wieder vorbei». «Ja gut, abgemacht», sagt Carlo und schüttelt kräftig Schreibers Rechte.

«Eine Supergeschichte, da machen wir etwas draus», ist Carlos Kommentar bei Schreibers Auftritt am nächsten Tag. «Wir lassen auf einer Leinwand eine Mischung aus Terrakottaarmee und irgendeiner Demonstration unserer Tage erscheinen. Letzteres könnte allerdings Probleme schaffen. Daher scheint es besser, wenn wir, sagen wir zwölf Statisten um einen etwa drei Meter hohen Turm marschieren lassen. Alter Theatertrick. Merkt doch keiner, dass das immer die gleichen sind. Der Vers im Vorspiel ‘Wer mit System die Welt vergiftet, nichts als blosses Unheil stiftet’ ist ein interessanter Spruch. Na ja, an solchen Passagen könnten wir noch ein bisschen herumfeilen. Aber sonst – klasse! Wir bekommen für drei aufeinanderfolgende Tage das Amphitheater, bevor das Freilichtensemble der Städtischen Bühnen mit seiner verstaubten Klassik aufwartet».

Die Kulisse steht. Unter Carlos rigoroser Regie kann die Probe beginnen. «Mit viel Glück lassen sich anderthalb Stunden ohne Regen und Sturm aushalten», meint Schreiber, der als geduldeter Gast auf einem Klappstuhl Platz genommen hat.

Urplötzlich erhebt sich ein schwerer Sturm, der bedrohlich an den Aufbauten aus Pappmaché rüttelt. Alle beteiligten Personen können sich in die Villa hinter dem Theater retten. Minuten später ist die Kulisse fast völlig zerstört. Nur ein paar massive Requisiten können geborgen werden.

«Das war ein deutliches Zeichen», unterbricht Diseuse Britta die Ruhe nach dem Sturm. «Wenn scheinbar Friede herrscht kommt von irgendwo her Zerstörung. Unser Lebenssystem verlangt Dualismus. Gut gegen Böse. Zerstörender gegen aufbauenden Kulissengeist». «Was nicht sein darf, das sollst du nicht erzwingen; Schwerter schweigen, Schwerter klingen», deklamiert Carlo. Schreibers Kommentar ist: «Macht Schwerter zu Pflugscharen, Pflugscharen im Recyclingverfahren zu Schwertern, wenn es die politische Lage erfordert».

Auf eine neue Probe des Stücks wird verzichtet, folglich auch auf eine neu angesetzte Uraufführung.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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