Christiane Mielck-Retzdorff

Satanisches Genie

 

 

Sobald der Junge selbständig und reflektiert denken konnte, hasste er seine Eltern. Dieses Gefühl keimte, als seine kleine Schwester geboren wurde und er die Aufmerksamkeit teilen musste. Außerdem hatte er sich einen Bruder gewünscht und empfand das ständige Gejauchze über das entzückende Baby als persönliche Beleidigung. Später sollte er sich dann auch noch mit dieser Annabell beschäftigen, was er nur als ungerechte Strafe betrachtete.

Seine Abneigung begann zu wachsen, als ihm sein Name Karl-August bewusst wurde. Zuhause wurde er nur Kalli genannt, doch in der Kita stellte ihn die Erzieherin mit seinem vollen Namen vor. Schon bald neckten ihn die anderen Kinder als dummen August.

Den Grund, warum er auf so einen unmodernen Namen getauft worden war, erfuhr er erst später, was seine Unzufriedenheit aber nicht minderte. In der Familie mit dem ebenso langweiligen wie verbreiteten Namen Meier, trug jeder erstgeborene, männliche Nachkomme diesen Namen. Das war der Verehrung für seinen Ururgroßvater zu verdanken, der einen sehr guten, über die Grenzen Deutschlands hinaus geachteten Ruf als Dirigent genoss, sogar in der Gunst des damaligen Kaisers gestanden hatte. Keiner seiner Nachkommen erreichte je so ein beachtliches Ansehen, doch alle Familienmitglieder glaubten fest daran, dass die Gene des Ururgroßvaters irgendwann zu einem weiteren musikalischen Genie führen würden.

Also war es unter den Familienmitgliedern ein ungeschriebenes Gesetz, dass jedes Kind früh mindestens ein Instrument erlernen musste, damit dessen eventuelles Talent rechtzeitig erkannt werden konnte. Doch Kalli war vollkommen unmusikalisch, was seine Eltern aber nicht erkennen wollten. Sie zwangen ihn schon als Vierjährigen ans Klavier und zu täglichen Übungen an diesem.

Kalli beneidete die anderen Jungen mit so klangvollen Namen wie Finn, Leon, Bennett oder Max. Zwar wurde er von seinen Freunden Kalli genannt, doch sobald seine Mutter ihn rief, riss die Karl-August-Wunde wieder auf. Und er missgönnte seinen Kameraden, dass sie Fußball spielen oder mit den Fahrrädern um die Häuser ziehen durften, während er lustlos auf dem Klavier herumhacken musste.

Durch den Mangel an Bewegung nahm der Junge an Gewicht zu, was ihn zusätzlich zum Opfer von Hänseleien machte. Doch seine Eltern werteten das als gutes Zeichen, denn auch Ururgroßvater Karl-August, der Dirigent, soll ein sehr stattlicher Mann gewesen sein. Kein Zweifel trübte ihre Überzeugung, dass in Kalli das lange von der Familie ersehnte Genie schlummerte, weswegen sie auch meinten, ihr Kind dürfte durch Internet oder Handy nicht von seiner Berufung abgelenkt werden.

Kalli versuchte sich gegen diese Bevormundung zu wehren, doch jede Widersetzlichkeit zog eine Kürzung des ohnehin ärmlichen Taschengelds nach sich. Er begann mit Tricks und Täuschungen die Vorstellungen seiner Eltern zu erfüllen, nur mit dem Ziel, ihnen möglichst viel Geld abzuknöpfen, um sich selbst seine Wünsche erfüllen zu können. Irgendwann schreckte er auch vor Diebstahl nicht zurück.

Gleichzeitig entwickelte der langsam heranwachsende Junge einen gewissen Hochmut, geschürt durch die, immer wieder geäußerte Illusion seiner Eltern, er sei ein Genie. Je älter er wurde, desto mehr wurde Kalli ausgegrenzt. Erst hatte er keine Möglichkeiten, sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen und als er sich endlich ein den Ansprüchen genügendes Handy gekauft hatte, musste er feststellen, dass dort auch gern über andere und besonders ihn hergezogen wurde.

Der zum Teenager gereifte Junge war klug und fintenreich. Mit unwahren Berichten und selbst gestalteten Fotos begann er sich fortan als verkanntes Genie in den Netzwerken darzustellen. Dabei war er so geschickt, dass die Nutzer massenweise auf ihn hereinfielen. Plötzlich wollten alle seine Freunde sein. Diese Beliebtheit nutzte er für seine Rache an jenen, die einst über ihn hergezogen waren. Und er fand Gefallen daran, den guten Ruf anderer zu zerstören. Seltsamerweise erhöhte das noch seine Beliebtheit in den sozialen Netzwerken.

Zwar war er immer noch etwas übergewichtig, doch das schien dem Interesse des weiblichen Geschlechts an ihm nicht im Wege zu stehen. Da er mittlerweile mit seiner Rolle als Genies verwachsen war, weitete er seine Kontakte auf tatsächliche Begegnungen aus. Er entdeckte den Sex für sich und die Macht, die er über Frauen erlangte, wenn er ihnen höchste Wonnen bescherte. Liebe empfand Karl August dabei nicht, wechselte seine Partnerinnen wie die Hemden, doch achtete stets darauf, den Abgelegten das Gefühl zu hinterlassen, wenn auch nur kurz, das Bett mit einem zu Höherem berufenen Mann geteilt zu haben.

Das Klavierspielen hielt er zwar immer noch für eine lästige Pflicht zur Erfüllung der Ansprüche seiner Eltern, die ihn dafür beinahe jeden Wunsch erfüllten, und beherrschte durch die ständige Übung das Instrument mittlerweile sehr gut, doch er hatte erkannt, welche Türen ihm die Musik öffnete. Auf Drängen seiner Eltern besuchte er ein Gymnasium mit einem musischen Zweig. Bei jährlichen Hausmusikabend zeigte er sein Können am Klavier, machte die Lehrer und die Direktorin stolz. Das wirkte sich ausgesprochen positiv auf seine Schulnoten aus.

Die logische Folge war, dass sich etliche Menschen dafür einsetzten, dass er an einer Musikhochschule aufgenommen wurde. Karl August hatte zwar immer noch nichts für Musik übrig, doch sah eine Chance durch List und Täuschung problemlos durch das Studium zu gleiten, wobei ihm der Name Karl August Meier, den einst sein hoch angesehener Vorfahre trug, äußerst hilfreich war. Als der Student, der das Hochschulorchester dirigierte, nach Wien ging, war es deswegen unausweichlich, dass Kalli dessen Nachfolge antrat.

Er hatte zwar weder eine besondere musikalische Begabung noch seine Liebe zur Musik entdeckt, doch vor einer Gruppe von Musikern zu stehen, die seinen Anweisungen Folge leisten mussten, gefiel ihm. Er forderte von diesen höchste Leistungen. Sie sollten die feinsten Töne aus ihren Instrumenten herauspressen. Und er liebte die bombastischen Werke von Beethoven und Wagner. Der Saal musste bei dieser Musik beben.

Später wendete er sich auf Druck der Verantwortlichen auch lieblicheren Klängen zu, wobei er die Melodien nur durch kleine Veränderung der Lautstärke und durch das Hervortreten von Instrumenten, die bei den bisherigen Konzerten im Hintergrund agierten, so veränderte, dass der musikalische Ausdruck dem Aufruf zu einer Rebellion glich.

Er quälte die Mitglieder des Orchesters bis auf Blut, gönnte ihnen keine Ruhe, bis die Präsentation seinen Vorstellungen entsprach. Dabei wich er deutlich von der bisherigen Interpretation der klassischen Stücke ab. Laut und drängend sollten die Töne das Publikum mit sich reißen. Niemand erkannte, dass dieses nur Ausdruck von Karl Augusts Hass auf die Musik und die Menschen war.

Das erste Konzert dieses Orchesters wurde frenetisch bejubelt. Die meisten Kritiker waren voll des Lobes. Nur wenige trauten sich, die Darbietung als brutale Verschandelung großer, musikalischer Werke zu bezeichnen. Dieser Erfolg versöhnte auch die Musiker mit ihrem Dirigenten, der das Letzte aus ihnen und ihren Instrumenten herausgepresst hatte. Und die Presse verglich Karl August sogleich mit seinem berühmten Ururgroßvater, nannte den jungen Mann ein Genie.

Das Orchester der Hochschule durfte sich nun auf der internationalen Bühne zeigen. Die Familie von Kalli, allen voran seine Eltern, platzen fast vor Stolz. Der so herkömmliche Name Meier bekam plötzlich den Klang der Besonderheit und die Welt feierte einen herausragenden Künstler.

Der junge Mann empfand das große Interesse an seiner Person eher als lästig. Nur dass ihm die Frauen scharenweise zu Füßen lagen und er seinen sexuellen Gelüsten freien Lauf lassen konnte, versöhnte ihn damit. Wenn sich ein Musiker aus dem Orchester doch traute, Kritik an dem Dirigenten zu üben, wurden dieser sofort durch einen neuen ersetzt, denn es gab Unmengen von Talenten aus aller Welt, die es als Ehre ansahen, den Platz einzunehmen.

Als Kalli nach einem seiner umjubelten Auftritte allein in seiner Suite in einem Hotel in einer fremden Stadt den Schlaf suchte, meinte er plötzlich einen Geist zu sehen, der ihm ähnelte. Es war ein mächtiger, stattlicher Mann, aus dessen Gesicht die gleichen stahlblauen Augen funkelten. Und der Geist sprach:

„Endlich habe ich einen würdigen Nachfolger gefunden, der meinen Namen trägt.“

Karl August blickte die Erscheinung angstfrei und herausfordernd an.

„Dir, Karl August Meier, habe ich die beiden wichtigsten Eigenschaften vererbt, die die Massen in ihren Bann ziehen: den Hass auf Menschen und den Hass auf die Musik. Dafür werden Dich dein Publikum und alle anderen lieben, ohne je zu erkennen, dass Du nur das Teuflische, das in jedem wohnt, befriedigst.“

Der Geist verschwand und Kalli schlief zufrieden lächelnd ein.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



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