Aleksandar Gievski

Flüsternde Schatten

Es ist schon viele Jahre her, als das Unglück geschah. Als Klaus mit dem Fahrrad die Fußgängerunterführung herunter fuhr, auf dem Schotter ausrutschte und Kopf voraus, über das Geländer flog, auf den großen Steinen landete und sich den Schädel brach. Egal wie viele Jahre oder Jahrzehnte vergehen werden, ich werde es nie wieder vergessen. Auch wegen der Dinge, die danach geschehen sind.                                                                                                                                                         
Es war ein warmer Sommer und ein sehr heißer Tag. Klaus, Mike und ich trafen uns nach der Schule auf dem Sportplatz, um ein paar Körbe zu werfen. Leider machte uns die pralle Sonne nach kurzer Zeit so fertig, dass wir beschlossen hatten, uns unter einem Baum in den Schatten zu setzen und blöde Sprüche von uns zu geben. Und das konnten wir sehr gut, denn wir drei kannten uns schon eine Ewigkeit.                                                                                                                                                       
Wir sind in derselben Neubausiedlung aufgewachsen. Waren zusammen im Kindergarten und danach in der Grundschule. Klaus war ein Jahr älter als Mike und ich, deswegen kam er früher in die weiterführende Schule.                                                                                                                                    
Klaus hatte es dort nicht leicht. Er war ein ziemlicher Streber und wurde deshalb stark gehänselt. Richtige Freunde hatte er dort auf der Schule nie gefunden. Darum hielt er sehr stark an unserer Freundschaft fest. Das war auch in Ordnung. Wenn man Klaus näher kannte, fand man schnell heraus, dass er eigentlich ein cooler Kerl war, der sich mit unglaublich vielen Sachen auskannte und einem diese auch erklären konnte. Er war auch witzig. Klaus konnte jeden lustigen Schauspieler dieser Welt parodieren.  Wenn Mike und ich Kumpels zu Besuch hatten und wir zusammen was unternahmen, stand Klaus meist im Mittelpunkt. Aber nie auf eine anstrengende und besserwisserische Art, sondern auf eine angenehme und charmante. Nur konnte er sich in der Schule damit nicht durchsetzen.                                                                                                                                        
Die meisten Schwierigkeiten hatte Klaus mit vier Typen aus seiner Klasse, die in einer Clique waren die sich „die Gangstars“ nannten. Sie mochten ihn nicht. Vielleicht aus dem Grund, weil er mehr und besser über Hip Hop und Rap Bescheid wusste, als diese vier Idioten. Oder er mit der Gabe gesegnet war, die englischen Texte übersetzen zu können und sie danach richtig zu interpretieren. Wir wussten es nicht. Nur leider kamen diese vier Arschlöcher, ausgerechnet an diesem Nachmittag, auf den Sportplatz.                                                                                                                                                        
Als sie durch das Tor kamen, roch es direkt nach Ärger. Der Platz war leer, nur wir saßen unter dem Baum. Sie legten ihre Räder unter den Korb und fingen an, mit Zigaretten rum zu fuchteln. Es dauerte nicht lang, bis sich jeder eine angezündet hatte und sie uns dann bemerkten.                                     

„Na, wen haben wir denn da? Wenn das nicht unser Oberstreber ist. Spielst du wieder mit deinen kleinen Freunden?“

„Lass uns in Ruhe, Engin.“

„Halt‘ die Fresse, du Wichser. Deine Stimme macht mich krank und du gehst mir voll auf den Sack, weißt du das? Ich will dich nicht sehen.“

„In Luft auflösen kann ich mich auch nicht.“

„Nein, aber du kannst dich verpissen.“

„Und …“

„Verpiss dich, Klaus. Wenn du nicht willst, dass ein Unglück passiert, verpisst du dich jetzt. Klar?“

Klaus stand auf. Er sah uns an und sprach in diesem Moment das letzte Mal mit uns.

„Wir sehen uns in unserem Viertel.“

Klaus ging mit gesenktem Kopf an Engin vorbei und hob sein Fahrrad auf. Er fuhr die paar Meter bis zum Tor und blieb stehen. Nach kurzem Überlegen drehte er sich um und sprach Engin direkt an.

„Engin!“

„Was willst du noch?“

„Weißt du für wen A.M.G. das Lied, Bitch betta have my money, geschrieben hat?“

„Für wen?“

„Für deine Mutter, du H…..sohn!“

 Bähm! Das hatte gesessen. Klaus nahm die Beine in die Hand und fuhr los. Die Vier mussten erst realisieren, was da gerade passiert war. Es dauerte nicht lange und sie verfolgten ihn auf ihren Rädern. Mike und ich schauten uns an und beschlossen dann, ihnen zu folgen.                                    
Wir kannten den Weg den Klaus fuhr. Ich war mir sicher, dass Klaus in unser Gebiet fahren wollte. Da konnte er sie abhängen oder sich in irgendeinem Garten verstecken. Wir kannten unser Gebiet, wie unsere Westentasche. Dort hätten sie keine Chance gehabt. Aber, was hätte das eigentlich gebracht? Wenn sie ihn heute nicht erwischt hätten, dann morgen in der Schule.                                                    
Wir konnten Klaus nicht mehr sehen und fuhren deshalb, mit großem Abstand, den Vieren hinterher. Sie blieben dann vor der Fußgängerunterführung stehen. Mike und ich sahen das und fuhren langsamer. Dann machten die Vier sich aus dem Staub. Alle in eine andere Richtung. Keiner unter die Brücke.                                                                                                                                                                  
Mike und ich standen oben und sahen das Hinterrad von Klaus‘  Fahrrad. Wir ließen unsere Räder stehen und liefen herunter. Auf dem Fußweg lag er nicht. Wir sahen über das Geländer. Klaus lag zwischen den großen und spitzen Steinen, die zum Fluss führten. Seine Arme und Beine waren unnatürlich, in alle Richtungen geknickt. Er starrte mit offenen Augen zur Brücke hinauf. Wir riefen seinen Namen, aber es kam keine Reaktion. Mike blieb da, während ich zur Telefonzelle fuhr, um Hilfe zu holen. Von diesem Moment an rasten die Bilder wie im schnellen Vorlauf an mir vorbei.                         
Rettungswagen. Polizei. Martinshorn und Blaulicht. Erste Aussage. Unsere Eltern wurden informiert. Sie holten uns ab.                                                                                                                                               
Eine Woche später war die Beerdigung. Ich weinte. Ich wollte stark sein, aber ich konnte nicht.       
Wir mussten zur Polizei, um nochmal unsere Aussagen zu machen. Es war sinnlos. Es blieb bei einem Unfall. Die Vier, die ihn verfolgt hatten, sagten gemeinsam aus, dass sie ihn verloren hätten und die Verfolgung aufgaben. Über die unterlassene Hilfeleistung wurde nicht mehr gesprochen.                
Unter der Brücke wurden Blumen und Grablichter aufgestellt. Nach paar Monaten machte das Gerücht die Runde, dass es unter der Brücke spuken würde. Viele Schüler mieden die Unterführung. Ich auch, aber aus anderen Gründen. Bis zu diesem Tag im Herbst.                                                                                         
Nach dem Fußballtraining, hing ich noch ein bisschen mit den Jungs rum. Es zogen dunkle Wolken auf, also musste ich mich beeilen bevor der Regen anfing. Ich machte mich auf den Weg und es wurde wirklich düster. Die ersten Tropfen trafen mich im Gesicht. Dicke, schwere Tropfen. Es wurden immer mehr. Ich wollte die Unterführung als Unterschlupf nutzen bis der Regen nach ließ. Als ich den Pfad nach unten fuhr, sah ich schon das Licht, welches von den Grablichtern aus ging. Ich wurde langsamer. Das Geräusch glich einer Tropfsteinhöhle. Das Licht der Kerzen flackerte stark und warf Schatten an die Wand und zum Fluss hinunter. Ich fuhr langsam an ihnen vorbei. Dann sah ich über das Geländer nach unten. Es war Einbildung. Hervorgerufen durch die Trauer und dem schlimmen Erlebnis an diesem Ort. Ich sah jemanden da unten sitzen. Auf den Steinen. Es war nur ein Schatten, aber es reichte, mir die Angst in die Adern  zu jagen. Ich schaltete in einen niedrigeren Gang und trat hektisch in die Pedale. Als die Steigung kam und ich nochmal schaltete, fiel die Kette runter und klemmte sich ein. Im selben Moment hauchte mir ein kalter Wind, der vom Wasser nach oben stieg und mir über den Rücken fegte, die Worte „bleib hier“ um den Kopf. Schnell sprang ich vom Rad und lief damit in den Regen. Ich war schon fast zuhause, bevor ich die Kette wieder aufzog. Erst jetzt traute ich mich, das erste Mal hinter mich zu schauen, ob jemand hinter mir war.                                                  
Alles nur Einbildung.                                                                                                                                                
In den Wintermonaten fuhren die meisten Schüler mit dem Bus. Das gab mir genug Zeit darüber nachzudenken, was passiert war und die mysteriösen Geschehnisse als kindliche Phantasien abzustempeln.                                                                                                                                                       
Als der Frühling kam, redeten nur noch wenige über Unfall. Die Blumen und die Kerzen waren verschwunden. Ein kleines hölzernes Kreuz, mit Klaus‘ Bild darauf, erinnerte an das, was passiert war.                                                                                                                                                           
An diesem Morgen war ich spät dran für die Schule. Ich hatte mir zwar einen neuen Schulweg gesucht, aber ich musste Zeit sparen. Und die alte Strecke war wesentlich kürzer. Als ich unter die Brücke fuhr, sah ich Mike der auf dem Fahrrad saß und sich am Geländer abstützte.  Er sah zum Fluss hinunter, der bedrohlich angestiegen war. Was für die Jahreszeit nicht außergewöhnlich war. Im Frühjahr trat er auch oft über das Ufer. Ich blieb neben ihm stehen und fragte was er machte.

 „Der Fluss kippt heute noch über.“, antwortete er mir, ohne mich anzuschauen. 
                                     
„Kann sein. Dann werden wir heut Nachmittag den anderen Weg fahren müssen.“, sagte ich. 
                 
„Mach das. Eine sehr gute Idee von dir.“         
                                                                                                                    
Da ich nicht mehr Antworten von ihm erwartete, verabschiedete ich mich und fuhr weiter. Als ich davon fuhr, hörte ich Mike doch noch was sagen. Daraufhin blieb ich stehen und drehte mich um. Doch Mike schaute weiter in das Wasser. Dann sah ich ihn, in der Schule, den ganzen Tag lang nicht mehr. Erst nach der Schule, auf dem Pausenhof. Ich schob mein Fahrrad neben mir her und quatschte mit einem Klassenkameraden. Als ich ging, fiel mir Mike auf, der vorne am Eingang auf seinem Fahrrad saß und mitten im Weg stand. Wir kamen näher und auf einmal schrie Mike: „Hey!“. Ich dachte zuerst, es galt mir, aber er schaute in eine andere Richtung. Wir drehten unsere Köpfe um und sahen, wen er meinte. Dann schrie er noch lauter:

„Engin! Weißt du noch, bitch betta have my money , du verkackter H…..sohn. Ich hoffe dieses Mal sagst du es deiner Scheiß Mutter.“                                                                                                                    
Ich konnte nicht glauben was ich da hörte. Was sollte das? Auch Engin und seinen tollen Freunde vielen die Kinnladen runter. Es war verständlich, dass Engin das nicht auf sich sitzen lassen konnte, aber für den ersten Augenblick, verschlug es ihm die Sprache. Im selben Moment, als Engin begriff was er zu tun hatte, wiederholte sich für mich alles. Es war so, als ob jemand den Film zurück gespult hätte. Nur das Mike jetzt vorne weg fuhr und nicht Klaus.                                                                                        
Ich kam zur langen Geraden, vor der Fußgängerunterführung. Mike schoss Vollgas hinab. Die vier Verfolger diesmal hinterher. In mir stieg die Angst auf, Mike könnte dasselbe passieren wie Klaus. Ich war augenblicklich erleichtert, als Mike auf der anderen Seite raus kam. In der Zwischenzeit war ich an der Unterführung angekommen und wollte schon runter fahren. Im letzten Moment machte ich doch noch eine Vollbremsung. Ich traute meinen Augen nicht. Das Hochwasser stand einen Meter unter der Brückenunterkante. Nichts und niemand konnte da durch fahren. Ich sah zum Fluss. Das Wasser war braun und sah gefährlich aus. Die Strömung riss große Baumstämme und allerlei Geäst mit sich. Ich fuhr einen anderen Weg nachhause und bin nie wieder diesen Weg gefahren. Engin und die anderen drei wurden Tage später, flussabwärts, aus dem Wasser gezogen. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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