Gherkin

DER KLEINE MANN





 
 
Einfach zu lernen, aber unmöglich in den Griff zu bekommen – eben genauso wie das Liebe machen, ja, das ist die Kunst des Fegens!

Ein Handwerk, das keiner wirklich zu beherrschen scheint, aber jeder glaubt fest daran, den Besen gar meisterlich zu schwingen. Ich daselbst ward einst in Heidelberg ein gar solcher jener, der den Besen zu schwingen hatte, im Auftrage der Stadt, zum kargen Lohne von lediglich 1,50 DM (weiland im Jahre des Herren 1984). Der Vorarbeiter betrachtete meine Bemühungen und entriss recht grob mir das Arbeitsgerät, gewaltig und borstig (und ich denke dabei an beide, sowohl an den Boss, als auch an diesen Besen). „Du hältst den Besen völlig falsch, Bube“, drang es aus seiner Kehle rau, „habe nie einen Burschen gesehen, der gleich 4 Fehler bei dieser doch relativ leichten Tätigkeit zu machen die frech-dreiste Stirn besaß!“ Ich weinte hemmungslos. Meine Körperhaltung war völlig falsch, der Strich zu seicht, viel zu lasch in der Ausführung, ich hielt den Besenstiel falsch, und ich drückte viel zu heftig auf eben jenen Stiel, dergestalt, dass sich die langen Borsten durchbogen.

Lachen und Gewieher kam aus den Reihen der sehr biederen Gesellen, die sich ja meine Kameraden schimpften. Mein gedemütigtes Herz musste sich noch viele Dreistigkeiten anhören, bis der Tag dann kam, im Winter des darauffolgenden Jahres, da ich ohne Hohngelächter und Gewiehere den Besen zu schwingen nunmehr ansetzte. Bald darauf verloren die Kameraden das Interesse an mir, wusste ich doch jetzt, wie es ging. Doch die Demütigung, der Hohn und all die Schelte waren sicherlich ebenso brutal wie damals, als ich ein SIC-Putzer im Elektroschmelzwerk Grefrath war, von morgens 4:30 Uhr bis nachmittags 13:30 Uhr. Der gewaltige Silicium-Brocken, den ich am ersten Arbeitstag präsentiert bekam, hieb der riesige Vorarbeiter mit nur 4 Schlägen mittels eines gewaltigen Vorschlaghammers  entzwei. „Mach das nach“, bellte er mich an, reichte mir den wahrlich riesigen Hammer, der bereits bei der Entgegennahme direkt zu Boden fuhr. Alle Männer grinsten, mit diesen über und über Silicium-Staub bedeckten Gesichtern (ich sollte später erfahren, dass nur eine wahrlich riesige Menge einer speziellen Waschpaste, grobkörnig und sämig, den Körper von den Partikeln zu reinigen in der Lage war).


Mein Freund Manfred Dienel und ich, wir waren gerade erst 17 Jahre alt, wähnten uns stark und mächtig, wir hatten die Bewährungsprobe vor uns. Würden wir es denn schaffen? Wir fühlten uns unbesiegbar, unbezwingbar – und so herrlich jung. Zuversichtlich schwang ich den Monsterhammer, ließ üppig und schwer ihn auf diesen Klumpen krachen… Doch auch nach dem 24. Hieb, der mir schon schwer in die Knochen fuhr, und den ich auch im gesamten Gebälk verspürte, war außer einer ordentlichen Delle im Brocken gar nichts zu sehen. Auch hier – wie sehr viel später in Heidelberg – gewaltiges Gelächter. Manfred machte es zwar ein wenig besser, aber auch er bekam das schwarze Gestein nicht klein. Doch seine Delle war deutlich tiefer. Bei ihm, da mochte der Brocken geächzt haben, bei mir vielleicht nur kurz geseufzt. Beide hatten wir - bis zur totalen Erschöpfung - auf den Klumpen eingeschlagen, wohl an die 40 mal. Dann erlöste uns der Vorarbeiter, er hieb 2 – 3 mal auf den Stein – und jener zerbrach in exakt 4 große Stücke. Wieder Gewieher, man schlug sich auf die Schenkel vor Lachen. Und wir zwei standen da, hatten die Feuertaufe nicht bestanden, wie wohl dutzende vor uns ebenso nicht. Sehr viel später wurden wir in die Geheimnisse eingeweiht, zuerst die Sehnen eines jeden Brockens zu erkennen, um dann mit 4 – 5 wuchtigen Hieben exakt zu treffen, den Nerv zu treffen, der den Stein schließlich aufbrechen ließ. Es ist, wenn man es einmal weiß, keine große Kunst mehr. Natürlich gehört Muskelschmalz dazu, doch ist es keine Hexerei. Wohl mit dem Trick in etwa zu vergleichen ein Telefonbuch spektakulär vor applaudierendem Publikum zu zerreißen.


Können Sie sich vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man, knapp vor 5:30 Uhr morgens, in eine Halle kommt, in der ein gewaltiger Berg riesiger Silicium-Brocken darauf wartet, von 9 Arbeitern kurz und klein zerschlagen, mit Pressluft-oder Vorschlaghämmern vernichtet, restlos niedergestreckt zu werden? Diese morgendliche Depression überkam uns alle, wenn wir vor dem Arbeitstag standen: „Das hier muss heute (wieder einmal) geschafft werden, vorher ist nicht Schluss. Je früher wir das packen, desto eher kommen wir unter die Dusche, Männer!“ Sisyphos, der Sohn von Aeolos und Enarete, muss sich ähnlich gefühlt haben, wenn er immer und immer wieder seinen Felsblock den steilen Hang hinauf wuchtete – und doch immer wieder neu ansetzen musste, weil ihm der Brocken entglitt, knapp vor dem Ziel. „Ashcan-Worker“, diese Bezeichnung passte auf uns sehr gut. Es ist unwiederbringlich und nachdrücklich unmöglich, einem völlig Außenstehenden zu vermitteln, wie wir uns angesichts des frustrierend großen Silicium-Berges fühlten.

Man wollte eine ganze Flasche Whisky trinken, man wollte eher gegen 5 Mann kämpfen, man hatte Fluchtgedanken und grausamste Wehklagen gegen Gott und die Menschheit parat, wenn man so früh am Morgen, noch nicht einmal richtig wach, den Presslufthammer in die Hand gedrückt bekam, und zudem den Befehl, auf die Halde zu steigen und den Anfang zu machen. Hoch oben, etwa 12 Meter über den Männern, den ersten fetten Brocken zu zerlegen. Um 5:33 Uhr?!? Du denkst unwillkürlich: Ja, will denn dieser Tag überhaupt kein Ende mehr nehmen? Um bereits 12 Uhr bist du fix und fertig!


Für 6,50 DM habe ich in Grefrath die härteste Arbeit verrichtet, die ich jemals verrichten musste. Um an eine Stereo-Anlage zu kommen, die ich mir durch diesen schweißtreibenden Job auch tatsächlich in gut 6 Monaten zusammengespart habe. Ich hatte und habe einen Heidenrespekt vor all diesen Menschen, die diese Arbeit ein ganzes langes Leben verrichten. Heimlich ließ ich damals einige Silicium-Teile im Rohzustand mitgehen heißen, was eigentlich streng verboten war. Ich habe diese Stücke immer noch, seit 50 Jahren. Nie mehr habe ich für mein Geld so schwer schuften müssen, und ich stand oft am Fließband in den folgenden und mitunter sehr harten Jahren, ich war als Lagerarbeiter tätig, ob an der Ameise oder mit den Händen, ich hatte schwere Jobs, aber die Arbeit im Grefrather Elektroschmelzwerk war die härteste. Gleich danach folgte jedoch meine Zeit in der Friesenpresse Wilhelmshaven am Fließband, wo wir die Remittenden auf das Band zu wuchten und so schnell wie nur möglich auszupacken hatten. Von morgens bis abends die immer gleiche Bewegung: Bücken, hochheben, aufreißen, aufs Band werfen. Einmal habe ich in der Mittagspause sehen müssen, wie die Vorarbeiterin das Band ein ganz klein wenig schneller stellte – ich war fassungslos. Die dann von mir initiierte Einführung eines Betriebsrates kostete mich später den Job.


Ich verneige mich heute, da ich Rentner bin, verbraucht und reichlich kaputt (ob Rücken oder Hände, es ist der Verschleiß, der mich bereits mit 60 in die Rente trieb), vor allen Menschen am Fließband, in all den Elektroschmelzwerken, in den Großwerken überhaupt, ob Werft oder Stahlschmiede, an den Besen (zu jeder Jahreszeit, Hut ab!) und an den Maschinen. Es gehört eine Menge Disziplin, Mut, Kraft und sehr viel Stärke dazu, vor allem auch mental, diese harten Jobs ein Leben lang auszuhalten und durchzustehen – volle 8 bis 10 Stunden täglich, mitunter auch noch an den Samstagen. Ich verneige mich vor Euch, die Ihr unerkannt, kärglich entlohnt, im Dunkeln steht und schuftet, keucht und ächzt. Und nach dem Job ist oft noch über 1 Stunde Nacharbeit zu leisten, zum Beispiel auch im Grefrather Elektroschmelzwerk, um den schwarzen Feinstaub aus dem Körper zu bekommen. Das bezahlt dir keiner. Mit einer grobkörnigen Paste reibst du dich gut 20 Minuten lang ein, willst eigentlich nur noch eines: Ins Bett. Du bist fertig, am Ende, kannst kaum noch das Handtuch halten...


Keiner denkt an diese „kleinen Leute“, alle reden nur von den Machern, von den Direktoren in ihren Maßanzügen, von den Managern und Investoren. Wer aber bringt das Werk nach vorne? Wer ist es, der es möglich macht, dass sich der Generaldirektor eine neue Yacht kaufen kann, 21 m lang? Welch Peinlichkeit, denjenigen völlig zu vergessen, dem die eigentliche Ehre zusteht: Dem Arbeiter nämlich!


Nehmen Sie sich, nur mal so aus Spaß, einen Straßenkehrer-Besen im Baumarkt vom Haken, und dann versuchen Sie, ohne die oben erwähnten 4 Fehler, souverän und mit frisch-saloppem Strich, den Boden zu kehren. Sollte keiner lachen, dann hatten Sie keine Zuschauer. Lacht einer, ist er vielleicht genau der Mann, der diesen Besen eventuell professionell für die Stadt, in der Sie jetzt wohnen, zu schwingen weiß. Denken Sie mal darüber nach.

Nur wenige Minuten. Das ist länger, als es all die Vorstandsaffen in den meist weit über den kargen Werkshallen gelegenen Etagen zu tun pflegen, in ihrem ganzen Leben voller Luxus und Müßiggang, zwischen den Golf-Turnieren und den Pferderennen, zwischen den Meetings am Yacht-Hafen, den Wochenend-Ausflügen nach Monte Carlo oder auch Monaco. Sollten sich diese zwei Welten einmal begegnen, natürlich rein zufällig, dann wird der Mann in der Armani-Uniform, so wohlriechend und mit Schuhwerk ausgestattet, das rund einen Monatslohn des Gegenübers umfasst, achten Sie mal drauf, ganz sicher den Blick gen Boden richten. Und jetzt wissen Sie auch, warum dem so ist: Es ist das Gewissen… Er weiß, wem er diesen Reichtum zu verdanken hat. Aber er darf es niemals sagen. Nie!


Chapeau! Ein Denkmal dem deutschen Arbeiter! Mein Herz gehört Euch, Leute! Ihr macht einen tollen Job. Ich liebe Euch! Auch ich habe lang meinen Buckel hingehalten, ich ging durch die Hölle für einen echten Hungerlohn. Dankt einem das irgendein Bonze? Nein, niemals.


Heute? Ich bin 67, körperlich ein Wrack. Meine Finger lassen sich kaum noch biegen. Böse Arthritis, schlimme Rückenprobleme, Wasser in den Knien, die Lunge ist beeinträchtigt, das Herz will nicht mehr so richtig, die Nerven... Ach herrjeh, die Nerven... So viele Schwierigkeiten, vor allem auch die Augen können kaum noch richtig erkennen, was da auf dem Fensterbrett steht, sacht beleuchtet von diversen Strahlern: Silicium-Brocken, sieben Stück. Wundervoll anzusehen. Prächtig. Oftmals weine ich, wenn ich diese 7 Brocken betrachte. 1970 gestohlen, aus dem Elektroschmelzwerk Grefrath --- keine einzige reuige Minute hatte ich seither. Dies sind meine Trophäen, wacker erarbeitet. Ja, ich weiß. Unrechtmäßig erworben. Aber dennoch auch mein...


Ich hoffe, Du, mein lieber Leser, hast nun einen kleinen Einblick erhalten. In den Alltag eines wahrlich hart schuftenden Mannes. Der für nur wenig Geld sein Auskommen fristet. Täglich. In einer Art und Weise, die eines Menschen kaum würdig zu erachten scheint. Es ist das Brutalste überhaupt, solch eine Arbeit leisten zu müssen. Und JEDEN Morgen stehst du armer Wicht vor dieser Halde, so hoch aufgetürmt, riesig. Und der Vorarbeiter sagt: "Haltet Euch ran, Leute. Je eher wir diesen Berg hier klein kriegen, desto eher dürft Ihr unter die Dusche!"


Ein HOCH auf die Arbeiter in Deutschland und in aller Welt! VIVAT, HOCH und RESPEKT! Der "kleine Mann", er lebe Hoch, Hoch, Hoch! Was wären wir ohne IHN?

     

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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