Angela Pokolm

Solange es noch Träume gibt ...



Im Park am Rande der großen Stadt stand ein Baum.

Des Sommers reiche Hand hatte ihm ein dichtes grünes Blätterkleid beschert.


 

Fast ganz oben an der Spitze des Wipfels hing ein kleines Blatt. Es sah weit über das Land, es sah die Wolken über sich ziehen, es sah die Vögel fliegen.

Ach,“ so dachte das kleine Blatt, „wie schön müsste es sein, einmal fliegen zu können! Wie gerne möchte ich mit dem Wind und den Wolken ziehen, mit den Vögeln fliegen!“

Die Sonne schien warm vom Himmel herunter und liebkoste das kleine Blatt mit ihren goldenen Strahlen.

Freue dich!“ sagte sie. „Freue dich über deine Jugend und Schönheit!“


 

Der Tau fiel herab; er benetzte es mit seinen kühlenden Perlen am Ende eines heißen Tages.

Freue dich!“ sprach er zu dem Blatt. „Freue dich über den wiegenden Wind und sein Lied! Horch, welche Geschichten er dir erzählt!“


 

Der Sommerwind streichelte es zärtlich.

Freue dich, du kleines Geschöpf,“ sang er leise, „freue dich über jeden Tag der Sonne und der Wärme!“


 

Aber das kleine Blatt wurde immer trauriger. Es konnte sich einfach nicht freuen!

Immer wieder sah es zu den Wolken hinauf, die so lustig dahinzogen. Und das Herz verkrampfte sich ihm vor Sehnsucht, mit ihnen fliegen zu können.

Dann kam der Herbst. Er schenkte dem kleinen Blatt das allerschönste Kleid. Es leuchtete wie Gold und Purpur zugleich.


 

Wie schön du bist,“ sagten die Vögel zu ihm, die sich auf dem Zweig, an dem es hing, niederließen.
„Freue dich über deine Schönheit!“

Aber, wie sollte sich das Blatt freuen, wenn es zusehen musste, wie die Vögel sich immer wieder von dem Zweig leicht wie ein Hauch in die Luft schwangen und fortflogen!
Wenn es zuhören musste, wie die Zugvögel begannen, miteinander über die fernen schönen Länder zu reden, in die sie fliegen wollten!

Oh, wie groß, wie unendlich groß wurde da der Wunsch des kleinen Blattes mitfliegen zu können!
„Nehmt mich doch mit!“ bat es die Zugvögel flehentlich. „Ach, ich gäbe mein Leben hin, könnte ich mit euch fliegen!“


 

Der Herbstwind kam. Er war kein so zärtlicher Gefährte und Freund wie der Sommerwind. Sein Lied war wild und rau. Wie ein Kriegsschrei.
Aber das war dem kleinen Blatt nur recht! Gerade so verzweifelt-wild war ihm zumute!

Nein, den Herbstwind brauchte es nicht zu bitten, es mit zu nehmen. Der kannte seine Aufgabe.

Jetzt sollst du fliegen!“ brüllte er dem kleinen Blatt zu und riss es von seinem Zweig.


Es tat ein bisschen weh. Wie ein scharfer Schnitt ins Innerste des Herzens, des Zentrums seines Lebens.
Aber was machte das schon! Endlich konnte es fliegen!

Hei, was war das für eine Wonne! Das kleine Blatt meinte vor Seligkeit vergehen zu müssen.
Endlich frei wie die Vögel und die Wolken!


 

Der Herbstwind trieb es vor sich her mit vielen, vielen seiner Geschwister. Bis in die große Stadt. Schwächer wurde hier seine Kraft, brach sich an den hohen steinernen Häusern.

Es ist Herbst. Schaut nur wie die Blätter fallen. Bald kommt der Winter,“ sagten die Menschen und machten, dass sie in ihre warme Wohnung kamen.


Müde sank das kleine Blatt auf die Straße. Alles Glück und alle Seligkeit – wo waren sie geblieben? Was war nur geschehen?

So lag das kleine Blatt auf der regennassen Straße. Die Kälte packte es an mit eisigen Fingern, und es dachte daran, wie warm und zärtlich die Sonne, der Tau und der Sommerwind zu ihm gewesen waren. Wie herrlich der blaue Himmel über ihm und das weite Land im Sonnenschein. Wie gut es ihm doch gegangen war, geborgen an seinem Zweig bei seinen Geschwistern!

Ach,“ dachte es traurig, „könnte ich doch wieder dort sein. Könnte es nur so sein wie früher! Könnte ich nur einmal noch fliegen! Ich flöge auf der Stelle zu meinem Baum zurück. Niemals mehr wollte ich mir etwas anderes wünschen!“ so rief es zu den hohen Häusern hinauf.

Doch es kam keine Antwort. Die steinernen Häuser blieben stumm. Kalt und rau heulte der Wind durch die Straßen und peitschte den Regen an die Hauswände. Er blies den Menschen die Kopfbedeckungen weg. Er rüttelte an den Fensterläden und klopfte an die Scheiben.


Ein heftiger Windstoß riss das kleine Blatt empor und wirbelte es mit sich fort. Krachend flog ein Fenster auf, und ein Schwall Regen und kalter Luft drang in eine dumpfe, niedrige Stube.


Sachte, ganz leise, taumelte das kleine Blatt auf die Decke eines Bettes.
Ein gelähmter Junge lag darin. Voller Staunen schaute er auf das kleine Restchen von Leben, das da von draußen auf einmal zu ihm hereingekommen war. Dessen einstige Schönheit zwar arg mitgenommen war, aber immer noch leise im Hintergrund schimmerte.
Behutsam nahm er das Blatt in seine mageren Hände und betrachtete es zärtlich, geradezu andächtig. Seine Augen begannen zu strahlen.

Ein Traum, sein Traum, war ihm in Erfüllung gegangen!

In diesem Gruß des Sommers in sein stilles Leben hinein hielt er ein Stückchen Wirklichkeit in seinen Händen!

Es war
ein Hauch von Wirklichkeit
von seinem Traum
vom Fliegen.


Angela Pokolm

 

Die Geschichte ist eine Variation auf das Lied „Der Traum vom Fliegen“ der (Chanson-)Sängerin Alexandra – bekannt u.a. durch „Mein Freund der Baum“ oder „Zigeunerjunge“ .

Sie mag als kleine Hommage an die bis heute unvergessene deutsche Künstlerin verstanden werden, deren allzu früher Tod - sie war gerade 27 - sich 2019 zum 50. mal jährt.


Angela Pokolm, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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