Christa Astl

Laufwettbewerb

 

 

Mit fast 73 Jahren wäre sie wohl schon zu alt dazu, war ihr erster Gedanke, als sie eingeladen wurde, bei einem Rennen mitzumachen. Sie, als sehr sportliche, unermüdliche Frau, werde das sicher schaffen, lautete die Antwort!

Also willigte sie ein. Die Gegend kannte sie ja, ein Jahr vorher war sie die Strecke einmal um den See gegangen, während ihre Tochter die Runde zweimal lief. Anschließend waren sie im Seerestaurant, saßen im Gastgarten, aßen eine Kleinigkeit, zusammen eine Portion mit Käse überbackener Nudeln und versuchten mit Wasser und Saft ihren Flüssigkeitsbedarf wieder zu ergänzen.

Damals war es eine genussvolle Wanderung, sie versuche zwar schnell zu gehen, aber doch ohne Stress. Das Lob der Tochter, die sie auf halber Strecke überholte, ermutigte sie zusätzlich.

Aber diesmal? Wenn ich wenigstens Vorletzte werde, sagte sie sich, wäre ich zufrieden. Training? Reichte die Gartenarbeit? Die Woche vorher wollte sie es genau wissen: Sie unternahm eine kleine Bergwanderung, etwa anderthalb Stunden aufwärts und auf einer anderen Strecke hinab. Der Abstieg, den sie im Eiltempo bewältigen musste, um ihren Bus zu erreichen, brachte ihr einen argen Muskelkater ein, der sie die nächsten Tage etwas beeinträchtigte.

Doch nun rückte der Tag des Rennens immer näher. Der Muskelkater war vorbei, sie fühlte sich gut. Gut genug, um die Strecke zu bewältigen? Nur 5,3 km, eigentlich nicht weit, aber im möglichst schnellen Tempo. Vorsichtshalber hatte sie sich nur zum Nordic-Walking gemeldet. Stöcke gaben ihr zusätzlich Sicherheit.

Um zehn Uhr wurde sie zu Hause abgeholt, eine Stunde Fahrzeit. Einen Kilometer vorher standen bereits parkende Autos, also hieß es schon mal zehn Minuten gehen, zum Aufwärmen, wie man ihr riet. Aufwärmen hätte sie sich an diesem heißen Spätsommertag nicht müssen, im Gegenteil, man kam beim Stehen schon ins Schwitzen, so brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Eine unüberschaubare Menschenmasse wurlte und wuselte am Startplatz herum, sie musste erst das Meldebüro suchen. Startnummernausgabe und eine Tasche mit verschiedensten Vitamin- und Gesundheitsprodukten, zwei Getränke und eine Trinkflasche, natürlich mit Logo des Veranstalters, bekam jeder Teilnehmer.

Mit der Tasche zurück zum Auto, wieder sehr flott, aber durchgeschwitzt war sie schon, nun wechselte sie gleich ihr Kurzarm-Shirt gegen ein ärmelloses.

Dann wurden die Stöcke angepasst, sie bekam Original-Nordic-Walking-Stöcke geliehen, an die sie sich erst gewöhnen musste.

Die letzten Minuten brachen an, allmählich formierte sich die Schar der Teilnehmer, es waren 770, erfuhr sie im Nachhinein, und wartete auf das Startzeichen. Punkt zwölf Uhr, beim letzten Schlag der Kirchturmuhr, war es so weit. Erst die Läufer, die „Stockenten“ mussten warten, damit nicht schon jemand gleich zu Anfang zu Sturz kam.

So spannend war der Start, sie schaute – und setzte sich erst in Bewegung, als alle bereits weg waren. Als letzte, bereits am Anfang abgeschlagen, nicht gerade motivierend. Erst glaubte sie, die paar Meter Vorsprung könnte sie leicht einholen, aber auch die Walker legten ein ordentliches Tempo vor.

Frustriert dachte sie bereits ans Aufgeben. Da gesellte sich eine Teilnehmerin von weiter vorne zu ihr, „… damit du nicht so allein bist…“ Allerdings war die nunmehrige Begleiterin eine Nervensäge, redete und fragte in einem fort, während sie selbst sich nur auf ihren Atem und ihre Schritte konzentrieren wollte. Und wie gekommen, war die andere plötzlich wieder weg. Das erste Tief war allerdings überwunden, und als die ersten Läufer, die die Strecke zwei- bzw. viermal bewältigen mussten, sie überholten, erwachte auch ihr Ehrgeiz wieder. „Einmal herum werde ich wohl auch schaffen, aber nur nicht Letzte werden“, sagte sie sich.

Die Sonne brannte vom Himmel, das T-Shirt war bereits durchgeschwitzt, die Jogginghose war viel zu heiß, aber was half alles Jammern? Keiner brachte was zu Trinken, keiner eine Ruhebank, keiner was zum Umziehen. Also weiter! Sie hatte keine Uhr, wusste nicht, wie spät es war, wie lange sie unterwegs war, wie lange sie noch brauchen durfte, also weiter.

Die Marathonläufer überholten sie, einzeln, in Gruppen, von den Walkern sah sie niemanden mehr. Egal, den Weg kennt sie, nur nicht Letzte werden, diese Gedanken spornten immer wieder an.

Halbzeit? In erreichbarer Nähe sah sie Verpflegungsstationen, auch ein Erste-Hilfe-Zelt. Vorher war sie kurze Zeit am linken Straßenrand im Schatten einer Baumreihe  gegangen. Plötzlich rief wer: Ausstellen, die Läufer kommen! Mit drei Laufschritten wechselte sie die Straßenseite, wollte rechts am Fahrbahnrand in der Wiese gehen, da passierte es: Die Laufschritte waren bereits unsicher, sie kam aus dem Rhythmus, der Schritt in die kaum merklich tiefer liegende Wiese tat ein Übriges. Sie geriet ins Wanken, die Knie wurden weich, der Schritt unkontrolliert, Beine, Arme, Stöcke bildeten plötzlich ein vermeintlich unentwirrbares Chaos, sie torkelte, schwankte, - einige Zuschauer streckten bereits die Arme aus um sie aufzufangen – das darf nicht sein! Unter Aufbietung aller Kraft, gesteuert von eisernem Willen, entwirrte sie gedanklich ihre Gliedmaßen, trat fest auf, und stand und ging wieder sicher. Natürlich hat das einige Sekunden gekostet, wenn nicht Minuten, ihrem Empfinden nach war es eine kleine Ewigkeit. Im Vorbeigehen schnappte sie sich einen Becher Wasser, er war nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt, reicht nur um den Mund zu befeuchten, aber weiter ging es! Wie ein Mantra sagte sie sich Verse vor, die ihren Schritten den Takt gaben: „Weiter geht es, immer weiter“, „Bin nicht müde, kann noch weiter“, mit solchen und ähnlichen Worten trieb sie sich an. Während sie Worte suchte, hielten die Füße den Takt. Bald sah sie schon den Zieleinlauf, aber noch ewig weit entfernt.

Wieder kam der Gedanke ans Aufgeben. Kein Walker in Sicht, kaum Läufer, ist alles schon vorbei? Leute saßen auf einer Bank, klatschten, als sie vorbei kam, feuerten sie an. „Ich muss weiter, ich schaffe es! Schließlich bin ich eine der ältesten“ – So machte sie sich wieder Mut. Gleichmäßig, wie automatisch, setzte sie Fuß vor Fuß, Schritt für Schritt kam sie näher zum Ziel. Immer mehr Zuschauer saßen auf Bänken, in der Wiese, sogar vom nahen Gastgarten her erklangen Aufmunterungsrufe. „Ich muss es schaffen“. Weiter geht es! Langsam rückt das Ziel näher, das letzte Stück ist mit Absperrungen markiert, die Menschen hätten die Orientierung erschwert.

Endlich – die letzten Meter – nur ja nicht mehr straucheln, oder gar ins Ziel stürzen!

Geschafft! Angekommen! Durchgekommen! Sie ist glücklich. Natürlich völlig außer Atem, steht oder hängt sie, auf die Stöcke gestützt. Jemand führt sie zu einer Bank, jemand bringt ihr einen Becher Saft. Sie kann es noch gar nicht glauben. Wirklich ans Ziel gekommen?! Die Freude und der Stolz des Siegers können nicht größer sein. Den vorletzten Platz hat sie erreicht, mehr wollte sie nicht. Ob es ihr letztes Rennen war?

 

 

ChA 05.10.19

(Walchsee-Halbmarathon am 26.09.19)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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