Claudia Savelsberg

Die Träume des Apothekers

In dem etwas verschlafenen 1000-Seelen-Dorf in der Provinz galt der Apotheker Oliver Bauer selbstverständlich als Autorität, direkt nach dem Pastor und dem niedergelassenen Arzt im Ort. Er wurde geschätzt; denn er war stets freundlich und kompetent in der Beratung seiner Kunden. Wenn er wollte, hätte er wohl viele Anekdoten aus seinem Berufsleben erzählen können. Was er aber nicht tat. Schweigepflicht. Ja, man konnte ihm vertrauen.

Als Apotheker war er natürlich Geschäftsmann, und ein Geschäftsmann muss auch die „Umsätze“ im Blick haben. Eine Kundin wollte unbedingt eine Hämoridencreme kaufen, weil sie im Internet gelesen hatte, dass diese Creme auch bei geschwollenen Augen helfen könnte. Oliver Bauer riet dringend davon ab. Diese Creme wäre für die empflindliche Haut um die Augen einfach zu aggressiv, sie sollte doch lieber Gurkenscheiben jeden Abend auf die Augen legen. Das wäre deutlich besser als alle Mittel, die im Netz angeboten werden. Zufrieden verließ die Kundin die Apotheke, fühlte sich gut beraten und außerdem in ihrer Eitelkeit verstanden. Eine andere Kundin nestelte eine Anzeige, die sie aus „Frau im Spiegel“ herausgeschnitten hatte, auf den Tresen der Apotheke. Es wurde für einen „Schlankmacher“ geworben, und den sollte Oliver Bauer ihr jetzt bestellen. Er recherchierte im Internet. Nein, dieser hoch angepriesene Schlankmacher hätte keine Wirkung und wäre außerdem viel zu teuer. Er riet dazu, jeden Abend eine Tasse Detox-Tee zu trinken. Also verließ die Kundin mit einer Packung Tee die Apotheke. Oliver Bauer hätte ihr auch noch mehr verkaufen können, aber das tat er eben nicht. Sein Berufs-Ethos verbot es ihm.

Er wurde hoch geschätzt. Vor allen Dingen bei den Kundinnen älteren Semesters. Oliver Bauer war groß, hatte eine athletische Figur, dunkle Haare und strahlend blaue Augen. Wenn er ein blaues Hemd oder ein blaues Sweat-Shirt trug, dann brachte es seine blauen Augen noch mehr zum Leuchten. Ein Anblick, den die Damen des älteren Semesters doch sehr zu schätzen wussten. Im kleinen Supermarkt des Ortes, in dem es neben Lebensmitteln auch täglich einen kleinen Tratsch gab, unterhielten sich drei Frauen. Die erste sagte: „Heute muss ich noch zu Olli“, womit sie meinte, dass sie zur Apotheke wollte. Die zweite spitzte ihre Lippen und nuschelte „Er ist hübsch.“ Die dritte setzte mit Überzeugung nach: „Ach was … er ist einfach ein attraktiver Mann.“ Diese Äußerung fanden die beiden anderen dann doch etwas zu gewagt.

Oliver Bauer führte die Apotheke schon seit einigen Jahren. Das Geschäft lief gut, und er liebte seinen Beruf. Aber er hatte einen großen Traum, von dem niemand ahnte. Er wollte ein Buch schreiben. „Jeder Mensch sollte einmal im Leben ein Buch schreiben,“ war seine feste Überzeung. Es sollte ein historischer Roman werden, der in der Wikinger-Zeit spielte. Oliver Bauer bereitete sich akribisch auf diese Projekt vor. Er legte sie einzelnen Charakter fest, konzipierte den Handlungsstrang und überlegte, wie der Spannungsbogen bis zum Ende des Romans gehalten werden könnte. Im Kopf war sein Wikinger-Roman schon fertig, aber ihm fehlte einfach die Zeit, sich an den PC zu setzen und den Text in eine entsprechende Datei einzugeben. Sein Blick fiel auf den Seesack, der gepackt in einer Ecke neben dem Schreibtisch stand. Einmal im Leben eine große Seereise machen, ein Traum. Aber ihm fehlte die Zeit.

An einem sonnigen Montagmorgen standen die Kunden vor der geschlossenen Apotheke. In der Tür hing ein Zettel: „Verehrte Kundschaft! Die Apotheke bleibt bis auf weiteres geschlosssen. Ich bin auf dem Seeweg nach Panama, um dort meinen Wikinger-Roman zu schreiben.“ Während die Kundinnen älteren Semesters bestürzt und seufzend den Weg nachhause antraten, segelte der Apotheker Oliver Bauer in den Sonnenaufgang ….

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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