Steffen Herrmann

Der Putsch. 1. Stauffenbergs Tat

Als er den ersten Kontrollpunkt passiert hatte, begann sich Stauffenbergs Nervosität zu legen. Sein Herz pochte nicht mehr, er war nun von Ruhe erfüllt, von Entschlossenheit und Schicksal. Der Wagen näherte sich dem zweiten Kontrollpunkt, er stoppte. Stauffenberg salutierte gewohnt zackig, der Diensthabende erwiderte den Gruss und winkte sie rein.

Geschafft! Er war im inneren Kreis der Wolfsschanze, am dritten Check Point wurden hohe Offiziere wie er nicht mehr kontrolliert. Seine Brust war ein Lavasee und er wusste, dass die Tat nun geschehen würde.

Haeften hielt an, Stauffenberg nahm seine Tasche, die grösser und schwerer war als sonst und stieg aus dem Auto. Sie betraten das Gebäude, innen lief ihnen ein Stabsoffizier über den Weg.

«Die Lagebesprechung wird eine halbe Stunde vorverlegt.» erklärte er. «Der Duce ist unterwegs hierher.»

Das war nicht gut. Es blieb nur wenig Zeit. Wo sollte er die Bombe scharfmachen? Er wandte sich an den Stabsoffizier und erklärte, dass er in seinem durchgeschwitzten Hemd Hitler nicht Bericht erstatten wolle und bat um Erlaubnis, es wechseln zu dürfen.  Man führte ihn in einen Nebenraum, wo er sich, von Heften begleitet, der ihm als Einhänder assistieren sollte zurückzog. Hastig öffneten sie die Tasche. Zwei Sprengsätze, jeweils ein Kilo Plastiksprengstoff, für jeden einen Zeitzünder.

Gerade hatten sie den ersten aktiviert, da tauchte Oberfeldwebel Vogel an der Tür auf. «Beeilung» brüllte er herein. «Hitler wartet.»

«Kommen sofort» rief Stauffenberg zurück.

Vogel war weg, Stauffenberg war starr geworden. Es lief nicht nach Plan. Aber es gelang ihm - anders als in der wahren Geschichte - auch den zweiten Zeitzünder scharfzumachen. Sie verstauten die Bombe und gingen schnell in die Baracke.

Stauffenberg platzierte die Tasche in Hitlers Nähe.

« Da kommen Sie ja endlich.» Der Führer war nicht in guter Stimmung. Er war über die grosse Karte gebeugt, die über den Tisch ausgebreitet war und starrte auf die Frontlinien. Die Generäle erstatteten Bericht über die jüngsten Ereignisse und die waren nicht dazu geeignet, Hitlers Stimmung zu verbessern.

Er hörte konzentriert und fast wortlos zu, mit einem Blick, der zugleich kalt, entschlossen und wirr war. Irgendwann platzte ihm der Kragen und er erging sich in einer Tirade über das Versagen der deutschen Soldaten, ihres Mangels an Willen und Glauben.

Haeften trat ein, flüsterte Stauffenberg etwas ins Ohr und verschwand wieder. Stauffenberg wartete auf eine Pause in Hitlers Erguss, dann sagte er fest: «Mein Führer. Wichtiger Anruf aus Berlin. Ich muss sofort los.»

Hitler schaute kurz zu ihm auf. «Dann gehen sie.» murmelte er und starrte dann wieder auf die Frontlinien.

Während Stauffenberg und sein Adjutant sich rasch entfernten und zu ihrer He 111 fuhren, die sie nach Berlin fliegen sollte, dauerte die Lagebesprechung noch einige Minuten an.  Bis dann die Bombe explodierte. Zwei Kilogramm TNT detonierten in der Baracke, ein gewaltiger Knall erfüllte den Raum, der schwere Eichentisch zerbarst in tausend Teile, grosse Holzsplitter bohrten sich wie Schwerter in die Leiber der Anwesenden.

Hitler war nicht sofort tot. Sein Bauch war aufgerissen, seine Gedärme quollen heraus, sein Gesicht war eine einzige blutige Masse. Mit letzter Kraft versuchte er sich noch einmal aufzurichten.

«Deutschland» hauchte er. «Deutschland hat mich nicht verdient.»

Dann war er tot.

 

Operation Walküre lief an. Fellgiebel löste sie durch das entsprechende Codewort aus, dann kappte er die Nachrichtenverbindungen zur Wolfsschanze. Während Stauffenberg in seinem kleinem Flugzeug sass, abgeschnitten von den Ereignissen und begierig, in Berlin zu landen, wurden überall im Land die Verschwörer aktiv. Die Wehrmacht besetzte alle wichtigen Zentralen von Gestapo, NSDAP und SS. Sie stürmten die Rundfunkzentrale und übernahmen die Kontrolle über die Medien.

Die Machtzentren des Reiches zeigten sich überrascht und unvorbereitet für eine solche Attacke, sie waren regelrecht überrumpelt worden von den gut vernetzten Verschwörern.

Stauffenberg landete und liess sich die Lage berichten. «Ein Oberst und ein General haben überlebt», sagte Beck. «Alle anderen sind tot. Hitler auch.»

«Und die Operation?»

«Läuft nach Plan, ziemlich. München ist noch nicht entschieden, da funktioniert die Befehlskette nicht richtig. In Berlin gibt es einige Gefechte zwischen Militärs, sollten wir aber bald im Griff haben.»

«Die Fernmeldezentralen?»

«Unter unserer Kontrolle».

«Das Haus des Rundfunks?»

«Besetzt.»

«Gut, wir fahren hin.»

Als sie dort eintrafen, ging Stauffenberg direkt zum Mikrophon.

«Ich spreche nun zum deutschen Volk.» sagte er. Er kramte ein Blatt Papier aus seiner Brusttasche, atmete einmal tief durch und dann sprach er.

«Der Führer Adolf Hitler ist tot! Eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer hat es unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwerringenden Front in den Rücken zu fallen und die Macht zu eigennützigen Zwecken an sich zu reißen. In dieser Stunde höchster Gefahr hat die Reichsregierung zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung den militärischen Ausnahmezustand verhängt und mir zugleich mit dem Oberbefehl über die Wehrmacht die vollziehende Gewalt übertragen.»

Tresckow trat leise ein. Er blieb im hinteren Bereich des Studios und wartete, bis Stauffenberg geendet hatte.

«Wir haben die wichtigsten Nazigrössen.» sagte er dann.

«Wen?»

«Goebbels, Goering, Himmler. Was machen wir mit denen?»

«Vor ein Militärgericht und dann exekutieren. Heute noch. Dann ist der Kopf der Krake abgeschlagen.»

«Wir sollten Göring leben lassen. Er kann uns noch nützlich sein.»

«Gut, lassen wir ihn. Aber einer fehlt noch. Freisler.»

«Das ist ein Richter.»

«Unter den Verbrechern ist er einer der schlimmsten.»

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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