MarcMyWordz

Der Tod im Rollstuhl

Viele Menschen stören sich daran, wenn ihre Wohnung zu nah an einer Hauptstraße liegt. Bei mir ist das ganz anders. Ich würde es nicht anders haben wollen.

Vor einigen Jahren war ich in einen Unfall verwickelt und bin seither an einen Rollstuhl gefesselt, der mich in meinem alltäglichen Leben ziemlich einschränkt.
Mittlerweile habe ich das nicht nur akzeptiert, sondern es auch geschafft, weitgehend selbständig zu werden, auch wenn es nicht ganz ohne Hilfe funktioniert.
Als es passierte, war ich bereits 71 Jahre alt und nun gehe ich stark auf die 80 zu. Ich hatte etwas vom Leben und ich bereue es nicht, damals mitgefahren zu sein.
Meiner Tochter ging es damals nicht gut und ich bin sofort zu ihr rüber gegangen, als sie mich anrief. Sie wohnte nur eine Straße weiter um die Ecke.
Seit Längerem hatte meine Tochter den Verdacht, dass ihr Mann ihr fremd geht oder sie in irgendeiner Weise nicht in alles einweiht, was er nebenher tut.
Am Tag des Unfalls rief sie mich völlig aufgelöst an und bat mich, vorbeizukommen. Ich solle mir dies selbst anschauen, da ihr die Worte fehlten.
Im Schrank ihres Mannes hatte sie nicht nur Frauenunterwäsche gefunden, sondern auch Strumpfhosen und Federboas. Was das zu bedeuten hatte, verstand ich erst später.
Also machten wir uns auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle, da meine Tochter ihn sofort zur Rede stellen wollte. Doch wir sollten an diesem Tag nie dort ankommen.
Meine Tochter blieb bei dem Unfall weitgehend unverletzt, aber ich kam ins Krankenhaus und verbrachte dort auch einige Wochen. Uns war jemand mit Vollgas in die Beifahrerseite geknallt.
 
An der Hauptstraße zu wohnen hat auch seine Vorteile, wenn man an einen Rollstuhl gefesselt ist, denn ich kann die Menschen beobachten, die an meinem Fenster vorbei gehen.
Ich kann die Autos betrachten, die an meinem Haus vorbei fahren und die Kinder spielen sehen, die dort gar nicht sein dürften, da es viel zu gefährlich ist, mit dem Ball zu spielen. 
In all dieser Zeit war ich sehr viel allein. Ich fühlte mich oft sehr einsam und hätte mir gewünscht , ein Teil des Ganzen da draußen zu sein. Wie gern wäre ich nur einmal spazieren gegangen.
Meine Tochter wohnt seit einigen Jahren nicht mehr in meiner Nähe und unser Kontakt hat sich durch ihre Schuldgefühle mir gegenüber auch stark reduziert. Auch das finde ich sehr schade.
Wenn nichts im TV läuft und auch die Radiosender nicht wissen, was sie spielen sollen, schaue ich oft einfach nur minutenlang aus dem Fenster und beobachte die Dinge, die dort zu sehen sind.
Einmal konnte ich sogar beobachten, wie eine Frau beklaut wurde, aber das bemerkte sie leider nicht selbst und ich konnte alleine das Fenster nicht weit öffnen. Er kam einfach so davon.
Ein anderes Mal sah ich zwei Männer, die sich einen Kuss gaben und die Hand reichten. Einer von ihnen - und das wurde mir später erst klar - war der Exmann meiner Tochter gewesen. 
Doch heute geschah nichts Besonderes, denn das Wetter war dementsprechend ungünstig, wenn es so stark regnete. Heute waren nicht viele Menschen auf der Straße. Tragischweise.
 
Es roch nach Rauch dachte ich plötzlich. Woher kam dieser Geruch? Immer noch etwas verschlafen, weil ich kurz eingenickt war, schaute ich direkt Richtung Fenster. Kam das von draußen?
Doch mein Blick nach draußen zeigte mir nichts anderes als noch wenige Momente zuvor. Es regnete stark und es waren keine Menschen auf der Straße zu sehen. Und dann sah ich das Feuer...
ES BRENNT ES BRENNT! schrie ich laut und mein Herz pochte von einer Sekunde auf die andere so schnell wie noch nie. Ich schrie vor Entsetzen immer wieder "Hilfe" und hatte Todesangst.
Auch mein "Ich brauche Hilfe" oder mein "Bitte hilf mir doch jemand" konnte niemand hören. In so einer Situation war ich noch nie seit ich im Rollstuhl saß und wurde relativ schnell panisch.
Ich konnte nicht laufen und mir niemand helfen. Ich musste ganz schnell hier weg. Denn es brannte nicht an der Straße, sondern in meiner eigenen Wohnung und das mittlerweile lichterloh.
Ich versuchte das Telefon zu erreichen, nahm es auch in die Hand, musste es jedoch fallen lassen, weil es sich so aufgeheizt hatte, dass ich mir die Finger verbrannte. Ich musste hier raus!
Dadurch, dass mir das Telefon auf den Boden gefallen war, konnte ich es mit dem Rollstuhl nicht mehr aufheben, somit gab es nur noch die Option , durch die Haustür nach draußen zu gelangen.
Ich bewegte mich so schnell wie ich eben konnte zur Haustür, sperrte sie mit dem gesteckten Schlüssel auf und rollte wieder ein Stück zurück, um sie zu öffnen. Sofort zog Rauch in meine Richtung.
In diesem Moment überwog die Panik und ich dachte überhaupt nicht dran, dass in diesem Moment alles verbrannte, was ich überhaupt besaß. Alles, was ich hatte, war in meiner Wohnung. 
Es gelang mir nur mühseelig nach draußen zu gelangen, aber ich schaffte es am Ende. Nur der Rauch machte mir noch zu schaffen, da er aus meiner Haustür heraus in mein Gesicht wehte.
Meine Augen tränten und ich konnte kaum noch etwas erkennen. In meiner Panik hatte ich vergessen, dass es draußen kalt war und regnete. Ich war direkt bis auf die Socken nass und fror.
Niemand schien zu bemerken, dass Rauch aus meiner Wohnung drang und dass ich ohne Jacke durchnässt in meinem Rollstuhl saß. Direkt vor meiner Haustür. Umhüllt von Rauch. 
Ich fühlte mich elend und erschöpft zugleich. Ich musste auf die andere Straßenseite, sonst würde ich hier noch am Ende an einer Rauchvergiftung sterben. Also setzte ich mich in Bewegung...
 
Das Nächste, was ich sah, war meine Tochter. Sie weinte zwar nicht, wirkte aber noch verstörter, als damals nach dem Unfall mit mir, bei dem ich fast ums Leben gekommen wäre.
Noch heute gab sie sich die Schuld daran und es hatte sehr lange gedauert, bis sie es verarbeiten konnte. Ihr Gesicht wirkte teilnahmslos und kalt. Ihre Gesichtszüge waren erstarrt. 
Wo war ich überhaupt? Ich hatte mich noch gar nicht umgeschaut, seit ich wieder zu mir gekommen war. Ich nahm an, dass ich doch zuviel Rauch abbekommen hatte am Ende.
Mit einer Rauchvergiftung ist nicht zu spaßen, allerdings hatte ich ja bereits Schlimmeres überlebt. Sowas konnte mich nicht umhauen. Hatte es auch nicht, wie ich kurz darauf erfuhr....
Wieso stand meine Tochter mit mir auf einem Friedhof? Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Erst jetzt bemerkte ich all die anderen Menschen, die in schwarz gekleidet waren. 
Sie schauten alle in eine Richung und manche davon auch auf meine Tochter. Was war denn bloß passiert? Wieso waren wir hier? Hatte ich einen Filmriss? Was war hier nur los?
Es regnete noch immer und ein starker Wind war aufgekommen. Bevor ich überhaupt sehen konnte, wessen Name auf dem Grabstein vor mir stand, flog eine Zeitung an mir vorbei.
Ich ging in die Knie, hob sie auf und wollte sie lesen, als mir auffiel, dass ich gar nicht mehr in einem Rollstuhl saß. War das alles nur ein Traum? Es wirkte zumindest wie einer.
Im nächsten Moment konnte ich zum ersten Mal den Namen auf dem Grabstein erkennen und wieder durchfuhr mich ein kalter Schauer, der mich packte und nicht mehr loslassen wollte. Ich war tot....
Auf der Zeitung hatte ich es sogar auf die Titelseite geschafft. Daneben war ein Artikel mit meiner Tochter. Was hatte sie denn damit zutun? Warum wachte ich nicht auf aus diesem Albtraum?
Doch dann musste ich mich setzen, denn ich konnte nicht fassen, was ich dort las. Das konnte doch nicht wahr sein. Auch ohne Rollstuhl konnten mich meine Beine jetzt nicht mehr tragen.
Ich war tot. Und ich stand soeben auf dem Friedhof , um meine eigene Beerdigung mitzuerleben. Auf dem Grabstein stand mein Name und ich wusste jetzt auch, wie ich ums Leben gekommen war.
Als ich versucht hatte, mit dem Rollstuhl über die Straße zu fahren, um dem Feuer und dem Rauch zu entkommen, hatte mich ein Auto erwischt, dass ich nicht gesehen und gehört hatte.
Die Fahrerin des Autos war meine Tochter gewesen. Im Artikel war nochmals erwähnt, dass die Tochter bereits zuvor einmal in einen Unfall mit ihrer Mutter verwickelt war.
Damals hatte ich es nur knapp überlebt, dieses Mal hatte ich nicht soviel Glück. Im hohen Bogen muss ich aus meinem Rollstuhl über die Straße gegen einen Pfeiler geflogen sein und war sofort tot.
Wie sich meine Tochter fühlen musste, konnte ich in diesem Moment allerdings sehr wohl erahnen. Ich denke sie war sehr erleichert. Endlich hatte sie mich aus dem Weg geräumt......
 
Dass der Unfall damals nicht ihre Schuld war, sondern von mir im Vorhinein geplant war, hatte sie scheinbar endlich herausgefunden. Der Aufprall sollte allerdings sie treffen und nicht mich.
Dass sie soweit gehen würde und ein Feuer in meiner Wohnung legt, hätte ich ihr allerdings nicht zugetraut. Und dann musste sie nur noch warten, bis ich rauskomme und mich über den Haufen fahren.
Schlaues Kind. Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, noch einmal mit ihr zu reden, hätte ich ihr vermutlich gesagt, dass ich damals die Frauenkleider bei ihren Mann in den Schrank gelegt habe.
Sei es drum. Während ich in Frieden ruhen kann, wird sie den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Gefangen - wie ich - all diese Jahre im Rollstuhl - der für sie vorgesehen war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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