Ralph Bruse

Eine kurze Geschichte von Liebe und Tod

Eine kurze Geschichte von Liebe und Tod

 
Herbst.
Seit Tagen Sprühregen. Ebenso lange ringt Agathe mit dem
Gedanken, ob sie das Haus für einen Spaziergang verlassen soll, 
oder nicht.
Sie geht, schon wegen der Stille im Haus, die sie fast erdrückt.
Unten, an der Haustür, nochmals Zögern. Nach links, nach rechts, 
oder geradeaus, zum Park?
Ihre Stirn kräuselt sich. > Was soll ich bei dem Schietwetter im
Park rumtappen? <
Die Unentschlossenheit, ob ein Spaziergang bei Regen überhaupt
sinnvoll ist, macht ihr außerdem zu schaffen.
Sie klatscht auf’s Rahmenholz der Tür, was soviel wie: Abmarsch,
und: sei mal nicht so zimperlich, Agathe!, bedeuten soll.

Links. Richtung Innenstadt. Knapp zwanzig Schritte. Dann biegt
sie, einer undefinierbaren Eingebung folgend ab, Richtung Park.
Der Wind hebt an, weht ihr wütend Nässe ins Gesicht.
Der Schirm. Mist, sie hat den Schirm vergessen! Wieder mal. 
In letzter Zeit vergisst sie öfter mal was. Könnte am Alter liegen. 
Ach, Unfug. Fünfzig ist doch kein Alter. Vielleicht ist sie einfach nur
zuviel allein in dem großen Haus, am Park. Die Kinder sind längst
ausgeflogen. Keine wirklichen Aufgaben mehr. Viel Ruhe. Zuviel
davon. Da lässt man sich schon gerne mal hängen, lässt einiges
schleifen und wird im Sog der Langeweile etwas tütelig.
Na ja, so lange man den eigenen Namen noch weiß: halb so
wild.

Der Park ist menschenleer. Nicht ganz - da drüben, hinter der
Reihe aus dicken Eichen, erkennt sie eine Gestalt. Zwei Gestalten, 
besssergesagt. Eine, die schleppt und eine, die geschleppt wird.
Ist schon merkwürdig, überlegt Agathe. Wer nimmt schon freiwillig
einen ausgewachsenen Bekannten huckepack?
Genau jetzt blickt die schnaufende, also schleppende Gestalt herüber.
Agathe will sich sich trollen, möglichst flott und unauffällig, doch das
Rufen des Anderen ist schneller.
> Hallo, Sie da! Wären Sie vielleicht so freundlich, mir zu helfen? <
Bin doch nicht verrückt!, denkt Agathe, die Unauffällige.
Warum eigentlich nicht... Das ist Agathe, die Hilfsbereite.

Agathe zwei gewinnt.
Sie geht näher. Das Gesicht des Mannes wird sichtbar, wenn auch
nur kurz. Hübscher Kerl - nicht mehr ganz jung, flott gekleidet, die
Haare ein wenig zerzaust - Folge der mühseligen Schlepperei, also
verzeihbar - helles, klatschnasses Haar. Die Augen... Moment...
Sie geht noch näher... dunkel, eher finster. Und das Unsichtbare -
sprich: Seele...offenbar stockfinster. Alles in allem also ein Kerl mit
düsterer Vergangenheit und nicht ganz so schlimmer Visage.
Das anhängliche Wesen auf der Schulter des Mannes: tot. Der
Kopf schaukelt zwar; aber nur, wenn der Träger es zulässt.
Der Mann will einen Toten loswerden, den er vielleicht sogar auf
dem Gewissen hat.
Agathe zittert wie die letzten Blätter schwarzer Bäume.
> Sie haben sich da aber ein dickes Problem aufgeladen. <
Was sagt man nicht alles, um den eigenen Kopf zu retten. Könnte ja
sein, daß der Kerl vorhat, die einzige Zeugin seines Verbrechens
später dazu zu legen, wenn das Loch erstmal tief genug ist.

Nun kann sie auch erkennen, daß der Tote alt ist. Ein alter Mann. 
Das lässt den logischen Schluss zu, daß er immerhin ein langes Leben
hatte, ehe er ‘hinüber ging’. Ob dieses Leben auch erfüllt und schön
war, kann sie unmöglich einschätzen - ist in Anbetracht des jetzigen
Zustands auch weniger von Bedeutung.
Fakt ist lediglich: der alte Herr ist tot. Und der Jüngere rackert sich
ab, ihn möglichst schnell und unauffällig unter die Erde zu bringen. 
Nach geltenden Regeln sollte der Verstorbene auf einen Friedhof -
selbst dann, wenn er von zwanzig oder einundzwanzig Messerstichen
durchlöchert ist. 
Wenigstens gibt es im Regelfall eine Sterbeurkunde; eventuell Frau
und Geliebte, die um ihn weinen, und es gibt einen Grabstein mit 
Geburts - und - Todesdatum. Immerhin.
Aber hier? In einem Park gibt es Bäume, Blumen, Vögel, schlafende
Stadtstreicher und reichlich Stille - immerhin.
Eventuell hatte der alte Herr seinen eigenen Kopf - und einen letz-
ten, großen Wunsch.
> Er war so gern hier, < schnauft der Jüngere. > Wir haben alles
versucht, ihm die Idee auszureden. Aber Großvater hat drauf be-
standen, hier, im Park, die letzte Ruhe zu finden. Heute früh ist er
gestorben. Ganz friedlich. Im Schlaf. <

Agathes Anspannung löst sich.
> Dann sollten Sie seinen letzten Willen respektieren und ein gu-
tes Plätzchen für ihn aussuchen. <
Was redest du denn da für einen Blödsinn!, holt die Vernunft sie
ein.
Lass ihn, meint Agathe, die Hilfsbereite. 

> Würden Sie mir helfen? <
Sein jammervoller Blick spricht Bände.
> Nur achtgeben, daß niemand kommt, während ich die Grube
aushebe, ja? <
> Nie und nimmer mach’ ich da mit!, < entgegnet sie wildent-
schlossen.

Etwa drei Stunden vergehen.
Es ist weit nach Mitternacht. Und Agathe steht immer noch auf
Wachposten - hat sich doch breitschlagen lassen.
Endlich ist die Kuhle so tief, daß kein Grund mehr zu sehen ist -
also tief genug. Nach einer kurzen Verschnaufpause und einem:
> Ruhe in Frieden, Großvater, < rutscht der Leichnam sanft in
die Tiefe. Der Wunsch des alten Mannes ist erfüllt. 
Nun schläft er neben einer windschiefen Eiche und einer Bank, 
die zu wärmeren Zeiten auch nachts besetzt ist. Gegen schlaf-
hungrige Desperados wird der alte Herr sicher nichts einzuwen-
den haben.
Aufgewühlt und dennoch auf eine unbestimmte Art zufrieden, 
legt der Jüngere den Klappspaten aus der Hand. Er wischt
Schmutz von seinen Wangen. Und Tränen.

Nass bis auf die Haut sind beide. 
Sie blickt ihn an. 
Er sie. 
Langes Schweigen.

> Ich gehe jetzt. <
> Ja, < sagt er, obwohl er hofft, sie würde noch bleiben.
Ihr Lächeln tut gut.
> Ich wohn’ gleich da drüben. <
> Dann können Sie Großvater ja vom Fenster aus seh'n! <
Jetzt wirkt ihr Lächeln müde.
> Ich sollte wirklich verschwinden. <
> Verstehe; natürlich. Na denn...auf Wiedersehn. Und vielen
Dank! <
Er würgt einen Halskloß herunter.
Zwei, drei Schritte. Beim Vierten stoppt Agathe.
> Möchten Sie, daß ich noch etwas bleibe? <
> Ja doch!, < schreit er fast.

 

Einige Wochen danach.

Der Winter streckt seine frostigen Fühler umher.
Aus dem Haus, am Park, dringt Lachen.
Dann zwei Gesichter am Fenster. Und an der Haustür ein
Sprüchlein, in Holz geritzt: 


Alles was zählt, ist Liebe.

Der schlafende Mann hinter der kahlgewehten Eiche hätte 
seine Freude daran.

 

(c) Ralph Bruse 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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