Manfred Bieschke-Behm

Die Gipfelstürmer

Wie in jedem Herbst freuen sich Martin und Motte“, beide in Hameln beheimatet, auf ihre mehrtägige Tour in die Schweiz. Ihr immer wiederkehrendes Ziel ist der Gipfel des Eigers. Wenngleich Sie es sich jedes Jahr vornehmen das Gipfelkreuz zu erreichen, gehen sie nicht davon aus, es in diesem Jahr zu schaffen. Enttäuschung wird sich bei beiden nicht einstellen. Was für sie zählt, ist der Spaß und die Herausforderung. Eines Tages, davon sind sie überzeugt, werden sie das Gipfelkreuz zu berühren, und das ist Ansporn genug.

„Hast du die Maronen dabei?“, erkundigt sich Markus. „Du weißt doch Esskastanien dürfen bei keiner herbstlichen Bergtour fehlen.“

„Na klar habe ich unsere Nahrungsgrundlage im Rucksack“, poltert „Motte“, der mit richtigem Namen Martin heißt. Schon als kleiner Knirps wurde er von allen nur „Motte“ genannt. Warum, weiß er nicht so genau. Vielleicht, weil er als Kind so sprunghaft war und gerne mit den Armen hin und her flatterte. Seid ihrer Schulzeit sind sie befreundet und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Es gab Zeiten, da lief es nicht so gut zwischen ihnen. Schuld waren die Mädchen, meinten sie später übereinstimmend. Die Vernachlässigung dauerte nicht lange. Sie spürten sehr schnell, was Freundschaft bedeutet und was es heißt, keinen Freund an seiner Seite zu wissen. Heute sind beide längst verheiratet, Markus ist Vater von zwei Kindern. Beide wissen, Kameradschaft und Ehe unter einen Hut zu bekommen.

Endlich kann die Tour beginnen. Gut ausgerüstet, wozu auch ein zusammengefaltetes Zelt gehört, fangen sie an, den Berg zu bezwingen. Schweißtreibend steigen sie Meter um Meter. Ohne ein Wort wechseln zu müssen, wissen sie wie sie sich zu verhalten haben ohne, dass der andere in Gefahr gerät. Der Wind singt sein Lied und Vögel, die sie für Störenfriede halten, beklagen sich lautstark. Plötzlich durchbricht eine menschliche Stimme die klare Luft.

„Hörst du auch, was ich höre?“, erkundigt sich Martin.

„Ja klar höre ich eine Stimme“, schnauft „Motte“.

Das hört sich an wie ein Hilferuf.“

„Meinst du?“

„Wir sollten dem nachgehen“, empfiehlt Martin.

„Motte“ der Vorauskletternde erklärt, dass es nur noch einer kurzen Anstrengung bedarf, bis sie einen Felsvorsprung erreicht haben werden, von dem er meint, dass die Stimme kommt.

Hilfe, Hilfe hören beide immer deutlicher und öfter.

„Das geht mir an die Nieren“, beklagt sich Markus.

„Mach jetzt nur nicht schlapp, Kumpel … Das würde mir noch fehlen … Das können wir beide nicht gebrauchen.“

„Nein, nein“, besänftigt Martin. „Keine Angst … Nur so ein Spruch.“

„Na, das beruhigt michgleich wird sich alles aufklären … Du wirst sehen … Bestimmt falscher Alarm.“

Länger als geglaubt, benötigen beide die Hochfläche zu erreichen. Endlich haben sie es geschafft. Durchgeschwitzt und zufrieden lassen sie ihr Gepäck neben sich fallen und hocken sich hin.

Sie sind nicht allein, wie sie feststellen müssen. Ein paar Meter von ihnen entfernt tollen zwei Frauen und zwei Männer wie kleine Kinder umher. Die Männer scheinen die Frauen zu jagen, was die eine veranlasst ständig um „Hilfe“ zu rufen.

Was ich vermutet hatte“, erklärt „Motte“, „Die Hilferufe, die wir wahrnahmen, waren spielerischer Natur.“ Dann fügte er noch hinzu: „Ich glaube wir müssen nicht helfend einspringen.“

Und so war es auch. Die vier toben, weiter während sich die zwei Gipfelstürmer mit sich beschäftigen. Martin holt aus seinem Rucksack eine Tüte vollgefüllt mit Maronen und Markus steuert eine Flasche Wein dazu. Beide sitzen sie im Gras und genießen das würzige Aroma, das sie umgibt.

Würde ich mich langlegen“, behauptet Martin, „würde ich bestimmt gleich wie ein Totgeglaubter schlafen.“

„Nix da mit schlafen“, protestiert Markus „Genieße lieber die schöne Aussicht.“

Die Vierergruppe haben ihre Spielerei eingestellt und es sich auf einer ausgebreiteten Decke gemütlich gemacht. Bis zu den Gipfelstürmern dringt Kaffeeduft aus frisch gemahlenen Bohnen herüber.

„Habt ihr Lust auf einen Schluck“, fragt eine der Frauen und lockt mit einem Kaffeebecher.

Markus und Martin lassen sich nicht zwei Mal bitten, und gesellen sich zu der Gruppe. Gemeinsam genießen sie das heiße Getränk und kommen ins Plaudern. Sie erfahren, dass die vier Schweizer sind und häufig gemeinsam etwas unternehmen.

„Seid ihr so wie wir hochgeklettert?“, möchte „Motte“ wissen, der sich seine Frage selbst hätte beantworten können, denn alle vier waren nicht entsprechend ausgerüstet.

„Nein“, sagt einer der Männer, „wir haben etwas unterhalb unser Auto stehen und sind nur wenige Meter gelaufen.“ Als müsse er sich entschuldigen fügt er hinzu: „Unsere Ladys lieben es bequem.“

Nachdem sich die Gruppe verabschiedet hat, lassen sich die beiden noch einmal an der Stelle nieder, wo sie zuerst gesessen hatten. Beide verfolgen sie den Flug eines Geiers.

„Motte“ meint: Wenn ich ein Vogel wäre, würde ich dem Geier folgen und mit ihm über Gipfel und Täler fliegen.“ Worauf Markus ihm entgegnet: „Wäre ich ein Maler, würde ich mit sicherem Pinselstrich ein Panoramabild auf die Leinwand zaubern.“

Ernüchternd stellt Martin fest: „Da wir weder Geier noch Kunstmaler sind, schlage ich vor, wir genießen noch einen Augenblick die schöne Aussicht, verputzen die letzten Maronen und setzen anschließend unsere Bergwanderung fort. Wir müssen, bevor es dunkel wird einen geeigneten Platz für die Übernachtung finden.“

„So machen wir das“, bestätigt Markus.

Beide sitzen sie nebeneinander, schließen ihre Augen und stecken die Nasen in die Höhe um die aromatische Luft, ganz tief einatmen zu können. Aus der Ferne hören sie: „Jungs macht`s gut und noch viel Spaß euch zwei“. Der Gruß kam von den vieren, die den Abstellplatz ihres Autos erreicht hatten, mit dem sie ins Tal fahren.

Die Gipfelstürmer kommen bis zum Einbruch der Dämmerung ein gutes Stück voran.

„War ein schöner Tag“, erklärt „Motte“ nachdem sie erschöpft in ihr Zwei-Mann-Zelt gekrochen sind.

„Morgen geht’s weiter.“

„Ob wir es in diesem Jahr schaffen werden, das Gipfelkreuz zu berühren?“, erkundigt sich „Motte“ im Halbschlaf.

„Wenn nicht in diesem, dann ganz bestimmt im nächsten Jahr“, erklärt Markus, der dem Wind zuhört und darauf wartet, dass der Schlaf auch ihn in das Land der Träume entführt.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Manfred Bieschke-Behm).
Der Beitrag wurde von Manfred Bieschke-Behm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Heilerin: Das Licht von Paul Riedel



Heilkunde ist eine menschliche Bestrebung seit es Menschen gibt. Das Unbekannte in den Menschen in eine Mischung aus Interessenskonflikten und Idealen, wo die eigene Begabung, nicht mehr relevant ist.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Freundschaft" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Manfred Bieschke-Behm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sunday von Manfred Bieschke-Behm (Drama)
Für eine gute Freundin von David Polster (Freundschaft)
Pilgertour XVII von Rüdiger Nazar (Reiseberichte)