Heinz-Walter Hoetter

Der Fall T-Bird (Teil 13)


 

Random & Shannon

Ermittlungsagentur NEW YORK

 


 

 

Am nächsten Morgen stand ich erst gegen elf Uhr auf.

Nachdem ich den Nachtportier angerufen hatte, um ihn davon zu unterrichten, weshalb ich nicht mehr in meinem Zimmer schlafen könne, rief dieser gleich bei der Polizei an, und so bekam ich noch einmal Besuch von meinem alten Freund Sergeant Harry.

Von der Schachtel mit den Mikrochips sagte ich ihm nichts. Ich ließ ihn sich ansonsten alles selbst ansehen, was passiert war. Nach einer geraumen Zeit fragte er mich, ob ich etwas vermisse. Ich antwortete ihm, soweit ich feststellen könne, nichts.

Mittlerweile hatte mir der Nachtportier ein neues Zimmer besorgt, das ich umgehend bezog. Ich überließ das Chaos nur zu gern dem Sergeanten Harry und seinen Fingerabdruckfachmännern, um sie nach Spuren suchen zu lassen. Ich war fest davon überzeugt, sie würden bestimmt keine finden.

Ich legte mich sofort aufs Bett und döste träge in Gedanken vor mich hin. Es waren die heißen Strahlen der Sonne, die durch die offenen Spalten der Jalousie fielen, die nicht nur das Zimmer aufheizten, sondern auch mich.

Irgendwie gefiel mir das Ganze nicht. Ich hatte das komische Gefühl, träge zu verblöden. Irgendeine Erfrischung musste also her. Telefonisch bestellte ich mir Kaffee und Toast, ging ins Badezimmer unter die Dusche, rasierte mich und zog mir frische Sachen an. Dann legte ich mich aufs Bett zurück und wartete auf den Kaffee.

Ich starrte rauf zur Decke. Es gab einiges, worüber ich nachdenken musste. Bei den Ermittlungen hatten sich eine ganze Reihe loser Enden ergeben, denen noch nachgegangen werden musste.

Gab es ein Bindeglied zwischen dem Robot Master Club und dem Institut für keramische Kunst? War dieses Bindeglied eines der Dinge, auf die Shannon gestoßen war? Spielte Marcel Blank eine Rolle in der ganzen Geschichte, die diesen Fall betraf? Hatte Breedy Shannon engagiert, um seine Frau zu beobachten, und war mein Partner dabei auf etwas gestoßen, was mit seinem Auftrag vielleicht nichts zu tun hatte? Auch die Frage, was er mit einem Mädchen wie Virginia Shriver in der Badehütte zu suchen hatte, drängte sich auf.

Draußen klopfte jemand an der Tür. Der Kaffee kam, ehe ich auch nur versuchsweise eine Antwort auf eine dieser Fragen fand. Der Boyandroide stellte mir das silberfarbene Tablett ans Bett und verließ sofort wieder das Zimmer. Als ich die Tasse gerade an die Lippen setzen wollte, klingelte das Telefon.

Es war Inspektor Blanking.

Sind Sie es Mr. Random?“

Ja“, gab ich zur Antwort.

Ich habe gehört, Sie hatten gestern Nacht Besuch?“

Stimmt! Jemand scheint mich nicht besonders zu mögen“, raunte ich in den Telefonhörer.

Haben Sie schon eine Vermutung, wer es gewesen sein könnte?“ bohrte Blanking weiter.

Ich blickte Gedanken verloren hinüber zum Fenster und machte eine kleine Pause.

Ich hätte es dem Sergeanten schon gesagt. – Das Zimmer meines Partners Shannon wurde in ähnlicher Weise durchwühlt“, sagte ich nach einer Weile etwas gelangweilt zum Inspektor.

Na dann passen Sie gut auf, dass Ihnen niemand mit einem Eispicker zu nahe kommt, Random...“

Diese Möglichkeit wäre immerhin drin“, sagte ich und erschauderte dabei ein wenig.

Nichts für ungut. Ich wollte Sie nur noch mal selbst fragen. Harry fand nicht das geringste. Haben Sie selbst denn gar keinen Verdacht, wer bei Ihnen eingedrungen sein könnte, Random?“

Nein, im Augenblick nicht, Ich zerbreche mir aber gerade den Kopf darüber. Wenn mir etwas neues zu dem Fall einfällt, rufe ich Sie natürlich sofort an, Herr Inspektor.“

Inspektor Blanking schien ein paar Sekunden nachzudenken.

Nach einem kurzen Räuspern sprach er weiter.

Übrigens habe ich mit dem Geistlichen gesprochen. Blanks Aussagen zu der jungen Frau stimmen tatsächlich. Sie war genauso, wie er es in Gegenwart ihrer Leiche schilderte. Sie ging nicht mit Männern aus, und der Pater behauptete, mit einem fremden Mann hätte sie sich nie eingelassen. Davon war er jedenfalls fest überzeugt.“

Na ja, wie auch immer. Trotzdem hatte sie sich aber mit Mark Shannon verabredet“, erwiderte ich mit einem argwöhnischem Unterton in der Stimme.

Das ist richtig. Ich werde auf jeden Fall der Sache nachgehen. Ich werde auch versuchen, dem Eispicker auf die Spur zu kommen“, antwortete Inspektor Blanking.

Gut das Sie die Sache mit dem Eispicker ansprechen. Waren keine Fingerabdrücke daran?“

Nein. Meine Leute haben alles akribisch untersucht. Einen Eispicker von der Sorte kann man in jedem Haushaltsgeschäft kaufen. Zur Zeit klappern meine Ermittlungsbeamte jedes infrage kommende Geschäft in Terrania Bay City ab. Wenn sie auf etwas stoßen und mir Mitteilung darüber machen, werde ich Sie umgehend davon in Kenntnis setzen, Random.“

Ich bedankte mich artig dafür. Wenigstens zeigte er sich bereitwilliger zur Mitarbeit, als ich erwartet hatte. So kann man sich eben täuschen, sinnierte ich.

Blanking erinnerte mich noch daran, dass ich zu dem Inquest über den Tod seines Partners Shannon am späten Nachmittag erscheinen müsse, und hängte dann abrupt ein.

Ich trank meinen Kaffee aus, schaltete die Leitung frei und rief dann meine Sekretärin Stella Brackfort im New Yorker Büro an. Leider hatte mein Gerät kein Monitor. Als die Verbindung stand, fragte ich sie, wie Shannons Frau die Nachricht vom Tod ihres Mannes aufgenommen habe. Sie sagte mir, dass das die peinlichste Stunde in ihrem Leben gewesen sei, sie glaube aber, dass Shannons Frau inzwischen den ersten Schock überwunden habe.

Ich habe ihr einen elektronischen Brief geschrieben, Stella. Ich will dafür wetten, dass sie sehr bald bei dir auftauchen und Geld verlangen wird. Sage ihr einfach, dass ich ihr so schnell wie möglich vorab einen entsprechenden finanziellen Betrag zukommen lassen werde und du keine Verfügungsmacht über das Geschäftskonto hast, um die Summe auszahlen zu können.“

Stella hatte sehr wohl eine gewisse Verfügungsmacht über das gemeinsame Konto meines ermordeten Partners und mir, jedenfalls bis zu einer gewissen Grenze. Der gewährte Verfügungsrahmen betraf nur den laufenden Unterhalt für die Büros und einige andere Dinge, die während meiner Abwesenheit erledigt werden mussten. Wir sprachen deshalb noch ein paar Minuten über einige geschäftliche Angelegenheiten und auch darüber, dass sich zwei weitere Klienten gemeldet hätten. Beide Aufträge klangen lukrativ und schienen interessant zu sein, aber ich fühlte mich im Moment nicht einmal versucht, sie zu übernehmen.

Rede mal mit Stanhill darüber, ob er die beiden Aufträge auf der Basis von fifty-fifty übernehmen will. Ich bleibe hier in Terrania Bay City, bis diese Geschichte geklärt ist. Wirst du damit fertig, Stella?“ fragte ich sie schon fast entschuldigend.

Was denkst du denn, Lester? Ich habe den Laden hier voll im Griff. Mach dir also keine Sorgen und geh’ deinen Ermittlungen nach. Ich werde mit der Sache schon allein fertig...“

Und ich wusste, sie würde fertig werden. Stella war sehr klug und äußerst geschickt, wie ich es mir von einem Mädchen, das mein Büro in meiner Abwesenheit betreute, nur wünschen konnte.

Wir wechselten noch ein paar Worte, dann versprach ich ihr, morgen oder übermorgen wieder bei ihr anzurufen, und legte den Hörer auf.

Im neuen Zimmer war es mittlerweile unerträglich heiß geworden. Ich entschloss mich darum, an den Strand zu gehen und zu schwimmen, anschließend eine Weile in der Sonne zu liegen, um mich von ihr zu einem Plan inspirieren zu lassen.

Ich erhob mich vom Bett, schlüpfte in die leichten Strandschuhe, kramte in einem der beiden Koffer nach meiner Badehose und stopfte sie zusammen mit den anderen Badeutensilien in die Sporttasche. Dann fuhr ich mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss hinunter.

Ron Bristol, der fette Empfangschef, nahm meinen Schlüssel entgegen.

Äh…, Mr. Random”, begann er verlegen, “ich fürchte, dass...“

Ich weiß, ich weiß, Sie brauchen mir nichts zu sagen. Ich verstehe Sie schon, Mr. Bristol. Sie benötigen mein Zimmer, weil die Nachfrage plötzlich gestiegen ist.“

Ich setzte ein gespielt blödes Grinsen auf.

Ich mache Ihnen ja gar keinen Vorwurf daraus. Also gut, ich werde mir was anderes suchen. Lassen Sie mir nur bis heute Abend Zeit, Mr. Bristol. – Ausgemacht?“

Es tut mir außerordentlich leid, Mr. Random, aber wir haben eine ganze Reihe Beschwerden erhalten.“

Er sah tatsächlich so aus, als ob es ihm leid täte.

Seit Ihrer Ankunft in unserem Hotel haben wir die Polizei mehrmals bei uns gehabt. Das verträgt sich nicht mit den Gepflogenheiten unseres Hauses. Es ist daher...“

Ja, ich kann mir vorstellen, was Sie dabei empfinden. Ihre Hotelgäste haben natürlich ein Recht darauf, dass die Hotelordnung eingehalten wird. Ich werde noch heute ausziehen und mir ein anderes Hotel suchen“, sagte ich zu Bristol.

Oh, das ist sehr entgegenkommend, Mr. Random. Ich...“

Schon gut. Das Problem ist damit erledigt“, unterbrach ich ihn und verschwand.

Ich ging zu meinem Sportgleiter, setzte mich hinter den Steuerknüppel und startete die Turbine. Dann schwebte ich langsam vom Parkplatz hinüber zur Hauptstraße und brauste zum Strand hinunter. Als ich dort ankam, war es bereits Mittag, und die Menschen begannen sich zu drängeln. Es gelang mir nach kurzer Zeit, für meinen Schwebegleiter eine Parkbox zu finden. Ich stieg aus und wühlte mich zu einer der Badeplätze durch.

Überall waren Sonnenschirme aufgespannt. Es war ein buntes Treiben hier unten am Strand, aber die meisten Badegäste lagen einfach nur herum und ließen sich von der Sonne braten.

Ich zog mich in einem der zahlreich vorhandenen Badekabinen um, stieg danach in der Badehose über muskulöse, gebräunte Körper hinweg, suchte mir zwischen Blondinen, Brünetten und Rothaarigen, die in knappen Badekostümen in großer Zahl überall den Stand bevölkerten, meinen Weg, um ans Wasser zu kommen. Endlich war ich da.

In meinem schnellsten Tempo schwamm ich mehrere hundert Meter hinaus aufs Meer, das an dieser Stelle nur mäßig tief und sehr ruhig war. Ich fühlte das Bedürfnis, mich körperlich auszutoben. Dann drehte ich um und schwamm in gelassenerem Tempo zurück zu der Stelle, von wo aus ich ins Wasser gestiegen war.

Am Strand angekommen war nur noch wenig Platz zu finden. Es wimmelte nur so von Badegästen. Die Sonne brannte heiß vom Himmel herunter, was mich aber nicht davon abhielt, um mich in aller Ruhe nach einem Plätzchen umzusehen. Plötzlich erblickte ich in unmittelbarer Nähe ein Mädchen, das unter einem weiß blauen Sonnenschirm saß und mir heftig zuwinkte.

Sie trug einen weißen Badeanzug und hatte eine übergroße Sonnenbrille auf. Ich erkannte ihr seidiges, blondes Haar und ihre betörende Figur, ehe ich das, was von ihrem Gesicht zu sehen war, ebenfalls wiedererkannte.

Violetta Breedy, die Tochter Lee Breedys, dem Multimilliardär. Sie hatte sich unauffällig unter die Masse der Badegäste gemischt. Für mich eine kleine Sensation.

Sie forderte mich offenbar auf, ihr Gesellschaft zu leisten.

Ich suchte mir einen Weg über die zahllosen sonnengebräunten Körper hinweg zu ihr. Als ich näher kam, sah sie mit einem etwas vorsichtigen Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht zu mir auf und zeigte das gleiche Lächeln, mit dem sie mich bei unserer ersten Begegnung begrüßt hatte.

Ja ist das die Möglichkeit? Das ist doch Mr. Random, nicht wahr“, sagte sie, und es klang etwas atemlos. „Oder sind Sie nicht Mr. Random?“

Sie liegen völlig richtig. Wenn ich es nicht bin, hat sich jemand meine Haut gestohlen“, antwortete ich, und das hinter dem riesigen Sonnenschirm dürfte Miss Breedy sein“, fuhr ich spielerisch fragend fort.

Sie lachte und nahm die Sonnenbrille ab. Kein Zweifel, sie war eine ungewöhnliche Schönheit. An ihrer Figur, die in dem Badeanzug geradezu hinreißend war, konnte ich keinen Mangel entdecken.

Mr. Random, wollen Sie sich nicht zu mir setzen, oder sind Sie in Gesellschaft?“

Nichts dergleichen..., Miss Breedy. Ich nehme ihr freundliches Angebot gerne an. Im Moment habe keinerlei besondere Verpflichtungen und in Gesellschaft bin ich auch nicht“, sagte ich zu ihr.

Ich ließ mich direkt neben ihr in den heißen Sand fallen. Ich hatte nicht erwartet, dass Sie das für mich tun würde. Sie fing an zu reden.

Zufällig kam ich noch in den Club.“ Sie umschlang ihre Knie und blickte darüber hinweg aufs offene Meer hinaus. „Außerdem war ich neugierig. An einem Mordfall ist immer nicht nur etwas Entsetzliches, sondern auch etwas Faszinierendes dran, finden Sie nicht auch, Mr. Random?“

Ich verhielt mich ruhig, sagte nichts.

Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder auf. Dann sprach sie weiter.

Ich war fest überzeugt, dass Ihr Freund nicht in dem Club gewesen war, als Sie mich danach fragten. Ich wollte mir nur bestätigen, dass ich recht hatte. Es ist für Nichtmitglieder sehr schwierig, in den Robot Master Club hineinzukommen.“

Haben Sie heute morgen die Zeitung gelesen, Miss Breedy?“ fragte ich und streckte mich auf dem Sand aus. Ich legte den Kopf etwas zur Seite und betrachte genussvoll ihre körperliche Wohlgeformtheit. Es war ein bewundernswerter Anblick.

Meinen Sie vielleicht damit den zweiten Mord? Wissen Sie denn schon, wer das Mädchen war. War sie diejenige, mit der sich ihr Freund getroffen hatte und mit der er in der Badehütte gewesen war?“

Genau das war sie“, gab ich zur Antwort.

Nun ja, alles sprach von diesem Mädchen. Das arme Ding tut mir sehr leid.“

Violetta Breedy griff nach ihrer großen Strandtasche und kramte darin herum in einer Art und Weise, wie Frauen das eben immer tun, wenn sie nach etwas suchen.

Es ist alles höchst mysteriös, nicht war?“

Solange die Sache nicht aufgeklärt ist, wird es das sein. Aber wahrscheinlich gibt es dafür eine ganz einfache Erklärung“, antwortete ich.

Die Sonnenhitze wurde langsam unangenehm. Sie störte mich auf einmal. Darum rückte ich etwas mehr in den Schatten des weit aufgespannten Schirms. Aus der neuen Stellung heraus konnte ich ihr direkt ins Gesicht sehen. Sie war wirklich überaus bezaubernd, wahrscheinlich das hübscheste Mädchen, das ich je in meinem Leben gesehen hatte.

Glauben Sie, dass sie vielleicht Selbstmord begangen hat, Mr. Random?“

Schwer zu sagen. Aus meiner Sicht der Dinge eher unwahrscheinlich. Warum sollte sich jemand mit einem Eispicker erstechen?“

Nehmen wir nur mal an, sie tötete ihren Freund. Wer weiß warum. Vielleicht fand sie danach keine Ruhe mehr und hielt es für notwendig, für diese schreckliche Tat zu büßen. In den Zeitungen steht, sie sei sehr fromm gewesen. Möglicherweise glaubte sie, die einzige Buße liege darin, in der gleichen Weise zu sterben wie er. Was meinen Sie?“

Mich verblüfften ihre Ausführungen zu dem Mordfall.

Gütiger Himmel, haben Sie sich das gerade selbst ausgedacht?“ fragte ich sie und setzte ein gequältes Lächeln auf.

Nein. Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen. Einer meiner Gesprächspartner hielt diese These für möglich.“

An Ihrer Stelle würde ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie dieses Mädchen starb“, sagte ich. „Die Sache ist verzwickt genug. Auch für die Polizei. – Ach übrigens hat sie in diesem Institut für keramische Kunst am Promenaden Point gegenüber vom Hotel Intergalaktica gearbeitet. Kennen Sie diesen Laden, Miss Breedy?“

Gewiss doch. Ich gehe sogar sehr häufig dorthin. Viele meiner reichen Bekannten ebenfalls. Ich bin persönlich von einigen Plastiken Blanks sehr begeistert. Er ist wirklich großartig und versteht sein Geschäft. Vergangene Woche kaufte ich beispielsweise eine Statue von einem kleinen Jungen von ihm. Sie ist hinreißend schön und dermaßen filigran verarbeitet, dass ich sie einfach kaufen musste.“

Haben Sie das Mädchen dort je gesehen, wenn Sie bei Marcel Blank eingekauft haben?“

Ehrlich gesagt nein. Ich kann mich an sie nicht mehr erinnern. Es arbeiten dort so viele Mädchen.“

Aus allem, was ich bisher so hörte, habe ich den Eindruck gewonnen, es sei ein Andenkenladen für Touristen. Da muss ich mich wohl getäuscht haben.“

In gewisser Weise ist das vielleicht richtig. Aber Mr. Blank hat einen Extraraum, in dem ausschließlich seine neuesten und besten Arbeiten stehen. Dort kommen nur ausgesuchte Besucher hinein“, sagte Miss Breedy zu mir.

Finanziell scheint es ihm mehr als gut zu gehen“, warf ich ein.

Natürlich; und völlig zu Recht. Marcel Blank ist ein großer Künstler. Ich bewundere ihn und seine Kunst.“

Ich sah ihr an, dass sie es ehrlich meinte. Ihr Gesicht leuchtete vor Begeisterung, wenn sie von diesem Mann und seiner Kunst sprach.

Ich muss auch einmal hinausgehen und es mir ansehen. Würden Sie nicht mit mir kommen, Miss Breedy? Ich würde mir seine guten Sachen gerne einmal ansehen. Natürlich komme ich nicht als Käufer in Frage, aber eine gute Plastik interessiert mich.“

Ich merkte ihr an, wie sie zögerte und intensiv nachdachte.

Ja, warum eigentlich nicht?“ schoss es plötzlich aus ihr heraus. „Wenn ich das nächste Mal hinfahre, gebe ich Ihnen Bescheid. Wohnen Sie immer noch im Hotel Delphi, Mr. Random?“

Mit Ihrer Frage erinnern Sie mich an etwas. Woher wussten Sie eigentlich, als Sie mich anriefen, wo ich wohne?“

Sie lachte. Sie hatte in der Tat schöne Zähne. Blendend weiß und regelmäßig geformt. Ihr Mund hätte mich dazu verführen können, sie auf der Stelle einfach zu küssen. Ihr Lachen schickte mir ein Prickeln über den Rücken. Dieses Mädchen begann wirklich, mich zu faszinieren. Etwas Ähnliches hat ich seit meinem ersten ernsthaften Rendezvous, inzwischen über vierzig Jahre her, nicht mehr empfunden.

Ganz einfach. Ich fragte Mr. Hammersmith. Sie müssen ihn doch kennen gelernt haben, als Sie meinen Vater besuchten. Er weiß einfach alles. Ich habe ihm nie eine Frage gestellt, die er mir nicht beantworten konnte.“

So gesehen wird mir die Sache klar. Hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Aber um auf das Hotel Delphi zurück zukommen. – Ich werde dort nicht mehr wohnen. Die Polizei ist schon so oft wegen mir aus und eingegangen, sodass sich die Geschäftsführung dazu gezwungen sah, aus Beschwerdefurcht der übrigen Gästen wegen, dass ich mir ein anderes Unterkommen suchen soll. Sie wissen nicht zufällig ein anderes Hotel, Miss Breedy?“

Augenblicklich fiel mir ein, mit wem ich sprach und fing an zu lachen.

Aber nein doch, das ist kaum anzunehmen. Das liegt nicht ganz auf Ihrer Linie, oder?“

Kommt darauf an, wie lange Sie bleiben wollen“, sagte sie zu mir.

Mindestens so lang, bis der Fall aufgeklärt worden ist. Das könnte allerdings Wochen oder Monate dauern. Ich weiß es selbst nicht.“

Können Sie auch für sich selbst sorgen? Kochen, aufräumen usw.“, fragte sie mich spontan und sah mich dabei an.

Na klar doch. Sie glauben doch nicht, dass ich zu Hause viel Personal habe oder auf meinen Ermittlungsreisen immer nur in Hotels rumliege und mich bedienen lasse? Wissen Sie denn etwas?“

Es ist vielleicht nicht das, was Sie suchen, aber ich besitze draußen an der Aloha Bay einen kleinen Bungalow. Ich habe ihn vor zwei Jahren gemietet, komme aber nur sehr selten dorthin. Mein Mietvertrag gilt noch für etwa ein Jahr. Wenn Sie wollen, können Sie ihn haben.“

Ich war total verblüfft und starrte sie an.

Sie machen kein Scherz, Miss Breedy?“

Ich meine immer, was ich sage. Sie können dort wohnen, wenn Sie wollen. Er ist möbliert, und Sie finden dort alles, was Sie brauchen. Ich bin schon lange nicht mehr draußen gewesen, aber bei meinem letzten Besuch war noch alles in Ordnung. Sie müssen nur für die Strom- und Wasserrechnung aufkommen. Für alles andere ist gesorgt.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Entgegenkommen. Ich finde es besonders reizend von Ihnen, Miss Breedy, dass Sie mir dieses Angebot machen. Ich nehme es natürlich unbesehen an“, sagte ich völlig geschlagen zu ihr.

Die Sache ist also erledigt. Aber wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, können wir heute nach dem Abendessen dort hinfahren. Sagen wir mal so ab 22 Uhr? Ich habe leider vorher noch einige Termine. Außerdem werde ich das Wasser und den Strom wieder einschalten lassen. Den Schlüssel für Sie bringe ich gleich mit.“

Ehrlich gesagt, Miss Breedy, Sie bringen mich in große Verlegenheit. Eine derartige Gefälligkeit für einen völlig Fremden – ich möchte Ihnen wirklich keine Schwierigkeiten machen...“

Nun, es macht mir bestimmt keine Schwierigkeiten, Mr. Random.“

In diesem Moment wünschte ich in ihre Augen hinter der Sonnenbrille sehen zu können. Irgendwie spürte ich plötzlich Neugierde, ihren Ausdruck zu sehen. Und doch verriet mir ihre Stimme, dass mir irgendwas entging. Nur wusste ich nicht was. Der Blick ihrer Augen hätte es mir bestimmt verraten.

Sie blickte spontan auf die Uhr.

Mr. Random, ich muss jetzt gehen. Ich bin mit meinem Vater zum Essen verabredet, und er hasst es wie die Pest, wenn man ihn warten lässt.“

Sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie mit mir zusammen waren und mir eine Unterkunft beschafft haben“, antwortete ich und stand auf. Ich sah ihr dabei zu, wie sie ein kurzärmeliges Kleid über ihren eng anliegenden Badeanzug streifte. „Sie wissen doch, dass ich nicht zu seinen Günstlingen gehöre, Miss Breedy.“

Mein Vater muss nicht alles wissen. Ich sage ihm Dinge aus meinem Privatleben sowieso nicht. – Wollen Sie mich also um 22 Uhr vor dem Robot Master Club abholen? Wir treffen uns dort und fahren dann direkt zu dem Bungalow hinaus.“

Ich werde natürlich pünktlich da sein.“

Dann, Mr. Random, auf Wiedersehen bis dahin.“

Wieder zeigte sie mir ihr umwerfendes Lächeln, das mich praktisch elektrisierte. Ich hätte auf der Stelle einen Luftsprung machen können.

Miss Violetta Breedy ging über den lockeren Sand davon, und ich stand da und sah ihr die ganze Zeit nach.

Ich dachte all die letzten Jahre immer, ich sei längst darüber hinaus, wegen einer jungen Frau den Kopf zu verlieren. Aber als ich ihre wippenden Bewegungen beobachtete, das leichte erotische Hin- und Herwiegen ihrer weiblichen Hüften und die Art, wie sie ihren Kopf hielt: ja, das alles ging mir plötzlich tief unter die Haut und brachte mein männliches Gefühlsleben ganz schön in Fahrt.


 

***

Teil 13


Fortsetzung folgt irgendwann!

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Klima - Wandel Dich! von Torsten Jäger



Das Buch ist ein kreativer Gegenwandel zur drohenden Klimakatastrophe. Teil eins enthält fachliche Infos rund um das Thema und praktische Tipps, wie man persönlich das Klima schützen kann. Teil zwei ist eine Sammlung kreativer Werke - Lyrik, Prosa, Fotografien, Zeichnungen. Das Motto des Buches: „Wir sind Kyoto!“

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Science-Fiction" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Stadt der Fremden von Heinz-Walter Hoetter (Unheimliche Geschichten)
Ganymed 1 von Paul Rudolf Uhl (Science-Fiction)
Kleiner Aufsatz über Karlis Leben von Margit Kvarda (Humor)