Heinz-Walter Hoetter

Sammlung verschiedener Kurzgeschichten

Kurzgeschichtensammlung

von

Heinz-Walter Hoetter


***


 

Besuch aus der Zukunft



 

An einem schönen Sommertag des Jahres 4525.

Ich saß allein vor meinem abgelegenen, rustikal gebauten Holzhaus auf der von bunten Blumen umsäumten Sonnenterrasse und dachte zurück an längst vergangene Zeiten.

Der leicht abschüssige Garten vor mir sah wie immer aus. Er wurde nur durch eine sehr niedrige Thujenhecke allseitig begrenzt, sodass ich weit in die dahinter liegende Landschaft sehen konnte. Am fernen Horizont türmten sich gerade mächtige, grauweiße Wolken auf, die langsam aber stetig immer höher in den blauen Himmel wuchsen. Ich betrachtete eine Zeit lang interessiert das beeindruckende Wetterschauspiel, war mir aber nicht ganz sicher, ob sich da möglicherweise ein Gewitter zusammenbraute oder nicht. Dann ließ ich meinen Blick zurück in den Garten wandern. Das Gras der grünen Wiese wurde zweimal in der Woche von einem vollautomatisch arbeitenden Elektro-Roboter gemäht, der jetzt stumm und regungslos in seiner Aufladebox stand, wo er geduldig auf seinen nächsten Einsatz wartete.

Weiter hinten standen ein paar hohe, altehrwürdige Fichten neben einer kleinen, mit Efeu berankten Holzlaube. Hier und da lugten aus dem dichten Efeugewächs kunstvoll verschnörkelte Holzfensterchen hervor. Diese stille Ecke meines Gartens gefiel mir besonders gut, weil es gleichzeitig ein idyllisches und verträumtes Örtchen war.

Etwas abseits davon glänzten ein paar nasse Steine, denn vor vielen Jahren hatte ich mal einen künstlichen Bach in meinem Garten angelegt, der von dem klaren Wasser einer kleinen, quirligen Quelle gespeist wurde, die weiter oben aus dem felsigen Boden sprudelte. Jetzt plätscherte das kühle Nass gurgelnd durch ein schmales, stufenförmig angelegtes Betonbett, das überall mit kleinen und großen Kieselsteinen ausgefüllt war, die eigentlich nur dazu dienten, das schnell herunterfließende Wasser etwas abzubremsen. Außer dem gleichmäßigen Plätschern des Wassers herrschte überall eine wohltuende Ruhe, die ich immer wieder aufs Neue genoss, wenn ich hier draußen auf meiner Sonnenterrasse saß. Schließlich erinnerte ich mich wieder daran, wie alles einmal begonnen hatte und dachte wehmütig zurück an Merlin Thor. Wo mag er wohl sein?

Damals war ich noch ein unternehmungslustiger junger Mann gewesen, der nach seiner Ausbildung zum Kosmoarchäologen die unendlich erscheinenden Weiten des Universums durchstreifte, immer auf der Suche nach irgendwelchen ungewöhnlichen Abenteuern und außerirdischen Kulturen, die es überall zu entdecken gab. Es war eine wirklich aufregende Zeit damals, denn man stieß im Universum auf viel mehr außerirdisches Leben, als man anfangs vermutet hatte.

Allerdings stieß man auch auf eine Vielzahl von Planeten, auf denen oft nur noch die letzten Überreste untergegangener Zivilisationen vorhanden waren. Aus irgendwelchen rätselhaften Gründen waren sie untergegangen oder durch Einwirkung planetarischer Gewalt ausgelöscht worden. Mein Auftrag war es, die entdeckten Ruinenstädte als Kosmoarchäologe genauestens zu erforschen. Das konnte manchmal viele Jahre dauern, bis ich meine Resultate zusammen hatte und auswerten konnte. In dieser Zeit habe ich viel über die zahlreich vorhandenen, außerirdischen Lebensformen der unterschiedlichsten Ausprägung im nahen und ferneren Kosmos kennen gelernt. Unglaubliche Kreaturen sind mir begegnet, von denen die Menschheit noch vor etlichen Tausenden von Jahren, als sie noch keine interplanetarische Raumfahrt kannte, nicht die leiseste Ahnung besaß. Es war wirklich eine atemberaubende Epoche der Raum fahrenden Menschheit, die ich als junger Forscher seinerzeit miterleben durfte.

Aber das ist schon eine Ewigkeit her. Es kommt mir jedenfalls manchmal so vor. Ich möchte euch deshalb erst einmal von Merlin Thor erzählen, den ich vor langer Zeit zufällig kennen gelernt habe und der eine ziemlich außergewöhnliche Persönlichkeit war. Der muskulöse 2-Meter-Kerl hatte die Ausstrahlung eines antiken, griechischen Gottes und sah auch so aus. Trotzdem gab er sich gerne eher wie ein ganz gewöhnlicher Alltagsmensch, der sein Leben so normal leben wollte, wie alle anderen eben auch.

Nun, die Herkunft von Merlin Thor wird wohl für immer im dunkeln bleiben, auch wenn ich heute ein wenig von seinem Geheimnis kenne. Vielleicht war er noch nicht einmal einer von uns, ich meine damit, so ein Mensch aus echtem Fleisch und Blut. Selbst wenn es so gewesen wäre, hätte das nichts an unserer damaligen Freundschaft geändert. Allerdings keimte in mir schon sehr früh der Verdacht, dass er ein hochentwickelter Androide oder Cyborg war, obwohl er alles tat, dies zu verbergen. Irgendwie wirkte dieser Merlin Thor auf mich manchmal doch etwas unheimlich, weil er ein tiefes, unergründliches Geheimnis in sich barg, das ich schon gar nicht während unserer zeitlich begrenzten Bekanntschaft zu entschlüsseln vermochte.

Wie gesagt, traf das auch auf seine eigentliche Herkunft zu, die er eisern für sich behielt und keinem anderen Menschen gegenüber offen legen wollte. Genau dieser Umstand war es, der ihn so überaus interessant für mich machte. Ich wusste anfangs nur, dass sich viele Legenden, aber noch mehr Geschichten und eine Unzahl von Gerüchten um Merlin Thor rankten, die überall im Universum ihre Runden machten.

Na ja, wie auch immer.

Nach manchen Erzählungen, die es auf fast jedem Planeten von ihm gab, soll er vor mehreren tausend Jahren mit einem riesigen Raumschiff aus den unendlichen Weiten des Alls auf die Erde gekommen sein und außergewöhnliche Fähigkeiten besessen haben, die ihn unter den damals lebenden Menschen so berühmt wie eine Gottheit machten. Es gab darüber hinaus Erzählungen, ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder auch nicht, was mich allerdings nur wenig interessierte, dass er sogar der Begründer einer der ältesten Zivilisationen der frühen Erde gewesen sein soll, nämlich das des mythischen Inselreiches Atlantis.

Ich persönlich sah die ganze Sache natürlich etwas anders und hielt diese unglaublichen Geschichten durchweg für frei erfunden. Würden all diese Geschichten nämlich stimmen, müsste Merlin Thor heute ein Alter von etwas mehr als 4000 oder 5000 Jahren haben. Kein Mensch konnte so alt werden, es sei denn, es handelte sich hierbei um ein künstliches Lebewesen, um einen Androiden oder Cyborg, deren Lebensdauer, so viel mir bekannt war, zwar nicht ewig, aber dennoch sehr lange währte. Ob Merlin Thor ein künstlicher Mensch war oder nicht, konnte man nicht direkt beweisen, weil er einfach niemanden an sich heranließ. Seine Körperabschirmung, so eine Art undurchdringliches, blau weißes Energiefeld, das er in bestimmten Situationen per Gedankenkraft aktivieren konnte, war einfach einzigartig. Nichts und niemand konnte diesen Schutzschirm aus reiner Energie durchdringen, wenn er erst mal eingeschaltet war.

Die Legende erzählte andererseits auch davon, dass eine gewaltige Katastrophe Atlantis zerstörte und Merlin Thor sich gerade noch rechtzeitig vor einer heran nahenden Riesenwelle in sein wartendes Raumschiff retten konnte. Die riesigen Wassermassen rissen das sagenumwobene Atlantis und all seine Bewohner in die dunklen Tiefen eines von heftigen Erdbeben aufgewühlten Meeres, und die sagenumwobene Hochkultur aus den kulturellen Anfängen der Menschheit wurde durch dieses gnadenlose Naturereignis mit einem einzigen Schlag für immer vernichtet.

Danach hörte man lange Zeit von Merlin Thor nichts mehr, bis er plötzlich mit seinem gigantischen Raumschiff aus den dunklen Tiefen des Alls wieder auftauchte.

Das war ungefähr die Zeit, als ich ihn auf dem Mars kennen lernte. Wir blieben aus geschäftlichen Gründen nur eine kurze Zeit zusammen, bis er schließlich wieder ganz überraschend von der Bildfläche verschwand. Niemand konnte sich dieses seltsame Verhalten erklären. Auch ich nicht, obwohl ich mir einbildete, ihn besser zu kennen als alle anderen Menschen, die zu seinem erlauchten Freundeskreis zählten. Er war eben ein absoluter Einzelgänger, ein Edel-Egozentriker, der jederzeit frei und unabhängig sein wollte und niemandem gegenüber und zu nichts verpflichtet war, außer vielleicht dazu, allein in den unendlichen Weiten des Universums wie ein Zigeuner mit seinem Raumschiff heimatlos herumzuvagabundieren.

Merlin Thor’s geheimnisvolle Raumschiff, die „Phallanx“, konnte nämlich ausgedehnte Zeitsprünge durchführen. Das hat er mir einmal selbst verraten, als ich ihn einmal spontan danach fragte, obwohl ich von ihm in dieser Sache überhaupt keine ehrliche Antwort erwartet hätte.

Ich habe mich damals umso mehr über seine ehrliche Art gewundert. Er sagte mir ganz offen, dass er mit der „Phallanx“ ganz nach Belieben sowohl in die Vergangenheit, als auch in die Zukunft reisen könne. Es gäbe darüber hinaus keinen Ort im unvorstellbar weiten Universum, der für ihn nicht erreichbar sei.

Dieses unglaubliche Raumschiff war wohl auch der Grund dafür gewesen, dass ich ihn später, nach unserer erwähnten Zusammenarbeit, für immer aus den Augen verlor, und das trotz all meiner mir zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten, über die ich damals verfügen konnte. Ich war schließlich bald nicht mehr dazu in der Lage, den schwachen Signaturen seiner gewagten Zeitsprünge zu folgen. Er hätte in der Tat überall sein können, da draußen irgendwo im Sternen übersäten Kosmos, der so unendlich viele Welten barg, von denen sicherlich eine ganze Menge bestens dazu geeignet waren, sich so gut wie unsichtbar auf ihnen zu machen.

Ich stellte mir also bald die zweifelnde Frage, ob ich überhaupt noch weiter nach Merlin Thor suchen sollte. Ich dachte daher, dass es für mich wohl insgesamt gesehen besser wäre, wenn ich die Suche nach ihm aufgeben würde, mir einfach irgendwann ein schönes Haus im Grünen kaufe sollte, um mich endlich zur Ruhe zu setzen. Und eines Tages war es dann auch so weit. Ich machte diesen Traum wahr und kaufte mir ein schlüsselfertiges Holzhaus weit draußen vor der Stadt in einer relativ einsamen Gegend.

Nun sitze ich hier, im Alter von fast 96 Jahren und schwelge in meinen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Aber jetzt möchte euch endlich die Geschichte erzählen, die mehr als unglaublich klingt.

Also hört gut zu!

***

Ich lernte diesen Merlin Thor in einer Kneipe ganz in der Nähe eines großen Raumflughafens auf dem Roten Planeten Mars kennen, die den Namen „Andromeda“ trug. Sie war eine Kneipe wie es Hunderte in der weitläufig angelegten Marsstadt gab; eng, muffig und stickig. Der üble Gestank nach schalem Bier und hoch prozentigeren Getränken hing überall in der Rauch geschwängerten Luft. Beim Gehen schmatzten einem die Sohlen der Schuhe, wenn man über den mit verschütteten Alkohol getränkten Holzboden lief. Aber die ganze Kneipe war ein Ort, der das Herz erwärmte und Merlin Thor schien dafür eine ganz besondere Vorliebe zu haben. Offenbar fühlte er sich unter Menschen sehr wohl.

Die etwa dreißig Gäste hatten sich auf die Tische an den umliegenden Wänden und die Theke verteilt. Die hohen Barhocker waren sehr klobig geformt und aus einem dunklen, schweren Holz gefertigt. Die breite Sitzfläche bestand aus einem rauen, graubraunen Leder, das an den Rändern schon ziemlich ausgefranst war. Das Leder roch irgendwie unangenehm, was mich aber nicht weiter störte. Ich dachte darüber nach, dass die rustikalen Barhocker in dieser Marskneipe ganz bestimmt von der Erde stammten und daher schon sehr alt sein müssten. Wie viele Gäste mögen wohl schon auf ihnen gesessen haben, dachte ich so für mich und ließ meinen Blick durch die Kneipe schweifen.

Dann erblickte ich Merlin Thor und einen freien Barhocker, der an der Theke gleich neben ihm stand. Schnell ging ich auf den freien Platz zu.

Als ich mich gesetzt hatte, sah ich ihn von der Seite an und grüßte breit grinsend mit einem freundlich Kopfnicken. Knurrig grüßte er zurück. In der Rechten hielt er ein großes, halb leeres Bierglas. Sein Blick war missmutig auf die Flaschenreihe hinter der Theke gerichtet. Ich räusperte mich ein wenig, wandte mich schließlich von ihm ab und rief lautstark nach dem Barkeeper. Plötzlich warf Merlin Thor mir einen genervten Blick zu und murrte: „Wer sind Sie denn, Mister? Können sie sich nicht woanders hinsetzen? Was schreien Sie hier überhaupt so herum? Der Barkeeper reagiert auch auf die übliche Zeichensprache. Daumen hoch heißt hier, dass man ein Bier haben möchte. Daumen runter bedeutet, dass man den Kanal voll hat. Zwei Finger bedeuten zwei Bier und so weiter. Wussten Sie das nicht? Menschenskind, wo kommen Sie eigentlich her?“

„Oh, das wusste ich wirklich nicht. Bitte entschuldigen Sie mein vorlautes Benehmen. Es wird nicht wieder vorkommen. Ich gehe nur sehr selten in Kneipen wie diese.“

Dann sah ich mein Gegenüber direkt an.

„Aber Sie sind doch der berühmte Merlin Thor, nicht wahr?“ fragte ich ihn freundlich und mit echt bewundernder Neugier. Ohne Unterbrechung fuhr ich fort: „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Es gibt eine Menge Geschichten und noch mehr Gerüchte über Sie. Sie scheinen ja eine richtige Legende zu sein. Allerdings war ich mir zuerst nicht ganz sicher, ob Sie auch wirklich der große Merlin Thor sind, der hier in dieser Kneipe, ganz normal wie jeder andere auch, sein Bierchen trinkt. Ich habe deshalb sicherheitshalber ein Foto von Ihnen an einem dieser überall herumstehenden Informationsterminals des Zentralcomputers ausdrucken lassen und dann einfach Ihr Gesicht mit dem ausgedruckten Bild verglichen. Es gibt überhaupt keinen Zweifel mehr: Sie sind der berühmte Merlin Thor!“

Ein abschätziges Grinsen huschte über das braungebrannte Gesicht meines Gesprächsnachbarn.

„Sieh mal einer an! Ein cleveres Bürschchen wie du einer bist, das hat mir gerade noch gefehlt“, grollte Merlin Thor argwöhnisch zu mir rüber.

Ich ergriff die Gelegenheit und stellte mich kurz vor. „Ich bin Walter Hutton, Kosmoarchäologe der Vereinigten Planetenförderation mit der Zentralregierung auf Terra. Ich beschäftige mich schon seit sehr vielen Jahren mit den Resten längst vergangener außerirdischer Kulturen und Zivilisationen. Vielleicht haben Sie von mir schon mal gehört.“

Merlin Thor schüttelte den Kopf und grinste mich wieder so eigenartig an.

Wieder ergriff ich das Wort.

„Eigentlich dachte ich, Sie wüssten wer ich bin. Ich ließ Ihnen doch eine verschlüsselte Nachricht von mir zukommen. Haben Sie die vielleicht noch nicht erhalten? Das kann nicht möglich sein, weil sie von Ihnen persönlich bestätig worden ist. – Na ja, ist ja auch egal. Wissen Sie, ich hab nämlich einen ganz bestimmten Job für Sie. Steckt ein echt großes Vermögen drin. Braucht nicht der große Merlin Thor bares Geld, wie alle anderen Planetenbummler auch? Und die „Phallanx“ wird hin und wieder doch auch mal eine Generalüberholung benötigen. Oder irre ich mit da?“

Merlin Thor unterbrach mich. Sein verwegener Blick musterte mich von oben bis unten. Dann sprach er mich direkt an. Im Ton seiner Stimme lag eine gewisse Arroganz. Er duzte mich einfach.

„Mein Raumschiff repariert sich von selbst, du Einfaltspinsel. Dafür sind meine Techno-Androiden zuständig. Und die machen ihren Job ziemlich gut. Aber das ich hin und wieder Geld brauche, das ist richtig, mein Freund. Nichts kriegt man auf den Planeten der mächtigen Förderation umsonst. Selbst so eine Legende wie ich nicht. Früher war das anders, das kannst du mir glauben. Ich habe mir einfach genommen, was ich für mich und für mein Raumschiff eben so alles gebraucht habe. Ich denke mal, dass diese Zeiten mittlerweile wohl für immer vorbei sind. Ich trauere ihnen aber auch nicht nach. Alles ändert sich eben, manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Was soll’s also? Ich persönlich sehe in dem, was man gemeinhin als Veränderungen bezeichnet, sowieso nur eine Art Konstante im Universum. In der Tat verändert sich alles, wenngleich auch schleichend. – Aber lassen wir das Thema. Reden wir über’s Geschäft. – Und du hast einen Job für mich?“ fragte Merlin Thor plötzlich unverhofft, sah mich dabei gelangweilt von der Seite an und verzog seine breiten Lippen zu einem schrägen Grinsen.

„Ja, und sogar einen sehr lukrativen. Für Ihre Dienste werde ich Sie gut bezahlen. Ich würde sogar behaupten, bestimmt mehr als gut“, erklärte ich ihm.

„Worum geht’s denn überhaupt?“ wollte Merlin Thor wissen. Sein Grinsen wurde noch breiter.

Ich kam ohne Umschweife zur Sache.

„Ich muss in die Vergangenheit zurückreisen, genauer gesagt in das Jahr 2012 des 21. Jahrhunderts. Den genauen Tag und die genau Stunde gebe ich aus Sicherheitsgründen erst kurz vor dem Antritt unserer Reise bekannt. Sie verfügen mit der „Phallanx“ über ein Zeitsprung fähiges Raumschiff. Ich muss dorthin, wo das eigentliche Geheimnis meiner eigenen Existenz, und das vieler andere Dinge, zu Hause ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Sind Sie einverstanden, Merlin Thor? Sie müssen meinem Angebot nicht gleich zustimmen. Aber bevor ich diese Kneipe hier wieder verlasse, müssen Sie sich entschieden haben. Andernfalls sehe ich mich dazu gezwungen, mir unter Umständen einen anderen Partner zu suchen.“

Merlin Thor grinste mich wieder so seltsam an. Ich hatte den eigenartigen Eindruck, als wüsste er schon irgendwie im Voraus, wie die ganze Sache zwischen uns beiden heute Abend ausgehen würde.

Er sah mich konzentriert an. Der Blick seiner Augen war messerscharf.

„Ist Ihnen eigentlich klar, dass das mit so einem Zeitsprung für einen Menschen wie Sie nicht ganz ungefährlich ist, mein Freund? Da kann eine ganze Menge schief gehen, wenngleich die „Phallanx“ bisher noch bei keinem Sprung durch die Zeit irgendwelche Probleme gemacht hat. Ich meine, für Wesen aus Fleisch und Blut kann es schnell zu gewissen Schwierigkeiten kommen. Wussten Sie das eigentlich?“

„Das weiß ich alles“, antwortete ich ihm mit ruhiger Stimme selbstbewusst.

„Aber das Risiko muss ich in Kauf nehmen“, fuhr ich mit Bestimmtheit fort, hob prostend mein Glas und sagte mit einiger Überzeugung: „Das fasse ich als Zustimmung des großen Merlin Thor auf. Wir sind also im Geschäft – oder?“

Ich wartete einen Augenblick gespannt, dann hob mein Gegenüber ebenfalls sein bauchiges Glas in die Höhe und blinzelte mich vielsagend von der Seite an und grollte: „Natürlich Mr. Walter Hutton. Wie sollte es auch anders sein?“

Ich wunderte mich zwar über diese Antwort, dachte aber nicht weiter darüber nach.

Dann prosteten wir uns gemeinsam zu, tranken den Rest des Bieres aus und bestellten gleich ein neues hinterher. Wir saßen an diesem Abend noch lange zusammen, viel zu lange, wie ich mich heute noch daran erinnern kann. Der künstlich hergestellte Gerstensaft auf dem Mars besaß nämlich wesentlich mehr Alkohol als das Bier auf der Erde. Das wurde aus Prinzip schon so gemacht, wie ich mal irgendwo gehört habe. Überall auf dem Mars legte man viel Wert auf den Faktor Unterscheidung. Man wollte die Dinge von der Erde eben nicht einfach kopieren.

Trotzdem, so einfach hatte ich mir das Geschäft mit Merlin Thor damals allerdings nicht vorgestellt, denn er galt als besonders schwierig und extrem eigenwilliger Querkopf, besonders dann, wenn es um irgendwelche ganz besonderen Geldangelegenheiten ging, die er von Haus aus stets kritisch und äußerst genau unter die Lupe nahm. Bei mir aber schien er damals irgendwie von Anfang an keine allzu großen Bedenken gehabt zu haben, was mich von heute ausgesehen keinesfalls mehr verwundert, wenn ich mit dem erst viel später erworbenen Wissen nachträglich auf die wahre Natur von Merlin Thor zurückblicke.

Hinterher ist man eben immer klüger. Das war schon zu allen Zeiten so. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

***

Viel später.

„Das ist ja ein richtiger Schrotthaufen“, sagte Merlin Thor abfällig zu mir, als wir zusammen mit meinem Großraumgleiter die Zielkoordinaten auf der Rückseite des Mondes erreichten. Hier gab es nämlich eine uralte Mondstation, die vor vielen Jahrtausenden von den ersten, wagemutigen Raumfahrern einer längst untergegangenen menschlichen Zivilisation erbaut worden ist. Danach hat sich eine andere entwickelt, die mit ihren enormen Fähigkeiten die Tiefen des Alls eroberte.
Ich schaute hinüber zu den Trümmern der Mondstation, die irgendwann zu einem Raumfort umfunktioniert wurde. Obwohl von der eigentlichen Station nicht mehr viel übrig geblieben war, weil auf ihr anscheinend mal heftige Kämpfe stattgefunden haben, wie ich aus alten Schriften später erfahren habe, sah sie an vielen Stellen immer noch aus wie ein richtiges Raumfort. Die alten, wuchtigen Betontürme, also jene die noch stehen geblieben waren, reichten mindestens einhundert Meter in die Höhe. Die gesamte Anlage hatte eine Länge von mehr als einen Kilometer und war fast genauso breit.

Obwohl die zentrale Mondstation ein einziger Trümmerhaufen zu sein schien, ragten hier und da noch einige intakte Gebäude aus dem Gewirr von abgerissenen Stahlträgern und den Resten eingestürzter Betonmauern hervor. Ich steuerte den schweren Raumgleiter vorsichtig in eine ganz bestimmte Richtung, bis wir eine halb zerstörte Kuppel erreichten. Daneben standen zwei riesige, silbrig glänzende Metallzylinder, auf denen man noch die Beschriftung erkennen konnte: NASA – Mondstation 25. Die ehemalige Reflektorfarbe ganz oben auf der Kuppel war jetzt matt und total mit Mondstaub bedeckt.

Ich konnte mir gut vorstellen, wie die Besatzung der Mondstation hier einmal gelebt haben muss. Ich stellte mir auch die schweren Explosionen vor, die an diesem schicksalsträchtigen Ort mal vor langer Zeit die wuchtigen Betongebäude zerstörten. Die menschliche Rasse war eben von jeher keine friedliche gewesen. Sie führten ihre kriegerischen Auseinandersetzungen sogar auch im Universum weiter. Für mich war das eine deprimierende Feststellung.

Ich steuerte meinen Grußraumgleiter jetzt auf eine freie Fläche zu, die gleich neben einer der riesigen Kuppel lag und setzte vorsichtig zur Landung an. Ganz in der Nähe des Landeplatzes befand sich auch der offene, etwa 10 Meter hohe Eingang, dessen Stahltore wahrscheinlich durch mehrere gewaltige Explosion aus der Verankerung gerissen worden waren. Sie lagen jetzt total verbogen rechts und links vor dem dunkel gähnenden Kuppeleingang zwischen den anderen Trümmern auf dem staubigen Mondboden herum. Trotzdem war die breite Zufahrtsstraße, die aussah wie das Teilstück einer vierspurigen Autobahn auf der Erde, ins Innere der massiven Kuppel relativ frei und fast ohne Beschädigungen geblieben.

Merlin Thor wirkte auf einmal etwas ungeduldig auf mich.

„Was machen wir hier eigentlich? Was hat das alles für einen Sinn, Mr. Hutton?“

Ich überreichte ihm ein handliches Ortungsgerät und erklärte ihm, worum es mir ging.

„Ich habe in dieser ehemaligen Mondstation der NASA einige interessante Dinge gefunden, die ich heute mit Ihnen zusammen bergen möchte, Merlin Thor. Es handelt sich unter anderem auch um einen völlig intakt gebliebenen Tresor aus dem Jahre 2045 des 21. Jahrhunderts, der sich in einer geheimen Kammer der Station befindet. Wahrscheinlich wussten nur ganz wenige Mitglieder der Besatzung davon, welch wertvolle Schätze bei ihnen seinerzeit tief unter der Mondoberfläche bombensicher eingelagert waren. Im Innern des kubusförmigen Tresors befinden sich mehrere Tonnen Gold, Silber und Platin von unschätzbarem Wert. Sie wissen doch selbst, dass diese Edelmetalle auch heute noch sehr begehrt sind. Sie stellen immer noch ein gewaltiges Vermögen dar. Auf dem Schwarzmarkt würde man mindestens das Doppelte dafür erzielen, wenn nicht mehr. Das ist das lukrative Angebot, das ich Ihnen vor einiger Zeit an der Bar in der Marskneipe unterbreitete. Sie erhalten zwei Drittel davon als Bezahlung für Ihre Dienste mir gegenüber, vorausgesetzt natürlich, Sie bringen mich mit Ihrem Raumschiff per Zeitreise in das Jahr 2012 zurück. Das andere Drittel ist für mich. Stellen Sie mir bitte keine weiteren Fragen, wozu ich das Ganze hier mache, sondern tun Sie nur einfach das, was ich von Ihnen verlange. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Diese Erklärung wäre nicht nötig gewesen, Mister Hutton. Wir haben eine mündliche Vereinbarung getroffen, und an die werde ich mich halten. Es ist nicht meine Art, vertragsbrüchig zu werden“, erwiderte Merlin Thor mürrisch und schaltete das Ortungsgerät ein. Ein dreidimensionaler, hellgrüner Bildschirm leuchtete auf, in dessen Mitte ein kleiner roter Punk blinkte, der sich langsam in Richtung der beschädigten Kuppel zielstrebig fortbewegte, die auf dem Farbmonitor als räumliches Gitter dargestellt wurde.

Während ich in aller Ruhe meinen Raumanzug anlegte, fuhr ich mit meinen Schilderungen fort.

„Ich habe den Tresor bei meinem letzten Besuch mit einem kleinen Peilsender ausgestattet. Es wird daher nicht schwer sein, ihn zu finden. Sobald wir ihn mit dem Ortungsgerät einwandfrei lokalisiert haben, werde ich das Ding mit einem Laserbrenner aus der Verankerung schweißen und freilegen. Ihre Aufgabe wird es danach sein, das komplette Tresorgehäuse samt Inhalt mit Hilfe einer Antigravitationshebevorrichtung, die Sie an dem Tresorkubus rundherum anbringen müssen, auf eine weitere Antigravitationstransporterplattform zu hieven, um ihn anschließend damit nach oben an die Mondoberfläche bringen zu können. Dann verstauen wir den Fund im Frachtraum meines Großraumgleiters und fliegen damit Mars zurück, wo die „Phallanx“ auf einem geschützten Landeplatz des Raumflughafens steht. Wir benutzen einen der hinteren Transporterschleusen Ihres Sternenschiffes, weil dieser Eingang einfach mehr Schutz vor allzu neugierigen Blicken aus dem nahliegenden Tower bietet. Niemand wird auf dieses Art und Weise etwas davon mitbekommen, dass wir einen ziemlich wertvollen Schatz an Bord der „Phallanx“ gebracht haben. Auch die Behörden auf dem Mars werden nichts davon mitkriegen. Außerdem werden sich die Typen davor hüten, das Raumschiff des großen Merlin Thor zu inspizieren. Wenn Sie schließlich Ihren Anteil erhalten haben, verlassen wir den Mars in Richtung Dunkelseite des Erdmondes und Sie bringen mich von dort aus, wie vereinbart, in die Vergangenheit des Jahres 2012 zurück. Es muss auf den Tag genau der 21.06.2012 sein. Dann landen wir auf der Erde mit einer kleinen Raumfähre und eingeschalteter Tarnvorrichtung in der Nähe einer Kleinstadt etwa in der Mitte des europäischen Kontinents, dort, wo sich ein mächtiges Gebirge befindet, das man Alpen nennt. Die Tarnvorrichtung schützt uns davor, dass man uns weder sehen noch orten kann. Die genauen Koordinaten werde ich Ihnen gleich mitteilen. Sie müssen die Daten dann nur noch auf den Quantencomputer der „Phallanx“ übertragen. Wichtig ist, dass die Menschen des Jahres 2012 nichts davon mitbekommen, dass Zeitreisende die Erde besuchen. Ich hoffe, dass Sie mit allem einverstanden sind, Merlin Thor. Und wenn Sie noch irgendwelche Fragen zu meinem Plan haben, dann würde ich Sie darum bitte, mich jetzt zu fragen. Später werde ich keine Zeit mehr dafür haben.“

„Der Plan ist in Ordnung, Mr. Hutton. Fragen habe ich keine mehr dazu. Ich hoffe jetzt nur noch, dass Ihnen der Sprung durch die Zeit, also einmal hin in die Vergangenheit und wieder zurück in unsere Gegenwart, nicht allzu sehr schaden wird. Sie wissen ja, dass ich keine noch so geartete Garantie für Sie übernehmen kann. Sollte Ihnen etwas zustoßen, gehen die negativen Folgen allein auf Ihre Kappe.“

„Ich werde die Prozedur der einzelnen Zeitsprünge in der Zeitkammer der „Phallanx“ schon überleben. Und machen Sie sich wegen mir keine allzu großen Sorgen. Es ist darüber hinaus für alles optimal gesorgt. Sollte mir tatsächlich etwas zustoßen, dürfen Sie auch das Drittel meines Anteils behalten. Das ist mein letztes Wort. Gehen wir also jetzt lieber an die Arbeit und betätigen wir uns als Schatzsucher. Ich möchte heute noch auf jeden Fall zum Mars zurückfliegen, wenn’s möglich ist. Hier, auf der Dunkelseite des Mondes, möchte ich auf gar keinen Fall länger als nötig bleiben. Ich hoffe daher ganz besonders auf Ihre tatkräftige Mithilfe, Merlin Thor. “

„Ist klar, Mister Hutton. Sie sind der Boss. An mir soll es nicht liegen“, knurrte mich der Hüne mürrisch an. Dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg.

***

Bald hatten wir alle notwendigen Bergungsarbeiten abgeschlossen, weil der Zugang zum Tresorraum keine Beschädigungen aufwies und die Antigravitationsplatten samt den übrigen Zusatzgeräten eine große Hilfe für uns beide waren. Sie erleichterten uns die ansonsten schwere Arbeit ungemein, obwohl die Anziehungskraft des Mondes nur 1/6 der Massenanziehungskraft der Erde betrug.

Als mein Großraumgleiter per Autopilot abhob, ließ ich mich mit geschlossenen Augen in den Steuersitz fallen. Merlin Thor saß neben mir am Steuerpult und machte sich über die primitive Technik des betagten Transportgleiters lustig. Ich gab derweil die Rückflugroute zum Mars ein. Nachdem das erledigt war, stand ich auf, entledigte mich meines Raumanzuges und ging zusammen mit Merlin Thor nach unten in den Frachtraum. Wenige Minuten danach standen wir gemeinsam vor dem transportgesicherten Container. Die starken Panzertüren des Tresorkubus standen weit offen. Wir haben sie einfach mit dem Hochenergielaser aus jeder einzelnen Verankerung geschweißt. Ich schätzte die Abmaße des Kubus auf etwa drei Meter. Das Ding war pechschwarz und sah irgendwie furchterregend aus. Ich schaute durch den offenen Eingang ins Innere des Tresors. Überall befanden sich Gold-, Silber und Platinbarren fein säuberlich aufgeschichtet, alle zu gleich große Stapeln sortiert.

„Ein historischer Augenblick. Das ganze Zeug ist mehrere Jahrtausende alt. Es gibt Dinge in dieser Welt, die sich nicht ein Spur ändern, wie beispielsweise diese Edelmetalle hier. Sie stammen aus einer längst vergangen Zeit, als die Menschen gerade mit der Raumfahrt begonnen hatten und dabei waren, den Mond und den Mars zu erobern. Dort bauten sie die ersten Basisstationen, von denen sie dann weiter ins All vordrangen. Noch heute erzählen die überlieferten Geschichten von den mühsamen Anfängen der Raumfahrt und mit welchen immensen Schwierigkeiten die Astronautinnen und Astronauten von damals zu kämpfen hatten. In den elektronischen Bibliotheken kann man das alles nachlesen. Muss wohl ein aufregende Zeit gewesen sein“, sinnierte ich laut vor mich hin.

„Ja, das wird sie wohl gewesen sein“, antwortete Merlin Thor nachdenklich und ging zurück in das Cockpit meines Großraumgleiters, den ich zu einem Raumtransporter umfunktioniert hatte.

Ich sah Merlin Thor noch einen kurzen Augenblick hinterher, blieb aber aus ganz bestimmten Gründen im Frachtraum zurück. Noch einmal versicherte ich mich vorsichtshalber, dass mein Partner nicht doch noch einmal zurückkommen würde. Dann marschierte ich direkt hinüber in die nächste Frachtzelle und öffnete dort einen kleinen, hermetisch abgeschlossenen Metallbehälter, den ich bei meinem ersten Besuch auf der uralten Mondstation in einem kleinen Nebenraum gefunden hatte. Wegen seines geringen Gewichts stellte der kofferähnlich geformte Kasten für mich kein nennenswertes Problem dar. Als ich jedoch einige Zeit später den Vakuumbehälter öffnete, fand ich darin etwa zehn bis zwölf Bücher vor, darunter eines von einem Schriftsteller aus dem Jahre 2012 des 21. Jahrhunderts. Noch seltsamer wurde die ganze Angelegenheit allerdings, als ich in eines der guterhaltenen Taschenbücher herumblätterte und zufällig eine Kurzgeschichte darin fand, die den Titel trug „Besuch aus der Zukunft“. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und wusste nicht so recht, was ich davon halte sollte. „Merlin Thor“ und ich „Walter Hutton“ kamen darin vor. Wird wohl ein Namensvetter von mir gewesen sein, der damals zufällig den gleichen Namen trug wie ich, fiel mir dazu ein. Wie konnte aber ein Schriftsteller des 21. Jahrhunderts etwas von der Existenz zweier Personen wissen, die zu dem genannten Zeitpunkt noch gar nicht gelebt haben, einmal abgesehen von Merlin Thor möglicherweise? Das Entsetzen in mir wurde jedoch noch größer, als ich mir die kleine Story in Ruhe durchlas. Sie glich in allen Punkten grob in etwa dem, was Merlin Thor und ich gerade erlebten, bisher erlebt hatten oder möglicherweise noch erleben werden. Es war wie eine Geschichte aus einer weit, weit zurück liegenden Vergangenheit, die eine ferne Zukunft beschrieb, deren Handlung ich komischerweise gerade jetzt, in diesem Augenblick, Zeile für Zeile als aktiver Protagonist zu verwirklichen schien. Die Story besaß den Charakter eines Drehbuches und Merlin Thor und ich waren offenbar die beiden Hauptakteure, die darin ihre genau vorgeschriebene Rolle perfekt bis ins letzte Detail spielten.

Am Ende der Geschichte tauchte schließlich noch der Name des Autors auf, der sich „Heiwahoe“ nannte. Dann stand da noch das genau Erscheinungsdatum des Taschenbuches auf eine der vorderen Seiten. Diese Daten wurden für mich äußerst wichtig, da es eben jene genauen Angaben waren, die ich für den Zeitsprung in die Vergangenheit des 21. Jahrhunderts benötigte. Also bereitete ich den Sprung zurück in die Zeit akribisch vor, um den geheimnisvollen Autor „Heiwahoe“ einen Besuch abzustatten, denn ich wollte unbedingt in Erfahrung bringen, wieso er eine SF-Geschichte erzählen konnte, die sich schließlich erst ein paar tausend Jahre später so ereignete. Irgendwie kam mir die ganze Sache paradox vor. Ich begriff eigentlich nicht so recht, was das Ganze im Grunde genommen zu bedeuten hatte. Tief in Gedanken versunken legte ich das Taschenbuch mit der Story von Merlin Thor und mir in den kleinen Metallbehälter zurück, verschloss ihn wieder sorgfältig und marschierte hinüber in die Steuerzentrale meines Transportgleiters, wo gerade der Bordcomputer die vollautomatische Landung auf den Mars vorbereitete, der jetzt auf dem Panoramabildschirm als rote Kugel erschien und langsam immer größer wurde.

Merlin Thor saß mit geschlossenen Augen gemütlich und entspannt im breiten Copilotensessel der Steuerzentrale und schien in Gedanken zu sein. Er beachtete mich nicht, auch dann nicht, als ich mich mit lautem Geräusch in den Leder gepolsterten Pilotensessel fallen ließ.


***

Einige Zeit später.

Alles lief reibungslos ab. Das Umladen der tonnenschweren Edelmetalle auf dem Mars schien offenbar keinem zu interessieren. Außerdem stand auf den Containern zu lesen, dass es sich um Ersatzteile der „Phallanx“ handelte. Ein bisschen Tricksen muss man immer.

Nachdem wir alles verstaut hatten, sind wir mit der „Phallanx“ sofort wieder zurück auf die Dunkelseite des Mondes geflogen. Kurz darauf fand der Zeitsprung statt, der uns in die Vergangenheit des Jahres 2012 brachte.


***


An einem schönen Tag im Juni des Jahres 2012.

Ich sitze allein vor meiner kleinen, mit Efeu berankten Gartenlaube und schaue verträumt hinüber zu der von bunten Blumen umsäumten Sonnenterrasse meines rustikalen Holzhauses, das ich vor vielen Jahren schlüsselfertig für eine stolze Kaufsumme erworben habe. Einsam und abgeschieden liegt mein schönes Anwesen weit draußen vor den Toren einer Tag und Nacht laut lärmenden Großstadt. Heute bin ich froh darüber, diesen ruhigen Ort gewählt zu haben.

Links und rechts neben mir stehen ein paar altehrwürdige Fichten. Ihre weit ausladenden Äste sind weiter oben mit einer großen Zahl Tannenzapfen bewachsen. Manchmal fallen welche herunter und liegen dann um den Baum herum auf dem kurzgeschnittenen Rasen, den ich jede Woche mindestens einmal mähen muss, weil er so schnell wächst. Direkt vor mir, auf dem hölzernen Gartentisch, steht ein eingeschalteter Laptop mit aufgeklapptem Bildschirm. Leise surrt er vor sich hin. Ich schreibe schon seit heute Vormittag an einer interessanten SF-Kurzgeschichte, die ich soeben fertiggestellt habe. Jetzt lese ich sie noch einmal von vorne bis hinten durch und nehme hier und da einige notwendige Satzveränderungen oder Schreibfehlerkorrekturen vor.

Ja, diese Ecke meines Gartens gefällt mir besonders gut, weil sie gleichzeitig ein idyllisches und verträumtes Örtchen ist, wo ich meine phantasievollen Gedanken in aller Ruhe und Abgeschiedenheit freien Lauf lasse kann. Für mich gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde. Lärm gibt es bekanntlich überall, aber es gibt nur eine Stille. Hier, in meinem wundervollen Garten, mit dem grünen Rasen, den mächtigen, gesunden Fichten, den Sträuchern und bunten Blumen, fühle ich mich wohl. Deshalb wollte ich nirgendwo anders sein.

Ich lasse meinen Blick über den grünen Rasen schweifen und denke dabei an eine ganz bestimme Theorie in meiner neuen Geschichte. Wenn sie stimmt, dann wird sich bald etwas Außergewöhnliches ereignen. Sehr bald sogar.

Der Garten vor mir sieht wie immer aus, der langsam nach oben zum Haus ansteigt. Er wird rundherum nur durch eine niedrige Thujenhecke begrenzt, sodass ich von fast allen Seiten weit in die dahinter liegende Landschaft sehen kann. Ein paar weiße Wolken ziehen gerade über mir am blauen Himmel vorbei und werfen auf den Boden meines Gartens schnell davon huschende Schatten.

Nicht unweit von mir glänzen ein paar nasse Steine, denn vor vielen Jahre habe ich mir in meinem Garten einen künstlichen Bach angelegt, der von dem Wasser einer kleinen Quelle gespeist wird, die weiter oben aus dem felsigen Boden sprudelt. Jetzt plätschert das kühle Nass gurgelnd durch ein schmales, stufenförmig angelegtes Betonbett, das überall mit kleinen und großen Kieselsteinen aufgefüllt ist, die eigentlich nur dazu dienen, das schnell herunter fließende Wasser etwas zu bremsen. Außer dem gleichmäßigen Plätschern des Wassers herrscht überall eine wohltuende Ruhe, die ich immer wieder aufs Neue genieße, wenn ich in meinem Garten sitze.

Während ich noch einmal in der fertigen Science Fiction Kurzgeschichte lese, bemerke ich plötzlich aus dem Blickwinkel heraus in der Mitte des Gartens einen heftig flackernden Lichtpunkt. Zuerst dachte ich an eine zerbrochene Glasscherbe, die nur das einfallende Sonnenlicht reflektiert. Doch der zitternde Lichtpunkt wird auf einmal schnell größer und nimmt innerhalb von Sekunden die Gestalt einer mannshohen, kreisrund geformten Lichtscheibe an. Aus den glühenden Rändern züngeln winzige Blitze hervor, die sich knisternd entladen. Gebannt starre ich auf den gleißenden Lichtbogen. Meine Theorie hat sich also als richtig erwiesen, denke ich so vor mich hin und warte ab, was noch passieren wird.

Im nächsten Augenblick tritt eine männliche Person aus der portalähnlichen Lichterscheinung, die sofort hinter ihr wieder mit lautem Zischen verschwindet. Die Person steht regungslos da. Ich kenne den Mann, der da wie ein Geist aus dem Nichts in meinem Garten aufgetaucht ist. Er heißt Walter Hutton und kommt aus der Zukunft des Jahres 4525.

***


Offenbar hat Mister Walter Hutton den Sprung durch die Zeit ziemlich gut und ohne Schaden überstanden. Merlin Thor muss ihn wohl später direkt aus der getarnten Raumfähre heraus in meinen Garten teleportiert haben. Genauso steht es in meiner SF-Geschichte.

Die flimmernde Lichtscheibe ist jetzt völlig verschwunden. Dort, wo sie noch vor wenigen Sekunden erschienen war, ist der Rasen jetzt leicht angesenkt. Über der Grasfläche schweben weiße Rauchfähnchen, die sich aber schon bald wieder auflösen.

Ich hebe jetzt beide Arme hoch, schwenke sie heftig hin und her und rufe dem leicht irritierten Mann mit lauter Stimme zu: „Hallo Mister Hutton! Hier bin ich. Kommen Sie rüber zu mir! Anscheinend ist Ihnen die Zeitreise in die Vergangenheit gar nicht so schlecht bekommen, wie Merlin Thor dachte. Na, wie gefällt Ihnen die Luft des 21. Jahrhunderts?“

„Ach da sind Sie, Herr Hoetter oder soll ich lieber sagen „Heiwahoe“? Bitte warten Sie noch einen kleinen Moment, bis ich wieder klar denken kann. Mir ist noch etwas schwindlig. Allerdings habe ich mir die Reise durch die Zeit in der Tat schlimmer vorgestellt. Anscheinend ist alles besser gelaufen, als ich dachte. Und was die Atemluft anbelangt, da kann ich nur sagen, dass sie richtig nach Sauerstoff riecht. Die Luft im Jahre 4525 kann da nicht mehr mithalten. Sie wird teilweise künstlich mit Sauerstoff angereichert, besonders in den bevölkerungsreichen Megastädten.“

Walter Hutton trat jetzt einige Schritte vor.

„Warten Sie, Mister Hutton. Ich komme gleich zu Ihnen rüber und helfe Ihnen. Bleiben Sie einfach da, wo Sie sind!“, rief ich dem Mann aus der Zukunft zu, erhob mich ruckartig aus meinem Stuhl und eilte ihm entgegen.

„Vielen Dank, Herr Hoetter. Sehr liebenswürdig von Ihnen. Allerdings könnte ich jetzt einen Schluck Wasser gebrauchen.“

„Dort auf meinem Tisch steht ein Karaffe mit Wasser. Sie können auch einen heißen Kaffee haben, wenn Sie es wünschen, Mr. Hutton.“

„Dann trinke ich doch lieber den Kaffee“, sagt Mr. Hutton schmunzelnd zu mir und stützt sich auf meine Schulter. Gemeinsam gehen wir rüber zur Gartenlaube und setzen uns an den klobigen Holztisch. Anschließend gehe ich los, hole eine extra große Tasse aus dem Hängeschrank und gieße meinem Besuch reichlich von dem dampfenden Kaffee ein.

„Möchten Sie Milch und Zucker, Mister Hutton?“ frage ich ihn höflich, während ich das Kännchen mit dem Kaffe auf den Tisch zurückstelle.

„Oh, ich trinke lieber schwarz, Herr Hoetter. Man kann eben alte Gewohnheiten auch in der Vergangenheit nicht so einfach ablegen.“
Mr. Hutton nippte zuerst vorsichtig an der Tasse. Dann trank er den Inhalt schließlich Schluck für Schluck genüsslich aus.

Ich kam noch mal kurz auf den Sauerstoffgehalt der Luft in unserer Zeit zurück.

„Und wir halten unsere Atemluft schon für schlecht. Das mag vielleicht in den Großstädten so sein, aber hier in der Gegend, wo ich wohne, ist überwiegend Wald, und der produziert genug Sauerstoff. Auch filtert er die Luft besser als in den bewohnten Gebieten mit wenig Bäumen“, antwortete ich. „Aber ich denke mal, wir sollten uns jetzt lieber auf einige der wichtigsten Fragen konzentrieren, die Sie mir stellen wollten. Viel Zeit steht Ihnen ja nicht zur Verfügen, Mr. Hutton. Sehe ich das richtig?“

„Sie sehen das völlig richtig, Herr Hoetter. Das war ja auch der ganze Sinn meiner Zeitreise zu Ihnen. Ich werde mich daher so kurz wie möglich fassen und gleich die erste Frage an Sie richten. – Wer ist eigentlich dieser Merlin Thor?“

„Eine überaus interessante Frage, die Sie mir da stellen, Mr. Hutton. Wissen Sie, es ist vielleicht auch für Sie nicht unbedingt leicht zu verstehen, dass Merlin Thor in Wirklichkeit ein Teil von mir selbst ist. Das trifft in gewisser Hinsicht auch auf Sie zu. Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass Sie eine große Portion Verständnis für jene unglaublich erscheinende Theorie aufbringen werden, dass es nicht nur ein Universum gibt, sondern eine unglaubliche Vielzahl davon, die fast identisch miteinander sind und alle nebeneinander existieren, jedoch jedes für sich auf einer anderen Zeitebene. Deshalb kollidieren sie auch nicht miteinander. Ich spreche hier von den sog. „Multiversen“, in denen das gesamte Leben, mithin alle Abläufe und Ereignisse darin, beispielsweise auch das Schicksal jedes einzelnen Menschen, in jeder dieser eigenständig existierenden Welt immer etwas anders abläuft. So wären Sie in einem anderen Universum gar kein Kosmoarchäologe geworden, sondern beruflich möglicherweise etwas ganz anderes, etwa ein Koch. Vielleicht wären Sie von der Gestalt her etwas größer oder kleiner geraten. Laut meiner Theorie gibt es mannigfache Unterschiede auf den jeweils nebeneinander existierenden Zeitebenen. Alles ist wie ein Weg, der sich ständig neu verästelt und stets eine andere Richtung einschlägt, völlig unabhängig von den anderen.“

„Aber Sie haben eine Geschichte erfunden, die sich erst viele Tausend Jahre später ereignen wird und schließlich auch ereignet hat, wie ich selbst nachlesen konnte. Wie sind Sie darauf gekommen? Wer hat Sie dazu inspiriert? Woher wussten Sie das alles, Herr Hoetter?“

„Das hat was mit der Phantasie zu tun, Mister Hutton. Die Vorstellungskräfte des Menschen überschreiten bei weitem sein eigenes Dasein. Körperlich gesehen ist der Mensch ein Gefangener in Raum und Zeit. Aber in seinen Träumen beispielsweise geht er nicht selten auf ferne Reisen. Er besucht fremde Welten, begegnet darin unbekannte Lebewesen und er hält sich an Orten auf, die nichts mit der Realität unserer eigenen Welt zu tun haben. Wie schon gesagt, Mister Hutton, das alles spielt sich in der Welt der Gedanken und der Phantasie ab. – Vielleicht ist Ihnen der Name Albert Einstein geläufig. Dieser Einstein war ein theoretischer Physiker. Seine Forschungen zur Struktur von Raum und Zeit sowie dem Wesen der Gravitation veränderten maßgeblich das physikalische Weltbild seinerzeit hier bei uns auf der Erde von damals und heute. Zwei Zitate von ihm möchte ich erwähnen: 1. Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. 2. Es sieht immer mehr so aus, als ob das ganze Universum nichts anderes ist als ein einziger grandioser Gedanke. - Auch Nikola Teslar, selbst ein berühmte Physiker, war davon überzeugt: Alles im Universum ist Energie und Schwingung. Und das ist der springende Punkt, Mr. Hutton. Auch der Gedanke im Gehirn eines Lebewesens spielt sich auf molekularer Ebene ab.Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von jedem Menschen empfunden werden – fügen sich zwar in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht. Richtig ist auch, dass Geist und Bewusstsein nicht einfach so vom Himmel gefallen sind, sondern sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet haben. Aber wir können die Ketten von Raum und Zeit sprengen, indem wir die endliche Erfahrungswelt mit Hilfe der Phantasie überschreiten und neue Welten kreieren. Wenn also die Grenzen der Erkenntnis erreicht worden sind, was man wissenschaftlich erklären kann oder auch nicht, bleibt nur noch der Weg der Transzendenz. In diesem Falle bewegen sich schließlich irgendwann die eigenen Gedanken hinein in die Quantenwelt, in der alles möglich ist, in der alles geschehen kann, was vorstellbar ist. Und geschehen kann so gut wie alles, was möglich ist oder auch nicht, Mr. Hutton“

„Wollen Sie damit sagen, Herr Hoetter, dass wir alle letztendlich nur aus Gedanken- oder Wellenenergie bestehen? Aus Informationen, die ihren Ursprung in der Quantenwelt haben oder darin ihr Zuhause haben? Dann ist Merlin Thor auch nur ein Gedanke, wenn ich Sie richtig verstehe? Wir erscheinen und vergehen wieder ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen?“

„Spuren hinterlassen wir auf jeden Fall, denn Gedanken sind reine Energie, die niemals vergehen können. Ihr Dasein spielt sich in der Welt des Allerkleinsten ab und entfalten dort ihre Wirkung, also in die der Quantenwelt, Mr. Hutton. Merlin Thor ist zwar meinen phantasievollen Vorstellungen entsprungen, das ist vollkommen richtig, aber es kann auch sein, dass ich mir das alles nur eingebildet habe, ich hätte ihn selbst erfunden. Es kann umgekehrt genauso gut möglich sein, dass Merlin Thor mich beeinflusst hat. Er hat mich demnach aus der Quantenwelt besucht und an mein Bewusstsein schließlich jene Informationen weitergegeben, die man in meiner kurzen Geschichte wiederfinden kann. Jetzt sagt natürlich jeder, dass das reine Theorie ist, aber ich habe in der Tat vorher von Merlin Thor oder Ihnen rein gar nichts gewusst, bis zu jenem Tage, als ich ganz plötzlich damit begann, diese Geschichte hier niederzuschreiben, die Sie viele Tausend Jahre später durch Zufall auf einer zerstörten Mondstation wieder gefunden haben. Das Buch hat Sie schließlich dazu veranlasst, mich, den Autor der Geschichte, in seiner Welt des Jahres 2012 per Zeitreise zu besuchen. Das war ja nur durch Merlin Thor möglich, der mit der „Phallanx“ Zeitreisen unternehmen kann. Vielleicht wäre in einem anderen Universum, das auf einer anderen Zeitebene existiert, das Buch mit meiner Geschichte wohlmöglich gar nicht erst aufgetaucht, weil es längst verrottet oder nie geschrieben worden wäre. Doch in diesem Falle ist es geschehen, wie es wohl offenbar auch so und nicht anders hätte geschehen können in dieser Welt. Es wurde in einem Vakuumkoffer verpackt und von irgendeinem Mitarbeiter mit zum Mond genommen. Vielleicht gehörte er zum Wachpersonal des Tresors?“ Mr. Hutton unterbrach mich.

„Könnte ich noch eine Tasse Kaffee haben, Herr Hoetter?“ unterbrach mich plötzlich Mr. Hutton.

„Ja natürlich. Tun Sie sich keinen Zwang an. Kaffee ist genug da, mein verehrter Freund.“

Während Mr. Hutton sich den Kaffee selbst eingoss, stellte er mir eine weitere Frage.

„Merlin Thor ist der von Ihnen aufgestellten Theorie nach also nur ein Gedanke. Wie kann es dann sein, dass er, Sie oder ich genauso, die Welt um uns herum als völlig real empfinden? Wir können Schmerzen empfinden oder Gefühle erzeugen, die ganz real sind. Verstehen Sie, was ich damit sagen möchte, Herr Hoetter?“

„Ich sah Mr. Hutton eine Weile eindringlich an und fuhr fort: „Ich verstehe Sie nur zu gut, Mr. Hutton. Aber lassen Sie es mich kurz erklären. Was ich beispielsweise mit meinen irdisch angepassten Sinnen zu empfinden vermag, hängt ja auch immer vom Aufnahmebereich dieser, eben meiner spezifisch angepassten Sinne ab. Wir bekommen demnach nur die Informationen, die wir auch bekommen sollen, um in dieser Welt überleben zu können. Nicht mehr und nicht weniger. Damit bleiben uns theoretisch gesehen andere Welten verschlossen, die möglicherweise anders geartete Sinne benötigen, um sie wahrnehmen können. Die speziell angepassten Sinne hier auf der Erde halten mich z. B. in einem Gefängnis gefangen, das ich nur aufbrechen kann, indem ich meine Gedanken freien, phantasievollen Lauf lasse. Sie müssen also unterscheiden zwischen den sinnlichen Empfindungen, den Sensoren, die uns mit der Außenwelt verbinden und den Gedanken, die im tiefsten Innern des Bewusstseins kursieren und dort aus- und eingehen. Der Gedanke an sich ist zeitlos. Fassen wir einen Gedanken, so treten wir in Beziehung zu ihm und er zu uns. Wir alle empfinden uns als real, weil wir nicht anders können. Und was ist mit den Gedanken? Sind die etwas nicht real, Mr. Hutton? Sie sind genauso real, wie alles andere in, an und um uns herum. Die Gedanken sind fester Bestandteil es eigenen und gleichzeitig eines übergeordneten Bewusstseins. Es formt aus den Gedanken nicht nur Gefühle, Vorstellungen und alles, was wir sind oder meinen zu sein, sondern auch ganze Welten. Es erschafft Leben überall im gesamten Universum und weit darüber hinaus. Höher entwickelte Lebewesen dürfen sich sogar als Individuum fühlen. Sind es nicht die Gedanken, die uns diesen Eindruck vermitteln, dass wir existieren, obwohl wir nur flüchtige, instabile Lebewesen sind? Überlegen sie mal genau, woher z. B. all die vielen verschiedenen Lebensformen kommen bzw. wo sie ihren Ursprung haben. Ich sage es Ihnen. Sie haben ihre Ursprung in der Welt der Gedanken, deren Heimat letztendlich die der Quantenwelt ist. Die Gedanken sind es, die alles beherrschen. Nichts kann sein, bevor es ein Gedanke war, Mr. Hutton.“

Mein Gegenüber hört mir die ganze Zeit aufmerksam zu. Plötzlich nickte er mit dem Kopf.

„Ich beginne langsam zu verstehen, was Sie mir damit sagen wollen Herr Hoetter. Ich habe mittlerweile den Eindruck, die Merkwürdigkeiten unseres Daseins im Größten und Kleinsten zu verstehen. Zuerst dachte man, alles bestehe aus Teilchen. Dann dachte man, alles bestehe aus Feldern und zum Schluss ging man davon aus, dass Information der Baustoff des Universums ist. Gedanken sind also Informationen aus reiner Energie?“

„Genauso ist es, Mr. Hutton. Gedanken erzeugen die unmöglichsten Dinge. Sie kennen keine Grenzen, weder in diesem Universum noch darüber hinaus“, erwiderte ich.

„Was ist mit Merlin Thor, Herr Hoetter? Können Sie mir sagen, wo er sich gerade aufhält?“

„Nein, eigentlich nicht. Wo sich Merlin Thor gerade aufhält, weiß keiner so genau. Er ist ein absolut freier Gedanke, der keine Grenzen kennt. Er kann demnach überall sein. Verstehen Sie Mr. Hutton, ich spreche hier aus der Warte des Jahres 2012. Seine Anwesenheit im Jahre 4525, wo Sie ihm begegnet sind, sagt mir genau das, was ich schon durch meine eigene Geschichte weiß. Aber vielleicht kommt er ja eines Tages wieder zurück, entweder zu Ihnen oder zu mir. Bei Merlin Thor ist alles möglich.“ gab ich zur Antwort.

Plötzlich ertönte ein aufdringliches Piepsen, das von einem kleinen Gerät am Hosengürtel von Mr. Hutton kam. Sofort griff er danach.

„Es ist Merlin Thor, Herr Hoetter. Er gibt das Signal zu Rückreise in meine Zeit. Ich muss mich wieder auf den Weg machen. Es war sehr interessant, mit Ihnen ein Gespräch geführt zu haben. Leider war es viel zu kurz. Ich habe mich sehr darüber gefreut, Sie einmal persönlich kennen gelernt zu haben. Das kommt wirklich nicht alle Tage vor, dass ein Protagonist seinen eigenen Autor trifft. Obwohl das hier alles sozusagen nur in Gedanken passiert, erscheint es mir doch sehr real und echt zu sein. Damit stimmt Ihre Theorie also. Wir empfinden nur das, was wir empfinden sollen. Nur der Gedanke ist frei und alles ist Information. In der Quantenwelt ist eben alles möglich. Dort können auch Geschichten, wie die von Ihnen, Wirklichkeit sein und werden.“

Wieder ertönte dieses aufdringliche Piepsen.

„Ich muss jetzt gehen, Herr Hoetter. Gleich wird das Portal im Garten erscheinen. Der Teleporter benötigt eine große Menge Energie für meinen Sprung zurück zum Schiff. Merlin Thor hasst aber Energieverschwendung. Er wartet nicht gerne.“

„Das weiß ich, Mr. Hutton. Merlin Thor war noch nie anders. Er ist ein bisschen so wie ich. Ich wünsche Ihnen noch viele zufriedenen Jahre, Mr. Hutton! Kommen Sie gut zurück in Ihre Zeit und grüßen Sie Merlin Thor von mir...!“

Im nächsten Augenblick baute sich schon diese gleißendhelle Lichtscheibe in der Mitte meines Gartens auf.

„Ich wünsche Ihnen ebenfalls viel Glück, Herr Hoetter. Und danke vielmals für den guten Kaffee. Es ist schon ein bisschen sonderbar, dass ich ihn in der Vergangenheit mit Ihnen zusammen trinken durfte. Vielleicht sehen wir uns ja wieder, irgendwo da tief drinnen in der Unendlichkeit der Quantenwelt.“

Walter Hutton rannte hinüber zur flackernden Lichtscheibe und verschwand darin von einer Sekunde auf die andere. Kurz danach fiel sie mit einem lauten Zischen in sich zusammen. Der Rasen war etwas versenkt, mehrere kleine Rauchfähnchen stiegen auf, die sich aber bald wieder auflösten. Dann kehrte Ruhe ein. Eine seltsame Stille, die ich irgendwie sonderbar fand.

Ich packte meine Sachen zusammen und ging ins Haus. Mittlerweile war es draußen sehr kühl geworden.

***

An einem sonnigen Herbsttag des Jahres 4525.

Ich saß allein vor meinem abgelegenen, rustikal gebauten Holzhaus auf der von bunten Herbstblumen umsäumten Sonnenterrasse und dachte zurück an meine Begegnung mit dem Autor „Heiwahoe“ in der Vergangenheit.

Der leicht abschüssige Garten vor mir sah wie immer aus. Er wurde nur durch eine sehr niedrige Thujenhecke allseitig begrenzt, sodass ich weit in die dahinter liegende Landschaft sehen konnte. Dann ließ ich meinen Blick zurück in den Garten wandern. Das Gras der grünen Wiese wurde zweimal in der Woche von einem vollautomatisch arbeitenden Elektro-Roboter gemäht, der jetzt stumm und regungslos in seiner Aufladebox stand, wo er geduldig auf seinen nächsten Einsatz wartete. Ich werde ihn wohl bald ganz abschalten müssen, weil der Rasen im Herbst sein Wachstum so gut wie einstellt.

Weiter hinten standen ein paar hohe, altehrwürdige Fichten neben einer kleinen, mit Efeu berankten Holzlaube. Hier und da lugten aus dem dichten Efeugewächs kunstvoll verschnörkelte Holzfensterchen hervor. Diese stille Ecke meines Gartens gefiel mir besonders gut, weil es gleichzeitig ein idyllisches und verträumtes Örtchen war.

Plötzlich sah ich diesen Mann am Tisch vor der Holzlaube stehen. Er winkte mit beiden Händen zu mir rüber und rief mir etwas zu. Aber ich verstand seine Worte nicht. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich Herrn Hoetter wieder. Ich erhob mich so schnell ich konnte aus dem Stuhl und rannte über den Rasen auf die Erscheinung vor der Holzlaube zu. Doch es war zu spät. Die Konturen des Autors verblassten bereits langsam und auch seine Worte konnte ich nicht mehr hören. Ich sah nur noch, wie sich seine Lippen bewegten. Dann war alles vorbei.

Tief in Gedanken versunken stand ich eine Weile wie versteinert da. Der Autor „Heiwahoe“ ist schon lange ein Gedanke, dachte ich so vor mich hin, ging schließlich langsam zurück zur Terrasse, setzte mich wieder an den Tisch, griff nach der Tasse und nahm einen tiefen Schluck von seinem köstlichen Kaffee, den er mir unbemerkt in meine Jackentasche geschoben hatte, bevor ich ihn damals in der Vergangenheit des Jahres 2012 wieder verließ.


ENDE


©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

1918

Traum eines Soldaten


 


 

Irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Alls.


 

Terra Mensch war nicht allein.


 

Etwas Metallisches starrte ihn aus dunkelrot glühenden Augen grimmig und voller Hass an.


 

Dieses Ding war sehr groß, viel größer als er, mehrgliedrig, aber ohne eine eindeutig benennbare Form. Es besaß außerdem lange, gelenkige Tentakel, die mit kräftigen Greifern und einigen undeutbaren Instrumenten bestückt waren. Es bewegte sich langsam auf Terra Mensch zu.

 

Hilfe…! Hilfe…!“ rief T. M. lautstark. Dann hämmerte er mit seinen Fäusten gegen die Tür, die sich erst gerade wieder geschlossen hatte. Kurz darauf setzte sie sich abermals in Bewegung und öffnete sich nur ganz langsam und schleifend, als würde sie klemmen.

 

Das metallische Monster war zwar langsam, aber wenn die Öffnung nicht bald groß genug für T. M. würde, wäre sein Tod unvermeidlich.

 

Doch er schaffte es. In Todesangst zwängte er sich durch den schmalen Spalt und rannte laut Hilfe rufend hinter der Tür den langen Gang entlang.

 

Auf der Hälfte des Weges erloschen plötzlich die Lichter und die diffuse Notbeleuchtung sprang an. Offenbar hatte ein anderes Monster die Stationssysteme heruntergefahren.

 

Mit keuchendem Atem erreichte Terra Mensch den Raumschiffhangar, wo seine Fähre stand. Er sprang durch den sich automatisch öffnenden Einstieg und versiegelte die Luftschleuse des Raumfahrzeuges – keine Sekunde zu früh.

 

In einem Versuch, ihn aufzuhalten, begannen beide Tore der Schleusenkammer gleichzeitig aufzufahren. Zischend und kreischend entwich die Luft in das Vakuum des Weltalls, wo sie umgehend zu Permafrost kondensierte.

 

Terra Mensch wartete erst gar nicht ab, bis das automatische Landesystem eingefahren war, sondern zündete die Triebwerke sofort und steuerte das kleine Fahrzeug durch den minimalen Spielraum, den ihm die Landekammer ließ. Es krachte und knirschte ohrenbetäubend, als er eine der wuchtigen Verstrebungen mit der Außenhülle seines Raumschiffes rammte. Der Schreck ließ T. M. für einen Augenblick erstarren, doch er musste sich weiter darauf konzentrieren, aus dem Hangar zu entkommen.

 

Jetzt, da die meiste Luft aus der Halle in den Weltraum entwichen war, schickten sich die Schleusentore wieder an, zuzufahren. Terra Mensch schob mit einer reflexartigen Bewegung den Schubregler ruckartig nach vorne. Die Kraft strotzenden Triebwerke heulten auf, und für einen kurzen Moment fingen die Rückstoßkompensatoren nur einen Teil der gewaltigen Beschleunigung ab.

 

T. M. wurde hart in den Pilotensitz gepresst, als das kleine Raumschiff wie ein schlanker Pfeil durch die sich schließenden Tore schoss und rasch im Dunkeln des Alls verschwand. Die Flucht war gelungen, wenngleich auch nur mit viel Glück.

 

Die riesige, von unheimlichen Monstern okkupierte Raumstation verschwand immer mehr vor dem Sternen übersäten Hintergrund. Niemand schien der Fähre zu folgen. Auch nach mehr als zwei Stunden blieb der Näherungsalarm ruhig, deshalb konnte sich T. M. endlich entspannen, lehnte sich in seinem Sitz zurück und dachte über das Geschehene nach.

 

Er war sich sicher, dass die metallischen Monster, die er gesehen hatte, Geschöpfe der grausamen Telluren waren. Noch nie aber hatte jemand einen leibhaftigen Telluren gesehen und diese Rasse aus den unbekannten Tiefen des Alls wurde in einem Atemzug sogar mit den dunklen, von Maschinen gesteuerten Raumschiffen verwendet, welche weite Teile des Universums seit Jahrhunderten terrorisierten.

 

Nachdenklich schaute Terra Mensch aus dem Bugfenster hinaus. Aus dem Augenwinkel sah er den kleinen Datenandroiden, den er, trotz aller Panik, nicht in der Station zurückgelassen hatte. Er hatte ihn achtlos auf den Sitz des Copiloten geworfen und erst jetzt mit Schrecken festgestellt, dass er immer noch aktiv war. T. M. ahnte Böses, denn der Datenandroide stand immer noch mit der verlassenen Raumstation in Verbindung und die tellurischen Monster konnten seinen derzeitigen Standort jederzeit bestimmen. Schnell deaktivierte T. M. den Androiden und änderte sofort seinen Kurs. Vielleicht kam diese Maßnahme zu spät.

 

***

 

Die Stille erzeugte in seinem Kopf ein seltsames Brummen, das gelegentlich von weit entfernten Geräuschen unterbrochen wurde. Es hörte sich so an, als würden zwei aufeinanderliegende Glasscheiben gegeneinander verschoben.

 

Endlos erscheinende Momente lang war sein Gehirn leer und ohne Gedanken. Dann war da noch diese erbarmungslose Kälte, die seinen Körper lähmte und wehtat.

 

Die Welt von Terra Mensch war auf wenige Körperreize reduziert und keiner dieser Reize war auch nur ansatzweise angenehm. Einzig und allein sein Verstand funktionierte noch einwandfrei. Doch der schien nicht mehr in ihm zu sein und so fielen die Empfindungen in seinem leblosen Körper wie ein verirrter Lichtstrahl in einen dunklen, bodenlosen Brunnen. Erst als eine Welle von Übelkeit in ihm hochkam und einen Würgereflex auslöste, erwachte T. M. schlagartig, um mit einem tiefen, verzweifelten Atemzug den Brechreiz zu unterdrücken. Er stellte trotz allem mit einiger Genugtuung fest, dass er immer noch in seinem Druckanzug steckte und sein Helm offenbar unbeschädigt geblieben war.

 

T. M. befürchtete, er würde an seinem eigenen Erbrochenen ersticken, wenn er den Würgeimpuls nicht unter Kontrolle bekam. Die Luft im Innern seines Helmes schmeckte irgendwie schal und schlecht, doch es gelang ihm endlich, seinen Körper zu beherrschen. Quälend langsam drangen jetzt die Empfindungen in sein Bewusstsein und T. M. bemerkte erst jetzt die Schmerzen, die vom Rumpf, den Gliedmaßen, dem Kopf und besonders vom Nacken ausstrahlten. Aber das Schlimmste war die eisige Kälte.

 

T. M. blinzelte und öffnete kurz die Augen. Das einfallende Licht erzeugte auf der Netzhaut wallende Muster, die aber wieder gleich verschwanden und nur einen schwarzen Hintergrund hinterließen. Mit dem zurückkehrenden Körpergefühl wurde sich T. M. auch seiner Lage bewusst. Er befand sich nicht mehr im Gurt, den er wohl im letzten Moment vor dem Angriff der Monster abgestreift hatte. Sein Körper lag über der Lehne des Pilotensitzes gebeugt, mit dem Helm auf dem vorderen Instrumentenpult. T. M. richtete sich versuchsweise zur Hälfe auf, und als ihm dies ohne größere Schwierigkeiten gelang, bewegte er seinen Kopf. Sein Nacken schmerzte zwar heftig, aber es schien ansonsten nichts gebrochen zu sein.

 

Dann schaute er sich im dämmerigen Licht um. Sämtliche Anzeigen, Bildschirme und Kontrolllichter waren schwarz; einzig die düstere Notbeleuchtung verbreitete eine matte Helligkeit im Cockpit des kleinen Raumschiffes.

 

Wieder ertönte dieses hässliche Knirschen, das auch schon in seinem Dämmerzustand kurz vor dem Erwachen zu ihm durchgedrungen war. T. M. fokussierte seinen Blick für einen Moment auf die Frontplatte seines Raumhelmes. Ein gezackter Riss lief weiß über das halbe Gesichtsfeld, fraktale Metastasen und Verästelungen bildend. Während er noch hinsah, vergrößerte sich der Riss leise weiter und wuchs um ein paar Millimeter.

 

Verflucht…“ flüsterte T. M. mit gepresster Stimme. Sein Mund fühlte sich trocken an, seine Lippen waren rissig. Der metallische Geschmack von Blut lag auf seiner Zunge. Der Riss im Helm war offensichtlich durch den Aufschlag seines Kopfes auf die Konsolen während des Angriffs der tellurischen Monster entstanden und das er sich immer weiter ausdehnte, konnte nur eine einzige Erklärung haben: Im Cockpit herrschte Vakuum, und der Innendruck seines Anzuges ließ das transparente Polymer, aus dem die Sichtplatte gefertigt war, immer weiter aufreißen. Es würde bestimmt nicht mehr lange dauern, bis der Riss die Ränder des Helmvisiers erreicht haben. Die Luft würde aus dem Anzug entweichen und er würde unweigerlich eines qualvollen Erstickungstodes sterben. Der Raumanzug besaß auch kein vollständig intaktes Lebenserhaltungssystem, was der Grund für die Kälte war.

 

Für T. M. war es ein Wunder, dass er noch lebte. Die Luft war aus dem Cockpit entwichen, und die Bordsysteme waren tot, die sein Überleben sichern sollten.

 

Das Letzte, woran sich T. M. noch erinnern konnte, war der Anblick des gewaltigen Schlachtkreuzers der Telluren, der auf ihn eine Raketensalve abfeuerte und dann wieder plötzlich verschwunden war, als wäre er gar nicht dagewesen.

 

T. M. ignorierte all die schmerzenden Stellen an seinem Körper und drückte sich unter Anstrengung aus dem Pilotensitz in die Höhe. Überrascht musste er die Feststellung machen, dass er schwerelos war. Er hoffte insgeheim, dass irgendwo in dem Raumschiff noch ein funktionstüchtiges System existierte, denn immerhin trug sein Schiff eine beträchtliche Menge Antimaterie mit sich herum, die genügte, den Raumer Atom für Atom in Energie zu verwandeln, wenn sie freigesetzt würde. Antimaterie ließ sich nur mit starken Magnetfeldern von den Tankwänden aus normaler Materie fernhalten. Dass er noch lebte, war der Beweis dafür, dass diese Magnetfelder noch intakt waren. Der Antimaterie-Antrieb besaß ein autarkes Energiesystem, das so konstruiert war, dass es unter allen erdenklichen Umständen weiter funktionierte.

 

Wieder wuchs der Riss um ein paar Millimeter.

 

Verdammt!“ rief T. M. zu Tode erschrocken, als sein Helm wieder knirschte.

 

Ich werde das Leck im Raumschiff ohne den Computer nicht finden“, dachte er laut für sich. T. M. hangelte sich durch das enge Cockpit bis zur Schleuse, die in den Frachtraum führte. Der Laderaum sollte, von einigen Messinstrumenten abgesehen, völlig leer sein. Seine Annahme bestätigte sich. Nachdem er das Schleusentor zum Cockpit mit einem Nothebel wieder hinter sich verschlossen hatte, konnte er endlich seinen Helm abnehmen, der sich mit einem hörbaren Geräusch entspannte. Im Bereich des Laderaumes herrschte kein Vakuum.

 

Die Luft schlug ihm wie eine Wand aus Eis ins Gesicht, und sein Atem kondensierte sofort in der Kälte. Die Temperaturanzeige seiner Messinstrumente auf dem rechten Arm seines Raumanzuges zeigten weit unter Minus 20 Grad Celsius an und es würde noch schnell kälter werden, wenn er nicht bald das Leck fand.

 

Wie lange mochte er wohl ohnmächtig gewesen sein? T. M. konnte sich auf diese Frage keine genaue Antwort geben, aber es muss wohl eine ganze Weile gewesen sein.

 

Mit Hilfe des Frachtcomputers konnte er die undichte Stelle in der Hülle des Raumschiffes schnell lokalisieren, die sich vorne oberhalb der Cockpitverglasung befand. Mit einem Ersatzhelm und dem Reparatur-Kit schob sich T. M. kurze Zeit später an der Außenhaut seine Schiffes entlang, jeden Haltegriff fest umklammernd. Die Sterne schauten ihm kalt bei seiner schwierigen Arbeit zu. Er wusste nur zu gut, falls er den Kontakt zu seinem Raumer verlor und abtrieb, dass er chancenlos verloren wäre, denn er hatte weder eine Sicherheitsleine noch ein Manövriergerät dabei, mit dem er hätte zurückkehren können. Auch wenn der Reparaturkasten mit den Werkzeugen abdriften würde, wäre die Katastrophe perfekt. Er wäre dem einsamen Raumtod gnadenlos ausgeliefert.

 

Doch alles ging gut und T. M. konnte den Riss in der Außenhülle mit Hilfe des mitgeführten Spezialmetallschaums problemlos abdichten.

 

Der Bordcomputer schaltete kurz darauf automatisch die Lufterzeugerpumpen ein, die den gesamten Innenraum des Raumschiffes mit frischer Atemluft zu füllen begannen. Bald war der Druckausgleich wieder hergestellt. Als T. M. wieder in seinem Cockpit saß nahm er den Helm von seinem Kopf und rief nach dem Computer.

 

Mutter, Statusbericht – aber fasse dich kurz“, verlangte er.

 

Den Zentralcomputer seines Raumschiffes nannte T. M. „Mutter“, deren Stimme er zuletzt gehört hatte, als eine tellurische Rakete auf den Schutzschirm traf, mit gewaltiger Wucht explodiert war und ein Leck in der Außenhaut seines Raumschiffes verursachte.

 

Hier ist Mutter! Ich freue mich dich zu hören, T. M.“, erwiderte die weibliche Stimme des Bordcomputers.

 

Ich freue mich ebenfalls, dich zu hören, Mutter. Geht es dir gut?“

 

Ja!“

 

Prima! – So, jetzt noch mal. Statusbericht“, befahl T. M.

 

Äußere Hülle leicht beschädigt. Energiezufuhr normalisiert sich wieder. Die Schilde fahren hoch, die Buglaserkanone ist ausgefallen. Alle anderen arbeiten mit 75 Prozent. Der Schwerkraftgenerator wird gerade wieder in Betrieb genommen. Der Antimaterie-Antrieb ist funktionsfähig. Ich selbst bin OK! Systemscheck läuft und wird in 10 Sekunden beendet. Reparaturaufwand insgesamt gesehen: gering.

 

Gering? Das nennst du gering, Mutter? Ich glaub’, ich spinne. Ich wäre bald draufgegangen und du nennst den Schaden am Schiff gering? Das ich nicht lache!“

 

Mutter gab ihm darauf keine Antwort.

 

Wo sind die Telluren hin, Mutter?“

 

Der tellurische Schlachtkreuzer ist immer noch da. Er hat uns mit einem Traktorstrahl zu sich an Bord gezogen. Jetzt befinden wir uns tief in seinem Innern auf einem Holografie-Deck, das uns ein künstliches Universum vorgaukelt. Die Telluren haben sicherlich die Absicht, an dir Experimente durchzuführen. Das machen sie immer so, wenn sie Menschen gefangen genommen haben.“

 

Mein Gott, das kann nicht wahr sein“, schrie Terra Mensch voller Entsetzen. Er wusste nur zu gut, dass die Telluren ihn allen nur denkbaren Tests unterziehen würden. Am Ende dieser Prozedur wird man ihn bei lebendigen Leibe sezieren, um seine Organe untersuchen zu können. Sein Gehirn wird man künstlich am Leben erhalten, was für T. M. bedeutet, dass er abgetrennt und ohne seinen Körper auf unbestimmte Zeit weiterleben müsste, ohne etwas dagegen tun zu können. Soweit wollte er es aber nicht kommen lassen. Er hatte noch eine Option. Seine letzte, über die er jetzt noch verfügen konnte.

 

Mutter, leite die Selbstzerstörungssequenz ein…, sofort und ohne die vorgeschriebene Verzögerung!“ befahl er dem Bordcomputer hart. Mutter reagierte umgehend mit einem lauten Zählen von 10 Sekunden rückwärts auf Null.

 

Zehn Sekunden später erfüllte eine bläuliche Energieentladung das Raumschiff von Terra Mensch, die in einem immer schneller werdenden Wirbel durch den tellurischen Schlachtkreuzer tanzte und ihn schließlich in einer gigantischen Eruption in einer gelbroten Explosionswolke verglühen ließ. Dann war alles vorbei. Nicht einmal Trümmer blieben vom tellurischen Schlachtschiff übrig.

 

 

***

 

 

Der Soldat Theodor Mensch war nicht allein.

 

Etwas berührte seine Stirn, warm, tastend.

 

Nein!“

 

T. M. schrie auf, und mit der Kraft der Verzweiflung schlug er wie wild um sich. Das Fieber ließ ihn schwitzen. Er riss seine Augen auf und versuchte den wallenden, schmerzenden Nebel mit letzter Willenskraft zu entkommen. Aber es gelang ihm nicht.

 

Schschsch“, flüsterte eine weibliche Stimme beschwichtigend. „Alles wird gut, Soldat.“

 

Langsam blickte T. M. um sich. Seine Augen richteten sich auf die Frau im weißen Kittel vor ihm, die ihn mit einem gütigen Gesicht anlächelte.

 

Was ist mit mir geschehen? Wo bin ich?“

 

Ruhig Soldat, ganz ruhig! Beweg dich nicht, sonst muss ich dich ans Bett schnallen. Ich bin Soldatenschwester Elenora und werde dich wieder gesund pflegen. Du hast großes Glück gehabt. Die französische Granate ist direkt in eurem Schützengraben explodiert und hat alle deine Kameraden getötet. Du musst offenbar im befestigten Unterstand gesessen haben, was wohl dein Leben rettete. Man hat dich dort gefunden und schwer verletzt in dieses Lazarett gebracht. Tja, unsere Ärzte haben gute Arbeit geleistet. Du wirst wieder gesund werden und keine bleibenden Schäden zurückbehalten. Glück gehabt, Soldat! Und der Krieg ist auch vorbei. Gestern wurde am 11. November 1918 in einem Salonwagen im Wald von Compiègne der Waffenstillstandsvertrag zwischen den Alliierten und dem Deutschen Reich unterzeichnet. – So, und jetzt wird aber wieder geschlafen bis es was zu essen gibt!“

 

Ende

 

© Heinz-Walter Hoetter


 


 


 


Elli, die Schwanzlutscherin

 

 

Eine völlig unerotische Geschichte

 

 

Ja, ich gebe zu, dass ich eine Schwanzlutscherin bin. Warum auch nicht? Was ist denn schon dabei, wenn ich dem Bruno mit meiner ziemlich rauen, Schleim triefenden Zunge über seinen langen Schwanz fahre, der dann immer ganz steil nach oben steht? Ich finde das irgendwie echt geil! Bruno ist nämlich ein wirklich gutaussehender, muskelbepackter Bulle, ganz wie aus dem Bilderbuch und der einzige weit und breit in unserer Gegend. Er mag das ganz besonders gerne von mir, wahrscheinlich deshalb, weil ich das wohl auch am besten kann.

 

Meine neidischen Schwestern mögen mich deswegen nicht, vor allen Dingen dann nicht, wenn ich wieder mal meinen langen, schleimigen Lappen raus hängen lasse und ständig hinter Bruno herlaufe wie eine wild gewordene Sau.

 

Diese Zicken glotzen mich dann die meiste Zeit blöd von der Seite an oder wenden sich demonstrativ von mir ab. Pah, sollen sie nur! Ich mache trotzdem, was ich will. Hauptsache Bruno gefällt es.

 

Tja, so ist das nun einmal, wenn man Dinge kann, die nicht jeder so gut beherrscht wie ich. Ich bin eine wahre Meisterin im Schwanz lutschen, obwohl, das muss ich auch mal bei dieser Gelegenheit sagen, es nicht immer ganz einfach ist, so einen hin und her wedelnden Schweif im richtigen Moment zu erwischen. Aber ich habe sehr viel Geduld und eine Menge Ausdauer, weil mir das Lutschen eines ordentlichen Schwanzes eben richtig Spaß macht. Wahrscheinlich habe ich das von meiner Mutter geerbt, wie mir meine verstorbene Tante einmal beim Melken verraten hat. Kein Wunder, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

 

Im Hochsommer, wenn es die meiste Zeit schwülheiß ist, kommt es oft vor, dass der Schwanz von Bruno mit Fliegen übersät ist. Das ist schon in Ordnung und eigentlich ganz normal. Spätestens dann, wenn ich dem Bruno seinen hoch aufgerichteten Schwanz von hinten bearbeite, hauen diese lästigen kleinen Quälgeister ganz schnell ab. Wenn nicht, lutsche ich sie einfach weg. Aus und Basta!

 

Wie ich oben schon erwähnt habe, lutsche ich gerne Schwänze. Früher, als ich noch jünger war, habe ich das nur hobbymäßig gemacht, so quasi nebenbei. Auch war ich da noch eine richtige Stümperin, weil ich den damals noch jungen Bruno manchmal in den Schwanz gebissen habe. Das hatte er nicht so gerne und ist jedes Mal wutschnaubend abgehauen. Aber jetzt, wo ich doch schon einige Jahre auf dem Buckel habe und meine dicken, ausgeleierten Euter fast bis zum Boden runter hängen, beherrsche ich mittlerweile das Schwanzlutschen in Perfektion.

 

Mein Bruno weiß das natürlich zu schätzen und bleibt, wenn ich mit großer Leidenschaft seinen prächtigen Schwanz von oben bis unten lecke, immer ganz ruhig und entspannt stehen, bis ich endlich fertig bin mit ihm. Danach haut er gleich wieder ab. So sind die Bullenmänner eben...

 

Letzte Woche aber ist es im Stall wieder mal über mich gekommen, was ich sonst nicht tue. Ich konnte wirklich nichts dagegen machen, denn am liebsten treibe ich es im Freien unter blauem Himmel – wenn die Sonne scheint. Ganz ehrlich!

 

Nun ja, wie auch immer, es muss wohl am guten Futter gelegen haben, denn plötzlich und unerwartet lief mir so ein seltsam anmutender Schauer prickelnder Wollust über die prall gefüllten Euter. Etwas Außergewöhnliches war nämlich passiert.

 

Als ich spontan mit meiner zärtlichen Zunge Brunos Schwanz lecken wollte, richtete er diesen ganz unerwartet steil wie eine Kerze noch oben und fing einfach an zu kacken. Platsch, platsch, so ging das die ganze Zeit direkt vor meinen Augen. Ich konnte nur noch zuschauen, wie der Fladen auf dem Boden immer größer wurde.

 

Nicht, dass mir das was ausgemacht hätte. Nein, im Gegenteil! Ich steh’ auf solche lustigen Kack- und Pissspielchen wenn sie denn spontan kommen.

Sie bringen wenigstens etwas Abwechselung in unsere eigentlich doch recht öde gewordene Beziehung. Wir stehen ja sowieso nur den ganzen Tag wie verblödet auf der Wiese herum, glotzen sinnlos durch die Gegend, fressen wie die Schleuderaffen Gras und anderes Grünzeug und vergiften auch noch die Atemluft mit unseren Methanfurzen.

 

Wie dem auch sei. Das Lecken von Brunos langem Schwanz ging trotz dieses stinkenden Intermezzos lustig weiter, als wäre nichts geschehen. Dem Bruno schien es mächtigen Spaß gemacht zu haben. Manchmal verhält er sich eben wie ein Schwein, dieser Bulle. Na, ja...

 

Ich bin eben tolerant wie keine andere meiner übrigen Schwestern, die mich wie eine Außenseiterin behandeln, nur weil ich mit meiner langen Zunge Schwänze lutsche.

 

Vielleicht glauben sie auch nur, dass sie etwas Besseres sind. Einbildung ist auch ne’ Bildung, sage ich immer. Aber ich denke mal, dass sie nur neidisch auf mich sind, diese blöd-prüden, vollgefressenen Kuhweiber. Soll sie doch der Metzger holen!

 

Ach so, beinahe hätte ich vergessen zu sagen, wer ich bin.

 

Ich bin die Elli, die beste Milchkuh auf der Weide von Bauer Wiesenmüller irgendwo im schönen bayerischen Alpenvorland. Vielleicht treffen wir uns ja mal, wenn einer von euch Urlaub bei uns macht. Dann könnt ihr mich dabei beobachten, wie ich Brunos Schwanz lutsche. In aller Öffentlichkeit sozusagen.

 

Muh!

 

Pfiat euch!

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter




 

 

Schachspiel des Todes

 

Eine Horrorgeschichte

 

Im letzten Stockwerk des Museums machte Alissa die geschwätzige Reiseleiterin auf eine seltsame Tatsache aufmerksam, dass sich immer mehr Mitglieder der Reisegruppe entweder absichtlich entfernt hatten oder auf andere Weise irgendwo in dem unübersichtlichen Labyrinth der Gänge und Säle verloren gegangen seien. Aufgetaucht ist seitdem niemand mehr. Die Betreuerin der Reisegruppe, eine etwa 40jährige gut aussehende Dame mit langen schwarzen Haaren und einem extrem körperbetonten Kostüm, kümmerte sich die ganze Zeit mehr um einen reichen, grau melierten Mitfünfziger, als um die zurückgebliebenen Nachzügler der Gruppe.

 

Bei der Führung der Touristen durch die alten Gemäuer einer teilweise wieder aufgebauten Kleinstadt aus dem 21. Jahrhundert plauderte die Reiseleiterin ununterbrochen über die in dieser Abteilung des Museums untergebrachten Attraktionen, anstatt zusammen mit der Betreuerin auf die desorientierten Leute aufzupassen, die jetzt wahrscheinlich irgendwo herumirrten und keine Ahnung davon hatten, wo sie sich befanden.

 

Das gewaltige Museum bestand aus über fünfundzwanzig Stockwerken und war mehr als zehnmal so lang wie ein Fußballstadion. Ganz oben, wo sich Alissa jetzt mit der Reisegruppe befand, herrschte vollkommene Stille. Hier waren die elektronischen Riesenrechner aus einer längst vergangenen Zeit untergebracht, die einstmals von mittelalterlichen Computeringenieuren und künstlerisch begabten Informatikern ersonnen, gebaut und programmiert worden sind.

 

Das 18jährige Mädchen Alissa blieb einfach stehen und betrachtete die beeindruckende Schönheit dieser uralten Geräte, die schon längst in die Annalen der menschlichen Kulturgeschichte eingegangen waren. Man sah sie als äußerst wertvolle Stücke an, von denen es nur noch sehr wenige auf der Erde gab. Einige dieser elektronischen Ungeheuer funktionierten sogar noch.

 

Nach einer Weile des stummen Staunens und neugierigen Betrachtens wollte sich Alissa an die Reiseleiterin wenden, um einige Fragen an sie zu richten. Doch mittlerweile hatte sich die Gruppe von Touristen in unbekannter Richtung entfernt und nun stand sie selbst völlig allein mitten in der großen Museumshalle für altertümliche Computer, von denen etwa dreißig dieser grauen mannshohen Metallkästen wie eine Kompanie erstarrter Robotersoldaten in mehreren versetzten Reihen hintereinander aufgebaut waren. Das Mädchen konnte sich für einen Augenblick nicht des Eindrucks erwehren, von den stillen Maschinen beobachtet zu werden, deren bunte Kontrolllämpchen für den Bruchteil einer Sekunde mehrmals hintereinander schwach aufleuchteten.

 

Alissa bekam es mit der Angst zu tun und versuchte die Reisegruppe wiederzufinden, doch nachdem sie die nächste Halle erreicht hatte, wo ebenfalls mehrere Korridore zusammenliefen, verfehlte sie die Richtung und irrte in den Räumlichkeiten herum, deren hohe weißgrau marmorierten Wände mit wissenschaftlichen Apparaturen aller Art vollgestopft waren. Die jahrhundertealten Gerätschaften füllten die Innenräume der nachgebauten Laboratorien aus, wo einstmals Wissenschaftler am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts in ähnlich aussehenden Labors wichtige Experimente durchführten.

 

Die Zeit war natürlich an den kostbaren Sammlungen nicht spurlos vorübergegangen. Trotz chemischer Konservierungsmittel rosteten die Stahl- und Blechteile an einigen Stellen langsam vor sich hin. Sogar der Kunststoff war davon nicht ausgenommen, der immer wieder von einem unbekannten Mikroorganismus befallen wurde, der besonders die Farbe beseitigte, die auf vielen Artefakten als Oberflächenschutz aufgebracht war.

 

Alissa sah sich nach allen Seiten um. Von ihrer Gruppe war nirgends etwas zu sehen. Nach einer halben Stunde erfolglosen Suchens gab das Mädchen auf und beschloss, auch wegen der unheimlichen Atmosphäre dieses trotz seiner atemberaubenden Größe sonderbar stillen Ortes, auf eigene Faust zum Aufzug zurückzukehren, um ins Erdgeschoss hinunterzufahren. Dort unten wartete vor den gewaltigen steinernen Säulen des Museums auf einem weitläufigen Parkplatz ihr Touristenbus, der nicht ehr wegfuhr, bis alle seine Passagiere wieder vollzählig an Bord waren.

 

Der Weg zum nächst gelegenen Aufzug war durch auffällig gelbe Hinweistafeln an den Wänden gekennzeichnet und Alissa brauchte nicht lange, da erreichte sie am Ende eines schmalen mit Ornamenten reich verzierten Korridors eine hell beleuchtete Aufzugskabine, deren elektrisch betriebene Schiebetür weit offen stand. Das Mädchen ging hinein, stellte sich in die rechte Ecke und drückte auf den runden Knopf mit einem großen E darauf. Leise surrend setzte sich der Schließmechanismus in Bewegung bis die Kabinentür ganz geschlossen war. Dann sauste der Aufzug nach unten, der nach kurzer Fahrt aber zwischen zwei Stockwerken plötzlich stehen blieb. Alissa betätigte automatisch den Notruf gleich neben der Stockwerkstastatur und wartete auf eine Antwort. Nach etwa einer knappe Minute des ungeduldigen Wartens drang aus den über den Etagenknöpfen angebrachter Lautsprecher eine sanfte männliche Stimme.

 

Hallo Alissa! Möchtest du einmal etwas ganz besonderes erleben? Wir hätten da was für dich, was dir bestimmt gefallen würde.“

 

Wer spricht da mit mir? Und was soll diese komische Fragerei?“

 

Willst du die Frau eines Königs werden, die erste Dame in seinem Königreich? Na, wie wäre es damit? Ja oder nein? Es liegt ganz an dir, Alissa! Warte nicht zu lange mit der Entscheidung. Der Aufzug setzt seine Fahrt nach unten bald wieder fort und dann werde ich dich nicht mehr fragen können.“

 

Sie scherzen doch nur mit mir?“

 

Nein!“ sagte die Männerstimme noch sanfter. „Du kannst es wirklich werden.“

 

Und wie?“

 

Nichts leichteres als das. Wir suchen gerade eine geeignete Person für die Stelle als Königin. Die frühere Königin musste leider abdanken. Der gesamte Hofstaat erwartet dich.“

 

Wo?“

 

Mach schnell! Die Aufzugskabine setzt ihre Fahrt gleich fort. Drücke einfach auf den blauen Knopf. Alles andere überlasse mir. Die „bunte Veranstaltung“ geht in ein paar Minuten weiter. Wir warten auf dich.“

 

Als die unbekannte männliche Stimme das Wort „bunte Veranstaltung“ ausgesprochen hatte, wurde Alissa mit einem Schlag klar, die anfangs von dem geheimnisvollen Vorschlag überrascht worden war, dass hinter dem Sprecher nur eine ganz gezielte Touristenattraktion stecken könne, die vom Reiseveranstalter zu Unterhaltungszwecken organisiert wurde. Das junge Mädchen liebte solche Überraschungen und warum sollte sie da nicht mitmachen? Vielleicht fand das ganze Schauspiel in den alten Ruinen der Kleinstadt aus dem 21. Jahrhundert statt, wo sie heute schon mal mit der Reisegruppe durchgegangen war. Nicht selten hörte sie von malerischen Schlössern, die es damals gegeben haben soll, in denen noch echte Königinnen und Könige mit ihrem gesamten Hofstaat untergebracht waren. Wiewohl sich Alissa in der Chronologie vergangener historischer Epochen nicht sehr gut auskannte, freute sie es doch bei dem Gedanken an ein amüsantes Spiel, zumal sie es von den Höhen eines königlichen Thrones aus bewundern durfte, wenn ihre Zusage bald geschähe.

 

Das Mädchen drückte schnell mit dem rechten Zeigefinger auf den blauen Knopf und sogleich setzte sich der Aufzug mit einem fast unmerklichen Ruck wieder nach unten in Bewegung. Allerdings fuhr die Kabine am Erdgeschoss vorbei, wo das Zählwerk die Ziffer „Null“ anzeigte, bis sie schließlich zur Etage des sechsten unterirdischen Stockwerks hinunterfuhr und dort anhielt. Alissa wunderte sich über diesen Umstand, glaubte sie doch, dass es im Museumsgebäude gar nicht so viele Keller geben könne. Dann öffnete sich surrend die Schiebetür wieder und das Mädchen verließ das helle Innere des Aufzugs und trat hinaus auf einen reich mit Ornamenten und Bildern verzierten Korridor, wo sich am anderen Ende eine weitere Tür befand, die nur leicht angelehnt war. Alissa stieß sie auf und sah in einen Saal hinein, wo sich in der Mitte eine Schar Touristen aufhielt. Die Gruppe bestand aus all jenen Personen, die bei der Museumsbesichtigung hinter der Reisegruppe zurückgeblieben waren und sich im Gebäude verirrt hatten. Als sie das etwas verängstigte Mädchen sahen, fingen sie an zu lachen und auch Alissa lächelte ihnen zu. Jedenfalls hatte sie ihre Freunde wieder und bekam auf einmal große Lust dazu, sie zu umarmen und abzuküssen.

 

Kaum war sie allerdings ein paar Schritte im Saal gelaufen, wäre sie beinah vor Schreck erstarrt. Denn gerade in dem Moment, als sie über das unverhoffte Wiedersehen der verloren geglaubten Gruppenmitglieder vor lauter Erleichterung tief durchatmete und darüber nachdachte, dass ihr kleines Abenteuer glimpflich ausgegangen war, wurde einem der wartenden Männer mit dem kräftigen Schlag einer mit beiden Händen fest umklammerten Axt krachend der Schädel gespalten, sodass der Erschlagene nach allen Seiten Blut spritzend zu Boden sank. Am anderen Ende des Saales schoss plötzlich eine stählerne Tentakel aus der dunklen Ecke, griff sich mit einer Art Fleischerhaken den leblosen Körper und zog ihn an die Wand, wo schon ein stinkender Haufen fürchterlich zugerichteter Leichen herumlagen. Die abgeschleppte Leiche hinterließ einen hässlich aussehenden roten Streifen Blut.

 

Alissa brachte vor Entsetzen den Mund nicht mehr zu. Sie wollte schreien, aber ein schmerzhafter Krampf unterdrückte jeden noch so leisen Ton aus ihrer verkrampften Kehle. Instinktiv lief sie zurück zum Ausgang des Saales, wo sich der Korridor zum rettenden Aufzug befand. Das Mädchen strauchelte, fiel auf den harten Boden, rappelte sich in Panik sofort wieder hoch und torkelte weit nach vorne gebeugt auf die offene Tür zu. Aber eine fremde Kraft schien ihre Muskeln zu beherrschen, die sie am Weiterlaufen hinderte. Dann rissen irgendwelche mechanischen Arme ihre Kleider vom Leib bis sie nackt mit dem Rücken vor den verzweifelten Menschen stand, von denen einige hysterisch lachend auf einen weiteren Schlag mit der unheimlichen Axt warteten. Alissa konnte nicht glauben, dass das, was sie hier erlebte, Wirklichkeit sein sollte.

 

Das Mädchen wurde plötzlich von den herumfahrenden Armen am Kopf gepackt und in eine aufrechte Haltung gezwungen. Dann kam eine Schaufensterpuppen ähnliche Gestalt auf sie zu, die sie in ein langes, reich mit goldenen Spitzen besetztes Kostüm kleidete. Seltsamerweise war sie ihr dabei behilflich, obwohl sich alles in ihrem Kopf vor Entsetzen dagegen sträubte. Alissa konnte trotz der körperlichen Fixierung den Kopf frei bewegen. Sie schaute nach allen Seiten und bemerkte voller Erstaunen, dass ihr etwas bewusst wurde. Der Blick für die blutige Situation wurde von Sekunde zu Sekunde klarer und sie sah Dinge, die ihr vorher gar nicht aufgefallen waren.

Einmal abgesehen von dem erstaunlichen Verhalten der auf ihre Hinrichtung wartenden Menschen, die unablässig lächelten, teils apathisch dastanden oder hysterisch herumtanzten, fielen dem jungen Mädchen andere sonderbare Einzelheiten an ihrem unnatürlichen Aussehen auf. Alle trugen diese komischen Gewänder, die der Kleidung des früheren Altertums ähnelten. In ihren Händen trugen sie entweder einen Dreizacken, blitzende Schwerter, mit Eisenzacken besetzte Streitkolben oder Speere.

 

Wenige Minuten später ereignete sich ein neuer Zwischenfall, der Alissa das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine mit einem Speer bewaffnete Frau schleuderte vor ihren Augen diesen mit ungeheurer Kraft von sich und durchbohrte damit die Brust eines jungen Mannes, sodass die Spitze der Waffe hinten aus seinem Rücken fuhr. Er kippte mit einem gurgelnden Laut zur Seite und blieb zuckend auf dem Boden liegen. Die Frau trat mit federnden Schritten zu ihm hin und riss mehrere Male an dem Speer herum, bevor sie ihn aus dem grässlich blutenden Leib zog. Der Mann schrie vor Schmerzen und bäumte sich im Todeskampf noch einmal auf bevor er leblos wegsackte und starb. Wieder schoss die Harpune aus der dunklen Ecke, bohrte sich in die Eingeweide des toten Mannes und zog den schlaffen Körper rüber an die Wand zu den anderen Leichen.

 

Während Alissa so dastand und bis auf den Kopf kein anderes Körperteil bewegen konnte, zog der Haken zwei weitere entsetzlich verstümmelte Menschen in die Leichenecke. Dann kehrte Stille ein. Unter der Last vor Angst beinahe ohnmächtig, umkreiste das Mädchen auf ein geheimnisvollen Befehl hin den Rest der Touristengruppe, bis sie an eine Stelle kam, wo sie die Nische mit einem schwarzen Computer darin entdeckte. Das zweite Elektronengehirn bemerkte sie früher und ein anderes, das auf der gegenüberliegenden Seite in einer abgedunkelten Ecke stand, dessen Gehäuse weiß angestrichen war.

 

Alissa ging langsam ein Licht auf. Mit aller Macht trat sie mit beiden Füßen unter Aufbringung des Restes ihres freien Willens gegen die Metallwand des weißen Computers, aus dem im gleichen Augenblick ein dünner Rauchfaden herausschoss, gefolgt von einer Serie lauten Knackens. Dann gab es einen Kurzschluss. Die Lichter im Saal gingen aus und man konnte den Geruch der brennenden Kabelisolierung riechen. Noch einmal schaltete sich das Saallicht ein und erst jetzt erkannte das junge Mädchen, dass der Boden des Saales ein riesiges Schachbrettmuster bedeckte, wo auf den schwarzen und weißen Feldern die vor Angst schwitzenden Touristen wie Gespenster herumstanden. Eine Notbeleuchtung schaltete sich automatisch ein als das Deckenlicht des Saales vollends erlosch. Dann kam ein Reparaturteam aus mehreren Roboterpuppen, die eine Zeit lang brauchten, bis wieder alles ordnungsgemäß funktionierte. Nur das Saallicht blieb so, wie es war. Dann setzten die Computer das Schachspiel fort.

 

Das Schachbrett hatte eine Seitenlänge von etwas zehn oder zwölf Metern. Im Schein der trüben Notbeleuchtung verblassten die weißen Felder ein wenig, doch blieben sie weiterhin sichtbar. Alissa verstand nun, warum die mechanischen Diener sie in ein Kostüm gesteckt hatten, das von Kopf bis Fuß weiß war. Sie war die Dame, die weiße Königin. Diese Tatsache stimmte sie im ersten Augenblick optimistisch: Sie befand sich zur Zeit nämlich am Rand des Schachbretts auf der Seite des schwarzen Computers

 

Noch befanden sich auf dem Schachbrett zwanzig Leute. An der Wand lagen die Leichen der übrigen zwölf, die bereits aus dem Schachspiel ausgeschieden waren. Die Touristen trugen die unterschiedlichsten Helme und Hüte auf dem Kopf und waren derart gekleidet, dass man sie als Schachfiguren erkennen konnte. Jeder trat in seiner Rolle auf. Die meisten der Unglücklichen schauten ängstlich nach allen Seiten, hatten aber mittlerweile begriffen, dass sie ihren Part als Schachfigur nach den Regeln des Schachs spielen mussten, wenn sie nicht von der Axt oder einer anderen Waffe getötet werden wollten. Bislang hatte wohl jeder geglaubt, dass er durch einen Stoß umkommen oder selbst zu einem vom Computer frei gewählten Zeitpunkt einen Stoß versetzen müsse. Ihnen wurde aber immer mehr bewusst, dass ihr Schicksal vor allem von der aktuellen Lage auf dem Schachbrett abhing.

 

Alissa war dem weißen Computer zugeordnet worden, der in der auszutragenden Partie die Reihenfolge vieler Schachzüge richtig vorausgesehen hatte. Deshalb war es ihm auch möglich gewesen, das Mädchen vorzeitig zur Teilnahme an der „bunten Veranstaltung“ einzuladen.

 

Als sie zusagte und später den Saal betrat, wurde sie sofort dem „mechanischen Willen“ der unsichtbaren Kraft untergeordnet und musste dann, als weiße Dame verkleidet, einige Zeit später gehorsam den Platz eines Mannes einnehmen, der vom Schachbrett abtrat, als sie vor ihm erschien. Dieser Mann spielte die Rolle des „weißen Bauern“, der es aufgrund der richtigen Schachzüge des weißen Computers bis zur achten Linie geschafft hatte, wo die Weißen das Recht besaßen, ihren Bauern durch eine andere Figur ihrer Wahl zu ersetzen, was dann auch geschehen war.

 

Kurz nach dieser entscheidenden Spielwendung erhielt Alissa von einer mechanischen Hand, die aus dem Dunkeln des Saales hervorschoss, nicht nur eine goldene Krone auf den Kopf, sondern auch eine Armbrust in die Hände gedrückt. Daraufhin wandte sie sich der Mitte des Schachbretts zu und von einem plötzlichen Impuls getrieben, drückte das Mädchen auf den Abzug der Waffe. Sie hörte das Schwirren der Sehne, konnte aber nicht erkennen, welches Ziel ihr abgeschossener Pfeil traf, weil sie die Augen noch vor dem Schuss schloss. Das schlanke Geschoss bohrte sich ausgerechnet in den Hals jener Frau, die zuvor den jungen Mann mit dem Speer grausam niedergemetzelt hatte. Nach dieser tödlichen Aktion zwangen die unsichtbaren Kräfte Alissa zum Verlassen des besetzten Feldes und sie nahm die Position ihre Opfers ein. Auch diesmal wehrte sich das Bewusstsein des jungen Mädchens gegen den permanent vorhandenen fremden Willen, aber ihre Muskeln gehorchten anderen Gesetzen.

 

Die Antwort des schwarzen Computers dauerte nicht lange. Mit dem Schwert seines Bauern schlug er dem weißen Springer den Kopf ab, der von einem älteren Herrn mit einem Dreizack in den Händen gespielt wurde. Alissa kannte ihn von der Busfahrt her, da er neben ihr am Fenster Platz genommen hatte. So kamen sie beide automatisch ins Gespräch.

 

Der Schlag des schwarzen Bauern, ein ehemaliger Boxer, wurde mit derart großer Kraft geführt, dass dem Alten nach dem Hieb die gezackte Waffe im hohen Bogen aus der Hand fiel und in die Abdeckung des weiß farbigen Computers schlug, hinter der etwas zersplitterte. Auf einem seiner Monitore erschienen einige Störlinien und im gleichen Augenblick wechselte Alissa, die weiße Königin, zum Nachbarfeld rüber, aber schon nach wenigen Sekunden eines fürchterlichen Zitterns in den Gliedmaßen wegen verließ und auf ihren vorherigen Platz zurückkehren musste. Das junge Mädchen wusste jetzt, dass der weiße Computer in einem früheren Spielabschnitt offenbar seine Königin bzw. Dame verloren oder, wie man vielleicht sagen würde, um der Verbesserung der Lage seiner Figuren auf dem Schachbrett willen bereitwillig geopfert hatte.

 

Jetzt allerdings waren schon sehr viele Figuren abgetauscht worden und keine der beiden Parteien besaß ein zahlenmäßiges Übergewicht, das heißt, keine verfügte über eine größere Anzahl von Spielfiguren, was für eine Meisterpartie typisch war. Ob die Weißen durch die Wiedergewinnung ihrer Königin oder Dame ein Übergewicht bekommen hatten, war bei der makaberen Lage nur sehr schwer abzuschätzen. Die Angst ließ eine genaue Analyse des Spiels nicht zu.

 

Plötzlich flackerte am schwarzen Computer ein rotes Lämpchen. Seine Kameraobjektive richteten sich auf die weiße Königin. Der weiße Computer spulte im gleichen Moment das letzte Stück der Aufzeichnung des Spiels um, zeigte mit dem Pfeil die Störungsstreifen auf dem Monitor an und ließ das Mädchen Alissa mit den Füßen auf das von ihr besetzte Feld stampfen, worauf der Schwarze, als ob er die Ursache der Störung nicht zu Kenntnis genommen hätte, die Reihe der Warnsignale wiederholte.

 

Es war klar, dass der schwarze Schachspielcomputer unter Berufung auf die bekannten Spielregeln gegen den schändlichen Entschluss seines Gegenspielers protestierte, der mit seiner Königin/Dame einen unüberlegten Schachzug gemacht und diese kurz danach schnell wieder zurückgezogen hatte, wohingegen sich der Weiße mit der augenblicklichen Unpässlichkeit durch die eingetretene Beschädigung mit dem Dreizack entschuldigte.

 

Das Spiel kam zum Stillstand. Erst als eine mechanische Hand, gesteuert von dem dritten Schiedsrichtercomputer, aus dem hinteren dunklen Teil des Saales mit einem schweren Hammer drohend auf den weißen Computer zufuhr, war dieser dazu bereit, sich an die harten Spielregeln zu halten. Alissa bekam den Befehl, auf das umstrittene Feld zurückzukehren. Noch während sie ihren erzwungenen Standortwechsel vornahm, dachte sie darüber nach, dass ihr während der Stadtbesichtigung ein Komponist aufgefallen war, der mehrmals gedankenversunken die Gruppe verloren hatte, bevor er ganz verschwand. Nun defilierte dieser Mann, den Helm des Turmes auf dem Kopf, an dem jungen Mädchen vorbei und blieb drei Felder weiter stehen, wo er die schwarze Königin/Dame verteidigte, die von seiner Freundin gespielt wurde, die eine bekannte Opernsängerin war. Auf der Schulter trug sie eine Waffe und wartete auf den Zug der Weißen.

 

Alissa blickte zu ihr hinüber und bemerkte ihren flehentlichen Blick. Die Opernsängerin war vor lauter Angst der Ohnmacht nahe. Trotzdem nahm das Mädchen die Armbrust hoch, spannte den Kolben und zögerte aber aus unbekannten Gründen noch etwas. Der Gedanke war erschreckend und absurd genug, dass der weiße Computer sich deswegen für den Austausch der schwarzen Königin/Dame entschieden hatte, damit nach ihrem Tod der schwarze Turm in einer etwas schlechteren Position zu stehen käme. Dann zwangen die feindliche Kräfte Alissa dazu den tödlichen Pfeil abzuschießen, der die Freundin des Komponisten direkt zwischen die Augen traf und tief in ihr Gehirn eindrang. Durch die Wucht des Schusses wurde der Schädel der Opernsängerin in zwei Hälften gespalten, was zur Folge hatte, dass sich ein entsetzlich aussehender Blutschwall über ihren zusammengesackten Körper ergoss und das Schachbrett an dieser Stelle in einem häßlich aussehenden Rot färbte.

 

Im Bewusstsein des Mädchens trat eine unheimliche Leere ein. Sie empfand es so, als hätte sie in einen Spiegel geschossen und sich dabei selbst getroffen.

 

Dann erblickte sie das vor Schmerz ergraute Gesicht des Komponisten, der mit ansehen musste, wie der Leichnam seiner lieben Freundin am Fleischerhaken weggezogen wurde und auf den Haufen der übrigen verstümmelten Toten landete. Ein paar Sekunden später drehte sich der schwarze Turm zu Alissa rüber und bewegte sich auf sie zu. Sein schwerer Axthieb fuhr nur wenige Zentimeter an ihrem Kopf vorbei und trennte ihr den rechten Arm ab. Die weiße Königin/Dame stürzte zusammen mit dem schwarzen Turm auf das blutverschmierte Schachbrett, wo beide regungslos liegen blieben.

 

***

 

Alissa wachte auf. Im gleichen Augenblick verspürte sie statt Schmerzen am Arm eine wohltuende Kühle auf der Haut. Zuerst sah sie den blauen Himmel, der nur an wenigen Stellen mit Wolken bedeckt war und sich bis zum Horizont erstreckte. Das Mädchen setzte sich hin. Sie erblickte das weite Meer, wo sich an einem wunderschönen weißen Strand sanfte Wellen brachen. Über ihr war ein roter Sonnenschirm gespannt und ihr brauner Körper steckte in einem rosafarbenen Badeanzug. Der Wind zerzauste ihre langen blonden Haare. Überall sonnten sich Menschen und Kinder spielten lustig mit ihren Strandbällen.

 

Ein Weile schaute Alissa in die Ferne. Etwas behinderte ihre Aussicht. Sie bemerkte die Leitungen, die von ihrer Stirn zum Apparat in ihrer Urlaubstasche führte. Sie nahm den schweren Metallring vom Kopf, wickelte das Kabel um ihn herum und legte das Gerät auf die Stranddecke. Sie musste sich wenige Minuten besinnen, bevor sie ganz wahrnahm, wo sie sich eigentlich befand. Obwohl sie schon mit einigen Aufnahmen vertraut war, konnte sie es noch immer nicht ganz glauben, dass das gerade Erlebte nur eine gespenstische Illusion gewesen war, die man als kleine elektronische Speicherwürfel samt dazugehörigem Abspielgerät in sog. Traumläden entweder käuflich erwerben oder gegen eine entsprechende Gebühr ausleihen konnte.

 

Ein etwa 20jähriger Mann mit einem enorm gut durchtrainierten Körper trat auf Alissa zu. Er beugte sich zu ihr runter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann nahm er den kleinen Kubus aus dem Apparat und zeigte ihr die farbige Plakette mit der Aufschrift „Schachspiel des Todes“.

 

Na, wie hat dir die Illusion gefallen, Alissa?“

 

Es ist ein Alptraum!“ rief sie aus. „Wie konntest du so etwas Schreckliches nur kaufen?“

 

Du wolltest dir doch eine Horrorillusion reinziehen. Tu jetzt nicht so, als sei ich daran Schuld, wenn dir das Ganze an die Nerven gegangen ist.“

 

Endet denn jede Geschichte mit dem Tod des Zuschauers? Man hat mir zum Schluss den Arm mit einer Axt abgetrennt und bin wohl elendig verblutet.“

 

Ja, ausnahmslos.“ antwortete der kräftige Mann in der schwarzen Badehose. „Auch dann, wenn die Projektion plötzlich unterbrochen wird, kommt der Held oder die Heldin augenblicklich durch irgendeinen Unfall um. – Aber sollten wir jetzt nicht lieber etwas schwimmen gehen und uns schöneren Dingen zuwenden, Alissa?“

 

Ja, du hast Recht!“ sagte das Mädchen und hielt dem jungen Mann beide Hände hin, damit er sie hochziehen konnte. Dann fuhr sie fort: „Komm, lass uns zum Strand runtergehen. Ich brauche eine kleine Erfrischung.“

 

Auf dem Weg zum Meer hatte Alissa den seltsamen Eindruck, dass der weite Strand aussah wie ein riesiges Schachbrettmuster. Ängstlich schmiegte sie sich an den jungen Mann, der ihr Freund war und schwor sich, nie wieder eine Horrorillusion anzusehen.

 

Ende


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

Hui Pedo, der außerirdische Gasschnüffeldrache

 

Ein Märchen für alle Altersgruppen

 

 

Man schreibt gerade das Jahr 2075, als eine der außergewöhnlichsten Rettungsaktionen der Welt ihren Anfang nahm.

 

In einem kleinen verträumten Städtchen irgendwo in Deutschland, wo sich Fuchs und Hase noch „Gute Nacht“ sagten, lebte auch Hui Pedo, der ein so genannter „Gasschnüffeldrache“ vom Planeten O-dell I war, mitten unter den Menschen.

 

Diese seltsame Rasse ernährte sich neben Schokolade und Gummibärchen, fast ausschließlich von den biologischen Abgasen der Menschen, den Darmwinden oder Furzen.

 

Die bevorzugten Furze dieser außerirdischen Tiere waren die Kinderfurze, da diese ein besonders zartes Aroma hatten und noch nicht so verdorben waren, wie die Furze der Erwachsenen. Genau aus diesem Grund waren auch die „Gasschnüffeldrachen“ auf die Erde gekommen und ließen sich häufig dort nieder, wo es Kinder in großer Zahl gab. Die Kinder ahnten jedoch oft nichts davon, wenn ein solcher Drache bei ihnen lebte, der sich wegen seines ansonsten unförmigen Aussehens häufig als Stofftier tarnte.

 

Gasschnüffeldrachen“ sind in etwa so groß wie ein kleiner Schimpansenaffe und haben auch ein ebenso weiches Fell. Die Farbe des Felles ist hellbraun, gesprenkelt mit großen und kleinen schwarzen Punkten, die manchmal glitzern.

 

Die großen plumpen Füße sind ebenfalls hellbraun. Der Drache hat kurze Arme, mit winzigen Händchen. Auf dem Rücken besitzt er fast durchsichtige Flügel mit glitzernden Schuppen.

 

Er hat zwei unterschiedlich große, schwarze Knopfaugen und lange, federnde Fühler auf dem Kopf. Aus seinem Mund ragen zwei weiße spitze Eckzähne, die vorne überstehen. Das Auffälligste ist aber die große rote Nase. Das knuddelige Aussehen der Drachen und ihre liebenswürdige gutmütige Art machte sie sehr beliebt bei den Kindern. Deshalb vermehrten sie sich auch nach ihrer Ankunft auf der Erde schon nach wenigen Jahre so stark, dass sie bald überall auf der Welt anzutreffen waren.

 

Trotz seiner Tarnung als Stofftier fanden die wissbegierigen und stets skeptischen Erwachsenen heraus, dass dieser außerirdische „Gasschnüffeldrache“ unter ihnen lebte, weil er das Stofftier, seine einzige Tarnung, immer dann verlassen musste, wenn es irgendwo zu stinken begann.

 

Da dieser „Gasschnüffeldrache“ aber nur von den Kindern gesehen wurde, wenn jemand einen Furz ließ, der Gestank verursachte, dachten die Erwachsen sofort, dass die Stofftiere für den widerlichen Gestank verantwortlich seien, was dazu führte, dass sie aus diesem Grund rücksichtslos entfernt, vernichtet und entsorgt wurden.

 

Was die Erwachsenen aber nicht wussten, war die Tatsache, dass die „Gasschnüffeldrachen“ mittlerweile sehr wichtig für das biologische Gleichgewicht in der Natur geworden waren, denn sie wandelten die menschlichen Abgase umgehend in reinen Sauerstoff um.

 

Hui Pedo war wohl noch der einzig bekannte „Gasschnüffeldrache“, auf der Erde und wahrscheinlich der letzte seiner Art. Er lebte bei seiner besten Freundin, der siebenjährigen Marianne, direkt unter ihrem Bettchen in einem großen Karton. Seine Mitbewohner und besten Freunde waren die Silberfische Karli und Mero. Der Drache konnte übrigens mit allen Tieren reden.

 

 

Eines Tages passierte etwas, was das friedliche Leben der drei Freunde völlig durcheinander brachte. Hui Pedo, Karli und Mero wurden beim Reinigen des Kinderzimmers von Mariannes Opa im Karton entdeckt.

 

Dieser war allerdings sehr überrascht, denn seit über 60 Jahren, seit er selber sieben Jahre alt war, hatte er keinen „Gasschnüffeldrachen“ mehr gesehen. Sein eigener war ihm irgendwann abhanden gekommen. Wahrscheinlich hatten ihn seine Eltern umgebracht.

 

Als er Hui Pedo sah, freute er sich riesig. Er nahm ihn auf den Schoß und fing sofort an zu erzählen, wie es vor sechzig Jahren war, noch bevor das grausame Morden begann. Mariannes Opa erzählte das allerdings auch draußen weiter, dass bei dem kleinen Mädchen unterm Bett noch ein „Gasschnüffeldrache“ lebte.

 

Das bekam auch ein 85ähriger Nachbar mit, der sich mit einem Trick den Drachen von Mariannes Eltern zeigen ließ, um ihn mit seinen eigenen Augen sehen zu können.

 

Er war ein pensionierter ehemaliger „Gasschnüffeldrachentöter“ aus jener internationalen Spezialeinheit, die seinerzeit eigens wegen der „Drachenplage“ ins Leben gerufen worden war. Er alarmierte sofort das zuständige Amt für Sicherheit und Ordnung, doch der Beamte teilte ihm mit, dass sein Anliegen nicht mehr in ihr Zuständigkeitsbereich fallen würde. Außerdem seien die Gasschnüffeldrachen alle ausgestorben. Doch der Alte ließ sich nicht beirren und rief seinen früheren kommandierenden General an, der inzwischen über einhundert Jahre alt war. Die Leute wurden sowieso immer älter.

 

Der General war sofort wieder in Bereitschaft und trommelte seinen alten „Anti-Stink-Stab“ (kurz ASS genannt), zusammen. Für seinen anschließenden Plan brauchte er weniger als zwei Wochen Ausarbeitungszeit. Dann wollte er den Gasschnüffeldrachen töten.

 

Das sprach sich natürlich auch unter den Tieren wie ein Lauffeuer herum. Deshalb hatten die Silberfische Karli und Mero ihrem Drachen im Karton einen Vorschlag gemacht, den Rintintin, der Langhaardackel, der öfters bei ihnen schlief, zusammen mit dem Drachen verwirklichen sollte.

 

Er sollte für den bekannten Sender „Welt-TV“ eine Dokumentation über Hui Pedo drehen, um die Menschen über die „Gasschnüffeldrachen“ aufzuklären. Die Dokumentation müsste aber noch vor dem Angriff des ASS des Generals ausgestrahlt werden. Leider kam es nicht dazu, denn zwei Tage vorher wurde Hui Pedo von dem bösen ASS in einer „Nacht- und Nebelaktion“ entführt.

 

Es war Hui Pedos Glück, dass Rintintin diesmal nicht wieder in seinem Fell eingeschlafen war. So konnte er die Silberfischchen Karli und Mero losschicken, damit sie den Drachen retten sollten.

 

Was der Langhaardackel Rintintin allerdings nicht bedacht hatte, war, dass die beiden nicht mit Menschen reden konnten und viel zu klein für eine derartige Rettungsaktion waren, denn Silberfischchen sind schließlich nur winzig kleine Tierchen.

 

Mittlerweile hatte auch Marianne bemerkt, dass ihr kleiner Drache entführt worden war. Durch eine verschlüsselte Telefonbotschaft rief sie ihre Freundinnen zusammen und gemeinsam überlegten sie, wie sie Hui Pedo befreien konnten.

 

In der Zwischenzeit wurde im Versteck des ASS der Beschluss gefasst, den Gasschnüffeldrachen Hui Pedo vorläufig am Leben zu lassen. Der General wollte wissen, ob es noch andere überlebende Drachen gab. Deshalb folterten er und seine Leute Hui Pedo auf die schlimmste Art und Weise, die ihnen dazu einfiel: durch Kitzeln an der großen roten Nase des kleinen Drachens.

 

Doch dies hatte fatale Folgen. Hui Pedo musste anfangen zu lachen und das Lachen von „Gasschnüffeldrachen“ ist so ansteckend, dass man sich bald nicht mehr bewegen konnte, es sei denn, man ist ein Kind. Und so kam es, dass sowohl der General, als auch alle seine ASS-Leute lachend auf dem Boden lagen und keiner mehr in der Lage dazu war, die Kitzelmaschine, die an der Nase des Gasschnüffeldrachens Hui Pedo befestigt war, abzuschalten.

 

Als die Rettungseinheit der Kinder am Versteck des ASS ankam (die Tiere hatten es ihnen verraten) waren sie sehr überrascht über den Anblick der sich vor Lachen auf dem Boden kringelnden Männer. Marianne und die übrigen Kinder konnten die Kitzelmaschine ausschalten und der Gasschnüffeldrache Hui Pedo hörte auf zu lachen – und damit auch alle anderen.

 

Mittlerweile hatten Mariannes Eltern die Polizei gerufen. Sie waren in großer Sorge um ihre Tochter gewesen, die von Zuhause weggelaufen war, um Hui Pedo, ihren kleinen Drachen, zu retten.

 

Das Versteck des ASS wurde schnell gefunden. Es befand sich im Haus des Generals.

 

Die Beamten nahmen den alten General und seine ehemaligen ASS-Leute fest und beglückwünschten die Kinder zu ihrem tollen Abenteuer, von dem sie nun ihren späteren Enkeln erzählen konnten. Marianne schloss ihren Gasschnüffeldrachen Hui Pedo glücklich in die Arme.

 

Dieser wunderte (und freute) sich über seine geglückte Rettung so sehr, dass seine Fühler rot zu leuchten begannen.

 

Drei Tage später erschien im Fernsehen eine Dokumentation über die knuddeligen Gasschnüffeldrachen, und wie konnte es anders sein: Die niedlichen Drachen, als Stofftiere getarnt, wurden danach auf der ganzen Welt immer häufiger gesehen.

 

Und dies war nicht zuletzt auch ein Verdienst des Langhaardackels Rintintin und der beiden Silberfischchen Karli und Mero, die inzwischen schon wieder Kinder haben. Die Familie lebt in einem Karton, der sich unter Mariannes Bettchen befindet, den sie sich mit Hui Pedo, dem Gasschnüffeldrachen, teilen müssen, deren Rasse beinahe auf der Erde des Menschen ausgestorben wäre.

 

Doch jetzt war die Welt wieder in Ordnung und die kleinen Gasschnüffeldrachen konnten weiterhin ihren wertvollen Beitrag zum Umweltschutz leisten, indem sie jeden Kinderfurz in reinen Sauerstoff umwandelten.

 

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

Die Fliege

 

Denk daran!

Tu keiner Fliege was zuleide!


 


 

 

Mr. Adolf Goldmann, der in die Jahre gekommene Handelsvertreter, lag nur mit einer dünnen Sommerhose bekleidet entspannt auf der weichen Couch seines Hotelzimmers und blickte mit müden Augen der Fliege nach, die schon seit einer Weile in dem kleinen Raum herum summte. Manchmal flog sie frech über seinen Kopf hinweg oder setzte sich ganz in seiner Nähe mutig auf die tapezierte Wand und krabbelte munter auf ihr herum. Richtige Angst vor Mr. Goldmann schien sie nicht zu kennen.

 

Ehrlich gesagt störte sie ihn nicht wirklich, aber lästig war sie irgendwie schon.

 

Mr. Goldmann sah missmutig auf die Uhr. Er konnte einfach nicht einschlafen obwohl es schon kurz nach Mitternacht war.

 

Vielleicht mag es an dem starken Kaffee liegen, den ich unten an der Bar getrunken habe und der mich jetzt wach hält, dachte der alte Handelsvertreter so für sich, sinnierte noch ein Weilchen weiter, gab sich schließlich einen inneren Ruck und stand auf.

 

Er tapste schläfrig hinüber zum Sessel, der auf der anderen Seite des kleinen Rauchtisches gegenüber der Couch stand, griff nach der restlichen Bekleidung, wie Oberhemd, Jacke und Strümpfe, und zog sich an.

 

Gerade wollte er sich die rechte Socke überziehen, da entdeckte er die Fliege wieder, die sich völlig unbekümmert auf dem Tischchen vor ihm niedergelassen hatte. Das kleine Tierchen saß neben dem Glas mit Wasser, das er sich gleich nach dem Betreten des Zimmers aus einer vollen Karaffe eingeschenkt hatte.

 

Ein großer Tropfen war beim Einschenken auf die getönte Glasplatte gefallen und die Fliege tauchte nun begierig ihren Rüssel ins Wasser hinein, um zu trinken.

 

Das ist eine gute Gelegenheit ihr den Garaus zu machen, dachte sich Mr. Goldmann und griff instinktiv nach der zusammengefalteten Zeitung, die direkt hinter ihm in unmittelbarer Reichweite auf einem breiten Wandregal lag. Vorsichtig nahm er sie in die rechte Hand, drehte sich behutsam wieder herum und schlug noch aus der Drehung heraus damit blitzschnell auf die Fliege ein.

 

Klatsch!

 

Für einen kurzen Moment herrschte Ruhe im Raum, dann triumphierte Mr. Goldmann.

 

Aha, hab’ ich dich also erwischt, du kleines Mistviech“, sagte der alte Handelsvertreter mit gurgelnder Stimme siegesgewiss, hob die Zeitung etwas nach oben und schaute neugierig darunter.

 

Und tatsächlich.

 

Neben dem verschütteten Wassertropfen, der ihm entgegen schimmerte, lag die Fliege mit gebrochenen Flügeln hilflos auf dem Rücken und rührte sich nicht mehr. Nur ihre kleinen Beinchen zuckten noch hin und her, als suchten sie nach einem festen, rettenden Untergrund.

 

Mr. Goldmann runzelte die Stirn. Dann beugte er sich nach vorne über die getönte Glasplatte des Tisches.

 

Tja, so schnell kann es gehen, mein kleiner Freund. Eben noch quicklebendig und gleich darauf in Agonie“, grinste er zynisch, holte noch ein zweites Mal mit der Zeitung aus und gab der zappelnden Fliege den Rest. Den zerquetschen Fliegenkörper trug er rüber ins Badezimmer und spülte ihn in der Toilette achtlos runter.

 

Danach verließ Mr. Goldmann das Hotelzimmer, um einen kleinen Nachtspaziergang zu machen. Er hoffte, vielleicht danach besser schlafen zu können.

 

***

 

Die Nacht war klar. Ein bleicher Vollmond stand am Himmel und schickte gerade sein gespenstisches Licht auf die Erde, als der alte Handelsvertreter nach draußen durch die gläserne Drehtür des Hotels auf die einsam da liegende Straße trat. Schon nach wenigen Schritten spürte er, dass sich die Welt um ihn herum auf seltsame Art und Weise verändert hatte. Sie war einfach irgendwie anders geworden. Er spürte das genau. Irgendwas stimmte mit ihr offensichtlich nicht. Die gesamte Umgebung wirkte auf Mr. Goldmann wie eine künstliche Bühnendekoration, deren Erbauer allerdings für ein hohes Maß an Detail- und Wirklichkeitstreue gesorgt hatten.

 

Unsicher blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um.

 

Ach was. Mach dich nicht selbst verrückt, Goldmann. Du denkst dir doch bloß wieder nur einen haarsträubenden Unsinn aus. Deine Fantasie geht mit dir durch“, murmelte er mit leiser Stimme in sich hinein und wollte sich offenbar damit selber Mut machen.

 

Kaum hatte er den letzten Gedanken zu Ende gedacht, als er im gleichen Augenblick vor Schreck wie zu einer Salzsäule erstarrte. Im ersten Moment wähnte sich Mr. Goldmann in einem bösen Albtraum. Er konnte nicht glauben, was er sah.

 

Keine zwanzig Meter vor ihm auf dem weitläufigen Parkplatz des Hotels stand eine insektenartige Gestalt im schwarzen Kaftan mitten in einem großen Kreis aus riesigen Steinquadern. Eine eigenartige Stille umgab sie. Etwa drei Dutzend mannshohe Fliegenwesen mit leise surrenden Flügeln standen schweigend und erwartungsvoll im gebührenden Abstand um diesen furchterregenden Insektenschamanen herum. Ein leises, geheimnisvoll anmutendes Wispern ging von ihnen aus. Es lag eine seltsame Anspannung in der Luft, die man fast mit Händen greifen konnte. Ein Feuer brannte knisternd und beleuchtete die unheimliche Szene mit flackerndem Licht.

 

Die Gestalt begann plötzlich unverständliche Beschwörungsformeln aufzusagen, steigerte die Intensität noch bis ins Unerträgliche, um schließlich abrupt mit weit geöffnetem Mund innezuhalten. Wie auf ein unhörbares Kommando hin drehte sich der Insektenschamane langsam zu Mr. Goldmann herum und blickte den alten Handelsvertreter aus glutroten Facettenaugen böse an.

 

Dann geschah etwas Unheimliches, ja geradezu Furchterregendes.

 

Aus dem weit geöffneten Mund der insektenartigen Gestalt kroch auf einmal laut summend eine pechschwarze, hässlich aussehende Fliege, die sofort auf Mr. Goldmann zuflog und sich direkt vor ihm niederließ.

 

Eine Weile passierte nichts, doch dann wuchs das schwarze Insekt schubartig und unaufhaltsam zu einer monströsen Riesenfliege heran, die bald den alten Mr. Goldmann um mehr als das Zwanzigfache seiner Größe übertraf. Der alte Handelsvertreter wurde jetzt leichenblass im Gesicht, wankte taumelnd nach hinten und stürzte mit einem lauten Aufschrei rücklings auf das harte Steinpflaster, wo er benommen liegen blieb. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er voller Entsetzen das albtraumhafte Fliegenmonster an, das mit seinem gewaltigen Saugrüssel nach ihm suchte.

 

Mr. Goldmann riss noch instinktiv seine Arme schützend nach oben, als das gigantische Fliegeninsekt eines seiner hässlich beharrten Beine anhob und es mit einer einzigen schnellen Bewegung auf den wehrlos zuckenden Körper des alten Mannes niedersausen ließ. Ein schrecklicher Todesschrei ertönte noch, dann spritzten Blut und Fleischreste wie eine Fontäne nach allen Seiten.

 

Der Körper von Mr. Goldmann war wie eine faule Tomate unter der Wucht des alles zermalmenden Trittes des Monsters zerplatzt und was von ihm noch übrig geblieben war, hatte jetzt keine Ähnlichkeit mehr mit einem Menschen. Kurz danach fielen Miraden von kleinen Fliegen über seine verstreut herumliegenden Überreste her und taten sich sichtbar gütlich daran.

 

Mittlerweile war auch das knisternde Feuer abgebrannt und eine unheimlich anmutende Dunkelheit breitete sich über den stillen Parkplatz aus. Das Surren und Wispern der seltsamen Fliegenwesen wurde zusehends leiser, bis es bald schließlich ganz verstummte.

 

Düster schien das fahle Licht des Vollmondes vom nächtlichen Himmel, der plötzlich wieder hinter einer dunklen Wolkendecke hervorlugte.

 

***

 

Laut Schreiend und schweißgebadet wachte Mr. Adolf Goldmann auf. Er lag nur mit einer dünnen Sommerhose bekleidet auf der Couch seines Hotelzimmers und blickte wie ein gehetztes Tier mit weit aufgerissenen Augen im Zimmer herum. Schnell beruhigte er sich wieder, riss sich mit aller Kraft zusammen, griff nach seinem Taschentuch und wischte sich damit den perlenden Schweiß von der Stirn.

 

Die kleine Lampe auf dem Rauchtisch brannte noch. Ihr trübes Licht erhellte den Raum nur schwach. Eine kleine Fliege umsurrte den beigefarbenen Lampenschirm und ließ sich schließlich darauf nieder. Sie krabbelte nach innen und kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Dann flog sie zu einem Tropfen Wasser auf der getönten Glasplatte, wo sie sich abermals niederließ und mit ihrem Rüssel gierig das köstliche Nass in sich einsog.

 

Was war das bloß für ein beschissener Alptraum“, sagte er zu sich selbst. „Ich wurde von einer Riesenfliege einfach totgetreten. Zum Schluss fielen auch noch Miraden von diesen kleinen Drecksviechern über mich her und fraßen mich auf. Das war ja richtig ekelhaft! Wie kann man so was nur träumen...“

 

Auf einmal erblickte Mr. Goldmann die kleine Fliege vor ihm auf dem Tisch und wie sie dort eifrig mit ausgefahrenem Rüssel um einen Wassertropfen herumkrabbelte. Schon wollte er instinktiv mit dem schweißnassen Taschentuch nach ihr schlagen, als er sich wieder an diesen Albtraum mit der Riesenfliege erinnerte.

 

Zögerlich nahm er die Hand mit dem Taschentuch zurück und erhob sich von der Couch, um sich im Badezimmer frisch zu machen. Er schob die hölzerne Schiebetür zur Seite, stellte sich vor das Waschbecken und drehte die Wasserhähne der Mischbatterie langsam auf. Dann griff er nach Zahnpasta und Zahnbürste.

 

Als er seinen Mund zum Zähneputzen öffnete, quoll plötzlich im gleichen Augenblick ein nicht abreißender Strom von kleinen Fliegen laut summend daraus hervor.

 

Mr. Goldmann taumelte schreiend und mit schreckensverzerrtem Gesicht zur Seite, fasste sich mit beiden Händen in panischer Angst an den Kopf und fiel kurz darauf rücklings der Länge nach in die Badewanne, wo er mit dem Kopf voran hart auf dem Boden aufschlug. Es gab ein hässliches Geräusch. Aus einer großen Platzwunde heftig blutend und halb bewusstlos versank der alte Mr. Goldmann in einem wabernden und wogenden Meer aus Miraden von kleinen schwarzen Fliegen, die seinen krampfartig zuckenden Körper schmatzend gnadenlos langsam verspeisten.

 

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

Die schöne Söldnerin ELLEN EIRIES


 


Draußen war es schon lange hell.

 

Mr. Morten Haskins, der alternde, wenig erfolgreiche Schriftsteller, wachte mit einem ziemlichen Brummschädel auf. Halb benommen langte er nach der Flasche Whisky vor sich auf dem Bett, bis ihm dämmerte, dass sie total geleert war.

 

So ein verfluchter Mist…! War ich das? – Diese verdammten Ablieferungstermine gehen mir echt auf die Nerven. Ich glaube, dass ich langsam zu alt für diesen Quatsch werde“, murmelte Haskins mürrisch halblaut vor sich hin. Er hatte das Gefühl, dass seine Augenlider schwer wie Blei waren. Sein flüchtiger Blick glitt zum Schreibtisch hinüber, der direkt vor dem großen Schlafzimmerfenster stand. Die schweren Vorhänge waren zugezogen und ließen deshalb nur wenig Tageslicht durchdringen. Neben der Schreibmaschine war ein Haufen Papier aufgestapelt, von dessen oberstem Blatt ihm mit einer ironischen Anspielung das Wort „ENDE“ entgegenprangte.

 

Langsam kam die Erinnerung wieder, wenngleich auch nur für einige kurze Augenblicke, dass er bis tief in die Nacht hinein an seinem Manuskript gearbeitet hatte und danach, überschwemmt vom Gefühl der Erleichterung über seine Fertigstellung, ein Glas Whisky nach dem anderen in sich reingeschüttet haben muss. Irgendwann hat er dann wohl mit letzter Kraft das Bett aufgesucht und ist, halb bewusstlos von der Sauferei, darin sofort eingeschlafen.

 

Ein Blick auf die Uhr genügte, dass das vor mehr als acht oder neun Stunden passiert war. Haskins reckte seine steif gewordenen Glieder und lehnte sich in halb gebückter Haltung an das hölzerne Kopfteil seines Bettes. Ein unbestimmter Würgereflex kam in ihm hoch, den er nur mühsam unterdrücken konnte. Das ganze Zimmer war von seinen alkoholischen Ausdünstungen erfüllt, weil die Fenster geschlossen waren.

 

Dann erstarrte er.

 

Er rieb seine verschlafenen Augen, ob er auch richtig sähe: Vorne auf der Bettkante saß eine ganz in Schwarz gekleidete junge Frau in hohen glattpolierten Lederstiefeln, eng anliegender, körperbetonter Strumpfhose und seidenen Rollkragenpulli, die ihn mit lasziv übereinandergeschlagenen Beinen aufmerksam beobachtete.

 

Mr. Haskins überlegte intensiv. Seiner Erinnerung nach war er mehr als acht oder neun Stunden schlafend und allein in seiner Wohnung gewesen. Auch davor hatte er niemanden reingelassen. Seine Eingangstür war aus Sicherheitsgründen gleich mehrfach verriegelt. In dieser gefährlichen Wohngegend musste das sein.

 

Schlagartig war der Schriftsteller hellwach und alarmiert schaute er sich im Zimmer um. Er warf seinen Blick nach links und rechts über die Schultern, auf der Suche nach weiteren Eindringlingen. Doch niemand sonst, außer der schönen Frau in Schwarz, war im Raum.

 

Wie von der Tarantel gestochen sprang Mr. Haskins aus dem Bett, wobei er den Stuhl vor sich mit den nackten Füßen anstieß, der daraufhin nach hinten kippte und krachend auf den Boden knallte. Heftig fluchend schrie er vor Schmerzen laut auf, humpelte mit kleinen Sätzen rüber bis zur Kommode, wo er alle Schubladen von oben nach unten bis zum Anschlag aufriss.

 

Irgendwo muss doch hier der Revolver sein“, zischte der Schriftsteller mit zusammengepressten Lippen und schon hatten seine zitternden Finger unter einem Stapel Socken die geladene Waffe ertastet, deren metallisch kühler Griff auf seine Berührung zu warten schien, um sich in seine Hand zu schmiegen. Noch nie hatte der alte Haskins ein Schießeisen auf einen anderen Menschen gerichtet. Mit schlotternden Armen zielte er damit auf den ungebetenen, weiblichen Gast.

 

Wer zum Teufel noch mal sind Sie?“ krächzte er mit verzerrter Stimme aus Angst trockener Kehle. „Wie sind Sie hier in meine Wohnung gekommen? Los, antworten Sie mir!“

 

Die Frau legte den Kopf entspannt zur Seite und starrte Haskins danach ungerührt und unbeweglich in aller Ruhe an. Sie beobachtete verwundert sein Tun. Dann sagte sie mit sanfter Stimme: „Was soll das denn? Ich finde, dass ist ein ziemlich eigenartiger Empfang, den du hier veranstaltest. Meinst du nicht auch, mein lieber Morten?“

 

Kommen Sie, kommen Sie…! Ich habe Sie etwas gefragt. Beantworten Sie meine Frage, junge Frau! Sofort!“

 

Die Frau in Schwarz zuckte die Schultern, wartete einen Moment und entgegnete ihm: „Tu nicht so unschuldig, Morten. Du hast mich gerufen und…, ja und hier bin ich, mein Guter.“

 

Ich soll Sie gerufen haben? Das habe ich bestimmt nicht. Was soll der ganze Unfug?“

 

Die Schöne stand auf und bewegte sich geschmeidig wie eine schwarze Pantherin auf Mr. Haskins zu. Das Spiel ihrer Muskeln unter der eng anliegenden Kleidung verriet weder weiche Kurven noch scharfe Kanten. Ihr Blick traf den seinen, ohne auch nur einen Millimeter auszuweichen. Haskins traf dieser selbstsichere Blick bis ins Mark. Unsicher, fast willenlos, ließ er den Revolver etwas sinken.

 

Sag mal Morten, welch verrücktes Spielchen treibst du eigentlich hier mit mir?“

 

Haskins begann zu stottern.

 

D…d…, das wüsste ich auch gern von Ihnen, junge Frau! Kommen Sie bloß nicht näher. Bleiben Sie, wo Sie sind…!“

 

Der Gesichtsausdruck der schwarz gekleideten Schönheit veränderte sich. Sie runzelte nachdenklich die Stirn und fragte Mr. Haskins schließlich mit betont befremdlicher Stimme: „Erkennst Du mich denn wirklich nicht? Weist Du denn nicht mehr, wer ich bin?“

 

Nein…! Ehrlich, ich kenne Sie nicht. Wirklich. Ich wüsste auch nicht woher.“

 

Die Frau schien plötzlich echt und ungekünstelt verwirrt zu sein, sodass der Schriftsteller sich dazu gedrängt sah, in seinen Erinnerungen nach dieser Schönheit mit den dunklen, katzenartigen Augen, der geraden Nase, dem schulterlangen, kastanienbraunen Haar und der betörend schönen Figur zu forschen. Umsonst. Er fand nicht einen einzigen vagen Hinweis, der auch nur annähernd auf diese Frau zutraf, obwohl Haskins als eingefleischter Junggeselle ein regelmäßiger Hurengänger war, dem viele schöne Frauen in seinem Leben begegnet sind. Diese jedoch nicht.

 

Etwas gefasster sagte Haskins schließlich: „Ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen. Ich kenne ja noch nicht einmal Ihren Namen.“

 

Sie machte plötzlich einen Schritt auf ihn zu, blieb aber sofort wieder wie angewurzelt stehen als Mr. Haskins die Pistole hochriss und sie fest auf ihre Brust richtete.

 

Die Frau schien auf einmal sehr traurig zu wirken.

 

Ich kann es einfach nicht glauben, dass du mich aus deinen Erinnerungen gelöscht hast, Liebster. Ich kann und will es nicht glauben. Deine schönen blauen Augen verraten mir aber genau das Gegenteil. Du hast mich nicht vergessen. Sie sagen es mir ganz klar.“

 

Was? Was ist mit meinen Augen? Was soll damit sein?“ erkundigte sich Mr. Haskins total verblüfft bei der vor ihm stehenden Frau.

 

Ich sagte es doch schon. Es sind deine Augen. Sie sind noch immer stahlblau. Ich kenne sie genau. Niemand im ganzen Universum vermag es, selbst wenn er sein Gedächtnis verloren hat oder es bewusst ausschaltet, die darin enthaltene pigmentöse Bewunderung zu verheimlichen.“

 

Mr. Haskins fühlte sich plötzlich auf eigenartige Weise geschmeichelt. Die hingebungsvollen Worte des bildhübschen Weibes drückten eine tiefe Liebe zu ihm aus, wenngleich er nicht wusste warum sie das tat.

 

Ein Anflug von Lächeln kräuselte trotzdem seine Lippen.

 

Ich denke mal, dass Sie meine Geschichten mehr als nur aufmerksam gelesen haben.“

 

Welche Geschichten? Deine? Bist du jetzt ein Schriftsteller, Liebster?“ fragte sie ihn verdutzt.

 

Ja natürlich, meine Geschichten und Erzählungen haben es Ihnen angetan. In ihnen wandte ich mehr als ein Dutzend mal diese Art der Erinnerungsverdrängung oder Gedächtnisausschaltung an. Das ich nicht gleich darauf gekommen bin.“

 

Mit einer hastigen Handbewegung wies der Schriftsteller auf das fertige Manuskript hin, das auf dem Schreibtisch vor seinem Fenster lag und aus einem losen Blätterstapel bestand.

 

Ach du liebe Güte! Glaubst du tatsächlich, dass ich, anstatt die Wohnung auszurauben, während du deinen Rausch ausschläfst, deine neue Geschichte durchgelesen habe?" sagte die Schönheit lachend, wobei sie mit der rechten Handfläche ihren herrlich roten Mund vornehm verdeckte. Mit einem Schlag hielt sie jedoch inne und fuhr mit ungeschminktem Ernst fort: „Ich bin weder eine Diebin, noch habe ich deine Geschichten gelesen. Was soll der ganze Blödsinn?“

 

Dann sagen Sie mir endlich, wer Sie sind!“ rief Haskins erregt.

 

Ich bin die „Zeitrose“, die Raumschiffkommandantin „Lora-Lin von Shandolar“, die mutige Freiheitskämpferin „Blue Dynamite“ vom Planeten Mysterium I im Raumquadranten Alpha Centauri. Alles deine Geschöpfe, mein lieber Morten. Sie stammen alle von dir und jede lebt in ihrem eigenen Universum. Und ich? Gegenwärtig diene ich am Hofe des Lord Admirals der intergalaktischen Sternenflotte Malcom Quint als Söldnerin „Ellen Eiries“. Ist es das, was du hören wolltest?“

 

Der Schriftsteller Haskins schien für einen Moment lang ehr belustigt zu sein. Doch dann riss er sich wieder zusammen und fragte mit einem müden Lächeln: „Was soll das denn werden, wenn’s mal fertig ist? Verraten Sie mir endlich, wie Sie hier in meine Wohnung gekommen sind und was Sie von mir wollen.“

 

Willst du das wirklich wissen? – Nun, der Lord Admiral Malcom Quint hielt gerade in seiner Residenz All-Vektoran auf dem Planeten Hooke One meine Abschiedsrede, als ich dich von weit entfernt rufen hörte. Ich wandte mich neugierig nach allen Seiten um und ging schließlich deiner Stimme entgegen. Je näher ich dieser kam, desto deutlicher hörte ich dich rufen. Der Lord Admiral und die anwesenden Ehrengäste sahen mit Entsetzen, wie sich plötzlich vor mir knisternd vor Energie eine Raumkrümmung auftat, die ich, wie magisch angezogen, passierte, um mich im nächsten Augenblick, nur eine Sekunde später, hier in deinem Zimmer wiederzufinden. Da du schliefst, beschloss ich,

dich auf keinen Fall zu wecken, sondern wartete geduldig darauf, so still und leise ich nur konnte, bis du von selbst aufwachtest. Was sollte ich auch anderes tun?“

 

Mr. Morten Haskins schüttelte verwirrt den Kopf. Er konnte nicht glauben, was ihm da zu Ohren kam.

 

Er fixierte die Frau jetzt mit skeptischen Blicken und fragte sich insgeheim, ob sie hier vielleicht nur eine verrückte Show abzog.

 

Sagen Sie mir jetzt ganz ehrlich, welche Absichten verfolgen Sie eigentlich mit diesem ausgemachten Schwindel?“

 

Was für ein Schwindel? Welche Absichten soll ich verfolgen? Ich verstehe nicht, was du von mir willst, Morten.“

 

Zum Kuckuck noch mal! Jawohl, ausgemachter Schwindel! Sie denken doch wohl nicht im Ernst daran, dass ich auch nur einen Moment lang geglaubt habe, einer meiner erfundenen Gestalten hat es fertiggebracht, aus meinen Geschichten sozusagen „zu entsteigen“, um mir dann einen Erdenbesuch abzustatten. Ha, ha, ha! Das ich nicht lache…! Ich selbst habe die schöne Söldnerin „Ellen Eiries“ erfunden. Deshalb muss ich doch wohl auch am besten wissen, dass sie in Wirklichkeit nicht existiert.

 

Bist du dir da so sicher? Sieh mich an! Bin ich nicht „wirklich“?

 

Also mir langt es jetzt, Schätzchen! Ich bin Morten Haskins, der Science Fiction Autor und befinde mich auf der Erde des Jahres 2007. Ich kenne Sie nicht und weiß auch nicht, was Sie von mir wollen oder was Sie möglicherweise mit mir vorhaben.“

 

Die schöne Frau vor ihm senkte langsam das Gesicht. Sie schien sehr bestürzt zu sein.

 

Wer hat dir das nur angetan?“ flüsterte sie traurig. „Wer hasst uns beide so sehr, dass sie in deinem Gehirn alle Erinnerungen an unser gemeinsames Leben auslöschen wollen?“

 

Wieder blickte sie Morten Haskins in die Augen. Tränen liefen über ihre leicht geröteten Wangen, als sie von tiefem Schmerz durchdrungen zu weinen anfing.

 

Jetzt hören Sie aber mal auf zu heulen, Süße! Sie sind die perfekteste Schauspielerin, die mir je begegnet ist. Sie haben wirklich Talent, das kann ich Ihnen nicht absprechen.“

 

Oh Morten, Liebster! Was tust du mir an? Bin ich hier in einem Irrenhaus?“

 

Ihre Blicke überflogen das Zimmer, als ob sie es zum ersten Mal richtig sähe.

 

Man hat uns beide hier eingeschlossen. Gib es zu! Wir sind gefangen genommen worden. Wo sind wir hier eigentlich?“

 

Haskins wurde zornig. Schnaufend vor Wut sagte er: „Wir sind weder gefangen, noch befinden wir uns hier in einem Irrenhaus. Sie befinden sich in meiner schäbigen Mietwohnung in einem herunter gekommenen Außenbezirk von New York und diese Stadt liegt in den beschissenen USA, auf dem unbedeutenden Planeten Erde im Sonnensystem Sol irgendwo am Rande der Milchstraße…! Sind Sie jetzt zufrieden, Lady?“

 

Was, wir sind auf der Erde, dem legendären Planeten der Menschheit? Ich dachte, dieser Planet existiert nicht mehr.“ Die Frau in Schwarz schien darüber sehr verblüfft zu sein, dass sie sich offenbar auf der Erde befand.

 

Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Schätzchen! Jetzt hören Sie mal auf! Wollen Sie damit andeuten, dass ich nur jämmerlichen Mist verzapfe?“

 

Anstatt ihm zu antworten, blickte die junge Schönheit zum Fenster hinüber.

 

Sind die Fenster durchsichtig?“ fragte sie.

 

Wenn man die Vorhänge wegzieht, dann schon.“

 

Darf ich mal raussehen?“

 

Von mir aus. Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber viel Aussicht werden Sie sowieso nicht haben.“

 

Sie zog die schmuddeligen Vorhänge beiseite und beugte sich vornüber, um durch die schmutzig trüben Scheiben nach draußen zu blicken. Man sah ihr an, dass sie über den Ausblick nachsann.

 

Nach einer Minute des Schweigens öffnete sie ihren Mund und fragte Haskins: „Bist du schon lange hier?“

 

Ja, solange ich denken kann. Nein, nicht ganz. Ich bewohne dieses verkommene Apartment erst seit ungefähr fünf Jahren.“

 

Sie warf ihm einen seltsam nachdenklichen Blick über die Schulter zu und sagte dann: „Du hast schon an vielen Orten im Universum gelebt, aber noch nie auf der Erde.“

 

Haskins schüttelte verständnislos den Kopf.

 

Ich verstehe nicht ganz, was Sie damit sagen wollen. Wenn Sie meine Geschichten für wahr halten, dann ist das einzig und allein Ihre Sache. Ich halte das zwar für absolut verrückt, aber jeder kann tun und lassen was er will, auch Sie natürlich, meine Gnädigste. Andererseits: Wenn Sie mich für dumm verkaufen wollen, um einer möglichen Anzeige meinerseits wegen Einbruchs zu entgehen… Na schön, ich bin nicht nachtragend und schon gar nicht ein Freund der Polizei. Dort drüben ist die Tür! Ich werde sie öffnen. Sehen Sie zu, dass Sie fortkommen!“

 

Die Schönheit stand immer noch am Fenster und schaute neugierig nach draußen.

 

Plötzlich drehte sie sich um und sah Haskins mit durchdringendem Blick an.

 

Wir sollten einen Arzt aufsuchen, Morten“, sagte sie mit sanfter Stimme und fuhr fort: „Er wird dir bestimmt helfen können, Liebster! Er wird dich heilen! Ganz bestimmt!“

 

Mr. Haskins hob langsam wieder den Revolver, legte auf die Frau an und zuckte mit der Waffe mehrmals vor und zurück.

 

Es reicht jetzt! Ein letztes Mal! Verschwinden Sie aus meiner Wohnung so lange der Geduldsfaden bei mir noch nicht gerissen ist. Ich habe große Lust dazu, Sie zu erschießen.“

 

Die schöne Frau schob mit der Rechten den Ärmel des Rollkragenpullis vom linken Handgelenk zurück und enthüllte im nächsten Moment einen breiten Metallring.

 

Du brauchst dringend Hilfe! Lass mich dafür sorgen, dass du zu einem unserer Ärzte gebracht wirst. Ich rufe die örtliche Kommandantur an, um sie um Unterstützung zu bitten, Schatz.“

 

Womit denn? Mit diesem Armring vielleicht? Was ist das für ein Ding? Ein Hypersender? Eine Zeitmaschine? Ein Transmitter? So was gibt es nur in Science Fiction Romanen. Die Wirklichkeit lässt solche technischen Hirngespinste gar nicht zu.“

 

Es ist so was ähnliches. Warte ab, was passiert.“

 

Ach was? Ein Armring mit magischen Kräften? Den Trick möchte ich gern erleben.“

 

Die Frau in Schwarz griff plötzlich an ihr Armband und drehte es ein paar Mal hin und her. Sie runzelte die Stirn, flüsterte mehrmals hintereinander ihren Namen wie eine Beschwörungsformel. Doch nichts geschah.

 

Verärgert umklammerte sie den breiten Metallring mit der rechten Hand.

 

Wir müssen von einem Abschirmfeld umgeben sein. Es ist eine Falle.“

 

Ihr Trick klappt wohl nicht, oder?“ fragte Haskins hämisch.

 

Die Frau sah nach oben zur Zimmerdecke und rief: „Was treibt ihr mit mir? Wer immer dort oben ist und mich beobachtet…, was soll das?“

 

Unwillkürlich folgte der Schriftsteller dem Blick der Frau nach oben an die Decke. Im selben Augenblick hatte die Schönheit den trennenden Zwischenraum überquert und ihre Arme um Haskins Brustkorb geschlungen. Mit eisernem Griff hielt sie sich an ihm fest, gerade so, als ob er ihr einziger rettender Strohhalm kurz vor dem Ertrinken wäre.

 

Dann schluchzte sie: „Morten, Liebster, ich will dich nicht verlieren. Ich liebe dich zu sehr.“

 

Mr. Haskins war wie zu einem Klotz erstarrt. Die Pistole fiel ihm aus der Hand. Polternd blieb sie auf dem Boden liegen. Die Frau drängte sich mit ihrem Körper an den seinen, ihr schönes kastanienbraunes Haar schmiegte sich weich an seine Wangen. Er war hingerissen von ihr. Sie roch unglaublich weiblich und für den Augenblick eines Herzschlages empfand der Schriftsteller, als wäre sie wirklich die leibhaftige Söldnerin „Ellen Eiries“ aus seinen Science Fiction Romanen. Sie war seine schöne Heldin in unzähligen interstellaren Abenteuern. Ihre roten Lippen waren jetzt ganz nah.

 

Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen“, verlangte er leise zu wissen, weil sie ihn küssen wollte.

 

Nichts weiter als meinen geliebten Morten“, flüsterte sie zärtlich.

 

Dann presste sie ihren Mund auf den seinen.

 

Sehr lange.

 

Ihr Kuss ließ Haskins nach eine Weile schwindelig werden. Es war schon lange her, dass eine weibliche Person ihn so innig und hingebungsvoll geküsst hatte. Er brachte es deshalb nicht fertig, die süße Berührung abzubrechen. Schließlich sorgte sie selbst dafür und löste sich von ihm, aber nur eine Handbreite.

 

Hab’ ich doch gewusst. Den Kuss kenne ich“, hauchte sie voll erotischer Hingabe. Dann zog sie ihn wieder fest an sich und sank mit ihm spontan aufs Bett.

Beide entledigten sich im aufkommenden Liebesrausch stürmisch ihrer Kleidung und eine lange, schweigende Vereinigung begann.


Danach schlief Morten Haskins in ihren Armen ein. Er träumte einen altbekannten Traum: Er befand sich in einer anderen Welt und wanderte in Finsternis umher. Er rief um Hilfe. Irgendwo am fernen Horizont hörte er eine Frauenstimme, die ihm antwortete, doch je näher er auf diese Stimme zulief, er erreichte sie nicht. Dann sah er diese schöne Frau im Schein zweier Monde, wie sie ihm zuwinkte. Als er ebenfalls seine Arme hob, verschwand sie plötzlich. Er wachte auf.

 

Die Schönheit neben ihm, die sich als „Ellen Eiries“ ausgab, lag nackt und mit weit ausgestreckten Beinen an seiner Seite. Ihre dunklen Augen waren geöffnet. Sie beobachtete jede seiner Bewegung. Sie richtete sich auf und küsste ihn abermals wild und ungestüm.

 

Morten Haskins studierte ihre glatte, weiße Haut und ließ seinen Blick über ihre sanften Hüften und prallen Brüste gleiten. Er streichelte sie zärtlich mit den Fingerspitzen, zog sachte die Kurven ihres unglaublich schönen Körpers nach. Sein Ärger und seine Bedenken waren wie flüchtiges Gas verflogen. Er hatte das seltsame Gefühl, dass ihm diese Frau irgendwie vertraut und bekannt vor kam. Er liebte sie. Er fühlte sich dabei wie in einem Liebestraum.

 

Die weibliche Person, die sich „Ellen Eiries“ nannte, lehnte ihren Kopf spontan an seine beharrte Brust.

 

Sie begann zu sprechen, wobei sie ihm nachdenklich einen Finger an die Lippen legte.

 

Morten“, sagte sie, „könnte es nicht sein, dass wir eine Reise durch Raum und Zeit gemacht haben? Ich versuche ja nur, eine Erklärung für dein Verhalten zu finden.“

 

Haskins lehnte sich etwas zurück und streichelte ihre Wangen.

 

Ich weiß nicht, was du vorher gemacht hast“, eröffnete er ihr. „Ich jedenfalls habe mein ganzes Leben hier auf der Erde verbracht. Tatsächlich bin ich noch nicht einmal mehr als hundert Kilometer aus dieser verfluchten Stadt rausgekommen.“

 

Aber Morten, erinnere dich! Du bist unzählige Lichtjahre von der Erde entfernt auf anderen Planeten gewesen und hast viele Sternensysteme besucht.“

 

Ellen, ich sage dir nochmals…, nein! Das kann nicht sein. Ich wüsste ja sonst davon.“

 

Liebling, du warst der Raumschiffkommandant eines gewaltigen Schlachtschiffes namens „Red Hot“ mit mehr als zehntausend Mann Besatzung und hast Kriege weit entfernt von diesem Sonnensystem, das du Sol nennst, geführt. Ich muss es doch wissen! Ich bin deine Frau!“

 

Die Erde hat keine Raumschiffe dieser Größenordnung. Jedenfalls jetzt noch nicht. Ich hoffe zwar darauf, aber wenn es mal soweit sein wird, werde ich mit Sicherheit nicht mehr leben und auch nie ein solch gewaltiges Raumschiff kommandieren.“

 

Ach Morten…!“

 

Tut mir leid, Ellen. Aber können wir trotz allem dieses Spiel jetzt nicht beenden?“

 

Langsam, wie unter einer zentnerschweren Last, senkte sie abermals den Kopf. Ihre schönen Augen starrten ins Leere. Sie schien diesmal wirklich noch bestürzter zu sein, als beim ersten Mal und bedurfte offenbar des Trostes.

 

Haskins sehnte sich danach, sie in seine Arme zu nehmen, sie an sich zu pressen, um sie fest zu umschlingen. Aber er brachte es nicht fertig.

 

Plötzlich befiel ihn das schauderhafte Gefühl, dass er sie die ganze Zeit falsch eingeschätzt hatte. Es war kein Spiel, sondern eine echte Wahnvorstellung, eine gutgebaute Täuschung, die auf seine erfundene, literarische Gestalt basierte, die er das Leben geschenkt hatte. Die Angst kroch wie eine bösartige Giftspinne in ihm hoch, weil er glaubte, der Suff habe ihn mittlerweile schon um den Verstand gebracht. Er wähnte sich bereits im Delirium.

 

Während er nachdachte, schaute sie ihn an.

 

Morten“, sagte sie, „was genau ist es, worüber du schreibst?“

 

Er lächelte über ihre Frage.

 

Nun ja, ich schreibe mal über mich, mal über andere oder erfinde einfach irgendwelche Geschichten, die in der Zukunft spielen. Science Fiction sagt man heute dazu.“

 

Gedankenvoll blickte sie ihn wieder an, nachdem sie kurz weggeschaut hatte.

 

Nein, Morten, nicht Science Fiction. Ich existiere wirklich. Wir beide liegen in diesem Zimmer und haben uns noch vor wenigen Minuten geliebt und körperlich vereinigt. Ich bin genauso real wie du. Ich denke mal, dass du mit der Zukunft irgendwie auf unerklärliche Art und Weise über unglaublich weite Distanzen in Verbindung treten kannst. Du holtest mich hierher – also kannst du mich auch wieder zurückschicken.“

 

Wie bitte? Ich soll dich zurückschicken? Aber wohin?“

 

Sie schmiegte sich wieder an ihn und küsste ihn zärtlich auf die Wange. Sein Arm schlüpfte um ihre Taille, passte sich ihr an, als wäre er dafür geformt.

 

Das finden wir schon irgendwie heraus, Liebster. Versteh mich bitte: Ich muss wieder zurück und ich werde dich mitnehmen.“

 

Eng umschlungen legte sie sich auf ihn und liebte ihn ein zweites Mal voller Hingabe.

 

Haskins schloss die Augen und genoss die Nähe und das Innere ihres Körpers.

 

Dann wachte er wieder auf. Sie saß noch immer nackt auf ihm.

 

Morten, ich kann hier nicht bleiben“, sagte sie mit leiser Stimme zu ihm. „Wenn ich bleibe, könnte ich niemals mehr die Schönheit der Sterne aus nächster Nähe sehen. Es ist ein großartiges Erlebnis, wenn man eine Galaxie aus dem Panoramafenster eines gewaltigen Schlachtschiffes betrachten kann. Du musst das Tor wieder öffnen und eine Raumkrümmung erzeugen!“

 

Haskins griff nach ihrer Schulter und fasste sie hart an.

 

Es gibt kein Tor, Ellen. Es hat niemals eins gegeben. Ich kann auch keine Raumkrümmung erzeugen. Wie soll ich das können? Ich erfinde diese Dinge nur in meinen Science Fiction Romanen. Weiter nichts.“

 

Sie starrte ihn an.

 

Doch Liebster, du kannst es. Du musst dich nur intensiv darum bemühen. Du musst es von ganzem Herzen wünschen, dass du und ich gehen. Dein Wille allein hält dich und mich in dieser Dimension gefangen, wo wir beide eigentlich nicht hingehören.“

 

Unter diesem beschwörenden Blick fielen seine Hände von ihr ab. Sie erhob sich von ihm und stellte sich breitbeinig vor das Bett.

 

Du möchtest also unbedingt, dass es dein Wunsch ist, mich hier zu behalten“, erklärte sie ruhig. Sie ging plötzlich in einem weiten Bogen um das Bett herum und durchquerte in zwei großen Sätzen das Zimmer. Bevor Morten Haskins überhaupt begriff, was sie beabsichtigte, hatte sie auch schon den auf dem Boden liegenden Revolver in beide Hände genommen, wirbelte um die eigene Achse und zielte mit der Waffe auf ihn. Haskins streckte schützend beide Arme von sich, als wolle er den tödlichen Schuss abwehren.

 

Dann schrie er heiser: „Ellen, mach’ keine Dummheiten!“

 

Liebling, ich will nicht auf der Erde bleiben. Wir werden einen Weg aus dieser Welt finden, um von hier weg zu kommen. So versteh’ mich doch!“

 

Haskins war verzweifelt.

„Das glaube ich dir ohne weiteres, Schatz. Aber nicht so. Du wirst mich umbringen. Ich will nicht sterben, bitte!“

 

Beherrscht wies sie mit dem Lauf des Revolvers auf ihn.

 

Morten, du bist es, der uns beide hier gefangen hält. Dein Wunsch und dein Wille sind es, die uns hier an diesem Ort binden. Wenn du ablehnst, beides aufzugeben, bleibt mir keine andere Wahl, als diesen, deinen Willen zu brechen. Auch deinen Wunsch kann ich nicht in Erfüllung gehen lassen. Ich werde beides verhindern.“

 

Der Schriftsteller wähnte sich in einem Albtraum. Er fand keine Zeit mehr, seinem grenzenlosen Entsetzen durch einen Schrei Ausdruck zu verleihen, als mit einem blendenden Lichtblitz das Projektil den stählernen Lauf der Pistole verließ und klatschend in seine Brust einschlug. Noch während sich Morten Haskins im Todeskampf aufzurichten versuchte, hörte er einen zweiten Schuss und sah mit gebrochenem Blick, wie Ellen nach vorne aufs Bett fiel und sich langsam aufzulösen begann. Sie verschwand einfach vor seinen Augen wie ein durchsichtiges Gespenst.

 

Dann löste sich alles um ihn herum auf. Die gesamte Umgebung verschwand im Nichts, noch bevor ihn Finsternis umhüllte.

 

***

 

Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt in einer anderen Galaxie.

 

Morten kommt wieder zu sich, Ellen“, sagte der Arzt des Operationsteams. „Wir hätten ihn beinahe verloren. Er war zwar schwer verletzt, aber er wird wieder völlig gesund werden. Der Kerl hat ein Riesenglück gehabt, dass er die verheerende Explosion seines Schlachtschiffes in der Rettungskapsel überhaupt überlebt hat. Fast alle seine Männer sind tot. Ein großer Verlust für die intergalaktische Flotte, aber sie wird es verkraften. Dein Mann hat trotzdem den Krieg gegen die Xeraner für sich entscheiden können, indem er vorher den von ihnen benutzten Zeitsprungkorridor rechtzeitig mit Antimaterieminen unpassierbar gemacht hat. Die Xeraner sind mit ihrer gesamten Raumkampfflotte in diese Falle getapst und vernichtet worden. Du kannst froh darüber sein, dass du dich zur gleichen Zeit beim Lord Admiral Malcom Quint auf Hooke One befunden hast. Vielleicht wärst du jetzt tot, wenn du zusammen mit ihm an diesem Kampf gegen die Xeraner teilgenommen hättest.“

 

Die schöne schlanke Frau im schwarzen, eng anliegenden Raumanzug lehnte sich liebevoll über ihren Mann und küsste ihn auf seine zitternden Lippen, als er gerade die Augen wieder aufschlug. Verschwommen erkannte Morten Haskins, der etwas in die Jahre gekommene Raumschiffkommandant des zerstörten Großraumkampfschiffes „Red Hot“ seine hübsche junge Frau.

 

Matt streckte er seine beiden Arme nach ihr aus und fragte sie flüsternd: „Ellen, wo bin ich?“

 

Bei mir…, in Sicherheit, Liebster.“

 

Ellen Eiries“ streichelte ihren Mann über die schweißnasse Stirn und legte ihren rechten Zeigefinger vorsichtig auf seinen leicht geöffneten Mund.

 

Schsch…, du musst dich schonen, mein Schatz. Man hat dir einen Zellgenerator eingepflanzt, der deine schweren Verletzungen schneller ausheilen wird. Ich werde auf jeden Fall bei dir bleiben, bis du wieder völlig genesen bist.“

 

Morten sah seine Frau Ellen zufrieden an.

 

Ach Ellen, was würde ich ohne dich machen? Wenn ich wieder auf den Beinen bin, werde ich dir von meinem seltsamen Traum erzählen müssen, der mir so real vorkam, wie dieser Augenblick mit dir jetzt. – Stell dir vor, ich war irgend so ein alter Science Fiction Romanschreiber auf einem Planeten, den man Erde nennt oder so ähnlich. Und weist du, was das Seltsame an diesem Traum war? Du hast mich dort auf diesem Planeten besucht und…“

 

Ich weiß, ich weiß, Morten“, unterbrach ihn seine Frau. „Aber Träume sind Schäume und haben nichts zu bedeuten. Die Schwester wird gleich kommen und den Zellgenerator auf halbe Leistung stellen, damit du in Ruhe einschlafen kannst. Ich werde solange bei dir bleiben und mich in deiner Nähe aufhalten.“

 

Als die Krankenschwester in das Zimmer kam und ans Bett des verletzten Raumschiffkommandanten trat, hatte dieser bereits seine Augen wieder geschlossen, immer noch die Hand seiner schönen jungen Frau, der ehemaligen Söldnerin „Ellen Eiries“, fest umschlossen haltend.

 

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

 


 

Der Berggeist

 

(Oder die fantastische Geschichte des Mr. Walter Woodstock und seiner Frau Franzis)

 

 

Die frische Luft hier oben in den Bergen einatmen zu können, war für

Mr. Walter Woodstock jedes Mal die reinste Wohltat. Die meiste Zeit seines Lebens hatte er aus beruflichen Gründen immer in irgendwelchen Großstädten gelebt, doch ein oder zwei Mal im Jahr machte er ausgiebig Urlaub auf seiner abgelegenen Gebirgshütte aus unbehandelten, kernigen Kiefernholzbrettern, die im Laufe der vielen Jahrzehnte durch die harten, permanent einwirkenden Witterungseinflüsse hier oben gelblichbraun verfärbt worden waren. Auf diese Weise hatte sich die alte Hütte immer unauffälliger der übrigen Berglandschaft angepasst.

Trotzdem wollte der Großstadtmensch Walter Woodstock nicht auf die schönen Annehmlichkeiten verzichten, welche ihm das Leben in einer modernen Zivilisation so bot. Auf seiner Hütte befanden sich deshalb ganz alltägliche Einrichtungsgegenstände wie ein elektrischer Kühlschrank, ein kleiner Gasherd mit zwei Kochplatten, eine spartanisch eingerichtete Dusche mit Warmwasser aus dem Boiler und zwei weiche Federkernmatratzen auf den Betten in einem viel zu engen Schlafzimmer. In einem kleinen Abstellraum im hinteren Teil des staubigen Hofes stand sogar ein Diesel betriebenes Stromaggregat.

Mr. Woodstock hockte auf der hölzernen Bettkante und knüpfte sich gerade die Bänder seiner alten, klobig aussehenden Wanderschuhe zu. Dann stand er prustend auf, stülpte sich einen schmierigen braunen Filzhut auf den Kopf und zog sich eine wasserdichte Regenjacke über. Schließlich stopfte er sich noch mehrere Schokoriegel und eine Schachtel Zigaretten in die Taschen, bevor er seinen röhrenförmigen Angelkasten mit den verschiedensten Utensilien sowie den Forellenkorb ergriff und Anstalten machte, die Berghütte zu verlassen.

Wie lange wirst du wegbleiben, Walter?“ fragte plötzlich eine verschlafene Frauenstimme aus dem Hintergrund.

Ich hab’s mir schon fast gedacht. Jetzt kommt wieder der übliche Dialog“, murmelte der achtundsechzigjährige Mann mürrisch vor sich hin und blieb in der Nähe der Tür wie angewurzelt stehen. Er wusste genau, was er sagen würde, und ebenso wusste er, was seine Frau Franzis darauf regelmäßig zur Antwort gab. Das Spielchen lief mit der Unvermeidlichkeit des Schicksals ab.

 

Schatz“, antwortete Mr. Woodstock mit freundlich aufgesetzter Mine und drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite. „Ich werde mich beeilen und so schnell wie möglich wieder zurückkommen.“

 

Kannst du mir wenigstens sagen, wohin du gehst?“

Aber natürlich. Ich gehe am Fluss entlang hinauf zu dem Bergsee. Wird eine anstrengende Kraxelei. Wenn du willst, kannst du gerne mitkommen. Ich würde draußen vor der Hütte auf dich warten, Liebling.“

Ich glaube nicht, dass mir das was bringt. Da oben gibt es für mich sowieso nicht viel zu tun. Ich würde mich bestimmt nur langweilen. Geh’ alleine, Walter! Ich werde schon etwas finden, womit ich mich beschäftigen kann. Vielleicht spaziere ich runter in die Stadt und besorge uns was zu lesen“, antwortete seine Frau Franzis, legte sich auf die Seite und verschwand wieder mit ihrem schwarz behaarten Lockenkopf unter der warmen Bettdecke.

Ja Franzis, tu das. Ich halte das für eine gute Idee.“

Der Mann seufzte, ging durch den angrenzenden Wohnraum hinüber zur Tür, öffnete sie und trat hinaus ins Freie.

Es war früh am Morgen. Draußen wehte ein leichter Wind, aber es war kalt und für einen kurzen Augenblick nahm ihm die Kälte den Atem. Die langsam aufgehende Sonne versteckte sich hinter den grauen Wolken und der alte Woodstock spürte noch ganz deutlich die Nacht, die Sterne und die unendliche Stille hier oben in den Bergen, die ein Vorhof der Ewigkeit zu sein schienen.

Mit bedächtigen Schritten marschierte er hinüber zu seinem wuchtigen Jeep, der neben der Hütte auf dem steinigen Bergweg stand. Der Motor des Geländewagens sprang erst nach dem dritten Versuch an – wie immer, wenn er die ganze Nacht im Freien verbracht hatte. Vielleicht lag es am Vergaser, der für Fahrten im Gebirge wohl nicht richtig eingestellt war, dachte sich Mr. Woodstock und setzte das Fahrzeug langsam in Bewegung. Der holprige Bergweg war etwa einen Kilometer lang, fiel leicht nach unten ab und mündete an seinem Ende in eine gut ausgebaute Bergstraße, auf der allerdings nur wenig Verkehr herrschte. Bog man nach rechts ab, kam man in die nah gelegene Stadt namens Mountain City, die etwa neun Kilometer entfernt in einem tiefen Tal lag.

Mr. Woodstock lenkte seinen schweren Jeep genau in die andere Richtung, nämlich nach links, wo es hinauf in die Berge ging.

Mit eintönigem Brummen verließ der Geländewagen den schmalen, holprigen Bergweg, setzte seine Fahrt auf der geteerten, zweispurigen Gebirgsstraße fort und überquerte nach etwa zwei Kilometer eine kleine steinerne Bogenbrücke, hinter der, keine fünfzig Meter weiter, eine wenig befahrene Nebenstraße abzweigte, die in unmittelbarer Nähe eines reißenden Flusses entlang führte, der Stanton River hieß.

Das Wasser des Flusses war smaragdgrün. Seine Ufer waren von grünem Buschwerk und vielfarbigem Kiesel begrenzt. Mr. Woodstock öffnete das Fenster und konnte trotz des laufenden Dieselmotors das eisige Wasser neben der Straße sanft rauschen und plätschern hören. Aber er kannte den Stanton River; er war ein schneller, tiefer und reißender Fluss.

Der Alte verließ nach einer Weile die Flussstraße und gelangte an einen gewundenen Pfad, der direkt nach oben in die Berge führte. Er parkte den Jeep zwischen zwei dicht stehenden Büschen, öffnete die Tür und kletterte hinaus. Dann klaubte er seine Ausrüstung auf und ging mit weit ausholenden Schritten den schmalen Bergpfad entlang, der sich neben dem weißschäumenden Wasserstrom weiter in die Berge hinauf schlängelte. Neben einem Felsstück lag eine verrostete Konservendose als Zeichen dafür, dass diese abgelegene Stelle schon mal von einem Menschen betreten worden war. Er selbst hatte sie vor einer Woche aus Unachtsamkeit dort liegen gelassen. Es wird nicht wieder vorkommen, dachte sich der alte Mann und ging bedächtigen Schrittes weiter.

Die meiste Zeit verlief der Fluss zu seiner rechten. An einigen Stellen musste er ihn überqueren, weil Felsen und umgefallene Bäume den Weg versperrten. Zum Glück war das Wasser meistens nicht sehr tief, dafür war es aber eiskalt und seine Bergschuhe quietschten wie alte Gummireifen bei jedem Schritt, wenn sie nass wurden.

Walter Woodstock wusste, dass der Stanton River eine Menge Forellen barg, deren Flossen mit den quirligen Wellen spielten und die in den dunklen schattigen Tümpeln flink und schnell hin und her schwammen. Sie waren manchmal so zahlreich, dass er damit rechnen konnte, mehr als neun oder zehn von ihnen zu fangen, wenn er nur lange genug da blieb. Aber für diesen Tag hatte er sich insgeheim mehr vorgenommen.

Nur wenige Urlauber wussten, dass über der Baumgrenze ein versteckter Bergsee lag, der von schmelzendem Eis gespeist wurde, und genau dort waren die Forellen besonders zahlreich, aber auch besonders hungrig. Die Forellen in diesem See unterschieden sich in ganz erheblichem Maße von den meist trägeren Zuchtfischen, die in die leicht erreichbaren Ströme geworfen und wieder von Anglern und Fischern gefangen wurden, bevor sie überhaupt ihr geschenktes Dasein in der freien Natur richtig ausleben konnten.

Der See lag in einer Höhe von mehr als 3800 Meter und deshalb kamen hier so gut wie nie irgendwelche Sonntagsangler her. Der enorm steile Weg war ihnen zu beschwerlich.

Mit keuchenden Schritten stieg Mr. Woodstock in gleichmäßigem Tempo auf.

Er wusste, dass sein Arzt ihm derartige Aufstiege verboten hatte, aber er kümmerte sich nicht darum. Er wusste auch, dass er noch lange nach dem Abstieg später todmüde sein würde; aber er ließ sich davon nicht abhalten. Er war eben ein alter, sturer Dickkopf, der sich so schnell von niemandem etwas sagen ließ, auch von seinem Doktor nicht.

Die Sonne versteckte sich immer noch hinter einer grauen Wolkenbank. Ohne sich irgendwo lange aufzuhalten, war sich der alte Woodstock trotzdem der herrlich aussehenden Umgebung bewusst. Überall standen dunkle Kiefern und vereinzelte Gruppen von Espen, deren schlanke, weiße Äste hell schillerten, wenn sie von einem hervorschießenden Sonnenstrahl aus der dichten Wolkendecke getroffen wurden. Überall flogen Insekten herum und der sanfte Wind, der durch die hohen Bergbäume strich, ließ ihre Wipfel wie mahnende Zeigefinger hin- und herwogen.

Ach, wenn ich doch für immer hier herkommen und an diesem schönen Ort leben könnte, dachte der alte Mann so für sich, schaltete aber gleich wieder die Vernunft ein: Im Winter wäre es in den Bergen keinesfalls angenehm, da man in dieser Abgeschiedenheit jämmerlich erfrieren würde, wenn man in Gefahr geriete. Und damit hatte er Recht. In dieser harten Gebirgswelt hier oben konnte auf Dauer kein Mensch überleben, schon gar nicht, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hatte. Im Tal weiter unten war das schon ehr möglich. Aber dort wollte Mr. Woodstock auf keinen Fall die letzten Jahre seines verbleibenden Lebens verbringen.

Zügig und mit stoßendem Atem stieg Mr. Woodstock weiter den Pfad hinauf. Kurze Zeit später hatte er die Baumgrenze erreicht und der schmale Weg wand sich durch Felsblöcke und dichtes Gestrüpp weiter nach oben. Der Fluss war jetzt nur noch ein paar Meter breit, stürzte dafür aber umso heftiger tosend und mit großer Fließgeschwindigkeit talabwärts.

Endlich hatte der Alte den einsam da liegenden Bergsee erreicht, der allerdings nicht besonders eindrucksvoll aussah. Er war glatt, fast rund und hatte einen Durchmesser von ungefähr fünfzig oder sechzig Meter. Mittlerweile war an einigen Stellen die Wolkendecke aufgerissen, sodass die Sonne ihre Strahlen zur Erde schicken konnte. Auch hier war das Wasser smaragdgrün. Nur wenige Stellen, die im Schatten der Felsen lagen, wirkten schwarz. Im Hintergrund lag auf den hoch aufragenden Berggipfeln noch eine Menge Schnee, der jetzt im Licht der hellen Sonne besonders weiß glänzte.

Hier oben war es so still, als wäre die Welt erst vor wenigen Augenblicken geschaffen worden. Die Schöpfung war noch ganz frisch, sauber, rein und neu.

Schließlich traf Walter Woodstock seine Vorbereitungen für den bevorstehenden Forellenfang. Er setzte sich auf einen kleinen Felsen. Sein Körper zitterte plötzlich ein wenig vor Kälte, als er zur Ruhe kam. Er wünschte sich, dass die dunkle Wolkendecke noch mehr aufreißen oder sich am besten ganz verziehen würde, obgleich, soviel er wusste, das Sonnenlicht zum Angeln nicht günstig war.

Als er die Angelrute ins ruhige Seewasser plumpsen ließ und so still wie möglich da saß, schien die Welt um ihn herum im Nichts zu versinken. Er vergaß alles andere, auch das Versprechen seiner Frau Franzis gegenüber, bald wieder zurück zu sein.

Nach und nach füllte sich der Korb neben ihm mit prächtigen Forellen. Die Zeit schien für ihn nicht mehr zu existieren. Doch unbemerkt war die Sonne ganz überraschend wieder verschwunden, die grauen Wolken über ihn nahmen an Dichte zu.

Mit einem Schlag kam ein heftiger Sturm auf, der den einsamen Angler am See mit lähmender Plötzlichkeit traf. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der kleine Bergsee in einen brodelnden Mahlstrom. Die Kälte nahm zu und Walter Woodstocks Hände wurden klamm und gefühllos, sodass er sie fast nicht mehr bewegen konnte.

Dann schlugen auch noch Hagelkörner aus den pechschwarzen Wolken. Es waren runde, schwere Eiskugeln, die auf ihn einstürzten, auf die umliegenden Felsen krachten und klatschend auf das Wasser prasselten. Man hätte den Eindruck haben können, die Welt ginge unter.

Zuerst hatte der alte Woodstock keine Angst. Im Gegenteil. Er war nur leicht über den heftigen Wetterumschwung verärgert, weiter nichts. Er steckte die Angelrute ein und ging zu seinem Lagerplatz, wo er die übrigen Sachen abgelegt hatte.

Der Hagel wurde noch schlimmer. Jetzt wurde es auf einmal gefährlich. Der alte Mann stand aufrecht in der Gegend, um eine möglichst kleine Zielscheibe zu bieten. Mit der rechten Hand hielt er seinen Filzhut fest.

Auch der Sturm wurde noch stärker. Der heftig Wind blies ihm die Hagelkörner mitten ins Gesicht. Mr. Woodstock schaute mit halb zugekniffenen Augen verzweifelt um sich. Aber nichts Tröstliches war zu sehen. Die zerklüfteten Felswände waren vom herabprasselnden Hagel zugedeckt worden, und die schöne Bergwelt, die er vor ein paar Stunden noch bewundert hatte, bot nun einen furchterregenden Anblick. Er sah auf die Uhr; es war schon fast Mittag. Die Zeit war wie im Flug vergangen.

Mr. Woodstock überlegte. Unter diesen schlechten Wetterbedingungen brauchte er mindestens zwei Stunden bis zu seinem Geländewagen. Aber vielleicht lies der Hagel ja bald nach, dachte er sich und drehte seinen Rücken gegen den Wind. Trotz der widrigen Umstände gelang es ihm, sich eine Zigarette anzuzünden. Walter Woodstock war schlecht gelaunt, als er sich innerlich gestehen musste, dass die Zivilisation trotz allem ihre Vorteile hatte.

Nach der Zigarette kramte er so gut es ging seine Sachen zusammen und marschierte zum Pfad zurück. Der Hagel prasselte noch heftiger auf ihn herab, anstatt nachzulassen. Es war kaum etwas zu erkennen. Ein Gefühl von Panik kam in dem alten Mann hoch. Er war ja nicht mehr der Jüngste, der mit seinen Kräften verschwenderisch umgehen konnte.

Beruhige dich!“ sagte er zu sich selbst, um sich Mut zu machen. Mühsam versuchte er sich zusammenzunehmen.

Die Sicht wurde immer schlechter. Der Flusslauf neben dem schmalen Weg war kaum noch zu sehen. Wenn die Wolken nicht aufrissen, würde es in wenigen Stunden stockdunkel sein.

Wieder beschleunigte der alte Woodstock seine Schritte. Dann rutschte er plötzlich aus und fiel kopfüber auf den Boden. Zum Glück landete er im drahtigen Buschwerk und zerkratzte sich dabei nur ein wenig das ungeschützte Gesicht. Mühsam rappelte er sich wieder hoch und ging vorsichtig weiter.

Dann blieb er stehen, hielt seine Hand schützend über die Augen und versuchte, irgendeine Zuflucht zu erspähen.

Da! War da nicht was?

Ein Felsdach direkt neben dem Pfad, das ihm Schutz bieten konnte. Walter Woodstock stellte seine Sachen ab und kletterte trotz Hagel und Wind die schräge Felswand hinauf. Ich muss da hin, koste es, was es wolle. Lange wird die Regenjacke nicht mehr das viele Wasser abhalten können, dachte er und strebte zäh seinem schützenden Ziel entgegen. Der stechende Hagel schlug ihm ins Gesicht, der Filzhut wurde ihm heruntergerissen und flog davon. Woodstock fluchte deshalb wie ein Landsknecht.

Endlich!

Fast hatte er den überhängenden Felsen erreicht, der unterhalb davon wie eine Nische geformt war. Noch eine letzte, kurze Anstrengung, dann schwang er sich hinein und setzt sich erst einmal erschöpft in die Hocke.

Der Wind erreichte ihn zwar immer noch, aber vor dem Hagel und der Nässe war er jetzt geschützt. Er bückte sich noch tiefer herab, bis ans Ende des Felsenschutzes.

Da!

Im nächsten Moment erspähte er eine oval geformte Öffnung, die gerade groß genug war, seinen Körper durchzulassen.

Hatte er etwa rein zufällig den Zugang zu einer Höhle gefunden? Dem alten Woodstock war das momentan egal. Er holte tief Luft, tastet mit beiden Händen die kalten Steinwände ab und zwängte sich mit eingezogenem Bauch durch den offenen Spalt ins Innere des Felsens.

***

Drinnen war es zu dunkel, um etwas deutlich erkennen zu können. Langsam tastete sich Mr. Woodstock weiter vor, blieb aber dann doch abrupt stehen, um in der Jackentasche nach seinen Streichhölzern zu suchen. Er wollte sich nicht leichtsinnig in Gefahr bringen. Als er die Streichholzschachtel endlich in einer wasserdichten Plastikhülle gefunden hatte, zündete er ein Streichholz an und schaute sich um. Es musste wohl eine Art Höhle sein, überlegte er; obgleich die Decke ziemlich niedrig war, konnte er nur an einer Seite etwas ausnehmen. Keine fünf Schritte vor ihm nahm er außerdem ein metallisches Glänzen wahr – vielleicht eine Erzader oder etwas ähnliches, dachte sich der Alte und ging langsam im flackernden Lichtschein weiter.

Das Streichholz verglomm. Sofort zündete er ein neues an.

Stück für Stück tastete er sich vor. Vielleicht bin ich ja der erste Mensch, der diese Höhle jemals betreten hat, dachte Mr. Woodstock und starrte in die Dunkelheit hinein. Normalerweise würde ihm dieser Gedanke sogar ein leichtes Vergnügen bereiten, wenn die Umstände anders gewesen wären, aber im Augenblick fühlte er sich nicht besonders gut, um von seiner Entdeckung beeindruckt zu sein. Seine klobigen Wanderschuhe waren mittlerweile durchnässt, die Kälte kroch ihm langsam unter die Haut. Außerdem gab es nichts in der Höhle, womit er ein Feuer machen konnte.

Er blieb wieder stehen und lauschte. Der winzige Lichtschein flackerte unruhig auf und ab. Draußen vor der Höhle jaulte und tobte nur wenige Meter von ihm entfernt der Sturm mit eisiger, durchdringender Wildheit.

Das Streichholz brannte ab, das Licht erschloss abermals. Wieder wurde es dunkel um ihn herum.

Mr. Woodstock hatte an alles gedacht, nur an eine Taschenlampe nicht. Er war deshalb etwas verärgert. Dann kramte er nach seinen Zigaretten, die er schließlich irgendwo in einer der Brusttaschen fand und zündete sich eine an. Der Rauch wärmte ihn ein wenig, zumindest bildete er sich das ein. Walter Woodstock überlegte, während er so vor sich hinrauchte, was er tun sollte.

Er stieß mit seinem rechten Fuß gegen einen großen Felsbrocken, der direkt vor ihm lag. Der Alte setzte sich vorsichtig drauf und blies den Rauch seiner Zigarette in die Dunkelheit hinein. Zwischendurch nahm er eine von diesen Grippetabletten ein, die er stets bei sich trug. Man konnte ja nie wissen, dachte er so für sich und schluckte sie ohne einen Tropfen Wasser runter.

Walter Woodstock wurde müde.

Er rutschte mit seinem Hintern auf den nackten Felsbrocken hin und her um eine etwas bequemere Lage zu finden, musste aber bald feststellen, dass der Felsen überall gleich spitz und scharf war. Deshalb rollte er sein großes Taschentuch als Kissen zusammen, setzte sich vorsichtig drauf und schloss für einen Moment die Augen...

Draußen heulte unablässig der Sturm. Der Hagel hatte jetzt fast ganz nachgelassen, dafür regnete es noch ein wenig. Ab und zu schlugen hier und da ein paar Tropfen auf, dann wurde es schlagartig ruhig vor der Höhle. Plötzlich fiel fahles Mondlicht durch den schmalen Spalt, von wo aus er gekommen war und erfüllte den felsigen Raum mit einem geisterhaften, silbrigen Schein.

Der alte Woodstock saß bewegungslos auf dem nasskalten Gestein. Die Zigarette glimmte langsam vor sich hin. Die Welt da draußen schien sich immer weiter von ihm zu entfernen. Wieder übermannte ihn eine bleierne Müdigkeit.

Plötzlich ließ ihn ein Geräusch hochfahren. Ein metallisches Klicken, kurz und gedämpft, machten ihn wieder hellwach. Etwas befand sich mit ihm zusammen in der Höhle. Er hielt den Atem an und suchte angestrengt mit seinen Augen, so gut es eben ging, in der schummrigen Dunkelheit die glitzernden Felswände ab.

Wieder so ein komisches Geräusch. War es wohlmöglich ein Tier? Es hörte sich so an, als ob jemand mit seinen Fingernägeln kratzend über eine Schiefertafel streicht.

Wieder versuchte der Alte, die Dunkelheit mit dem starren Blick seiner Augen zu durchdringen, aber es war zu wenig Licht vorhanden und die Umrisse verschwanden umso mehr, je länger er in die Dämmerung blickte. Mit einmal gab es für Woodstock keine Sicherheit mehr. Er fühlte sich hilflos und dem Schrecken einer urtümlichen Dunkelheit ausgeliefert.

Langsam ließ er sich deshalb von dem Felsbrocken gleiten und kroch vorsichtig zum Höhlenausgang. Nur raus hier, war sein einziger Gedanke. Gerade, als er sich durch den schmalen, ovalen Spalt ins Freie zurück zwängen wollte, hörte er hinter sich wieder dieses seltsame Geräusch.

Mr. Woodstock schaute über seine Schulter nach hinten, obwohl er das eigentlich nicht wollte, aber seine verdammte Neugier war größer, als seine Angst.

Irgend etwas öffnet sich.

Dann sah er eine Gestalt, die aus dem Loch hinten in der Höhle kam. Sie war groß und musste sich bücken, um nicht an die Decke zu stoßen. Das Gesicht des unbekannten Wesens sah aus wie ein Leichentuch. Es hatte Augen, sehr große Augen sogar. Es blickte zu dem kriechenden Woodstock hinüber und kam langsam auf ihn zu.

Der alte Mann konnte plötzlich an nichts mehr denken, sein Gehirn war wie paralysiert. Aber seine Muskeln reagierten automatisch, und er warf sich mit allerletzter Kraft, die er jetzt noch aufbringen konnte, aus der Höhlenöffnung nach draußen und rollte im nächsten Moment über den Felsenabhang hinunter in die Tiefe. Benommen blieb er unten auf dem Pfad liegen, den er im Hagelsturm verfehlt hatte, rappelte sich aber sofort wieder auf und lief in Richtung Fluss, der jetzt vom Regen hoch angeschwollen war. Er erreichte das tosende Wasser, das im silbrigen Mondlicht fast schwarz wirkte. Mr. Woodstock keuchte und schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Fast wäre er ausgerutscht und in die brausenden Fluten gestürzt, doch er konnte sich gerade noch rechtzeitig an ein paar dünnen Ästen festhalten und zurückhangeln. Nochmals warf er einen Blick nach hinten. Er konnte aber nichts in der vom fahlen Mondlicht getränkten Umgebung sehen. Außer dem Raunen des Windes und des vorbeitosenden Flusswassers war kein anderes Geräusch zu hören. Vorsichtshalber nahm er einen scharfkantigen Stein in die Hand, den er als Waffe benutzen wollte, wenn ihn jemand angreifen würde. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Pfad zu und stieg vorsichtig weiter hinab. Wenn er nur erst bei den Bäumen wäre! Dort könnte er sich vielleicht sogar verstecken!

Schüttelfrost erfasst seinen geschundenen Körper. Eine schreckliche Angst stieg in ihm hoch. Er hatte das Gesicht eines fremden Lebewesens in der Höhle gesehen, daran bestand kein Zweifel. Es war kein Traum oder eine Halluzination gewesen, und er war auch nicht verrückt. Er musste sich auch nicht unbedingt in den Arm kneifen, um sich zu beweisen, dass er in der Wirklichkeit zuhause war. Seine Sinne hatten ihm keinen Streich gespielt. Eine unbekannte Kreatur hielt sich dort in der Höhle auf und war ihm sogar gefolgt. Der Kerl, wenn man ihn als solchen bezeichnen wollte, war ziemlich groß gewesen, vielleicht war er ein Irrer, der sich in dieser unwirtlichen Gegend herumtrieb. Am besten wäre es wohl, wenn er Hilfe herbeiholen und bei Tageslicht nachschauen würde, was da oben vor sich ging.

Wieder hörte er von irgendwo her ein Geräusch. Waren es Schritte, die am Boden liegende kleine Äste und Zweige zertraten? War es der tosende Fluss oder ein Tier, das durch den Wald schlich? Mr. Woodstock konnte es nicht sagen. Er war im Augenblick etwas durcheinander. Er beschleunigte daher seine Schritte und versuchte vom Ort des Schreckens so schnell wie möglich weg zu kommen. Den Stein hielt er fest umklammert. Abwärts ging es schneller als aufwärts. In weniger als zehn Minuten müsste er eigentlich die Waldgrenze erreicht haben. Sollte er sich lieber doch gleich zum Wagen durchschlagen? Durch das anstrengende Gehen fühlte er sich schon etwas wärmer, aber trotzdem war die Kleidung noch unangenehm feucht. Allmählich wurden seine Bewegungen gelöster. Der anfängliche Schock hatte sich etwas gelegt. Je weiter er sich von der Höhle entfernte, desto sicherer wurde sein Gefühl, dass ihm jetzt nichts mehr passieren konnte, dachte er zu seiner eigenen Beruhigung.

Der Pfad machte vor ihm eine scharfe Kurve nach rechts und fiel dahinter steil ab. Walter Woodstock atmete erleichtert auf, denn er kannte diese markante Biegung vom Aufstieg her. Sein Jeep war demnach nicht mehr weit weg. Er begann deshalb zu laufen und bog mit einer ziemlichen Geschwindigkeit in den scharfkurvigen Pfad ein. Durch das helle Mondlicht warfen die Bäume lange Schatten, was ihn ein wenig irritierte. Doch er lief unbeirrt weiter. Im nächsten Moment stoppte er auch schon wieder aus vollem Lauf und wäre beinahe gestürzt. Wild mit seinen Armen herum fuchtelnd hielt er sich gerade noch soeben im Gleichgewicht. Der Schreck fuhr ihm dabei gleichzeitig durch sämtliche Glieder.

Die seltsame Kreatur aus der Höhle stand plötzlich wie eine Geistererscheinung mitten auf dem Pfad am Ende der scharfen Kurve und wartete offenbar schon auf ihn.

Sie stand dort, wie zu einer Salzsäule erstarrt, das Mondlicht ließ nur einzelne Teile von dem unbekannten Wesen erkennen, nur das Gesicht zeigte sich deutlich, das leichenblass war und ihn mit großen weiten Augen anstarrte. Es war auf jeden Fall größer als Mr. Woodstock und außerdem sehr schlank.

Nachdem sich der Alte vom ersten Schreck etwas erholt hatte, dachte er darüber nach, die auf dem Pfad vor ihm völlig unbewegliche da stehende Gestalt einfach laut etwas zu fragen. Vielleicht würde er eine Antwort bekommen. Ein Versuch könnte ja nicht schaden. Sollte wirklich eine Gefahr von diesem fremden Wesen ausgehen, könnte er noch immer seitlich die Geröllböschung runterspringen und sich in die Büsche schlagen, um sich dort zu verstecken.

Hey Mann, wer sind Sie und was wollen Sie von mir? Antworten Sie!“ rief Mr. Woodstock mit schriller Stimme und wartete.

Die unheimliche Kreatur schwieg. Nur der nah gelegen Fluss rauschte tosend vorbei.

Keine Antwort.

Der Alte versuchte es noch einmal. Er umklammerte den Stein mit festem Griff. Er würde auf gar keinen Fall in die Berge zurücklaufen. Dafür war es jetzt zu spät.

Lassen Sie mich vorbei! Machen Sie mir Platz“, rief er erneut.

Das seltsame Wesen machte immer noch keine Anstalten, auf die Seite zu treten, damit Walter Woodstock auf dem schmalen Pfad ungehindert weitergehen konnte. Es antwortete auch nicht.

Früher war er mal ein guter Sportler gewesen, was ihm jetzt zugute kam. Er warf einen flüchtigen Blick nach vorne, holte ein paar Mal tief Luft und stürmte mit dem Gesteinsbrocken in der rechten Hand auf die stumm da stehende Kreatur los. Er war zu allem bereit.

Die unbekannte Erscheinung hob auf einmal den Arm und hielt einen blitzenden Gegenstand in der Hand, den sie auf den anstürmenden Läufer richtete. Im nächsten Augenblick blitzte es hell auf und Mr. Woodstock fiel flach auf den Boden, wo er direkt vor der wartenden Kreatur zu liegen kam. Obwohl er bei vollem Bewusstsein war, konnte er weder Arme noch Beine bewegen. Das fremde Wesen schien offensichtlich ein Mann zu sein, der über enorme Kräfte verfügte. Ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen, hob er den Alten auf und legte ihn sich über die Schulter, zwar nicht unvorsichtig, aber doch mit einer ziemlichen Gleichgültigkeit, als trüge er einen Sack Kartoffeln spazieren.

Der riesige Kerl stieg mit Mr. Woodstock auf der Schulter wieder nach oben zum See hinauf, ohne dabei auch nur eine einzige Pause zu machen, um den schweren Körper abzusetzen. Das Typ hatte nicht nur Riesenkräfte, sondern verfügte außerdem noch über eine gehörige Portion Ausdauer, was auf gar keinen Fall zu seinem blassen Gesicht passte.

Bald waren sie wieder an jener Stelle angekommen, wo der ovale Spalt in die Höhle führte. Der Unbekannte kroch zuerst durch die Öffnung und zog den paralysierten Alten hinter sich her wie eine erlegte Beute. Dann zerrte er ihn quer durch den dunklen Raum, bis zu einer metallisch glänzenden Pforte, die aussah wie das wasser- und druckdichte Schott eines Schiffes. Der Mann öffnete mit einer geheimnisvoll anmutenden Handbewegung die mannshohe Tür aus glattpoliertem Metall, stieg durch die Öffnung und zog den leblosen Köper Woodstocks hinter sich her ins Innere.

Die Lichtverhältnisse waren nicht besonders gut. An den glatten Wänden leuchteten eine Menge kleiner diodenähnlicher Lämpchen. Einige von ihnen blinkten in verschiedenen Farben Trotzdem konnte Mr. Woodstock etliche Details erkennen, die ihn in ein ziemliches Erstaunen versetzten. Offenbar befand er sich in einem Raum, der mit einer ganz besonderen Art von Elektronik nur so vollgestopft war. Weiter vorne befand sich ein wuchtiger Sessel mit breiter, wulstiger Kopflehne und über der ganzen Konstruktion hing eine gläserne Kuppel.

Plötzlich zielte der Mann wieder mit dem geheimnisvollen Gegenstand auf Mr. Woodstock. Ein kurzes Zischen entfuhr dem Ding und im nächsten Augenblick strömte ganz langsam und unbeschreiblich kraftvolles Leben durch den paralysierter Körper des Alten. Die Lähmung am ganzen Körper fiel von ihm sukzessive ab. Der Fremde beobachtete die Reaktion, wartete einfach und sagte nicht ein einziges Wort. Dann fiel der alte Mann in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

***

Mr. Walter Woodstock lag auf einer Art Pritsche, als er wieder aufwachte. Sein Hinterkopf schmerzte, als stächen tausend kleine Nadeln gleichzeitig zu. Er blickte sich um, konnte aber nichts darüber sagen, wo er sich befand. Wie lange war er schon hier? Er seufzte. Am liebsten hätte er einen lauten Schrei von sich gegeben und wäre davongelaufen. Aber wohin? Mr. Woodstock glaubte sich in einem Alptraum zuhause. Das leichenblasse Gesicht war jetzt dicht neben dem seinen.

Ich befinde mich in den Händen eines Irren, dachte sich der Alte entsetzt, dem jetzt alle möglichen Bilder grausamster Art durch den Kopf schossen. In diesem Moment stellte ihm der blasse Mann einen Teller mit Essen auf den Tisch und deutete an, er solle sich von seiner Liege erheben und etwas zu sich nehmen, in dem er auf seinen Mund zeigte. Woodstock wollte es zuerst ablehnen, aber der Hunger quälte seinen leeren Magen schon seit vielen Stunden. Schließlich griff er zu, zog den Teller zu sich heran und aß begierig das gebratene Fleisch, das vorzüglich schmeckte.

Danke!“ sagte er nach dem Essen, als der Fremde ihm noch ein Glas frisches Wasser reichte.

Der Mann nickte nur mit dem Kopf, antwortete aber auch diesmal nicht, sondern beobachtete ihn nur und lächelte verständnisvoll. Dann legte er den Arm um ihn und half ihm hoch. Mr. Woodstock fühlte sich ein wenig schwindelig, konnte sich aber nach einer Weile von selbst aufrecht halten.

Woher sollte man wissen, ob der Fremde einem gut oder böse gesonnen war? Oder ob er sich aus irgendeinem Grunde nur selbst schützen wollte? Vielleicht wollte er sich nur gegen einer Gefahr erwehren, die ihn bedrohte.

Wer sind Sie? Bin ich Ihr Gefangener?“ fragte er den blassen Mann spontan, der ihn nur verdutzt anblickte.

Auf einmal konnte dieser sprechen, als hätte er nur darauf gewartet, dass der alte Mann ihn etwas fragen würde.

Natürlich sind Sie nicht mein Gefangener. Ich möchte Ihnen nur helfen, weiter nichts“, sagte der Fremde mit langsamer, tiefer Stimme.

Aber Sie haben nicht das Recht dazu, mich hier einfach festzuhalten. Sie haben mir nichts erklärt, nichts gesagt, was das hier alles soll. Woher kommen Sie eigentlich und was machen Sie hier oben in den Bergen so ganz allein. Sind Sie ein Einsiedler oder was?“ fragte ihn Mr. Woodstock mit aufgeregter Stimme.

Der Mann mit dem blassen Gesicht sah ihn jetzt mit ernstem Blick an. Dann runzelte er plötzlich die Stirn.

 

Bitte entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Aber ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich heiße Demphil Orakoon und komme vom Planeten KIRGOON WATTH, der 150 Millionen Lichtjahre von eurer Erde entfernt in einer Spiralgalaxie liegt, die in etwa der Milchstraße ähnelt. Beim letzten Hypersprung gab es irgendeine Fehlfunktion im Raum-Zeit-Konverter. Die Magnetfeldfessel der Antimaterie zeigte einige gefährliche Schwankungen an. Ich musste daher zwangsweise mit meinem Raumschiff auf eurem Planeten notlanden und verstecke mich seitdem hier oben in der einsamen Bergregion. Eurer Zeitrechnung nach war das vor mehr als zwei Monaten. Ich komme nur langsam mit den komplizierten Reparaturarbeiten weiter. Aber ich bin fast fertig. Sie werden doch verstehen, dass ich Sie nicht einfach wieder so laufen lassen kann. Ich kenne euch Menschen nämlich. Sie würden sofort Hilfe holen, Mr. Woodstock, und bald hätte man mich entdeckt. Das wäre eine Katastrophe, nicht für mich, sondern für euch. Ich will euch Menschen nichts Böses tun, dir schon gar nicht, aber wenn man mich hier oben aufstöbert, müsste ich das mit aller Macht zu verhindern suchen, indem ich meine Waffen aktiviere, die darauf programmiert sind, alles zu vernichten, was sich meinem Raumschiff nähert. Die Reparaturen am schadhaften Magnetring werden bald beendet sein. Ein paar Tests noch, dann werde ich, sobald die Dunkelheit hereingebrochen ist, die Erde wieder verlassen und einen neuen Hypersprung initiieren, der mich nach Hause bringen wird. Bis dahin werde ich Sie hier behalten müssen, Mr. Woodstock. Danach können Sie wieder machen, was Sie wollen.“

 

Mr. Woodstock kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sprachlos und mit offenem Mund hatte er die Rede des außerirdischen Wesens verfolgt. Es war die reinste Sensation, das dieses Wesen aus dem All seine Sprache so gut beherrschte und jedes Wort verstand.

Woher kennen Sie meinen Namen, Orakoon?“ fragte er den Außerirdischen.

Nichts Leichteres als das. Wir können eure Gedanken lesen.“

Walter Woodstock saß erschrocken da und schwieg. Die eigentümlich grauen Augen des fremden Wesens aus dem All schweiften in die Ferne. Es versuchte eine Geschichte zu erzählen, die jenseits allen Erzählbarem lag, die sich über einen Abgrund von Raum und Zeit hinwegstreckte, der nicht so ohne weiteres zwischen ihm und dem Fremden überbrückt werden konnte.

Es tut mir leid. Aber ich wollte Ihnen durch meine Gegenwart keine Schwierigkeiten bereiten. Ich habe die Höhle nur durch Zufall gefunden. Mehr nicht“, sagte Mr. Woodstock mit leiser Stimme zu dem Raumfahrer, der jetzt die Augen geschlossen hatte. Er öffnete sie erst wieder, als er zu sprechen anfing.

Ja, ich weiß. Aber das ist keine Höhle, sondern der Eingang zu meinem Raumschiff. Die dreidimensionalen Projektoren haben eine massive Bergsimulation um das Raumschiff gelegt, um es der Umgebung anzupassen. Ich dachte die ganze Zeit, dass niemand von euch Menschen hier oben in diese gottverlassene Gebirgsregion kommen würde. Ich habe mich wohl geirrt. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Nach dem Start wird eine kleine Gerölllawine den Berg runtergehen, was ich leider nicht ganz verhindern kann. Aber ich habe dafür gesorgt, dass sie keinen Schaden anrichten wird.“

Was geschieht mit mir? Werde ich noch rechtzeitig von hier wegkommen, bevor es gefährlich für mich wird?“

Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Mr. Woodstock. Ihnen geschieht nicht das Geringste. Glauben Sie mir...!“ gab Demphil Orakoon mit Bestimmtheit zur Antwort. Dann schloss er wieder die Augen. Zu der Stille des Raumes gesellte sich ein langes Schweigen.

***

Ein Ton.

Das war das erste.

Er drang in sein Bewusstsein ein, wie die sanfte Musik einer Harfe. Es war eine Stimme, die sprach, flüsterte...

Er öffnete die Augen. Licht drang in sein Gehirn. Es schmerzte. Er blinzelte ein wenig. Unter seinem Körper fühlte er den nackten Felsen, sein Herz arbeitete wie ein heftiger Kolben, durch seine Adern pochte das Blut...

Ich bin wach.“ Seine Stimme klang laut und heiser. „Ich bin nicht tot. Ich lebe!“ schrie Walter Woodstock vor lauter Freude.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

Bleiben Sie ruhig liegen, Mr. Woodstock. Es wird alles wieder gut. Wir bringen Sie jetzt in ein Krankenhaus unten im Tal. Sie sind stark unterkühlt. Es ist aber alles soweit mit Ihnen in Ordnung. Sie werden bald wieder auf den Füßen sein...“ sagte der Notarzt zu ihm, bevor er die Hecktür des Rettungswagens von außen schloss und dem Fahrer ein kurzes Zeichen gab, dass er jetzt wegfahren könne.

Mr. Walter Woodstock blieb ruhig liegen und sammelte seine Gedanken. Dann kamen die Erinnerungen zurück.

Er hörte es.

Ein dumpfes Grollen, wie Donner aus der Ferne. Ein Brüllen, ein Geräusch wie tausend Hurricans zusammen genommen.

Er sah es.

Es flog über ihn hinweg mit blinkenden Positionslichtern.

Ein gewaltiges Schiff, ein ungeheures Sternenschiff. Ein riesiger Berg aus glänzendem Metall, der sich in den dunklen, sternenklaren Nachthimmel erhob. Sein Schatten fiel auf ihn. Dann war es verschwunden. Nur der Donner blieb zurück, der über den Berg rollte und eine polternde Gerölllawine auslöste. Doch ihm geschah wie durch ein Wunder nichts. Seine Frau Franzis fand ihn später draußen bewusstlos vor der Tür der Berghütte wieder und hatte sofort den Rettungsdienst alarmiert. Wie er allerdings dorthin gekommen war, blieb für Mr. Woodstock ein Rätsel. Wie er überlebt hatte, ebenfalls.

***

Das Geheimnis offenbarte sich viel später zu Hause in seiner Wohnung, als Mr. Woodstock in seiner Regenjacke ein beschriebenes Stück Papier fand, auf dem ein kleiner See eingezeichnet war, den er nur zu gut kannte. Es war sein Bergsee hoch droben in den Bergen. An einer ganz bestimmten Stelle war ein Kreuz eingezeichnet. Dann folgte eine kurze Beschreibung, die dem alten Mann die Sprache verschlug. Er teilte das Geheimnis nur mit seiner Frau, die ihn zuerst für einen Spinner hielt, bis, ja bis sie sich selbst davon überzeugen konnte, dass es noch Wunder gab, die nicht von Menschhand gemacht worden sind.

***

Mr. Walter Woodstock und seine Frau Franzis legten eine kurze Rast ein, um von dem kalten, reinen Wasser des Eissees zu trinken. Sie lachten, scherzten und manchmal kamen ihnen sogar die Tränen. Sie wagten das Wunder kaum zu glauben, das ihnen widerfahren war. Aber sie mussten es glauben, obwohl es viel zu phantastisch klang. Aber beide konnten es jedes Mal wieder und wieder am eigenen Körper erfahren und ausprobieren. Das fremde Wesen aus dem All hatte für sie ein wunderbares Geschenk im kleinen Bergsee zurückgelassen. Ein Geheimnis, das nur sie beide kannten. Es war eine Art Lebenselixier, das in einem kugelförmigen Behälter lagerte und die gesamten Zellen des menschlichen Körpers innerhalb kürzester Zeit regenerierten, was wiederum zu einer spürbaren Verjüngung und zu einer enormen Verlängerung des Lebens führte. Ja, und dieser Behälter lagerte im kühlen Bergsee unterhalb der Wasseroberfläche in einer kleinen Felsennische. Niemand wusste davon, außer Mr. und Mrs. Woodstock natürlich.

Etwas später stiegen sie den Pfad hinab, neben ihnen floss der Strom des Stanton Rivers unermüdlich talwärts.

Sie gingen vorbei an den Tannen, den Kiefern, den schlanken Espen, hinab in das warme sommerliche Tal, das über und über mit goldenen und bunten Farben besät war und in dem die Vögel lustig zwitscherten.

Manchmal schauten sie zurück zu den hohen, schneebedeckten Bergen, wo früher einmal eine Bergspitze mehr gestanden hatte und einstmals ein Berggeist hauste, der aus den unendlichen Tiefen des Alls gekommen war.

Auch dieses Geheimnis behielten sie für sich.

Die Menschheit musste ja nicht unbedingt von jedem Wunder erfahren, das vom Universum durch Zufall manchen Personen offenbart wurde.

 

 

ENDE


 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 


Das Weihnachtswunder

 



Langsam wurde es wieder Weihnachten in unserer kleinen Stadt. Die hellen Lichter der festlich schmückenden Weihnachtsbeleuchtung, die hoch droben über den belebten Verkaufsstrassen hing, machten die Nacht zum Tage und die liebevoll dekorierten Schaufenster der zahlreichen Geschäfte in der belebten Innenstadt strahlten und glänzten nicht weniger schön in ihrer vorweihnachtlichen Pracht.

Mit ihrem reichhaltigen Angebot luden sie jeden vorbeikommenden Passanten stets aufs Neue zum beschaulichen Verweilen ein. Hier und da duftete es nach Kuchen und Plätzchen oder roch es nach feiner Schokolade. Gerade den Kindern war dies alles eine große Freude. Man konnte es ihren erwartungsvollen Blicken ansehen, dass sie alle voller Sehnsucht auf Weihnachten warteten.

Die wunderschöne Vorweihnachtszeit ist aber auch jene Zeit, in der geheimnisvolle Dinge geschehen und seltsame Begebenheiten ihre Runde machen.

Ich möchte euch deshalb hier die Geschichte von einem außergewöhnlichen Vorgang erzählen, den ich einmal vor vielen Jahren kurz vor Weihnachten selbst erlebt habe.

***

Die Geschichte begann 1972 in einer eiskalten Dezembernacht. Das Weihnachtsfest stand kurz vor der Tür und ich war damals mit meinem alten VW-Käfer auf einer ziemlich abseits gelegenen Landstrasse irgendwo in Bayern unterwegs. In jener einsamen Winternacht tasteten sich die hellen Lichtkegel der beiden Scheinwerfer meines alten Volkswagens zitternd in die vor mir liegende Dunkelheit hinein. Ganz unerwartet setzte plötzlich von einer Sekunde auf die andere heftiges Schneetreiben ein und obwohl die sich gleichmäßig hin und her bewegenden Scheibenwischer unermüdlich ihre mechanische Arbeit taten, wurde nichtsdestotrotz die Sicht nach vorne durch die flache Frontscheibe immer schlechter, weil einfach zuviel Schnee fiel, der darauf liegen blieb, so dass ich bald nichts mehr sehen konnte.

Es gibt ein Sprichwort, das treffend schildert, dass ein Unglück nur selten allein kommt. Nun, bei mir kam das Unglück in Form eines merkwürdig stotternden Motors, der nicht nur seltsame Geräusche von sich gab, sondern eine Weile später einfach ausging und stehen blieb. Noch während mein alter VW-Käfer langsam ausrollte, versuchte ich verzweifelt, den Motor neu zu starten, indem ich den Zündschlüssel mehrmals hin und her drehte. Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen zog ich verärgert den Zündschlüssel ab, blieb aber dennoch erst einmal vorläufig im Auto sitzen und überlegte mir verzweifelt, was ich jetzt als nächstes in dieser für mich äußerst unangenehmen Situation tun sollte.

Draußen schneite es mittlerweile immer heftiger. Der unablässig anhaltende Wind trieb heulend die fallenden Schneeflocken wie wild gewordene weiße Papierschnitzel vor sich her, und die wachsende Schneeschicht vor mir auf der Motorhaube wurde von Sekunde zu Sekunde immer höher.

Aus Sicherheitsgründen ließ ich vorsorglich das Standlicht an und schaltete zusätzlich die Warnblinkanlage ein, obwohl ich eigentlich mehr davon ausging, dass auf dieser abseits gelegenen und total verschneiten Landstrasse bestimmt nicht so schnell ein anderes Auto vorbeikommen würde. Außerdem war es schon fast Mitternacht. Weil ich im Augenblick also keine schnelle Hilfe erwarten konnte, entschloss ich mich kurzerhand dazu, nicht länger tatenlos im Auto sitzen zu bleiben, sondern wollte vielmehr versuchen, die nächstgelegene Ortschaft zu Fuß zu erreichen, die, was der letzte Wegweiser klar angezeigt hatte, eigentlich nicht mehr weit weg sein konnte.

Da ich ansonsten mit einer sehr guten Winterbekleidung ausgestattet war, fiel mir der Entschluss auch nicht sonderlich schwer, das warme, schützende Innere des Wagens zu verlassen. Also setzte ich mir die Pelzmütze mit den breiten Ohrenschützern auf den Kopf, zog die gefütterten Lederhandschuh über, stieg ohne Hast aus dem Auto und stiefelte geradewegs in die Richtung los, in der das Dorf lag.

***

Ich kann mich heute nicht mehr so genau daran erinnern, wie lange ich eigentlich durch den tiefen Schnee am Straßenrand gestapft bin, als ich plötzlich zu meiner großen Überraschung in der pechschwarzen Dunkelheit das helle Licht eines kleinen Fensterchens im Chaos des Schneegestöbers erblickte. Erleichtert atmete ich auf, weil mir die eisige Kälte doch mehr zu schaffen machte, als ich vorher gedacht hatte. Ich ließ deshalb das einmal erspähte Licht nicht mehr aus den Augen und bewegte mich schnurstracks darauf zu. Es dauerte auch gar nicht lange, da stand ich auf einmal vor einer kleinen Holzhütte, an deren Rückseite ein einfacher Bretterstall angebaut war, in der ein Esel stand. Ringsherum standen große Tannen, die weit in den dunklen Nachthimmel hinein ragten.

In mir kamen irgendwie jetzt doch komische Gedanken auf und die ganze Sache machte auf mich ehr einen gespenstischen Eindruck, wahrscheinlich auch deshalb, weil dieses kleine Holzhäuschen in unmittelbarer Nähe eines dichten Tannenwaldes lag, der nicht gerade einen einladenden Eindruck auf mich machte und ein mulmiges Gefühl in mir aufsteigen ließ. Schon fragte ich mich unwillkürlich danach, ob es vielleicht nicht besser gewesen wäre, wenn ich meinen Weg auf der Landstrasse fortgesetzt hätte, um das Dorf zu erreichen. Aber der eiskalte Nachtfrost kroch mir langsam, trotz der warmen Winterbekleidung, immer mehr unter die Haut und nach einer kurzen Gedankenpause gab ich mir schließlich doch noch einen inneren Ruck und klopfte vorsichtig, aber mit Bestimmtheit, an die hölzerne Hüttentür.

***

Genauso schnell wie es angefangen hatte, hörte es plötzlich auch wieder auf zu schneien. Die vorbeiziehenden Schneewolken lichteten sich schnell und der helle Vollmond warf auf einmal sein grauweißes Licht auf die nächtliche, von langen Schatten durchzogene Winterlandschaft.

Drinnen im Häuschen rührte sich nichts. Gerade als ich deshalb schon ein zweites Mal klopfen wollte, vernahm ich plötzlich ein schlürfendes Geräusch. Unwillkürlich trat ich hastig einen Schritt zurück und kurz darauf wurde die niedrige Holztür vorsichtig einen Spalt breit geöffnet. Dann blickte ich unvermittelt in das kantige Gesicht eines bärtigen Mannes.

Ich musste auf ihn wohl einen jämmerlichen Eindruck gemacht haben, da er ohne jegliche Zurückhaltung die knarrende Holztür noch weiter öffnete, sogleich heraustrat und schließlich in seiner vollen Größe vor mir stand. Der Mann sah äußerlich gekleidet wie ein Schafhirte aus und war mit einem weiten Umhang bekleidet. Dann schaute er mich fragend an. Ich versuchte meine aufkommende Unsicherheit dadurch zu überspielen, dass ich ihn sofort freundlich begrüßte und ihn auch gleich für die späte nächtliche Störung um Entschuldigung bat. Er nickte verständnisvoll mit dem Kopf, blieb aber weiterhin wortlos und zurückhaltend. Nun, ich ergriff die Initiative, schilderte ihm in ein paar knappen Sätzen meine fatale Situation und was mir in der eiskalten Winternacht da draußen auf der Landstraße mit meinem Auto passiert war.

Der bärtige Mann nickte ein weiteres Mal behäbig seinen Kopf, streckte mir dann unvermittelt und spontan seine klobige Hand entgegen und bat mich schließlich mit freundlichen Worten darum, ihm in seine bescheidene Hütte zu folgen, in der ich mich in Ruhe aufwärmen könne.

Nach dieser freundlichen Begrüßung war das Eis gebrochen, meine ängstliche Zurückhaltung wie weg gewischt. Ich ließ mich daher nicht lange bitten und trat unverzüglich ein. Im Innern der einfachen Hütte war es angenehm warm. Das einzige was mich allerdings störte, war der Umstand, dass es überall im Raum unangenehm nach irgendwelchen Tieren roch, die hier anscheinend wohl ebenfalls mit untergebracht waren. Andererseits war ich heilfroh darüber gewesen, dass ich doch noch so schnell eine willkommene Möglichkeit gefunden hatte, vor der bitteren Winterkälte da draußen sicheren Schutz gefunden zu haben. Als mich der Mann mit dem Bart schließlich weiter in die Hütte führte, bemerkte ich zu meinem allergrößten Erstaunen, dass er hier nicht alleine wohnte. In einer Ecke des spartanisch eingerichteten Zimmers saß eine junge Frau still und zufrieden auf einer niedrigen Holzbank und auf ihrem Schoß lag ein kleines Kind, das eingehüllt in einer warmen Wolldecke selig schlief.

Ich grüßte auch sie, konnte aber dabei meine Verlegenheit nicht ganz verbergen, weil ich ihren trauten Familienfrieden wohl gestört hatte. Als ich mich bei ihr deshalb gerade dafür entschuldigen wollte, bat mich auch schon im selben Moment der bärtige Mann zu sich an den rustikalen Holztisch, der gleich neben dem gemütlichen Feuer eines offenen Kamins stand, das knisternd eine wohltuende Wärme ausstrahlte

Ich nahm Platz. Dann reichte mir der Mann in einer kleinen Keramikschale einen heißen Tee herüber, den ich dankend entgegen nahm und schon bald unterhielten wir uns angeregt über Gott und die Welt. Allerdings konnte ich mich einfach nicht des seltsamen Eindrucks erwehren, dass mir diese kleine Familie irgendwie bekannt vorkam. Alle drei schienen sie in vollkommener Harmonie miteinander zu leben. Sie strahlten einen tiefen Frieden aus, der auch mich bald ergriff. Mir kam es auch so vor, als ob die Zeit plötzlich stehen geblieben wäre, gerade so, als würde ich mich in einer anderen Welt befinden. Obwohl mir die ganze Situation insgesamt ziemlich ungewöhnlich vorkam, machte ich mir deshalb aber keine weiteren Gedanken darüber und irgendwann einmal musste ich wohl eingeschlafen sein.


***

Es war schon spät in der Nacht, als ich unvermittelt durch ein plötzliches Geräusch aufgeweckt wurde. Etwas benommen schaute ich mich in dem kleinen Zimmer herum, konnte aber auf Anhieb wegen meiner verschlafenen Augen nichts Genaues erkennen. Doch dann entdeckte ich den Mann mit seiner Frau zu meiner Überraschung auf der mir gegenüberliegenden Zimmerseite. Beide standen jetzt gemeinsam vor einem hölzernen Futtertrog, in dem sie ihr nacktes Kindlein, auf Stroh gebettet, hinein gelegt hatten.

Verwundert stellte ich fest, dass der gesamte Raum in ein seltsam leuchtendes Licht getaucht war, das langsam und unaufhörlich immer heller wurde. Nach einer Weile traten noch drei weitere Personen in das kleine Zimmerchen, die mit ungewöhnlich langen und reich verzierten Umhängen bekleidet waren und sich ebenfalls zu den Eltern des Kindes gesellten. Sie hatten anscheinend Geschenke dabei, die sie behutsam nacheinander vor dem Futtertrog ablegten. Verwundert stellte ich mir die Frage, was hier eigentlich vor sich ging, woher auf einmal die drei fremden Besucher kamen und ob das, was ich da sah, vielleicht alles nur einer halluzinationsartigen Erscheinung entsprach.

Kaum hatte ich den Satz richtig zu Ende gedacht, wurde auf einmal das schräge Dach der kleinen Holzhütte vor meinen ungläubigen Augen wie von einer riesigen Geisterhand hinweg gehoben, verschwand danach wie im Nichts und gab den Blick auf einen sternenklaren Nachthimmel frei. Von oben senkte sich kurz darauf ein gleißendheller Lichtstrahl herab, der mich für wenige Sekunden stark blendete, sodass ich nichts mehr sehen konnte. Dann hörte ich von irgendwo her den lieblichen Gesang vieler feiner Stimmchen, die in ihrer Gesamtheit immer mehr zu einem gewaltigen Chor anschwollen, als wollten sie damit jemandes Ankunft ankündigen. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte ich wie ein einsam und verloren dastehender Zuschauer das sich vor mir abspielende Szenario. Irgendetwas von außen zwang mich aber dann wieder plötzlich dazu, erneut einzuschlafen und mein Kopf sank langsam nach vorne auf den breiten Holztisch in meine verschränkten Arme.

***

Draußen war es schon längst wieder hell geworden, als ich endlich aufwachte. Ganz schlaftrunken saß ich immer noch vor dem Holztisch und betrachtete unsicher meine nähere Umgebung. Ich erinnerte mich unwillkürlich an den bärtigen Mann, den ich mit seiner Frau und dem lieblichen Kindlein im Zimmerchen vermutete. Aber sie waren allesamt nicht mehr da. Ich begann sie zu suchen, doch weder draußen vor der Hütte, noch im angrenzenden Stall konnte ich sie finden. Auch die Tiere gab es offensichtlich nicht mehr. Mir kam die ganze Sache deshalb ziemlich merkwürdig vor und schließlich gab ich’s auf, weiterhin nach der verschwundenen Familie Ausschau zu halten. Es würde schon einen einleuchtenden Grund dafür geben, dass sie nicht mehr hier sind, redete ich mir zur Beruhigung ein und gab mich sogleich mit dieser vagen Feststellung zufrieden. Dann fiel mir schlagartig ein, dass ich mich noch um meinen Wagen kümmern musste, der immer noch da draußen mitten auf der Landstrasse einsam und verlassen herum stand. Also machte ich mich langsam auf den beschwerlichen Weg durch den tiefen Schnee, in dem sich meine markanten Fußspuren deutlich abzeichneten. Als ich endlich die verschneite Landstraße erreicht hatte, schlug ich heilfroh jene Richtung ein, von der ich wusste, dass sie mich zum nah gelegenen Dorf führen würde.

Nach etwa zwei Stunden Fußweg erreichte ich endlich das kleine Dorf, das friedlich in einer sanften Talsenke lag. Ich war ziemlich erschöpft, als ich halberfroren die warme Stube der schönen Dorfwirtschaft betrat. Ein paar Einheimische saßen verteilt im Raum an ihren Tischen, aßen gerade eine Brotzeit, tranken ein Glas Bier oder rauchten genüsslich eine Zigarette. Ich grüßte freundlich und fragte sie nach dem Wirt. Einer der Gäste stand sofort auf, als er meinen bedauernswerten Zustand erkannte, begab sich in einen der hinteren Räume des Wirtshauses und schon bald kam er mit einem kräftig aussehenden Mann zurück, der sich mir selbstbewusst als Wirt des Hauses zu erkennen gab.

Ich berichtete ihm sogleich ohne große Umschweife von meiner nächtlichen Panne mit dem Auto, dass leider immer noch dort draußen auf der Landstraße steht und unbedingt abgeschleppt werden müsste. Im weiteren Verlauf unseres Gespräches wollte er von mir wissen, ob ich bei dieser schlimmen Kälte die ganze Nacht da draußen im Auto zugebracht hätte..., was ich natürlich umgehend ganz klar entschieden verneinte.

Etwas verwundert betrachteten mich auf einmal die übrigen Gäste in der Wirtsstube, die unsere Unterhaltung im Hintergrund interessiert mit verfolgt hatten. Einer fragte mich lakonisch danach, wo ich mich vielleicht denn sonst die ganze Zeit aufgehalten hätte und ob ich überhaupt wüsste, dass das Thermometer in der zurück liegenden Nacht auf Minus 30 Grad gefallen war.

Ich antwortete ihm umgehend und schilderte ausführlich, wie ich von einem bärtigen Mann mit großer Gastfreundlichkeit aufgenommen worden bin, der mit seiner lieben Frau und einem kleinen Kind zusammen in einer schäbigen Holzhütte dort draußen einsam am Rande des Tannenwaldes wohnen würde. Bei ihm und seiner Familie hätte ich auch die ganze Nacht verbracht und erst wieder am nächsten Morgen den weiteren Weg angetreten, um Hilfe aus dem Dorf zu holen. Außerdem sagte ich zu ihnen, dass man das kleine Holzhäuschen auf jeden Fall schon von der Landstraße aus zu sehen bekäme, da mir sonst das helle Licht des Fensterchens bestimmt nicht aufgefallen wäre.

Als ich endlich mit meiner ausführlichen Schilderung fertig war, wurden der Wirt und seine übrigen Gäste plötzlich irgendwie ungehalten. Sie nahmen doch tatsächlich an, ich hätte ihnen hier nur eine waschechte Lügengeschichte aufgetischt, die man lieber nicht glauben sollte. Mittlerweile war auch die Wirtsgattin hinzugekommen, die das Gespräch zwischen mir und ihrem Mann ebenfalls aufmerksam mit verfolgt hatte. Dann sagte sie mit ernster Miene zu mir: „Junger Mann, ich will ihnen ja nicht zu nahe treten, aber in der Gegend, wo sie gestern Abend angeblich gewesen sind, gibt es weder eine Holzhütte, noch eine Familie mit einem Kind, die sie angeblich darin gesehen haben wollen. Wir kennen uns hier schließlich bestimmt besser aus! Das können Sie uns ruhig glauben!“ – „Sicherlich irren Sie sich nur, wie wir alle stark vermuten.“

Ein allgemeines Gemurmel setzte bei den anwesenden Gästen ein und jeder nickte der Wirtin bestätigend mit dem Kopf zu.

Ich hatte im Augenblick aber keine allzu große Lust dazu, darüber zu streiten, wer wohl wen von uns für einen Lügner hielt. Ich fragte deshalb den Wirt kurzerhand nach einer geeigneten Abschleppmöglichkeit für meinen Wagen und sagte zu ihm, dass ich natürlich für die anfallenden Kosten aufkommen würde, sollte sich jemand aus dem Dorf dazu bereit erklären, diese Arbeit für mich zu erledigen.

***

Tatsächlich saß ich etwas später als Beifahrer in der geräumigen Führerkabine eines schweren Traktors, dessen Besitzer ein Bauer aus dem Dorf war. Wir fuhren gemeinsam den gesamten Weg auf der schneebedeckten Landstrasse zurück bis zu meinem Wagen, dessen Lichter immer noch brannten. Ich kam auch an jener Stelle vorbei, wo meine Fußspuren noch deutlich im tiefen Schnee zu sehen waren. Ich ließ deshalb den Schlepper anhalten, stieg vom Traktor herunter und bat den Bauer höflich darum, dass er doch bitte mitkommen möge, weil ich ihm die Hütte zeigen wolle, die da draußen irgendwo am Waldrand stehen müsse. Gemeinsam folgten wir meinen markanten Fußspuren im harschen Schnee, die tatsächlich bis an den nah gelegenen Waldrand führten und plötzlich aber wie im Nichts endeten. Dort, wo eigentlich die alte Holzhütte mit dem Stall stehen sollte, war nur eine einzige große weiße Schneefläche zu sehen, aus der hier und da einige wenige zugeschneite Büsche und Sträucher herausragten. Ich verstand das alles nicht mehr, entschuldigte mich sogleich bei dem Landwirt für die Mühe, die er sich eigens für mich gemacht hatte, drehte mich verstört wortlos herum und ging tief in Gedanken versunken den Weg zurück zur Landstraße, wo der schwere Bulldog auf uns schon wartete. Später, als wir an meinem Wagen angekommen waren, brachte der Bauer ein stählernes Abschleppseil an und zog mich mit seinem starken Dieselschlepper zurück ins Dorf, von wo aus wir gekommen waren.

Im Dorf fand ich einen Mann, der sich mit Autos und Motoren sehr gut auskannte. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es keine allzu großen Schwierigkeiten machen würde, den Wagen wieder flott zu kriegen, war ich damit einverstanden, dass er die anfallende Reparatur gleich an Ort und Stelle erledigte. Dann machte er mir das Angebot, dass ich die Wartezeit entweder im Wirtshaus verbringen oder die besonders herrliche Krippenanlage in der schönen Dorfkirche besuchen könne, die von den Bewohnern des Dorfes extra zu Weihnachten aufgebaut worden ist.

Ich entschied mich für den Besuch der Krippe. Die Kirche befand sich gleich um die Ecke und so machte ich mich unverzüglich auf den Weg dorthin. Die Weihnachtskrippe war direkt neben dem weiten Eingang des Gotteshauses aufgestellt worden. Sie war wirklich wunderschön und wurde zudem noch von mehreren hellen Lichtern angestrahlt, was ihren Reiz noch erhöhte.

Ungläubig starrte ich jetzt aber ganz besonders auf das kleine Holzhäuschen, wo auch die vielen Holzfiguren standen. Ich dachte zuerst daran, dass es eine derartige Übereinstimmung mit dem, was ich zuvor in der eiskalten Winternacht wirklich erlebt und gesehen hatte, nie und nimmer geben könne. Ich konnte es einfach nicht glauben!

Da war nämlich die kleine Holzhütte mit dem dahinter liegenden Stall, drum herum standen die riesigen Tannen und der große, dunkle Wald fing gleich hinter der einsam da stehenden Holzhütte an. Die Holzfigur, die in Miniaturausgabe den Josef darstellen sollte, sah genauso aus wie der Mann mit dem Bart, den ich in jener Nacht in der kleinen Hütte kennen gelernt hatte. Auch die Figur der Maria mit ihrem lieben Jesuskind stimmten haargenau, bis ins letzte Detail, völlig mit der Frau und dem kleinen Kind überein, die ich beide dort gesehen hatte.

Ich erinnerte mich sogleich wieder daran, wie ich mit der lieben Frau geredet und wie mich ihr Mann so freundlich zu sich an seinen Tisch gebeten hatte. All diese Erinnerungen kamen jetzt wieder zurück.

Ja, und da war auch der gleiche hölzerne Futtertrog, in das die Eltern ihr Neugeborenes, liegend auf goldgelbem Stroh, mit großer fürsorglicher Liebe gebettet hatten. Alle standen sie mit freudigen Gesichtern vor dem nackten Jesuskindlein und die Heiligen Drei Könige waren auch mit dabei. Ich erkannte sie an ihren langen, fein gestickten, reich verzierten Umhängen, die bis zu den winzigen Fußbodenbretterchen der meisterlich gestalteten Weihnachtskrippe weit herunter hangen. Überall schwebten bunt bemalte Engelsfiguren an unsichtbaren Schnüren herum und im Hintergrund hörte man den feinstimmigen Gesang eines Kinderchores, der offenbar von einer Musikanlage abgespielt wurde. Wie benommen stand ich noch sehr lange so da.

Für mein zurück liegendes nächtliches Erlebnis hatte ich einfach keine plausible Erklärung parat und was dort in der eisigen Winternacht mit mir eigentlich wirklich geschehen war.

Dann verließ ich die schöne Dorfkirche wieder und wusste tatsächlich hinterher nicht mehr was Wirklichkeit und was Traum war. Ich wusste aber gleichzeitig auch, dass alles, was ich dort in der alten Holzhütte am Waldrand erlebt und gesehen hatte, niemals nur ein Traum, eine Einbildung oder eine Halluzination gewesen sein konnte. Je länger ich jedoch darüber nachdachte, umso mehr wurde mir klar, dass ich wohl eines dieser ganz seltenen Weihnachtswunder erlebt haben musste, wie man sie eben nur in der schönen und friedvollen Weihnachtszeit erleben kann.

***

Viel später, als ich mit meinem reparierten Volkswagen das Dorf wieder verließ und es draußen schon langsam wieder dunkel wurde, fuhr ich noch einmal an der gleichen Stelle vorbei, wo sich nicht unweit der Landstrasse, dort am Rande des großen Tannenwaldes, die einsame Holzhütte mit dem Stall befunden haben musste.

Ich hielt das Auto an und blickte aus dem herunter gelassenen Wagenfenster angestrengt hinüber zu jenem geheimnisvollen Ort, an dem ich die armselige Hütte vermutete. Aber vor mir breitete sich, wie zuvor, nur eine weite, schweigsam daliegende weiße Schneelandschaft aus, die ihr wundersames Geheimnis nicht preisgeben wollte.

Dann schaute ich unvermittelt hinauf zum Himmel und sah, wie sich eine kleine Sternschnuppe von der beginnenden Dunkelheit des nächtlichen Firmaments löste und mit einem hellen Lichtschweif genau an der Stelle niederging, wo ich die Hütte gesehen hatte. Sie leuchtete noch einmal hell am Boden auf, dann war alles so wie vorher.

Zufall oder nicht? Auf jeden Fall setzte ich meinen Wagen in Bewegung und dachte noch lange über meine sonderbaren Erlebnisse nach, die ich hier an diesem geheimnisvollen Ort in jener einsamen Winternacht erlebt hatte.

***

Ein paar Jahre später, es war im Hochsommer, befuhr ich wieder die gleiche Landstrasse. Ich wollte natürlich auch jenen wundersamen Ort am Rande des stillen Tannenwaldes besuchen, der mir so gut in Erinnerung geblieben war. Als ich dort ankam, erkannte ich aber fast die Umgebung nicht mehr, die jetzt völlig anders aussah. Überall sah man grüne, saftige Wiesen und weite, bis zum Horizont reichende Felder, auf denen verschiedene Getreidesorten, kräftiger Mais und an einigen Stellen sogar schöne Blumen wuchsen. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass die Leute aus dem Dorf an dem von mir damals ihnen gegenüber geschilderten Platz ein herrliches von Hand geschnitztes Holzkreuz aufgestellt hatten, das man in der weiten Landschaft einfach nicht übersehen konnte. Auf einer kleinen Messingtafel konnte ich lesen: „Zur Erinnerung an ein Weihnachtswunder.“ Darunter stand die Jahreszahl 1972.


 

ENDE



© Heinz-Walter Hoetter



 

 

Bloody Mary

 

Es war ein nebliger Samstagabend im Herbst.

Der junge Oswald saß allein zu Hause und schaute sich im Fernsehen gerade einen Gruselfilm an.

Plötzlich klingelte das Telefon.

Oswald zuckte wegen des unerwarteten Geräusches zusammen, stand aber sofort auf und nahm den Hörer ab.

"Hallo, wer ist da?"

Eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: "Hier ist das Mädchen mit der blutigen Hand. Ich komme in ein paar Minuten zu dir. Ich bin nicht mehr weit weg."

Oswald legte erschrocken den Hörer auf, ging sofort zurück ins Wohnzimmer, setzte sich aber nicht gleich wieder vors Fernsehgerät, sondern schob den schweren Vorhang des Wohnzimmerfensters ein wenig zur Seite und blickte argwöhnisch durch die trübe Nacht hinüber zum Eingangstor des Grundstücks, das direkt an der Siedlungsstraße lag.

Er konnte leider wegen des dichten Nebels so gut wie nichts erkennen.

Als er sich gerade wieder setzen wollte, klingelte abermals das Telefon. Die weibliche Stimme von vorhin war dran und sagte: "Hier ist das Mädchen mit der blutigen Hand. Ich stehe vor deiner Haustür!"

Oswald ließ vor lauter Schreck den Telefonhörer fallen. Er dachte schon daran, seine Eltern anzurufen, die ganz in der Nähe bei Bekannten zum Essen eingeladen waren. Doch er wollte sich nicht blamieren und mit der für ihn ungewöhnlichen Situation allein fertig werden.

Im nächsten Augenblick wäre ihm fast das Herz in die Hose gerutscht, als es draußen an der Haustüre klingelte.

Mit weichen Knien ging Oswald mutig zur Tür hinüber und öffnete sie nur ein kleines Stück. Vorsichtshalber ließ er die Sicherheitskette dran. Dann blickte er ängstlich durch den schmalen Spalt nach draußen.

"Hallo Oswald, ich bin's, die Mary von nebenan. Meine Eltern sind heute Abend ins Kino gegangen. Ich hab' mir beim Brotschneiden die Hand verletzt. Die Wunde ist zwar nicht groß, blutet aber ganz schön. Leider haben wir weder Verbandsmaterial noch Pflaster im Haus. Kannst du mir vielleicht damit aushelfen?"

Dabei hielt Mary die linke Hand hoch, die rot vor Blut war.

 


ENDE


(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 

 

Der alte Mönch


 

Im alten China lebte einmal ein alter Mönch weit weg vom lärmenden Trubel der Zivilisation einsam und allein zurückgezogen in einer kleinen Holzhütte am Fuße eines mächtigen, schneebedeckten Berges. Nicht unweit seiner armseligen Behausung sprudelte eine quirlige Quelle aus der schroffen Bergwand, deren glasklares Wasser sich direkt unterhalb seiner bescheidenen Hütte in einer kleinen, brunnenartigen Bergsenke sammelte, die ringsherum an ihren felsigen Rändern mit grünem Moos bewachsen war. Der Mönch saß die meiste Zeit des Tages hier an diesem Platz gleich neben dem ruhigen Wasser, meditierte und sann über neue Weisheiten des Lebens nach.

Die Zeit verging und eines Tages kam ein junger Wanderer zu seiner Einsiedelei. Da er schon einen weiten Weg hinter sich gebracht hatte, war der Wasserbeutel aus Ziegenhaut mittlerweile leer geworden. Er bat den alten Mönch deshalb um etwas Wasser, das er aus der brunnenartigen Bergsenke vor dem Haus schöpfen wollte. Der Alte ging mit dem Fremden hinunter an die Wasserstelle und ließ den Wanderer seinen Wasserbeutel auffüllen. Als der junge Mann damit fertig war, bedankte er sich überaus freundlich bei dem wortlos da stehenden Mönch, hatte aber zugleich das Bedürfnis, ihm noch eine Frage zu stellen, bevor er sich wieder auf den Weg machen wollte.

„Meister, bitte verzeih mir die Frage, aber sag mir, welchen Sinn siehst du darin, dein ganzes Leben in der Einsamkeit zu verbringen. Hier ist es so still, dass man sein Herz in der Brust schlagen hört. Wie kannst du das aushalten?“

Der alte Mönch wies mit einer freundlichen Geste auf das Wasser der kleinen Bergsenke und sagte leise mit freundlichen Worten: „Geh’ ans Wasser und schau hinein, mein Freund!“

Der junge Mann hielt sein Gesicht über das Wasser, konnte aber nichts sehen, weil es immer noch durch das Schöpfen mit dem Ziegenbeutel hin und her wogte und sehr unruhig war.

„Da ist nichts, Meister. Ich sehe nichts außer das aufgewühlte Wasser.“

„Komm zu mir und verhalte dich ruhig. Sprich kein Wort und lasse die Stille der Natur hier oben auf dich einwirken.“

Nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens forderte der alte Mönch den jungen Mann abermals dazu auf, an das Wasser in der kleinen Bergsenke zu gehen. Bald stand dieser wieder am gleichen Platz wie vorher und schaute auf das Wasser.

„Was siehst du jetzt“, wollte er von dem fremden Wanderer wissen.

„Ich sehe mich selber, wie in einem Spiegel, Meister.“

„Mein junger Freund, damit ist deine Frage beantwortet, erklärte der alte Mönch wandte sein Gesicht dem mächtigen Berg zu, schaute hinauf zum schneebedeckten Gipfel und sprach mit leisen Worten weiter.

„Das erste Mal, als du auf das Wasser schautest, war es vom Schöpfen unruhig und aufgewühlt. Du konntest nichts erkennen. Das ist vergleichbar mit dem hektischen Leben der Menschen da draußen in ihrer vom lärmenden Trubel durchwühlten Welt. Nachdem sich die Wasseroberfläche wieder beruhigt hatte, konntest du dein Gesicht darin sehen, wie in einem Spiegel. Das ruhige Wasser ist mit der Stille vergleichbar, denn nur in der Stille kann man sich selbst erkennen. Je länger die Stille andauert, mein junger Freund, desto mehr erkennt man sich selbst und das Leben an sich.“

Nach diesen weisen Worten verließ der fremde Wanderer mit nachdenklichem Gesicht den alten Mönch, der ihm noch lange nachschaute, bis dieser schließlich irgendwo im aufkommenden Nebel eines tief unten gelegenen Tales verschwand.

Es vergingen noch viele, viele Jahre, bis eines Tages der alte Mönch schließlich starb. Er war nicht allein in seiner letzten Stunde gewesen. Ein junger Mann, der einst als fremder Wanderer den alten Mönch besucht hatte, war irgendwann in die Einsiedelei des Alten zurückgekehrt und schließlich bis zum letzten Atemzug bei ihm geblieben. Nach dem Tod des alten Mönchs begrub er den toten Körper an seinem moosbewachsenen Lieblingsplatz gleich neben der kleinen, wassergefüllten Bergsenke, den er ab jetzt den Ort der Stille und der Weisheit nannte.

Dann setzte er sich selbst an den Rand der kleinen, moosbewachsenen Senke, sah ins ruhige Wasser, betrachtete darin sein spiegelndes Gesicht, wandte sich schließlich davon ab und schaute versonnen hinauf zum schneebedeckten Gipfel des mächtigen Berges, der sich hinter der einsam da liegenden Holzhütte in einen wunderschönen blauen Himmel auftürmte.

Vielleicht würde eines Tages wieder ein fremder Wanderer kommen, wenn die Zeit dafür reif ist, dachte der junge Mönch noch, schloss seine Augen und versank in eine tiefe Meditation.

ENDE


©Heinz-Walter Hoetter


 


 

 

290 Lichtjahre weit weg von zu Haus




Ich drückte mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand zweimal kräftig auf den schwarzen Klingelknopf vor mir an der Hauswand und wartete geduldig auf eine Reaktion. Eine krächzende Stimme ertönte plötzlich aus dem Gegenlautsprecher und fragte auffordernd: „Wer ist da?“

 

Mrs. Elena und Mr. Ken Mantell aus New York. Erkennungscode X73-BX134“, antwortete ich sofort.

 

Bitte warten Sie einen Moment. Ich bin gleich bei Ihnen!“

 

Dann tat sich drinnen im Haus etwas.

 

Die schwere Eichentür wurde nur zaghaft geöffnet. Als der Spalt groß genug war, erblickte ich einen blass aussehenden jungen Mann, der einen müden Eindruck auf mich machte und meine Frau und mich misstrauisch musterte.

 

Wir kommen wegen der geheimen Nachricht, die wir von einem Mitarbeiter ihrer Organisation erhalten haben. Wir wurden dazu aufgefordert, ihre Adresse aufzusuchen und ihnen das vereinbarte Kennwort mitzuteilen.“

 

Wie lautet das Kennwort?“

 

Vita“, antwortete ich ohne zu zögern.

 

Der junge Mann nickte sofort mit dem Kopf. Sein Gesichtsausdruck wurde auf einmal etwas freundlicher, und die Spur eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

 

Bitte kommen Sie doch herein, meine Herrschaften“, sagte er. „Das, was Sie suchen, befindet sich unter diesem Anwesen. Gehen Sie einfach hinter mir her. Die letzte Tür rechts am Ende des Flures führt direkt in den umgebauten Keller. Dort wird man Sie in Empfang nehmen. Sie dürfen aber trotzdem schon mal vor gehen.“

 

Dann wies er mit seiner rechten Hand in die angegebene Richtung. „Dort hinten, bitte.“

 

Wir gingen an dem schlaksigen Jungen vorbei durch einen holzgetäfelten Gang, der einen sehr gepflegten Eindruck machte. Das blankpolierte Holz schien allerdings schon in die Jahre gekommen zu sein, weil es bei jedem Schritt knirschte und knarrte. Dann kamen wir an eine Tür vorbei auf der KEIN ZUTRITT! stand.

 

Der Bursche blieb davor stehen.

 

Ich habe noch etwas zu erledigen“, sagte er leise und fuhr fort: „Wenn Sie mich brauchen, stehe ich Ihnen natürlich jederzeit zur Verfügung. Wahrscheinlich wird das aber nicht nötig sein. Mein Kollege wird sich um alles kümmern. Er ist sehr erfahren.“

 

Ich gab ihm ein freundliches OK-Zeichen.

 

Wir werden schon zurecht kommen. Vielen Dank!“

 

Dann bis später“, sagte der junge Mann und verschwand mit einem Kopfnicken.

 

Meine Frau und ich gingen zum Ende des Ganges vor und stiegen über eine breite, aber sehr lange Betontreppe runter in den komfortabel eingerichteten Keller, bis wir schließlich vor einer stabilen Eisentür standen. Fast ängstlich drückte sie die messingfarbene Klinke nieder. Im gleichen Moment schwang die Tür auf, und wir traten mit vorsichtigen Schritten in den vor uns liegenden Raum. Man konnte zunächst nichts erkennen, weil er nur spärlich beleuchtet war. Irgendwo lief eine Be- und Entlüftungsanlage surrend im Hintergrund.

 

Plötzlich stand wie aus dem Nichts ein alter Mann vor uns, der meine Frau und mich prüfend ansah. Wir erschraken etwas. Bevor er etwas sagte, sog er an seiner Zigarette und blies den Rauch in die Luft.

 

Treten Sie doch näher, meine Herrschaften! Nur zu! Ich möchte mich bei Ihnen zuerst einmal entschuldigen. Ich hätte Sie eigentlich schon oben in Empfang nehmen sollen. Bin leider aufgehalten worden. Bitte verzeihen Sie mir! Mein Name ist übrigens Jeff…, Jeff Lucas. Wer Sie sind, weiß ich bereits aus den erhaltenen Unterlagen. Heute ist jedenfalls IHR großer Tag, nicht wahr? Sie werden bestimmt nicht enttäuscht sein. Alle, die hier waren, sind als glückliche Menschen wieder von uns gegangen. Sie werden es selbst erleben. Aber was erzähle ich Ihnen denn da? Man hat Sie ja schon über alles vorab informiert. Die Organisation schickt ja niemanden zu uns, dem sie nicht absolut vertrauen kann und der vorher nicht auf Herz und Nieren überprüft worden ist. Wie gesagt, man hat Sie über alles Wichtige schon ausführlich aufgeklärt und warum unsere Arbeit so streng geheim bleiben muss. Ich bitte Sie beide jetzt nur noch darum, das mitgeführte Vertragsschreiben an mich auszuhändigen. Wenn die Formalitäten erledigt sind, kann es von mir aus losgehen.“

 

Ich kramte etwas umständlich in der rechten Manteltasche herum, suchte nach dem sich dort befindlichen Dokument mit unseren Unterschriften und überreichte es dem alten Herrn, der es sofort aufklappte und durchlas. Nachdem er alle wichtigen Angaben im Schein einer hellen Schreibtischlampe überprüft hatte bat er uns, ihm zu folgen. Langsam gingen wir hinter ihm her. Dann schaltete er das Licht der feierlich wirkenden Wandbeleuchtung ein und erst jetzt konnten meine Frau und ich sehen, dass der fensterlose Raum so groß wie eine Halle war, die sich tief in der Erde befand.

 

Das ist schier unglaublich“, sagte sie hinter vorgehaltener Hand mit leiser Stimme zu mir. „Der Regenerator hat all die vielen Jahrhunderte keinen Schaden genommen. Er ist noch völlig intakt.“ Sie schaute mich an und ihre Augen blitzten wie zwei funkelnde Sterne vor lauter Glück. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich ebenfalls überwältigt war und drückte sie einen kleinen Moment an mich.

 

Ja, endlich waren wir am Ziel. Wir hätten es beinahe nicht mehr geschafft. Der Umweg über diese Organisation stellte ein notwendiges Übel dar. Wir wollten kein Aufsehen erregen.

 

Zaghaft und mit zitternden Knien gingen wir auf den in der Hallenmitte etwa zwanzig Zentimeter über den Boden schwebenden, riesenhaften Kubus zu. Er reichte bis an die Decke, die bestimmt eine Höhe von sechs oder sieben Metern hatte. Grelles Licht drang von Innen aus dem Würfel durch einen sich langsam verbreiternden Eingang und blendete uns für einige Sekunden. Der Regenerator war aktiv.

 

Der Alte ging jetzt schnell an uns vorbei und blieb dann vor dem gewaltigen Kubus stehen, den er irgendwie zu bewundern schien. Dann drehte er sich zu uns herum und fing an zu reden.

 

Sie stehen hier vor einem dieser sagenhaften Regeneratoren, von denen es weltweit angeblich nur zwei geben soll. Ein professioneller Schatztaucher fand dieses Wunderding in einem völlig intakt gebliebenen außerirdischen Raumschiff, das er im Jahre 2050 in der Nähe einer unbekannten Insel im Pazifischen Ozean durch Zufall entdeckte. Das gewaltige Raumschiff konnte er nicht bergen, das war ihm klar, wohl aber diesen Würfel, der sich schwebend in einer der geöffneten Lade- oder Rettungsluken befand. Der zweite Kubus wurde nie entdeckt. Er blieb verschwunden. Niemand weiß bis heute, was aus der Besatzung des Raumschiffes geworden ist, die aus irgendeinem Grund im Pazifischen Ozean vor der kleinen unbewohnten Insel mit ihrem Schiff im Meer gelandet war. Sie müssen es verlassen haben, denn es wurden keine Leichen gefunden. Vielleicht wollten sie das Leben der Menschen erforschen und haben den zweiten Würfel einfach mitgenommen. Wohin? Wer weiß das schon? Nun, nachdem der besagte Schatzsucher mit vier weiteren eingeweihten Männern den Kubus in Sicherheit gebracht hatten und im Laufe der Zeit durch verschiedene Tests von seinen unglaublichen Eigenschaften erfuhren, wurde allen schnell die immense Bedeutung ihres hochbrisanten Fundes klar. Sie behielten daher das Geheimnis für sich und gründeten eine finanziell sehr einträgliche Geheimorganisation, die noch heute vom Entdecker des Regenerators geleitet wird. Ausgesuchte Personen zahlen ein Vermögen für die Verlängerung ihres Lebens durch die Verjüngung des von Krankheit und Tod gekennzeichneten alten Körpers. Theoretisch könnte man unsterblich werden, sooft man die Prozedur wiederholt. – Wer der Mann ist, der das hier alles möglich macht? Außer seinen engsten Freunden von damals kennt ihn niemand. Keiner von uns hat weder ihn noch seine eingeweihten Mitarbeiter je so richtig zu Gesicht bekommen. Das einzige, was wir von ihnen wissen ist die Tatsache, dass sie alle fünfzig oder sechzig Jahre unter strengster Geheimhaltung als alte Männer zu uns kommen und als junge diesen Raum wieder verlassen. Der junge Kerl von oben an der Tür, der Sie reingelassen hat, soll angeblich ein Mitglied des Bergungsteams von damals sein. Jedenfalls behauptet er das. Er sagt, dass der Regenerator einige Geheimnisse in sich birgt und angeblich sogar so etwas ähnliches wie ein kleines Raumschiff sein soll. Einige Kammern sind einfach nicht zu öffnen, weil sie versiegelt sind und nicht geöffnet werden können. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Seiner Ansicht nach müssen sich ungeheure Energiemengen dahinter befinden. Er spricht von komprimierter Antimaterie oder so, die, wenn sie unkontrolliert freigesetzt würde, einen ganzen Planeten in Schutt und Asche legen kann. Ich verstehe davon allerdings nichts. – Tja, das ist so im Großen und Ganzen die Geschichte dieses Dings hier. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich würde Sie jetzt nur noch darum bitten, die vordere Kammer des Kubus zu betreten. Legen Sie sich getrennt in die beiden Liegebuchten und schließen Sie Ihre Augen. Bleiben Sie ganz ruhig, wenn die Kammer hermetisch geschlossen wird. Die ganze Prozedur dauert nicht länger als eine halbe Stunde. Danach können Sie den Regenerator verlassen und sind wieder so jung wie früher, als Sie siebzehn oder achtzehn Jahre alt waren. – Viel Glück, meine Herrschaften und ein angenehmes, neues Leben wünsche ich Ihnen noch nach Ihrer Verjüngung!“

 

Meine Frau und ich gingen jetzt langsam auf den weit geöffneten Eingang des Kubus zu, dessen Außenhülle zu vibrieren begann.

 

Ich bin überwältigt. Wir haben es geschafft, Elena. Nach so langer Zeit können wir endlich unsere Mission der Erforschung des Planeten Erde zu Ende führen. Es ist fast wie ein Wunder, dass wir den Kubus doch noch rechtzeitig gefunden haben. Was haben wir uns viel Ärger damit eingehandelt, als wir damals das Raumschiff so sorglos und unbeobachtet zurück ließen. Keiner von uns beiden wäre doch auf die Idee gekommen, dass man unser Raumschiff unterhalb der Meeresoberfläche in einem der abgelegensten Ecken dieser Welt je entdecken würde. Die Menschen sind wie die Ameisen. Sie sind einfach überall.“

 

Ken, lass uns nicht mehr daran denken. Wir haben Anfängerfehler gemacht. In Zukunft wird uns das nicht mehr passieren.“

 

Elena drehte sich jetzt ganz zu mir herum und schaute mich aus zufriedenen Augen an. Ihr von tiefen Altersfurchen durchzogenes Gesicht strahlte plötzlich eine unglaubliche Ruhe aus. Dann fuhr sie mit sanfter Stimme fort: „Ich dachte zuerst, wir würden es nicht schaffen. Aber jetzt, wo ich den Regenerator betrete, weiß ich, dass sich unsere Arbeit und unsere Ausdauer gelohnt haben. Sicher, ich gebe zu, das der Peilsender Schwierigkeiten hatte, den Kubus zu lokalisieren. Sie haben ihn wirklich gut abgeschirmt. Nicht umsonst sind wir auf der Welt des Menschen ein ganzes Leben lang herumgereist und haben nach ihm gesucht. Wir sollten uns daher beeilen. Ich kann es kaum erwarten, wieder nach Hause zu fliegen.“

 

Ich gab Elena recht. Mir ging es nicht anders. Aber vorher mussten wir noch mit dem Kubus zu unserem wartenden Raumschiff im Pazifischen Ozean fliegen, das uns zum Planeten ALTARIS II in einer Spiralgalaxie, 290 Lichtjahre vom System Sol entfernt, zurück bringen wird. Auf dem Flug zum Raumschiff würde uns der Regenerator im Innern des Kubus verjüngen, damit wir als junge Besatzung endlich die langersehnte Reise durch die Unendlichkeit des Alls zurück zu unserem Heimatplaneten beginnen können. Leider müssen wir den zweiten Kubus auf der Erde zurück lassen, der mehrere Generationen lang unsere einzige Überlebenschance gewesen war, bis er vor etwa sechzig Jahren bei einem schweren Erdbeben von herabstürzenden Felsbrocken schwer beschädigt wurde. Das wiederum führte dazu, dass der Regenerator seine Funktion automatisch abschaltete, um die Energie auf den Erhalt des Magnetfeldes zu konzentrieren. Eine der vier Materiekammern war stark deformiert worden und drohte zu zerbersten. Die Antigravitationshülle mit ihrem starken Magnetschild wird wohl irgendwann dem gewaltigen Druck der Antimaterie im Innern der Kammern nicht mehr standhalten. Gelangt die Antimaterie erst mal nach draußen, entsteht sofort ein alles vernichtender Materiebrand, der sich schließlich mit wachsender Geschwindigkeit durch den Planeten fressen und am Ende dieses unumkehrbaren Prozesses die Erde wie einen aufgeblasenen Ballon explodieren lassen wird.

 

Aber bis dahin kann es noch lange dauern. Die Antigravitationshülle hält mehrere hunderttausend Jahre stand, bis sie vielleicht mal irgendwann kollabiert. Ob die Menschheit dann noch existiert, ist unseren Untersuchungen und Forschungsergebnissen nach sowieso sehr fraglich.

 

Unsere Mission war jedenfalls ein voller Erfolg. Noch nie war ein Raumschiff unserer Rasse so weit weg in den unbekannten Weiten des Weltraums vorgedrungen. Die wissenschaftliche Ausbeute ist einfach überwältigend.

 

Doch bis wir ALTARIS II erreicht haben werden, bedarf es noch sehr vieler Regenerationen unserer Körper. Aber wenn wir endlich da sind, wird man uns als Helden feiern.

 

Ende


 

© Heinz-Walter Hoetter



 

 

Die kleine Geschichte

einer großen Liebe

aus einer längst vergangenen Zeit

 

 

Ohne dass er es eigentlich wollte, stand er auf einmal vor einem kleinen Blumenladen am Ende der schmalen Kopfsteinpflasterstraße. Wie ein Landstreicher sah er aus, von den vorbei eilenden Leuten gemieden, die mit gerümpfter Nase schnell einen weiten Bogen um ihn herum machten, wenn sie ihm auf dem Bürgersteig zufällig begegneten.

Er war ein großer Kerl mit schmuddelig herunterhängenden langen blonden Haaren, einem eckigen Gesicht und wasserblauen Augen, die aufmerksam die Umgebung beobachteten. Seine Kleidung sah erbärmlich aus. Die Hose ausgefranst, die Schuhabsätze schief und stark abgelaufen. Den grauen, abgewetzten Mantel hatte er, anstatt des fehlenden Knopfes, mit einem kurzen Stück Paketschnur geschlossen.

Die wehmütigen Blicke seiner Augen, die schon viel Armut gesehen hatten, wanderten jetzt in das Schaufensters hinein, wo sich eine herrlich anzusehende Blumenpracht hinter dem spiegelnden Glas breit machte. Ganze Hochzeitsreigen von Veilchen in schönen Tonvasen, bis hinauf zur keuschen Kälte der Lilie und zu den bizarren Schnörkeln einiger stachliger Kakteen, all das konnte man in der bunt dekorierten Auslage bewundern. Blumen über Blumen, die dem Betrachter wie lebendige Wesen in Seide, Samt und Schleier erschienen.

Georg Neubauer stand wie verzaubert davor, als ob er sich jeden Moment in das Blumenmeer stürzen wollte.

Eigentlich suchte er nur ein warmes Plätzchen und einen Ort, wo er sich endlich einmal richtig satt essen und ausruhen konnte.

Eine Bewegung ging durch den Mann. Er tastete wie abwesend mit den Händen an der Scheibe entlang, als ob er die Blumen liebkosen wollte. Und nun blickte er an sich herunter. Er tat das sehr lange. Die verzweifelte Nachdenklichkeit über seinen äußerst schlechten Zustand konnte man bald an seinem traurigen Gesichtsausdruck ablesen.

Neubauer verharrte eine Zeitlang mit halb geschlossenen Augen. Es war, als ob er träumte, als ob er sich eine Rose oder eine Nelke ins Knopfloch steckte. Eine große, gelbe Rose vielleicht. Und nun lächelte er auf einmal. Ein Lächeln, das seinem verwehten Gesicht einen eigenartigen Schimmer verlieh. Und dann drehte er sich plötzlich um und pfiff ein Lied. Es war ein leises Pfeifen, aber es lag darin ein Glück, das lange verschüttet war und beim Anblick der herrlichen Blumen wieder hervorkroch.

Georg Neubauer trottete mit langsamen Schritten die holprige Straße hinunter, hinein in einen grauen, windigen Tag, der ihn etwas frösteln ließ. Der Tag zog sich schleppend dahin und später, im beginnenden Abendlicht, ging er in ein altes Gasthaus, setzte sich an einen der klobigen Holztische im hinteren Teil des Lokals, holte sein Taschenmesser hervor und schnitt sich von dem harten Brot, das er in der weiten Manteltasche mit sich trug, den Kanten ab, bestellte sich beim Wirt ein Glas Bier und lachte leise vor sich hin.

Und plötzlich fing Georg Neubauer, dieser seltsame Kerl, aus seiner einsamen Tischecke heraus an zu erzählen. Zuerst sprach er nur leise vor sich hin. Als er merkte, dass einige der Umsitzenden auf ihn aufmerksam wurden, ging er lauter und etwas frecher vor. Witze und Erlebnisse warf er wie Juckpulver, Raketen und bunte Bälle in die Gesellschaft der Gäste hinein.

Dann, als wäre er ein Magnet, der das Eisen anzieht, saßen sie auf einmal an seinem Tisch, dicht zusammen gedrängt und gierig lauschend, was er ihnen zu erzählen hatte.

Es waren lauter durchtriebene Viehhändler und Häuserspekulanten, die ihm zuhörten. Wie einen seltsamen Bruder betrachteten sie ihn, mit dem es eine Ehre war, zusammenzusitzen. Ja, es machte ihnen nichts aus, mit einem herunter gekommenen Landstreicher an einem Tisch zu sitzen, obwohl sie wohlhabende Leute waren, von denen die meisten goldene Uhrketten und dicke Portmonees mit sich herumtrugen. Es waren Männer, die geradezu nach Geld stanken.

Gegen Mitternacht fing man an, Karten zu spielen. Wo aber sollte Neubauer das Geld hernehmen? Er hatte keinen lumpigen Pfennig mehr in der Tasche. Aber er besaß noch ein altes Taschenmesser. Ein mächtiges Ding. Ein kleiner Druck auf einen bestimmten Knopf, und eine Schneide flog hoch. Noch ein Druck, dann richtete sich eine Säge auf. So etwas muss man einfach gesehen haben! Dreimal drücken, und ein Bohrer ist da. Ja, so ein Taschenmesser kann sich in der Tat sehen lassen. Es war eine echte Sonderanfertigung und deshalb sehr wertvoll und teuer.

Einer der wohlhabenden Männer am Tisch kaufte es ihm ab und gab Neubauer einen Fünfziger dafür, und das Spiel konnte beginnen. Es war ein hohes, verwegenes Spiel. Doch Georg Neubauer gewann. Es schien ihm fast so, als konnte es nicht anders sein. Das Schicksal führte Regie bei ihm. Er hatte immerfort Glück. Manchmal ging es um Kopf und Kragen. Doch als der Morgen graute, lag auf dem Tisch vor dem armen Landstreicher ein kleines Vermögen.

Die ganze Zeit hatte er nicht geschlafen und trotzdem war er seltsam frisch und wie umgewandelt. Es wurde bereits acht Uhr. Wie von wilder Unternehmungslust getrieben, machte er sich plötzlich auf in das nächste Werkzeuggeschäft und kaufte von dem gewonnen Geld Axt und Säge, Bohrer und Hammer und ein paar andere nützliche Dinge des täglichen Lebens.

Eigentlich hätte er anstatt an Werkzeuge doch lieber an einen neuen Anzug und neue Schuhe denken können. Aber wer weiß, was in Neubauers Schädel im Augenblick vor sich ging. Offenbar war in ihm etwas wach gerüttelt worden.

Später marschierte er mit all den gekauften Dingen zum Bahnhof, stieg in den Zug ein, der gerade auf seine Abfahrt wartete und machte es sich in einem der leeren Abteile bequem. Ein paar Minuten später ertönte die Trillerpfeife des Zugführers und die Lokomotive setzte sich Dampf fauchend langsam und ruckartig in Bewegung.

An einer kleinen Haltestation, die nur so etwas wie eine Wellblechbude als Bahnhofsgebäude hatte, stieg mit zwei großen Säcken bepackt ein schönes Mädchen in den Wagen. Es schien, als ob sie unter dem Gewicht fast zusammenbrechen würde, aber sie brachte sich und die mitgeschleppte Ware sicher in das Abteil, wo ausgerechnet auch Georg Neubauer Platz genommen hatte, der das Mädchen jetzt verstohlen aus dem Augenwinkel heraus beobachtete.

Sie wird wohl so gegen zwanzig Jahre alt sein, denkt er sich. Ihr schlanker Körper wirkte irgendwie leicht und war zierlich gebaut. Schmucklos gekleidet stand sie da und schaute interessiert herum. Der lange Rock geblümt, die Schuhe etwas derb. Das kastanienbraune Haar hat sie mit einem weißen Kopftuch bedeckt. Einige Härchen winden sich lockig daraus hervor. Das Gesicht des Mädchens ist schön, hat einen sanften und zugleich frohen Ausdruck. Da saß sie nun auf den ausgebeulten Säcken wie eine schöne große Blume auf einem grauen Hügel. Zwischendurch betrachtete sie ihre Hände, die einen gepflegten Eindruck machten, obwohl sie kräftig zupacken mussten. Sicherlich fuhr sie nicht oft mit der Eisenbahn. Sie wird wohl ein Bauernmädchen sein, das da Kartoffeln in die Stadt schleppte, um sie dort auf dem Markt zu verkaufen. Weiter nichts, sinnierte Neubauer.

Manchmal sah sie erschrocken von ihren Händen auf, starrte verlegen zum Fenster hinüber und betrachtete die vorbeihuschende Landschaft. Spürte sie wohlmöglich die Augen des Mannes, wie sie fasziniert über ihr Gesicht wanderten, verwundert, nachdenklich und sehnsuchtsvoll, um ihr schönes Gesicht verlangend zu berühren? Ja, sie ist wirklich sehr schön, trotz Kopftuch und harter, klobiger Schuhe, dachte Georg Neubauer. Eine Schönheit, die im verräucherten Eisenbahnwagen saß und unermesslich viel von ihrer quellreinen Seele preisgab. Ein keusches Mädchen, das wohl zu Tieren und Bäumen, ja zur gesamten Natur wahrhaftig noch eine unverfälschte Beziehung hatte, die noch innig Du sagen konnte und glücklich darüber war, sobald sie es selbst hörte, wenn sie damit angesprochen wurde.

Sie war eben ein Geschöpf, aus dem heimatlichen Boden gewachsen, über das es trat und der sich noch an den harten Schuhen klammerte, als wolle er unbedingt dabei sein, wohin sie auch immer ging.

Ihre Augen hatten die durchsichtige Helle von klarem Bergwasser. Und wenn diese Augen bei einem schönen Gedanken aufglänzten, dann schimmerten sie, als ob ein Feuer darin spielte.

Georg Neubauer musste dieses hübsche, unschuldige Mädchen immer wieder ansehen. Auf einmal erhielt er eine Antwort auf eine Frage, die er sich schon seit langer Zeit oft vorgesprochen hatte.

Unendlich viele Vorbilder hat der Mensch. Aber weshalb ist er nicht so rein wie die Narzisse, so ruhig wie der Abendstern und so seelenschön wie ein sonniger Maimorgen?“ fragte er sich mit halblauter Stimme, aber immer noch so leise, dass es niemand der Fahrgäste hören konnte.

Dieses Mädchen, das da vor ihm saß, zeigte Neubauer mit ihrer Gegenwart, dass seine Frage eigentlich unnötig war. Sie wirkte zwischen all den geputzten, angeschminkten Menschen wie ein himmlischer Vogel, der jeden Augenblick zu singen anfangen konnte.

Ihre Tage verbrennen wohl in harter Arbeit und lassen, wie ein paar Stäubchen Himmelsasche, nur ein kleines Lied zurück, einige frohe Gedanken und ein seliges Gebet. Sicherlich hat sie viele Geschwister daheim und möglicherweise auch ganz kleine darunter. Sie schläft fest, aber doch nicht so fest, dass sie das Weinen eines kranken Kindes in der Nacht nicht hört. Rasch und lautlos springt sie dann auf und eilt ans Kinderbettchen und hilft dem Kind in der Not. Sie hat bestimmt noch nie geliebt, dachte sich der Mann, dessen Gedanken die ganze Zeit nur um das Mädchen kreisten, das vor ihm auf den Kartoffelsäcken hockte. Aber wenn sie ihre unschuldige Liebe jemanden bereit war zu schenken, dann würde es für die Ewigkeit sein. Plötzlich zog ein Windhauch zu ihm herüber, der seine Nase berührte. Sie duftete nach Birkenlaub. Neubauer hatte auf einmal den Wunsch, ihre Sprache zu hören, lehnte sich deshalb ein wenig nach vorne und fragte sie, ob er die schweren Säcke nicht etwas beiseite rücken soll. Es würde dadurch ein Platz frei, und sie würde sicherlich bequemer sitzen können.

Sie schaute ihn mit großen Augen an und sprach leise verschüchtert, dass er sich keine Mühe machen solle. Sie sitze gut so. Und das sagte sie mit einem Lächeln, das Georg Neubauer zwar irgendwie gefiel, aber trotzdem nicht ganz verstand, weil es ein seltsames, zärtliches Lächeln war. Galt es ihm? Eine bange Frage, die er im Augenblick nicht eindeutig beantworten konnte.

Der Mann dachte auf einmal an das viele Geld, das er gewonnen hatte und in seiner Manteltasche mit sich herum trug. Er stellte sich das Mädchen vor: ganz in weißer Seide, mit einer feinen Edelsteinkette um den Hals, wie eine kleine Prinzessin. Dann würde er ihr einen goldenen Ring auf den Ringfinger schieben und ihr danach einen zärtlichen Kuss auf ihre schönen roten Lippen geben.

Der Zug wurde langsamer. Bremsen quietschten. Das Mädchen bewegte sich unruhig hin und her und schaute aus dem Wagenfenster. Neubauer vermutete, dass sie bald aussteigen würde. Wieder kreisten seine Gedanken, wie um einen fiktiven Mittelpunkt. Er musste unbedingt wissen, wie sie hieß. Während er das dachte, schaute er an seiner lumpigen Kleidung herunter, die jetzt selbst auf ihn abstoßend wirkte. Aber er musste sie trotzdem danach fragen, wie sie heißt. Er musste ihren Namen wissen, bevor der Zug anhalten würde und sie ihn verlässt.

Doch das Mädchen schaute ihn plötzlich an, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

Ich?“ fragte sie Georg Neubauer, der ganz überrascht war, als sie ihn dabei tief in die Augen sah.

Ich heiße Lili..., Lili Weißmann.“

Sie sagte das, als hätte sie zum erstenmal begriffen, dass sie etwas bedeutete, und dass sie für einige Minuten aus der Welt ihres kleinen Dorfes gehoben wurde, das wohl eine einsame, in sich geschlossene Welt war. Dorthin musste sie später wieder zurück, wenn sie die Kartoffeln auf dem Markt in der Stadt verkauft hatte. Sie musste zurück, ganz allein und ohne ihn. Er würde sie bestimmt nie wiedersehen.

Und da hielt der Zug auch schon an.

Georg Neubauer sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Sitz auf und half ihr dabei, die schweren Kartoffelsäcke aus dem Wagen zu heben. Auf dem belebten Bahnsteig fragte er sie dann nach ihrer Adresse. Ihr Gesicht wurde über und über rot. Vor lauter Verlegenheit nahm sie ihr weißes Kopftuch ab, aber sie sagte ihm trotzdem den Namen ihres Dorfes und die Straße, in der sie wohnte. Neubauer reichte ihr noch schnell die Hand, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte und er deshalb einsteigen musste. Sie wischte sich die ihrigen kurz an der Schürze ab, versuchte noch seine Händen zu greifen, die sich aber nur flüchtig berührten, denn der Zug wurde bald schneller und schneller. Das Mädchen blieb zurück und schaute ihm mit sehnsuchtsvollem Blick hinterher. Nur die Liebe konnte so schauen.

Als der Mann nur wenige Augenblicke später zum Fenster des Zugabteils hinausguckte, sah er noch, wie ihr der Wind das Haar ins Gesicht fegte. Sie strich es immer wieder zurück und lies nun die rechte Hand auf dem Haar liegen, damit er ihr schönes Antlitz und das liebliche Lächeln ihres keuschen Mundes noch lange sehen konnte.

Dann bog der Zug in eine Kurve hinter dem Bahnhof und sie verschwand immer mehr aus seinem Blick.

***

An der Endstation, die ein Kopfbahnhof war, stieg Georg Neubauer aus dem Zug und kaufte sich von einem Teil des Gewinns bei einem Händler ein Pferd, einen alten Wagen und einen gebrauchten Pflug. Der Anfang war gemacht. Dann holte er sich eine Zeitung und durchsuchte die Anzeigen. Schon bald entdeckte er ein billiges Grundstück, das jemand zum Kauf anbot. Die Adresse lag außerhalb der Stadt in einer ländlichen Gegend, wo nicht allzu viele Leute wohnten. Neubauer machte sich sofort auf den Weg.

Am nächsten Tag war er bereits stolzer Besitzer eines heruntergewirtschafteten Stück Feldes und eines großen Stück Waldes. In einem armseligen, halb verfallenem Haus, direkt an einem Hang gelegen, schlief er am späten Abend zufrieden ein. Es war sein Haus, sein Feld und sein Wald, dazu ein Pferd im Stall mit Wagen und Pflug. Alles gehörte ihm und alles war bar bezahlt. Ja, Georg Neubauer hatte etwas und noch viel mehr: Inhalt war in sein Leben gekommen.

Er schuftete seit der Zeit Tag und Nacht. Ein einsamer aber hoffnungsvoller Mensch schlug sich mit der Erde herum. War es vielleicht so, als ob er fühlte, dass in dieser Erde Gold und Glück verborgen lag, nach dem er nur fleißig graben musste? Eines Tages, so dachte der ehemalige unfreiwillige Landstreicher für sich, würde er das alles in seine windige Hütte schleppen. Deshalb gab es für ihn ab jetzt auch keinen Sonntag. Es gab überhaupt keine Zeit für irgendwelche Vergnügungen und sinnlose Zeitvertreibe. Auch wurde für ihn kein weißer Tisch gedeckt. Er aß das harte Brot aus der Tasche seines alten abgewetzten Mantels, mitten auf dem Felde oder am Hain sitzend im tiefen Gras. Er trank aus dem nah gelegenen Waldbach, der über sein Grundstück floss. Schlief des Nachts auf Stroh ein in seinem armseligen Haus, wo gleich nebenan im Stall sein Pferd stand, das er bewachte. Sein ganzes Fühlen und Denken kreisten nur noch um Feld, Acker und Wald. Die Landschaft um ihn herum fing an, die Blicke des Mannes zu bilden. Es war, als ob sie ihm seinen Schweiß und seine Sorgen immer wieder zeigen wollte, als ob sie seine Augen Stück für Stück schärften für Wachstum und Ernte, die harten Einsatz verlangten. Manchmal ertappte sich Neubauer dabei, wie er zum Himmel hochschaute, gerade so, als würde Gott zu ihm herunter sehen, um seine schwere Arbeit mit dem Segen einer reichen Ernte zu belohnen.

Ohne es zu wissen und zu ahnen, fügte sich Georg Neubauer als Teil seiner Erde in die Landschaft ein. Wie eine Frucht manchmal, wie eine Ackerscholle, wie ein Tier oder wie eine Pflanze. Er wurde der Spiegel seiner Arbeit und seines eigenen Ackers, den er bestellte. Wenn er so auf seinem Feld saß und sein trockenes Brot verzehrte, dann wirkte er selbst wie ein lebendiger Klumpen Erde. Sie verschmolzen miteinander.

Er sprach nur noch mit seinem Pferd. Aber wenn er sich am Abend in sein Strohbett warf, todmüde, wie zerschlagen, dann hatte er immer noch einen kleinen Gedanken, den er fest in seinen Traum schloss. Er sah das schöne Gesicht des Mädchens im Eisenbahnwagen. Richtig, sie hieß Lili Weißmann, und sie wohnte in einem Dorf, dessen Namen er kannte, weit draußen vor der Stadt.

Ihr feines, helles Gesicht dachte er sich in das Dunkel seiner zusammengeworfenen Hütte hinein, wo nebenan im Stall das Pferd stampfte und das fahle Mondlicht des Nachts durch die zerschlagenen Scheiben fiel. Er hatte wahrhaftig Sehnsucht danach, dieses Mädchen wiederzusehen, sie vielleicht einmal zärtlich in die Arme zu nehmen. Er rieb seine Hände und war erschrocken darüber, wie rau und zerrissen sie waren.

Die Liebe zu seiner flüchtigen Bekanntschaft im Zug war in der Einsamkeit noch gewachsen. Sie musste hierher, dachte er sich. Irgendwann in naher Zukunft. Aber unter diesen Umständen? Nein! Erst wollte er hier alles groß, fein und stark machen. Er hatte nicht die geringste Sorge, dass sie ihm davonlaufen würde, während er sich hier wie ein Besessener abmühte. Stattdessen empfand er ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zu ihr und dass sie auf ihn warten würde.

Die Zeit verstrich wie im Flug. Erst im Winter sah man Georg Neubauer wieder in der Stadt. Natürlich mit Pferd und Wagen. Er sah wild aus. Die Hände von Schwielen bedeckt und von Rissen durchzogen. Anstatt feste Schuhe hatte er die Füße mit alten Lumpen umwickelt. Aber in seinen Augen leuchtete es wie das Blau des weiten Himmels über ihm. Und der ferne Duft des Waldes war um ihn, der aus seiner warmen Winterkleidung strömte.

Prächtige Holzstämme hatte er auf seinen Wagen geladen. Manchmal streichelte er liebevoll sein treues Pferd. Und er tat das mit solcher Zärtlichkeit, dass der harte, verwilderte Kerl ganz verwandelt war. Es kam ein Schimmern in sein Gesicht wie von der Himmelsfarbe der schönen Blumen seiner Wiese, die ihn dort draußen in seiner Einsamkeit des vergangenen Sommers umblüht hatten.

Auf dem Markt verkaufte er das Holz zu sehr guten Preisen. Abends saß er wieder im Gasthaus, wo er in seinen Gesprächen durchblicken ließ, dass er sein zerfallenes Haus wie neu gebaut habe, dass er jetzt Waldbesitzer sei und eine Wiese und ein schönes Stück Feld sein eigen nennen konnte. Wenn’s auch klein herginge, so wäre es doch ein erfolgreicher Anfang gewesen, der mit viel Fleiß und Ausdauer erarbeitet wurde. Dann spielte er wieder und...gewann. Sein Glück hatte ihn nicht verlassen. Es schien Georg Neubauer fast so, als säße die germanische Glücksgöttin Arminia neben ihm, die darüber wachte, dass die Quelle seines Spielglücks nicht versiegte.

Am nächsten Tag fuhr er aus der Stadt mit prall gefüllten Säcken voll Saatkorn und Saatkartoffeln. Unterwegs kaufte er sich noch neue Stiefel, die seine kalten Füße wunderbar wärmten, dann noch einen schönen Anzug und verschiedene andere Wäsche. Zum Schluss lud er in einer Schreinerei ein paar Möbelstücke auf seinen Wagen. Vorne, neben ihm, saß auf dem hölzernen Kutschbock ein junger Knecht, der bei ihm um Arbeit nachgefragt hatte. Georg Neubauer konnte einen kräftigen Kerl wie ihn gut gebrauchen. Es hatte noch viel zu tun.

Nach und nach wurde alles wohnlicher in der Einsamkeit. Ein großer Stall wurde gebaut und das verfallene Wohnhaus repariert, wo es am Notwendigsten war. Doch eines Tages war Neubauer wie vom Boden verschluckt. Dem Knecht hatte er nicht ein einziges Wort davon gesagt, wohin es ihn trachtete. Als er nach ein paar Tagen wieder zurückkam, sah er so niedergeschlagen aus, als hätte man ihn unterwegs böse verprügelt. Vielleicht war ihm etwas gegen den Strich gegangen oder etwas geschehen, das seinem einsamen Herz tiefe Schmerzen zugefügt hatte.

Und richtig. Er war heimlich in Lili Weißmanns Dorf gewesen und hat erfahren müssen, dass sie schon seit geraumer Zeit als Dienstmagd in die Großstadt gegangen sei. Sie hat es also doch nicht in ihrer kleinen Dorfwelt ausgehalten.

Immer nur Erde an den Füßen und jeden Tag die schwere Arbeit verrichten. In der Großstadt dagegen ging das Leben leichter und flotter von der Hand. Man musste es nur richtig verstehen. Aber das dieses unschuldige Mädchen, das er so anhimmelte, auf den Gedanken gekommen war, die weite Welt der Großstadt kennen zu lernen, das wollte ihm einfach im Moment nicht in den Kopf.

Georg Neubauer saß jetzt unschlüssig herum. Auf dem Rückweg hatte er übrigens ein zweites Pferd und dazu noch zwei Kühe gekauft. Er wollte sich vor seinem Knecht nicht die Blöße geben, dass er so etwas wie ein heimlicher Liebhaber war, der wegen eines Dorfmädchens zwei Tage von Haus und Scholle wegblieb, um einer flüchtigen Liebschaft hinterher zu laufen.

Sie war allerdings die Tochter von einem Kleinbauern, der den Stall voller Rinder hatte. Die Leute in dem kleinen Dorf gaben ihm auf seine Fragen willig Auskunft, weil sie schnell herausfanden, aus welchen Gründen er gekommen war.

Nun musste allerdings der neue Anzug und die neuen Schuhe wieder zurück in den Schrank. Wozu hatte man denn einen Schrank? Es muss doch etwas darin hängen. Und dann kommt vielleicht mal ein Tag, wo man wegfahren muss, weit weg in die große Stadt. Weshalb sollte man sich nicht einmal eine Reise leisten, wo doch jetzt genug Geld da ist?

Der Winter verging und im darauf folgenden Frühjahr kam noch ein zweiter Knecht auf den Hof. Ja, man wurde größer, man dehnte sich aus. Georg Neubauer ging über die ausgedehnten Wiesen, der glänzende Tau sprang wie klingendes Silber um seine nackten Füße. Wenn er so allein durch die weite Landschaft ging, war jedes mal etwas Zeitloses in ihm, fast so, als ob der Glanz und die Finsternisse des Weltalls durch ihn hindurchflossen. Bienen und Blütenkelche fingen an zu klingen und die grünen Gräser der Wiesen sangen gemeinsam ein leise rauschendes Lied im wogenden Wind. Hauchfein stieg in der Ferne vom Dach seines neuen Hauses der Herdrauch in den blauen Himmel. Schweigen überall, wohin man lauschte.

Es kamen Tage, wo ihm die Arbeit nicht mehr so richtig von den Händen wollte. Weiß der Teufel, es war nicht richtig, dass sie einfach in die große Stadt gegangen war.

Aber da musste er auf einmal laut vor sich hin lachen.

Was bilde ich mir denn ein? Wie komme ich überhaupt dazu, ihr Vorwürfe zu machen? Sie weiß bestimmt nichts mehr von mir. Hat sicherlich alles schon längst wieder vergessen. Man kommt sich einfach zu wichtig vor, hier in der Einsamkeit. Liebe macht eben blind für die Realität. Die Welt dreht sich trotzdem weiter, und man sitzt hier auf einer Scholle Erde, die sich aber nicht dreht. Trotzdem überkam Neubauer das komische Verlangen, auf der Stelle die Arbeit hinzuschmeißen und zu dem Mädchen in die Großstadt zu fahren. Aber er riss sich zusammen und fluchte darüber, dass er sich überhaupt derlei unsinnigen Gedanken hingab.

Kaum war die Ernte jedoch unter Dach und Fach gebracht, entschloss sich Georg Neubauer dazu, Lili Weißmann einen Besuch abzustatten. Die Adresse hatten ihm die Dorfbewohner besorgt und bald stand er in der Nähe eines feinen Hauses, wo sie im Dienst einer reichen Familie stand. Weil er sich aber nicht traute bei den feinen Herrschaften wegen des Mädchens vorstellig zu werden, beobachtete er aus sicherer Entfernung lieber die Haustür und hoffte darauf, dass sie irgendwann einmal aufging und Lili Weißmann heraustrat.

Tagelang stand Neubauer auf der anderen Straßenseite, ging immer wieder mehrmals auf und ab und lauerte wie ein Hund, der in Wind und Regen auf seinen Herrn wartete und überlegte dabei, was er ihr sagen wollte. Doch als sie einmal heraus kam, hatte er alles wieder vergessen. Sie wirkte so fremd auf ihn. Sie kam ihm so verändert vor, wie ein Schmetterling über fremden Asphalt. Doch er folgte ihr, nahm sich ein Herz und hielt sie an. Er tat dabei so, als würde er mit ihren Eltern auf du und du stehen und überbrachte Grüße von ihnen.

Und tatsächlich. Sie erkannte ihn sofort wieder, obwohl er in völlig neuen Kleidern vor ihr stand. Georg Neubauer hatte dabei in ihren Augen so etwas wie ein Leuchten gesehen, als er sie ansprach. Oder bildete er sich wieder nur alles ein? Diesmal nicht! Es war tatsächlich ein Beben in ihrer Stimme.

Und dann fing er auf einmal damit an, ihr im Verlauf des Gespräches Vorschläge zu machen, dass sie auf sein Gut kommen solle. Er brauchte sie. Er brauchte sie sogar viel notwendiger, als er zugeben wollte. Er fragte sie, wie viel Lohn sie bei den neuen Herrschaften bekäme und sie meinte: „Jeden Monat sind es 35 Mark. Alles andere ist frei.“

Georg Neubauer fing an zu wettern. Das wäre doch keine gerechte Bezahlung für die anstrengende Arbeit. Ihm seien einhundert Mark nicht zuviel. Und wenn sie ihm sagen möchte, wie viel sie haben wolle..., wäre er damit auch einverstanden.

Das Mädchen stand unschlüssig da. Sie wusste nicht, was sie von seinem Angebot halten sollte. Etwas wie Misstrauen dämmerte in ihr auf. Sie zupfte vor lauter Verlegenheit an ihrem Rock herum und schaute ihn dabei unvermittelt in seine schönen, wasserblauen Augen.

Neubauer fragte sie noch einmal mit sanfter Stimme, ob sie mit zweihundert Mark zufrieden sei?

Und da nickte sie. Aber man konnte es ihr deutlich ansehen, dass so etwas wie Furcht und Unbehagen in diesem Nicken mitschwang. Lili Weißmann verspürte große Lust, einfach wegzulaufen. Aber der Funke der Liebe war trotz aller Unbilden und Misslichkeiten erneut übergesprungen. Sie spürte, dass dieser Mann, der hier so voller Verzweiflung vor ihr stand, alles dafür zu tun bereit war, damit sie mit ihm ginge. Sie wollte es jetzt nicht mehr wegen des Geldes machen, sondern einzig und allein aus reiner Liebe zu ihm.

Auf einmal umarmten sie sich, wie zwei Menschen, die lange auf diese Begegnung gewartet hatten. Dann gingen sie miteinander fort und standen plötzlich auf einem stillen Parkweg. Er redete die ganze Zeit von seinem Gut, aber sie hörte nur halb hin. Da zog er aus seiner Manteltasche ein Buch mit einem weißen Etikett. Darauf stand eine ziemlich hohe Zahl. Er schlug das Buch auf und hielt es ihr hin. Ihre Augen lasen ihren eigenen Namen „Lili Weißmann“. Sie schaute ein zweites Mal hin, weil sie glaubte zu träumen. Es war ein Sparkassenbuch, das auf ihren Namen ausgestellt war. Mit Stempel der Kreissparkasse und sehr vielen Einzahlungen. Zweitausend Mark hatte Georg Neubauer für sie gespart und alles fein säuberlich aufbewahrt. Sie blätterte immer wieder in dem Büchlein und war fassungslos vor Freude.

Dass soll alles für mich sein?“ fragte sie mit Ernst und tiefer Demut den lächelnden Mann vor sich, den sie damals im Zugabteil nur flüchtig kennen gelernt hatte und ihm so etwas niemals zugetraut hätte.

Er trat plötzlich ganz nah an sie heran. Ein Duft von Acker und frischem Tannenholz strömte ihr aus seinen Kleidern entgegen. Es war ihr so, als ob sie von der Heimaterde selbst berührt würde, die sie so sehr liebte. Dann wurde sie auf einmal von zwei kräftigen Armen eng umschlugen. Sie wehrte sich nicht, schloss willig ihre Augen und sein bebender Mund drückte sich auf ihre heißen sehnsuchtsvoll wartenden Lippen.

Zwei „Ich“ vereinigten sich in tiefer Liebe zu einem „Wir“.

Von diesem Augenblick an bis in alle Ewigkeit.


ENDE


 

© Heinz-Walter Hoetter


 

 

Erinnerungen eines alten Mannes


 

 


Früher war es schön. Wir hatten noch einen blauen Himmel mit weißen Wolken, die am weiten Firmament dahinzogen wie leise vorbeifahrende Segelschiffe. Manchmal waren die Wolken aber auch grau und schwarz aus denen es dann regnete. Wisst ihr eigentlich, was dieses Wort überhaupt bedeutet – Regen?

Ja..., wir genossen es, wenn er plötzlich als frischer Platzregen herunter kam und wir das kühlende Nass auf unserer trockenen Haut verspürten. Und nicht nur das! Wir konnten das saubere Wasser der Wolken sogar noch trinken. Es schmeckte einfach köstlich. Die ganze Landschaft veränderte sich nach solch einem grandiosen Naturereignis wie auf wundersame Weise. Sie verwandelte sich überall in ein gewaltiges grünes Pflanzenmeer. Doch, doch, es stimmt wirklich! Wir konnten es tatsächlich noch selbst erleben, wie sich das ganze Land veränderte. Es kam uns oft so vor, als würde die Erde mit ihrem gewaltigen Odem neues Leben in uns alle einhauchen. Und dann dieser feuchte Dunst am Morgen, der über dem gesamten Tal lag und die Sicht zum fernen Horizont versperrte. Ach ja, Nebel nannte man das…, jetzt fällt es mir wieder ein.

Später kam die Sonne. Ja, ihr habt richtig gehört! Ich sagte SONNE! Sie durchbrach mit ihren wärmenden Strahlen die sich langsam nach und nach auflösende Wolkendecke und bald darauf leuchtete das ganze Land unter ihrem hellen Licht wie ein bunt blühender Garten Eden.

Wir haben auch noch echtes Gras kennen gelernt. Wenn der Wind blies, wogte es hin und her und die Wasserperlen darauf schimmerten in allen Farben des Regenbogens. Ach, war das schön! Einfach herrlich dieses glitzernde Spiel mit den Farben.

Niemand von euch hat jemals den Duft von frischem Gras oder feuchter Erde gerochen. Oh Kinder, es tut mir ja so Leid für euch.

Oft lag’ ich mit meinen Freunden mitten in diesem Pflanzenmeer aus Grün, und gemeinsam lauschten wir dem Rauschen eines nah gelegenen Waldes. Es war irgendwie seltsam, wisst ihr. Da lag man dann einfach so herum, alle Viere von sich gestreckt und fühlte sich vollkommen schwerelos dabei. Das Ächzen der Bäume klingt mir heute noch in den Ohren, wie auch das Zwitschern der Vögel, die es damals in unendlicher Zahl gab. Lebend habt ihr keines dieser seltsamen Geschöpfe je zu Gesicht bekommen. Mich betrübt das sehr! Heute kann man sie nur noch ausgestopft in den Museen oder als Computeranimation betrachten. Mit wildem Flügelschlag stießen sie hoch bis zu den weißen Wolken und segelten tatsächlich wie kleine Miniaturflugzeuge in der Luft herum. Manche dieser scheuen Tiere fraßen uns aus der Hand, wenn man nur genug Ausdauer zeigte und ihnen das richtige Futter anbot.

Dann gab es da aber auch noch Insekten. Habt ihr eigentlich schon mal lebende Insekten gesehen?

Nein?

Das dachte ich mir!

Wie konnte ich nur so dumm fragen.

Im Verhältnis zu den Vögeln waren zum Beispiel die Mücken sehr, sehr klein. Ihr Summen war allerdings überaus lustig. Dann wussten wir, dass sie schon ziemlich nah bei uns waren und uns stechen wollten.

Wisst ihr Kinder..., Mücken haben einen schlanken Körper mit zarten, durchsichtigen Flügeln. Direkt am Kopf trugen sie einen kleinen Minirüssel mit dem sie das Blut ihrer Opfer aussaugen konnten. Und wenn sie sich mit Blut voll gesogen hatten, waren sie doppelt und dreimal so dick wie vorher, sodass manche von ihnen nicht mehr dazu fähig waren, richtig zu fliegen. Meist tauchten sie in großen Schwärmen auf oder tanzten über der sonnigen Landschaft im Zickzackkurs hin und her. Ja, selbst diese kleinen Biester haben wir bewundert. Sie waren überaus filigrane Geschöpfe, die von Mutter Natur in unendlicher Zahl hervorgebracht wurden. Aber wer weiß das schon von euch. Wer weiß das schon...

Noch interessanter dagegen waren die vielen verschiedenen Käfer und Schmetterlinge. Im Naturmuseum gibt es eine Menge Nachbildungen von ihnen. Wir haben früher diese Tierchen noch gefangen. Ja, ehrlich! Ich weiß aber nicht mehr, wann ich zum Beispiel zuletzt einen Maikäfer oder einen bunten Schmetterling lebend gesehen habe. Muss ungefähr 2025 gewesen sein. Da war ich gerade mal 12 Jahre alt.

Nun ja, meine lieben Kinder, so war das damals. Ich erzähle euch hier keine Märchen. In den Ferien sind wir draußen unter freiem Himmel herum gelaufen, haben in den Wäldern Räuber und Gendarm gespielt oder sind an warmen Tagen an den Badesee gegangen. Den ganzen Tag waren wir an der frischen Luft gewesen. Der Wind ist uns noch durch die zerzausten Haare gefahren, wenn wir im Herbst Drachen aufsteigen ließen.

Das alles haben wir gemacht, meine Kleinen. Leider ist das schon so lange her. Ich kann es mir selbst beinah nicht mehr vorstellen. Oder bin ich einfach nur vergesslich geworden? Muss wohl am Alter liegen!

Könnt ihr euch das überhaupt vorstellen, dass wir damals keine Schutzanzüge tragen mussten und auch noch ohne Atemschutz nach draußen gehen konnten? So sauber war die Natur, bevor die große Katastrophe über uns hereinbrach und der Himmel sich verdunkelte. Siebzig Jahre ist das schon her. Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Jetzt bin ich alt und grau und besitze nur noch meine Erinnerungen an eine schönere Zeit.

Ja, ja, so war’s! Niemand von euch kann sich eine grüne Landschaft vorstellen, nicht wahr? Das kann man eben nur dann, wenn man sie selbst mit eigenen Augen gesehen hat. Alles war wunderschön.

Dort, wo einst grüne Wiesen wuchsen, verschlungene Wildbäche rauschten und ausgedehnte Wälder bis zum weiten Horizont reichten, da ist heute nur noch tote Wüste. Was haben wir Menschen uns bloß damit angetan! Der Himmel ist nicht mehr blau, sondern schwarz und hässlich geworden. Die Sonne versteckt sich dahinter. Und was ist aus den herrlich weißen Wolken geworden? Sie schauen dunkel und unheimlich aus und sind voller Gift. Ihr trübes, stinkendes Wasser, das ja eigentlich gar keins mehr ist, verseucht noch immer das Land.

Der alte Mann hielt plötzlich mit dem Reden inne. Tränen liefen ihm über die faltigen Wangen. Dann rief er die Kinder über die interne Funkeinrichtung der Schutzanzüge wieder alle zu sich heran und ließ durchzählen. Anschließend mussten sich seine Schützlinge jeweils zu zweit in einer Reihe hintereinander aufstellen. Es waren ungefähr zwanzig Kinder an der Zahl. Eine zeitlang blieben sie in ihren unförmigen Schutzanzügen am gleichen Fleck stehen, bis der Greis schließlich das drei Meter hohe Schleusentor aus purem Edelstahl über einen versteckten Schalter in der Betonwand in Betrieb setzte.

Als es weit offen stand, gingen die Kinder in den dahinter liegenden Dekontaminationsraum, wo sie abermals warten mussten. Wieder drückte der Alte einen Schalter, diesmal von innen. Als das schwere Stahltor der Luftschleuse mit einem polternden Geräusch in die Verriegelung einrastete, schaltete sich das Raumlicht automatisch an. Eine weiße Dampfwolke strömte geräuschvoll von der Decke auf den alten Mann und die ruhig da stehenden Kinder herab. Das ging solange, bis plötzlich ein akustisches Signal ertönte und eine freundliche Frauenstimme aus dem Hintergrund sagte: „Die Messungen der Kontaminationswerte haben Null angezeigt. Die Reinigung ist abgeschlossen. Bitte betretet jetzt den nächsten Raum..., einer nach dem anderen! Dann legt den Schutzanzug ab! Anschließend begebt ihr euch in den Duschraum und wartet dort auf weitere Anweisungen. Vielen Dank!“

Alles verlief reibungslos wie immer. Der alte Mann kannte sich mit dieser Prozedur aus.

Draußen, in einer stillen Welt ohne Leben, wurde es bereits langsam Nacht, als die Kinder von ihren Eltern auf der anderen Seite des Schleusensystems im Innern der gewaltigen Anlage in Empfang genommen wurden.

 

Nach und nach stiegen sie alle in den bereitstehenden, leise surrenden Personentransporter ein, der von einem Androiden gesteuert wurde. Nachdem jeder seinen Platz eingenommen hatte, schlossen sich die seitlichen Einstiegstüren mit einem kurzen Zischen und das bullige Fahrzeug setzte sich langsam in Bewegung. Es fuhr dorthin, wo sich die hell erleuchtete, futuristisch aussehende Millionenstadt tief unter der Erde befand.

 

Ende


©Heinz-Walter Hoetter


 

 

 

Am Strand der Erinnerungen


 

Vorwort



 

Die Psychose der Normalen und Gesunden

"Es ist ja nicht so, dass der Inhalt einer Wahnidee das eigentlich Pathologische ist, sondern vielmehr sein Stellenwert innerhalb des Erlebens eines vom Wahn betroffenen, das sich unabrückbar auf sein Ich bezieht.

Wenn also "der Kranke" einmal etwas auf sich bezogen hat, fehlt ihm offenbar die Freiheit, auch wieder davon abrücken zu können. Diese fatale Unkorrigierbarkeit bei einer voll ausgeprägten Psychose ist das obligatorische Merkmal des Wahns."

Wenn man diesen Satz konsequent ernst nimmt, müßten sich alle "normalen" und "gesunden" Menschen, einschließlich der Psychiater, eigentlich selbst stationär einweisen.

Der ganz normale Wahnsinn?

Die unkorrigierbaren Irrtümer der Gesunden und Normalen erkennt man an ihrer mörderischen Geschichte, die bis heute nur ein gigantisches Meer aus Blut, Tränen und unsäglichem Leid unter ihnen hervorgebracht hat.


 

***

 

Sie erinnern mich an jemand“, bemerkte die junge Frau, die als Kellnerin die Gäste der Strandterrasse bediente.

 

Prof. Georg van Malden betrachtete interessiert von der ebenerdigen Terrasse des noblen Restaurants aus das Gewühl am Strand, wo gerade wegen einer Veranstaltung ganz schön was los war.

 

Er sah die hübsche Kellnerin mit dem Tablett in der Hand an und fragte sie direkt: „Wieso das?“

Sie verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln, blickte etwas unbeholfen zu ihrem lässig da sitzenden Gast hinüber, der jetzt ein Glas Whisky an seine trockenen Lippen hob und einen tiefen Schluck des edlen Gesöffs mit sichtlichem Genuss zu sich nahm.

 

Ja, sie erinnern mich an jemanden, der hier vor einiger Zeit schon mal am gleichen Tisch gesessen hat, den gleichen Whisky trank und genau so aussah wie sie. Entweder haben sie einen Doppelgänger oder sie sind wirklich der gleiche Gast“, sagte die junge Bedienung mit nachdenklichem Unterton in ihrer ansonsten hellen Frauenstimme. Fast ohne Luft zu holen sprach sie weiter: „Aber vielleicht irre mich auch nur. Ich komme ja mit so vielen Menschen in Kontakt, dass man schon mal den einen oder anderen verwechselt. - Entschuldigen sie bitte, wenn ich sie mit meiner Frage belästigt haben sollte! Es wird auch nicht wieder vorkommen.“

 

Ohne ein weiteres Wort zu sagen säuberte sie noch schnell den Aschenbecher, stellte ihn auf den Tisch zurück und machte sich dann umgehend wieder an die Arbeit, um die anderen Gäste nicht warten zu lassen.

Van Malden blickte ihr nachdenklich hinterher. Die Frau muss ein gutes Gedächtnis haben, dachte er so für sich. Wie kann das nur sein? Sie hat mich tatsächlich wiedererkannt. Unglaublich!

 

Ein wenig tiefer als die Terrasse lag der Strand, der überall von einer großen Menschenmenge bedeckt war. Über dem brummelnden Stimmengewirr hörte man die endlosen Kommentare aus den Transistorradios zwischen Flaschen, Liegestühlen und Sonnenschirmen. Manchmal konnte man den Sand des Strandes gar nicht mehr sehen, weil einfach zu viele Menschen da waren. Sogar an der Flutkante, wo seichtes Wasser träge mit angetriebenen Zigarettenschachteln und anderem Abfall spielte, hielten sich eine Menge Kinder und Jugendliche auf, die den schmalen Sandstrand mit ihren quirligen Körpern verdeckten.

 

Als van Malden zur weiten See hinüber sah, wurde ihm bewusst, wie schnell die Zeit vergangen war. Was ist aber schon Zeit, wo er doch eigentlich in der Zeitlosigkeit lebt? Diese Frage stellte er sich hin und wieder.

 

Dann beobachtete er wieder die Menschenmenge.

 

Überall ragten nackte Schenkel und Schultern in die Luft, Glieder lagen verschlungen da. Trotz des Sonnenscheins und der beträchtlichen Zeitspanne, die sie hier schon am Strand verbracht hatten, waren viele der Leute noch weiß oder bestenfalls rosarot wie gekochter Schinken. Ruhelos änderte die Masse der Leiber dauernd ihre Lage, in dem vergeblichen Versuch, die richte Lage für ihre Bequemlichkeit zu finden.

Normalerweise hätte dieser Anblick von zuckendem Fleisch und entblößter Haut mit seinem widerlichen Geruch nach ranzigem Sonnenöl und hitzig stinkendem Schweiß Georg van Malden gleich wieder dazu veranlasst, die Terrasse des Restaurants schnellstmöglich zu verlassen, um mit seinem Carmobile landeinwärts zu brausen. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund war seine sonstige Abneigung gegen die breite Öffentlichkeit verflogen. Er fühlte sich merkwürdig angeregt durch die Anwesenheit so vieler Menschen und er war nicht imstande dazu, die Terrasse zu verlassen. In Wirklichkeit wollte er das auch gar nicht.

 

Die See war eben und ruhig. Die Wellen schienen keine Kraft zu haben. Ein laues Lüftchen wehte herüber. Weit draußen, am fernen Horizont, lag eine niedrige Wolkenschicht über dem Wasser.

 

Van Malden wollte gerade einen weiteren Schluck Whisky zu sich nehmen, als er plötzlich aufstand und über das Geländer der Terrasse auf den Strand starrte. Unten, etwa in der Mitte des Sandstreifens, bewegte sich ein ununterbrochener Strom von Badegästen wie auf einem Trampelpfad parallel zur Promenade. Langsam quetschten sie sich aneinander vorbei und etliche trugen das übliche Badespielzeug, wie Gummireifen, Schwimmwesten oder Taucherbrillen, mit sich herum.

 

Hatte van Malden nicht gerade im Getümmel der Menschenmenge Lester Sherrington gesehen?

 

Er suchte mit seinem Blicken intensiv den Strand ab; aber der flüchtige Augenblick des Erkennens war vorbei; wahrscheinlich hatte er sich nur getäuscht. Vorsicht war geboten! Van Malden kannte diesen Mann nur zu gut. Nach Möglichkeit wollte er ihm aus dem Weg gehen.

Widerstrebend setzte er sich hin und rückte seinen Stuhl näher ans Geländer. Trotz seiner augenblicklichen Besorgnis beherrschte ihn schon den ganzen Tag ein undefinierbares, aber deutliches Gefühl der Unruhe. Irgendwie hatte schon die bloße Vermutung, dass Sherrington in seiner Nähe sein könnte, dieses unangenehme Gefühl verstärkt. Wenn Sherrington hier ist, würde er ihn auch früher oder später finden und seine ganze Arbeit zunichte machen. Das wusste van Malden. Nun, vielleicht war Sherringtons flüchtige Erscheinung nur die Projektion der andauernden nervösen Spannungen und seiner merkwürdigen Abhängigkeit von diesem Mann.

 

Direkt unter dem Geländer der Terrasse hatte sich eine große Familiengruppe in der Menschenmenge ein privates Gehege abgegrenzt. Auf der einen Seite, buchstäblich in unmittelbarer Reichweite von van Maldens Tisch, hatten die jugendlichen Mitglieder der Familie eine weitere Sandgrube ausgehoben, die wie ein Nest geformt war. Ihre schlaksigen Körper, eingezwängt in knappen feuchten Badeanzügen und Badehosen, lagen so ineinander verschlungen da, dass man den seltsamen Eindruck hatte, sie seien keine Menschen sondern ein großes ringförmiges Tier.

 

Van Malden verstand jedes Wort der jungen Leute, trotz des ständigen Lärms der Veranstaltung am Strand, denn sie lagen direkt unter ihm in bequemer Hörweite. Er konnte ihr geistloses Gerede mithören und verfolgte die Kette von Kommentaren an ihrem Radio, während sie wahllos von einer Station zur anderen schalteten. Mit der Zeit ging ihm das auf die Nerven. War er aber nicht selber schuld daran, das alles so war wie es ist?

 

Irgendwo schrie plötzlich eine weibliche Stimme. Van Malden beugte sich vor und suchte die Reihen der mit Sonnenbrillen maskierten Gesichter ab. Es lag etwas Klirrendes in der Luft.

 

Er beobachtete jetzt das Sonnenlicht, das von den verchromten Radiogeräten und den funkelnden Sonnenbrillen reflektiert wurde, während der ganze Strand in schiebender und stoßender Bewegung war. Der Lärm wurde hörbar lauter. Van Malden hielt in dem grellen Licht der Sonne die Augen halb geschlossen und erschrak. Der Strand erschien ihm plötzlich wie eine riesige Grube voll sich windender weißer und rosafarbener Schlangen. Er riss die Augen auf. Jetzt wusste er, dass Sherrington tatsächlich in seiner Nähe war.

 

Van Malden rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und merkte auf einmal, dass ihm die Kante des metallenen Tisches in die Ellbogen schnitt. Der billige Lattensitz war sehr unbequem, und sein ganzer Körper schien in einer eisernen Jungfrau mit Dornen und Zwingen zu stecken.

 

Wieder hatte er das merkwürdige Gefühl, als würde bald etwas Schreckliches passieren. Er sah zum blauen Himmel hinauf und beobachtete ein paar weiße Wolken, die wie Segelschiffe dahin zogen. Aber er konnte sich damit einfach nicht ablenken und auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren.

 

Da ist irgendwas im Wasser.“

 

Die junge Kellnerin stand plötzlich wieder an seinem Tisch und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand in Richtung Küstenlinie. - „Dort drüben, sehen sie doch!“

 

Van Maldens Blick folgte ihrem erhobenen Arm. In etwa zweihundert Meter Entfernung hatte sich an der Wasserkante eine kleine Gruppe versammelt. Die trägen Wellen brachen sich an den nackten Füßen der Leute, während sie irgendeinen Vorgang im seichten Wasser beobachteten.

 

Ich kann nichts sehen.“ sagte van Malden und blickte umso angestrengter zum Strand hinunter.

 

Dann sah er Sherrington, wie er langsam über den leise plätschernden Strandwellen schwebte und genau auf ihn zukam.

 

Auf der Terrasse und unten am Strand warteten alle darauf, dass etwas passierte; alle Hälse reckten sich erwartungsvoll zu Sherrington rüber, als ob von dieser Person alles Kommende abhängen würde. Ein seltsames Schweigen überzog den gesamten Strand wie eine dunkle Wolke, die das Sonnenlicht abhält.

 

Das fast völlige Fehlen von Geräuschen und Bewegungen nach den vielen Stunden voll schwelender Unrast schien sonderbar und unheimlich und legte über die Hunderte von ausschauenden Gestalten eine dichte Atmosphäre der Unsicherheit.

Die Gruppe am Rand des Wassers verharrte noch immer im stillen Schauen, so als wüssten sie, was ihnen bevorstand.

 

Was geht dort bloß vor sich?“ fragte die junge Frau van Malden.

 

Die weißen Wolken am Horizont verschwanden nach und nach. Die Sonne verdunkelte sich und der blaue Himmel löste sich langsam auf.

 

Unterhalb der Terrasse, so weit der Blick reichte, standen die Leute plötzlich langsam auf. Ein gedämpftes Gemurmel setzte ein, das bald von dringlicheren, schärferen Geräuschen abgelöst wurde. Der ganze Strand schien in kringelnde, quirlende Bewegung geraten zu sein, die einzigen bewegungslosen Gestalten waren die Leute der kleinen Gruppe am Strand, die den fliegenden Mann beobachteten, der über ihren Köpfen hinweg zu der vor dem Restaurant liegenden Terrasse schwebte. Als er dort angekommen war, steuerte er schnurstracks zu van Malden hinüber und blieb direkt vor seinem Tisch stehen.

 

Sieh einer an, hier steckst du Hundesohn also.“ sagte Sherrington mit ärgerlichem Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich zu van Malden an den Tisch, rief die junge Kellnerin zu sich und bestellte bei ihr ein Glas Wasser. Einen Moment lang blickte sie zu Sherrington hinüber, zwinkerte ihm plötzlich mit dem rechten Auge zu und setze dabei ein vielsagendes Lächeln auf bevor sie verschwand, um seine Bestellung zu erledigen. Anscheinend kannten sich beide, denn Sherrington erwiderte ihr Benehmen mit einem leichten Kopfnicken.

Schließlich wendete er sich van Malden zu, der die ganze Zeit die Situation mit einiger Beklemmung beobachtet hatte.

 

Dann sagte er zu ihm: „Ja ja, der alte Professor Georg van Malden. Hat man sie nicht für verrückt erklärt? Wie oft muss ich ihnen noch sagen, dass es keinen Zweck hat, sich vor mir zu verstecken. Mich ärgert ihr Verhalten. Sie sind wie ein kleines, freches Kind, das ständig von Zuhause weg läuft. Ich finde sie dennoch immer und überall, ganz gleich wo sie sind. Die fatalen Auswirkungen ihrer illusionären Fähigkeiten auf den geistigen und körperlichen Zustand sind nicht zu übersehen. Sie sehen einfach schrecklich aus! Können sie überhaupt noch zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden, mein Guter? Außerdem: Unsere Sensoren können mittlerweile jede Veränderung im Raum-Zeit Gefüge orten und somit in kürzester Zeit ihren Standort lokalisieren. Und jetzt verhalten sie sich ganz ruhig! Ich werde ihnen eine Beruhigungsspritze geben, damit die von ihnen hier erzeugte Illusion wieder gefahrlos verschwinden kann.“

 

Die junge Kellnerin kam mit einem kleinen Kästchen heran, öffnete den verchromten Metalldeckel und überreichte Sherrington den sterilen Inhalt.

 

Danke Schwester!“ sagte er zu ihr und fuhr fort: „Sie können jetzt gehen! Die Kollegen werden den Rest für sie erledigen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Feierabend!“

 

Der senile Professor ließ sich widerstandslos die Spritze verabreichen. Er konnte sowieso nichts dagegen tun. Man würde sie ihm mit Gewalt verabreichen, sollte er sich dagegen zur Wehr setzen. Das wusste er nur zu gut.

 

Die Fähigkeit, seine real gewordene Illusion zu beherrschen, war ihm jetzt völlig entschwunden. Alles löste sich um ihn herum auf. Das Meer, die Sonne am blauen Himmel, die vielen Menschen am Strand, das Restaurant, der Whisky vor ihm auf dem Tisch und die Terrasse auf der er mit Sherrington saß. Eine unbezwingbare Lähmung ergriff ihn, als das Serum zu wirken begann. Dann wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt und sein lautes Schluchzen drang durch die alten Kellerräume der psychiatrischen Anstalt, in denen er sich nur für ein paar Stunden verstecken konnte, bevor man ihn dort in einer schmutzigen Ecke fand.

Schließlich verlor er sein Bewusstsein und seine hilflosen Schreie verhallten ungehört im Innern des eigenen, dunklen Nichts.

 

Einen Tag später.

 

Ausgestreckt und gefesselt im Bett erblickte der alte Professor van Malden durchs Fenster das Grün der Bäume, während der warme Sommernachmittag langsam über die roten Dächer der psychiatrischen Anstalt zog. Er hatte das Gefühl, er sei in einer irrealen Welt angelangt, die aus sinnlosen Wänden von sterilisierten Steinplatten, aus eisigen Todesfluren und aus weißen Menschengestalten ohne Seele bestand.

Das Zimmer, in dem er lag, wurde auf einmal dunkel, obwohl es draußen noch hell war. Prof. van Malden drehte den Kopf auf die andere Seite und sah mit einiger Zufriedenheit, dass sich der Rolladen, einem geheimnisvollen Befehl gehorchend, langsam senkte und dem Licht von draußen jeden Eintritt verschloss.

Abermals baute sich eine neue Illusion auf, die sich von den Erinnerungen des alten Professors nährte, der mal eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychiatrie gewesen war.

 

ENDE


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