Brigitte Waldner

Die Strategie der Räuberfamilie



Sooft man Besucher hatte, fiel danach auf, dass etwas geklaut worden war. In einem Fall war es der neue grünblau changierende braune Herbstmantel des Stiefvaters, der nicht billig war. Die Stieftochter plädierte darauf, dass er ihn in einem Lokal mutmaßlich vergessen hatte. Die Mutter, die ihn gekauft hatte, war der Meinung, dass er aus dem Schrank im Schlafzimmer im Haus gestohlen worden war. Der Stiefvater wusste von nichts. Der Nachbar hatte ihn damals mutmaßlich geklaut, aber das durchschaute man noch nicht, so lange man nicht wusste, dass er die Schlüssel geklaut hatte und in Abwesenheit unerlaubt ins Haus ging, um zu stehlen. Ein Besucher wurde verdächtigt, obwohl er beteuerte, er klaute den Mantel nicht. Das war die Masche des Nachbarräubers. Das ging fünf Jahrzehnte so, bis man es schließlich durchschaute, da niemand mehr da war, den man irrtümlich verdächtigen konnte und da man den Räuber Rudolf und seinen Vater Räuber Gerhard immer öfters auf frischer Tat erwischte, zuletzt auch mit Gerhards Enkel Levi und Rudolfs Schwester Margit. Der Zwölfjährige wurde zum Rauben bereits mitgenommen und angelernt und von Räuber Rudolf mehrmals in einer Nacht geohrfeigt, wenn er nicht spurte oder nicht kapierte, wie er sich als Räuber verhalten sollte. Darüber hinaus sah man die gestohlene Ware wieder beim Nachbarn am Balkon und im Garten.

Sooft die Großeltern mit den Pensionisten mit dem Reisebus nach Kroatien auf ein Wochenende fuhren, das war im Frühjahr und im Herbst, brachten sie von dort einige Stangen Zigaretten mit, da sie dort viel weniger kosteten, als in Österreich, obwohl sie beide Nichtraucher waren. Später als die Mutter schon pensioniert war und Opa nicht mehr lebte, fuhr die Mutter mit der Oma mit. Auch sie brachten einige Stangen Zigaretten mit, obwohl auch die Mutter nicht rauchte, aber der Stiefvater rauchte und man brauchte sie für diverse Geschenke für alle möglichen Besucher. Daher wurden immer so viele Stangen gekauft, wie zollfrei waren.
Der Stiefvater hörte nach einem Schlaganfall auch auf zu rauchen. Es waren Unmengen Zigaretten da, je betagter die Angehörigen wurden, desto weniger Besucher kamen, um die Zigaretten anzubieten. Die einen waren Nichtraucher oder wurden zu Nichtrauchern und den Rauchern hatte man dann vergessen, Zigaretten aufzuwarten.

Ein kleiner Schrank war ein Meter hoch voller Zigarettenstangen von verschiedenen Marken. Alle waren mit Filter. Einige Zigarren waren auch dabei. Als der Stiefvater aufhörte zu rauchen, hinterließ er ebenfalls einen Vorrat an Zigaretten und Zigarren, darunter auch solche, die er aus Zypern mitgebracht hatte, wo er als UNO-Soldat drei Jahre diente. Bei jedem Heimflug hatte er vom Duty-Free-Shop einige Stangen Zigaretten mitgebracht, solche, die es daheim nicht zu kaufen gab.

Als die Großmutter verstarb, war der Schrank noch ziemlich voll mit Zigaretten. Danach kümmerte sich keiner mehr um den Schrank. Man war Nichtraucher und besucht wurde man immer seltener, da alle Leute nach und nach verstarben, mit denen die Angehörigen Kontakt hatten und da die Angehörigen zu Pflegefällen wurden, die nicht mehr besucht wurden.

Es fiel auf, dass die Räuber-Nachbarn, die bereits zu rauchen aufgehört hatten, plötzlich wieder rauchten, Zigaretten wie Zigarren. Der Rauch zog durch die Gärten und belästigte Nichtraucher, damals als die Eltern noch lebten und auch noch danach, als sie schon lange nicht mehr lebten. Und dann hörten die Nachbarn plötzlich wieder auf zu rauchen.

Nach dem Tod der Eltern erinnerte man sich an die Zigaretten und schaute in den Schrank. Man war sehr verwundert, dass keine einzige Packung mehr da war. Er war total ausgeräumt, ausgeplündert, aber die Mutter hatte nie was davon gesagt, dass sie ihn geleert hätte. Im Gegenteil, bevor sie starb, sagte sie: „Verschenke die Zigaretten nach und nach an die Raucher im psychiatrischen Fürsorgeheim.“

Es kam zur Erleuchtung, dass der Nachbar zehntausende Zigaretten und einige Packungen mit Zigarren geklaut hatte und mit seiner siebenköpfigen Räuberfamilie rauchte. Nicht eine einzige ließ er zurück, aber man war Nichtraucherin, es konnte egal sein. Es war seine Gesundheit, die er freiwillig übergierig ruinierte. Darüber kann man nur lachen. Zigaretten und Zigarren, aus den achtziger und neunziger Jahren, uralte Ware,  klaute der Nachbarräuber und rauchte sie jahrelang mit seinen Komplizen. Danach wurde er erneut zum Nichtraucher, wie auf Knopfdruck. Wie schnell sich Schalter bei Räubern umlegen können!

© Brigitte Waldner

 

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