Francois Loeb

Mitesser

MITESSER

Ich sitze im Cafe, trinke meinen Schwarztee. Eine Zeremonie die ich mir mit der aktuellen Tageszeitung täglich frühmorgens leiste. Nicht etwa Beuteltee. Bewahre! Den Gastbetrieb habe ich mir ausgesucht weil dort noch echter Tee mit einem Sieb serviert wird der so richtig sieben Minuten ziehen muss. Die nette Bedienung, nur sonntags ersetzt sie ein mürrischer Kellner, bringt mir dazu immer eine kleine Sanduhr damit das Getränk, Assam First Flush die richtige Farbe, ach nein, den so erwünschten Gusto bekommt. Nun rund um mich, an den Nebentischen wird Kaffee konsumiert. Mit Zucker und Sahne! Banausen sage ich da nur. Verstehen nichts vom Leben. Wissen nicht was im Tee so alles steckt. Kreativität. Ruhe. Und vor allem keinerlei Nervosität wie in den Bohnen. Den Kaffeebohnen. Ja, als Kind musste ich immer Bohnen essen. Weiße Bohnen. Seither mag ich keinerlei solche mehr. Welcher Farbe auch immer. Blätter. Ja die haben Sonne aufgenommen. Sind noch nicht befruchtet. Und das ist entscheidend. Heute ein düsterer Herbsttag. Bunte Blätter liegen auf den leeren nassen Tischchen die vor meinem Cafe stehen. Vereinsamt. Traurig. Dem Lebenszweck entzogen. Im Lokal hingegen geht es heiter zu. Fröhlich. Am Nebentisch eine Gruppe junger Frauen. Oder eher Mädchen.

Ich vertiefe mich in meine Zeitung. Unglücke und Verbrechen. Doch das Gequassel vom Nebentisch lenkt mich ab. Ob ich will oder nicht. Und da kommen junge Männer an den Tisch. Dem Knabenalter entwachsen, aber Männer würde ich sie noch nicht nennen. Jetzt geht es erst recht los. Der Lärmpegel steigt. Mit tiefen Tönen die ich als alter Mann besser höre. An Zeitungslektüre ist nicht mehr zu denken. Also Mithören was da ausgetauscht wird. Die Smartphones sind jedenfalls gezückt. Pic Austausch? Ah und Ohs erklingen. Auch ein Bäähh folgt, gefolgt von lautem Gelächter. Ein Blondschopf verlässt den Tisch mit hochrotem Kopf. Komme ich bald in den Genuss eines Ringkampfs, oder einer Schlägerei, wenn der sich das nicht gefallen lässt. Am Nebentisch wird jetzt über Mitesser diskutiert. Ja, ich erinnere mich! In meiner Jugend ein echtes Problem. Verunstaltetes Gesicht. Makeup der Mutter entwendet um das zu Kaschieren. Die Runde ruft die Bedienung. Bestellt Kuchen und Eis und belegte Brote. Da hat bestimmt jemand Geburtstag. Soll ich gratulieren gehen? Nein, das wäre aufdringlich.

Aber innerlich mitfeiern das geht! Kein No-go, wie mein Enkel sich ausdrücken würde. Also stelle ich mich darauf ein. Bestelle ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Trotz meiner Diabetes. Und dem lästigen Broteinheiten zählen. Fahre dabei mit meiner Rechten durch mein schütteres Haar. Ach, hätte ich noch Locken wie einst. Ich könnte bei der da drüben, die mit dem eleganten Hosenanzug, glatt landen. Ha, das waren noch Zeiten. Da! Jetzt wird es spannend, der mit dem hochroten Kopf, nun wieder mit normaler Gesichtsfarbe, tritt durch die Eingangstüre. Schreitet tänzelnd zum Nebentisch.
„Mitesser, du Knausepeter, wir haben Dir ein Brötchen und ein Stück Käsekuchen bestellt. Wir begleichen das. Obwohl du Millionärsskind die Runde locker bezahlen könntest. Aber Mitesser bleibt Mitesser“ und alle, auch der Mitesser, stimmen in das heitere Gelächter ein, das gleich einen Hauch Jugendlichkeit des kommenden knospenden Frühlings an diesem trüben Novembertag im Cafe verbreitet!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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