Wolfgang Hoor

Die Reise von H nach H

Ihr Bügelzimmer, in dem sich ein Großteil ihrer Kleider befand, lag gefangen hinter seinem Studierzimmer im Kellergeschoss. Wenn sie etwas nach oben bringen wollte, musste sie an ihm vorbei. Er schaute nie auf.

 

Diesmal ging sie mit einem Koffer an ihm vorbei. Er hatte ein Buch geöffnet, er schaute natürlich nicht auf, als sie den Koffer hochtrug. Auch als sie noch viermal hin und zurück an ihm vorbeiging, um Kleider, Unterwäsche und Strümpfe hochzutragen, beachtete er es nicht. Sie sah beim dritten Mal, als sie von oben kam, dass es ein Lateinbuch war, mit dem er sich beschäftigte. Er war 66, hatte in der Schule keine Fremdsprache gelernt und lernte jetzt als Rentner Latein, weil man ohne Latein nicht gebildet ist. Oben angekommen packte sie den Koffer, hängte das Namensschild, das im Koffer gelegen hatte, an den Griff und zog ihren Mantel an. Sie hielt einen Augenblick inne, bewegte ihre Lippen, offensichtlich um zu lesen, was auf dem Schild stand. Ingrid Scholl, H., Mozartstraße 13. Sie horchte. Im Haus bewegte sich nichts. Auch er bewegt sich nicht. Sie schaute sich noch einmal um, ging in die Küche zum Kühlschrank, öffnete ihn, schaute hinein, nickte, schloss ihn, kehrte zu ihrem Koffer zurück. Sie schloss die Augen. Ihre Lippen bewegten sich, dann griff sie nach dem Koffer und ging. Bisher hatte sie nicht darauf geachtet, ob sie Lärm verursachte. Jetzt öffnete sie die Wohnungstür sehr vorsichtig, schlüpfte hinaus, zog sie fast geräuschlos zu und ging zur Hauptstraße. Plötzlich hatte sie es sehr eilig.

 

Vier Stunden später stand sie vor einem schmucken Fachwerkhaus in der Fußgängerzone von H. Sie schaute sich mehrmals um, hob die Hand, um auf den Klingelknopf zu drücken, der einen Paul Harden ankündigte, ließ sie wieder sinken, las im Fenster der Tür das Logo “Herzlich willkommen” und klingelte endlich. Sie drückte nur ganz kurz auf den Knopf, lauschte, und dann hörte sie in der Diele Schritte. Die Tür öffnete sich. Ein ziemlich kleiner Mann erschien in der Türfüllung, die Frau wich seinem Blick aus. Sie sah zu Boden.

„Ingrid?”

„Paul! Schön, dass du aufmachst.”

„Komm rein.” Sie folgte ihm in die Küche und stand dann regungslos da.

Es dauerte ziemlich lange, bis er sagte: „Zieh doch erst mal deinen Mantel aus und dann setz dich.” Sie nickte, stellte den Koffer neben den Stuhl, auf den sie sich setzte. Den Mantel zog sie nicht aus. „Ist Doris nicht da?”

„Doch, sie ist in ihrem Arbeitszimmer. Vielleicht ist es besser, wenn wir ihr jetzt noch nicht sagen, dass du da bist.”

Er schloss die Küchentür und legte sein Ohr an das Schlüsselloch.

Dann drehte er sich ruckartig zu ihr um.

„Was ist in dich gefahren, Ingrid?“, schimpfte er. „Du weißt doch, dass sie unangekündigte Besuche hasst.”

„Ich kann auch gleich wieder gehen.”

„Das kommt natürlich nicht in Frage. Was hat dein Mann zu deiner Reise gesagt? Er weiß doch bestimmt Bescheid.“

„Er weiß nichts davon.”

Sie sah, dass er nervös wurde. „Du bist ihm doch nicht weggelaufen, Ingrid!”

„Doch!” Sie schwiegen lange.

„Und jetzt?”

„Jetzt bin ich hier. Vielleicht darf ich bei euch übernachten.”

Er wiegte den Kopf. Sie legte die Hände ineinander, schloss die Augen und wartete.

„Ich muss es Doris sagen.” Sie nickte.

 

Ingrid blieb lange auf ihrem Stuhl sitzen. Dann hörte man oben Gepolter, Stimmen die anschwollen. Eine Tür wurde geöffnet. Schnelle Schritte, dann fiel sie wieder zu. Noch einmal Stimmen, eine weibliche, zeternd, eine männliche, polternd. Dann war es eine ganze Weile ruhig. Schließlich hörte sie oben wieder die Tür gehen, Schritte. Es waren ihre Schritte, kleine, klackende, sie trug immer Stöckelschuhe. Ingrids schloss die Augen. Doris trat in die Tür. Ingrid hatte weiterhin die Augen geschlossen.

 

„Was hast du vor?”, fragte sie mühsam beherrscht. „Wolf braucht dich.”

„Er kann sich allein versorgen. Er ist ein erwachsener Mann und hat genug Geld zur Verfügung.”

„Und warum bist du jetzt hier?”

„Weil ich bei euch übernachten möchte. Paul ist mein Bruder. Und Wolf soll wissen, dass es noch andere Möglichkeiten zu leben gibt als mit ihm.”

Doris wandte sich schlagartig um. „Du weißt nicht, was du tust!”, rief sie und verschwand.

Ingrid saß da wie eine Statue. Sie lauschte in die lange andauernde Stille. Dann hörte sie Pauls Schritte. Sie öffnete die Augen. Er stand in der Tür wie ein Schuljunge, der eben erfahren hat, dass er alles falsch gemacht hat.

“Du bist dabei, einen großen Fehler zu begehen”, sagte er fast tonlos. „Aber ich bin und bleibe dein Bruder und natürlich kannst du bei uns übernachten. Ich zeig’ dir das Gästezimmer.” Sie folgte ihm mit dem Köfferchen in der Hand nach unten, in das Kellergeschoss.

„Da ist euer Gästezimmer?”

„Eigentlich haben wir keins mehr. Das Gästezimmer, das wir mal hatten, benutzt Doris für ihren Bürokram. Aber in unserem Hobbyraum ist eine Couch, die kann man ausziehen. Ich zeig dir’s.”

 

Sie folgte ihm. Der Raum war lange nicht gelüftet worden. Er machte die Tür auf, ein kühler Lufthauch kam herein. Sie setzte sich in einen abgenutzten Sessel und schaute ihm zu, wie er die Couch auszog, Bücher von der Kommode räumte, die sie wiedererkannte: Es waren seine Lesebücher aus den ersten Klassen, sein erstes Kinderbuch und sein Katechismus.

„Das hab ich dir vorgelesen damals!”, sagte sie. Er antwortete nicht. Er packte alles zusammen und warf es in eine Schublade. Dann lief er hinauf, kam mit Bettwäsche wieder und legte sie auf die ausgezogene Couch.

„Wir essen um sieben zu Abend”, sagte er. “Doris ist einverstanden, dass du für eine Nacht hier bleibst. Aber es wäre ihr lieber, wenn du Wolf nicht im Stich lassen würdest. Sie hat nachgeschaut. Um elf fährt noch ein Zug.”

„Möchtest du, dass ich fahre?” –

Paul lachte unsicher. „Eigentlich finde ich es schön, dass du den Weg zu uns gefunden hast. Aber du solltest dich in Zukunft mit Doris kurzschließen. Sie hasst jede Überraschung.”

„Sag du mir, ob du willst, dass ich bleibe. Ich dachte nur, weil du mein Bruder bist...” Er setzte sich auf die ausgezogene Couch und schwieg lange.

„Du hast es mir schon zu Weihnachten vor zwei Jahren geschrieben“, lenkte Paul ein. „Was hast du mir damals gesagt. Was ist an Wolf so schlimm? Ich weiß es nicht mehr.”

Sie zuckte die Achseln. „Er weiß nicht, dass es mich gibt.”

„Was meinst du damit?“

„Er weiß nur, dass es seine Bücher gibt. Sonst weiß er nichts.“

Paul lachte. „Doris ist manchmal auch so.”

„Dann laufen wir einfach zusammen weg“, schlug Ingrid vor.

Er lächelte, als ob er verstanden hätte, worum es Ingrid ging.

„Als Bruder und Schwester wie Hänsel und Gretel gehen wir fort“, kicherte sie.

  1. kicherte er mit, dann wurde er schlagartig ernst.

„Du bist verrückt!”, sagte er.

„Ach Paul, du bist nicht verrückt genug.”

Er lachte nicht, wie sie es erwartet hatte. Er setzte eine Amtsmiene auf, die Amtsmiene eines treuen Ehemannes.

„Du kannst nur heute Nacht bei uns bleiben. Wenn du nicht zur Vernunft kommst, besorgen wir dir eine einfache Unterkunft, Doris hat Beziehungen.”

Sie sah, dass er wegblickte, als er das sagte.

„Ihr findet, ich soll in eine Beziehung zurück, die keine Beziehung ist? Als ich dir vor zwei Jahren erzählte, wie unsere Beziehung aussieht, hast du mir vorgeschlagen: Verlass ihn!! Erinnerst du dich dran?” Er wurde rot und stand dann auf. Sie hörte, wie er nach oben ging. Wahrscheinlich in sein Arbeitszimmer.

 

Sie sah sich lange in dem „Gästezimmer” um, in dem ausrangierte Möbel standen, zog die Schublade auf, in die Paul seine Schulbücher von damals geworfen hatte, zog sie heraus, ließ sie langsam durch ihre Hände gleiten, legte sie dann sorgfältig, eins neben das andere, auf die ausgezogene Couch. Nur den Katechismus behielt sie in ihrer Hand. Schließlich öffnete sie ihren Koffer, legte den Katechismus zu ihrer Wäsche und horchte in das Treppenhaus hinein. Es regte sich nichts. Sie ging vorsichtig mit ihrem Koffer nach oben, nahm ihren Mantel von der Garderobe, hielt den Bügel fest, sodass er nicht gegen die Wand schlagen und nicht auf den Boden fallen konnte, zog den Mantel an, schlich zur Haustür, horchte noch einmal ins Treppenhaus, öffnete dann vorsichtig die Haustür und zog sie so leise wie möglich wieder zu.

 

So leise wie möglich betrat sie ihr eigenes Haus. Es war inzwischen halb eins. Sie schlief nicht mit ihrem Mann zusammen. Sie betrat ihr eigenes Schlafzimmer, legte ihre Kleider ab, zog ihren Schlafanzug an und legte sich. Sie konnte nicht einschlafen. Auf ihrem Nachttisch fand sie Schlaftabletten. Sie nahm gleich zwei. Dann schlief sie sehr schnell ein. Als sie, ein wenig benommen, am Morgen aufwachte, hörte sie ihn in der Küche rumoren. Sie blieb im Bett liegen. Sie hatte keinen Hunger. Sie schlief noch einmal ein. Plötzlich stand Wolf in der Tür.

„Da bist du ja!”

„Was hast du denn gedacht?”

“Doris hat angerufen. Du wärst in H. aufgetaucht und hättest ihr ganzes Eheleben durcheinander gebracht.”

„Sie phantasiert.”

„Na, dann ist ja alles gut. Nun wird es Zeit, dass du kochst.” Sie nickte.

 

Sie zog sich an, ging in die Küche, schaute im Kühlschrank nach, was sie kochen könnte und entschied sich für etwas Einfaches, was sie gerne aßen, Spaghetti Bolognese. Er verschwand in sein Arbeitszimmer nach unten. Er blieb nie bei ihr in der Küche, wenn sie kochte. Er saß wieder über seinem Lateinbuch.

“Wolf!!!Wir essen.“ –

Er ließ sich wie immer noch zehn Minuten Zeit. Dann kam er herauf, setzte er sich schweigend an seinen Platz und schweigend aßen sie.

Als sie die Teller zusammenräumte, sagte er: „Das muss ja eine komische Ehe sein, die dein Bruder da in H. führt. Und wie sie sich ausdrückt! Dass du ihr Eheleben durcheinander gebracht hast. Ich kann schon verstehen, dass es deinem Bruder nicht gut geht. Er steht doch unter dem Pantoffel.

Und was sie sich da aus den Fingern saugt, um mich aufzuschrecken. Du hättest vor ihrer Tür gestanden. Du! Die ist doch nicht mehr ganz normal.”

Sie nickte. „Unsere Ehe ist ja vielleicht auch nicht immer ganz ideal, aber wir wissen doch wenigstens, wo wir miteinander dran sind.” Sie nickte.

 

Als Sie ihren Koffer in ihr Bügelzimmer zurückbrachte, saß er wieder über dem Lateinbuch und schaute nicht auf, als sie vorbei ging. Sie packte ihre Sachen wieder in ihren Schrank. Dann setzte sie sich auf den harten Stuhl vor ihrem Bügelbrett und legte ihr Gesicht in ihre Hände. So saß sie viele Minuten, fast regungslos. Dann wühlte sie in ihrer Wäsche. Schließlich zog sie den Katechismus heraus, den sie mit ihrem Bruder vor seiner ersten Kommunion durchgenommen hatte.

 

Sie las laut: „Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.” Sie lachte. „Wir sind auf der Erde, um auf der Erde zu leben und niemanden zu haben, der für die Erde geeignet ist“, murmelte sie und riss die erste Seite aus dem Katechismus. Dann legte sie den Katechismus weg und suchte die Wäsche zusammen, die sie bügeln musste.

Diese Geschichte ist hart an der Realität. Der


















Der Typ, der Latein lernt, ist authentisch. Dass er nicht versteht, was zuletzt mit seiner Frau passiert ist, bleibt für ihn auch authentisch. ER wird nie etwas verstehen!







Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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halbwertzeit der liebe von Ditar Kalaja



In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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