Wolfgang Hoor

1958 oder Armin fügt sich nicht

1958 oder Armin fügt sich nicht

1958: Conny Froboess singt: Und wer den Glauben an sich selber einmal fand (3x), der hat sein Schicksal in der Hand. Johannes XXIII besteigt den Papstthron.

Es ist ein warmer Herbsttag mit makellos blauem Himmel. Der kleine Vorgarten zu Armins Zuhause schwelgt, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr, in Farben. Armin, inzwischen 14 Jahre, sitzt auf der Treppe vor der Haustür und genießt die Sonne. Er trägt seine kurze helle Lieblingshose und ein kurzärm-liges Hemd. An solchen Tagen mag er es, einfach nur dazusitzen und nichts zu denken. Er fühlt sich wohl, die Welt ist gut und alles, was ihm zu Hause nicht passt, ist so weit weg von ihm wie Australien von Europa. In dieser Verfassung ist er, als er Besuch bekommt. Petra steht plötzlich mit einem fremden, großen, gut aussehenden Mann vor ihm.

„Das ist Roland”, sagt sie und ihre Stimme ist unsicher. Armin, lächelt, steht auf und verbeugt sich, wie es sich gehört. Der fremde Mann an der Seite von Petra verbeugt sich nicht, lächelt nicht, schaut Armin streng an.

„Aha, du bist das! Petras Bruder!” Armin streckt die Hand aus. Roland übersieht es.

„Deine Knie sind verschrammt, wie bei einem kleinen Jungen. Hast du keine Hausaufgaben auf?” –

„Heute ist Samstag.” –

Roland sieht Petra an. „Du hast ihn ein bisschen zu sehr gelobt, findest du nicht?”

Petra wird rot. ”Nein, das finde ich überhaupt nicht.” –

„Nun ja, du musst auch noch eine Menge lernen”, sagt er zärtlich und gibt Petra einen kleinen Kuss. Dann verschwinden sie durch das Gartentor. Armin setzt sich wieder und sieht ihm wie benommen nach. Das also ist der Nachfolger von Norbert. Er spürt, wie seine Benommenheit sich in Zorn verwandelt.

 

1958: In Südafrika werden die Apartheid-Gesetze verschärft.

 

Durch das Gartentor kommt Jochen, sein bester Freund, auf Armin zu. Armin freut sich sehr. Sie verzichten auf eine formelle Begrüßung. Jochen setzt sich einfach neben ihn. Jochen ist einen halben Kopf größer als Armin und natürlich schon ein halber Mann. Das sieht man an der lagen Hose, die er trägt. Armin setzt sich wieder der Herbstsonne aus, in der Hoffnung, dass auch Jochen an nichts als an ihr Gefallen finden könnte. Aber der ist von etwas ganz anderem beseelt.

„Der Apparat hat über 1000 Mark gekostet!” sagt er. (Kunstpause, rascher Blick zu Armin hinüber, ob der auch staunt. Armin staunt nicht. Er hat nicht richtig zugehört.)

„Weißt du, Fernsehen können sich erst ganz wenige Leute leisten, und stell dir’s nur mal vor: Jeden Tag Kino. Jeden Tag!!” (Erneuter Blick zu Armin hinüber, noch immer keine Wirkung. Er genießt die Sonne.)

„Seit wir den Apparat haben, sind wir abends wieder eine richtige Familie. Selbst Mama, die noch nie im Kino war, ist dabei.” –

Armin erwacht. ”Ne richtige Familie? Was willst du denn damit sagen?” –

„Wir sind alle wie umgewandelt. Abends sind wir jetzt beieinander und freuen uns gemeinsam auf die Sendung und jeder darf dann seinen Kommentar abgeben und so lachen wir viel zusammen. Ich hab mich in der Familie noch nie so wohl gefühlt.”

”Echt? Vor dem Fernseher werdet ihr zu einer Familie? Ich wünsch‘ mir das auch: was richtig Gemeinsames. Wo wir richtig zusammen sind und jeder auf den anderen hört.” Jochen genießt diese Worte, die voll Hoch-achtung sind.

„Ist es bei euch anders?”

„Bei uns hat nur einer was zu sagen und zu lachen: Das ist Papa. Wir hören alle auf seine Kommentare und zu lachen gibt es ganz selten was.”

”Wenn das so ist - komm doch einfach heute Abend mal vorbei. Du wirst sehen, das Fernsehen macht Spaß und vor dem Fernseher sind wir ein toller Verein.” Armin ist vorsichtig.

„Wahrscheinlich kann ich nicht. Aber wenn es irgendwie geht, komme ich.”

 

1958: Pius XII erhebt das Fernsehen zu höheren Ehren. Er macht die heilige Klara (Chiara) von Assisi zur Schutzheiligen des Fernsehens: in der Weihnachtsnacht 1252 wurde ihr die Gnade zuteil, von ihrer Klos-terzelle aus die Feiern mitzuverfolgen, die in der Kirche stattfanden.

 

Petra kommt vom Gartentor her auf die beiden Jun-gen zu.

„Da bist du ja, Armin. Tag, Jochen. Entschuldige, dass ich euch jetzt trennen muss. Wir kriegen Besuch. Los Armin! Mach dich fertig! Stell dich unter die Brause und zieh dir dann was Ordentliches an!” –

„Was ist denn los? Sonntag ist doch erst morgen.” –

„Wir kriegen Besuch. Roland kommt! Papa ist einverstanden, dass ich ihn unserer Familie vorstelle.” –

„Sag mal, warum hat der mir eigentlich nicht die Hand gegeben.”

„Er meint es nicht so. Er sagt, einen Jungen wie dich muss man streng anfassen.” –

„Der kann mir gestohlen bleiben!”

„Mach mir bloß keinen Aufstand!”, ruft sie und gibt ihm einen kleinen Schubs. Dann läuft sie davon. Armins Gesichtsausdruck bleibt finster.

„Weißt du was? Am besten zeigst du mir euren Fernseher jetzt.”

„Aber jetzt läuft doch noch nichts. Es ist doch erst halb vier.”

„Ist doch egal.” Er springt auf und schlägt den Weg zu dem großen Hof der Meiers ein, wo sie oft in der Scheune zusammen gespielt haben. Jochen folgt.

„Was willst du denn eigentlich?”

„Ich will irgendwo hin, wo ich diesem Roland nicht begegnen muss.”

„Petras Freund?” Armin nickt.

 

1958 singt Catarina Valente: Wo meine Sonne scheint und wo meine Sterne steh’n Da kann man der Hoffnung Glanz und der Freiheit Licht in der Ferne seh’n

 

Gegen halb acht kommt er nach Hause, Hose, Hände und Gesicht schmutzig. Er zieht durch ein Spalier ein: links Mama und das Hausmädchen, recht Papa und Petra, drohend die Gesichter, noch wortlos. Er läuft nach oben, zieht ins Bad ein, verschließt es, entkleidet sich.

„Stell dich unter die Brause, hat sie gesagt. Bitte!”

Danach eilt er in sein Zimmer, schließt ab und sucht sich seine Sonntagssachen raus.

„Zieh dir was Ordentliches an, hat sie gesagt. Bitte.” So ansehnlich geworden und durch den Anzug, den er jetzt trägt, auf dem Weg, ein Mann zu werden, schreitet er die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Dort erwartet man ihn schweigend. Er setzt sich den Eltern gegenüber.

„Nun?”, fragt der Vater.

„Ich hab gemacht, was Petra gesagt hat.” – Sein Vater ist ein gebildeter Mann. Er schreit nicht, wenn er sich ärgert. Aber er wird rot und seine Augenlider zucken.

„Wir sind eine Familie”, sagt er, sich beherrschend. „Der junge, wohlerzogene Mann, den wir heute nachmittag kennen gelernt haben, sollte erfahren, was uns über alles geht: Die Familie. Und du bist ein Teil von ihr. Und du zeigst demonstrativ, dass du mit uns nichts zu tun haben willst!”

„Mit ihm!”, sagt Armin und sucht den Blick der Mutter. Die senkt die Augen.

Und Petra? Die ist noch nicht so gebildet wie ihr Vater. Die schreit: ”Das hast du extra gemacht. Du willst mir alles kaputt machen.”

Armin senkt nun auch den Kopf. Demut ist jetzt das beste Mittel, um wieder eine gnädige Familie zu erhalten.

„Geh auf dein Zimmer!”, sagt der Vater. „Wir sehen uns in genau einer Stunde wieder hier.” Mama geht auch auf ihr Zimmer. Sie hat Kopfweh.

 

1958: Die Verkehrssünderdatei in Flensburg wird eingerichtet.

 

Der Vater sitzt. Armin muss stehen.

„Du bist vierzehn, du hast dich ungehörig verhalten und wir haben uns für dich geschämt”, sagt der Vater. „Es war sehr peinlich, dass wir uns wegen deiner Abwesenheit Notlügen ausdenken mussten.”

„Wegen Petras neuem Freund Roland?” Der Vater nickt.

„Ich habe ihn heute Mittag kurz kennen gelernt. Ich kann ihn nicht leiden. Mich hat er behandelt, als wär ich der letzte Dreck, und Petra behandelt er, als wäre sie noch ein Kind.”

„Deine Schwester ist auch in mancher Hinsicht noch ein Kind. Er wird sie mit s e i n e n Mitteln zu leiten wissen.”

Armin wird zornig. „Wieso sollte sie ein Kind sein?”

„Weil sie sich auch nicht ganz richtig benommen hat. Sie hat ihm ein paarmal widersprochen und hat dich verteidigt, und das hat Herrn von Schaumberg überhaupt nicht gefallen. Du wirst dich bei ihm ent-schuldigen.”

Armin senkt den Blick. Der Vater nimmt das als Zustimmung und erlaubt ihm sich zu setzen. Er wirkt jetzt fast schon entspannt.

„Du weißt, dass mir die Familie über alles geht.” Armin weiß genau, wie es weiter gehen wird. Vater, Mutter, Kinder. Menschen, die uneigennützig zusammenhalten. Moralischer Niedergang überall. Die Familie ein Bollwerk der Moral!

„Ein Bollwerk der Moral, versteh doch das endlich”, sagt der Vater. Seine Stimme hat wieder den Predigerton angenommen, den Jochen nicht ertragen kann. Es folgt eine lange Pause. Mit seinem Blick will er in meinen Kopf hinein, denkt Armin, aber das kriegt er nicht mehr fertig. Das ging vielleicht vor drei Jahren, als ich noch Wölfling war. Jetzt sind die Gedanken frei. Er lächelt.

„Was hast du zu grinsen?”

„Ich habe gerade eben daran gedacht, dass ich mich heute mittag auch mit meinem Freund Jochen darüber unterhalten habe, was zu einer richtigen Familie gehört.” –

„Und?” –

„Über die Familie haben wir ganz ähnliche Ansichten.” –

„So? Welche denn?” –

„Dass man in einer richtigen Familie gemeinsam lachen kann.”

„Findest du nicht, dass das ein bisschen wenig ist?”

„Ich finde das aber sehr schön und wichtig.” Der Vater ist misstrauisch, nickt aber dann kurz.

„Und, hast du ihm denn auch gesagt, wie wir über die Familie denken?”

„Na klar. Darf ich heute Abend noch ein bisschen zu Jochen?” Der Vater findet, dass Armin eine Strafe verdient hat.

„Heute nicht, mein Junge. Du weißt warum. Und bevor ihr euch bei Herrn von Schaumberg entschuldigt habt, du und dein sauberer Freund, und zwar persönlich, triffst du dich nicht mehr mit Jochen. Er ist an unserer Blamage genauso schuld wie du.”

 

1958: Catarina Valente singt: Hast Du die Welt und auch ihr Streben erst erkannt, hast Du Dein Schicksal in der Hand. – Seit dem 1. Januar 1958 braucht eine Ehefrau nicht mehr die Erlaubnis ihres Ehemanns, wenn sie sich beruflich betätigen will.

 

Vierzehn Tage später sitzt Armin wieder vor der Haustür. Es ist ein windiger Tag. Er hat einen Anorak angezogen. Und ob ich bockig bin, denkt er. Petra hat ihm Rolands Adresse gegeben. Sie will dafür sorgen, dass Roland sich ihm gegenüber freundlicher verhält, wenn er kommt um sich zu entschuldigen. Er lacht. Die will dafür sorgen! Der hat Petra doch voll in der Hand, der macht mit ihr doch, was er will. Ein Küsschen, und Petra spurt. Und wenn sie ihren Bruder verteidigt, gefällt das dem Herrn von Schaumberg gar nicht! Er wird sie zu leiten wissen, hatte der Vater gesagt. Arme Petra. Da kommt sie ja zum Gartentor herein, mit stark gerötetem Gesicht, und rast wütend auf die Haustür zu.

„He, Petra, was ist?” Sie überlegt einen Augenblick, was sie tun soll. Dann setzt sie sich neben Armin. Ihr Atem geht heftig.

„Er hat Schluss gemacht!”, sagt sie wütend. „Bloß weil ich darauf bestanden habe, dass ich später einen Beruf ausüben will. Dieser Tyrann!” – Armin greift nach ihrer Hand.

„Dass du mit ihm Schluss gemacht hast, das ist eine gerechte Strafe für ihn.” –

„Er hat mit M I R Schluss gemacht.” –

„Er hat dich nicht verdient, und da hast du Schluss gemacht.”

Petra heult und streicht Armin übers Haar. „Wenn ich dich nicht hätte, hätte ich nie rausgekriegt, dass

eigentlich ich Schluss gemacht habe.”

 

1958 singt Billy Vaugh: Dein Schmerz wird vergehen, Conny Froboess singt: Auch Du hast Dein Schicksal in der Hand (3x) Du hast Dein Schicksal in der Hand. - Der 1. sowjetische Sputnik verglüht in der Erdatmosphäre. - 1958 wird Ursula von der Leyen geboren.

 

 

Armin entdeckt, wie auch in seiner Familie Ideologien eine Rolle spielen. ER beginnt sich und seine Schwester davon zu befreienWolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Hoor).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Hoor auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Angel, a life between: Ein Leben zwischen zwei Welten von Romy Rinke



Ein verletztes, und schon auf den ersten Blick sonderbar erscheinendes Mädchen wird im Wald gefunden.

In der Klinik, in die man sie bringt, glaubt man nun ihr Leiden lindern zu können und ihre vielen teilweiße sichtbaren, teilweiße noch verborgenen Besonderheiten aufklären zu können. Doch das Martyrium beginnt erst hier...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Mensch kontra Mensch" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Hoor

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Eine Freundshaft aus der Not geboren von Wolfgang Hoor (Schule)
Nazis, Stasi und andere verdiente Bürger von Norbert Wittke (Mensch kontra Mensch)
Kleiner Aufsatz über Karlis Leben von Margit Kvarda (Humor)