Karl-Konrad Knooshood

Entschlossenheit

Jetzt war er festentschlossen. Er konnte so nicht mehr. Jetzt, jetzt, jetzt würde er etwas ändern, endlich! Endlich war sein Moment gekommen, sein Leben würde sich von Grund auf ändern, entwickeln.

 

Alles war perfekt geplant, seit Tagen hatte er seine Pläne rekapituliert, immer wieder durchdacht, abgesichert, sich vergewissert, bereit zu sein. Er war jetzt soweit! Er würde losziehen und es tun, es endlich tun! Keine Zweifel, keine Gewissensbisse, kein Rücktritt von der Sache in letzter Sekunde jetzt! Es war beschlossene Sache. Er würde sich, seinem Leben, den ultimativen Kick geben! Ihm endlich einen Sinn verleihen. Man würde über ihn reden, über seine Motive, Entscheidung(en), spekulieren über diese Entscheidung, rätseln, mit dem großen, prominenten WARUM?. Wann er, warum jetzt, so plötzlich, was man nie für möglich gehalten hätte!

 

Ach, die buckligen Verwandten!

 

Würden sich ihr Schandmaul zerreißen über seine Beweggründe. Nach all den Jahren zumal. Die Jahre des Schmerzes, der Niederlage, der Demütigung, des würdelosen, wurmartigen Zu-Kreuze-Kriechens, Dahinsiechens ohne Bestimmung, waren passé. Seinem eigenen Entschluss, seinem Hinarbeiten, akribisch, leidenschaftlich auf diesen Punkt, war alle Entbehrung wert gewesen. Er warf einen Blick auf seine brandneue Digitaluhr, eigens für diesen Anlass gekauft. Legte sich dann die seines Erachtens notwendigen Utensilien und saubere Kleidung zurecht, lud erneut alles durch, auf und stopfte es in Rucksack und Gürtel. Vorbereitung war alles, ausgerüstet mit genügend Material sein, das war wichtig.

 

Den Brief hatte er schon abgeschickt, seine andere Nachricht lag auf dem Küchentisch, wo sie sie bald finden und gegebenenfalls weiterreichen würde. Alles war jetzt gut. Endlich. Die Tür zuziehen, auf zum Bus. Bald würde er dort sein! Aufregung stieg in ihm hoch, hoffentlich würde alles klappen! Es war wichtig, es richtig zu machen. All die Jahre der Niederlage, genau! Sie durften ihm jetzt nicht im Wege stehen. Da war er! Das Tor, das er gut kannte. Er öffnete es, betrat die weitläufige Gartenanlage. Ein schöner Platz, ein freundlicher Ort, der ein großes, im Kontrast eher trostloses aber funktionales Gebäude umsäumte.

 

Dort stand ein Mann, der freundlich lächelte. Er grinste höflich zurück und lief auf ihn zu, zückte seine…Schachtel Kaugummi, um dem Herrn eines anzubieten, um das Eis etwas zu brechen. Nun erkannte er seinen künftigen neuen Chef in ihm. Endlich war er soweit, endlich war er angekommen, seine neue Arbeitsstelle wartete, er hatte einen Job, einen neuen, frischen Sinn! Er hatte etwas zu tun, eine Tagesstruktur, ein Schicksal. Wenn seine Gattin nach Hause kommen würde, würde sie die handgeschriebene Nachricht mit der frohen Botschaft finden. Die Zusage war telefonisch erfolgt, vor einigen Stunden erst. Doch für den Fall, gesetzt den Fall, dass…da er gehofft hatte, dass es was wird, hatte er alles gründlich vorbereitet, tagelang, wie damals fürs Vorstellungsgespräch.

 

Seine Frau, die diese Bemühungen durchaus zu würdigen wusste, versuchte jedoch, ihm, noch am frühen Morgen dieses besonderen, lebensverändernden Tages, Tag 1 einer neuen Ära seiner Existenz, zu trösten, er müsse dranbleiben, er dürfe jetzt nicht aufgeben. Dann würde er eben noch 200 bis 300 Bewerbungen schreiben, sie käme nach ihrer Arbeit ja wieder und unterstütze ihn gern.

 

Er war so glücklich gewesen, nachdem überraschend der Anruf gekommen war, dass er nach dem Duschen rasch etwas von ihrem Rosenwasser nahm, in seinen Händen verrieb und das Blatt Papier mit der Nachricht (einfaches DIN-A4-Drucker-Standardpapier, 3,50 € im ALDI für ein Päckchen von 500 Stück, das war fair, fand er) damit schwängerte, um es aufzuwerten. Mit seinem lange nicht benutzten LAMY-Füller, den er kurz ins Mini-Glastintenfässchen tunkte, bemühte er sich, in seiner schönsten Sonntagsschrift, ihr die guten Neuigkeiten mitzuteilen, natürlich sehr liebevoll, inklusive Smileys, Emojifs, vieler gemalter Herzen, Lachgesichter, Kussmünder. Was übrigens eine geraume Weile in Anspruch nahm, da seine Schrift beim gewöhnlichen Schreiben sauklauig klobig war, eine grobschlächtige Krakelei, ein Vandalen-Feldzug, Schlachtengetümmel in Schriftform. Unzumutbar. Er war eben der "Mann fürs Grobe", handwerklich geschickt, Handarbeiter seit jeher, ans Malochen gewöhnt, an körperliche Arbeit, ehrenvoll aber schweißtreibend. Er war jetzt 46, einige Jahre lang wollte er noch wieder arbeiten, hoffentlich würde er den Wiedereinstieg schaffen, nach der jahrelangen Flaute, nachdem in seiner alten Branche ein massiver Einbruch der Konjunktur zu verzeichnen gewesen war. Jetzt hatte er wieder einen Job, bei dem er ordentlich anpacken können musste.

 

Sein erster Tag. Ein neuer Sinn für sein weiteres Leben.

 

P.S.: Gebt es ruhig zu, innerhalb der ersten paar Sätze dachtet ihr doch glatt, es könnte sich um die (Vor-)Geschichte eines Amoklaufes handeln, oder? Nicht wahr? Die Zeiten sind schon rauer geworden, da denkt man doch gleich an einen jahrelang geschmähten oder sich gedemütigt fühlenden Täter in Spe, der sich nun entschlossen hat, an der ihn vielmals kränkenden Welt Rache zu nehmen, der genug hat und, als Verlierer, hofft, seinem Leben endlich den Sinn zu verschaffen, den es seit Jahren vermissen ließ.

Was ist bloß los mit unsrer Welt, sind wir so angespannt, dass wir nervös werden, hinter jedem harmlos Alltäglichen etwas Grausames, Schlimmes, Höllisches, Tödliches, Destruktives zu vermuten? Liegt es daran, dass Amokläufe sich seit ca. 20 Jahren (Ausgangspunkt respektive Auftakt schien das COLUMBINE-Massaker 1999 zu sein) an Zahl und Intensität zunehmen, neben islamischen Terroranschlägen, massiv quantitativ zunehmen? Liegt es am Framing der Mainstreamer, in dem immer der Gesellschaft als abstraktem, aber wenig konkretem, undifferenziertem Konstrukt-Klumpen an allen Fehlentwicklungen, Verwicklungen, Verwerfungen eines Individuums die Schuld gegeben wird/werden muss? Wer kann es wissen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, da draußen oder da drinnen, in uns. Hier geht alles gut aus, diese Geschichte hat bewusst ein Happyend, hinter dem ich stehe. Ich bin hier unverbrüchlich ehrlich, wenn ich auch die positiven Effekte betone, und das Gute sehe. Eine Arbeitsstelle ist kein Allheilmittel gegen Selbstzweifel, Ängste, Depressionen oder andere Dinge, die in uns abgehen. Aber sie verschafft etwas Wichtiges: Struktur, Sinn, das Gefühl, etwas zu tun, etwas im Idealfall Wichtiges. Unser Protagonist, ein fiktiver Charakter, packt es an, er geht mit Enthusiasmus an seine neue Tätigkeit und wird womöglich obsiegen, viele Jahre bis zur Rente in dem Job arbeiten und sich wohlfühlen.

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