Claudia Savelsberg

Der einmal gelebte Traum

Anna war ein ruhiger und in sich gekehrter Mensch, sie hatte schon früh gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zurück zu stecken. Als sie einundzwanzig Jahre alt war, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und Anna fühlte sich nur noch für einen Menschen verantwortlich: ihre vier Jahre jüngere Schwester Jutta. Sie nahmen zusammen eine kleine Wohnung in Bremen, Anna studierte und arbeitete zielstrebig auf ihren Abschluss hin. Jutta machte eine Lehre als Goldschmiedin. An den Wochenenden war sie meist mit Freunden unterwegs, sie hatte die extrovertierte Leichtigkeit, die ihrer älteren Schwester fehlte.

Eines Abends brachte Jutta Henning mit nach Hause: groß, athletische Figur, blonde Locken, blaue Augen, sonnengebräunt. Er trug einen langen grauen Mantel und Cowboystiefel. „Ein windiger Typ“, dachte Anna „Ein richtiger Hallodri.“ Aber Jutta gegenüber schwieg sie. Die kleine Schwester war verliebt in Henning, schwebte auf Wolken, plante sogar eine gemeinsame Zukunft. Als sie schwanger wurde, zerplatzten ihre Träume. Henning reagierte aggressiv und abweisend. Ein Kind, so machte er Jutta klar, passte nicht in sein Leben. Er hatte gerade sein Studium abgebrochen und wollte als Animateur nach Spanien gehen – allein. Jutta weinte nächtelang und ließ sich auch von Anna nicht trösten. Nach der Fehlgeburt entschloss Jutta sich in die Toskana zu gehen und dort ein kleines Goldschmiedeatelier zu eröffnen. Ab und zu schrieb sie Anna eine Karte: es gehe ihr gut, sie sei zufrieden - aber von einem Mann in ihrem Leben schrieb sie nichts. Nach dem Studium bekam Anna eine Stelle als Lektorin in einem Verlag in Hamburg. Zwei Jahre später heiratete sie Andreas, BWL-Professor, zwanzig Jahre älter als sie. Es war eine Vernunftehe, basierend auf gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Respekt. Für Liebe und Leidenschaft war in diesem Arrangement kein Platz, aber Anna war zufrieden. Sie glaubte, es zu sein, sie wollte es sein.

Einmal im Monat lud Andreas seine Examenskandidaten zu einem sonntäglichen Brunch zu sich nach Hause ein. Es war ein eingespieltes Ritual. Anna deckte den Tisch, bereitete kalte und warme Platten vor, kochte Tee und Kaffee. Dann ging sie nach oben in ihr Arbeitszimmer und korrigierte Manuskripte. Aus dem Esszimmer hörte sie gedämpfte Stimmen, manchmal ein Lachen. Es ging ihr gut, was brauchte sie mehr. An einem Sonntag kam Andreas plötzlich und unerwartet in ihr Arbeitszimmer: „Anna, ich möchte dir Henning vorstellen. Er ist vor vier Wochen nach Hamburg gezogen und will sein Examen hier machen, er ist der Sohn meines Kollegen Bauer aus Marburg.“ Anna zuckte unmerklich zusammen.... Henning ... der Name war zwar selten, aber er konnte es nicht sein. Sie setzte ihre Lesebrille ab, stand auf und drehte sich um. Er war es, kaum verändert, mit blonden Locken und sonnengebräunt. Und immer noch diese Cowboystiefel. Sie ging auf ihn zu, lächelte und reichte ihm die Hand: „Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Ihr Vater war unser Trauzeuge.“ Sie merkte sofort, dass auch er sie wieder erkannt hatte, doch er gab ihr die Hand und begrüßte sie mit einer höflichen Floskel.

Andreas lud Henning oft in ihr Haus ein, er war für ihn wie ein Sohnersatz. Sie saßen im Wohnzimmer vor dem Kamin und plauderten, manchmal sah Henning Anna verstohlen mit einem fragenden Blick von der Seite an. Mit dem Hinweis auf ihre Manuskripte zog sie sich diskret in ihr Arbeitszimmer zurück. Wenn sie dann aus dem Wohnzimmer sein jungenhaftes Lachen vernahm, setzte sie die Kopfhörer auf und hörte Musik. Sie wollte nicht an ihn denken. Es war alles gut so, wie es war. Überraschend wurde Andreas zu einem Kongress nach Berlin eingeladen. Sie hatten für diesen Abend zwei Karten für die Staatsoper „Du gehst doch nicht gern allein, nimm' Henning mit“, schlug Andreas verständnisvoll vor. Im Foyer traf Anna Professorenkollegen ihres Mannes in Begleitung ihrer Ehefrauen. Man grüßte sich höflich und absolvierte den üblichen Smalltalk, aber Anna spürte die Blicke in ihrem Rücken. Doch es gab keinerlei Anschein von Vertrautheit, Henning folgte ihr an diesem Abend wie ein Knappe seinem Burgfräulein. Nach der Vorstellung lud Anna Henning noch auf ein Glas Wein zu sich nach Hause ein. Sie saßen vor dem Kamin und redeten. Über ihn, sein Studium, seine Eltern, seine beruflichen Wünsche und Vorstellungen. Über sie, ihre Arbeit, ihre Vorlieben, ihre Hoffnungen. Es war ein vertrautes Gespräch, aber kein intimes. Und als er Anna wieder duzte, was er in Anwesenheit ihres Ehemannes aus Taktgefühl vermieden hatte, war dies für beide völlig normal.

Mittlerweile war es spät, fast ein Uhr morgens. Henning wollte sich gerade verabschieden, als sein Handy klingelte. Es war seine Mutter, sein Vater lag nach einem Herzinfarkt auf der Intensivstation. Henning starrte sein Handy an, er wurde kreidebleich, sein Blick ging ins Leere. Er ließ sich neben Anna auf das Sofa fallen und bettete seinen Kopf in ihren Schoß: „Anna, hilf mir, lass mich nicht allein. Ich habe Angst.“ Sie nahm ihn in die Arme, streichelte zärtlich seinen Kopf, sprach beruhigend auf ihn ein. In dieser Nacht blieb er bei ihr.

Dann ging alles sehr schnell. Anna trennte sich von Andreas und bezog mit Henning ein kleines Haus im Alten Land, direkt hinter dem Deich, das Annas beste Freundin ihnen mietfrei überließ. Von der Wohnküche aus konnte man über den Elbe-Arm auf die Nordsee bis zu dem unendlich scheinenden Horizont schauen. In der Woche, in der Anna das kleine Haus renovierte und es mit wenigen Möbeln und Bilder wohnlich zu gestalten versuchte, absolvierte Henning in Hamburg an der Universität die letzten schriftlichen und mündlichen Examina zum Betriebswirt. Sie fühlten sich beide auf unerklärliche Weise gehetzt und unfrei, glaubten in wenigen Tagen all das nachholen zu müssen, was sie bisher versäumt hatten. Anna wollte ihre Stelle beim Verlag aufgeben, zukünftig freiberuflich arbeiten, ganz für Henning da sein. Henning wollte sie versorgen, ihr jeden Wunsch erfüllen, sie sollte nie mehr allein sein. Manchmal saßen sie in der Wohnküche und blieben die ganze Nacht wach, aus Angst, dass der Schlaf ihnen kostbare Minuten ihres Lebens rauben könnte. Sie wiederholten sich gegenseitig ihre Versprechungen, ihre Stimmen wurden nervös - Nacht geweihte, die den Tag fürchteten.

Henning bewarb sich in Hamburg bei der deutschen Tochtergesellschaft eines französischen Unternehmens, das Vorstellungsgespräch sollte in Paris stattfinden. Anna brachte ihn zum Flughafen. Als er eingecheckt hatte, drehte er sich noch einmal um und lächelte traurig: „Schade, dass du nicht mitkommen möchtest.“ Es war der Flug LH 205. Am Abend sah Anna es in den Nachrichten: „Aus bisher ungeklärten Ursachen ist heute Mittag in der Nähe von Paris eine Passagiermaschine abgestürzt. Besatzung und Passagiere konnten nur noch tot geborgen werden. Es handelt sich um eine Maschine der Lufthansa, Flug LH 205, von Hamburg-Fuhlsbüttel nach Paris-Orly.“ Anna weinte nicht, sie schrie nicht, ihr Kopf war ganz leer. Es war ein Herbsttag, die Sonne schickte ihre Strahlen über das bunte Laub, aber es war kühl. Sie ging zum Carport, klappte das Dach ihres Cabrios auf und zog den Kragen ihrer Jacke hoch. Sie fuhr los - ohne Ziel und ohne Plan. Die Sonne stand tief und blendete sie, sie fuhr weiter und weiter, und auf einmal war sie ganz ruhig und ganz bei sich. „Ertrinken, versinken“: er war nicht wirklich tot - sie hatten einen gelebten Traum, sie hatte den einmal gelebten Traum. Die Sonne sank noch tiefer. Als der Lkw auf der Gegenfahrbahn plötzlich ins Schleudern geriet, wich Anna nicht aus. Der junge Rettungssanitäter zog die Plane über ihren zerschmetterten Körper, hielt plötzlich inne und sah in ihr unversehrtes zartes helles Gesicht. „Merkwürdig, sie lächelt, “ dachte er, „ein Lächeln wie ... wie verzückt .... irgendwie ... entrückt.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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