Wolfgang Hoor

Was heißt hypnotisieren

Ich sitze mit meiner Enkeltochter M. am Küchentisch. Der Geburtstagstrubel ist vorbei, die Gäste sind gegangen, die Geschenke sind gewürdigt. Jetzt sitzt sie mit ihrer großen Sammelmappe für die Fußballweltmeisterschaft 2010 mir gegenüber, reißt ein neues Päckchen von den vielen auf, die sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hat, entnimmt ihm die fünf Bildchen mit den Gesichtern von Fußballstars, die sie alle nicht kennt, und vergleicht die Zahl, die auf dem Bildchen und auf der Leerstelle im Album steht, pellt den Plastikschutz von der Klebefläche und klebt das Bildchen ein. „Mist!”, sagt sie. Wieder zwei Bildchen, die sie jetzt doppelt hat, und wieder kein deutscher Spieler dabei. Aber sie ärgert sich nicht wirklich. Es sind ja noch zwanzig andere Päckchen da. Sie ist sehr konzentriert und schaut kaum auf.

Während sie ihre Tätigkeit unentwegt fortsetzt, habe ich das Gefühl, dass ich überflüssig bin. Ich stehe auf. “Opa”, sagt sie, „was heißt eigentlich ‚hypnotisieren?” Sie schaut nicht auf, als sie das sagt. Ich setze mich wieder.

„Wie bist du denn an dieses Wort gekommen?”

„Jemand hat gesagt, ich bin bestimmt hypnotisiert worden.” –

„Und wie kommt dieser jemand darauf?”

Sie schaut nicht auf. Sie ist beschäftigt.

„Das weiß ich ja eben nicht. Er sagt, die Fußballstars, die hypnotisieren mich!” Wieder ein Bild am richtigen Platz.

„Hypnotisieren heißt jemand so beeinflussen, dass er nur noch tun kann, was der andere will und nicht mehr, was er selbst will.”

„Ach so!” – Ein neues Bild. Ich erhebe mich vom Stuhl.

„Opa, warst du auch schon mal hypnotisiert?”

„Ich weiß nicht. Vielleicht.”

Ein neues Päckchen wird aufgerissen.

„Auch von Fußballstars?”

„Nein, von Schmetterlingsbildern.”

Ein kleiner Jubelschrei. Endlich wieder ein deutscher Star!

Allmählich beginnt mich ihre Arbeitsweise an früher zu erinnern. So war ich doch auch mal! Damals war ich auf Schmetterlings-Bilder aus, so wie sie jetzt auf Fußballgötter. Die Bilder mussten in ein Sammelalbum eingeklebt werden. Es enthielt 50 postkartengroße Leerfelder für Schmetterlinge. Ich weiß nicht mehr, in welchen Lebensmittelverpackungen sie steckten, ich weiß nur noch: wenn ich am Wochenende aus meinem Schülerheim nach Hause fuhr, war fast immer ein neues Bild da. Es gab häufig Duplikate, aber es gab andere Kinder, die auch diese Bilder sammelten, und am Sonntag, vor der Kirche, standen wir zusammen und verglichen und tauschten Schmetteringsbilder. So kam ich dann meist fröhlich nach Hause und konnte wieder ein Bild in mein Album einkleben.

Aber ein paar Bilder waren sehr selten: Die Bilder vom Segelfalter, vom Schwalbenschwanz und vom Apollofalter. Auf die warteten wir alle mit Ungeduld, und so kam die traurige Zeit, in der wir vergeblich unsere Tauschbilder mit in die Kirche brachten. Segelfalter, Schwalbenschwanz und Apollofalter gab es nicht, sonst hatten wir fast alles. Ich habe bestimmt drei Monate vergeblich gewartet, und meine Geschwister sagten mir, ich solle mich keiner Illusion hingeben, die drei Falter, die mir fehlten, würden wahrscheinlich gar nicht gedruckt. „Nur, wenn das Album nie ganz voll wird”, sagte auch mein Vater, „kauft und kauft und kauft man dieselbe Marke in der Hoffnung, es doch noch zu schaffen”.

Aber dann kam doch noch der große, unvergleichlich schöne, sonnige Sonntag, an dem Segelfalter, Schwalbenschwanz und Appollofalter in mein Album flatterten. Den Apollofalter überreichte mir meine Mutter strahlend. „Siehst du, es wird doch noch gut”, sagte sie. Und gut bestückt mit acht Tauschbildern ging ich zur Kirche. Ein Cousin von mir, inzwischen neun Jahre, wollte auch mit dem Sammeln beginnen. Er hatte den Segelfalter und den Schwalbenschwanz dabei.

„Meine Schwester hat gesagt, mit den beiden kann man gute Geschäfte machen. Ich hab’ erst diese beiden Bilder. Ich glaube, mein Album wird nie voll.”

Ich zitterte vor Aufregung. Hoffentlich merkt er nichts, dachte ich. “Hör zu, du weißt ja, dass ich dich gut leiden kann. Wenn man tauscht, tauscht man immer eins gegen eins. Das ist der Brauch. Schwal-benschwanz gegen Pfauenauge oder Segelfalter gegen Zitronenfalter. Ich weiß, wie schwer es ist, ewig und ewig zu warten, bis man wieder was einkleben kann. Hier schau mal. Ich geb dir von meinen, die ich tauschen kann, fünf Bilder, wenn du mir deine zwei gibst. Wär das nicht was?” Er schaute mich kritische an. offensichtlich vermutete er eine List. Ich suchte ihm aus meinen Duplikaten die prächtigsten raus, die ich hatte: Trauermantel, Weihnachtsfalter, Pfauenauge, Io-Falter, Distelfalter. Er schaute sie entzückt an.

„Sind die schön!”, rief er aus. „Darf ich die wirklich alle haben?”

„Nur, weil du mein Cousin bin”, sagte ich. Und dann fand der Tausch statt, fünf gegen zwei, und er wusste nicht, dass er beschissen wurde. Das Blut schoss mir wieder ins Gesicht, als ich daran dachte. Ich hatte genug Bilder von damals im Kopf. Ich wollte aufstehen.

„Opa, wie hießen noch die seltenen Schmetterlinge, als du damals gesammelt hast?“ – M. schaute mich bei dieser Frage nicht einmal an. Nur ihre Fußballgötter interessierten sie.

„Das weiß ich nicht mehr.“ Das nahm sie zur Kenntnis, ohne es zur Kenntnis zu nehmen. Ich ärgerte mich.

„Na ja, egal“, kommentierte sie. Diesmal stand ich ein wenig lärmend auf und diesmal hob sie ihren Kopf.

„Bleib doch noch ein bisschen, Opa. Wenn du dabei bist, macht es viele mehr Spaß.“ Sie hielt ihr Köpfchen schief und lächelte. Wer hätte ihr da widerstehen können. Also saß ich wieder.

Inzwischen hat M. wieder einen deutschen Fußballgott gefunden. „Der Müller, ich hab den Müller!”, ruft sie begeistert. „Der hat bei der Weltmeisterschaft die tollsten Tore geschossen.” Ich nicke. Wir schweigen eine Weile, während sie gleichmäßig und konzentriert weiterarbeitet.

„Was hast du vorhin gesagt?”, fragt sie plötzlich.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Was meinst du mit vorhin?“

Sie antwortet nicht. Sie macht gerade wieder eine Klebefläche frei. „Was hast du gerade gesagt, Opa.”

„Weiß nicht mehr“, sage ich, inzwischen deutlich verärgert. Ich will aufstehen. Wenn sie mit mir reden will, sollte sie doch wenigstens zuhören.

„Weißt du eigentlich noch, wer der Junge war, der dir dein Album nicht zurückgegeben hat? Erzähl doch mal, was das für einer war!” Sie schneidet ein neues Päckchen auf.

„Ich weiß es nicht mehr.” Die Antwort stört sie nicht. Vielleicht merkt sie, dass ich allmählich die Lust verliere, mit ihr zusammen zu sein. Sie kehrt zu ihrer Arbeit zurück. Ich stehe auf. Sie muss trotz ihrer Konzentration auf ihre Bildchen gemerkt haben, dass ich wütend werde. Sie steht auch auf und läuft mir entgegen und umarmt mich. „Danke übrigens für die Geburtstagsgeschenke“, sagt sie. „Die Filme, die du mir kopiert, sind immer Klasse. Ich bin gespannt auf sie.“ Sie zieht meinen Kopf zu sich herab und gibt mir einen Kuss. „Setz dich doch noch ein bisschen zu mir“, bettelt sie dann. „Ich bin auch wirklich bald fertig.“

Also sitze ich wieder bei ihr, stolz, dass sie so nett sein kann, und traurig, dass das Spiel wieder von vorne los geht.

Sie klebt und klebt und fragt dann: „Hast du es mir eigentlich schon gesagt? Was heißt jetzt hypnotisieren?”

„Was du gerade mit mir machst.”

Was ich geschrieben habe, ist fast authentisch. Nur hat der Begriff "hypnotisieren" am Tisch, an dem meine Enkeltochtern die Weltmeister-Bilder eingeklebt hat, keine Rolle gespielt. Die Enkeltochter war damals acht. Ich habe nie vergessen, wie ich plötzlich wieder meiner eigenen Vergangenheit entdeckt habe, während ich ihr gegenübersaß.Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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