Hans Fritz

Apokalyptozän


INTRO

Während der ersten Jahrmilliarde der ca. 4,5 Mrd. alten Erdgeschichte existierte auf unserem Heimatplaneten offenbar keine organische Substanz, die als ein Lebendes System bezeichnet werden könnte. Allmählich entstanden morphologisch noch primitive Formen, die aber schon bald so komplex anmutende physiologische Prozesse wie die Photosynthese, eingeführt hatten.

Vor ca. 500 Mio Jahren erschienen die ersten Wirbeltiere, vor ca. 250 Mio Jahren die Schildkröten und die ersten Dinosaurier.

Die geochronologische Darstellung der Evolution kann zum besseren Verständnis in der Form einer Spirale, eines Messstabs, eines Kalenders, oder des beliebten Kreisdiagramms geschehen. Am Metermass würden die Saurier bei 95 cm, im Kalender um den Tag 347, d.h. kurz vor Weihnachten auftreten. Der Mensch tritt an Silvester kurz vor Mitternacht auf den Plan.

Das Zeitalter der vom Menschen geprägten Zeit wird häufig als Anthropozän bezeichnet. Der Mensch waltet als beherrschender Faktor, alles entweder neu- oder umgestaltend, mit dem ‘biblischen’ Auftrag zu bebauen und zu hüten. Indem der Mensch jedoch die Natur verbaut, verunstaltet, ja zerstört, könnte er das voraussichtlich kürzeste aller Erdzeitalter, das Apokalyptozän, eingeläutet haben.

 

SZENARIO

VERWIRKLICHUNG EINER ‘GERAFFTEN EVOLUTION’

Museen bieten Anschauungsmaterial zur Geschichte des Lebens, vom Erscheinen primitiver Einzeller bis zum Auftritt des Menschen.

Ein Museum, das punkto Ausstellungsflächen seine Kapazitäten fast ausgeschöpft hat, möchte die mit allen Schikanen moderner Kommunikationstechnik ausgestattete Darstellung der Evolution in ein extra Gebäude auslagern. Zur Verwirklichung des Baus wird ein Wettbewerb ausgeschrieben: Die Riesenschnecke oder, als Alternative, der Riesenkelch.

Im Fall der Superschnecke sollte der Rundgang beim obersten Wirbel beginnen, mit den ältesten Organismen. Unter allmählicher Verbreiterung der Umgänge sollte das Gehäuse symbolisch hinab ins reale, vom Menschen geprägte Leben führen. Das angestrebte ‘Hinab’ stösst jedoch bei vielen Gutachtern auf Unverständnis, ja auf pure Ablehnung. Zum Menschen als Kulminationspunkt der Schöpfung soll es aufwärts in höhere lichte Sphären gehen und nicht abwärts in ein naturfernes Umfeld.

So entscheidet sich eine satte Mehrheit befragter Bürger schliesslich für den Kelch. Damit bekommt die Vorstellung vom ‘vergöttlichten Menschen auf höchster Stufe’ den Zuschlag. Gegner können es nicht lassen, mit dem berühmten Spruch «lass diesen Kelch an mir vorübergehen» ihre profunden Bibelkenntnisse unter Beweis zu stellen. Viele Ahnungslose, meist Touristen, werden den Kelch für einen Wasserspeicher halten, zeitgemäss erbaut in ödem Betongrau.

Es sei nicht verschwiegen, dass es sich bei dem Kelch, wenn auch aus Beton, um eine Nachempfindung des Spiralminaretts von Samarra* aus dem 9. Jhdt n Chr. handelt, mit seiner spiralig angelegten Aussentreppe.

In den achtkantigen Fuss des Kelchs werden die strengen baulichen Erfordernisse moderner Menschheit verbannt, vor allem die Kasse. Denn die hautnahe Begegnung mit vergangenen Perioden der Erdgeschichte kann und darf es nicht zum Nulltarif geben. Der Stiel des Kelchs soll die leblose, d.h. die noch absolut lebensfeindliche Phase der Erdgeschichte verkörpern.

Die Schale (cuppa) wird mit einem flachstufigen Aufgang ausgestattet. Auf Grossbildschirmen werden als Animation die Ökosysteme der Erdzeitalter mit ihren charakteristischen Vertretern der Pflanzen- und Tierwelt vorgeführt, vom Beginn des Lebens bis in die Neuzeit. Alles in allem, ein Panorama der Erdgeschichte mit grandiosen, bewegten Bildern.

Als Kelchdach ist eine stabile Abdeckplatte aus nicht eindeutig zu definierendem Material vorgesehen. In der Mitte jener Platte soll der Mensch als eine Art von Stein gewordener Apotheose stehen, gewissermassen als Koloss von Rhodos en miniature. Für die ‘kolossale’ Ausrichtung bekommt der erfolgreiche Bildhauer Henrik Kloppenstein den Zuschlag. Alles ins allem schafft er in der Tat eine menschenähnliche Figur, die sich sehen lassen kann. Ob es sich dabei um ein männliches oder eher weibliches Wesen handelt, darüber wird nicht nur in Fachkreisen heftig diskutiert. Die gewaltige Fackel**, die die hünenhafte Figur in der linken Hand halten und an jedem Monatsersten entzündet werden soll, wird vom Bauherrn nicht genehmigt, da das Kunstwerk kein Übergewicht haben darf, das zum Einsturz der Abdeckplatte führen könnte.

*Irakische Ausgrabungsstätte nördlich von Bagdad

**Wer denkt da nicht an die Freiheitsstatue vorm New Yorker Hafen

 

DIE SCHAU UND IHRE BESUCHER

Wie zu erwarten, finden die Dinosaurier den grössten Zuspruch. «Wären die Dinos frühen Menschen über den Weg gelaufen, hätten sich Letztere wohl als Grosswildjäger profiliert», meint eine Lehrerin. «So genossen die Giganten die Gnade eines nicht durch Menschenhand verursachten Aussterbens», meint durch seinen kaum zu überbietenden Zynismus bekannter Kommunalpolitiker. Er meint ausserdem, dass das weiter oben gezeigte Riesenfaultier dem Menschen eher ähnele, als ein Urweltaffe, zumal es auf dem Boden und nicht auf Bäumen lebte. Der menschlichen Phantasie sind eben keine Grenzen gesetzt.

In einer Zeit, wo der ‘endgültige Ausstieg aus der Kohle’ mit Nachdruck gefordert wird, liefern Nachbildungen eines Karbonzeitwaldes, ein paar Windungen weiter oben eine Tertiärlandschaft, Anschauungsmaterial zum Thema ‘Entstehung fossiler Brennstoffe’, nämlich von Stein- und Braunkohle.

 

DAS KLIMA IM WANDEL DER ZEITEN

Wir stehen auf der Kelchplatte und bedienen uns eines Wegwerfkopfhörers. Wir hören einen Kommentar zum vieldiskutierten Thema ‘Klimawandel’.

«Das Klima ist seit jeher Veränderungen unterworfen. Auf Kaltzeiten folgen Warmzeiten. Solche Umbrüche, die u.a. auf Änderungen des Magnetfelds und auf Polverschiebungen beruhen können, erfolgen aus menschlicher Sicht fast unmerklich über sehr grosse Zeiträume. Nahe der Scheitelzone solcher Epochen scheinen sich heftige Vulkanausbrüche und Erdbeben zu häufen. Die Gletscherschmelze strebt einem Höhepunkt zu. Permafrostzonen weichen auf, wobei auch ‘ewiges’ Eis führende Felsmassen der Hochgebirgsregionen zunehmend instabil werden. In der Synchronie solcher Ereignisse spielt die fortschreitende Erwärmung der Ozeane eine besondere Rolle, besonders im häufigeren Auftreten extremen Wettergeschehens. Vermehrt können Springtiden und ähnliche Phänomene auftreten. Ein Taifun bzw. Tornado wird ein bisher eher selten von heftigen Windbewegungen heimgesuchtes Gebiet häufiger treffen.

In ein solches ‘natürliches’, offensichtlich programmiertes Geschehen greift der Mensch mit massiven Schädigungen der Umwelt ein. Wir können jenes Geschehen nicht aufhalten, aber versuchen menschengemachte verschärfende wie beschleunigende Faktoren soweit wie möglich zu unterbinden. Resignation wäre ein falsches Zeichen. Weltweite Demonstrationen mögen die Politik aus ökologischem Tiefschlaf aufrütteln, ein durchschlagender Erfolg wäre wünschenswert, bleibt aber letztlich fraglich.

Dass der übermässigen Emission von Schadstoffen Einhalt geboten werden muss, steht ausser Zweifel. Um die Vernichtung von Wäldern einschliesslich unkontrolliertem Abholzen zu stoppen, bedarf es dringender Sofortmassnahmen. Besonders die tropischen Regenwälder sind wesentliche Faktoren der Gestaltung des Weltklimas. Es muss verhindert werden, dass ökonomische Interessen über das Erhalten der Biodiversitäten gestellt werden, die unsere Erde nachhaltig prägen. Solche Ökosysteme sollten nicht Eigentum von Staaten bzw. ihren treu ergebenen, rein ökonomisch orientierten Grossgrundbesitzern sein, sondern als ein Geschenk für die gesamte Menschheit wahrgenommen werden. Aus realpolitischen Gründen wird sich da jedoch kaum etwas ändern lassen. Weltweite Versuche der Wiederaufforstung kahlgeschlagener Flächen lassen allerdings hoffen.

Dürreperioden führten zur Resistenzminderung einheimischer Bäume, was den vermehrten Borkenkäferbefall zur Folge hatte und das Holz als Baumaterial weitgehend nutzlos macht. Das Anpflanzen von Fichten in Monokulturen hat sich dabei als besonders verhängnisvoll erwiesen. Das Anlegen solcher Kulturen wird heute, soweit es den forstwirtschaftlichen Anbau von schädlings- und windbruchanfälligem Nadelholz betrifft, soweit möglich vermieden und Mischwald bevorzugt.

Soweit sich Klimaschwankungen einschliesslich häufiger auftretender Dürreperioden auf die Landwirtschaft mit massiven Ernteeinbussen auswirken, könnte es sich lohnen, anstelle von Mais etwa Hirse anzubauen.

Der Belastung der Binnengewässer und Meere mit Schadstoffen wie Chemikalien und Plastikmüll muss gegengesteuert werden. Soweit es die Ozeane und ihre Randmeere betrifft eine herkulische Aufgabe, die internationales Handeln herausfordert.

Das Dilemma ist, dass aus Lebenssystemen füherer Epochen der Erdgeschichte resultierender fossiler Kohlenstoff mit den ‘Segnungen’ der Zivilisation wie Heizung und Verbrennungsmotoren den natürlichen Co2-Vorrat ständig vergrössert, wenn dem nicht gegengesteuert wird. Der Anstieg des Co2-Vorrats der Atmosphäre kann von einem bestimmten Punkt an nicht mehr durch den Prozess der Photosynthese kompensiert werden.

Nicht zuletzt muss dem Erhalten der Ozonschicht als Schutzschirm, der lebensfeindliche UV-B und -C Strahlung abhält, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es sei an die fatale Wirkung der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) erinnert.»

 

SCHLUSSGEDANKEN

Alles in allem gilt es die Natur verantwortungsvoll zu nutzen, möglichst minimalinvasiv, um einen Begriff der modernen Medizin zu verwenden. Mit dem Erhöhen der Treibstoffpreise und dem Kreieren aller möglichen Öko-Abgaben ist dem Schutz der Natur vor akuten Klimaänderungen wenig gedient. Viele Politiker glauben eben, dass sich ein optimaler Umweltschutz und das Abwenden eines ‘Klimawandels’ spielend verwirklichen lassen, wenn der Bürger gehörig zur Kasse gebeten wird.

Wir können die ‘natürliche’, nehmen wir mal an ‘programmierte’ globale Änderung eines Klimas nicht aufhalten, aber die von uns verursachten ‘störenden Faktoren’ versuchen wo immer möglich zu verhindern, zumindest zu entschärfen.

Ein durchaus positives Zeitzeichen ist die leider nur schleppend vorangehende Nutzung der Sonnenenergie via Solarzelltechnik usw. Eines Tages, so ist zu hoffen, wird in der Fahrzeugkonstruktion fast ausschliesslich die mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzelle Verwendung finden. «Wasser(stoff) ist die Kohle der Zukunft» (nach Jules Verne*).

*Die Geheimnisvolle Insel (1874)
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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