Wolfgang Hoor

Kerzen

Eines Tages war er mit an unserem Tisch: Bodo, wie meine 17jährige Tochter Ulrike ihn nannte, ihr neuer Deutsch- und Geographielehrer. Er habe eine sanfte Stimme, könne gut singen, sei witzig, trage einen süßen Schnäuzer und sei überhaupt – süß. Aber schließlich stellte sich heraus, dass Bodo sowohl in Geographie als auch in deutscher Literatur deutliche Kenntnislücken hatte. Das machte mich richtig zornig. Und so verabschiedete sich Bodo wieder von unserem Tisch. Ulrike merkte, dass es mich schon aufregte, wenn der Name Bodo fiel, und sie war klug genug, das Neuste von Bodo nur noch mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Heike zu besprechen.

So bekam ich das Neuste zuerst auch gar nicht mit: Ulrike hatte jetzt jeden Donnerstagnachmittag von 16 bis 19 Uhr einen neuen Termin. Da ich zu der Zeit meistens in der Redaktion war, erfuhr ich nicht, was meine Tochter da trieb. Aber sie beteuerte, es gehe um ein Hilfsprojekt, und das zu unterstützen, war für mich selbstverständlich.

Was Mitte April dann über uns hereinbrach, war die Kerzen-Katastrophe. Thea hat einen Kerzen-Tick. Sie hatte für jedes Ereignis, das gefeiert wurde, eine Kerze angeschafft, das waren zwischen 10 und zwölf im Jahr, und im Laufe unserer über 20jährigen Ehe kam sie auf die stolze Zahl von ungefähr 240 Kerzen. Dazu kamen vielleicht noch einmal 60 oder 70, die sie auf Weihnachtsmärkten oder im Urlaub erstanden hat. Die ungefähr 300 Kerzen, die an Geburtstage, Namenstage und große kirchliche Feste erinnerten, waren alle durch einen Aufkleber gekennzeichnet. Viele von ihnen harrten jungfräulich ihrer ersten Flamme. Überall standen Kerzen jeder Größe, jeder Farbe und jeder Form: Sie standen dicht gedrängt auf zwei Regalbrettern in Theas Arbeitszimmer, sie füllten ein Fach unseres Wohnzimmerschrankes, sie standen auf Fensterbänken und machten das Öffnen einiger Fenster fast unmöglich. Wenn Thea sagte: „Es ist immer noch viel viel Platz für neue”, stöhnten Ulrike, Heike und ich gemeinsam, aber es half nichts. Thea musste Kerzen kaufen.

Und dann verschwanden welche. Zunächst die auf meiner Fensterbank, dann wurde die Sammlung in den Regalen ausgedünnt. Ich fand das sehr positiv. Vielleicht war Thea dabei, über ihren Kerzen-Tick hin-wegzukommen, oder vielleicht ließ Ulrike welche im Abfall verschwinden. Dass Thea es nicht gewesen sein konnte, merkte ich schon ein paar Tage später, nachdem die Sammlung in den Regalen Lücken bekam. Thea merkte sofort, dass nicht mehr alle Kerzen da waren. Sie runzelte die Stirn, schaute in allen Schränken nach, schüttelte den Kopf und begann zu zählen. Sie dachte an die Putzhilfe, die wir beschäftigten, und an das Mädchen, dem Ulrike Nachhilfe gab. An ihre eigenen Kinder dachte sie nicht. Die hatten immer auch Mamas Kerzen-Tick respektiert. Thea führte verzweifelt Nachforschungen durch, aber was immer sie auch unternahm, sie fand keine Spuren. „Valentin, ich bin ratlos!”, sagte sie am 03.Mai, ihrem Geburtstag, zu mir. Ich nahm sie in den Arm. „Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Sie fühlte sich getröstet und dankte.

Als ich eines Tages, an einem Mittwoch, früher als sonst vor der Haustüre stand, schallte aus Ulrikes Zimmer ein wüstes Geschrei. Ich verstand kein Wort, aber es war vor allem Theas Stimme, die kreischte und sich fast überschlug, während Ulrike offensichtlich unter Weinkrämpfen zu leiden hatte. Ich schloss auf und eilte in das Zimmer. Thea hatte offensichtlich eben Ulrike eine Ohrfeige gegeben. Sie hielt sich die Backe, während Thea, wie zur Salzsäule erstarrt, dastand und nicht verstand, was sie getan hatte. Als Ulrike mich sah, lief sie auf mich zu, klammerte sich an mich und rief: „Sie ist verrückt geworden.” – Und Thea: „Ulrike hat die Tasche gepackt und ich habe sie auf frischer Tat ertappt. Drei Kerzen hat sie genommen, drei Kerzen, und wieviel sie früher schon genommen hat, das will sie mir nicht sagen.”

Jetzt kam alles heraus: Ulrike war in der Theater-AG von Bodo, die jeden Donnerstag stattfand, was mich dazu veranlasste, Ulrike jäh und entschieden von mir zu stoßen, und sie schrie jetzt trotzig, dass sie in der Theater-AG aus den Kerzen wenigstens etwas machen würden. Hier stünden sie ja doch nur unnütz und überflüssig rum. Ich gestehe, dass ich mich in diesem Augenblick ins 19. Jahrhundert zurücksehnte, wo man eine solche Aufmüpfigkeit und Verlogenheit mit der Prügelstrafe gesühnt hätte. Jedenfalls brachte Ulrike uns, Thea und mich, jetzt wieder in ein Boot. Aber zuerst mussten wir zu diesem widerlichen Bodo. Ulrikes Mitarbeit in dieser Theater-AG wurde sofort gestrichen. Und Thea jammerte: Selbst wenn sie gefragt worden wäre, sie hätte nie gebilligt, dass ihre schönen Kerzen in die Hände eines Menschen gefallen wären, der wahrscheinlich ein Linker und ein Atheist war und auf dessen Tisch weder an Weihnachten noch an Ostern eine Kerze brannte. Wir meldeten uns bei dem verfluchten Bodo zu einem Gespräch in seiner Elternsprechstunde an und bestanden darauf, er dürfe in diese Sprechstunde keine weiteren Eltern bestellen. Wir hätten ein sehr ernstes Gespräch mit ihm zu führen.

Bodo kam gut gelaunt und offensichtlich ganz ohne schlechtes Gewissen in den Raum. Er begrüßte uns fröhlich, gab uns die Hand und sagte freundlich, er habe von Ulrike schon gehört, was los sei und er würde uns natürlich alle Kerzen, die Ulrike in die AG mitgebracht habe, ersetzen. Er habe sich immer gefreut, wenn er von den Mitgliedern der AG Kerzen bekommen hätte und hätte sich nichts dabei gedacht, dass Ulrike seine beste Lieferantin gewesen sei. „Wissen Sie, wir wollen ein Stück aufführen, da wird ein guter Bürger einer Stadt mitten in der Nacht aus seinem Bett geholt, um mit allen Bürgern des Ortes auf Verbrecherjagd zu gehen ... Aber nein, ich verrate zu viel, wir brauchen für diese Anfangsszene einfach ganz viele Kerzen. Leider hat die Theater-AG aber kein Geld, um sich welche zu kaufen.” Er lächelte weiter freundlich, ich überlegte, wie ich zum Angriff übergehen könnte, aber Thea fragte: „Wissen Sie denn noch, welche Kerzen Ulrike mitgebracht hat und wie viele es waren?” – „Wenn ich Sie bitten darf, liebe Frau H., kommen sie doch einfach mit. Das Bühnenbild für die erste Szene von ‚Tod’ von Woody Allen ist gerade fertig, die Kerzen sind aufgestellt. Sie brauchen mir nur zu sagen, welche Kerzen Ihnen gehören, und sie packen sie einfach wieder in eine Tasche, die ich auf der Bühne habe. In Ordnung?”

Thea kam mit leerer Tasche wieder. Herr G. geleitete sie zu ihrem Stuhl. “Und?” – “Ich habe sie ihm gelas-sen. Die Idee gefällt mir! Da ist eine Szene, da wird kein Bühnenlicht eingesetzt. Da brennt zuerst nur eine Kerze auf der Bühne. Die Zuschauer müssen sich an diese einzige Lichtquelle gewöhnen. Der Mann, den sie suchen, denkt: ich will nicht mit auf Verbrecherjagd, dieses eine Kerzenlicht sieht niemand von außen. Aber dann findet er sich in diesem dunklen Raum nicht mehr zurecht, stößt sich den Ellenbogen, und jetzt zündet er noch eine Kerze an und dann total viele. Und damit wird der Raum auch hell. Und so entdecken seine Mitbürger ihn und nehmen ihn mit zur Verbrecherjagd.” – Sie sah mich lange unschlüssig an. Schließlich sagte sie: „Komm, Valentin, du hast dir doch auch immer gewünscht, dass die vielen Kerzen aus dem Haus verschwinden. Jetzt sind sie aus dem Haus und dienen einem guten Zweck. Ich muss unbedingt sehen, wie eine ganze Bühne nur von Kerzen erleuchtet wird.”

Und so blieben unsere Kerzen bei der Theater-AG. Natürlich wollte Thea jetzt unbedingt die Kerzenszene sehen. „Das muss irre sein mit den ganzen Kerzen auf der Bühne. Ich muss Bodo unbedingt dabei beraten, wie er sie aufstellen soll und in welcher Reihenfolge sie angezündet werden müssen. Und die anderen, die ihn zur Verbrecherjagd aus dem Haus holen, die müssen auch noch welche anzünden. Und ich habe Bodo gesagt, er soll in dem ganzen Stück ausschließlich Kerzenlicht verwenden. Valentin, das ist das Ereignis, auf das alle meine Kerzen gewartet haben. Und was meinst du, wie viel Kerzen sie brauchen, wenn sie das Stück zwei- oder dreimal aufführen?” Die Begeisterung von Thea war nicht mehr zu stoppen. Wenn ich jetzt gewagt hätte sie daran zu erinnern, dass wir beide Ulrike verboten hatten, die AG von Bodo weiter zu besuchen, ich glaube, sie hätte mich erwürgt. Also ließ ich es geschehen.

Seit dieser Zeit wandern alle Kerzen, die Thea kauft, in den Theaterfundus, und Thea ist nun auch jeden Donnertag in der Schule. Einmal kam Ulrike zu mir. „Bodo meint, wir hätten jetzt genug Kerzen; die Re-quisitenkammer quillt davon über, und er hätte Mama nur für eine Szene die Regie übertragen, aber nicht für das ganze Stück und für alle Zeiten.” Ich lachte. „Jetzt sagst du deinem Lehrer: ‚Mitgefangen, Mitgehangen’, verstehst du?” Ulrike seufzte. „Ich weiß nicht, wie ich ihm das beibringen soll.” – „In Punkto Kerzen habe ich Mama noch nie was beibringen können.”

 

Inzwischen ist Thea mehrmals in der Woche in der Schule. Sie sagt, sie kümmert sich um die Requisiten der Theater-AG. Bodo hat offensichtlich nichts mehr dagegen, dass er von ihr betreut wird. Ulrike findet Bodo nicht mehr süß, seit ihre Mama für ihn schwärmt. Sie will nach der Aufführung ihres Stückes aus der AG aussteigen.

Gestern hatte ich mit Thea eine ernste Auseinandersetzung. „Du hast dich in den Lehrer, den wir beide gehasst haben, verliebt. Du bist dabei, unsere Ehe zu ruinieren. Mach dich fei von ihm. Lass ihm meinetwegen alle Kerzen, aber komm zu mir zurück.“ Sie strich mir freundlich übers Haar, gab mir einen Kuss und sagte: „Sei nicht eifersüchtig, Valentin. Bodo kann dich nicht ersetzen, niemals, aber er ist nun einmal der einzige Mensch, der meine Kerzen versteht.“ Was soll ich dem entgegenhalten?

Nicht erfunden ist die Aufgabe,"Tod" von Woody Allen mit Schülern aufzuführen. Auch Bodo, der hier vorkommt, ist ganz nahe an seinem wirklichen Profil gezeichnet. Die Geschichte mit den Kerzen ist weit weg von der Wirklichkeit, die Idee, sowas zu erfinden, stammt aus einem rfealen Ärger, dass ich gegen bestimmte Verrücktgheiten (zu vielen Kerzen horten) nicht ankomme. Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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