Wolfgang Hoor

Steine

 

 

Ich merkte mir seinen Namen, weil von ihm eine Fotografie in unserer Zeitung unter der Rubrik „Ein schönes Gesicht“ erschienen war. Es handelt sich um ein Mädchenportrait in schwarz-weiß. Das Mädchen, von vorne abgebildet, sitzt auf einer Stufe, eines Treppenhauses, hat das Gesicht in die linke Hand gestützt und schaut schräg nach unten. Es mag 12 Jahre sein. Ein hübsches Geschöpf: sein Bubikopf umfängt das feine, eher breite Gesicht mit dem schmalen Mund und die schönen, ein wenig mandelförmigen Augen in einem Halbkreis. Aber es ist traurig, eine scharfe, senkrechte, beunruhigende Stirnfalte spiegelt Ungewissheit und Ohnmacht. Heinz Vogel heißt der Fotograf. Ich habe bei der Redaktion angerufen, um Näheres über ihn zu erfahren, aber da weiß man fast nichts über ihn. „Das Bild ist schon vor drei Monaten eingeschickt worden. Der Fotograf ist Angestellter bei den Stadtwerken. Wir haben das Bild jetzt eher aus Verlegenheit veröffentlich. Es ist uns eigentlich zu traurig gewesen. Kindergesichter müssen Optimismus ausstrahlen.“ Ein Amateur hatte das Foto also gemacht, aber ich gestehe: In meiner Laufbahn als Berufsfotograf habe ich nie was Besseres hingekriegt. Ich schrieb mir seine Adresse auf.

 

Der Weg zu dem Haus des Fotografen fand ich mit Hilfe des Stadtplans. Mir war unwohl zumute, als ich klingelte. Es öffnete – das Mädchen, dessen Foto in der Zeitung abgedruckt worden war. „Ja?“ – „Ist dein Papa da?“ – „Nein.“ – „Und deine Mama?“ – „Auch nicht.“ – „Wann kann ich sie denn treffen? Ich habe deinem Papa ein wichtiges Angebot zu machen.“ – „Ich weiß nie, wann Papa zurückkommt. Er ist da drüben.“ – „Was heißt da drüben?“ – „Ich weiß es nicht besser.“ – „Was macht er denn da?“ – „Darf ich nicht sagen.“ – „Schön dann bis ein andermal.“ – Es nickte zum Abschied und verschloss schnell die Türe.

 

Am Samstag fuhr ich mit dem Wagen nach H. hinaus. Vor dem Haus des Amateur-Fotografen stand ein kleiner Peugeot. Ich parkte auf der gegenüberliegenden Seite in der falschen Richtung und wartete, ob sich in der Kaiserstraße 10 etwas täte. Ich hatte in meinem Rucksack meine Kamera dabei mit dem ganzen Satz der Objektive und etwas zu essen und zu trinken. Nach mehr als zwei Stunden kam ER heraus: Ein schmaler, knochiger Mann, dessen Schritte und Augen offensichtlich immer auf der Suche nach etwas waren. Er bestieg den kleinen Peugeot und fuhr in Richtung R. Ich weiß nicht, ob er merkte, dass ich ihm folgte. Auf halber Strecke bog Heinz Vogel ab und befuhr einen Schotterweg. Ich folgte ihm nicht, sondern parkte meinen Wagen an der Straße. Ich sah, dass er auf dem Schotterweg vielleicht 500 Meter fuhr, dann parkte er auch. Ich sah ihn ganz aus der Ferne auf ein frisch gepflügtes Feld zugehen. Das war also der Ort, wo dieser Mann etwas tat, was niemand wissen durfte! Ich folgte ihm auf den Schotterweg. Das Feld, auf dem er jetzt gebückt und ganz langsam einherging, wurde von einem Wäldchen gesäumt. Ich war noch unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte, da sah ich den Hochsitz. Er war geschickt getarnt, man konnte ihn kaum von den benachbarten Bäume unterscheiden.

 

Also ging’s hinauf. Oben angekommen baute ich meine Kamera auf einem schweren Stativ auf und beobachtete durch mein größten Objektiv, was vorging. Heinz ging jetzt immer den Furchen des Pfluges nach, gebückt, witternd wie ein Hund, der nach Trüffeln sucht, blieb meist nach zwei oder drei Schritten stehen, untersuchte den Boden, hob etwas hoch, wischte daran, ließ es wieder fallen, ging weiter, und so näherte er sich langsam, nach etwa einer Stunde, der Mitte des Feldes, wo ich ihn besser beobachten konnte. Von seiner Schulter hing eine Tasche herab, in der offensichtlich noch nichts war. Bisher war es mir noch unmöglich gewesen zu sehen, was er da aufhob. Aber dann sah ich, dass es Steine waren. Mit Erde bedeckte, unscheinbare Steine. Er wischte sie mit einem Tuch, betrachtete sie eine Weile und ließ sie dann wieder fallen. Wie kann man hier nach besonderen Steinen suchen, dachte ich. Versteinerungen gibt es in Steinbrüchen und nicht in einem Feld, das Jahr für Jahr gepflügt wird. Was sucht er? Und plötzlich merkte ich, dass sich vor mir eine tragische Fotostory abspielte, aus der ich eine große Story machen würde: Ein hervorragender Amateurfotograf, dessen Bilder niemand kaufen will, sucht in einem Acker nach Steinen, die nichts wert sind. Und so schoss ich Bild um Bild, und je näher er meiner Kamera kam, um so besser konnte ich sein Gesicht sehen, in dem sich hoffnungslose Neugier und stille Ohnmacht miteinander verbanden.

 

Schließlich hatte ich genug Bilder. Ich packte meine Kamera und mein Fernrohr weg und kramte meine Brote aus dem Ruckdack, setzte mich und hing meinen Fotostory-Träumen nach. Und da war er plötzlich am Hochsitz und kam die Stufen hoch. Sein Gesicht blieb unter mir. Ich sah die Stirnfalte der Tochter, und ich sah ein listiges Lachen, das sein Gesicht verklärte. „Schöne Geräte!“, sagte er mit Blick auf die Fotoausrüstung. „Von hier aus hab ich den Rehen und Hirschen mit der Kamera aufgelauert.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er kletterte nun ganz zu mir herauf. „Auch auf Fotojagd?“, fragte er und lachte. „Sie waren ja heute wohl vergeblich hier!“ Er nahm seine Tasche und drehte das Innere nach außen. „Nichts zu verzollen. Nichts zu deklarieren. Was sind Sie für einer? Vom Ordnungsamt?“ Er streckte die Hand aus, wir begrüßten uns mit Handschlag. „Ich bin nicht vom Ordnungsamt“, sagte ich. „Ich bin ein Kollege, Fotograf, Berufsfotograf. Ich arbeite für ein illustriertes Magazin.“ – „Kollege? Fotograf? Woher wissen Sie, dass ich gerne fotografiere?“ Ich erzählte ihm von meiner Entdeckung und gratulierte ihm zu seiner Fotografie. – Er war verblüfft. Von der Veröffentlichung hatte er nichts mitbekommen, Geld hatte es für das Bild auch nicht gegeben.

 

Und dann wurde er plötzlich sehr ernst und wollte wissen, was ich wirklich hier mache. Ich wusste keine Antwort. „Sie spionieren mir doch nicht ohne Grund hinterher.“ – „Seit ich Ihr Foto in der Zeitung gesehen habe, interessiere ich mich für Sie.“ Ich erzählte ihm, dass ich bald eine Fotoausstellung in der Deutschen Bank hätte, und da könnte ich vielleicht Bilder von ihm in einer besonderen Ecke präsentieren und seinen Namen als Fotograf bekannt machen. Er schaute mich lange verwundert an. „Wissen Sie was? Machen Sie mich als Archäologe bekannt. Die studierten Archäologen lachen über mich. Wenn ich über den Acker gehe und Steinwerkzeug aus der mittleren Steinzeit finde, sagen die: diese Funde sind wertlos, wenn sie nicht unter archäologischer Aufsicht gefunden worden sind. Ich will aber nicht beaufsichtigt werden. Ich will sehen, was andere nicht sehen, und das gönnen sie mir nicht.“ So öffnete sich mir die Türe zu seinem Haus.

 

Auf seiner Terrasse, unter einem Vordach, hatte er Tücher ausgelegt, auf denen lagen, wie er sagte, Steinwerkzeuge aus der mittleren Steinzeit, und er hatte bei allen Schildchen aufgestellt, die erklärten, wozu diese Steine gebraucht wurden. Er war überglücklich, als ich zu knipsen anfing. „Wenn das in der Deutschen Bank ausgestellt wird, kann keiner mehr sagen, dass die Steine wertlos sind.“ Und dann zeigte er mir Freude strahlend seine Werkstatt im Keller. Da gab es einen Holzbock und, wieder auf einem Tuch, Feuersteine. „Ich kann sie zurechtschlagen, wie sie es in der Steinzeit gemacht haben. Wollen Sie es sehen? Dann holen Sie aber auch ihre Kamera!“

 

Und dann sah ich ihm mit der Kamera zu, wie er Feuersteine teilte und Abschläge fertigte und die Spitzen schärfte. „Fühlen Sie doch mal, wie scharf der ist und wie spitz dieser und was der für eine Schneide hat.“ Er beschlug die Feuersteine mit modernen Werkzeugen, mit Hämmern und Meißeln von unterschiedlicher Größe und immer, wenn er ein Werkstück fertig hatte, musste ich es fotografieren. Dass ich auch während seiner Arbeit fotografierte, störte ihn nicht. „Wenigstens einmal möchte ich bei meiner Arbeit dargestellt werden. Und die Ergebnisse gefallen mir am meisten, schon allein deshalb, weil die Archäologen nicht wissen, wo das her kommt.“ Nachdem er seine Steine beschlagen hatte, brachte er sie nach oben und legte sie auf dem Tuch aus. „Vielleicht können Sie auch Ihre Fotos vom Acker verwenden. Sie zeigen, wie ich einen Stein aufhebe, das haben sie sicher geknipst, und dann zeigen sie einen Stein auf meinem Tuch hier oben und wie ich ihn erkläre. Da wird jedem Archäologen das Wasser im Mund zusammenlaufen.“ – „Und Sie“, sagte ich, „Sie zeigen mir die übrigen Bilder von Babsy. – „O.k. Wenn es sein muss. Aber sie hat es nicht gern, wenn man sie fotografiert. Sie wissen schon.“

 

Als ich wieder zu Hause war, stellte ich meine Fotoshow zusammen. Herr Vogt und die Steine. Wie er sie aufspürt! Wie ein Hund die Trüffeln! Wie er die Steine von der Erde befreit! Ein Bild hatte ich, da sah es so aus, als würde er einen der Steine in seine Tasche tun. Dann die Steinesammlung. Dann die Arbeit im Keller. Da waren mir ein paar besonders gute Fotos gelungen. Wie er sie befühlt, betastet, ihr Alter einschätzt, beschlägt. Als ich sein Haus verließ, fragte ich ihn: „Sagen Sie, können Sie eigentlich die Steine, die echt aus dem 12. Jahrtausend vor Christus stammen, unterscheiden von denen, die Sie geschlagen haben?“ Er lachte. „Natürlich nicht. Was meinen Sie denn, was ich beweisen will? Dass die Steinzeit noch nicht zu Ende ist.“

 

Die Bilder, die er von seine Tochter Babsy, von seiner Tochter Elise und seiner Ehefrau Thea gemacht hatte, waren fast alle normale Amateurfotos. Von ihnen ging nichts Besonderes aus. Nur das Foto von der skeptischen Babsy, das sie in der Zeitung veröffentlicht hatten, war in jeder Hinsicht ein Ausnahmefoto. Und dann gab es noch ein anderes Ausnahmefoto, das hatte ich fotografiert. Wie Heinz Vogel ein Steinwerkzeug, das er selbst geschlagen hat, auf der Terrasse zu den anderen legt. Er schaut nicht in die Kamera. Er hält den Stein in der Handfläche, als könnte ein böser Blick den Stein zerbrechen oder untauglich machen. Er lächelt. Es ist ein scheues, ehrfurchtsvolles Lächeln vor den Wundern der Steinzeit. Ich gestalte die Vogt-Ecke in der Deutschen Bank wie folgt: oben eine riesengroße Reproduktion von Babsy, deren Blick nun halbwegs nach unten, in Richtung der riesengroßen Reproduktion ihres Vaters mit dem Stein geht. Dazwischen die falschen „Beweisfotos“ vom Acker: Wie er einen Stein aufhebt, zärtlich sauber wischt, ihn in der Hand wiegt und ihn genau in Augenschein nimmt. (Das Bild, wie er den Stein wieder wegwirft, habe ich nicht in die Ausstellung genommen. Auch nicht die Bilder, die ihn im Keller bei der Arbeit zeigen.) Dazu ein paar Fotos vom Beginn der Suche: Wie er weit weg, am anderen Rand des Ackers, im Meer der braunen Schollen auftaucht wie ein Schwimmer, der einen Ozean besiegen muss.

 

„Sagen Sie“, frage ich ihn kurz vor Ausstellungsbeginn, „warum laufen Sie denn immer noch über den Acker.“ – „Ich bin Archäologe, verstehen Sie, ich habe meinen ersten Stein auf so einem Acker gefunden, und meine Frau und meine Kinder glauben an mich.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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