Wolfgang Hoor

Eine Freundshaft aus der Not geboren

Er war klein, unscheinbar, hatte das Gesicht voller Sommersprossen, lachte viel und konnte keine Aufsätze schreiben. Sein Vorname war Rudi, aber alle nannten ihn Brill. Das war sein Hausname und das passte zu ihm, denn er trug eine Brille, die mit schweren schwarzen Rändern unförmig in seinem Gesicht saß. Er stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Sankt Wendel, sein Vater arbeitete als Holzarbeiter im Wald und Rudi, ich sprach ihn immer mit seinem Vornamen an, sagte, wenn er wieder eine Fünf in Deutsch bekommen hatte: „Mein Vater versteht auch nicht, warum man Aufsätze schreiben muss.”

 

Außenseiter war er nicht. Man hänselte ihn ein wenig wegen seiner Brille und seiner Figur, aber nicht bös gemeint. Was ihm Ansehen in der Klasse verschaffte, war seine immerwährend gute Laune und dass er sehr gut singen konnte. Er sang alles, was damals im Radio spielte, von „O mein Papa” über „Schwarzbraun ist die Haselnuss” bis „Alles vorbei Tom Duly”, und viele sagten: Er wird ganz bestimmt mal als Sänger Erfolg haben. In der Tertia saß ich neben ihm. Wir waren keine Freunde, aber wir hielten es miteinander aus und halfen uns, so gut es ging. Da ich als guter Aufsatzschreiber in der Klasse bekannt war, wollte er wissen, wie man so etwas macht, aber wirklich helfen konnte ich ihm nicht.

 

In der Mitte des Schuljahres kam ein neuer Schüler in unsere Klasse, Andy Miller. Er war groß, bullig, sehr intelligent. Die Lehrer fürchteten ihn, weil er sehr spitzfindige Fragen stellen konnte, die sie aus dem Konzept brachten. Und wir fürchteten ihn auch, denn er liebte es, sich einen von uns herauszupicken, ihn „vorzuführen” und ihn lächerlich zu machen. Viele mieden ihn, weil sie Furcht vor ihm hatten, aber es gab einige, die jetzt beim Lächerlich-Machen mithalfen und ihn dabei großartig fanden.

 

Den kleinen Brill traf es sehr früh. Andy machte sich lustig über das, was die Klasse bisher an ihm bewundert hatte. Wenn er sang, imitierte er ihn oder er schüttete über den Liedtext seine ätzende Kritik aus und zog damit die Lacher auf seine Seite. Schließlich konnte man Rudi nicht mehr singen hören, ohne sich die Imitation von Andy oder seine giftigen Bemerkungen vorzustellen. Und so wurde Brill nun doch zum Außenseiter. Plötzlich schien alles an ihm lächerlich, seine Brille, seine Sommersprossen, sein kleiner Wuchs, seine altmodischen Kleider, seine schweren hohen Schuhe, die er auch im Sommer trug, und seine Hefte und Bücher, die immer Wasserflecken hatten. Die hielt Andy eines Tages triumphierend vor der Klasse hoch, und seitdem war Rudi der Schmuddelfink. Am nächsten Tag fehlte er, und dann fehlte er die ganze Woche. Als er wiederkam, war er nicht wiederzuerkennen. Er sang nicht mehr, er lachte nicht mehr, er lief weg, wenn man ihn in irgendetwas einbeziehen wollte. Und Andy ließ von ihm ab.

 

Als nächstes Opfer suchte Andy mich aus. Wieder setzte er bei meiner vermeintlichen Stärke an. Meine Aufsätze wurden oft vom Lehrer als Modelle vorgelesen. Zucksüß bat mich Andy einmal, ihm mein Arbeitsheft auszuleihen, er wolle meine so gut benoteten Arbeiten noch einmal nachlesen, man könne sicher etwas daraus lernen. Und dann las er sie laut vor, aber anders als der Lehrer. Er las sie satirisch vor, und die pathetischen Stellen, die es bei mir immer gab, las er so übertrieben vor, dass jeder, auch ich, den Eindruck gewinnen musste, ich hätte eigentlich nur Schwachsinn geschrieben. Und als dann mein Deutschlehrer auch meine nächste Klassenarbeit vorlas, unter der eine gute Zwei stand, hörte ich hinter der Stimme des Lehrers die Stimme von Andy. Ich wurde rot, weil ich mich schämte. Die Klasse kicherte. Der Lehrer sah überrascht auf, las dann, als er keinen Übeltäter entdecken konnte, weiter vor und konnte nicht verhindern, dass immer wieder gelacht wurde. Schließlich legte er das Arbeitsheft beiseite und sagte in seiner unerschütterlichen Art, wir dummen Jungen hätten es gar nicht verdient, dass wir Beispiele vorgestellt bekämen. Und schließlich fand Andy in meinem Ranzen, den er während einer Pause heimlich durchsucht hatte, eine hochpathetische Gedichtsammlung von Stefan Zweig, aus der er auf seine hinterhältige Art ein paar Auszüge vorlas, die mich vollends lächerlich machten. Danach ließ er mich in Ruhe, genauso, wie er es bei Rudi gemacht hatte.

 

Rudi verstand sofort, was mit mir geschehen war. Er gesellte sich auf dem Schulhof zu mir. „Du kannst echt gute Aufsätze schreiben!”, sagte Rudi. „Ich weiß gar nicht, was der Andy hat.” – „Und du kannst gut singen.” Viel mehr sagten wir uns nicht. Wir trotteten noch ein bisschen über den Schulhof, schwiegen und gingen unseren eigenen trüben Gedanken nach. So blieben wir bis zur Mitte des Schuljahres die Außenseiter. Dann verschwand Andy wieder. Sein Vater war bei der Bundeswehr, Andy zog sehr oft mit ihm um. Und allmählich verflüchtigte sich der Rauch, den Andy hatte aufsteigen lassen. Beim nächsten Klassenausflug sang Rudi wieder. Einige, die sich unter Andy stark gefühlt hatten, riefen „Aufhören“, aber andere antworteten „Lass ihn doch“, und dann wünschte sich unser Klassenlehrer ein Lied, eins, das er ewig nicht mehr gehört hatte, und das kannte und konnte Rudi und dafür gab es großen Beifall. Und meinen nächsten Aufsatz las der Deutschlehrer wieder vor, und da konnte sich schon fast niemand mehr daran erinnern, warum meine Aufsätze in Armins Mund so lächerlich geklungen hatten.

 

Rudi und ich verstanden aber, dass unser Ansehen auf einem schwankenden Boden stand und dass wir vielleicht nicht lange warten müssten, bis ein neuer Andy käme und dass wir einander bräuchten, um einen neuen Angriff auf das, was uns ausmachte, zu überstehen. So sind wir beiden, die wir sehr verschieden waren, zu Freunden geworden.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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