Wolfgang Hoor

Eine rührende Geschichte

Diese Geschichte spielt in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals war es noch normal, dass Kinder und Jugendliche zur Strafe den Hintern versohlt bekamen.

Ich, Robby, war 13, fühlte mich in Heimtal wohl, hatte Freunde, mit denen ich Sport trieb, Mädchen erschreckte, mich in dunklen Ecken rumdrückte und die Heftchen in mich einsaugte, die es über nackte Männer und Frauen gab. Es gab mehrere Heftchenreihen, und was ich mir nicht besorgen konnte, das besorgten mir meine Freunde.

Aber abends kam die Zeit der Reue. Ich wusste: meine Seele war so schwarz wie die Nacht, und sie rief um Hilfe, sie heulte, bettelte, dass man sie nicht in die Hölle, in das ewige Grauen werfe möge. Dann kam ein Bote des Himmels, zog meine Seele vor sein Gericht, verkündete ihr eine harte Strafe, durch die sie dem ewigen Feuer entkommen könnte, und dann zog der Bote mir die Schlafanzughose vom Leib, und seine Hand war mit einem Holzlineal bewaffnet. Weil auf der gleichen Etage wie ich meine Mutter und meine Schwester schliefen, mochte der Bote des Himmels dann aber doch nicht hauen, das Dunkel der Seele wurde nicht ausgeglüht, die Seele wurde nicht rein, der Hintern wurde nicht rot, es gab keine Vergebung und keine Erlösung. Ich musste mit meiner Seele, so schwarz wie die Nacht, weiter leben und blieb mit ihr allein.

Wenn Ich so mit mir allein war, ging ich oft hinunter zu meinem Vater, der nicht selten vor dem Fernseher saß, eine Flasche Wein auf dem Beistelltisch hatte und eingeschlafen war. Wenn ich ihn dann weckte, fühlte er sich in seiner Ehre gekränkt, behauptete, er habe keinen Augenblick geschlafen. Ich widersprach ihm, was ihn in Wut versetzt. Dann raffte er sich auf, um mich zu bestrafen, versuchte mich übers Knie zu legen, was ihm aber in seiner Verschlafenheit nie gelang, und dann fühlte ich mich wieder als der Junge, der mit seinen Freunden die Mädchen erschreckte und allen Strafen entkam, und ich war glücklich, dass ich nicht eine schwarze Seele, sondern ein normaler Junge war.

An einem lausigen Septemberabend hatte der Bote des Himmels wieder einmal versagt. Das Lineal hatte nur einmal getroffen, eine Stimme aus Mamas Zimmer hatte gerufen: „Was ist denn los da drüben?" Und dabei war es ein besonders widerwärtiger Tag gewesen. Ich hatte am Morgen aus Mamas Geldbeutel einen Zehner geklaut, um mir die neuste Ausgabe des Playboy kaufen zu lassen. Die war jetzt in der Schultasche und den ganzen Tag saß ich wie auf glühenden Kohlen, denn meine Schwester Mia spitzelt immer mal wieder in die Tasche hinein, ob sie da nicht einen mangelhaften Test oder sonst etwas Diskriminierendes entdecken könnte. Vielleicht hatte sie die Zeitschrift auch schon entdeckt und hob sich meine Entlarvung für später auf. Es war nicht zum Aushalten. Also ging ich ins Wohnzimmer. Papa saß wie üblich auf der Couch. Er hatte heute keine Flasche Wein vor sich und er schlief auch nicht. Wahrscheinlich hatte er sein Nickerchen schon hinter sich. Er stellte sofort den Fernseher aus, als ich mich neben ihn setzte. Statt wie sonst zu sagen "Was soll das denn jetzt schon wieder", zog er mich nahe an sich heran und spielte mit seinen Fingern in meinen Haaren. So gefühlvoll hatte ich ihn eigentlich nur selten erlebt. Was war mit ihm los?

Mein Vater war offensichtlich immer noch von dem Film gefangen, den er im Fernsehen gesehen hatte. „Ein schrecklicher Film", erzählte er. „Da ist ein Mädchen in einen Brunnen gefallen und alle Welt bemüht sich, es zu retten, und da hat sich zur gleichen Zeit in einem anderen Teil Amerikas ein Vater seinen Sohn zurechtgelegt, um ihn zu verprügeln, und ist vielleicht schon beim 20. Schlag auf die stramm gezogene Hose. In diesem Augenblick gibt es im Film eine Sondermeldung, dass die Rettung des Kindes misslungen sei, und da bricht der Vater im Film sofort die Züchtigung seines Sohnes ab und Tränen strömen über seine Wangen. Schließlich kommt die Meldung vom Tod des verunglückten Mädchens.“ Jetzt weinte mein Vater vor dem Bildschirm auch. Er knipste den Fernseher aus, zog mich an seine Brust und liebkoste und küsste mich, wie er das noch nie getan hatte. Ich hörte ihn laut stöhnen, während er mich wie den Jungen in dem Film behandelte.

So lagen wir einander lange lange in den Armen. Da fiel mir ein, dass wir im Fernsehen vielleicht noch mehr über das Ende der Geschichte erfahren könnten. Ich knipste den Fernseher wieder an. Und da erlebten wir den Schluss des Geschichte. Man sah den Brunnen, an dem sie nach dem verunglückten Mädchen gesucht hatten, und mit einem großen Tuch wurde ein Etwas hochgezogen, das man zunächst nicht erkennen konnte, bis sich endlich über den Rand des Tuchs ein Haarschopf und zwei schöne blaue Augen erhoben. „Die Meldung vom Tod des verunglückten Mädchens war voreilig. Das Mädchen ist gerettet worden", sagte eine Stimme und dann kamen sie von allen Seiten zu dem Brunnen und zogen das Mädchen aus dem Tuch und jubelten und tanzten, dass man am liebsten mitgetanzt hätte.

Sofort drückte mich Papa so heftig an sich, dass ich kaum atmen konnte. „Anders hätte es auch niemals ausgehen dürfen", rief mein Vater. „Man macht keinen Film, in dem ein kleines Mädchen umkommt.“ Wieder gab es eine lange tränenreiche Umarmung, diesmal von mir eingeleitet. Meine arme schwarze Seele fühlte sich weißgewaschen von einem so noch nie erlebten Tod und einer so noch nie erlebten Auferstehung., fast wie in der Bibel.

„Ich danke dir", seufzte ich. Es war einer der schönsten Abende meines Lebens. Etwas erzählte ich meinen Papa natürlich nicht: Dass die gerettete Kleine hoffentlich bald in den Heften abgebildet würde, die ich Woche für Woche verschlang, vielleicht nicht ganz ohne Kleidung, das gehörte sich in diesem Fall natürlich nicht, aber immerhin doch so, dass der hübsche Körper ordentlich durch die hauchzarten Kleider durchscheinen würde.

Mia hat wie erwartet den Playboy in meiner Schultasche entdeckt und trotzdem nichts unternommen: Sie hat mich nicht verpetzt und mich auch nicht selbst versohlt, wie sie das manchmal tat. Aber dafür musste ich ihr den Playboy für drei lange Abende ausleihen.

 

Ich vermisse in der Liste der Begriffe, die man zur Charakterisierung seiner Geschichte auswählen kann, das Wort "Pubertät". Meine Geschichte beschreibt typische Vorstellungen von Pubertierenden, selbst wenn sie in den 50iger Jahren anders waren als heute. Da meine Pubertät auf die 50iger Jahre zurückgeht, glaube ich ein bisschen was davon zu verstehen. Was der Vater im Fernsehen sieht, ist der Film vo Woody Allen "Radio Days"Wolfgang Hoor, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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