Francois Loeb

Der Jongleur

Voller Bewunderung beobachte ich den jungen Mann mit dem pomadierten Haar, mit einem überkorrekt mit dem Lineal gezogenen Mittelscheitel, der vor dem Kaufhaus steht und jongliert. Nicht etwa mit Bällen. Auch nicht mit Gläsern, nein er hält zwei Handys in der Hand. Wirft diese nicht in die Luft. Starrt diese nur über sieben Minuten an. Schweißtropfen kullern von seiner Stirn. Wusste gar nicht, dass anstarren so anstrengend sein kann, denke ich für mich. Und da legt er beide iPhones in den Korb der am Boden vor ihm liegt. Verbeugt sich Beifall heischend vor mir und einem Hund, der am ziselierten Hacken der Eingangstüre des Kaufhauses angebunden ungeduldig auf seine Meisterin oder seinen Meister wartet. Mitleid ergriffen, nein nicht für das Tier, für den Jongleur, klatsche ich meine Hände zwei Mal fest zusammen, so dass ein leiser Laut entsteht der vom um mich herumbrausenden Straßenverkehr gleich aufgesogen wird.

Mit gesenktem Kopf kommt jetzt der Jongleur auf mich zu, hält einen alten Hut ohne Boden in der Hand, bittet mit gesenkter Stimme um eine milde Gabe. Streckt den alten Hut zu mir hin. Erneut tut mir der junge Mensch leid. Nehme eine Münze, werfe diese in den Hut, doch scheppert die Münze durch den Hut auf die Straße. Der Jongleur bedankt sich artig ohne nach der Münze am Boden zu greifen. Stellt sich in die alte Position, hält beide Handys in der Hand starrt erneut auf diese. Ein geistig Gestörter denke ich. Bücke mich. Hebe die Münze auf. Werfe, als die Augenstarr‐Performance wieder beendet ist, und er mit gesenktem Blick zu mir schreitet, die Münze in den Hut ohne Boden. Zu fünf Malen wiederholt sich die Szene als wäre ich in einem Slapstick‐Film. Nach jedem Münzenwurf klaube ich meine milde Gabe vom Boden auf.

Kurz darauf gesellt sich eine alte Dame zu mir. Erläutert mir, dass es sich beim Handyjongleur um ihren Sohn handelt, der versuche die Worte seiner Liebsten, die ihn verlassen hat, erneut einzufangen. Er jongliere seit Jahren mit Worten. Mit der Liebe. Hoffe auf eine gute Wendung. Bei jeder Münze die zu Boden falle denke er sich Kopf oder Zahl aus und dass, wenn er richtig rate das Schicksal sich wenden lassen würde ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.11.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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